[6]Gambetta war auf einem Auge blind.
[6]Gambetta war auf einem Auge blind.
[6]Gambetta war auf einem Auge blind.
Diese Worte machten sichtlichen Eindruck. Wieder dehntesich mein Mann zu seiner ganzen Massenhaftigkeit aus und rief, die Hand ausstreckend:
»Ich bin wieder ich selbst! Man gebe mir das tödliche Geschoß!«
Ich legte es in die weite Innenfläche dieser fleischigen Riesenhand, welche bestimmt war, einst die Zügel der republikanischen Regierung Frankreichs zu führen. Er bückte sich darüber hin und schauderte.
»Ach,« murmelte er, »mein Freund, es ist nicht der Tod, den ich fürchte, sondern die Verstümmlung!«
Aufs neue sprach ich ihm Mut ein und wieder mit solchem Erfolg, daß er in die Worte ausbrach:
»So beginne denn die Tragödie! Stellen Sie sich hinter mich und stemmen Sie sich gegen meinen Rücken. Der Boden ist hier von dem feuchten Wetter so schlüpfrig, und wir stehen beide zusammen ungleich fester in einer so feierlichen Stunde der Geschichte Frankreichs, mein Freund!«
Ich sagte ihm dies zu, dann richtete ich seinen Arm mit der erhobenen Pistole auf die Stelle im Nebel, wo ich unsern Gegner vermutete. Ich ermahnte ihn, genau auf das Hallo-Hoh des Gegensekundanten zu hören und die Richtung seiner Pistole danach zu verändern, wenn es nicht von der Stelle käme, wo wir hinhielten. Hierauf trat ich hinter ihn, stemmte mich mit aller Kraft gegen seinen gigantischen Rücken und stieß mein verabredetes Hallo-Hoh aus. Es wurde prompt von irgend woher im Nebel beantwortet, und nun klang das Kommando:
»Eins – zwei – drei – Feuer!«
Zwei Detonationen, welche genau so klangen, als habe einer unsrer amerikanischen Hinterwäldler zweimal hintereinander seinen Tabakssaft auf einen glühenden Ofen geschleudert, verloren sich im Nebel, und gleich danach brach Herr Gambetta mit solcher Wucht zusammen und über mich herein, daß mir Hören, Sehenund Atmen verging. Begraben und regungslos, wie ich lag, hörte ich nur, wie sich aus dem über mir zusammengeballten Fleischberg unverständliche Töne hervorarbeiteten, welche endlich bestimmter wurden und schließlich wie die Worte klangen: »Ich sterbe – ich sterbe für das – zum Teufel, wo ist mein Notizbuch? ich – sterbe – ja für was nur? – für Frankreich – Frankreich, so ist’s! – ich sterbe, damit Frankreich lebe!«
Im nächsten Augenblick umschwärmte uns eine ganze Wolke von Aerzten und Totengräbern, von denen die ersteren mit zahllosen Händen, Instrumenten und Augengläsern Herrn Gambettas ganze Oberfläche abjagten, um die Wunde zu finden, welcher Frankreich das Leben verdanken sollte. Nur zu bald überzeugten sie sich, daß nichts Derartiges vorhanden war, und nachdem man mich unter meiner lebenden Last hervorgezogen und diese auf ihre beiden Beine gestellt, folgte eine Scene, deren Schilderungeiner andern Dichterkraft würdig ist, als sie meiner schwachen und überdies etwas pessimistischen Feder innewohnt.
Die beiden Duellanten fielen sich unter einer Flut von Thränen des Stolzes und der Freude um die Hälse. Der andre Sekundant hatte keine Augen und kein Erbarmen für meinen Zustand und umarmte mich gleichfalls. Die Aerzte, die Totengräber, die Leichenredner, die Polizisten, das ganze Publikum – alles umarmte sich, und ein Jubel erfüllte den Nebel, daß selbst dieser gerührt wurde, sich verzog und die Sonne auf das herrliche Schauspiel, dessen tragischere Hälfte er ihr so wohlmeinend entzogen hatte, ungehindert herabblicken ließ.
Obgleich ich eine Empfindung hatte, als ob während der kurz vorhergegangenen Minuten alle Rippen und Knochen meines Leibes gebrochen worden seien, konnte ich doch den beseligenden Gedanken nicht unterdrücken, daß es schöner sein müsse, der Held eines französischen Duells zu sein, als selbst ein gekrönter und bescepterter Monarch.
Nachdem die allgemeine Aufregung ein wenig nachgelassen hatte, hielten die anwesenden Aerzte eine Massenversammlung ab, deren Zweck eine Konsultation über die Verletzungen war, welche ich erlitten hatte. Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem Schluß, daß dieselben bei guter Pflege und gewissenhafter Behandlung nicht unbedingt tödlich seien. Am ernstlichsten waren die inneren Beschädigungen, welche ich davongetragen hatte, was sich freilich erst herausstellte, als ich nach Paris zurückgekehrt war und meinen eigenen Arzt hatte rufen lassen, welcher die Entdeckung machte, daß eine von den drei gebrochenen Rippen meinen linken Lungenflügel durchbohrt habe, während von meinen übrigen Organen mehrere unter dem Drucke sich verschoben hätten, so daß es sehr zweifelhaft sei, ob sie jemals lernen würden, ihre natürlichen Funktionen an so ungewohnten Stellen auszuüben. Auf dem Duellplatz selbst hatte man sich begnügt, mir den anzwei Stellen gebrochenen rechten Arm in einen Notverband zu legen, das verrenkte linke Knie wieder einzurichten, und die aus meiner Nase schießenden Blutströme, von denen auch mein Gegensekundant bei seiner Umarmung auf das reichlichste profitiert hatte, zu stillen. Obgleich mir dabei einigemale das Bewußtsein verging, fühlte ich mich doch unwillkürlich durch das allgemeine Interesse, welches ich einflößte, gerührt, und das stolze Bewußtsein, der erste und einzige Mann zu sein, welcher seit Jahren bei einem französischen Duell ordentlich verwundet worden war, gab mir Kräfte, alle Schmerzen siegreich zu überstehen.
Seitdem gehe ich langsam der Genesung entgegen, obgleich ich noch heute nicht so weit bin, diese harmlosen, aber wahrhaften Aufzeichnungen niederzuschreiben. Ich muß sie diktieren. Im übrigen bin ich von Aufmerksamkeiten erdrückt worden. Selbstredend ist das Kreuz der Ehrenlegion nicht ausgeblieben; – wer entgeht demselben im derzeitigen republikanischen Frankreich?
Und doch habe ich mir eine Lehre aus meinem Anteil an dem großen Gambetta-Fourtou-Duell gezogen. Ich werde nie zurückschrecken,voreinem französischen Duellanten zu stehen, –hintereinen aber soll mich keine Gewalt der Erde mehr bekommen!