Dietrich blieb noch eine Weile unter dem Thore stehen. Mit mächtiger Selbstüberwindung rang er die tiefe Gemütsbewegung nieder, die ihn ergriffen hatte: kein äußeres Zeichen durfte verrathen, was in ihm vorging.Als ein sehr gelassener, fast übertrieben höflicher Mann betrat er den Modesalon und wurde von Fräulein Julie, einer gut erhaltenen Schönheit, »comme il faut« bis an die Spitzen ihrer langen, lanzenförmig zugeschnittenen Nägel, würdevoll empfangen. Sie schien befremdet, als er sie bat, fragen zu wollen, ob er die Ehre haben könne, mit Madame Vernon selbst und zwar privatim zu sprechen. Das Fräulein übernahm seine Karte, warf einen Blick darauf – und war elektrisirt.»Dietrich Brand! Herr Rittmeister Brand ...«»Nein, mein Fräulein, Brand kurzweg; ich habe meinen Militär-Charakter abgelegt.«Aber das wußte Fräulein Julie besser. Ablegen, einen solchen Charakter? Als ob man das könnte! Nie! O, sie hatte die Gnade, den Herrn Rittmeister zu kennen, hatte so viel von ihm gehört. O, und wer nicht? Und einige ihrer Verwandten hatten die Gnade gehabt, unter ihm zu dienen. Und nun wolltesiedie Gnade haben, ihn der gnädigen Frau zu melden. Einen solchen Besuch werde sie sicherlich empfangen, wenn auch sonst keinen andern, denn die gnädige Frau sei heute nervos.Sie enteilte, und Brand ließ ein mißbilligendes: »Hm, hm, nervos« vernehmen, worauf ihn einige der Magazins-Damen verstohlen anguckten. Andere kicherten vor sich hin, und ein lustiges Ding von einer Modistin, das eben einer ältlichen Kundin einen sehr jugendlichen Hut anprobirte, rang mit einem Lachkrampfe.Nach kurzer Zeit war Fräulein Julie wieder da und ersuchte den Herrn Rittmeister, die Gnade zu haben, ihr zu Madame Vernon zu folgen. Sie geleitete ihn durch eine Reihe von Ateliers und Salons und verabschiedete sich mit einem wundervollenKnix, in den sie ihre ganze Seele legte, an der Thür des Boudoirs der Gebieterin.VIII.Das war ein Schmuckkästchen. Die Wände mit hellblauem Seidenstoff verkleidet, die Möbel mit demselben Stoffe überzogen, Tische, Tischchen, Etagèren von den verschiedensten Formen, mit theils sehr kostbaren Nippesgegenständen besetzt, ein großer Ankleidespiegel mit vergoldetem Gestell, und mitten in all’ der Pracht die berühmte, geniale, viel umworbene Madame Amélie. Sie war schön und geschmackvoll angethan in einem spitzenbesetzten Schlafrock aus Atlas, der wie die Abendröthe schimmerte und eine zwei Meter lange Schleppe hatte. Der Anzug war ein Kunstwerk und machte so schlank als möglich; aber auch den höchsten Toilettenkünsten sind die Wege gewiesen; Anmuth konnten sie der vierschrötigen Gestalt nicht verleihen, die sich beim Eintreten Brands von dem Ruhebette erhob. Der Kopf Madame Amélies saß auf kräftigem Nacken und trug eine Fülle starkangegrauter Haare. Die gewellte, gelockte Frisur erinnerte in ihrem künstlichen, architektonischen Aufbau an die der römischen Kaiserinnen. Das Gesicht hatte einen ausgesprochenen Neger-Typus, aber die Augen waren schön und intelligent. Leider befanden sie und auch die Nase sich eben in einem Zustande, der nicht gleich errathen ließ, ob die Dame geweint hatte oder an Schnupfen litt.Als Dietrich eintrat, rieb sie sich eben die Schläfen mit weißer Matteischer Elektrizität. Auf einem Tischchen neben ihr befanden sich allerlei Riechmittel; in einer mit heißem Wasser gefüllten Achatschale verdampften einige Tropfen Fichtennadelextrakt.Brand dankte in seiner ritterlichen Weise für die Gunst, die Madame Vernon ihm erwies, ihn trotz ihres Unwohlseins zu empfangen. Er wollte ihre Güte nicht mißbrauchen, sie nicht lang in Anspruch nehmen; er kam nur, um sich von ihr Auskunft zu erbitten über die beiden Kinder, die eben bei ihr gewesen waren. Nicht Neugier leite ihn, sondern ein ernstes Interesse, dessen Grund er ihr, wenn sie es gestatte, ein nächstes Mal darlegen werde.Madame Amélie versicherte ihn, daß sie bei einem Manne »de sa trempe« nur die edelsten Absichten voraussetze, zögerte aber doch mit der Antwort, als er nach dem Familiennamen der Kleinen fragte.»Fürchten Sie nicht, ein Geheimniß zu verrathen,« sagte er und faßte sie scharf ins Auge. »Es sind die Kinder des Majors von Müller.«Sie widersprach nicht.»Eines meiner besten Freunde und einstigen Kameraden,« fuhr er fort, »der vor drei Jahren in seiner Vaterstadt Klausenburg gestorben ist. Ein nur zu edler und großmüthiger Mensch.«»Certainement,« fiel die Französin ein, »so großmüthig für Andere, daß die Seinen in dergênezurückblieben.«»Gêne?« wiederholte Brand mit qualvoll gepreßter Stimme. »Was ich eben gesehen habe, ist schlimmer alsgêne. Diese Kinder sind schlecht genährt, schlecht gekleidet, sie darben.«»Nun, jetzt eigentlich nicht mehr,« meinte Madame Vernon und widerstand nicht länger der Versuchung, »Monsieur Brand,« der ein so »noblecœur« war und so tiefe Theilnahme für die Hinterbliebenen seines Freundes hatte, die ganze Wahrheit zu sagen, und bei dieser Gelegenheit sich selbst in schönem Lichte zu zeigen.Dietrich erfuhr nun Alles.In der langen Krankheit des Majors waren die Reste des Vermögens aufgebraucht und leider sogar einige Schulden gemacht worden. Sophie mußte ihre Pension für Jahre hinaus verpfänden, um die dringendsten Gläubiger zu befriedigen. Sie wäre dem Elend preisgegeben gewesen, ohne ihr außergewöhnliches, dem der großen Wiener Modistin congeniales Talent. Mit ihren »doigts de fée« gewann sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder. Kärglich, wie sich von selbst versteht, »mon Dieu, en province!« bis eine Verwandte Madame Amélie’s und Gattin eines österreichischen Oberstlieutenants nach Klausenburg kam, dort erst die Werke Frau von Müllers, dann sie selbst kennen lernte und eine begeisterte Freundschaft und Bewunderung für sie faßte.»Unglück und Talent,quels titresauf unsereTheilnahme, Monsieur,« sprach die Modistin mit einer pathetischen Gebärde.Die Frau Oberstlieutenant brauchte nur einige Proben der Kunstfertigkeit Sophie Müllers an Madame Vernon zu schicken, um ihr Mitgefühl für die arme Wittwe zu erwecken. Amélie hatte ihr sogleich geschrieben und sie eingeladen, nach Wien zu kommen. Seit einem halben Jahre war sie da, stellte ihre Begabung und ihren Fleiß ausschließlich in den Dienst des Hauses Vernon und dürfte keinen Grund haben, es zu bereuen. Sie wurde besoldet wie keine zweite. Ihre Verhältnisse müssen sich jetzt schon gebessert haben.»Müssen sich? Sie wissen nichts Genaues darüber?« fragte Brand.»Das nicht. Frau von Müller spricht nie von sich. Sie ist sehr stolz, sehr zurückhaltend.« »Jawohl, sehr stolz.« Er beugte sich vor auf dem niederen Fauteuil, den Madame Amélie ihm angewiesen hatte, und wieder mußte sie den forschenden Blick seiner ernsten, grundehrlichen Augen eine ganze Weile hindurch aushalten und that es mit der Unbefangenheit eines vortrefflichen Gewissens.Plötzlich gab sie ihrem Kopfe einen kleinen Ruck, ein muthwilliges Lächeln glitt verschönernd über ihr derbes Gesicht, und sie sprach:»Ja, ja, Monsieur, ich bin eine gute und bravepersonne, man kann auf mich zählen.«Brand verneigte sich: »Gut und brav, ich bin überzeugt. Aber außerdem auch Gedankenleserin. Ich bewundere. Eine echte Künstlerin freilich hat immer etwas Divinatorisches.«»O Monsieur!« Ihre Augen glänzten vor Freude über diese Schmeichelei: »Vous êtes aussi aimable que célèbre.«Er lehnte ab; »LobenSiemich nicht. Ich habe große Schwächen.«»Zum Beispiel?«»Unter Anderem eine gewisse Schwäche für Damen-Mode-Artikel,« erwiderte er scherzend. »Ich wäre zum Beispiel neugierig, die Putzgegenstände zu sehen, die Frau Major Sophie von Müller Ihnen eben geschickt hat. Ich möchte diese Putzgegenstände sogar an mich bringen.«Amélie war erstaunt: »Sind Sie verheirathet?«»Nicht im Geringsten. Aber ich habe Cousinen und sogar Nichten« ...»Die Brand heißen?« Beinahe wäre der Zusatz: »Brandtout court« ihr entwischt, doch verschluckte sie ihn noch rechtzeitig.»Brand und anders,« erwiderte Dietrich.»Anders?« Sie war auf einmal merkwürdig kühl geworden, sie bedauerte, auch nicht übereinStück im Magazin verfügen zu können, der Bedarf war so groß, der Vorrath so klein, man mußte doch einige Auswahl haben für die älteren, werthen Kunden.»Ich würde höhere Preise bezahlen als Ihre ältesten, werthesten Kunden,« sagte Dietrich langsam, nachdrücklich, aber auffallend sanft und fast liebreich.»Bedaure. Ich habe eine große Verehrung für Herrn Rittmeister Brand, aber seine Nichten müssen warten.«Da ergriff er ihre kleine, harte, bräunliche Hand und führte sie rasch an seine Lippen: »Respekt vor Ihnen Madame! Ihr Verdacht ist ganz unbegründet – Ihre brave Gesinnung steht wie einFels. Ich sehe voraus, daß sich eine gute Freundschaft zwischen uns bilden wird.«Entzückt über seinen Handkuß, aber doch noch etwas unsicher, bat Amélie, ihr zu verzeihen, wenn sie ihm Unrecht gethan habe.»Ich verzeihe jeder Frau jeden, auch den schnödesten Verdacht gegen jeden Mann in dem einen Punkte,« entgegnete er. »Wir verdienen es nicht besser – im Allgemeinen.«Seine Worte wirkten wie ein Petroleumguß in glimmendes Feuer. Sie richtete sich auf, sie rückte näher zu ihm und brach flammend und hochathmend in einen Hymnus des Lobes aus. Rittmeister Brand war mehr als liebenswürdig und berühmt, er war einzig. Er kannte sein Geschlecht. O, und sie ebenfalls, wenn auch nur in einem Exemplar, in dem freilich die Fehlerhaftigkeitde tout le genre masculinvertreten war. O, wenn er ahnen könnte! wenn er wüßte ...Ein diskretes Klopfen an der Thür unterbrach sie.Fräulein Julie zeigte sich, sie trug ein Karton unter dem Arme und meldete, die Fürstin A. habesich für den Nachmittag ansagen lassen und da mußte Madame doch bestimmen, ob die heutige Sendung Sophie Müllers sogleich oder erst zuletzt vorgezeigt werden solle. Mit zierlichst gerundeten Handbewegungen entnahm sie dem eleganten Behältnisse nach einander vier Hüte und stellte sie auf Haubenstöckchen vor die Gebieterin hin:Nein, das waren wieder Sachen! Sachen! Nicht eines dieser »Huterln« würde auch nur einen Tag alt werden im Salon. Die Fürstin A. würde gewiß zwei Stück nehmen und Prinzessin B. die andern zwei; sie waren wie geboren für die beiden Damen, und nur auf ihren Häuptern wollte Fräulein Julie sie sehen. Der Baronin C. dürften sie gar nicht vor Augen kommen, die kauft sonst den wirklichen Damen alle vier auf einmal weg.Amélie prüfte jeden einzelnen Hut genau: »Ja, Madame Müller ist erstaunlich, sie übertrifft sich bei jeder neuen Leistung. Was für Ideen sie hat! Sehen Sie nur, Mr. Brand, wie die Aigrette auf diesem Spitzenhut placirt ist. Welche Grazie und welcher Geschmack in der Wahl der Farben, eine hebt die andere, und keine schlägt die andere. Den Hut verkaufen wir als Modell.«»Soschön!soschön!« fiel Julie ein, »und diese Nettigkeit! Alles wie aus dem Ei geschält.«Brand blieb stumm und betrachtete die Hüte mit tief innerlichster Rührung. Dieses schimmernde, phantastische, kostbare Zeug hat der Mangel geschaffen, die Armuth hat es gemacht für den übermüthigsten Luxus. Die Schönheit dieses Zeuges ist wie Hauch, einige Regentropfen vernichten sie. Und dafür den Schlaf der Nächte, das Licht der Augen ... Dafür!Wieder wurde geklopft und angezeigt, daß der Wagen der Fürstin vorgefahren sei. Fräulein Julie raffte hastig ihre Waaren zusammen und eilte in den Salon.Madame Amélie und Brand waren zugleich aufgestanden. Er verabschiedete sich sehr bewegt und sagte: »Der Wittwe meines Freundes muß geholfen werden. Helfen Sie mir helfen. Über das wie müssen wir uns berathen. Wann darf ich wiederkommen?