Viertes Kapitel.Verheiratung.

Viertes Kapitel.Verheiratung.

Unter den Passagieren des Dampfers ›Quaker City‹, mit welchem Mark Twain diese denkwürdige Fahrt nach Europa unternahm, befand sich auch die Familie des Richters Langdon aus Elmira im Staate New York.

Ein Sohn des Richters wird uns unter dem Namen ›Dan‹ in den ›Harmlosen auf Reisen‹ vorgestellt, seine Tochter Lizzie aber, eine hübsche, talentvolle junge Dame, die damals etwas leidend war, machte einen tiefen Eindruck auf das Herz des Humoristen.

Die Nähe von Elmira mag wohl Mark Twain bestimmt haben, sich um eine Redakteurstelle in Buffalo zu bewerben, wenigstens finden wir ihn gegen Ende des Jahres 1869 dort an der Zeitung ›Expreß‹ beschäftigt. Bei gelegentlichen Besuchen in Elmira erneuerte er die Bekanntschaft mit Fräulein Langdon. Daß die junge Dame sehr wohlhabend war und in den angesehensten Verhältnissen lebte, auch ihr Vater ihn keineswegs begünstigte, wußte der schüchterne Liebhaber nur zu wohl.

Endlich faßte er sich ein Herz und hielt um ihre Hand an, ward aber zu seinem großen Leidwesen von dem Fräulein abgewiesen.

»Mir war es selbst höchst zweifelhaft, ob Sie mich nehmenwürden,« bemerkte er kleinlaut, »aber versuchen wollte ich’s doch wenigstens.«

Nach einiger Zeit wiederholte er seinen Antrag, jedoch ohne besseren Erfolg. »Wissen Sie,« sagte er in seiner wohlbekannten, schleppenden Redeweise, »ich habe eine weit höhere Meinung von Ihnen, als wenn Sie ›ja‹ gesagt hätten – aber hart ist’s doch.« – Bei der dritten Anfrage hatte er endlich mehr Glück, aber nun galt es noch das schwierigste Werk zu vollbringen, nämlich den Vater zu erobern.

»Herr Richter,« redete er den stolzen Millionär an, »haben Sie wohl bemerkt, daß zwischen mir und Fräulein Lizzie etwas im Werke ist?«

Der alte Herr, der nicht begriff, was Clemens wollte, betrachtete ihn mit strenger Miene:

»Durchaus nicht, nein, ich habe nichts bemerkt, wovon reden Sie denn?«

»Nun geben Sie acht, dann werden Sie es schon sehen.«

Das that Herr Langdon denn auch und nachher, als ihm die Augen aufgegangen waren, ließ er den feurigen Verehrer seiner Tochter eines Tages in sein Privatzimmer kommen.

»Herr Clemens,« sagte er, »ich bin jetzt über den Zweck Ihrer Besuche in meinem Hause nicht mehr im unklaren. Die Sache ist von großer Wichtigkeit für mich und die meinigen, denn das Wohl meiner Tochter liegt mir sehr am Herzen. Bevor ich Ihnen also gestatten kann, sich um ihre Hand zu bewerben, möchte ich etwas genauer über Ihr früheres Leben unterrichtet sein. Ich muß Sie daher bitten, mir die Namen Ihrer Freunde in Kalifornien zu nennen, von denen ich Näheres über Sie erfahren kann.«

Mark Twain mußte sich wohl oder übel dem Verlangen des besorgten Vaters fügen. Wie vorauszusehen war, erhielt Herr Langdon auf seine nun angestellten Erkundigungen manchen ungünstigenBescheid; besonders wurde die Möglichkeit, daß Clemens je ein guter Ehegatte werden könne, stark in Zweifel gezogen. Im Beisein der Liebenden las der Schwiegervaterin spedie eingelaufenen Briefe laut vor und es entstand eine peinliche Stille. Seine Verlobte machte der Verlegenheit jedoch ein Ende; sie schob die Papiere beiseite und sagte: »Wir wollen unser Heil doch zusammen versuchen – trotz alledem.«

So wurde denn die Hochzeit im Langdonschen Hause in Elmira gefeiert.

