VI

Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten Häuser hinter sich hatten und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band der Hirt sein Waldhorn dem Riesele an den Hals und sang:

Das Schwein, das muß gehütet sein!Der Kastor kann es hüten!Der Kastor muß gehütet sein!Der Cornel kann ihn hüten!Der Cornel muß gehütet sein!Wer kann den Cornel hüten?Ich will mein Schwein behüten fein,Mag seins der Kaiser hüten!Der Kaiser muß behütet sein!Wer mag den Kaiser hüten?Sein lieber Gott behüt ihn fein!Mög mich der meine hüten!

Das Schwein, das muß gehütet sein!Der Kastor kann es hüten!

Der Kastor muß gehütet sein!Der Cornel kann ihn hüten!

Der Cornel muß gehütet sein!Wer kann den Cornel hüten?

Ich will mein Schwein behüten fein,Mag seins der Kaiser hüten!

Der Kaiser muß behütet sein!Wer mag den Kaiser hüten?

Sein lieber Gott behüt ihn fein!Mög mich der meine hüten!

Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchen. Sie legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte das Horn an die Lippen, und das Riesele starrte übers Wiesentälchen hinunter an seinen Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug. Riesele hörte die Axt knallen, und der Hirt, als er das erste Lied geendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust, streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum, strich mit den Fingern durch die Furche, die den Rücken hin die zarten Backen teilte, und schob die Hand quer in den Pferdemund und sagte:

„Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren, wie sie mich eingesperrt haben, und werden's aus demselben Grund tun! Wir sind freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, und das können sie nicht vertragen! Sielaufen, seitdem sie sich selber aus dem Paradies vertrieben haben, mit Handschellen umher wie Sträflinge, mit Handschellen umher wie Mausfallenhändler, und wo sich die Freiheit regt, da schnallen sie an! Die Unfreien haben das große Wort an sich gerissen, und sie haben es im Laufe der Jahrtausende fertig gebracht, daß alle Menschen unfrei wurden, so unfrei, daß die wahrhaft Freien sich ihrer Freiheit wegen verdächtig vorkommen, sich ihrer schämen, an ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer Freiheit fluchen und schließlich sich ihrer Freiheit entäußern! Sich freiwillig der Freiheit entäußern, das tun oft ganz gute Christenmenschen und meinen, das sei der höchste Grad der Freiheit! Doch sag selbst, Bruder Riesele, wenn du jetzt aus freiem Entschluß in deinen Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter Christengaul werden, bist aber trotz aller Philosophie kein freies Geschöpf mehr! Und Geschöpf sein, das heißt noch langenicht, wie sie meinen: unfrei sein! Auch ums Paradies haben die Unfreien, die Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil sie Gott nach ihrem Bilde und Gleichnisse formen wollten. Einen Schutzmann machten sie aus ihm, einen Zirkusdirektor, der die Taschen voller Zucker trägt und innen, unterm Faltenrock die allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: die wahre Freiheit haben wir in uns, oder aber wir sind schlechter als unsere Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, ich bin noch nicht ganz fertig!”

Der seltsame Sauhirt, der sicher von sich vermeinte, ein göttlicher Eumäos zu sein, hielt inne mit seiner Rede über die Freiheit und zog den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die entblößte Kehle seiner Hand darbieten mußte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange ertragen mochte. Es sprang auf; drei Johanniskäferchen schwirrtengrelleuchtend um es her, so dunkel stand der Abend schon vorm Wäldchen, und die grünlichen Signale verwirrten es so sehr, daß es zu laufen begann und nicht wußte, wohin es lief.

Dem Hirten pochte das Herz: er hatte das Riesele mitgenommen, jedermann mußte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwortung über das Kind, und schließlich, wenn der Hirte des Hirten bedurft hätte, so hätte die Gemeinde nicht ohne Recht diesen bedürftigen Schweinehirten jener Obhut übergeben können, die er so sehr fürchtete.

„Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!” sagte er laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn aus dem Grase auf, setzte es an und schmetterte seinen gradlinigen Militärmarsch übers Dorf hin, daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im Stall hantierte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur, um das Riesele wieder zu sich zulocken, aber das Riesele trabte im Dämmerlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Brombeerhecken, zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heuwellen, aus den weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, — und der Heugeruch selber und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht mehr achtete und wahllos weiter lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter weg, als daß es lockte.

Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann, den Weg hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das Riesele nicht. Die Sicheldes Mondes spitzte überm Waldrand; kleine Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie Gras.

Plötzlich erschallte vom Dorf herauf das Feuersignal! Ohne nachzusehen, ob irgendwo eine Flamme oder ein heller Qualm sich zeige, wußte Cornel genau, wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst dem Riesele, aber es galt nicht minder auch ihm, dem Cornel! dem Schweinehirten der Gemeinde! Denn sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn überhaupt nicht kennen lernen, und sie begnügten sich damit, ihn einen Narren zu nennen! Es galt also, auf dem Damm zu sein, da die Flut stieg!

Stimmen erschallten vereinzelt und abgerissen aus dem Dorf herauf, das Signal strömte zwischen dem Wald der Obstbäume, alle Hunde heulten auf, irgendwo in einem Stall krischen ab und zu salvenweise ein paar Gänse, wie wenn sie auch dabei sein müßten,wenn's dem Sauhirt an den Kragen geht!

Die Stimmen sammelten sich und verteilten sich wieder, und bald hörte Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich den Hohlweg heraufnäherten, und er hatte das Riesele, das er doch verführt, noch nicht in der Hut.

Aber da stand es ja plötzlich neben ihm! Stand da wie aus dem Sommerabend geboren, der allhin so viel Liebe gebiert! Da stand es und hielt einen Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn nichts geschehen sei!

„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, Riesele!” sprach er, „doch gib ihn her, den Oelzweig des Friedens, daß wir uns gemeinsam für den Augenblick unserer Freiheit begeben können, denn sie kommen, die Unfreien! Mit Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu Gefangennahme, die Freiheit zu suchen, um sie einzupferchen und sie bei Wasser und Brot fasten zu lassen! Siehst du siekommen mit den Lederhelmen? Hörst du sie kommen mit den Feueräxten? Sie schlagen, wenn sie's für nötig erachten, das Sommerhaus ihres Gottes in Stücke und schrecken vor diesem ihrem Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet, ihr Frösche, daß sie euch nicht erschlagen! Verkriecht euch in die Erde, ihr Käfer, der ihr entnommen seid! Nachtigall, schlag nicht heute abend: die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren der Schönheit und des Friedens.”