«»Kommen Sie morgen,« sprach sie huldvoll.IX.Am selben Nachmittage lief Peter zu seiner Magdalena hinüber. Er hatte es sehr eilig, blieb aber doch einen Augenblick in Bewunderung vor dem breiten »hauchrein« geputzten Auslagenfenster des Ladens stehen. Wie köstlich sah der heute wieder aus, in seinem Reisig- und Blumenschmuck! Ein zierliches Gärtlein, in dem Schinken, geräucherte Zungen und Fische und allerhand Pasteten wuchsen. Auf der Marmorplatte im Fenster erhoben sich zwischen üppigen Hortensienstöckchen die appetitlichsten Wurstpyramiden, schimmerten rothe und gelbe Aspicrotunden. Hinter der frischlackirten Tafel, neben der großen Wage, deren Schüsseln wie Gold glänzten, prangte sie, die Herrin, in ihrem unverwüstlich jugendlichen Flor. Ihr Häubchen schien mit Schneeflocken garnirt, ihr kurzärmeliges Kleid und ihre Wangen hatten die selbe Centifolienrosenfarbe. Der Latz der weißen, mit einem Spitzenstreifen besetzten Schürze bedeckte die mächtige Brust, warf nicht eine Falte, hatte nicht das kleinste Flecklein. Frau Magdalena zerlegteeben mit spielender Meisterschaft ein junges, fettes Huhn.Ein Herr, der vorüberging, warf einen Blick in den Laden, lächelte und sagte: »Zum Hineinbeißen!«Peter sah ihn unwirsch an; er wußte nicht, ob das Huhn gemeint sei oder die Frau, rasch trat er ein und befahl ihr, verdrießlich wie Einer, der gerade einen kleinen Anfall von Eifersucht gehabt hat, das Huhn auf einem Teller anzurichten.»Das thu’ ich ohnehin«, sagte sie, »es gehört für den Hofrath im zweiten Stock.«Peter schüttelte den Kopf: »Wird nicht gehen: dem Hofrath giebst ein anderes, das da nehm’ ich gleich mit für meinen Herrn Rittmeister, der heute vergessen hat, ins Gasthaus zu gehen.«»Was? Vergessen! Der was vergessen, das ist ja wie wenn die Uhr am Stephansthurm stehen geblieben wär.« Sie hatte das Huhn schon auf ein Schüsselchen gelegt, umgab es mit Rauten aus Aspic, verzierte es geschmackvoll mit kleinen Bouquets aus Petersilie, stellte das Ganze auf eine vor Neuheit schimmernde Serviette und hielt ihremManne die zusammengefalteten Enden hin. Statt diese zu ergreifen, trat Peter hinter die Pudel, gab der Gemahlin einen nachdrücklichen Kuß auf die Lippen, einen zweiten mitten in die blonden Löckchen hinein, die sich ihr übermüthig im Nacken kräuselten, und dachte: Teufel, Teufel, ich hab das Frauenzimmer alle Tage lieber!»Wieso hat er denn vergessen ins Gasthaus zu gehen?«Ja, Peter würde es sagen, wenn er’s wüßte. Der Herr kam nach Hause um eine halbe Stunde früher als sonst und: »Ich seh’ ihm’s gleich an, daß er noch nicht gespeist hat.«»Was Du ihm nicht Alles ansiehst!«»Natürlich, was ich ihm nicht Alles anseh’. Auch gleich, daß er nicht zugeben will, daß er vergessen hat, und wie ich sag’: »Haben denn gespeist?« sagt er: »Esse heute nicht; bring Thee undCigarretten.«Den Speisezettel kenn’ ich von damals, wo er verliebt gewesen ist. Ich hab’ aber immer etwas dazu gegeben, und er hat’s hinunter geschlungen in der Zerstreutheit.«Peter lief davon, und seine Frau rief ihmnach: »Du, zum Hinunterschlingen hätt’s ein mageres Hendel auch gethan. Verliebt, der alte Brand?« Es kam ihr unglaublich lächerlich vor. Aber, dachte sie, so übel wär’s am End’ nicht, vielleicht thät’ er sich dann weniger hineinmischen in der Erziehung von meinem Peterl.Und wirklich kümmerte sich Brand in den nächsten Tagen ein bißchen weniger um Peterls physisches und moralisches Wohlergehen. Seine Gedanken waren augenscheinlich von etwas Bezwingendem erfüllt, das ihn manchmal erheiternd, manchmal betrübend, immer aber völlig in Anspruch nahm. Er machte auch sehr oft Besuche, zu denen er sich aufs Feinste kleidete. Peter war nicht der Mann, der seinem Herrn nachspürte, zur Spionage erniedrigte er sich nicht, aber seines Verstandes, seines Scharfsinns konnte er sich nicht entäußern, die Fähigkeit, richtige Schlüsse zu ziehen, konnte er nicht plötzlich los werden. An dem Tage, an dem er mit einem prachtvollen Bouquet zu Madame Amélie geschickt wurde, wußte er Alles.Daß es einemarchande de modeswar,kränkte ihn tief, das sagte er nicht einmal seiner Magdalena.Der Verdacht Peter Peters’ war nicht unbegründet; sein Herr ging wirklich auf Eroberung aus. Aber nicht Liebe wollte er gewinnen, sondern Vertrauen, und errang es auch in einem Maße, das seine Erwartungen und sogar seine Wünsche überstieg. Madame Amélie machte ihn mit ihrem Lebenslauf bekannt und schüttete ihr ganzes, übervolles Herz vor ihm aus.Sie stammte aus einer guten Pariser Familie, hatte in früher Jugend ihre Eltern und später dann durch die Unredlichkeit eines Verwandten ihr Vermögen verloren. Eine alte, alleinstehende Tante, Madame Justine Vernon, die in Wien ein einträgliches Modengeschäft führte, erbarmte sich ihrer Verlassenheit und nahm sie zu sich. Und nun kam das Talent zur Entfaltung, dem Amélie ihre späteren Erfolge verdanken sollte. Ein Talent, das sie, genau wie diese liebe Madame Müllér, ahnungslos besessen hatte, bis äußere Verhältnisse die schlummernde Gottesgabe in ihr weckten. Sehr bald zeigte sich, daß die Thätigkeit, dieihr aufgezwungen worden, eine ihren Anlagen und Fähigkeiten völlig zusagende war. Sie ging aber auch in ihr auf. Sie trat nach dem Tode Madame Vernons an die Spitze des Hauses, erweiterte das Geschäft zu einer Putzwaaren- und Konfektionshandlung, erwarb einen Wohlstand, der an Reichthum grenzte, und nahm eine Stellung ein, wie noch nie eine Modistin vor ihr. An Bewerbern hatte es ihr natürlich nicht gefehlt: »Die Männer sind so geldgierig und immer bereit, sich zu verkaufen.«»Auf den Sklavenmarkt mit dieser Männer-Ausschußwaare!« murmelte Brand.Aber Amélie Vernon dachte nicht daran, ihre Freiheit aufzugeben; sie war stolz auf ihre jungfräuliche Unabhängigkeit und bewahrte sie bis zu ihrem vierzigsten Jahre. Dann war das Verhängniß hereingebrochen mit dem Tode des alten und mit der Aufnahme des neuen Buchhalters, eines glänzend empfohlenen, jungen Menschen. Tüchtig in seinem Fache, verläßlich in Geldsachen, solid und rangirt, hieß es, und das glaubte Madame Amélie; aber auch hübsch, liebenswürdig, bezaubernd, unddas sah Madame Amélie. Ach! der schöne Buchhalter spielte sich auf den schmachtenden Troubadour, und sie gab seinen Schwüren, seinem Flehen, seinen Thränen nach und erhob ihn zum Chef des Hauses und zu ihrem Gatten.»Vor zwei Jahren, Monsieur. Ja! die Monate, die Wochen und Tage, die seitdem vergangen sind, kann ich zählen – dieinfidélités, die Édouard an mir begangen hat, nicht. Er betrügt mich wie ein Franzose, Ihr biederer Österreicher!« rief sie und sah Dietrich so feindselig an, als ob er ein Mitschuldiger ihres Ungetreuen wäre. O der Quäler! Wie sie ihn liebte, ihn haßte, ihm fluchen und ihn vertheidigen mußte in einem Athem, denn – war er schlecht, die Frauen waren schlechter. Sie stellten ihm nach, er konnte sich nicht retten vor ihnen.Damen, »de vraies dames« schickten ihm Bouquets. »Pauvrechéri!« aber ein – »fier misérable!« Heuchlerisch, gewissenlos und von einer Eitelkeit! ... Wenn eine Frau gleichgültig an ihm vorbeigeht, fühlt er sich von ihr insultirt und nimmt sieen grippe. So z. B. Madame Müllér.«»Frau Major von Müller?« Brand mußte sich fest anklammern an die Lehnen seines Fauteuils, um nicht in die Höhe zu fahren: »Dieser ... Herr wird doch nicht wagen« ... Er hielt inne, vollbrachte ein Meisterstück der Selbstbeherrschung und fragte gelassen und kühl: »Sie kommt zu Ihnen? Wann? Wie oft?«Nun, früher, als sie ihrer Sache noch nicht ganz sicher war, kam sie allwöchentlich. Sie hatte die Bestellungen selbst abgeliefert und das Urtheil und die Rathschläge der Meisterin erbeten. Derer bedurfte sie jetzt nicht mehr und fand sich nur noch an jedem Letzten des Monats zur Abrechnung bei der Prinzipalin ein; zwischen Elf und Zwölf, die Stunde, in der der Chef im Bureau festgehalten ist. Höchst seltsam, aber – sie hat für ihn etwas Abstoßendes: »Was für eine steifleinene Person hast Du da aufgegabelt?« fragte er schon mehrmals. Die Majorin scheint bemerkt zu haben, daß sie ihm mißfällt, sie vermeidet, ihm zu begegnen, betritt die Ateliers nicht mehr, sondern kommt über die Seitentreppe direkt in den Privatsalon Amélies.»So – weil sie ihm mißfällt? Das ist merkwürdig.Sie muß sich sehr geändert haben, wenn sie irgend Jemandem mißfallen kann.«»Mir nicht, o mir nicht,« versicherte Amélie, »für mich hat sie etwas sehr Anziehendes, einen außerordentlichencharme. Und ihre Kinder sind entzückend, besonders der kleine Junge. Ich lasse ihn immer rufen, wenn er die Arbeiten seiner Mutter abliefern und Material zu neuen Arbeiten holen kommt. Er hat so touchante Augen. Um diesen Schatz beneide ich Madame Müllér. O, wenn der Himmel mir Kinderchen mit so touchanten Augen schenken wollte!«Brand wartete ihr mit einer guten Lehre auf: »Den besten Trost für den Mangel an eigenen Kindern findet man in der Liebe zu denen der Anderen. Schließen Sie fremde Kinder ans Herz, Madame. Was mich betrifft, ich beabsichtige mich der Kinder meines verstorbenen Freundes anzunehmen. Zu dem Ende will ich sie aufsuchen, muß demnach wissen, wo sie wohnen, und bitte Sie, mir ihre Adresse mitzutheilen.«Die war:VII.Bezirk, Berggasse Nr. 19, Erster Stock, Thür 6½. Aber hingehen? Améliewiderrieth es ihm. Sie hatte schon mehrmals bemerkt wie vorsichtig Frau von Müller jedem Zusammentreffen mit Bekannten aus früheren, besseren Tagen auswich. Sehr begreiflich das, wenn man so viel Charakter hat, so viel Stolz. Weder die Neugier noch das Mitleid sollen Einblick nehmen in ihre traurigen Verhältnisse. »Etwas gebessert haben sie sich übrigens schon. Madame Müller verrichtet nicht mehr alle Hausarbeit selbst, ihre Zeit ist kostbar geworden, ihre kunstreichen Hände brauchen Schonung; sie hat eine Magd aufgenommen.«»Etwasgebessert haben sich die Verhältnisse der Frau Major, sagen Sie, Madame. Das ist zu wenig,« versetzte Brand, »sie müssen gut werden. Wir wollen dafür sorgen, wir Zwei. Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt, Sie werden das meine nicht täuschen. Ich rechne auf Ihren Takt, Ihre Feinfühligkeit.«»Feinfühligkeit? das ist Delicatesse? O, Sie können auf die meine zählen.«Dietrich nahm ein Couvert aus seiner Tasche und legte es auf das Tischchen, auf dem heute eine blaue Matteische Elektrizität stand. »Erweisen Sieeine Wohlthat, Madame, unter dem Scheine eines entrichteten Honorars. Wenn Sie sagen: ‘ich habe alle Hüte, die Sie mir neulich geschickt haben, als Pariser Modelle verkauft und betheilige Sie mit fünfzig Prozent am Reingewinne’, das müßte doch eine hübsche Summe ausmachen. Nicht?«Amélie zog die Augenbrauen in die Höhe. »O, Monsieur, so viel wie allgemein angenommen wird, kommt bei unserem Geschäfte nicht heraus. Doch will ich Mittel finden, Madame Müllér glauben zu machen, daß wir eben jetzt, die Saison ist ja sehr günstig, ungewöhnlich hohe Preise für unsere Arbeiten fordern konnten.«»Thun Sie das, Madame,« sprach Brand mit großer Wärme.»GebenSie mir meine Seelenruhe wieder; der Gedanke an die Kinder meines verstorbenen Kameraden läßt mich nicht schlafen.