XVII

In dem Heimathause Rieseles hatte sich nicht viel verändert. Trudel, die Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh ihr zur Seite, zwei Ziegen meckerten hinten, ein Hasenvater hoppste an seinen vernachlässigten Jungen vorbei, die Schwalbennester prangten in vergilbendem Rot, auf der Stallschwelle saßen Hühner mit ihrem Hahn, Enten wackelten einher, die Gänse erzählten sich die Neuigkeiten der Zeit, und das fleißige Lieschen schnurrte dünn und abgearbeitet die Stunden aus der Stube herunter in den Stall.

Die Mutter Trudel war alt und mager geworden, und es dauerte etliche Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern konnte. Riesele, im ganzen etwas schmächtiger gebaut als die Mutter,strotzte von Jugendkraft, und es kam dem Bauern Klaus gleich am ersten Tag der Gedanke, die alte Trudel irgendwie zu verkaufen und Riesele ihren Dienst versehen zu lassen.

Seltsamerweise war die ganze Familie mit diesem Plane gleich einverstanden, und auf der Straße sagten die Leute:

„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte abschaffen!”

Es gab sich Gelegenheit, sie nicht einem Pferdehändler, auch nicht einem Roßschlächter überantworten zu müssen, indem ein Bäuerlein des Dorfes sie um ein Geringes erstand und sie neben sein schwaches Kühlein spannte.

Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Riesele frischen Mutes in die heimatlichen Siele trat. Am ersten Tag ließ sich Gustav von seinem Bruder August ins Städtchen zu seinem Meister fahren, wo er das Wagnerhandwerk erlernen wollte; und amAbend trabte Riesele nochmals hinunter, den Gustav wieder abzuholen!

Jeder Schritt, den Riesele tat, war Freude; jeder Atemzug war Freude! Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen war, goß Freude in Rieseles Seele; das leere Feld goß Freude in seine Seele! Die kahlen Obstbäume, die wie abgearbeitete alte Männer den Hang hinan standen, als mühten sie sich, hinaufzukommen, als wollten sie jederzeit niedersinken auf ihren ausgebreiteten Schattenteppich, sie erfüllten die Seele des Gäulchens mit Freude! Das Wässerlein rieselte nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter, nicht leiser inmitten der Wiesen, und war so hell und so klar wie ehemals, ließ sich auf den letzten Grund gucken und verheimlichte nichts von seinem Wesen, und gab bereitwillig und munter schwatzend dem Riesele, wenn dieses über das Brückelchen stapfte, den Schattenriß seines Kopfes wieder.Welch eine Freude tat das Wässerlein in Rieseles Herz, wenn es die weiße Blesse schimmern ließ!

Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon ein paar Kinder entgegen, setzten sich zu den Burschen aufs Wägel, und zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein blaues Band im Krönchen seiner Haare trug, und öffnete das Fenster und hörte nicht auf zu singen. Es kam sogar heraus zu Riesele, liebkoste es und sprach:

„Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben? Ich für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein Märchenland wie du, ich käme nicht heim ohne goldene Schuhe!”

„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte Gustav, „sonst kann es geschehen, daß du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg macht Deutschland zum Aschenbrödel der Welt!”

Gustav schirrte Riesele ab; am rechtenBrustbein hatte das Kummet der Mutter, das dem Riesele zu weit war, eine Wunde aufgeschürft, die Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied von den drei Lilien, und Riesele spürte keinen Schmerz und trat in seinen Stall und legte sich.

Ueber Nacht schneite es ein wenig. Am andren Morgen bekam Riesele vom Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren!

Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu tausenden im Lot nebeneinander, versinken nach der Tiefe zu im Dunkeln, die saftgrünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und ihr Schnee bedroht Menschund Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis zu wagen! Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwucherte Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins Weite. Hie und da bricht eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken.