Riesele schien solches Gerede gerne anzuhören; es ließ seinen Kopf auf der entblößten Schulter Cornels liegen und ging Schritt für Schritt weiter.

„Weißt du, wo das Wachtstübchen ist? Nein, das weißt du nicht! Aber paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen Freund hineinstecken werden, so komme manchmal an die Tür! Ich will dir Brot geben von meinem Brot und Wasser, wenn du Durst nach Freiheithast! Ich weiß, sie sperren mich ein paar Tage ein; aber das ist immer noch besser als das Irrenhaus! Sie dürfen mich einsperren: ich trage das Bewußtsein eines neuen Freundes in der Brust, der so geschickt zuhören kann und meine Lehren versteht! Paß auf! Paß auf! Laß uns niedersetzen!”

Cornel setzte sich, und Riesele blieb bei ihm stehen.

Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, plauderten miteinander, und der eine sagte gerade:

„Roma heißt rückwärts gelesen Amor! Amor ist aber, das steht ausführlich in meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh, in den großen Städten wird fürchterlich geliebt!”

Sie sahen vor lauter Liebe nichts und gingen vorüber.

„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen Cornel nach, „da habt ihr aber recht!”

Sie schreckten zusammen, die verträumtenFeuerwehrleute, kamen dann aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich:

„Da sind sie ja!”

„Da sind wir!” erwiderte Cornel und streckte beide Hände vor, als wolle er sie fesseln lassen.

„Los, heim! Vor uns hermarschiert!” kommandierten die Wehrleute, und Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals, und so traten sie den Heimweg an.

„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing Cornel an, aber die Wehrleute gaben ihm keine Antwort und redeten von den Dickrüben, die von Hasen zerfressen waren.

Der Hirt wandte sich nunmehr wieder an Riesele und sagte laut, daß die Männer es hören konnten:

„Weder Zucker, Riesele, — das wollte ich dir vorhin noch sagen — weder Zucker gab uns Gott noch Peitsche, sondern Freiheit, Freiheit. Und das ist so gut und so viel als sich selber! Sich selber gab er uns, mitten in den Herzschlaghinein, Riesele! Uns, das will heißen: dem Kaiser, mir, dir, meinen Schweinen und aller Kreatur!”

„Und aller Kreatur!” wiederholte der eine Feuerwehrmann.

„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel und fuhr fort:

„Einheit, Schönheit, Harmonie ringsum in seiner Schöpfung! Nur die Menschen sind ihm mißraten, Riesele! Sie sind entweder zu eng oder zu weit ausgefallen!”

„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und Cornel antwortete:

„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit geraten! Zu weit, und er möchte deshalb weiter sein!”

„Zu weit!” schrie der andere, und Cornel entgegnete:

„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng ausgefallen! Zu eng, und er möchte deshalb enger sein! Lüge ist alles!EineEinheit in der Mannigfaltigkeit: die Lüge;eineMannigfaltigkeit in derEinheit: die Lüge! Sie sind aber selbst schuld, die Menschen; sie haben die göttliche Freiheit mißverstanden, sie haben ihre natürlichen Begriffe irgendwie verwirrt, sie sagen: deine Freiheit ist die Grenze meiner Freiheit, und nun gehen sie aufeinander los und sagen: ‚Gewalt geht vor Recht, und die Freiheit ist für die Narren!’ Riesele! Hörst du's, Riesele: ich will lieber ein Narr sein, als daß ich unfrei wäre! Du nicht auch, Riesele?”

Das große Tor der Wachtstube öffnete sich wie von selbst.

„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann, „und bist doch ein Narr!”

„Nun bin ich unfrei,” entgegnete Cornel, „und bin doch frei!”

Cornel ward hineingestoßen, indes Riesele heimtrottete.

Von nun an also sah man das Riesele nicht mehr auf den Gassen umhertollen. Es ward eingesperrt! Der Zaun, im Geviert vor der Wohnstube des Bauern errichtet, war aber stets lebendig: Buben hockten drauf, Mädchen selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen Füße herabbaumeln, und da er sehr fest aus dicken Balken gezimmert war, konnte manchmal die ganze Dorfjugend auf den Balken Platz finden. Die Buben liefen mit weitausgestreckten Armen sicher wie Seiltänzer drüber hin, und die Erwachsenen lehnten sich an, um wie vertraute Nachbarn das Gäulchen zu beobachten.

Es lief da innen am Zaun entlang, biß an den Birkenrinden sich die Lippen blutig und hälmelte spärlich an demzertretenen Gras des Bodens. Rundum, den Zaun entlang, war bald ein Pfad festgetrampelt, und an den Balken nach der Wohnung zu wuchs auf einen Meter breit kein Halm mehr.

Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine Handvoll Klee, aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel.

Die Augen, die unendlich groß und unendlich dunkel und unergründlich waren, spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, das ferne Wäldchen wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und Trudel konnte sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Ach, so oft schlüpfte sie durchdas Gehege hinein und legte sich neben den Freund und half ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war. Es geschah aber auch, daß andere Kinder ins Bereich schlüpften, um mit Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren dann die wenigen Feststunden, da Riesele sein Elend vergessen konnte.

Die Mutter Trudel mochte in sich fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis habe für die Arbeit, oder doch, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm dieses Verständnis beizubringen, und immer, wenn sie angespannt wurde, zerrte sie an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit es eingesperrt war, mehr nach der Mutter umsah als ehedem. Ja, die Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen und ließ sich mit der Peitsche schlagen und stieß klagende Schreie aus und ward bei der erzwungenen Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer wußte ja gleich, was sie wollte; aber ervermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen lassen zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt werden.

Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute — man weiß, wie Mütter sind — ihr Kind nicht deshalb bei sich haben wollte, daß es lerne, den Wagen und auch den Pflug zu ziehen, sondern daß sie es nur deshalb bei sich haben wollte, um es eben bei sich zu haben! Der Bauer Klaus ließ also das Gäulchen vorerst noch ein Weilchen in seinem Hag und achtete der flehentlichen Muttersorgen nicht. Der Raps war zudem reif und mußte heimgefahren werden, im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen, kläpperten Eichenschäler seit drei Tagen die jungfrischen Rinden von den Stecken, und: eine Fuhre Rinden nach dem Bahnhof im Nachbarstädtchen bringen, das trug schon etwas ein! Da konnte man einen Schüler nicht ohne weiteres nebenher laufen lassen!