«X.Brand ging in gedrückter Stimmung und mit sich selbst unzufrieden heim. Es mißfiel ihm, daß er eine Freundschaft für den seligen Major vonMüller heuchelte, von der sein Herz nie etwas gewußt. Warum? Weil ihm der brave Mann, der genau das gethan hatte, was Dietrich hätte thun sollen, ein lebender Vorwurf war.»Verzeih mir, Major«, sagte Brand unwillkürlich laut und trat in seiner Benommenheit einem dürftig gekleideten, schmalen, schüchternen Herrn, der bescheiden an ihm vorüberhuschte, auf den Fuß. Der Herr grüßte und – entschuldigte sich. Für einen Major gehalten zu werden, schmeichelte ihm; denn er war nur ein ganz kleiner Beamter.»Verzeihung«, wiederholte Dietrich, zog den Hut und dachte: Demüthiges Menschlein, wenn Du wüßtest, wie klein ich mich fühle!Sein Elend und seine Qual mußten ein Ende nehmen; er faßte einen großen Entschluß. Wenn er auch nicht wagen durfte, Frau von Müller zu besuchen, sehen mußte er sie. Morgen ist der letzte April, da tritt sie ihre Wanderung zu der Brotgeberin an, da will er sie erwarten vor ihrem Hause, will ihr folgen, vorerst unbemerkt. Wer weiß, vielleicht zeigt der Zufall sich günstig und bietet Brand Gelegenheit, sich ihr vorzustellen.Er schlief wenig in dieser Nacht, verfiel erst gegen Morgen in einen unerquicklichen, durch wirre Träume gestörten Schlummer. Als er erwachte, war es fünf Uhr, und aus grauen Wolken, die den ganzen Himmel bedeckten, strömte dichter Regen nieder. Nach dem Frühstück ging Dietrich in die Wohnung hinüber, die er für das Ehepaar Peters im dritten Stock des Hauses gemiethet hatte, in dem das Geschäft Magdalenas sich befand. Er kam gerade zurecht zum Bade seines Täuflings, und Frau Peters erschrak nicht wenig, als sie ihn erblickte; denn das war die Gelegenheit, bei der Dietrich mit Ermahnungen am Wenigsten sparte und so oft gesagt hatte, daß es ihr schon »auf die Nerven« ging:»Ja, meine Liebe, das Baden eines kleinen Kindes ist keine leichte Sache. Ich habe darüber in ganz vortrefflichen Büchern gelesen und auch gesprochen mit Widerhofer, Auchenthaler und Monti.«Heute kein Wort, nicht einmal ein recht aufmerksames Zusehen, und als die Uhr Neun schlug, nahm er seinen Hut (seinen schönsten Cylinderbei dem Wetter) und ging und vergaß den Regenschirm. Zum Glück bemerkte Frau Peters es gleich und schickte ihm den Unentbehrlichen nach und dachte bei sich mit aufrichtigem Bedauern: »Der ist wirklich verliebt, und fest, der arme Alte!«Es hatte ihn auf einmal gepackt: Vielleicht kommt sie heute früher als gewöhnlich zu Madame Vernon. Warum sie das thun sollte, da sie doch einen bestimmten Grund hat, zu keiner anderen Stunde als zwischen Elf und Zwölf zu kommen, wußte Brand nicht und konnte es nicht wissen. Aber möglich war’s ja doch, und wenn ein vernünftiger Mensch eine Möglichkeit einmal angenommen hat, dann richtet er sich auch nach ihr ein.Er war ein guter Geher und erreichte in erstaunlich kurzer Zeit sein Ziel, die lange Berggasse. Sie machte ihrem Namen Ehre und stieg ziemlich steil in die Höhe. Zwischen ihren alten, niedrigen Häusern ragten hie und da neue, thurmartige Zinskasernen in den Himmel und raubten seinen Anblick ihrem armen Gegenüber und waren trotz ihres unverschämt protzigen Aussehens doch nur Wohnstätten der Armuth und der Noth.Auch Nummer 19 hatte solch’ ein lichtraubendesvis-à-visund schien aus Ehrfurcht vor ihm halb in die Kniee gesunken. Brand trat durch das schiefe Thor in einen elend gepflasterten Hof, der ein schmales, unregelmäßiges Viereck bildete. Rings um die zwei Geschosse liefen offene Gänge mit Geländern aus verbogenen Eisenstäben. Die Fenster waren klein und in defektem Zustande. Im Hofe unter einem Vordach über dem Eingang, der zu der Hausmeisterwohnung führte, beschäftigte sich ein derbes Weib mit dem Reinigen des Küchengeräthes und wurde dabei von einer Schar von Hühnern umgackert und von zwei Katzen umschmeichelt. Auf einem leeren Fasse saß ein schwarzer Kater; und ein kleines, steinaltes, kaffeebraunes Thierchen, mit weißen Pfoten und langen, flatternden Ohren, das beim Anblicke Brands eine Art Gebell erhob, mußte man erst eine Weile betrachten, um zu erkennen, daß es zum Hundegeschlecht gehörte.Die Hausmeisterin musterte den durch das Hündlein Angekündigten vom Kopf bis zu den Füßen und fragte unfreundlich: »Was wünschen’s denn?«Auf einem Gang des ersten Geschosses war eine alte Frau mit zerzausten Haaren und mit einer Brille auf der Nase, in einen fettigen Schlafrock gekleidet, erschienen, hatte sich ängstlich umgesehen, einen kleinen zerfetzten Teppich auf das Geländer gelegt, und angefangen, ihn so leise als möglich auszuklopfen.Aber die Hausmeisterin bemerkte die geplante Unthat sogleich und hemmte ihre Fortsetzung durch energische, mit Schimpfworten reichlich gespickte Einsprache. Die erschrockene Alte raffte ihren Teppich zusammen und verschwand in der Thür, aus der sie getreten war.Diesen Zwischenfall benutzte Brand, um sich aus dem Hause und aus der Nähe seiner groben Beherrscherin zu stehlen. Diese Person nach Sophie Müller zu fragen, widerte ihn an. Diese Person schien ihm so recht fähig, alle möglichen infamen Schlüsse aus der einfachen Erkundigung zu ziehen: »Wohnt hier Frau Major von Müller, und ist sie zu Hause?«Nein, er wollte nicht fragen, er wollte warten; geduldig, mehr als geduldig, mit dem Wunschesogar, sie möge noch nicht kommen. Ihr Anblick wird ihm eine große Gemütsbewegung verursachen. Er hatte sich das kaum eingestanden, als er sich auch sofort ins Gebet nahm. Und was weiter? Hat er eine feige Scheu vor Gemütsbewegungen? Ist es so weit mit ihm gekommen in dem Schlaraffenleben, das er führt, und vergißt er vor lauter Erziehen an Anderen die Erziehung seiner selbst? Gemütsbewegung, ja – es wird eine sein, und er wird sie aushalten.Nach langem Auf- und Abgehen blieb er in der Nähe des Thoresstehen.Unaufhörlich strömte der Regen nieder, Brand nahm sich unter den acht Wasserfäden, die von seinem Schirm herunterliefen, wie ein steinerner Wassergott aus. Es wurde halb Elf. Sie kommt nicht, das Wetter ist zu schlecht, dachte er und – wartete weiter, obwohl er recht gut merkte, daß er schon die Aufmerksamkeit einiger Schuhmacher erregt hatte, die an einem Fenster des gegenüber liegenden Hauses arbeiteten.Zu jeder anderen Zeit würde er hingegangen sein und die jungen Leute gefragt haben, was sie zu gaffen und zu kichern hätten? Ob die Beobachtungder Passanten oder das Verfertigen von Schuhen ihre Pflicht und ihr Geschäft sei? Jetzt aber ließ er die Tröpfe ungehindert in dem Pfuhl ihrer Nichtsnutzigkeit versinken und blieb auf seinem Posten, bis die Uhr des nächsten Kirchthurms Elf schlug und der letzte Schein von Hoffnung, der noch in ihm glimmte, erlosch.Und gerade in dem Augenblick, in dem er jede Hoffnung aufgegeben hatte, wurde sie erfüllt. Er war noch einige Schritte hinauf bis an das Thor von Nummer 21 gegangen, da war ihm, als ob er zurückgezogen würde an unsichtbaren, aber starken Fäden. Etwas Geheimnißvolles, nie Empfundenes zwang, jazwangihn, sich umzuwenden.Da trat sie aus dem Hause. Er erkannte sie sogleich. Wie zögernd blieb sie ein paar Sekunden vor dem kleinen Wasserreservoir stehen, das sich zwischen der Schwelle und dem Trottoir gebildet hatte, sah zum trostlos grauen Himmel hinauf, öffnete rasch ihren Schirm, hob sich auf die Fußspitzen und schritt eilig und entschlossen des Weges.Brand folgte ihr anfangs aus einiger Entfernung, dann wagte er sich näher heran, ging aufdie andere Seite der Gasse, ging ihr vor, sah ihr ins Gesicht. Sie trug einen kleinen, schwarzen Schleier, hielt die Augen aufmerksam auf das Pflaster gerichtet und suchte die Steine aus, auf welche sie ihre schlanken, schmalen Füße setzte. Sie hatte ihren leichten und entschlossenen Gang, die anmuthig aufrechte Haltung behalten, die ihm so deutlich in der Erinnerung geblieben waren. Sie sah wie ein junges Mädchen aus, und fein und elegant in ihren alten Kleidern. O wie alt, wie abgetragen!Brand verlangsamte seine Schritte und ging wieder hinter ihr her; und als ein Lümmel, der ihr entgegen kam, sie beinahe vom Trottoir gestoßen hätte, schob er ihn zur Seite mit solchem Nachdruck und so aggressiver Miene, daß der Mensch ein »Pardon« stammelte und sich davon machte.Sie waren am Ziele. Frau von Müller lief mehr als sie ging ins Haus, und Brand dachte daran, heim zu gehen. Aber er that es nicht, er brachte sich nicht fort. Er hatte ja die Möglichkeit, sie noch einmal zu sehen, ihr noch einmal zu folgen, sie vielleicht noch einmal in Schutz zu nehmenvor irgend einem Lümmel und sich dann ein Wort des Dankes von ihr zu verdienen .... Daß sie doch in eine große Gefahr gerathen möchte, daß er ihr Leben um den Preis seines eigenen retten und ihr sterbend sagen könnte: »Frau von Müller, jetzt sind wir quitt!«Sie war nicht die breite Treppe zum ersten Stockwerk hinaufgestiegen, die links in die Salons führte, sondern die Seitentreppe rechts, über die man zur Privatwohnung Madame Amélies gelangte. Brand hatte sich in den Hof zurückgezogen und beobachtete von dort aus, was unter dem Thorwege vorging. Nach kaum zehn Minuten kam Sophie die kleine Treppe wieder herab. Ihre Wangen waren leicht geröthet, ein heller Ausdruck von Freude verklärte ihr Gesicht. Die angenehme Überraschung, die Brand ihr zugedacht, war gelungen; Madame Amélie hatte ihre Sache gut gemacht.Mit großer Raschheit eilte Frau von Müller vorwärts und wäre beinahe an einen großen, breiten, nach der neuesten Mode gekleideten Herrn angeprallt, der plötzlich und ebenfalls sehr rasch ausder Thür der gegenüber liegenden Treppe getreten war. Brand erkannte in ihm das Urbild der vielen Porträts, die das Zimmer seiner Gattin schmückten, den Chef des Hauses, Herrn Eduard Weiß. Das waren seine impertinent blauen, vorgehenden Augen, seine üppigen Backenbärte, die schwellenden Lippen, die – um mit Amélie zu sprechen – unter dem blonden Schnurrbart hervorblinkten, wie rother Mohn ans dem Weizenfelde.Er lachte laut auf über den Schrecken, mit dem Sophie vor ihm zurückgefahren war, und sprach, ohne den Hut zu rücken: »Seh’n Sie, da haben Sie’s. Zur Strafe, daß Sie immer vor mir davonlaufen, wirft Sie der Zufall in meine Arme.«Sie wendete sich und eilte dem Ausgang zu; Eduard vertrat ihr den Weg:»Nein, nein, Sie bleiben! Warum so scheu? Hab’ ich Sie beleidigt, oder fürchten Sie, daß ich Ihnen gefährlich werden könntet Wenn das wäre, schöne Frau, wenn ich das hoffen dürfte« ...Zärtlich, mit elegischer Gebärde, streckte er die fein behandschuhte Rechte aus, um ihren Armzu fassen; aber im selben Augenblick legte sich eine nervige Faust auf den seinen, und eine gebieterische Stimme befahl:»Platz da, Herr!«Betroffen sah Eduard sich um und maß den kleinen, unscheinbaren Mann, der ihn angerufen hatte, mit einem häßlichen, verächtlichen Blicke. Dieser Mann lüftete jetzt vor Frau von Müller den Hut wie vor einer Königin und fragte ehrfurchtsvoll:»Darf ein alter Bekannter Ihnen sein Geleit anbieten, gnädige Frau?«Sie war zurückgewichen. Ein leises Beben durchrieselte ihren ganzen Körper, mit groß geöffneten Augen starrte sie ihn an, ihre Oberlippe zog sich ein wenig in die Höhe, man sah, wie ihre weißen Zähne sich fest auf einander klemmten.»Herr Rittmeister Brand,« sprach sie zagend, fast unhörbar.»Brand?« wiederholte Herr Eduard eingeschüchtert. Rittmeister Brand, von dem Amélie in den letzten Tagen so oft und mit so herausforderndem Entzücken sprach? Derselbe Brand, von demman wußte, daß er den Dienst aufgegeben hatte, um sich mit seinem Obersten duelliren zu können. War er’s? war er’s nicht? Für alle Fälle fand Herr Weiß es gerathen, die Augen zu senken.Sophie hatte ihre Fassung bald wieder gewonnen. Ruhig, höflich, aber unwiderruflich entschieden sprach sie, als Brand seinen Antrag wiederholte: »Ich danke Ihnen, Herr Rittmeister, nein, nein.«Dietrich trat schweigend zur Seite, und sie schritt an ihm vorbei und hinaus in den strömenden Regen, in den Sturm, der sich erhoben hatte und die Straßen durchfegte.Eduard machte einen zaghaften Versuch, ihr zu folgen. Aber Brand sah zu ihm hinauf (er reichte ihm genau bis zum Ohrläppchen) und sprach:»Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung. Ich begleite Sie auf Ihr Comptoir.