Als Riesele an einer Lichtung stehen bleibt, wo der Bauer kleine Fichten schlägt, da ballt sich das Düster zusammen und flieht in großen Fetzen über den weißen Hang hinan, und die Sonne greift in langen Strichen durchs Düster zwischen den grünweißen Fichten. Von den Spitzen herab tropft das Schneewasser, schneidet durch das Sonnenlicht und jauchzt tiefblau auf für ein Sekündchen. Was hängt, zittert und quirlt aus seiner Unruhe alle Farben dieser Erde, und entblößt die Schönheit der Sonne und ihre Seele. Rasch sinken die Schneemassen hernieder, die tiefhängenden Schalen hebensich der Sonne entgegen und lassen den Schnee über die Ränder gleiten, und behalten tausend Wassertropfen an den grünen Nadeln, in denen die Sonne ihr Geheimnis millionenfach offenbart.

Geblendet von der schillernden Farbenpracht, läßt Riesele hin und wieder die Lider sich über die großen Augen herabwölben und hebt sie sogleich wieder, die Pracht in sich einzutrinken und keinen Tropfen zu verlieren! Der Duft der Fichten mischt sich drein; die frisch umgehauen wurden, strömen ihr aufgeritztes Blut umher, und Riesele saugt diesen würzigen Duft durch die weiten Nüstern in sich ein.

Der Wagen ist schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen:

„Weihnachten, Weihnachten!” undes ist, als freue sich auch das Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die erschlagenen Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben durften ...

Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg wieder machen und mußte Christbäume an den Bahnhof fahren.

Indeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand, ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern und gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus und schnallten die Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme seitab und die roten Nasen hochauf.

Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauer Klaus brach das Eis, um es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Riesele durfte lange neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm, wärmten ihreHände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke und umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann.

Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der stillen Winterszeit!

War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als Riesele hätte das so eilig besorgen können? Weilte der Herr Amtsrichter im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als Riesele, und wer diskreter als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter über den Berg gezogen?

Sollte der Herr Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder: wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch Nacht und Wind gestürmt,zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem ewigen Glück?

Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel, der Schweinehirt, den Stall und setzte sich vor Riesele auf dessen steinerne Krippe und sprach:

„Ich will dir Prosit Neujahr sagen, Riesele, alter Freund! Nichts weiß ich von dir aus deiner Zeit der Fremde! Nur eine schlimme Spur von der Menschen Hand trägst du an deiner Seite, die ich erkennen kann: sie haben dir das Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um mehr Arbeit von dir, um größere Freude an dir haben zu können. Sie ließen nicht zu, daß du jemals Mutter werdest! Sie, die sich Krone der Schöpfung nennen, treiben Raubbau mit Gottes Angesicht, wo immer sie es antreffen. Zum Glück, ach ja, zum Glück werden sie ja von Tag zu Tag blinder für die Herrlichkeiten der Schöpfung, wie zu des alten Noe Zeiten! Damals kam die gewaltigeSintflut von oben herab über die Menschen! Später, als sie wieder alles vergessen, aber nichts gelernt hatten, da schickte Gott sogar seinen eigenen Sohn herunter, sie zu erlösen von ihren Narreteien und von ihrer Vernichtungswut gegen Gott! Das war doch wohl das letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung stand: Gott selber kam und — erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei froh, daß du kein Mensch bist! Kein Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest dich auch nicht selber erlösen, Riesele, wenn du ein Mensch wärst, obwohl du alsdann doch den Ekel an dir und die Sehnsucht nach Erlösung in dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat sie sich selber überlassen, da er offenbar nicht wußte, was geschehen sollte! Nun, was haben sie getan? Aus sich heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben sie eine neue Sintflut geboren, eine Sintglut aus Blut und Eisen! Aber auch diese Flut war nicht schrecklichgenug, sie zu bessern, nicht groß genug, sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu Stahl geworden, wieder da und wissen nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden! kreischen sie, überdrüssig des Stahles, an allen Ecken und Enden der Welt! Weißt du, Riesele, was das ist: Frieden? Und wann erst wieder Frieden werden wird auf Erden, wann der liebe Gott wieder sichtbarlich — freilich nicht mehr in Gestalt der Menschen — auf Erden wandeln wird, wann, wann, Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich weiß es: wenn die Zeiten der Menschen abgelaufen sein werden! Dann und nicht eher!

