Amphibien oder Lurche.

Amphibien oder Lurche.

Eidechse und Salamander ähneln sich derart, daß man beide für Angehörige derselben Familie halten könnte, etwa wie Katze und Tiger; allein das Studium ihres Körperbaus und ihrer Entwicklung hat ergeben, daß sie zwei verschiedenen Klassen angehören und nicht näher miteinander verwandt sind als Walfisch und Fledermaus. Die Salamander bilden mit den Blindwühlen, Kiemenmolchen, Fröschen und Kröten die Klasse derAmphibien, deren Junge echte Wassertiere und gleich den Fischen mit Kiemen ausgerüstet sind. Manche behalten die Kiemen zeitlebens, andere verlieren sie und atmen im erwachsenen Zustand durch Lungen. Sie machen eine Verwandlung durch, was oft mit einer auffallenden Änderung der ganzen Gestalt und Lebensweise verbunden ist (Kaulquappe und Frosch). Doch gibt es auch Ausnahmen.

Die Eidechsen, Blindschleichen, Schlangen, Krokodile und Schildkröten stehen entschieden höher; sie atmen niemals durch Kiemen und machen keine Verwandlung durch. Man hat sie daher von den echten Amphibien getrennt und zur Klasse derKriechtiereoderReptilienvereinigt.

Die heutigen Lurche sind eine heruntergekommene Gesellschaft und lassen nicht mehr erkennen, welche bedeutende Rolle ihre Vorfahren gespielt haben. Letztere standen in der Steinkohlenzeit an der Spitze der gesamten Tierwelt und weisen achtunggebietende Vertreter auf. Da ist einmal derKohlendrache(Anthrakosaurus), ein Riesenmolch von der Größe des Nilkrokodils, aber breiter, schwerfälliger und plumper als dieses, während der „Echsenstammvater“ oder Ursaurier (Archegosaurus) von schlankerem Bau und höchstens 1,5 Meter Länge war. Eine fußlose Form,Dolichosoma(vondolichos: lang undsoma: Leib), mit langem, spitzigem, schmalem Kopf gleicht einer Riesenschlange. Sie hatte aber keine Lunge wie die echten Schlangen, sondern Kiemen an den Seiten des Halses und bewohnte die großen Sümpfe und Seen der Steinkohlenperiode. Reste dieses sonderbaren Lurches wurden in England, Irland und Böhmen, solche von verwandten Gattungen in Nordamerika gefunden.

Neben den genannten existierten zahlreiche kleinere Arten von der Größe der heutigen Molche. Einige derselben scheinen mit Vorliebe in Baumhöhlen gehaust zu haben, denn man findet ihre Skelette nicht selten in hohlen Siegel- und Schuppenbäumen.

Abb. 1. Schädel und Zahn vom Mastodonsaurus.

Abb. 1. Schädel und Zahn vom Mastodonsaurus.

Ein gewaltiges Tier wurde in der schwäbischen Triasformation gefunden, derZitzenzahndrache(Mastodonsaurus giganteus), wohl 4 Meter lang, wovon reichlich ein Meter auf den Kopf entfällt. Das furchtbare Gebiß mit 10 Zentimeter langen Eckzähnen deutet auf eine räuberische Lebensweise. Sehr häufig findet man Fährten von dergleichen Amphibien, ohne daß man feststellen könnte, von was für Arten dieselben herrühren. Da die Abdrücke handförmig sind, so spricht man allgemein vonHandtieren. (Siehe Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, Seite 7.) Auffallend ist der Größenunterschied zwischen den vorderen und den hinteren „Händen“. Jene Fährten sind dadurch zustande gekommen, daß die betreffenden Tiere über feuchtes See- oder Meeresufer dahingeschritten sind. Der sandige oder schlammigeLehm erhärtete hierauf; später wurden die Fußtapfen bei steigender Flut ausgefüllt, und so entstand ein Abguß der Fährten.

Schon eine flüchtige Betrachtung ergibt, daß die alten (fossilen) Amphibien von den heutigen in mancher Beziehung abweichen, und bei genauer Untersuchung des Körperbaus wird das noch offensichtlicher. Die jetzigen Lurche (Molche, Frösche) sind nackt, die alten tragen einen Knochenplatten- oder Schuppenpanzer, weshalb siePanzerlurchegenannt werden. Sie stimmen also hierin mit den Reptilien oder Sauriern überein (Eidechsen, Krokodile). Auch sonst haben sie große Verwandtschaft mit letzteren, aber auch mit gewissen Knorpelfischen, vereinigen also die Merkmale von drei heute scharf geschiedenen Wirbeltierklassen. Das Skelett ist meist knorpelig oder nur teilweise verknöchert und die Wirbel sind oft nur angedeutet, die Augenhöhlen meist groß und mit einem brillenartigen Knochenring versehen. Auf der Stirn befand sich ein unpaares drittes Auge, das bei den jüngeren Amphibien verkümmert, aber immerhin noch nachweisbar ist. Selbst beim Menschen ist die rudimentäre Anlage dieses unpaaren Auges als sogenannte Zirbeldrüse des Gehirns vorhanden.