«»Ich komme von dort,« versetzte der schöne Mann und wußte nicht recht, ob er mehr Grund zur Entrüstung oder zur Bestürzung habe. »Ich gehe jetzt aus. Ich habe zu thun.«»Auch ich habe zu thun, und zwar mit Ihnen,«sagte Dietrich bestimmt, aber gar nicht agressiv. Dem Chef lief es trotzdem eiskalt über den Rücken, und er fragte sich, ob das vielleicht die Art der Herren vom Militär sei, einen Civilisten zum Duell heraus zu fordern. Zum Duell! Diesem Unsinn, diesem Verbrechen, das jeder vernünftige und rechtgläubige Mensch verabscheut. Aber Gottlob, beschwichtigte er sich, wir haben ein Gesetz, und dieses hat einen Paragraphen, der Schutz gewährt gegen Bedrohung am Leben. Diese Erwägung gab ihm einige Sicherheit und den Muth, zu sagen:»Eigentlich weiß ich nicht ... Mit wem hab’ ich denn eigentlich die Ehre?«»Eine ganz berechtigte Frage, Herr Eduard Weiß. Ich habe versäumt, mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Dietrich Brand.«»Also wirklich ... Meine Frau hat schon öfters das Vergnügen gehabt, Herr Rittmeister« ...»Nicht mehr. Ich habe meinen Militärcharakter abgelegt.«»Ja so, also richtig, also – bitte.«Wenn Du nur nicht so verflucht martialisch aussähest, Du alte Tugendpolizei, dachte Eduard.Er hatte den Gast in das ebenso elegant wie gediegen eingerichtete Comptoir geführt, wies ihm dort einen bequemen Fauteuil an und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Da hatte er die Taster der elektrischen Glocken in der Nähe. Ihr Anblick und der des Telephons an der Wand war ihm erfreulich. Es berührte ihn auch angenehm, als er aus dem zweiten Zimmer die süße Stimme Fräulein Juliens, die mit dem Zuschneider konferirte, herüberflöten hörte.Brand nahm von dem ihm angebotenen Platz nur so viel in Anspruch, als seine schmächtige Gestalt durchaus brauchte. Er saß kerzengerade, mit fest geschlossenen Beinen, und als Eduard ihm den Hut, den er in der Hand behalten hatte, abnehmen wollte, lehnte er kurz ab: »Nicht nöthig. Ich habe Ihnen nur mitzutheilen, daß der verstorbene Major von Müller ein Kamerad von mir gewesen ist. Erst neulich habe ich erfahren, daß seine Wittwe hier lebt. In wie traurigen Verhältnissen, theilte Ihre Frau Gemahlin mir mit. Ich bin nun entschlossen, Frau von Müller und ihre Kinder in meine Obhut zu nehmen. Soeben war ich Zeugedes Benehmens, das Sie sich gegen diese Dame erlauben; wohl nur, weil sie von Ihnen für schutzlos gehalten wird. Sie ist es nicht mehr. Wer sie beleidigt mit einem einzigen Worte, einem einzigen Blick, beleidigtmich. Ich aber versichere Ihnen, daß ich Beleidigungen nicht dulde. Das lassen Sie sich gesagt sein.«Er stand auf, und Eduard folgte seinem Beispiel. Er sprach nicht, er verbeugte sich nur, über sein wohlgenährtes Gesicht flog ein Ausdruck ... Alles zugleich, cynisch, frech, feige.Brand nahm sich zusammen; er wollte seinen Zorn nicht überwallen lassen. Das kostete ihn einen schweren Kampf. Unbegreiflich! Seinen Soldaten gegenüber war seine Ruhe unerschütterlich, seine Geduld unerschöpflich gewesen. Wie kam dieser Bengel zu der Ehre, ihn dergestalt in Aufregung zu bringen?XI.Diese Frage war nicht die einzige, die ihn bedrängte. Das erste Wiedersehen zwischen Sophie und ihm war für sie ein mit Schrecken verbundenes, für ihn ein glückliches gewesen, denn er hatte ihr einen Dienst leisten dürfen. Was aber nun? Ihr gleich, ihr heute noch einen Besuch abstatten, ginge nicht an. Es sähe gar zu hungrig aus nach Lob und Dank, und wahrlich dadurch, daß man einen Zudringlichen fern gehalten hat, erwirbt man doch zu allerletzt das Recht, selbst zudringlich zu sein. Andererseits wieder – verfluchtes Dilemma! – möchte er doch um keinen Preis gleichgültig und theilnahmslos erscheinen.Vierundzwanzig Stunden lang ertrug Brand die Zweifelsqualen. Länger nicht.Am nächsten Tag war das Wetter schön, er hatte Klein-Peterl im Stadtpark besucht und wie gewöhnlich unter der fröhlich spielenden Jugend lehr- und segensreich gewaltet. Als es Zwölf schlug, als die Zeit wiederkehrte, zu der die tapfere Frau gestern ausgewandert war, um den Ertragihrer Arbeit heimzuholen, als sie vor seinem Geiste stand, wie er sie mit Augen gesehen hatte, in ihrer lieblichen Verwirrung beim unerwarteten Wiedersehen – da war’s beschlossen: »Um Drei bin ich bei ihr.«Die Stunde schien ihm die passendste für einen ersten Besuch. Es ist eine so hübsche Stunde, diese dritte – nach der Mittagshöhe. Sie lastet nicht mehr drückend schwül und ist doch kräftig von Sonnenlicht durchtränkt. Die dritte Nachmittagsstunde hat manche Analogie mit gewissen gesetzten Jahren im Leben ...Brand ging ins Restaurant, rascher als nothwendig gewesen wäre, und hatte, nach Hause zurückgekehrt, schon um halb zwei Uhr seine Cigarre fertig geraucht. Dann wurde Toilette gemacht. Cylinder Nr. 2, dunkelgrauer Straßenanzug Nr. 2. Alles sehr einfach, aber bürsten mußte Peter den Hut, den Anzug, die Stiefel, daß ihm das Herz weh that um den Filz, das Tuch und das Leder. Brand warf sogar einen Blick in den Spiegel, schüttelte den Kopf und sah unzufrieden aus. Ist auch anseinemLebenstage früher Nachmittag ... oder naht schon der Abend?Es muß heute eine Andere sein, dachte Peter. Zu den Besuchen bei der »Marchand’ Mod’« wird nur Garderobe Nr. 1 angelegt. Nun ja, von so einer Putzgredl will man sich nicht spotten lassen.»Jetzt geh’ ich,« sagte Brand, und hinter den armseligen Worten schwoll es empor wie komprimirter Jubel, dem man ein bißchen Luft macht. »Wohin glaubst Du wohl?« setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu, und sah den guten Peter, und wußte selbst nicht warum, streng an: »Zur Frau Major von Müller.«Peter war verblüfft; er gestand sich ungern, daß er nicht wußte, was er denken sollte von seinem Rittmeister. So stieß er denn einen Seufzer aus und sprach: »Die Frau Major von Müller, ja. Belieben jetzt in Klausenburg zu sein, die Frau Major.«»Sie war dort, ist jetzt in Wien.«»Da muß sie g’rad hergereist sein, Herr Rittmeister, stotterte Peter, und ein Licht ging ihm auf, sonnenhell, sonnengroß, und er platzte aufleuchtendenBlickes heraus: »Die Frau Major sind jetzt auch eine Witib.«»Was – auch? Wer – auch?« Ein solcher Esel! setzte er im Stillen hinzu, ob man mit einem solchen Esel ein Wort reden darf, das nicht absolut zum Dienst gehört.Die kleine Verstimmung Brands verflog im Augenblick, in dem er aus dem Hause trat. So schlecht das Wetter gestern gewesen, so wunderschön war es heute. In strahlender Herrlichkeit stand die Sonne am lichtblauen Himmel; ein verklärender, wie von Millionen winziger Fünkchen durchschimmerter Dunst lag über den Prachtbauten der Ringstraße und über den fernen Bergen. Das alte, ewig junge Wien prangte im Frühlingsschmuck seiner Alleen, Rasenplätze und Gärten: aber noch lag ein winterlicher Hauch in der Luft und gab ihr etwas Kerniges, Stärkendes. Jeder Blick trank Schönheit, jeder Athemzug Kraft, und mit jedem Schritte, den Brand vorwärts machte, steigerte sich sein Glücksgefühl, und sein Unternehmungsgeist wirbelte, wirbelte empor, bis er ins Übermüthige umschlug.Dietrich trat in einen äußerst eleganten Spielereiladen und kaufte dort den gediegensten Malkasten, der sich auf Lager fand, und die größte Pariser Puppe: ein Wickelkind, von einem lebendigen nur dadurch zu unterscheiden, daß es im zartesten Alter schon beim leisesten Drucke »Papa« und »Mama« quietschte.Da Brand durchaus nicht wünschte, beladen wie er war, einem Bekannten zu begegnen, nahm er einen Wagen und fuhr bis an die Ecke der Berggasse. Indessen fühlte er sich auch hier nicht ganz behaglich: die Puppe war schlecht verpackt, aus einem Spalt des Papiers kam eine ihrer blonden Locken zum Vorschein, und aus einem anderen ihre rosenfarbige Hand, und mit der schlug sie einem seiner Grundsätze ins Gesicht. Wie oft hatte er Mütter und Gouvernanten gewarnt: »Von dem Tragen großer Puppen werden die Kinder schief.« Und was wird Frau von Müller sagen, wird sie es nicht taktlos finden, daß er gleich beim ersten Besuche mit Geschenken angerückt kommt?Er verwünschte den Ankauf, zu dem ihn derberauschende Einfluß der Frühlingsluft verleitet hatte und würde seine Übereilung gar zu gern ungeschehen gemacht haben. Die Gasse war ziemlich öde, die wenigen Menschen, die er traf, schenkten ihm keine Aufmerksamkeit; er glaubte etwas wagen zu dürfen, er unternahm den Versuch, sein Paket hinter ein Hausthor zu legen. Aber das unselige Puppenzeug quietschte, und ein angetrunkener Maurer, der plötzlich, wie aus einer Versenkung, auftauchte (es dürfte die Kellerstiege gewesen sein, erklärte Brand sich später), schrie ihn an, das Haus sei kein Findelhaus, er möge sein Kind wo anders weglegen.In der Entrüstung über diese stupide Verdächtigung fand Dietrich seine Seelenstärke wieder. Mit dem Bewußtsein, daß er Frau von Müller gegenüber nur eine Ungeschicklichkeit, nicht aber ein Unrecht begehe, verfolgte er seinen Weg, erreichte sein Ziel und stieg die schmale Wendeltreppe des alten Hauses mit ihren gefährlich ausgetretenen Stufen empor. Auf dem Gange wendete er sich nach rechts. Dicht neben der Thür 6½ befand sich ein Fenster, das ein weißer Vorhang von innenverhüllte. Brand zog an dem Glockenstrang, und dabei durchzuckte es ihn vom Wirbel bis zur Sohle wie ein elektrischer Schlag.Alter Mann! alter Mann, was sind das für Gefühle? So war Dir ja zu Muthe, als Du, ein zwanzigjähriger Lieutenant, der unvergeßlich schönen Frau Bürgermeisterin von Wilna zum Geburtstag gratuliren gingst, mit einem Rosenbouquet.Die Glocke tönte, wie sie zu tönen pflegt in den Wohnungen der Armen: »Bring was, bring was!« sagt sie. Ein Zipfel des Vorhangs wurde in die Höhe gehoben und hinter der sehr sauber geputzten Fensterscheibe erschien ein ältliches, gutmüthiges Frauengesicht. Brand wurde mit prüfendem Blick gemustert und schien einen Vertrauen einflößenden Eindruck zu machen; der Vorhang sank wieder, die Thür öffnete sich.Auf die Frage, was er wünsche, gab er zur Antwort:»Ich heiße Brand, ich möchte Frau Major von Müller sprechen, wollen Sie mich gefälligst bei der gnädigen Frau melden.«Die Küche, in der er eingeladen worden war,bildete den Zugang zum Wohnzimmer. Von dorther ließ eine fröhliche Kinderstimme sich vernehmen, kleine Schritte trippelten, kleine Hände zerrten ungeduldig und ungeschickt an der Klinke der Thür. Sie ging auf. Aus einem Fenster ihr gegenüber strömte eine breite Lichtwelle herein, es sah ins Freie, und von leuchtendem Grunde hoben sich die Gestalten Sophiens und Annerls, die auf der Schwelle erschienen.Brand grüßte mit einem tiefen Neigen des Hauptes: »Frau Major, gnädige Frau! entschuldigen, verzeihen Sie, daß ich es wage ...«»Verzeihen?« wiederholte Sophie – »ich habe Sie erwartet, Herr Rittmeister.«Erwartet? ja dann! ... dann waren alle seine Skrupel todt, dann war er von allem Bangen erlöst: »Brand, kurzweg, gnädige Frau, ich habe meinen Militär-Charakter« ... Er hielt inne. Was Teufel kümmerte sie sein Militär-Charakter und in diesem Augenblick ihn selbst? Sie stand vor ihm, ihre Augen sahen ihn freundlich, gütig an, sie hatte ihn erwartet ... »Gnädige Frau,« begann er von Neuem und – hörte auch damitauf. Wer zu viel zu sagen hätte, zu viel des Innigen, Warmen, Liebevollen, sagt lieber nichts.Annerl zupfte die Mutter am Kleide: »Du Mama, das ist der Herr, der mir so gern etwas schenken möcht’.