Soll ich dir sagen, was mir neulich unser Pastor, den du gut kennst, den du noch aus deiner Jugendzeit kennst, was der zu mir sprach? Er sprach, und er ist ein weiser Mann und hat das Herz auf dem rechten Fleck:

„Pfaffen herbei!” hat er gesagt, „Hohenzollernsches Brimborium herbei!Diesem Geschlecht kann die Hölle nicht heiß genug gemacht werden!” So hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ... Er ist keiner von jenen, die er herbeiwünscht, er verwünscht alle Peitschen, die über die Menschheit geschwungen werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich mir noch gelten, aber er ist gar kein Pfaffe!

Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen, wie die Menschen sich die Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen!

Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere, lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen Wiesengärten, die sich endlos über die Erde erstrecken. Sie lebten vereinzelt, zu zweien und in großen Herden, sie fraßen das Gras vom Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. Sie lebten der Liebe wegen. War im Winter die Erde überschneit, so scharrten sie mit breiten Hufendas Gras bloß und warteten auf bessere Zeiten. Feinde lauerten manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter. Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor, sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut.

Nicht minder geschickt aber wußten die Pferde sich zu verteidigen. Schon lange, bevor der Feind zur Stelle sein konnte, hörten sie ihn mit den hochgestellten Ohren, sahen sie ihn mit den großklaren Augen im Kreise schleichen, und nun ordneten sie sich eiligst in der Runde, streckten die Köpfe nach innen, daß die bewehrten Hinterbeine nach außen im Kreise standen, und nun, wenn der Feind es wagte, heranzukommen, feuerten diese Hufe gegen ihn aus, daß er kein Plätzchen, keine Lücke fand, anzugreifen.

Da kam der Mensch! Erst schleuderte er aus dem Hinterhalt die schwerstenSteine in die Herde, dann schoß er Pfeile ab aus weiter Entfernung, das Fleisch der Pferde zu essen, da er ringsum in der Natur nicht genug fand und es den Blutsaugern ähnlich machen wollte.

An einem Fluß hing seine Hütte halb im Wasser; sein Feld erstreckte sich den Wald entlang, seine Frauen und seine Kinder wuschelten im Schilfrohr und nahmen den Kiebitzen und den Enten die Eier aus den Nestern und stachen die Fische aus dem Wasser. Mühsam, ja, mühsam warfen sie die Schollen der Erde um, daß neues Korn um so besser wachsen konnte, und sie sahen die starken Pferde in göttlicher Freiheit auf den Wiesen umhertollen und kamen, gedankenreich, wie sie sind, darauf, diese Pferde einzufangen und vor die rohe Pflugschar zu spannen. Mit einem großen Seil mußten sie das erste Pferd eingefangen haben. Es ward an den Pfahl gebunden, es ward mit Rindshautriemengezügelt, alsdann zog es mit Leichtigkeit den Pflug! Zur Regenzeit stand es unter einem Dach, zur Winterszeit in einem warmen Stall. Gab es dem Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür ein reichliches Futter und brauchte besonders im kalten Winter nicht das spärliche Gras aus dem Schnee zu scharren.

Durch ein Loch in der Lehmwand seines Stalles sah es seine Kameraden draußen in der Kälte des Winters nach dem spärlichen Grase scharren, indeß es selber seine warme Suppe nicht ganz verzehren konnte. Da kam sein Herr herein, sattelte es, nahm das lange Seil, schwang sich auf des Pferdes Rücken, und nun galoppierten die zwei keck den vielen Kameraden entgegen, mitten in sie hinein, der Mensch schleuderte das Seil und fing sich ein zweites Pferd, das mit heim in den warmen Stall gehen mußte.

Möglich, Riesele, daß noch anderePferde nachkamen, freiwillig ihrer Freiheit sich begaben für das bißchen Wärme, für das bißchen Futter!

Wie gesagt, Riesele, Freiheit tauschten sie für die Bedürfnisse des Bauches und für die Bequemlichkeit! Ich für mein Teil und du nicht minder, Riesele, wir wären nicht in die Falle gegangen, wir wären draußen geblieben, denn auch der garstige Winter ist schön, wie alle Natur in jeglichem Zustand schön ist, wie jeder Mensch, der sich natürlich gibt, und das Herz, das hier nicht recht Bescheid weiß, lebt nur halb und weiß nicht, was vollkommene Freude ist!