Die folgende Episode müssen wir von Mark Twain selbst erzählen lassen:

»Da wir eine Wohnung brauchten, ich mich aber mit diesen irdischen Dingen nicht befassen wollte, so hatte ich meinen Schwiegerpapa ein paar Wochen vorher gebeten, mir in Buffalo eine Wohnung nach seinem Geschmack zu besorgen. Er schmunzelte und nach einigen Tagen sagte er mir, er habe gefunden, was ihm passend scheine; ob ich’s mir ansehen wolle.»Ach wozu?« gab ich zur Antwort; »wenn du’s gesehen hast, und dir paßt es, brauche ich’s nicht zu sehen, denn mir paßt es gewiß.« Und damit war die Sache abgethan.Am Tage der Hochzeit, ziemlich spät abends, stand ich vom Tische auf und meinte:»Na, nun ist’s aber Zeit! Schwiegerväterchen, wo wohnen wir denn eigentlich?«»Das will ich euch gleich zeigen, Kinder, fahren wir ’mal hin.« Und die Freunde, die unsere Hochzeit mit gefeiert hatten, riefenunisono:»Wir begleiten euch, wir begleiten euch alle.«»Na, schön,« sagte ich, »wenn ihr nur dann macht, daß ihr bald fortkommt!« Dann packte ich mein Weibchen zusammen, hob sie, ehe sie sich dessen versah, auf, und trug sie, die anderenjubelnd und lachend hintendrein, auf meinen Armen die Treppe hinunter.Unten vor dem Hause standen Wagen; ich, mein Weibchen, mein Schwiegerpapa und Bob Raleigh in den einen, die anderen in die anderen und – hui, ging es dem neuen Heime zu.Wir fuhren und fuhren und fuhren. Ich merkte nichts; ich hatte mit meinem Weibchen zu thun. Endlich aber, bei Gott, dauerte es mir doch zu lange.»Zum Teufel, Papa,« rief ich, »sind wir denn noch nicht dort?«»Bald, mein Junge, bald,« und er lachte ganz merkwürdig.Dieses ›bald‹ aber dauerte mir ewig.»Papa,« sagte ich, »ich hatte nicht geglaubt, daß du unsere Wohnung auf dem Lande nehmen würdest. In Buffalo wäre ja doch wahrhaftig auch noch ’was zu finden gewesen.«Er aber lachte nur.»Gleich sind wir da,« sagte er, beugte sich zum Fenster hinaus, sagte dem Kutscher irgend etwas und der Wagen hielt an.Wir stiegen aus. Die Wirtin Frau Johnson kam uns entgegen und führte uns in die für uns gemietete Wohnung. Ich sah mir alles mit einem Blicke an und wurde ganz verteufelt verzagt dabei.»Höre Pa …« sagte ich und nahm meinen Schwiegervater beiseite. »Bei dir ist’s wohl nicht richtig, daß du solch ’ne Wohnung für mich nimmst.«»Weshalb, mein Junge?« fragte er und machte das ehrlichste Spitzbubengesicht von der Welt.»Teufel, weil das Ding Geld kostet, sicherlich heidenmäßig viel Geld, und ich keins habe! Wenigstens nicht genug. Kannst du mir keins pumpen?«Da aber lachte er auf. »Nein, mein Junge; aber laß dir kein graues Haar wachsen, fürs erste werde schon ich dafür sorgen.«»Na, wenn’s so ist, meinetwegen.«Und ich nahm mein Weibchen unter den Arm und zeigte ihr all die schönen Räume, die ich für sie gemietet hatte, mit dem stolzen Bewußtsein meiner Splendidität.»Aber das ist ja viel zu schön,« sagte sie bewundernd.Ich aber entgegnete stolz: »O für dich, mein Kind, ist mir nichts zu teuer.«Meine Freunde indessen, und es kamen deren immer mehr, denn hinter jeder Gardine, hinter jedem Schrank steckte einer, hatten sich’s bequem gemacht, und schickten sich an, das Bankett hier erneuern zu wollen. Vergeblich erklärte ich, daß sich das wahrhaftig nicht schicke. Sie möchten jetzt ’mal gehen und uns allein lassen. Sie lachten aber nur, und mein Schwiegerpapa – lachte auch. Was blieb zu thun?Ich warf kurz entschlossen einen nach dem andern hübsch sachte und freundlich zur Thür hinaus, meinen Schwiegerpapa und Frau Johnson mit inbegriffen; dann schloß ich zu – sah noch unter jedes Möbelstück, ob nicht doch noch ein oder der andere Freund drunter stecken geblieben wäre und atmete auf.Nichts, gar nichts. Wir waren allein. Endlich allein!Ich schloß mein Weibchen in die Arme und hob es dann jubelnd in die Höhe, in demselben Augenblicke aber ließ ich sie ziemlich unsanft fallen – denn was war das? Dort auf dem Tischchen lag eine Urkunde. Ich trat hin.Es war eine Schenkungsurkunde, auf Grund deren mir mein Schwiegerpapa das ganze Haus, in dem ich wohnte, samt dessen Einrichtung zum Geschenk machte!! –Ich muß dabei ein unglaublich dummes Gesicht gemacht haben, denn mein Weibchen lachte und lachte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. Dann aber zog sie mich am Arme zum Fenster hin.»Da sieh hin,« sagte sie und wies auf das Haus gegenüber.Hol’ mich der Teufel, – das Haus, das Haus da gegenüber war wahrhaftig – das Haus meines Schwiegervaters. MeinHaus und sein Haus lagen einander querüber und um hierher zu gelangen, waren wir drei Stunden immer in der Runde herumgefahren, und das – in der Hochzeitsnacht!Na – wenn man mit solch einem Schwiegervater nicht Humorist werden soll, dann wird man es nie und nimmermehr!« –