«Sophie runzelte ein wenig die Stirn, und Brand wurde sich erst jetzt wieder bewußt, daß er seine Darbringungen noch immer unter dem Arme hielt:»Können Sie mir verzeihen, gnädige Frau, daß ich mir den indiskreten Wunsch erfüllen wollte, daß ich, einer übermüthigen Regung nachgebend ... ich bin beschämt, wirklich ... besann mich zu spät, hätte unterwegs gern Alles weggeworfen, wenn ich nur gewußt hätte, wohin?«Seine Verlegenheit entwaffnete sie, und sie lächelte sogar, als er die Puppe aus ihrer Umhüllung befreite, in beide Hände nahm und der Kleinen entgegen hielt.Annerl war wie geblendet, sie betrachtete das kostbare Spielzeug mit scheuer Ehrfurcht, legte die Ärmchen auf den Rücken und wich Schritt für Schritt langsam zurück. Brand machte sich so kleiner konnte und nahm die feinste Stimme an und den bittendsten Ton und zirpte:»Nimm mich! ich bin eine gute Puppe, ich bin eine arme Puppe, ich habe keine Mama.«Bewunderung und Zärtlichkeit drückten sich in den schönen Augen Annerls aus, aber sie setzte ihren Rückzug ununterbrochen fort. Brand folgte und hinter ihm ging Sophie, und hinter Sophie die Dienerin, die den Malkasten trug.So gelangte die Gesellschaft in das Wohnzimmer. Es war niedrig, ärmlich und reinlich, hatte zwei Fenster und zwei Thüren und die Aussicht in einen ziemlich großen und gut gehaltenen Garten. Ein Arbeitstisch, über dem eine Petroleumlampe an der Decke hing, ein paar Schränke, vier Strohsessel bildeten die Einrichtung des grau getünchten Gelasses.Georg, der, eifrig mit Zeichnen beschäftigt, am Tische gesessen hatte, war beim Einzug der kleinen Karavane aufgestanden, rückte einen Stuhl für Brand herbei und ersuchte ihn, Platz zu nehmen, mit einer hausväterlichen Art, die komisch gewesen wäre bei jedem anderen Kinde, bei diesem frühreifen,mit den Sorgen des Lebens schon vertrauten Knäblein jedoch wehmüthig berührte.Sophie nahm Brand die Puppe ab und stellte ihm ihren Jungen vor: »Er hat mir gebeichtet, daß er unartig gegen Sie gewesen ist, er meinte – er fürchtete ... Verzeihen Sie ihm. So einem kleinen Waarenausträger muß man leider Mißtrauen ins Herz pflanzen, und er ist dumm und unerfahren und wendet es am unrechten Orte an.«Brand erwiderte, daran läge nichts, aber Georg soll jetzt beweisen, daß er sein Mißtrauen gegen ihn aufgegeben hat, indem er diesen Malkasten von ihm annimmt; »Willst Du, mein lieber Junge?«Ob er wollte! Lautere Seligkeit strahlte aus seinem armen Gesichtchen, und er machte sich sogleich daran, die Geheimnisse des Wunderschranks zu erforschen: »Nein, aber – aber!« murmelte er, bei jeder neuen Entdeckung von Neuem entzückt, vor sich hin, und Brand staunte über die Geschicklichkeit, mit der das Kind die kleinen Werkzeuge in die Hand nahm, prüfte, und zu benützen begann.»Sie hätten ihn nicht glücklicher machen können,« sagte Sophie; »und sehen Sie einmal die Kleine an.«Annerl hatte sich endlich an das schöne Wickelkind, das auf dem Schoß der Mutter lag, heran gewagt, ihren Kopf an den seinen gelegt und streichelte ihm voll wonniger Zärtlichkeit die blonden Locken.Sophie nickte ihr, dann aber auch Brand freundlich zu: »Die ist im Himmel. Und der Kunstjünger dort ... Machen Sie sich gefaßt, jetzt bekommen wir ein wohlgetroffenes Bild von Ihnen,« sie deutete mit einem Augenwink nach Georg, der mit unendlichem Ernst daran gegangen war, Brand zu porträtiren.Alles, was nicht zu seiner Beschäftigung gehörte, schien für den Kleinen versunken; der Eifer röthete seine Wangen, furchte seine kluge, überkluge Stirn. Er schob die Unterlippe ein wenig vor, hob die Augen zu Dietrich hinauf und senkte sie dann auf die Arbeit, nach einem so merkwürdig forschenden, in die Tiefe dringenden Blick, daß Brand sich auf dem lächerlichen Verdacht ertappte,daß diesem Kind mehr darum zu thun sei, ihm auf den Grund der Seele zu schauen, als sein Gesicht abzukonterfeien.»Die Mutter hat heute viel zu thun,« sagte Georg plötzlich ganz laut, aber in sein Buch hinein.Dietrich blickte Sophie fragend an. Ja wohl, es waren noch einige Nachbestellungen gekommen, die morgen abgeliefert werden mußten.»Da kostet Sie die Zeit, die ich hier zubringe, etwas von Ihrem Schlafe?«»Und was weiter?«»Was weiter!« rief er bekümmert aus. Er war aufgesprungen: »Gnädige Frau, entschuldigen Sie, und nicht wahr? dieser Besuch gilt nicht; haben Sie die Großmuth, ihn zu vergessen.«Sie reichte ihm die Hand: »Gut denn, Sie waren nicht da.«»Und wenn ich komme, dann sagen Sie wieder: Ich habe Sie erwartet.«XII.Bei seinem nächsten Besuche fand er sie allein. Sie hatte die Dienerin mit den Kindern ausgeschickt und gönnte sich nach den Anstrengungen der letzten Tage einige Stunden Ruhe. Sie lud ihn ein, am offenen Fenster Platz zu nehmen, und machte ihn aufmerksam auf die Schönheit eines jungen Kastanienbaumes, der über und über mit Blüthen bedeckt war. An dem Garten hatte sie ihre Freude, und nur sie und ihre Kinder durften ihn den Sommer über benützen, mit Erlaubniß des Hausherrn, der sich jetzt auf dem Lande befand. Der Garten wurde vortrefflich gehalten von guten und höflichen Leuten, und man konnte sich in ihm so frei bewegen wie im Zimmer, denn er war nur von Feuermauern umgeben.Das Alles erzählte sie ihm ein bißchen unsicher und hastig, wie Jemand, der sich frägt, während er zu einem Andern spricht: Interessirt es Dich auch?Und er wieder war froh, daß sie es übernommen hatte, die Konversation einzuleiten; er hätte nicht gewußt, wie das anfangen.Sophie fuhr fort: »Sehen Sie, daran, daß ich so dasitzen kann mit den Händen im Schoß und hinaussehen auf dieses kleine Stückchen Natur, und davon einen Genuß habe, daran erkenne ich das Herannahen des Alters. In meiner Jugend war ich viel zu fleißig und auch viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um mich in müßige Bewunderung der Außenwelt versenken zu können, und dazu hätte es in unserem schönen, alten Garten doch mehr Gelegenheit gegeben als hier.«Brand blickte sie gerührt an, erwiderte einiges herzlich Unbedeutende und fing jeden Satz mit einem so durchdrungenen: »Verzeihen Sie« an, daß sie sich eines Lächelns nicht zu erwehren vermochte und endlich mit munterer Entschlossenheit sprach:»Lieber Herr Rittmeister, Sie haben ein Schuldgefühl gegen mich, und davon will ich Sie befreien und zugestehen, daß ich Ihnen gegenüber im gleichen Falle bin. Ich habe ein Unrecht gegen Sie begangen.«»Wirklich,« rief er freudig, »wenn ich ... wenn Sie ... Wie sieht das Unrecht aus?«»Sie sind gut und theilnehmend gewesen, haben mir Hülfe bringen wollen, und ich – nicht daß ich ablehnte, das würde ich wieder thun, aber die Art, in der ich’s that, reut mich, und nicht erst jetzt, sie hat mich sogleich gereut und ich bitte ...«»Bitten Sie nicht,« rief er aus, »beschämen Sie mich nicht zu tief. Erweisen Sie mir lieber eine Gnade, würdigen Sie mich Ihres Vertrauens. Sagen Sie mir, ob Sie in diesem Augenblick doch so ziemlich, doch halbwegs sorgenfrei ...«»Meine drückendste Sorge,« erwiderte sie rasch, »ist jetzt die um Georg. Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwächlich, um die Schule regelmäßig besuchen zu können; seine wohlwollendsten Lehrer rathen mir, ihn zu Hause unterrichten zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse ausreichen, um einen Knaben zu unterrichten? Und den Umgang mit anderen Kindern völlig entbehren müssen – wie nachtheilig ist das für ihn, er wird immer mehr in sich gekehrt und weltfremd.«»Gnädige Frau,« sprach Brand nach kurzemBesinnen, »Sie werden sich vielleicht noch erinnern, daß Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe ihn nicht aufgegeben, ich übe ihn wieder aus in etwas veränderter Form. Ich habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Vertrauen zu bitten ...«»Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie haben.«»Dann, gnädige Frau, überlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes,« sagte Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so inständig bittend, und aus seiner Stimme klang ein so warmer Herzenston, daß Sophie trotz der peinlichen Überraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versetzte, nur Dankbarkeit empfand.»Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden,« fuhr Brand fort. »Übergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht mehr ausschließlich unter weiblicher Zucht stehen soll.«»Unmöglich, unmöglich,« sagte Sophie. »Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer Ordnungsliebe!«Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Züge angenommen hatten, that ihr weh.Er glaubte einen Anflug von Ironie in ihren Worten zu entdecken. Seine Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen hatte über seine Liebe zu ihr: wollte sie ihn daran mahnen?»Ich dränge Sie nicht zur Entscheidung,« begann er von Neuem, »ich bitte nur, erwägen Sie meinen Vorschlag, erweisen Sie mir diese Gnade.« Wieder blickte er sie lange und gerührt an, seufzte tief und sagte plötzlich: »Ja, ja, ich bin einst ganz dicht am Glück vorbeigegangen.«»An dem, was uns damals als Glück erschien,« berichtigte sie. »Wir wollen offenherzig mit einander reden – offenherzig ist mehr als aufrichtig –, einmal und nicht wieder, da sich’s ja um Unwiderrufliches, Unwiederbringliches handelt. Ich habe in jener fernen Zeit sehr gelitten, Sie auch bitter angeklagt, später jedoch mich gefreut für Sie, daß Alles gekommen ist, wie es kam, und daß Sie nicht hereingezogen wurden in unser Elend. Es handelte sich bald nicht mehr um Armuth undNoth, sondern um Schande, um öffentliche Schande. Im Geheimen war sie längst da, trotz Allem, was Müller that, trotz der übergroßen Opfer, die er brachte, hoffnungsfreudig im Anfang – in der Folge hoffnungslos. Ich täuschte ihn nie, aber er ließ sich nicht entmuthigen. Bei ganz edlen Menschen, dachte er wohl, verwandelt sich die Dankbarkeit endlich in Liebe. Ich war so edel nicht – er mußte es zuletzt einsehen, erwartete nichts mehr, und verließ uns doch nicht, gab Alles für uns hin. Das uns das Ärgste erspart blieb, daß die Schmach vom Sterbebette meines Vaters ferngehalten wurde, war sein Werk. Als er sich dann anschickte, Abschied zu nehmen, ohne einen Lohn, ja ohne Dank zu erwarten, da entschloß ich mich, ihn nicht allein ziehen zu lassen, für den verarmten, kränklichen Mann zu arbeiten, ihm eine treue Pflegerin und Frau zu sein.«»Sie haben Ihren Entschluß redlich ausgeführt,« sprach Brand nach einer langen Pause, »und nichts, nicht das Geringste zu bereuen. Wohl Ihnen.«Er empfahl sich und ging heim und hatte ein sehr schweres Herz.XIII.Zu Hause fand er ein nach Veilchen duftendes Billet von Madame Amélie. Sie bat ihn für denselben Abend zum Thee, im »tête à trois« mit ihr und ihrem Gatten. Es handle sich um eine wichtige, Frau von Müller betreffende Angelegenheit, die sie mit ihm besprechen wollten.Die Eheleute empfingen Brand in einer traulichen Ecke des Salons, an einem elegant gedeckten Tischchen. Das beste Einvernehmen herrschte heute zwischen ihnen; sie waren wie Liebende, die nach kurzem Zerwürfniß ein großartiges Versöhnungsfest gefeiert haben. Amélie strahlte vor Hingebung, Wonne, Zärtlichkeit; Eduard neigte sich ihr gütig und milde zu. Er hatte Unrecht erfahren und verschmerzt, und ließ nun das Licht seiner Huld leuchten über der reuigen, wieder in Gnaden aufgenommenen Sünderin.»Meine Frau und ich,« begann er nach dem ersten Austausch von Höflichkeiten, »kennen das väterliche Interesse, das Sie an Frau von Müller nehmen, Herr Rittmeister ...«»Ich bin nicht mehr Rittmeister.«»Das Sie, Herr von Brand ...«»Ich bin nicht Herr von und kann Ihnen das Recht nicht zugestehen, mich zu adeln.