Die Menschen haben die Verbindung verloren mit der großen Natur allhin gleich dem Wasser der Pfütze, das steht, stockt, stinkt und nicht zum Meere kann und des Meeres Pulsschlag verloren hat.

Gut, gut, Riesele: das Geschöpf ist in sich gut und will seinem Mitgeschöpf behilflich sein! Aber der Mensch unterjochtedie Tiere, erfand die Peitsche, rottete viele gänzlich aus und machte auch den Mitmenschen sich zum Haustier. Das ist die Wurzel alles Elends in der Welt! Die Freiheit wurde ausgerottet, und was da übrig blieb, — der Pastor hat recht! — das ist reif für den Schürhaken der Hölle!

Wer spielt die größte Rolle in diesem Menschengezücht? Wer? Der Bauch! Ha, sie haben so viele Erfindungen gemacht, sie haben sich mit Leib und Seele der Chemie verschrieben und von der Natur entfernt: wenn die Chemie doch wenigstens ein Kernchen Radium zu präparieren verstünde für den Bauch, für den Magen, für den absoluten Souverän der Menschen, daß ein ganzes Geschlecht davon seine Kräfte beziehen könnte, der Freiheit zu fröhnen und der Minne! Ha, sie überfressen sich und sagen: das ist unmenschlich und tierisch! Sie wollen das Tier im Menschen überwinden, hörst du's, Riesele! siewollen das Tier im Menschen überwinden und wissen nicht einmal mehr, daß das Tier keusch ist! Diese raffinierten Bösewichter des Weltkriegs wissen überhaupt nichts mehr vom Guten! Wer könnte uns erlösen? Wollen wir's einmal mit dem Gotte in unserer Brust versuchen, der von uns verlangt, daß wir in Minne das Gute tun und sonst gar nichts? Wollen wir's versuchen? Wir zwei, wir wollen uns freiwillig der Gemeinschaft verschreiben und sie erlösen helfen, wenn dies möglich ist! Wir wollen die Verirrten lieben, weil wir Mitleid mit ihnen haben, die Hungrigen speisen, die Kranken besuchen, die Gefangenen erlösen, o Gott, o Gott, Riesele: lieben wollen wir, lieben! Wir wollen helfen, glücklich machen, wir wollen uns freiwillig in Minne unserer Freiheit begeben, Riesele, Apostel der Freiheit werden, daß Gott für unsere armen Mitmenschen in uns wirksam werde!”

Es schlug zwölf, als Cornel seine lange Rede beendet hatte, Schüsse krachten im Tal umher, das Geknall vorlauter Feuerfrösche hüpfte zwischen den Revolverschlägen umher, und junge Stimmen riefen das neue Jahr ein, das wie jedes seiner Vorgänger den Menschen das Glück und reichen Segen bringen sollte ...

Als der Frühling kam, erwachte in dem Dorf sogleich die alte Fröhlichkeit wieder. Die Kinder sangen auf den Gassen, sie besuchten Riesele, sie liefen neben ihm drein, sie schenkten ihm Zucker und gutes Brot, denn an solcherlei Dingen fehlte es in dem Gebirgsdörfchen nicht. Sie steckten ihm die ersten Blumen ins Halfter, ganze Ketten von Löwenzahn schoben sie ihm übers Kummet, und sie riefen seinen Namen auf Weg und Steg.

Die Burschen suchten in den Wiesen nach den schönsten Blumen, banden Sträuße und stellten sie ihren Liebsten vor die Fenster. Des Abends saßen sie bis tief in die Nacht auf den steinernen Haustreppen bei den Mädchen, erzählten vom verruchten Krieg und botenmitten im Schlachtengeheul ihre liebenden Herzen preis und spielten die Ziehharmonika, die alle Vertraulichkeiten des Herzens so trefflich zu sagen versteht, und sangen jene alten Lieder wieder, die unmittelbar von Herz zu Herz gehen. Die Mädchen kannten schier diese Lieder nicht mehr. Zoten aus Deutschlands eckigem Wasserkopf, Zoten aus Deutschlands fettem Bierherzen hatten sie schon lange vorm Krieg hart bedrängt und verdrängt! Die Küsse, die man zu diesen Zoten gab oder nahm, verwundeten, die Küsse, die man zu den alten Volksliedern gab oder nahm, heilten! In den Scheunen wurde getanzt.