Riesele blieb also in seinem Gefängnis und hatte nichts zu tun als auf die Kinder warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling. Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger, sei es, daß sie ihm aus irgendeinem Grund feindlich gesinnt waren, sei es, daß sie seiner überdrüssig wurden! Wer brachte noch ein Stück Brot? Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel!

Der Pfarrer, wenn er vorüberging, rieb wie die Kinder mit dem Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Lehrer, wenn der vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein ins Gefängnis, holte sich den willigen, ach, den der Liebe so sehrbedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen auseinander und befühlte die Zähne! Der Bürgermeister, der offenbar eifersüchtig war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer, wenn er in die Nähe des Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, als könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne Blick! Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser Mensch hatte Humor in sich, hatte wiederholt mit seiner Schelle am Hag ein kleines Konzert zusammengeläutet, hatte wiederholt mit dem Stiel seiner Schelle das Riesele am Bauch gekitzelt: dieser Mensch wollte oder durfte, sicher, weil der Bürgermeister eifersüchtig war, mit Riesele sich nicht mehr abgeben!

Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweinehirt! Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war, allmorgendlich seineSchar Schweine auf einem großen Umweg an Rieseles Hag vorüber, er kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade erfüllte, und das Riesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und bewahrte sie getreulich auf für die leeren Stunden des Tages, da es allein sein mußte mit seiner Armut. Oft, wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines Waldhornes aus den Häusern hinter der Kirche schweben und hatte genug der Freude für ein paar Stunden.

Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit seinen Schweinen vorm Haus halten und wird über die Maßen wütend.

„Was hältst du hier mit deinen Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof etwa ein Weidplatz für deine Säue? Willst du machen, daß du fortkommst, du Faulenzer! Willst du mir auch das Riesele versauen?”

Cornel sagte nichts dagegen und trieb seine Herde, die gar nicht groß war, den Weg hinunter, indes Riesele traurig ihm nachsah und seinen Säuen.

Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gäulchen vorbei, als wollten sie sagen: jag uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast! und sie schlüpften wieder hinaus in die Wiese. Die Enten kamen herein und schritten schnurgerade auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie hatten nicht Eile, denn sie brauchten keine Angst zu haben vor dem Riesele, das seine Hörner, wie man so sagt, für Enten schon genügend abgestoßen hatte. Oft, sehr oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie unversehens herein, setzten sich zu ihm und steckten die Schnäbel in die Flügel zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, die jungen, die schon von ihren Hähnen umworben wurden, scheuten sich nicht, dem Riesele die Haferkörner vor der Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermuthüpften sie sogar auf seinen immerhin breit gewordenen Rücken und streckten die Flügel von sich. Aber der alte Hahn ging nicht mit in den Verschlag; war seine Schar drinnen, so flog er auf den obersten Querbalken und blieb wie ein Wächter da sitzen.

Trudel, die Mutter, die zwischen Pflicht und Neigung anscheinend nicht recht unterscheiden konnte wie viele Mütter und nicht wußte, was für ihren Liebling gut war, hatte schwere Stunden auszuhalten, weil sie sich bei der Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich ablenken ließ und obendrein manchen Peitschenhieb verspüren mußte. Das eingesperrte Riesele war doch ihr Kind! Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, wenn es auch noch so viel Liebe seiner Mutter verschmäht hatte: es war doch ihr Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug Trudel mit einem bestimmten Gefühl, das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit verlieh.

Aber diese Tage waren gezählt; Riesele durfte, als die Körnerfrüchte in der Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen steht leer vorm Stall, der Bauer spannt die Trudel ein, Trudel, das Mädchen, riegelt das Gefängnis auf, die beiden Buben bringen Halfter und Leine, und nun, da die Mutterstute so zappelig nach dem Riesele hinstarrt, streifen die Buben das Halfter an den kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine ans Halfter, klatscht Trudelchen in die Hände, und wahrhaftig, Riesele wird seiner Mutter an den Zügel geledert! Links an den Ring des eisernen Zaumes wird der Lederriemen eingeschlauft, und — o Herrlichkeit! — sonst nichts, sonst bekommt das Kind keine Fessel und keinen Strang und darf also nebenherlaufen wie Menschenkinder an Mutterschürzen. Steil standen die Ohren der Stute, fromm unbeweglich ruhten die Hufe im Sand der Geleise, züchtig hing der überaus lange Schweif nach unten,obgleich die Mücken an den Lenden saßen und soffen.

Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, voran, neben den Vater gehockt und die Peitsche hinten liegen gelassen! Die Bäuerin stand oben auf der Treppe, stützte die Fäuste in die breiten Hüften und konnte den Mund nicht zusammenhalten vor Freude. Nicht anders als ihr erging es den dreißig Hühnern und dem Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den Enten und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise heute Häsinnen um sich herum hatte, unter denen sicherlich etliche seine eigenen Kinder waren. Alle Hühner saßen auf den Balken des Hages und hielten die Köpfe zur Seite geneigt, um besser sehen zu können. Alle Gänse standen am Gartenzaun beisammen, und wenn sie unter sich über ein ganz fernliegendes Thema zu diskutieren schienen, so war das eine bewußte Täuschung: ihre kurzen Blicke zum Gespann, gerade diese ablenkenden Blicke verrietennur zu deutlich, was in den reduzierten Gänsehirnen vorging! Gänserich, es gilt nicht, wenn du in deinen Federn zu picken vorgibst! Alte Stammutter, es gilt nicht, wenn du dich mit dem Fuß am Halse kratzest, als hättest du einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, — das muß gesagt sein — nur, um unauffällig einen Blick zum Riesele werfen zu können! Offen neugierig und ehrlich wie immer glotzten die Enten mit beiden Augen hinter den breiten, biederen Schnäbeln hervor, und ihr Enterich stand ganz nahe bei Rieseles linkem Hinterbein. Überaus zierlich lag von diesem Beinchen weg ein Schatten überm zertretenen Weggras, aber er verkroch sich alsbald in den größeren Schatten, den der Leib der Mutter warf, und dieser große Fleck verschlang den ganzen Schatten Rieseles, so daß nur ein Ohr noch daraus hervorragte.