«Ein Ausdruck des Unmuths verzog die schönen Lippen Eduards; er war aber entschlossen, sich dieses Mal durch den bärbeißigen Pedanten nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. »Herr Brand also,« fuhr er mit erhöhter Patzigkeit fort, wir zweifeln auch nicht, daß Sie, als der beste Freund des verstorbenen Majors, Einfluß auf seine Wittwe haben, und wollen Sie ersuchen, ihn zu Gunsten der Proportionen anzuwenden, die wir dieser Dame ...« Er wollte sagen: »machen wollen,« das schien ihm aber zu gewöhnlich, und so sagte er: »proponiren wollen.«Er hatte aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß das Haus Bauer, das sich schon seit längerer Zeit bemühte, Madame Amélie Konkurrenz zu machen, »Konkurrenz dieser Frau, dieser genialen Frau, lächerlich, nicht wahr?« – Frau von Müller durch glänzende Anerbietungen für sich zu gewinnen suche: »Die Dame ist natürlich viel zu fein, umuns gegenüber ein Wort darüber zu verlieren. Wir aber wollen ihre Noblesse nicht mißbrauchen. Wir gedenken vielmehr sie so zu stellen, daß sie sich zu ihrem eigenen Vortheil für immer an uns fesseln lasse.«»Propositionen proponiren – sie so zu stellen, daß sie sich fesseln lasse? Merkwürdig, murmelte Brand und war voll Mißtrauen. Wenn dieUnbildungPhrasen drechselte, war sie ihm vollends einGreuel.Amélie nickte ihrem Manne beifällig zu, und er sprach ihr durch einen Blick seine Anerkennung ihrer Anerkennungaus.Dann entwickelte das Ehepaar den Plan, den es gemeinsam »verfaßt« hatte, wie Eduard sich gewählt ausdrückte. Das Geschäft sollte in zwei Ressorts getheilt werden, Konfektion und Putzwaaren. An der Spitze des ersten blieb Fräulein Julie, an die Spitze des zweiten sollte Frau von Müller treten. Von eigentlicher Arbeit wurde sie entlastet, sie hatte die der Anderen zu überwachen und nur hier und da »un coup de main« zu geben. Ihre Erfindungsgabe, ihr Geschmack könnensich in viel höherem Maße bethätigen, indem sie ihren Glanz über das große Ganze verbreiten, statt zur Herstellung einzelner »bijoux« zu dienen. Als Besoldung wurden zweitausend Gulden geboten, bei außerordentlichen Gelegenheiten, zu Beginn der Herbst- und Frühjahrssaison zum Beispiel, wenn die Bestellungen sich häuften, auch außerordentliche Remunerationen. Die Atelierstunden waren die zwischen acht Uhr Morgens und acht Uhr Abends mit entsprechenden Ruhepausen für die Mahlzeiten. Nur wenn es, wie schon gesagt, ungewöhnlich viel zu thun gab, wurden die Damen bis Mitternacht, wohl auch bis ein Uhr im Atelier festgehalten.»Und dann können die Damen nach Hause laufen bei Nacht?« fragte Brand mit Schärfe.»Ja, Monsieur,« erwiderte Madame Amélie, die von ihm ein ganz anderes Entgegenkommen erwartet hatte, »Equipagen kann ich ihnen nicht halten.«»Nun, gnädige Frau, aufrichtig gestanden, ich werde Frau von Müller abrathen, auf den von Ihnen gewiß sehr gut gemeinten Antrag einzugehen.«»Warum?« Amélie wechselte einen verständnißinnigen Blick mit ihrem Manne. Er hatte die Augen zum Kronleuchter erhoben, als ob er von dort Stärkung seiner hartgeprüften Langmuth erflehen wollte, und dabei einen leichten Seufzer ausgestoßen.»Ah – ich errathe Alles – ich weiß?« Sie lachte und zeigte dabei ihre gesunden und noch ganz kompletten Zähne: »Eduard hat mir erzählt. Sie waren neulich Zeuge eines Scherzes, den er sich mit Madame Müller erlaubte, um sie ein wenig zu quälen. O die Männer sind immer grausam, am grausamsten aber doch, wenn sie lieben,« setzte sie hinzu und sah dabei ihrem Mann jämmerlich kokett in die Augen.Der abgefeimte Racker hat das Prävenire gespielt, dachte Brand und benahm sich so borstig, daß er an diesem Abend das Wohlwollen Madame Vernons beinahe eingebüßt hätte.Als er fortgegangen war, brach Eduard in Lachen aus:»Wir haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.«
Dietrich blieb noch eine Weile unter dem Thore stehen. Mit mächtiger Selbstüberwindung rang er die tiefe Gemütsbewegung nieder, die ihn ergriffen hatte: kein äußeres Zeichen durfte verrathen, was in ihm vorging.
Als ein sehr gelassener, fast übertrieben höflicher Mann betrat er den Modesalon und wurde von Fräulein Julie, einer gut erhaltenen Schönheit, »comme il faut« bis an die Spitzen ihrer langen, lanzenförmig zugeschnittenen Nägel, würdevoll empfangen. Sie schien befremdet, als er sie bat, fragen zu wollen, ob er die Ehre haben könne, mit Madame Vernon selbst und zwar privatim zu sprechen. Das Fräulein übernahm seine Karte, warf einen Blick darauf – und war elektrisirt.
»Dietrich Brand! Herr Rittmeister Brand ...«
»Nein, mein Fräulein, Brand kurzweg; ich habe meinen Militär-Charakter abgelegt.«
Aber das wußte Fräulein Julie besser. Ablegen, einen solchen Charakter? Als ob man das könnte! Nie! O, sie hatte die Gnade, den Herrn Rittmeister zu kennen, hatte so viel von ihm gehört. O, und wer nicht? Und einige ihrer Verwandten hatten die Gnade gehabt, unter ihm zu dienen. Und nun wolltesiedie Gnade haben, ihn der gnädigen Frau zu melden. Einen solchen Besuch werde sie sicherlich empfangen, wenn auch sonst keinen andern, denn die gnädige Frau sei heute nervos.
Sie enteilte, und Brand ließ ein mißbilligendes: »Hm, hm, nervos« vernehmen, worauf ihn einige der Magazins-Damen verstohlen anguckten. Andere kicherten vor sich hin, und ein lustiges Ding von einer Modistin, das eben einer ältlichen Kundin einen sehr jugendlichen Hut anprobirte, rang mit einem Lachkrampfe.
Nach kurzer Zeit war Fräulein Julie wieder da und ersuchte den Herrn Rittmeister, die Gnade zu haben, ihr zu Madame Vernon zu folgen. Sie geleitete ihn durch eine Reihe von Ateliers und Salons und verabschiedete sich mit einem wundervollenKnix, in den sie ihre ganze Seele legte, an der Thür des Boudoirs der Gebieterin.
VIII.
Das war ein Schmuckkästchen. Die Wände mit hellblauem Seidenstoff verkleidet, die Möbel mit demselben Stoffe überzogen, Tische, Tischchen, Etagèren von den verschiedensten Formen, mit theils sehr kostbaren Nippesgegenständen besetzt, ein großer Ankleidespiegel mit vergoldetem Gestell, und mitten in all’ der Pracht die berühmte, geniale, viel umworbene Madame Amélie. Sie war schön und geschmackvoll angethan in einem spitzenbesetzten Schlafrock aus Atlas, der wie die Abendröthe schimmerte und eine zwei Meter lange Schleppe hatte. Der Anzug war ein Kunstwerk und machte so schlank als möglich; aber auch den höchsten Toilettenkünsten sind die Wege gewiesen; Anmuth konnten sie der vierschrötigen Gestalt nicht verleihen, die sich beim Eintreten Brands von dem Ruhebette erhob. Der Kopf Madame Amélies saß auf kräftigem Nacken und trug eine Fülle starkangegrauter Haare. Die gewellte, gelockte Frisur erinnerte in ihrem künstlichen, architektonischen Aufbau an die der römischen Kaiserinnen. Das Gesicht hatte einen ausgesprochenen Neger-Typus, aber die Augen waren schön und intelligent. Leider befanden sie und auch die Nase sich eben in einem Zustande, der nicht gleich errathen ließ, ob die Dame geweint hatte oder an Schnupfen litt.
Als Dietrich eintrat, rieb sie sich eben die Schläfen mit weißer Matteischer Elektrizität. Auf einem Tischchen neben ihr befanden sich allerlei Riechmittel; in einer mit heißem Wasser gefüllten Achatschale verdampften einige Tropfen Fichtennadelextrakt.
Brand dankte in seiner ritterlichen Weise für die Gunst, die Madame Vernon ihm erwies, ihn trotz ihres Unwohlseins zu empfangen. Er wollte ihre Güte nicht mißbrauchen, sie nicht lang in Anspruch nehmen; er kam nur, um sich von ihr Auskunft zu erbitten über die beiden Kinder, die eben bei ihr gewesen waren. Nicht Neugier leite ihn, sondern ein ernstes Interesse, dessen Grund er ihr, wenn sie es gestatte, ein nächstes Mal darlegen werde.
Madame Amélie versicherte ihn, daß sie bei einem Manne »de sa trempe« nur die edelsten Absichten voraussetze, zögerte aber doch mit der Antwort, als er nach dem Familiennamen der Kleinen fragte.
»Fürchten Sie nicht, ein Geheimniß zu verrathen,« sagte er und faßte sie scharf ins Auge. »Es sind die Kinder des Majors von Müller.«
Sie widersprach nicht.
»Eines meiner besten Freunde und einstigen Kameraden,« fuhr er fort, »der vor drei Jahren in seiner Vaterstadt Klausenburg gestorben ist. Ein nur zu edler und großmüthiger Mensch.«
»Certainement,« fiel die Französin ein, »so großmüthig für Andere, daß die Seinen in dergênezurückblieben.«
»Gêne?« wiederholte Brand mit qualvoll gepreßter Stimme. »Was ich eben gesehen habe, ist schlimmer alsgêne. Diese Kinder sind schlecht genährt, schlecht gekleidet, sie darben.«
»Nun, jetzt eigentlich nicht mehr,« meinte Madame Vernon und widerstand nicht länger der Versuchung, »Monsieur Brand,« der ein so »noblecœur« war und so tiefe Theilnahme für die Hinterbliebenen seines Freundes hatte, die ganze Wahrheit zu sagen, und bei dieser Gelegenheit sich selbst in schönem Lichte zu zeigen.
Dietrich erfuhr nun Alles.
In der langen Krankheit des Majors waren die Reste des Vermögens aufgebraucht und leider sogar einige Schulden gemacht worden. Sophie mußte ihre Pension für Jahre hinaus verpfänden, um die dringendsten Gläubiger zu befriedigen. Sie wäre dem Elend preisgegeben gewesen, ohne ihr außergewöhnliches, dem der großen Wiener Modistin congeniales Talent. Mit ihren »doigts de fée« gewann sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder. Kärglich, wie sich von selbst versteht, »mon Dieu, en province!« bis eine Verwandte Madame Amélie’s und Gattin eines österreichischen Oberstlieutenants nach Klausenburg kam, dort erst die Werke Frau von Müllers, dann sie selbst kennen lernte und eine begeisterte Freundschaft und Bewunderung für sie faßte.
»Unglück und Talent,quels titresauf unsereTheilnahme, Monsieur,« sprach die Modistin mit einer pathetischen Gebärde.
Die Frau Oberstlieutenant brauchte nur einige Proben der Kunstfertigkeit Sophie Müllers an Madame Vernon zu schicken, um ihr Mitgefühl für die arme Wittwe zu erwecken. Amélie hatte ihr sogleich geschrieben und sie eingeladen, nach Wien zu kommen. Seit einem halben Jahre war sie da, stellte ihre Begabung und ihren Fleiß ausschließlich in den Dienst des Hauses Vernon und dürfte keinen Grund haben, es zu bereuen. Sie wurde besoldet wie keine zweite. Ihre Verhältnisse müssen sich jetzt schon gebessert haben.
»Müssen sich? Sie wissen nichts Genaues darüber?« fragte Brand.
»Das nicht. Frau von Müller spricht nie von sich. Sie ist sehr stolz, sehr zurückhaltend.« »Jawohl, sehr stolz.« Er beugte sich vor auf dem niederen Fauteuil, den Madame Amélie ihm angewiesen hatte, und wieder mußte sie den forschenden Blick seiner ernsten, grundehrlichen Augen eine ganze Weile hindurch aushalten und that es mit der Unbefangenheit eines vortrefflichen Gewissens.Plötzlich gab sie ihrem Kopfe einen kleinen Ruck, ein muthwilliges Lächeln glitt verschönernd über ihr derbes Gesicht, und sie sprach:
»Ja, ja, Monsieur, ich bin eine gute und bravepersonne, man kann auf mich zählen.«
Brand verneigte sich: »Gut und brav, ich bin überzeugt. Aber außerdem auch Gedankenleserin. Ich bewundere. Eine echte Künstlerin freilich hat immer etwas Divinatorisches.«
»O Monsieur!« Ihre Augen glänzten vor Freude über diese Schmeichelei: »Vous êtes aussi aimable que célèbre.«
Er lehnte ab; »LobenSiemich nicht. Ich habe große Schwächen.«
»Zum Beispiel?«
»Unter Anderem eine gewisse Schwäche für Damen-Mode-Artikel,« erwiderte er scherzend. »Ich wäre zum Beispiel neugierig, die Putzgegenstände zu sehen, die Frau Major Sophie von Müller Ihnen eben geschickt hat. Ich möchte diese Putzgegenstände sogar an mich bringen.«
Amélie war erstaunt: »Sind Sie verheirathet?«
»Nicht im Geringsten. Aber ich habe Cousinen und sogar Nichten« ...