Da stand irgendwo ein kleines Geschöpf, konnte zwar nicht mitsingen, konnte auch nicht mittanzen und noch viel weniger mitküssen, stand da und legte sich nicht um und schloß die hellen Augen nicht und hatte das kleine Herz so voll ungestümer Sehnsüchte nach Menschenliebe! Da stand es und riß anseiner Kette, die nicht aus Löwenzahn gefertigt war, und scharrte mit dem linken Vorderfuß und nickte mit dem Kopfe und blieb immer wieder allein! Zwar war es müde von des Tages Last und Arbeit, zwar ging sein Atem schwer, aber die Augen blieben nicht geschlossen, und der Kopf reckte sich immer wieder aus dem Stroh empor.

Das Riesele führte also tagsüber den Mist auf die Aecker, kehrte heim, holte den Pflug und die leichte Egge und zog sie auf einer Schleife hinaus. Als es aber vor dem Pfluge eingespannt war und die Schollen aufwerfen sollte, da war seine Kraft zu schwach. Der rothaarige Gustav begann zu fluchen, wie wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar neben am Waldrand eine Gerte ab und schlug auf Riesele drein, bis er sich überzeugt hatte, daß sein Räppchen nicht aus böser Absicht den Pflug nicht zog! Der Bauer Klaus holte die alte Trudel, die jeweils den Acker wenn auchmühsam durchpflügt hatte, und spannte Mutter und Tochter nebeneinander, und die Schollen stürzten wacker um.

Ha, wie gingen dem Gäulchen die Nüstern auf, als die frische Erde zu duften begann, die den Winter ausstrahlte und den Frühling behielt und neuen Frühling aus der Sonne trank! Wärme und Kraft stiegen aus den Schollen, und die Dohlen kamen von den kahlen Bäumen heruntergeflogen und die zierlichen Bachstelzen, ganze Schwärme von Staren, ein Ungeziefer zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn!

Dann mußte Riesele mit der Mutter ein Stündchen am Wege stehen, Gustav stapfte mit großen Schritten über die dampfende Erde und streute in mächtigen Bogen den Weizen aus, der im Fallen knisterte und im Auffliegen, als sehne er sich nach dem weichen Schoß, weithin in die gleichmäßig nebeneinandergezeilten Furchen. Rieselefraß neben der Mutter unterdessen das kaum ersproßte Gras des Weges ab, und die Stränge mit dem Sellscheit schleiften hinter ihnen drein.

„Famos, Riesele!” rief Cornel, der mit seinen Schweinen vorüberzog.

In langen gelben Bändern blühte der Raps, und der Wind warf in breiten Schwaden den würzigen Honigduft herüber, und die Bienen summten drüber her.

Der Weizen sproßte, das Korn schoß auf, die Weinstöcke streckten ihre grünen Fähnchen heraus, und alles, was unten wuchs, ward von den kugeligen Apfelbäumen überblüht und von den aufstrebenden Birnbäumen, und der Blütenjubel sprang hügelauf, hügelab im Tal einher, und niemand war, der sich nicht freute! Kaum ein Tag verging, ohne daß Riesele nicht irgendwie geschmückt worden wäre von Trudel oder von den andern Kindern des Dorfes. Einmal flatterte schier eine ganze Woche langein lila Bändchen an seinem Halfter, und niemand wußte, wer es angesteckt hatte!

O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, wie ehedem mit den Kindern umherzutollen! Aber es mußte schaffen, solange der Tag währte, und schaffen war schließlich auch ein Spiel! Es zog den Wagen hinaus, und auf der Leiter glänzte die scharfe Sense; der Gustav schlug den würzigen Klee um und lud ihn auf, und Riesele zog ihn heim, daß die Kuh, die Geißen, die Hasen und schließlich auch die Gänse und die bequemen Enten etwas zu fressen hatten und das Riesele auch!