Für dieAbstammungder Amphibien ist außer den angeführten anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen die Existenz einer kleinen, aber interessanten Tiergruppe, die sich bis auf unsere Tage erhalten hat, von hervorragender Bedeutung; das sind dieLurchfischeoderDoppelatmer. Der berühmteste unter diesen ist derBarramundi(Ceratodus) Südaustraliens, ein walzenförmiges, 2 Meter langes Schuppentier, dessen steife, gleichfalls beschuppte paarige Flossen als Schreitbeine benutzt werden können. Er besitzt noch Kiemen für die Wasseratmung, hat aber die Schwimmblase in eine Art Lunge umgewandelt, so daß er im Notfall direkt Luft einatmen kann. Zwei verwandte Gattungen Südamerikas und Südafrikas können des Wassers völlig entbehren. Wenn die Sümpfe und Bäche, in denen sie leben, austrocknen, so stellen sie die Kiemenatmung ein und benutzen ihre primitiven Lungen, das heißt die zelligen Schwimmblasen. Hier sehen wir klar, welchen Weg die Natur gegangen ist, um aus flossentragenden Wassertieren vierbeinige Landtiere zu schaffen. Es hat also in der Vorzeit, wahrscheinlich in der Devonperiode, unter den Fischen eine Scheidung stattgefunden; der größere Teilbeharrte beim Wasserleben und änderte daher die Organisation nicht mehr wesentlich; ein kleiner Teil suchte sich dem Landleben anzupassen, und aus ihm gingen alle höheren Wirbeltiere bis zur „Krone der Schöpfung“ hervor. Die heutigen Lurch- oder Molchfische sind gewissermaßen lebende Petrefakten, die letzten Überlebenden einer längst verschwundenen Klasse, die von den Fischen zu den Amphibien und Reptilien und weiterhin zu den Säugetieren und Vögeln hinüberführte.

Abb. 2.Andrias Scheuchzeri(Scheuchzers Riesensalamander).

Abb. 2.Andrias Scheuchzeri(Scheuchzers Riesensalamander).

Unter denjüngerenfossilen Lurchen hat es nur eine einzige Art zur Berühmtheit gebracht; damit verhält sich’s folgendermaßen: In einem Steinbruch bei Öhningen am Untersee (Baden) fand man zahllose Versteinerungen aus der Tertiär- oder Braunkohlenzeit, darunter auch das Skelett eines ziemlich großen Wirbeltiers. Der alte Scheuchzer, Stadtphysikus und Professor der Mathematik in Zürich (1672 bis 1733), ein ausgezeichneter Gelehrter und trefflicher Naturforscher, dem aber das Bestreben, die im Entstehen begriffene Erdgeschichte mit der Bibel in Einklang zu bringen, einen bösen Streich spielte, glaubte darin Schädel, Wirbelsäule und Arme eines jungen Menschen zu erkennen. Er hielt es für eines jener „unglücklichen Adamskinder“, das in der Sintflut umgekommen, und nannte esHomo diluvii testis: Mensch, Zeuge der Sintflut. Ihm erschien es als „ein recht seltenes Denkmal jenes verfluchten Menschengeschlechts der ersten Welt. Die Abbildung gibt zu erkennen den umcreyß des Stirnbeins, die Augenleisen, das Loch an der untern Augenleise, welches dem großen Nerven vom fünften Paar den Durchpaß giebet, Überbleibsel des Gehirns, das Jochbein, etwas übriges von der nasen, ein ziemlich stück von denen kauenden Mäußlein, weiteres 16 Rückgrad-Wirbel und Anzeigen der Leber.“ Dazu dichtete ein frommer Gottesmann das rührende Sprüchlein:

Betrübtes Beingerüst von einem armen Sünder,Erweich’ das steinern Herz der neuen Bosheitskinder.

Betrübtes Beingerüst von einem armen Sünder,Erweich’ das steinern Herz der neuen Bosheitskinder.

Betrübtes Beingerüst von einem armen Sünder,

Erweich’ das steinern Herz der neuen Bosheitskinder.

Juralandschaft.Tiere: Im Vordergrund Teleosaurus, Rhamphorhynchus, Pterodaktylus, Archäopteryx.Im Hintergrund Fisch- und Schlangendrache, Brontosaurus.Pflanzen: Farne, Sagobäume, Schachtelhalme.❏GRÖSSERES BILD

Juralandschaft.

Tiere: Im Vordergrund Teleosaurus, Rhamphorhynchus, Pterodaktylus, Archäopteryx.Im Hintergrund Fisch- und Schlangendrache, Brontosaurus.Pflanzen: Farne, Sagobäume, Schachtelhalme.

❏GRÖSSERES BILD

Dem wackeren Scheuchzer war es mit seiner Sintfluttheorie hauptsächlich darum zu tun, den Zeitgenossen glaubhaft zu machen, daß die Versteinerungen Überreste von wirklichen Tieren und Pflanzen und nicht bloß sogenannte „Naturspiele“ oder durch allerlei geheimnisvolle Zauberkräfte hervorgerufene „Zeichen“ seien. Auch war damals von der voradamitischen Zeit und den geologischen Perioden und Formationen noch nichts bekannt. Das hier abgebildete Skelett befindet sich in der Züricher paläontologischen Sammlung und ist vom berühmten Cuvier (sprich Küwieh, gestorben 1832 zu Paris) alsRiesensalamander(Salamandra gigantea) bezeichnet worden. Das Tier weicht aber von den eigentlichen Salamandern in wesentlichen Punkten ab und wurde von Tschudi umgetauft inAndrias Scheuchzeri, was soviel bedeutet als Scheuchzers Menschenbild. In den Braunkohlen bei Bonn und in Böhmen sind zwei kleinere Arten vorweltlicher Riesenmolche gefunden worden. Der nächste lebende Verwandte desAndriasist derjapanische Riesensalamander(Andrias japonicus), der 90 Zentimeter lang wird und dem Öhninger Riesen an Größe nur wenig nachsteht. Es ist ein häßliches Geschöpf mit breitem, plattem Kopf, warziger schwärzlicher Haut und plumpen Füßen, lebt mit Vorliebe in Gebirgsbächen und den mit Wasser gefüllten Kratern erloschener Vulkane und nährt sich von allerlei Wassertieren, frißt in der Not auch seinesgleichen auf. Zahlreiche Tiergärten sind im Besitz lebender Exemplare.


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