»Da wir eine Wohnung brauchten, ich mich aber mit diesen irdischen Dingen nicht befassen wollte, so hatte ich meinen Schwiegerpapa ein paar Wochen vorher gebeten, mir in Buffalo eine Wohnung nach seinem Geschmack zu besorgen. Er schmunzelte und nach einigen Tagen sagte er mir, er habe gefunden, was ihm passend scheine; ob ich’s mir ansehen wolle.

»Ach wozu?« gab ich zur Antwort; »wenn du’s gesehen hast, und dir paßt es, brauche ich’s nicht zu sehen, denn mir paßt es gewiß.« Und damit war die Sache abgethan.

Am Tage der Hochzeit, ziemlich spät abends, stand ich vom Tische auf und meinte:

»Na, nun ist’s aber Zeit! Schwiegerväterchen, wo wohnen wir denn eigentlich?«

»Das will ich euch gleich zeigen, Kinder, fahren wir ’mal hin.« Und die Freunde, die unsere Hochzeit mit gefeiert hatten, riefenunisono:

»Wir begleiten euch, wir begleiten euch alle.«

»Na, schön,« sagte ich, »wenn ihr nur dann macht, daß ihr bald fortkommt!« Dann packte ich mein Weibchen zusammen, hob sie, ehe sie sich dessen versah, auf, und trug sie, die anderenjubelnd und lachend hintendrein, auf meinen Armen die Treppe hinunter.

Unten vor dem Hause standen Wagen; ich, mein Weibchen, mein Schwiegerpapa und Bob Raleigh in den einen, die anderen in die anderen und – hui, ging es dem neuen Heime zu.

Wir fuhren und fuhren und fuhren. Ich merkte nichts; ich hatte mit meinem Weibchen zu thun. Endlich aber, bei Gott, dauerte es mir doch zu lange.

»Zum Teufel, Papa,« rief ich, »sind wir denn noch nicht dort?«

»Bald, mein Junge, bald,« und er lachte ganz merkwürdig.

Dieses ›bald‹ aber dauerte mir ewig.

»Papa,« sagte ich, »ich hatte nicht geglaubt, daß du unsere Wohnung auf dem Lande nehmen würdest. In Buffalo wäre ja doch wahrhaftig auch noch ’was zu finden gewesen.«

Er aber lachte nur.

»Gleich sind wir da,« sagte er, beugte sich zum Fenster hinaus, sagte dem Kutscher irgend etwas und der Wagen hielt an.

Wir stiegen aus. Die Wirtin Frau Johnson kam uns entgegen und führte uns in die für uns gemietete Wohnung. Ich sah mir alles mit einem Blicke an und wurde ganz verteufelt verzagt dabei.

»Höre Pa …« sagte ich und nahm meinen Schwiegervater beiseite. »Bei dir ist’s wohl nicht richtig, daß du solch ’ne Wohnung für mich nimmst.«

»Weshalb, mein Junge?« fragte er und machte das ehrlichste Spitzbubengesicht von der Welt.

»Teufel, weil das Ding Geld kostet, sicherlich heidenmäßig viel Geld, und ich keins habe! Wenigstens nicht genug. Kannst du mir keins pumpen?«

Da aber lachte er auf. »Nein, mein Junge; aber laß dir kein graues Haar wachsen, fürs erste werde schon ich dafür sorgen.«

»Na, wenn’s so ist, meinetwegen.«

Und ich nahm mein Weibchen unter den Arm und zeigte ihr all die schönen Räume, die ich für sie gemietet hatte, mit dem stolzen Bewußtsein meiner Splendidität.

»Aber das ist ja viel zu schön,« sagte sie bewundernd.