Es mußte den armen Kindern helfen, seinen Freunden, wo immer es konnte. Sah es, daß ein Kind eine Last Futter auf dem Kopfe heimschleppte, so mußte das Kind seine Last auf des Pferdchens Wagen legen und durfte vielleicht sogar noch selber aufsteigen! Wollten sie, die Kinder, ins Nachbardorf an den Bahnhof, und Riesele hatte dortselbstauch etwas zu besorgen, — was schon manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit vorkam, — so hieß es kurzerhand wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn die Eisenbahn einmal keine Verspätung hatte, und schon hinterdrein gerannt kam, als hätte der Kommunalverband etwas übrig fürs Zügle, wer war schließlich doch zuerst am Bahnhof?

Welch eine Kraft bändigte das kleine Riesele in seinen dünnen Beinchen, wenn's was zu helfen gab!

Eines Abends erwachte hinten im Armenhaus auch ein anderes Lied wieder und schwebte in breiten Flügelschlägen übers Dorf hin. Einmal erwacht, wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht mehr schlafen gehen und kam jeden Abend und oft unter Tag, wenn Cornel nicht gerade auf den Feldern des Großbauern schaffte. Vielleicht rief dieses Waldhorn ganz frühe Jugenderinnerungen in Riesele wach, vielleicht auch die viel näher liegenden Vorstellungenaus dem buntgekleideten Künstlerleben im Zirkus, aber es nähme durchaus nicht wunder, wenn auch ohne all diese Erinnerungen die empfindsame Pferdeseele in ihrem geruhigen Gleichgewicht beeinträchtigt worden wäre! Lag Riesele im Stall und ruhte sich aus nach des Tages Mühen, so sprang es sogleich auf, wenn Cornels Waldhorn ertönte, so bockelte sein Blut in allen Pulsen, so regten sich alle Muskeln, die draußen in der Welt für irgendein Kunststück zugestutzt worden waren: der linke Vorderfuß scharrte, der Kopf nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen, die Hinterbeine strafften sich, als sollten sie die Last des Körpers in sich aufnehmen!

Ging Riesele an den Strängen, und das Waldhorn schwebte heran, so fing es an zu tänzeln, mochte die Last noch so schwer sein. Die Ohren stellten sich, die Nüstern weiteten sich und witterten den Tönen nach, der lange Schweifpeitschte hin und her, als schwärmten Bremsen an seinen Lenden. Das Kummet begann an dem Halse zu zerren, weil der Hals steil aufragte, das kindliche Spiel der Muskeln trat deutlich aus dem Ebenmaß der Glieder hervor, und die Räder des Wagens schnitten über die Geleise.

Dem Bauern Klaus und seinen Kindern konnte dies Gebahren nicht entgehen, und da sie vermuteten, daß Riesele draußen in der Fremde für allerhand Kunststückchen abgerichtet worden sei, so ließen sie ihm diese seine Freude und erfreuten sich selber daran, und wiederholt sagte der Bauer zu allen, die sich darüber aufhielten:

„Wir wollen fröhlich miteinander unser schweres Tagwerk vollbringen und unseren Vater preisen, der mit uns ist!”

Und Riesele war voll der Lieder seines Freundes Cornel und trug sie mit sich durch sein arbeitsreiches Leben wiedie Lieder der Lerchen, die aus dem Himmelsblau über es herabfielen, wie die Lieder der Blumen, die allhin läuteten, der Wälder, der Winde, der Wolken, und seine unentwegte Fröhlichkeit verschenkte Feiertag und Glück, wohin es auch kam, denn es war ja selber ein Lied draußen in dem großen Jubelruf der Natur.

Die Geschichte ist aus. Der Erzähler sah das Riesele zum erstenmal, als er am ersten Ferientag, noch voll vom Staub der Stadt, mit seiner Frau und seinen Kindern hinter den Bergen aus dem Bahnhof trat. Inmitten einer großen Menschenmenge schwang sich just im selben Augenblick eine buntgekleidete Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen auf einen Schimmel, der im Kreise raste, und blieb aufrecht stehen und hielt einen Reif über sich und hoppste auf dembreiten Pferderücken von einem Fuße auf den andern.

Seine Buben aber sahen zuerst das schwarze Gäulchen seitab stehen und rannten zu ihm hin und streichelten es.