»Die Brand heißen?« Beinahe wäre der Zusatz: »Brandtout court« ihr entwischt, doch verschluckte sie ihn noch rechtzeitig.
»Brand und anders,« erwiderte Dietrich.
»Anders?« Sie war auf einmal merkwürdig kühl geworden, sie bedauerte, auch nicht übereinStück im Magazin verfügen zu können, der Bedarf war so groß, der Vorrath so klein, man mußte doch einige Auswahl haben für die älteren, werthen Kunden.
»Ich würde höhere Preise bezahlen als Ihre ältesten, werthesten Kunden,« sagte Dietrich langsam, nachdrücklich, aber auffallend sanft und fast liebreich.
»Bedaure. Ich habe eine große Verehrung für Herrn Rittmeister Brand, aber seine Nichten müssen warten.«
Da ergriff er ihre kleine, harte, bräunliche Hand und führte sie rasch an seine Lippen: »Respekt vor Ihnen Madame! Ihr Verdacht ist ganz unbegründet – Ihre brave Gesinnung steht wie einFels. Ich sehe voraus, daß sich eine gute Freundschaft zwischen uns bilden wird.«
Entzückt über seinen Handkuß, aber doch noch etwas unsicher, bat Amélie, ihr zu verzeihen, wenn sie ihm Unrecht gethan habe.
»Ich verzeihe jeder Frau jeden, auch den schnödesten Verdacht gegen jeden Mann in dem einen Punkte,« entgegnete er. »Wir verdienen es nicht besser – im Allgemeinen.«
Seine Worte wirkten wie ein Petroleumguß in glimmendes Feuer. Sie richtete sich auf, sie rückte näher zu ihm und brach flammend und hochathmend in einen Hymnus des Lobes aus. Rittmeister Brand war mehr als liebenswürdig und berühmt, er war einzig. Er kannte sein Geschlecht. O, und sie ebenfalls, wenn auch nur in einem Exemplar, in dem freilich die Fehlerhaftigkeitde tout le genre masculinvertreten war. O, wenn er ahnen könnte! wenn er wüßte ...
Ein diskretes Klopfen an der Thür unterbrach sie.
Fräulein Julie zeigte sich, sie trug ein Karton unter dem Arme und meldete, die Fürstin A. habesich für den Nachmittag ansagen lassen und da mußte Madame doch bestimmen, ob die heutige Sendung Sophie Müllers sogleich oder erst zuletzt vorgezeigt werden solle. Mit zierlichst gerundeten Handbewegungen entnahm sie dem eleganten Behältnisse nach einander vier Hüte und stellte sie auf Haubenstöckchen vor die Gebieterin hin:
Nein, das waren wieder Sachen! Sachen! Nicht eines dieser »Huterln« würde auch nur einen Tag alt werden im Salon. Die Fürstin A. würde gewiß zwei Stück nehmen und Prinzessin B. die andern zwei; sie waren wie geboren für die beiden Damen, und nur auf ihren Häuptern wollte Fräulein Julie sie sehen. Der Baronin C. dürften sie gar nicht vor Augen kommen, die kauft sonst den wirklichen Damen alle vier auf einmal weg.
Amélie prüfte jeden einzelnen Hut genau: »Ja, Madame Müller ist erstaunlich, sie übertrifft sich bei jeder neuen Leistung. Was für Ideen sie hat! Sehen Sie nur, Mr. Brand, wie die Aigrette auf diesem Spitzenhut placirt ist. Welche Grazie und welcher Geschmack in der Wahl der Farben, eine hebt die andere, und keine schlägt die andere. Den Hut verkaufen wir als Modell.«
»Soschön!soschön!« fiel Julie ein, »und diese Nettigkeit! Alles wie aus dem Ei geschält.«
Brand blieb stumm und betrachtete die Hüte mit tief innerlichster Rührung. Dieses schimmernde, phantastische, kostbare Zeug hat der Mangel geschaffen, die Armuth hat es gemacht für den übermüthigsten Luxus. Die Schönheit dieses Zeuges ist wie Hauch, einige Regentropfen vernichten sie. Und dafür den Schlaf der Nächte, das Licht der Augen ... Dafür!
Wieder wurde geklopft und angezeigt, daß der Wagen der Fürstin vorgefahren sei. Fräulein Julie raffte hastig ihre Waaren zusammen und eilte in den Salon.
Madame Amélie und Brand waren zugleich aufgestanden. Er verabschiedete sich sehr bewegt und sagte: »Der Wittwe meines Freundes muß geholfen werden. Helfen Sie mir helfen. Über das wie müssen wir uns berathen. Wann darf ich wiederkommen?«
»Kommen Sie morgen,« sprach sie huldvoll.
IX.
Am selben Nachmittage lief Peter zu seiner Magdalena hinüber. Er hatte es sehr eilig, blieb aber doch einen Augenblick in Bewunderung vor dem breiten »hauchrein« geputzten Auslagenfenster des Ladens stehen. Wie köstlich sah der heute wieder aus, in seinem Reisig- und Blumenschmuck! Ein zierliches Gärtlein, in dem Schinken, geräucherte Zungen und Fische und allerhand Pasteten wuchsen. Auf der Marmorplatte im Fenster erhoben sich zwischen üppigen Hortensienstöckchen die appetitlichsten Wurstpyramiden, schimmerten rothe und gelbe Aspicrotunden. Hinter der frischlackirten Tafel, neben der großen Wage, deren Schüsseln wie Gold glänzten, prangte sie, die Herrin, in ihrem unverwüstlich jugendlichen Flor. Ihr Häubchen schien mit Schneeflocken garnirt, ihr kurzärmeliges Kleid und ihre Wangen hatten die selbe Centifolienrosenfarbe. Der Latz der weißen, mit einem Spitzenstreifen besetzten Schürze bedeckte die mächtige Brust, warf nicht eine Falte, hatte nicht das kleinste Flecklein. Frau Magdalena zerlegteeben mit spielender Meisterschaft ein junges, fettes Huhn.
Ein Herr, der vorüberging, warf einen Blick in den Laden, lächelte und sagte: »Zum Hineinbeißen!«
Peter sah ihn unwirsch an; er wußte nicht, ob das Huhn gemeint sei oder die Frau, rasch trat er ein und befahl ihr, verdrießlich wie Einer, der gerade einen kleinen Anfall von Eifersucht gehabt hat, das Huhn auf einem Teller anzurichten.
»Das thu’ ich ohnehin«, sagte sie, »es gehört für den Hofrath im zweiten Stock.«
Peter schüttelte den Kopf: »Wird nicht gehen: dem Hofrath giebst ein anderes, das da nehm’ ich gleich mit für meinen Herrn Rittmeister, der heute vergessen hat, ins Gasthaus zu gehen.«
»Was? Vergessen! Der was vergessen, das ist ja wie wenn die Uhr am Stephansthurm stehen geblieben wär.« Sie hatte das Huhn schon auf ein Schüsselchen gelegt, umgab es mit Rauten aus Aspic, verzierte es geschmackvoll mit kleinen Bouquets aus Petersilie, stellte das Ganze auf eine vor Neuheit schimmernde Serviette und hielt ihremManne die zusammengefalteten Enden hin. Statt diese zu ergreifen, trat Peter hinter die Pudel, gab der Gemahlin einen nachdrücklichen Kuß auf die Lippen, einen zweiten mitten in die blonden Löckchen hinein, die sich ihr übermüthig im Nacken kräuselten, und dachte: Teufel, Teufel, ich hab das Frauenzimmer alle Tage lieber!
»Wieso hat er denn vergessen ins Gasthaus zu gehen?«
Ja, Peter würde es sagen, wenn er’s wüßte. Der Herr kam nach Hause um eine halbe Stunde früher als sonst und: »Ich seh’ ihm’s gleich an, daß er noch nicht gespeist hat.«
»Was Du ihm nicht Alles ansiehst!«
»Natürlich, was ich ihm nicht Alles anseh’. Auch gleich, daß er nicht zugeben will, daß er vergessen hat, und wie ich sag’: »Haben denn gespeist?« sagt er: »Esse heute nicht; bring Thee undCigarretten.«Den Speisezettel kenn’ ich von damals, wo er verliebt gewesen ist. Ich hab’ aber immer etwas dazu gegeben, und er hat’s hinunter geschlungen in der Zerstreutheit.«
Peter lief davon, und seine Frau rief ihmnach: »Du, zum Hinunterschlingen hätt’s ein mageres Hendel auch gethan. Verliebt, der alte Brand?« Es kam ihr unglaublich lächerlich vor. Aber, dachte sie, so übel wär’s am End’ nicht, vielleicht thät’ er sich dann weniger hineinmischen in der Erziehung von meinem Peterl.
Und wirklich kümmerte sich Brand in den nächsten Tagen ein bißchen weniger um Peterls physisches und moralisches Wohlergehen. Seine Gedanken waren augenscheinlich von etwas Bezwingendem erfüllt, das ihn manchmal erheiternd, manchmal betrübend, immer aber völlig in Anspruch nahm. Er machte auch sehr oft Besuche, zu denen er sich aufs Feinste kleidete. Peter war nicht der Mann, der seinem Herrn nachspürte, zur Spionage erniedrigte er sich nicht, aber seines Verstandes, seines Scharfsinns konnte er sich nicht entäußern, die Fähigkeit, richtige Schlüsse zu ziehen, konnte er nicht plötzlich los werden. An dem Tage, an dem er mit einem prachtvollen Bouquet zu Madame Amélie geschickt wurde, wußte er Alles.
Daß es einemarchande de modeswar,kränkte ihn tief, das sagte er nicht einmal seiner Magdalena.
Der Verdacht Peter Peters’ war nicht unbegründet; sein Herr ging wirklich auf Eroberung aus. Aber nicht Liebe wollte er gewinnen, sondern Vertrauen, und errang es auch in einem Maße, das seine Erwartungen und sogar seine Wünsche überstieg. Madame Amélie machte ihn mit ihrem Lebenslauf bekannt und schüttete ihr ganzes, übervolles Herz vor ihm aus.
Sie stammte aus einer guten Pariser Familie, hatte in früher Jugend ihre Eltern und später dann durch die Unredlichkeit eines Verwandten ihr Vermögen verloren. Eine alte, alleinstehende Tante, Madame Justine Vernon, die in Wien ein einträgliches Modengeschäft führte, erbarmte sich ihrer Verlassenheit und nahm sie zu sich. Und nun kam das Talent zur Entfaltung, dem Amélie ihre späteren Erfolge verdanken sollte. Ein Talent, das sie, genau wie diese liebe Madame Müllér, ahnungslos besessen hatte, bis äußere Verhältnisse die schlummernde Gottesgabe in ihr weckten. Sehr bald zeigte sich, daß die Thätigkeit, dieihr aufgezwungen worden, eine ihren Anlagen und Fähigkeiten völlig zusagende war. Sie ging aber auch in ihr auf. Sie trat nach dem Tode Madame Vernons an die Spitze des Hauses, erweiterte das Geschäft zu einer Putzwaaren- und Konfektionshandlung, erwarb einen Wohlstand, der an Reichthum grenzte, und nahm eine Stellung ein, wie noch nie eine Modistin vor ihr. An Bewerbern hatte es ihr natürlich nicht gefehlt: »Die Männer sind so geldgierig und immer bereit, sich zu verkaufen.«
»Auf den Sklavenmarkt mit dieser Männer-Ausschußwaare!« murmelte Brand.
Aber Amélie Vernon dachte nicht daran, ihre Freiheit aufzugeben; sie war stolz auf ihre jungfräuliche Unabhängigkeit und bewahrte sie bis zu ihrem vierzigsten Jahre. Dann war das Verhängniß hereingebrochen mit dem Tode des alten und mit der Aufnahme des neuen Buchhalters, eines glänzend empfohlenen, jungen Menschen. Tüchtig in seinem Fache, verläßlich in Geldsachen, solid und rangirt, hieß es, und das glaubte Madame Amélie; aber auch hübsch, liebenswürdig, bezaubernd, unddas sah Madame Amélie. Ach! der schöne Buchhalter spielte sich auf den schmachtenden Troubadour, und sie gab seinen Schwüren, seinem Flehen, seinen Thränen nach und erhob ihn zum Chef des Hauses und zu ihrem Gatten.