Ich aber entgegnete stolz: »O für dich, mein Kind, ist mir nichts zu teuer.«

Meine Freunde indessen, und es kamen deren immer mehr, denn hinter jeder Gardine, hinter jedem Schrank steckte einer, hatten sich’s bequem gemacht, und schickten sich an, das Bankett hier erneuern zu wollen. Vergeblich erklärte ich, daß sich das wahrhaftig nicht schicke. Sie möchten jetzt ’mal gehen und uns allein lassen. Sie lachten aber nur, und mein Schwiegerpapa – lachte auch. Was blieb zu thun?

Ich warf kurz entschlossen einen nach dem andern hübsch sachte und freundlich zur Thür hinaus, meinen Schwiegerpapa und Frau Johnson mit inbegriffen; dann schloß ich zu – sah noch unter jedes Möbelstück, ob nicht doch noch ein oder der andere Freund drunter stecken geblieben wäre und atmete auf.

Nichts, gar nichts. Wir waren allein. Endlich allein!

Ich schloß mein Weibchen in die Arme und hob es dann jubelnd in die Höhe, in demselben Augenblicke aber ließ ich sie ziemlich unsanft fallen – denn was war das? Dort auf dem Tischchen lag eine Urkunde. Ich trat hin.

Es war eine Schenkungsurkunde, auf Grund deren mir mein Schwiegerpapa das ganze Haus, in dem ich wohnte, samt dessen Einrichtung zum Geschenk machte!! –

Ich muß dabei ein unglaublich dummes Gesicht gemacht haben, denn mein Weibchen lachte und lachte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. Dann aber zog sie mich am Arme zum Fenster hin.

»Da sieh hin,« sagte sie und wies auf das Haus gegenüber.

Hol’ mich der Teufel, – das Haus, das Haus da gegenüber war wahrhaftig – das Haus meines Schwiegervaters. MeinHaus und sein Haus lagen einander querüber und um hierher zu gelangen, waren wir drei Stunden immer in der Runde herumgefahren, und das – in der Hochzeitsnacht!

Na – wenn man mit solch einem Schwiegervater nicht Humorist werden soll, dann wird man es nie und nimmermehr!« –

Im Herbst 1870 gab Clemens seine Stellung in Buffalo auf und zog nach Hartford in Connecticut. Er war jetzt ein wohlhabender Mann, denn die ›Harmlosen auf Reisen‹ brachten ihm bedeutende Summen ein und auch das Vermögen seiner Frau war nicht unbeträchtlich. 1871 erschien ein neues Buch von ihm, ›Roughing it‹, in welchem er mit köstlichem Humor sein abenteuerliches Leben unter den Goldgräbern schildert. Das Werk fand großen Beifall, was der Verfasser in seiner humoristischen Weise besonders der anregenden Wirkung des Tabaks zuschreibt. »Von meinem achten Jahre an,« berichtet er, »begann ich unmäßig zu rauchen, monatlich etwa hundert Zigarren; als ich zwanzig Jahre alt war, verbrauchte ich zweihundert den Monat und mit dreißig Jahren hatte ich es bis dreihundert gebracht. In meinem fünfzehnten Jahre rauchte ich einmal drei Monate lang gar nicht, ob das aber eine gute oder schlechte Wirkung hatte, erinnere ich mich nicht mehr. Mit zweiundzwanzig Jahren wiederholte ich den Versuch; mit vierunddreißig hörte ich anderthalb Jahre lang ganz auf zu rauchen. Meine Gesundheit wurde nicht besser davon, wahrscheinlich, weil an derselben überhaupt nichts auszusetzen war. Damals schrieb ich nur zum Zeitvertreib dann und wann einen Journalartikel und eine Abnahme meiner Geisteskräfte war mir nicht gerade aufgefallen. Als ich mich nun aber eines Tages daran machte, laut abgeschlossenen Vertrags für einen Verleger ein Buch zu schreiben – nämlich ›Roughing it‹[13]– da fühlte ich, wie schwer es mir wurde. In drei Wochen brachte ich nur sechs Kapitel fertig. Nun wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte; ich gab den Kampf auf, rauchte wieder meine dreihundert Zigarren, verbrannte die sechs Kapitel und beendete das ganze Buch mit Leichtigkeit in drei Monaten.«

[13]In unserer Ausgabe betitelt: »Nach dem fernen Westen« und: »Im Gold- und Silberlande.« (Band 4 und 5 der humoristischen Schriften.)

[13]In unserer Ausgabe betitelt: »Nach dem fernen Westen« und: »Im Gold- und Silberlande.« (Band 4 und 5 der humoristischen Schriften.)

[13]In unserer Ausgabe betitelt: »Nach dem fernen Westen« und: »Im Gold- und Silberlande.« (Band 4 und 5 der humoristischen Schriften.)


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