Und auf einmal beginnt die kleine Gesellschaft zu rennen, und das Gäulchen schießt wie toll mitten in die Menge hinein, daß alles vor solcher Wut auseinanderstiebt und Platz macht. Der Erzähler dachte, seine Buben hätten das Tierchen etwa gefoppt, aber das war nicht so. Er hört, wie die bunte Dame einen Schrei ausstößt, herzzerreißend schier, wie Frauen ja schreien können, sieht sie vom Schimmel hüpfen, sieht sie auf das Räppchen losstürmen und sieht sie umarmen und küssen und immer wieder küssen.

„Dauphin, Dauphin!” ruft sie, breitet die Arme weit aus, spreizt die Finger und schreit:

„Da guck, mein Schatz, Granaten hab' ich gedreht, Granaten! Und du?”

Die Leute sind bestürzt und kommen näher hinzu zu diesem seltsamen Wiedersehen, das sie sich alle nicht erklären können. Die Dame aber verlor sich in ihrer Freude oder in ihrem Schmerz gänzlich und sagte, ohne sich um die Menschen zu kümmern:

„Mein Bräutigam, Dauphinettele, weißt du, mein König, dein König, er ist der einzige König, der gefallen ist!”

Man schwieg ringsum; man sah bestürzt zu der so fröhlich gekleideten Frau und schwieg irgendwie gerührt. Die Frau aber nahm das Gäulchen von seinem Wagen weg, band ihm ein Seil ans Halfter, und siehe da: sogleich beginnt dies, wie wenn's gar nicht anders sein könnte, im Kreise zu trippeln und nickt mit dem Kopf und niest vor Freude. Die Umstehenden, die das Räppchen kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche, dem es offenbar gehörte, kam aus dem Bahnhof gerannt mit einer schweren Rolle Stacheldraht auf den Schultern,ließ den Draht fallen und trat zur Dame in den Kreis, um auch dabei zu sein.

„Komm her, mein Schatz!” befahl die Dame, und sogleich kam das Tierchen zu ihr und scharrte auch schon mit dem linken Vorderhuf.

„À genoux!” schrie sie nun, aber sie schrie es nicht zum zweitenmal, denn sie küßte das Kerlchen schon wieder auf seine weiße Blesse und sagte dann zu ihm und zu dem Bauernburschen:

„Geh heim in deinen Sonnenschein, Sonnenschein du! Nimm mich mit, nimm mich mit!”

Es geschah, daß der Erzähler und seine Familie, die Buben links und rechts beim kleinen Gaul, mit dem Bauernburschen und mit der bunten Dame gemeinschaftlich den Berg hinanschritten, und daß er mit seiner Familie in den Stall zum Bauern Klaus kam und daselbst ganz oben im Dachstübchen Wohnung nahm bis zum letzten Ferientag.Die Dame hatte es nicht so gut und mußte schon am nächsten Tag mit ihrer Seiltänzertruppe weiterziehn!

Riesele schloß rasch Freundschaft mit den beiden Buben und machte sie dem Fräulein Trudel, dem Herrn Gustav, dem Herrn August, sowie allen Dorfkindern ebenso rasch zu Freunden, aber auch allen Erwachsenen und allen Tieren und dem Wald, den Wiesen, dem rauhen Bergwind und der lieben Frau Sonne.

Als der Großbauer Michael seine riesigen Erbsenfelder einerntete, stand das ganze Dorf auf den Aeckern, Buben und Mädchen, Männer und Frauen kunterbunt durcheinander, weithin in langen Reihen aufgelöst, und auch der Erzähler befehligte eine Rotte und führte sein Büchlein zwischen den Knöpfen des Rockes gleich dem Herrn Lehrer und gleich dem Herrn Pastor und gleich Cornel, dem geliebten Sauhirten. Hättet sehen sollen, wie hochbeladendas Riesele die Maschensäcke auf seinem Wägelchen liegen hatte! Hättet sehen sollen, wie die Stadtbuben Friedemann und Klaus im Schweiß ihres Angesichtes mit diesem Fuhrwerk unausgesetzt an den Bahnhof eilten und wieder kamen und aufluden!