Seht es euch an, das Riesele! Ganz Ordnung, ganz straffes Bewußtseinvon Würde und Kraft, steht es da in Erwartung der Dinge, die kommen sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen Hufen, die sonst so unruhig sind, getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, die sonst in fröhlichem Gezwitscher an ihren Knochen umherzitterten, als hätten sie einen Kitzel im Blut, wagt sich, zu wippen, obgleich sie eben, da die Schnaken kitzelten, doch schon einmal tanzen dürften! Kein Haar an Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine Lippe, nicht einmal ein Auge untersteht sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, ganz Kraft, ganz Würde, ganz Wille zur Wohlerzogenheit und Vollendung!

Das Riesele, dessen seelische Regungen verträumt irgendwo umherschweiften, so, als sei dieses Stillestehen schon eine große Tat, schrak heftig zusammen, als der Bauer hinten aus dem Wagen rief:

„Hü, voran!”

Es war sogleich schon einen Schritt zurück und mußte schon laufen. Es lief,und die Mutter nahm ihren Schritt kürzer; das Riesele aber schoß voraus. Unsanft zerrte die Leine am Halfter. Nach drei Schritten war Riesele wieder zurück, nach drei weiteren wieder voraus. Seine Hinterbeine blieben nicht bei der Mutter; sie wandten seitab, und der Kopf drückte gegen den Kopf der Mutter, die gewaltsam an sich hielt. Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner Leine riß, die Hinterbeine nach vorn rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe fest aneinander standen, und die Deichsel das Riesele arg bedrohte.

Es wäre gern wieder zurückgeturnt an seinen Platz, aber es konnte nicht! Die Mutter durfte nicht ausweichen, weil die Leine dies nicht zuließ (sie selber hätte in diesem Fall fünf gerade sein lassen, wie man so sagt, und wäre dem Drängen des Kindes auf den Kleeacker gefolgt, diese Mutter!) und so blieb sie stehen, und Mutter und Kind sahen sich hilflos an!

Der Weg bog auf die breite Landstraße, und das war ein Glück!

Es darf nicht verschwiegen werden, daß Riesele zur Seite der Mutter, als nun die breite Landstraße verführerisch genug auch noch in den Schatten des Waldes einbog, allzusehr geneigt war, Bocksprünge zu machen, daß der Bauer Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten würden schon bei der zweiten Reise aufhören, allzu nachsichtig war (Gustav dachte ein übers andere Mal für sich: bei seinen Kindern war er nicht so gutmütig!) und daß auch die Mutter, eingedenk der eigenen Jugend dem Gäulchen Freiheiten gestattete, die sie (und der Bauer Klaus und noch viele Kläuse und wohl fast alle) vom Standpunkt ihrer Wohlerzogenheit durchaus nicht mehr Freiheit nennen konnte!

Eichenschälholz sollte geholt werden! Es saß in einer Schneise rechtsab von der Straße im frischentblößten Schälwald. Die Schneise war aufgeweicht,und schmutziggelbes Wasser stand in Lachen beisammen, und Wasserschneider, Libellen und Stechmücken umschwirrten den Schmutz. Vereinzelt warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas Schatten über'n Weg, und das Riesele scheute vor den Lachen, scheute vor den Libellen, vor den gigantischen Bäumen, selbst vor den Schatten! Die Peitsche schwirrte auf, aber die Peitsche machte die Unruhe noch größer und verschwand wieder. Die Mutterstute begann schließlich auch zu bockeln und kam nicht mehr von der Stelle.

„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, „du kommst mir wieder einmal mit, Holz holen, bevor du übern Zaun gucken kannst!”

Er stieg ab; auch die Kinder stiegen ab, das Riesele ward von der Seite seiner Mutter genommen und neben im Wald an einen Pfahl, der zwei Meter Schälholz hielt, angebunden. Allein mußte es hier zurückbleiben, ganz allein,so sehr die kleine und die große Trudel auch flennen mochten. Das Fuhrwerk schob sich tiefer in den Wald hinein und blieb an der langen, leuchtenden Schälholzreihe halten.

Riesele sah und hörte, wie die gelben Prügel aufgeladen wurden, wie selbst das Mädchen eifrig bei der Arbeit war und sich nicht um seinen Freund kümmerte. Es riß an seiner Leine: sie war stark! Sie war stärker als das Riesele, aber der eingerammte Pfahl erbarmte sich und gab nach und fiel schließlich um, so daß der Holzstoß zusammenrutschte. Niemand hörte den Schall!

Riesele sieht sich noch einmal um, weiß nicht recht, soll es zu der Mutter laufen und zu ihren Peinigern — oder soll es heimzu rennen? Es rennt schließlich heimzu und schleift den Eichenprügel, der an seiner Leine hängt, hinter sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt und ihm die Freiheit gegeben hatte.

Es lief nicht die Landstraße, die es hergekommen; querfeldein lief es wieder wie ehedem, denn der ausgetretene Weg der Ackergäule und der Ackerkühe widerte sein ursprüngliches Gefühl an, das eigene, wenn möglich: verbotene Wege zu gehen wünschte!

Da lag im Schatten eines alleinstehenden Buchengesträuchs Cornel, der Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst im warmen Schlamm, der von blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft war. Cornel hatte hinterm Ohr eine Kuckuckslichtnelke stecken und las im Buch der Droste. Wie er das Riesele kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:

„Na, Riesele, heute merkst du's noch, wie dir der Knüppel zwischen den Beinen herumfällt! Morgen schon wirst du's nicht mehr merken, und übermorgen, — solltest du ohne deinen Knüppel laufen, wirst du schon schreien: ‚Wo ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ Ade, Riesele, ade! Wenn ich dich vondieser Freiheit befreien könnte, gern tät ich's, Riesele, ach so gern!”

Das Riesele trat dicht vor seinen Freund hin; er löste die Leine von dem Eichenholz, band sie fürsorglich am Halfter oben fest und sprach tiefernst:

„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich dich jetzt ganz fragwürdig frei mache? Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, es sei denn, daß du gleich am Anfang deiner Laufbahn über deinen Knüppel stolperst, das Bein brichst und stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von deinen Voreltern erzählen, wie die einst so glücklich waren?”

