5.

22. Januar 1915.

Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt, allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine, wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren, als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen ist.

Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens; unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die — das mag zu seiner Entschuldigung gesagt sein — auch nur in der Morgenröte großer Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn, wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg.

Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an gerechtem Gewissen, verliert ihr ScheinbildjedeBeziehung zum Bilde der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen Negation, dieà la modeeinen vergnüglich mundenden Kaviar für das Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden.

Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte — einen Mann, den wir immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten — wenigstens bis zu jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten. Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet, sieht erganzanders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger Karikaturtype beobachtete.

Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet, wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel, noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche. Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert — wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches. Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte. Übrigens — damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch heute noch und kann Wege zeigen. —

Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »Il est parti!« — zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine drolligen Kapriolen.

Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen — wobei das deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die stählernen Federn aufzieht.

Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers — und unter den Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren vonLudwig Thoma. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich mich und werde ruhig.«

Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit, auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die Worte:

»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird! Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert, begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wirwerdenes überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen, doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern auchhinterder Front undzwischenden Kämpfen, dann wird man ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße geduldig.«

Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte — in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht!

— (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese Lieder untereuerenFensternauch, fast täglich! Das klingt auch in der Heimat schön — und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig — man kann es nicht sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir — aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben nimmer sehe.) —

— — Laßt mich wieder erzählen!

Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden Offiziere.

Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle sagen: »Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.«

Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen.

Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort. Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft.

Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser: »Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei stärksten Pferde um den Sieg — haben Sie es da schon einmal gesehen, daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei Kräften ist?« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »Nun? Warum schlägt dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden Gaul?«

Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten werden muß:

»Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist. England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen, so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde Kraft, die sich die Welt erschließen wird!«

Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes.

Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen.

Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten — es waren außer dem Großadmiral vonTirpitzals Gäste noch zwei Offiziere da, von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war — dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine darf ich sagen:Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht, da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!

24. Januar 1915.

Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen. Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie vergessen!

Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß, in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten; nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung — ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind.

Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber, nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen. Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer, die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir es hingaben.

Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde. So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers, des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse, sogar die Stubendecke — alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen Namenszügen!

Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre dochwiederKrieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb' ich nimmer!«

Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus.

Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr Sonderbares — es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen, bevor die erste deutsche Granate kam — noch heute liegen an vielen Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen.

Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen, Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und den schweren Fuß in die Luft gehoben.

Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser leblose Trümmerhaufen — wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben.

Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin, und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen. Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim, bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet, meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit.

Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist, einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans — dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm: »Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« — »Von Hoadhausen!« — »Und wie geht's immer?« — »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« — »Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« — Er sieht mich an, als hätte ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, dasand' Leut a so. I woaß net, warum?« — Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld und aufgeregt sind nur wir zu Hause. — »I woaß net, warum?« sagte der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier Tage im Schützengraben stehen muß.OhneRegenschirm! Gäb' es einen, der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und fürallefallenden Tropfen würde derauchnicht helfen!

Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.

Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit! Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.

Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör' ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter: »Was ist denn das?«

Er brummt: »Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird! Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag, Gott sei Dank!«

Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« — Noch am gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »DerOhlala!« Und noch einen anderen haben sie: »DerTuhlömong!« Wo die feindlichen Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das französisch Kommando hören: »Tout le monde, en avant!« — Das Ganze vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!«

Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben, oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn geflüstert und geknirscht werden! — Bei uns daheim ist es anders! Da ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz, gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! — Aber unsere nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer? — Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?«

Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging' es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter hört!

Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«, obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat Geheimnisse — man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs gute Armee nichtsogut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten nochvielgeduldiger sein, als wir jetzt schon —nichtsind!

Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die Wolken huschen. — Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? — So sieht die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen melden: »Nichts Neues!« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. —

Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der deutschen Robustheit.

Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude durchglüht.

Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf — wie das Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen; Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt; und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen, sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus. Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt, damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden müssen für Heil und Schutz der Heimat.

Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist nicht Stimmungsmache! Das istwenigerals die wundervolle Wahrheit, die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen zu sehen bekomme.

Es sind Mannschaften desMünchener Leibregiments, die nach der Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben. Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe klatschenden Zeug an mir vorüber — und weil ihnen ein hoher Offizier begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen allmählich ersäuft und verschwindet.

So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber man fühlt es, daß sie denken: »Ihr seid die Sieger!«

Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen, und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um Gottes willen, die Leute haben doch nur dieeine Uniform, wie werden sie denn wieder trocken und sauber?«

Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders. Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei' Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen, muß i's haltsomachen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke gehabt haben wie jetzt.« —

Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu helfen.

27. Januar 1915.

Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne. Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle — wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« — die Wacht am Rhein intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und inbrünstiges Gebet.

Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen. Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«

Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte. Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke. Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps, General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland, Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still davon, der Platz wurde finster.

Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß: was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen, haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vormir! Sie glaubt nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben zog.

Michsangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in einen festen und ruhigen Schlaf. —

Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in Deutschland?

Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie, wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!

Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wirglaubenim besten Falle an den Sieg — hier im Feldewissensie alle: wir siegen. Aber eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!

Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?

Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.

Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe derSomme. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm. Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser Brücke infünf Tagenüberwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen entstanden!

Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark, ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen Schlafschachteln — ich finde keinen anderen Ausdruck — die Hälfte der Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke. Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen — die ziehen famos — nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.

Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten — das Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »Was ist da los?« Nichts zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!« Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den fernen Hall des feindlichen Geschützes.

Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters, und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie nicht finden. Gott sei Dank!

Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde schweigen auch die französischen Geschütze.

Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück. Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von unseren berühmtenFeldküchendampft und sehr einladend duftet. Zum Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat, kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt sollichdie deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen, aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem französischen Schleppschiff abgenommen wurde. — (Ganz wundervoll ist das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann.Washier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) — Über dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen, lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.

Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem Kaliber — die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen. Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.

Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.

Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch? Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter. Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht, an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne. Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr. Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen, die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man plaudert und lacht — und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer, gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken möchte.

Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. — »Aber«, sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet, die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln züchten! Die eß ich gerne.«

Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. — (Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog, hatte er keinen Stiefel mehr, nur nocheinenSocken.)

Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die Schießstätte des Münchner Oktoberfestes.

Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm- und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame Ornamentlinien — und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel. In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar, ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig! Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«

Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen sind auch die Raben ausgeblieben.

Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer; noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen, Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme, grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die Hirnschale ist völlig zertrümmert — dieser Franzose hatte das Unglück, einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.

Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist es.

Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken! Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann zu klagen? — Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig schweigen.

Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen, nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen einen Stahlschild.

Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich angehaucht.

30. Januar 1915.

Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis in den Hals herauf.

Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben, klumpigen Lehmbehang.

Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind.

Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und Sickerwasser versitzen kann.

Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat, schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift.

Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können; Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt; der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden, sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner, urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten — alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von den Griffen der lehmigen Hände.

In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter; jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen Kartengruß, der in die Heimat wandern soll.

Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte, schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum, zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!«

Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte. Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue und seine Soldatenpflicht — das ist seine Welt. Was anderes gibt es nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der Unseren. Wer will uns besiegen?

Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen, ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß. Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.«

Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden. Immer brennt die Frage in mir: »Was hatderda als Soldat geleistet, wasichals Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße, schmerzende Scham ist in mir.

Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen Speckschwarte herunter und schmaust.

Ich frage: »Schmeckt es?«

Da nickt er lachend: »Ah ja! A bißl ebbes darf man sich schon vergunnen. Wer weiß, wie lang 's dauert?«

Jetzt hör' ich plötzlich die Schüsse wieder, höre das Pfeifen der Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen wütenden Fluch: »Himi Herrgott Kreizteifi überanand!« Erschrocken springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer Schießscharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. »Was ist denn,« frage ich, »sind Sie verwundet?«

»I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schießt allerweil einer außi. Und dös Luder kann i net derwischen. Allweil pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.«

Ich gucke neben dem Mann durch die Schießscharte hinaus und ins Tal hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein Bild in hölzernem Rahmen: ein Stück Talgelände, die Erdwälle des französischen Schützengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb in Schutt geschossenes, tot und öde liegendes Dorf mit umgestürztem Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heißt, scheint erloschen da drunten. Aber Schüsse knallen, bald hier, bald dort; man sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, weiß nicht, woher die pfeifenden Vögelchen kommen. Jetzt entdecke ich den »roten Stadel«; es ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes Schießloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in Wirklichkeit mag es so groß sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehört dazu, um über solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen, aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind.

»Wart', Brüderl,« sagt der Rotbärtige, noch mit heißem Zorn in der Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des Stahlschildes hinaus, »jetzt wird amal aufpaßt, urdentli!«

Drunten knallt es, der französische Vogel pfeift, und über unseren Köpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach rückwärts, drehe mich um dabei — und muß herzlich lachen. Neben einem Gängelchen, das seitwärts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine Holztafel hängen mit der Inschrift: »Zur Latrine und zur Kochstelle! Bitte nicht verwechseln!«

Solcher Heiterkeiten sind im Schützengraben neben der schlummerlosen Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben dem Türchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat, steht angeschrieben: »Villa Granateneck«. Dieser Bezeichnung ist noch das lyrische Motto beigefügt: »Im tiefen Keller sitz' ich hier!« Und eine steil nach abwärts führende Stelle des Schützengrabens, die dem feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit Erde überdeckt wurde, trägt die Inschrift: »Nordfranzösische Rodelbahn«.

Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster Pflichterfüllung strömen.

Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden, höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes. Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige, Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wiralledaheim so bis zum letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns, sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge und kein Opfer unseres Lebens! —

Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde, das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte, überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas Schützendes und Hilfreiches zu mir redet.

Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer Weile: »Es wird Abend. Irgendwomüssenwir umkehren. Das geht ja hier so weiter bis nach Ostende.«

Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen, schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens heraus — einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig, als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich — gar manche ist darunter, die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?«

Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele Monate dauern.«

Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!«

An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden. Eine sehr ernste.

»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt: daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis halbert zur Grattl auffi?«

Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.«

Einer sagt: »Dö solltenunsanschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s' vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!« Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich bezeichnete — von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche Volkswort.

Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert, ganz unbeweglich.

Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf. Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und Hoffnungsvolles ist mir im Herzen.

Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No also! Endli amal!«

Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um einen.

Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden Rübenfelder.

Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie nicht finden.

Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie kann ich nützen?«

Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß. Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes. Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen.


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