Ach Gott, als die Ferien zu Ende waren, wollte der kleine Klaus das Riesele mitnehmen in die graue Stadt!

Der Erzähler aber, der Vater, anstatt das Riesele zu kaufen, setzte sich, wenn er müd vom Dienst war, des Abends hin und schrieb für seine Buben die Geschichte ausführlich nieder, freilich auch für andere Buben und für andere Leute, und im nächsten Jahr, wenn die Ferien beginnen, wird er, wenn's möglich ist, wieder zum Bauern Klaus hinter die Berge gehen, dessen Brot zu genießen, dessen Arbeit zu teilen, dessen Sonne einzuheimsen und manch wackeres Wort.

Maria vom Rheine

Erzählung

Wilhelm Schäferschreibt in den „Rheinlanden”: Ich preise dieses Buch als eine seltene Dichtung. Wenn einmal die Literaturgeschichte den Mut finden wird, auch in unserer grauenvollen Zeit nach Blüten zu suchen, wird diese Erzählung sicherlich einen der reizvollsten Funde darstellen. Ich muß gestehen, ein paarmal dachte ich an den herrlichen „Taugenichts” von Eichendorff, so bilderbunt und romantisch läuft diese Erzählung dahin, die von einem Steinbild an einer rheinischen Kirche ins Mittelalter abschwenkt, um mit dem Schicksal des Steinbildes wieder in der Gegenwart zu schließen.

Hans Benzmannin „Das neue Deutschland”: Es gibt Dichtungen, die so fein sind, die so in allem den Leser und seine Seele hinnehmen, ihn so im tiefsten beglücken, daß er nichts anderes über sie sagen mag: Lest alle sie, sie waren mir ein Erlebnis und schenkten mir ein vollkommenes Selbstvergessen, sie werden euch wie mir unvergeßlich sein.

Georg Müller Verlag München

Nikolaus Schwarzkopf

Mathias Grünewald

Ein Büchlein für Kinder Gottes

Wie der Untertitel sagt: Kein Buch der Kunstwissenschaft oder der Kunstgeschichte, kein „gelehrtes Buch”, kein Buch für den „Kunstkenner”! Ein Buch vom Menschen und für den Menschen, ein Buch von der Seele, ein Buch der tiefinnersten Dinge, der positiven, gottfröhlichen Kindschaft, jenseits aller Konfessionalität. Wer dieses Büchlein gelesen hat, wer den Ueberschwang der göttlichen Malerseele des Meisters Mathias in sich verspürt, nachgefühlt, wer sich warm gelesen an diesen Flammenzeichen der einfachsten Gottesnähe in uns, tief in uns, dem wird der Meister und alle Kunst schlechthin ein neues Zeichen sein, die Schuhe zu lösen an diesem heiligen Ort. Der wird seiner Seele leichter folgen können, wenn sie zurückstrebt ins gelobte Land der Gotteskindschaft und Gottesnähe.

Georg Müller Verlag München

Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt

Anmerkungen zur TranskriptionInkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:allzusehr — allzu sehranderen — andernging's — gingsindes — indeßsoll's — sollstrottelt — trottetüber'n — übernWeideplatz — WeidplatzInterpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:S. 7 „tiefgeleisigen” in „tiefgleisigen” geändert.S. 15 „mirs” in „mir's” geändert.S. 36 „wirs” in „wir's” geändert.S. 37 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert.S. 77 „im Schweiße ihres Ansichtes” in „im Schweiße ihres Angesichtes” geändert.S. 80 „neben aus dem Maul” in „eben aus dem Maul” geändert.S. 99 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert.S. 123 „wenns” in „wenn's” geändert.S. 138 „Henst” in „Hengst” geändert.S. 153 „auf den Kien” in „auf den Knien” geändert.S. 171 „allmorgentlichen” in „allmorgendlichen” geändert.S. 182 „hintenher” in „hinterher” geändert.S. 233 „nießen, nießte” in „niesen, nieste” geändert.S. 240 „nießen” in „niesen” geändert.S. 291 „aufgeschurft” in „aufgeschürft” geändert.mehrfach „A genoux” in „À genoux” geändert.


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