Riesele mißachtete der Worte des Freundes und lief, des Prügels ledig, davon.

„Will halt nicht wissen, wie seine Voreltern glücklich waren,” sagte Cornel für sich, und zu seinen Schweinen sagte er:

„Seht ihn euch an, er läuft dahin im Segen seiner Freiheit!”

Als Riesele heimkam, war der Hag verschlossen, die Stalltür zugeklappt, die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, was es tun sollte, und da es am liebsten in seinen Hag gegangen wäre, streckte es den Kopf zwischen den Balken hindurch und hob das Bein, konnte aber durchaus nicht hineingelangen in sein Gefängnis. Schließlich starrte es den Weg hin, den es gekommen, und da auch die Gänse nicht zu Hause waren und die Enten nicht, und nur einige Hühner im Sand badelten, lief es unter den Schuppen, wo die kleine, überdächelte Kutsche stand, und legte sich zwischen die Deichseln der Schere, zu dieser auf den Boden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier als ein erwachsenes Pferd fühlte, dem man die Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne Träume hegte! Träume, wie sie Kindern eigen, die so gerne groß wären und so gerne einen Beruf erfüllten!

Die Mücken umschwärmten zwardas Riesele, setzten sich aber nicht auf sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute heimkamen, sahen sie das Riesele also liegen und freuten sich sehr.

Indessen gewöhnte sich Riesele an die Deichsel und durfte schließlich überallhin mit. Eines Tages wollte ein Fremder an den Bahnhof gefahren werden. Der Kutscherbock war zweisitzig; der feine Herr kam, wie er Riesele sah, aus der überdächelten Chaise hervor und setzte sich neben den Bauer Klaus, um das Riesele genau beobachten zu können.

Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen würde, neben der Mutter her und nickte gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als sei die Last gar nicht so leicht, wie es scheinen mochte! Aber schon gleich auf der Landstraße riß es an seinem Halfter, schob die Hinterbeine seitaus und machte seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, die Mutter, ließ sich nicht beirren und vermochte immer wieder durch gütigesZureden, das den Menschen leider nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen in Zucht zu halten. Jedoch nie lange! Trudel selbst begann aufgeregt zu werden, man sah ihr den Angstschaum am Maule stehen.

Als das Riesele aber wieder einmal am Halfter zerrte und gar zu bockeln anfing, sagte der Fremde zum Bauern Klaus:

„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche und Ihre Leine anvertrauen? Ich will mal meine Kunst probieren!”

Er schnalzte ein seltsames Gezisch mit der Zunge, und sogleich stellte Trudel die Ohren aufrecht, und sogleich drehte der Student die großen Augen einmal zurück nach dem Kutscherbock und lenkte die Hinterbeine ein.

Die Leine straffte, die Peitschenschmicke flatterte hochauf.

„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher haben Sie es?” fragte der Fremde.

„Die Mutter brachte mir der Jude, das Kleine ist ein Gelegenheitskind: derVater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”

„Aha! Passen Sie auf!”

Der Fremde sprang ab, besah sich der Stute Gebiß, griff ihr an die Muskeln des Vorderbeines und tupfte dann mit dem Zeigefinger auf ein Plätzchen über der Kniescheibe, worauf die Haut, wie wenn eine Mücke dasäße, leicht erzitterte.

„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? Sie hat zwar Qualitäten gehabt, ist aber in falsche Hände gekommen und hat's zu nichts gebracht! Wollen mal beim Kleinen sehen!”

Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, reckte ihn wie einen Rekrutenkopf zu sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel hinter den beiden Ohren zwei Halbkreise, und die beiden Ohren schlugen fast aneinander. Er tupfte an den Knien herum, und die beiden Vorderbeine knickten ein, und fast wäre Riesele hingefallen.

Der Fremde sah den Bauern lange an, nickte und sagte:

„Er ist wohl auch ein toller Bruder, was? Hören Sie, verkaufen Sie mir den Studenten, ich bezahle ihn gut!”

„Was soll aus ihm werden, Herr?” entgegnete der Bauer, „er ist ein einfaches Tier, das weder große Kraft noch große Arbeitslust haben wird. Anlagen hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, zum Guckindieluft, und da er Sternkundiger wohl nicht werden kann, muß er in stramme Zucht genommen werden für den Wagen!”

„Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken kann, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann, Dinge, die dem grauen Alltag ferne liegen!”

„Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Fürstenkinder, soll er Kinderschlachten schlagen helfenauf den umhegten Spielplätzen, vor denen wirkliche Soldaten Wache stehen? Soll er den Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?”

„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden zum Heil der Menschen!”

„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu schon auf dem Hochseil tanzen! Nein, nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich es erst recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint.”

Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte!

Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Rieseles Köpfchen zwischen die Hände und sagte zu ihm:

„Wir sehen uns wieder!” und zum Bauern sagte er:

„Glücklich sein oder glücklich machen: was dünkt Ihnen am schönsten, Herr?”

Der Bauer sah dem Fremden in die Augen, wußte nicht, was er sagen sollte, und wiederholte schließlich dieselbe Frage:

„Glücklich sein oder glücklich machen? Ja! Ja! Glücklich machen, natürlich! Aber was ist Glück?”

„Hahaha!” entgegnete der Fremde, „Sie gehen mir schon wieder zu weit! Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die Wurzeln! Wir Menschen des Kaiserreichs treiben gern oben auf dem Wasser unserer Zukunft entgegen, leben über der Erde, wo die Blumen blühen und die Vögel singen!”

„Verstehen aber die Blumen nicht und die Vögel nicht und haben überhaupt die Wurzeln verloren! Nicht wahr?”

„Möglich, Herr, möglich; aber wer die Wurzel nun einmal verloren hat, wie Sie sagen, soll dem für die kurze Zeit, da seine Blüte noch standhält, das Glück versagt sein?”

„Das Glück wird ihm versagt sein müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel haben! Aber den Schimmer soll man dem Schimmer lassen!”

„Den Schimmer soll man dem Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch und nachdenklich der staunende Fremde, und fuhr dann fort: „Doch genug der leeren Worte: ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das Riesele abholen! und wie gesagt: Sie werden keinen Schaden haben bei der Sache!”

Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand interessante Stückchen gesehen: der Rittmeisterwar ein Narr gewesen: Kerle! sagte er oft zur Schwadron, ich bin der Teufel! Ich liebe meine Frau nicht und meine Kinder nicht: wie soll ich etwa euch lieben? Ein vollendeter Narr war der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, der neunzehn Reitpferde besaß und sie dressieren konnte. Im Walzertakt ritt er an zum Appell; Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule flott tanzen! Einmal erschien er mit einem Rappen, dessen Hufe vergoldet waren, zum Appell.

„Vergoldet?” rief das Trudelchen, das in der Mutter Schoß lag, „und die Hufeisen, waren die auch von Gold?”

„Die waren natürlich auch von Gold!” erwiderte der Vater und erzählte weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich, ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und wie die Menge vorBegeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien „Bravo, bravo!” und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage Urlaub bekommen und zwanzig Mark!

„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da weiß ich auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen, ich heb meine Sach auf bis zum Sonntag! Ja, wenn's Riesele in einen Zirkus soll, da ging ich auch mit!”

„Ich auch, ich auch!” versetzten die Buben und knöpften schon die Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich die Augen und flüsterte:

„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”

„Freilich, freilich, wir alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt, oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lange er noch zu leben habe!”

Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus Holz, klebten Papierhelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das Mädchen tanzte, wo immer sie ging und stand. Die Mär, daß Riesele in den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Hüpfseile, Springreife, goldige Schnüren, Soldatengerät aller Art tauchten auf, und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer Komödiantentage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Das ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten:

„Er hat sein Glück gemacht!”

„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte der Bauer Klaus zum Herrn Pfarrer, „glücklich machen, das ist Glück! Oder wie denken Sie über diesen Fall, Herr Paschtohr?”

„Da ist nicht viel zu denken, FreundKlaus: wer sein Glück darin findet, daß er glücklich macht, der ist wahrlich ein kleiner Heiland!”

Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wieder kam, da wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder, aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus.

Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermünzen auf den eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf je zwei tupfte und sie ein bißchen höher schob, und die Mutter hielt die Daumenspitze zwischen den Zähnen.

Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und es sagte ganz laut:

„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Brüder den Joseph verkauft haben um dreißig Silberlinge; da hätten wir das Riesele doch Joseph nennen sollen, wie's noch ganz klein war!”

Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an und sagte:

„Dreißig Silberlinge, sind's nicht auch gerade dreißig Silberlinge, dreißig dicke Silberstücke, und dafür hat auch Judas den Herrn verraten!”

„Ja, willst du das Riesele behalten?” fragte der Vater.

„Die Kinder, die Kinder!” antwortete die Mutter, „da guck hinaus, die Buben führen's fort!”

„Was die Buben tun, gilt wohl nicht!” sagte der Fremde, zog seine Börse und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, hob das eine wieder vom Tisch auf, reichte es dem weinenden Trudelchen und sprach:

„Hier, Kind, ein Füchschen für deinRäppchen, und das hier gibst du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold abgebildet ist, das ist der Kaiser!”

Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus:

„Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldene Kaiser bekommen!”

Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens entgegen, den sich die Menschen eingerichtet haben.

Der Fremde also führte das Riesele fort aus dem Paradies, am Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen wieder gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans Gitter des Güterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten mußte, und sie winkten ihm, da es in den Bahnwagen trat, und riefen seinen Namen, da sie es nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb lange Stunden im Bahnwagen, und als es heraustreten durfte, hing vor seinen Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe geleiert wurde. Nun pendelte es hoch oben, und ringsum zuckten kleinere Lichterauf, die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große, flache Wiese, einem unheimlichen Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar Gäule weideten, schwere Kerle, deren Köpfe sich nicht vom Grasboden erhoben.

Riesele brauchte nicht in einen dieser Hage; es wurde in einen Stall geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte es die erste Nacht in der Fremde.

Gleich am Morgen kam ein Mann in einem langen, weißen Kittel, der streichelte an dem jungen Körper herum, und dann kamen zwei andere Männer, die legten Riesele aufs Stroh nieder, und dann spürte es einen heftigen Stich in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen hätte, wenn's ihm möglich gewesen wäre. Es konnte mit keinem Muskel zucken, so fest hielten die Männer das Riesele, und als sie es freigaben, wollte es sich nicht bewegen, so müde war esgeworden. Es lag da, eine weiße Schnur war um seinen Leib gewickelt, und vor seinem Munde stand ein Napf mit Milch, den es aber nicht berührte.

Es trank indes gegen Abend doch die Milch, und am nächsten Morgen hatte es sogar Lust, sich auf die Beine zu stellen, stellte sich auch und fraß frischen Klee, und schon am andern Tag kam der Mann im weißen Kittel wieder und wickelte den Verband ab. Riesele war also wieder gesundet von einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter seinen Bergen sicher erspart geblieben wäre.

Es durfte aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule besuchen an deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken zu den Großen und ward geliebkost wie von seiner Mutter.

Eines Tages entdeckte es in einem der letzten Hage ein Füllen, das an der Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen trank noch an der Brust seiner Mutter,obgleich es viel größer war als Riesele. Riesele wollte durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür aufmachte und es hineinlaufen ließ.

Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele die nächsten Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele wuchs mächtig heran! So sehr es sich aber im Wachsen beeilte: das kleine Mutterkind blieb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte Querstange des Hages legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses Füllen, Riesele konnte sich strecken, soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser,und sein Benehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen.

Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich dichter, da der Winter weiß auf den nahen Bergen hockte, die Blesse leuchtete etwas über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener Glanz, der alle, die kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die Mähne zottelte sich in weichen Kräuselwellen am Halse herab und fiel über die Schulterblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesse und hörten auf zu wachsen!

Rieseles Rücken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit auseinandertun, entfaltete sich zwar, blieb aber trotzdem schmal und zierlich. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor. Dennoch, obwohl die Muskelstärke nicht so sehr zutage trat wie bei Füllen, die für den Strang geboren sind,machte sich in diesem kleinen Körper ein reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar, das den Kenner und noch mehr den Menschen, der in dem Spiel der Muskeln das Leben sieht und die Schönheit und, was alles dahinter sich versteckt, höchlich entzücken mußte. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so tolpatschte das größere, das jüngere, hierhin und dahin, ungelenk und steif und stieß bald an den Stangen an und rannte gegen die Mutter, und einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele fast die Tränen kamen.

Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht und zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, so daß die lange Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich aufreckte, sich vor Uebermut schüttelte,so daß die Zähne hervorblitzten und die Ohren in der Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die geringe Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine befreit waren, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten, als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft schlugen.

Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, war durchaus nicht klein und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des Hages setzte, eine Mücke, die heranflog, das Riesele zu stechen und von seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin flatterte und an Riesele zufällig vorbeikam, sie alle reizten des Riesele junge Kraft wie echte Feinde, und jeweils stürzte sich der kleine Mann auf das harmlose Tierchen los, der große Säugling tat dann auch mit, und wennder Spatz endlich den Hag verlassen, wenn der Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein das Weite gesucht hatte vor solcher Turnierwut, so gerieten die zwei Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse, in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und sie feuerten aus, trafen sich aber niemals! Der Säugling war ungelenk; sein Körper wartete noch auf größeren Kräftenachschub, war aber schon für diese größeren Kräfte einstweilen eingerichtet und stand oft breitbeinig da wie das hölzerne Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand Kraft warten mußte. Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie sein Milchbruder! Es konnte, wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwingen, oder es konnte den Kopf so weit zurückbiegen, daß es sich amBauche schaben konnte, mit den Zähnen beißen konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Hinterhuf heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umfalle, wie der große Kleine! Er war wirklich einmal umgefallen, der Säugling: er wollte es dem Riesele gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel biß, er drehte sich da oftmals im Kreise, und der Schenkel drehte sich auch und entlief dem Maule immer wieder im Kreise herum. Blieb endlich das Hintergestell an seinem Platze, so reichte der Hals nicht, d. h. gereicht hätte der Hals schon, aber er war zu steif, als daß er sich genügend gebogen hätte. Da nun in dem zukünftigen Ackergaul offenbar ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte er den Bogen seines Halses und knackte um. Da lag er nun!

Diese Umbiegung, daß der Kopf sich dem Schweife näherte, war seitdem Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel sah sich köstlich an: die dünnen Rippenpreßten sich am schwarzen Bäuchlein hervor wie mit dem Silberstift getönt, der Hals erglänzte längs der Rundung, die Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung wie in Erz gegossen. Da mochte denn der braune Ehrgeiz nicht mehr von den Stangen des Hages weggehen und schabte, ob nicht bald die ersten Zähne kommen wollten!

Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele kam in einen Stall.

Schon am zweiten Tage erschienen etliche Männer in dem Stall. Sie besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kommt einer der Männer auf Riesele zu und sagt zu den übrigen:

„Hier, staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägt's?” Er sagte das etwa so, wie ein Theatermann einen jugendlichenLiebhaber sucht oder eine Heldenmutter oder eine komische Alte!

Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, befühlten, betätschelten Riesele, und Riesele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und spielte mit den Nüstern und spürte die vielen eingehenden Blicke wie Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt, seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien, seine Lippen wurden wiederholt auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, seine Zähne betickt mit einem blanken Schlüssel!

Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot gesprenkelt war, diese zwei mußten aus dem Stalle treten und wurden am selben Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.

Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und der große Hengst, der seine Nüstern obenam Viehwagen hinausstrecken konnte, was dem kleinen Riesele versagt war, schurfte mit seiner Nase oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte die Beine unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch den Kopf reckte es von sich, und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, das an der Eisenstruktur festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein Viertelstündchen geschlafen.

Der Fuchs konnte sich nicht legen: er hatte Hufeisen an, die schon recht glatt abgelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glutschte er und schnellte vor Aufregung, vor Angst immer wieder in die Höhe.

Ungeheure Schenkel hatte dieser Gaul! Ueber den Knien wulsteten die Muskeln hervor wie Halbkugeln, unddann begann eine Fülle von gestrafftem Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer Fuchsröte den dunklern Schweif, der sehr kurz und zerfranst war, fast völlig in sich einbettete. Beinahe etwas zu wenig dick zog der Bauch nach den Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund wie eine Walze, und vom rechten Vorderbein her ästelte eine Ader, dick wie ein Bauerndaumen nach oben und unterm Bauche her. Unten erhöhte sich das Rot zu einem überschmutzten Weiß, das sich gegen die Brust ergoß und zwischen den Beinen auf den stets federnden Brustmuskeln sich wieder verlor. Gerade wie Don Quichotes Beinschienen strafften die Muskeln dieser Vorderbeine nach unten, mehr Sehne als Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt, von keinem warzigen Auswuchs verunstaltet, und die Hufe breiteten sich unter dem schmalen Zehengelenk, das scheinbar schwach aussah wie ein Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepacktund fast rechtwinkelig zur Erde. Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, kaum größer als die des Riesele.

Riesele aber hatte seine Freude an des Fuchses Hals! Es konnte und durfte mit seinen Lippen über die blanke Glätte hintasten, es konnte und durfte längshin die Rinne beschnuppern, die sich von der Brust bis an die Backen des Kopfes erstreckte, es konnte und durfte an der kurzen Mähne, die bald nach links, bald nach rechts äußerst zerzauselt herabhing, mit den Lippen, mit den Zähnen, mit der Zunge gar herumschmecken.

Riesele merkte bald, wie der große Freund Freude hatte an den kindlichen Schmeicheleien! Es schmarotzte auch an seinem Kopf herum: es biß mit seinen Milchzähnchen an den festen Nüstern, es leckte gar an die Zähne hinein, es schabte mit der Nase seitlich an die sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten aus Zorn über die harten Halfterriemen, die da angeschnürt waren. Ha, wennder Große den Kopf herniederbog, wenn der Hals hinter den Kinnbacken sich einfältelte wie ein Kinderkleid, ha, da boten sich dem Kleinen zwei Lichter dar, links eins, rechts eins, zwei Börnchen lebendigen Wassers, zwei wogende Schalen, in denen Kraft und Uebermut und Liebe und Schönheit fluteten, daß es dem Kinde angst und bange ward und warm ums junge Herz und bockelig vor Freude. Von der Stirn her quirlte ein angeknäulter Haarschopf gegen die Augen, die er aber nicht verdecken konnte, und die aufgespitzten Ohren hatten Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben.

Was für eine seltsame Freude war das doch in Rieseles Herz!

Aneinandergekoppelt schritten die zwei ungleichen Gesellen quer durch eine große Stadt und beschlossen ihre Wanderung an einem grauen Zelt, das neben anderen größeren Zelten auf einer Wiese stand. Kinder liefen an gelbgestrichenenWagen umher, lüfteten die Zelttücher und sahen hinein, und Hunde bellten an ihnen herum, bissen aber nicht!

Die beiden Freunde mußten ein Weilchen warten, bis sie hinein durften ins Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, die ganz bedeckt war mit buntigen Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, Elefanten und mit drei ganz kleinen Gäulchen, die Ball miteinander spielten. Sie besahen beide diese Herrlichkeiten! Der Fuchs regte sich nicht; selbst die vielen Kinder, die sich um sie herstellten, ließen ihn nicht aufmerken!

Ein kleines Mädchen scheuchte mit seinem dicken Muff nach des Fuchses Kopf, aber der Fuchs verzog keine Miene. Starr hafteten seine Augen an den grellen Farben der Holztafel.

Riesele aber konnte die Ruhe nicht bewahren! Sei es, daß die Kinder das kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne jede Scheu seinen Hals streichelten undseinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen von dem, was auf der Tafel dargestellt war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld, hier angekoppelt sich begaffen lassen zu müssen!

Eine Sacktür öffnete sich! Riesele ward hineingezogen, der Fuchs kam hinter ihm drein. Warm war's hier, es roch nach Pferden, aber auch nach anderen Tieren! Löwen lagen hinter starken Gittern, ließen die Pranken heraushängen und blinzelten mit den Augen. Ein alter Affe lauste sein Junges. Und weiter hinten erst standen die Pferde! Ein Junges soff an seiner Mutter, etliche ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister auf einem Häufchen und pflegten der Ruhe. Das Allerkleinste, viel kleiner als Riesele, war weiß und hatte hellrote Flecken am ganzen Körper. Die drei auf dem Häufchen sahen, ohne die Köpfe zu erheben, den Ankömmling an. Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen,und strebte nach ihrem Verschlag, mußte aber etwas weiter zurück in dem Stall. Der Fuchs hatte schon seinen Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe, doch schien er stärker als alle.

Es dauerte nicht lange, so gab's reges Treiben im Stall. Eine Dame brachte den Löwen Fleisch und streichelte sie und nannte den einen Mäuschen, den anderen Herzblatt, den dritten Rapunzel, den vierten Kasimir Edschmid. Burschen kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche der großen und alle die kleinen Pferde, und eine Mannsstimme rief irgendwoher:

„Dahinten liegt ein Paar Schuhe; wem gehören die denn?”

„Sind's weiße?” rief eine blecherne Frauenstimme dazwischen, und die Mannsstimme entgegnete:

„Nein, rote!”

„Die sind mir!” krischen etliche Weiber, und zwei liefen durch den Stall, die eine mit nackten Beinen, die andereohne Bluse überm grünen Seidenhemd.

„Entree!” ertönte es, eine Peitsche knallte. Die Burschen, die alle schmutzig gekleidet waren, schoben fast alle Pferde nach dem Eingang. Die kleinen hatten grüne Lappen auf den Rücken liegen, die von gelbglänzendem Lederzeug festgehalten wurden. Schellen rasselten an dem Lederzeug!

Riesele stand! Riesele streckte den Kopf vor und scharrte mit dem Huf im Mist und riß an seiner Kette. Der Hengst lag und schnaufte.

„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte Stimme wieder.

Man schwang sich in die Sättel! Männer, als Empiresoldaten verkleidet, Frauen als Empiresoldatenmädchen verkleidet, schwangen sich in die Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten, Fähnlein hingen züchtig an den bunten Stangen. Zwei rotgefärbte Reiherfedern schnitten quer durch dieLanzenstangen; ganz hinten trippelte das winzige Schimmelchen, nicht größer als solch eine Feder.

Nein! Riesele durfte nicht mit!

Ein Vorhang hob sich, Trompeten erschollen, der Zug schob ab ins Entree! ... Was zurückkam, jubelte, wieherte, knirschte mit den Zähnen vor Lust; was zurückkam, stand begierig, wieder fort zu dürfen, hinaus, in die Manege, in die Herrlichkeit des großen Lebens, die Herren Menschen zu ergötzen!

„Tableau!” schrie hell die dunkle Stimme; die Pferde reckten sich schon.

Riesele, der Fuchs, das Füllen und seine Mutter blieben zurück, sonst niemand! Nicht einmal nach dem Vorhang durfte Riesele gehen! Was mochte sich da draußen abspielen?! Auch der Fuchs schlief nicht, sondern sah nach dem Vorhang.

Sie kamen schon wieder, die Pferde; sie wurden umtätschelt von den überaus lustig gekleideten Menschen, und eineDame turnte auf den Rücken ihres Gaules und legte die Wange an den Hals des Tieres und sagte:

„Dat war aber mal eine leckere Chose, Schatz!”

Sie küßte das Pferd, dessen Augen rundum frohlockten. Riesele sah dies genau.

Ein Bursch schlug einem anderen Burschen, der eine dünne, lange Röhre schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick: er purzelte. Auch der erste purzelte, und so kamen sie auseinander, jeder zu dem Pferd, das er zu bedienen hatte! Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen, die Dame, die bei ihnen am Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz im Haar. Sie schillerte von glänzenden Steinen wie ein Heckenrosenstrauch im Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein niedriggebautes arabisches Vollblut, das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen Eichenkranz, der mit goldenen Schleifen durchwirkt war, um den Hals.Ein Mann im Trikot schritt neben ihm, nahm von einem Nagel im Pfosten drei schwere, silberne oder bleierne Ringe und streifte sie sich an die Finger.

Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor sich hin; alle Tiere, die draußen waren, sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich hin. Was, um des Himmels willen, mochte draußen alles geschehen sein!

Riesele sah auf einmal dauernd zu dem Freunde hin, und auch dieser spitzte die Ohren und starrte zu Riesele her, als wünsche auch er Auskunft!

Mit einem Schlage jedoch verlöschten die Lichter, Riesele legte sich nieder und schlief ein, in Erwartung der Dinge, die seiner harrten.


Back to IndexNext