»Vor zwei Jahren, Monsieur. Ja! die Monate, die Wochen und Tage, die seitdem vergangen sind, kann ich zählen – dieinfidélités, die Édouard an mir begangen hat, nicht. Er betrügt mich wie ein Franzose, Ihr biederer Österreicher!« rief sie und sah Dietrich so feindselig an, als ob er ein Mitschuldiger ihres Ungetreuen wäre. O der Quäler! Wie sie ihn liebte, ihn haßte, ihm fluchen und ihn vertheidigen mußte in einem Athem, denn – war er schlecht, die Frauen waren schlechter. Sie stellten ihm nach, er konnte sich nicht retten vor ihnen.Damen, »de vraies dames« schickten ihm Bouquets. »Pauvrechéri!« aber ein – »fier misérable!« Heuchlerisch, gewissenlos und von einer Eitelkeit! ... Wenn eine Frau gleichgültig an ihm vorbeigeht, fühlt er sich von ihr insultirt und nimmt sieen grippe. So z. B. Madame Müllér.«
»Frau Major von Müller?« Brand mußte sich fest anklammern an die Lehnen seines Fauteuils, um nicht in die Höhe zu fahren: »Dieser ... Herr wird doch nicht wagen« ... Er hielt inne, vollbrachte ein Meisterstück der Selbstbeherrschung und fragte gelassen und kühl: »Sie kommt zu Ihnen? Wann? Wie oft?«
Nun, früher, als sie ihrer Sache noch nicht ganz sicher war, kam sie allwöchentlich. Sie hatte die Bestellungen selbst abgeliefert und das Urtheil und die Rathschläge der Meisterin erbeten. Derer bedurfte sie jetzt nicht mehr und fand sich nur noch an jedem Letzten des Monats zur Abrechnung bei der Prinzipalin ein; zwischen Elf und Zwölf, die Stunde, in der der Chef im Bureau festgehalten ist. Höchst seltsam, aber – sie hat für ihn etwas Abstoßendes: »Was für eine steifleinene Person hast Du da aufgegabelt?« fragte er schon mehrmals. Die Majorin scheint bemerkt zu haben, daß sie ihm mißfällt, sie vermeidet, ihm zu begegnen, betritt die Ateliers nicht mehr, sondern kommt über die Seitentreppe direkt in den Privatsalon Amélies.
»So – weil sie ihm mißfällt? Das ist merkwürdig.Sie muß sich sehr geändert haben, wenn sie irgend Jemandem mißfallen kann.«
»Mir nicht, o mir nicht,« versicherte Amélie, »für mich hat sie etwas sehr Anziehendes, einen außerordentlichencharme. Und ihre Kinder sind entzückend, besonders der kleine Junge. Ich lasse ihn immer rufen, wenn er die Arbeiten seiner Mutter abliefern und Material zu neuen Arbeiten holen kommt. Er hat so touchante Augen. Um diesen Schatz beneide ich Madame Müllér. O, wenn der Himmel mir Kinderchen mit so touchanten Augen schenken wollte!«
Brand wartete ihr mit einer guten Lehre auf: »Den besten Trost für den Mangel an eigenen Kindern findet man in der Liebe zu denen der Anderen. Schließen Sie fremde Kinder ans Herz, Madame. Was mich betrifft, ich beabsichtige mich der Kinder meines verstorbenen Freundes anzunehmen. Zu dem Ende will ich sie aufsuchen, muß demnach wissen, wo sie wohnen, und bitte Sie, mir ihre Adresse mitzutheilen.«
Die war:VII.Bezirk, Berggasse Nr. 19, Erster Stock, Thür 6½. Aber hingehen? Améliewiderrieth es ihm. Sie hatte schon mehrmals bemerkt wie vorsichtig Frau von Müller jedem Zusammentreffen mit Bekannten aus früheren, besseren Tagen auswich. Sehr begreiflich das, wenn man so viel Charakter hat, so viel Stolz. Weder die Neugier noch das Mitleid sollen Einblick nehmen in ihre traurigen Verhältnisse. »Etwas gebessert haben sie sich übrigens schon. Madame Müller verrichtet nicht mehr alle Hausarbeit selbst, ihre Zeit ist kostbar geworden, ihre kunstreichen Hände brauchen Schonung; sie hat eine Magd aufgenommen.«
»Etwasgebessert haben sich die Verhältnisse der Frau Major, sagen Sie, Madame. Das ist zu wenig,« versetzte Brand, »sie müssen gut werden. Wir wollen dafür sorgen, wir Zwei. Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt, Sie werden das meine nicht täuschen. Ich rechne auf Ihren Takt, Ihre Feinfühligkeit.«
»Feinfühligkeit? das ist Delicatesse? O, Sie können auf die meine zählen.«
Dietrich nahm ein Couvert aus seiner Tasche und legte es auf das Tischchen, auf dem heute eine blaue Matteische Elektrizität stand. »Erweisen Sieeine Wohlthat, Madame, unter dem Scheine eines entrichteten Honorars. Wenn Sie sagen: ‘ich habe alle Hüte, die Sie mir neulich geschickt haben, als Pariser Modelle verkauft und betheilige Sie mit fünfzig Prozent am Reingewinne’, das müßte doch eine hübsche Summe ausmachen. Nicht?«
Amélie zog die Augenbrauen in die Höhe. »O, Monsieur, so viel wie allgemein angenommen wird, kommt bei unserem Geschäfte nicht heraus. Doch will ich Mittel finden, Madame Müllér glauben zu machen, daß wir eben jetzt, die Saison ist ja sehr günstig, ungewöhnlich hohe Preise für unsere Arbeiten fordern konnten.«
»Thun Sie das, Madame,« sprach Brand mit großer Wärme.»GebenSie mir meine Seelenruhe wieder; der Gedanke an die Kinder meines verstorbenen Kameraden läßt mich nicht schlafen.«
X.
Brand ging in gedrückter Stimmung und mit sich selbst unzufrieden heim. Es mißfiel ihm, daß er eine Freundschaft für den seligen Major vonMüller heuchelte, von der sein Herz nie etwas gewußt. Warum? Weil ihm der brave Mann, der genau das gethan hatte, was Dietrich hätte thun sollen, ein lebender Vorwurf war.
»Verzeih mir, Major«, sagte Brand unwillkürlich laut und trat in seiner Benommenheit einem dürftig gekleideten, schmalen, schüchternen Herrn, der bescheiden an ihm vorüberhuschte, auf den Fuß. Der Herr grüßte und – entschuldigte sich. Für einen Major gehalten zu werden, schmeichelte ihm; denn er war nur ein ganz kleiner Beamter.
»Verzeihung«, wiederholte Dietrich, zog den Hut und dachte: Demüthiges Menschlein, wenn Du wüßtest, wie klein ich mich fühle!
Sein Elend und seine Qual mußten ein Ende nehmen; er faßte einen großen Entschluß. Wenn er auch nicht wagen durfte, Frau von Müller zu besuchen, sehen mußte er sie. Morgen ist der letzte April, da tritt sie ihre Wanderung zu der Brotgeberin an, da will er sie erwarten vor ihrem Hause, will ihr folgen, vorerst unbemerkt. Wer weiß, vielleicht zeigt der Zufall sich günstig und bietet Brand Gelegenheit, sich ihr vorzustellen.
Er schlief wenig in dieser Nacht, verfiel erst gegen Morgen in einen unerquicklichen, durch wirre Träume gestörten Schlummer. Als er erwachte, war es fünf Uhr, und aus grauen Wolken, die den ganzen Himmel bedeckten, strömte dichter Regen nieder. Nach dem Frühstück ging Dietrich in die Wohnung hinüber, die er für das Ehepaar Peters im dritten Stock des Hauses gemiethet hatte, in dem das Geschäft Magdalenas sich befand. Er kam gerade zurecht zum Bade seines Täuflings, und Frau Peters erschrak nicht wenig, als sie ihn erblickte; denn das war die Gelegenheit, bei der Dietrich mit Ermahnungen am Wenigsten sparte und so oft gesagt hatte, daß es ihr schon »auf die Nerven« ging:
»Ja, meine Liebe, das Baden eines kleinen Kindes ist keine leichte Sache. Ich habe darüber in ganz vortrefflichen Büchern gelesen und auch gesprochen mit Widerhofer, Auchenthaler und Monti.«
Heute kein Wort, nicht einmal ein recht aufmerksames Zusehen, und als die Uhr Neun schlug, nahm er seinen Hut (seinen schönsten Cylinderbei dem Wetter) und ging und vergaß den Regenschirm. Zum Glück bemerkte Frau Peters es gleich und schickte ihm den Unentbehrlichen nach und dachte bei sich mit aufrichtigem Bedauern: »Der ist wirklich verliebt, und fest, der arme Alte!«
Es hatte ihn auf einmal gepackt: Vielleicht kommt sie heute früher als gewöhnlich zu Madame Vernon. Warum sie das thun sollte, da sie doch einen bestimmten Grund hat, zu keiner anderen Stunde als zwischen Elf und Zwölf zu kommen, wußte Brand nicht und konnte es nicht wissen. Aber möglich war’s ja doch, und wenn ein vernünftiger Mensch eine Möglichkeit einmal angenommen hat, dann richtet er sich auch nach ihr ein.
Er war ein guter Geher und erreichte in erstaunlich kurzer Zeit sein Ziel, die lange Berggasse. Sie machte ihrem Namen Ehre und stieg ziemlich steil in die Höhe. Zwischen ihren alten, niedrigen Häusern ragten hie und da neue, thurmartige Zinskasernen in den Himmel und raubten seinen Anblick ihrem armen Gegenüber und waren trotz ihres unverschämt protzigen Aussehens doch nur Wohnstätten der Armuth und der Noth.
Auch Nummer 19 hatte solch’ ein lichtraubendesvis-à-visund schien aus Ehrfurcht vor ihm halb in die Kniee gesunken. Brand trat durch das schiefe Thor in einen elend gepflasterten Hof, der ein schmales, unregelmäßiges Viereck bildete. Rings um die zwei Geschosse liefen offene Gänge mit Geländern aus verbogenen Eisenstäben. Die Fenster waren klein und in defektem Zustande. Im Hofe unter einem Vordach über dem Eingang, der zu der Hausmeisterwohnung führte, beschäftigte sich ein derbes Weib mit dem Reinigen des Küchengeräthes und wurde dabei von einer Schar von Hühnern umgackert und von zwei Katzen umschmeichelt. Auf einem leeren Fasse saß ein schwarzer Kater; und ein kleines, steinaltes, kaffeebraunes Thierchen, mit weißen Pfoten und langen, flatternden Ohren, das beim Anblicke Brands eine Art Gebell erhob, mußte man erst eine Weile betrachten, um zu erkennen, daß es zum Hundegeschlecht gehörte.
Die Hausmeisterin musterte den durch das Hündlein Angekündigten vom Kopf bis zu den Füßen und fragte unfreundlich: »Was wünschen’s denn?«
Auf einem Gang des ersten Geschosses war eine alte Frau mit zerzausten Haaren und mit einer Brille auf der Nase, in einen fettigen Schlafrock gekleidet, erschienen, hatte sich ängstlich umgesehen, einen kleinen zerfetzten Teppich auf das Geländer gelegt, und angefangen, ihn so leise als möglich auszuklopfen.
Aber die Hausmeisterin bemerkte die geplante Unthat sogleich und hemmte ihre Fortsetzung durch energische, mit Schimpfworten reichlich gespickte Einsprache. Die erschrockene Alte raffte ihren Teppich zusammen und verschwand in der Thür, aus der sie getreten war.
Diesen Zwischenfall benutzte Brand, um sich aus dem Hause und aus der Nähe seiner groben Beherrscherin zu stehlen. Diese Person nach Sophie Müller zu fragen, widerte ihn an. Diese Person schien ihm so recht fähig, alle möglichen infamen Schlüsse aus der einfachen Erkundigung zu ziehen: »Wohnt hier Frau Major von Müller, und ist sie zu Hause?«
Nein, er wollte nicht fragen, er wollte warten; geduldig, mehr als geduldig, mit dem Wunschesogar, sie möge noch nicht kommen. Ihr Anblick wird ihm eine große Gemütsbewegung verursachen. Er hatte sich das kaum eingestanden, als er sich auch sofort ins Gebet nahm. Und was weiter? Hat er eine feige Scheu vor Gemütsbewegungen? Ist es so weit mit ihm gekommen in dem Schlaraffenleben, das er führt, und vergißt er vor lauter Erziehen an Anderen die Erziehung seiner selbst? Gemütsbewegung, ja – es wird eine sein, und er wird sie aushalten.
Nach langem Auf- und Abgehen blieb er in der Nähe des Thoresstehen.Unaufhörlich strömte der Regen nieder, Brand nahm sich unter den acht Wasserfäden, die von seinem Schirm herunterliefen, wie ein steinerner Wassergott aus. Es wurde halb Elf. Sie kommt nicht, das Wetter ist zu schlecht, dachte er und – wartete weiter, obwohl er recht gut merkte, daß er schon die Aufmerksamkeit einiger Schuhmacher erregt hatte, die an einem Fenster des gegenüber liegenden Hauses arbeiteten.
Zu jeder anderen Zeit würde er hingegangen sein und die jungen Leute gefragt haben, was sie zu gaffen und zu kichern hätten? Ob die Beobachtungder Passanten oder das Verfertigen von Schuhen ihre Pflicht und ihr Geschäft sei? Jetzt aber ließ er die Tröpfe ungehindert in dem Pfuhl ihrer Nichtsnutzigkeit versinken und blieb auf seinem Posten, bis die Uhr des nächsten Kirchthurms Elf schlug und der letzte Schein von Hoffnung, der noch in ihm glimmte, erlosch.
Und gerade in dem Augenblick, in dem er jede Hoffnung aufgegeben hatte, wurde sie erfüllt. Er war noch einige Schritte hinauf bis an das Thor von Nummer 21 gegangen, da war ihm, als ob er zurückgezogen würde an unsichtbaren, aber starken Fäden. Etwas Geheimnißvolles, nie Empfundenes zwang, jazwangihn, sich umzuwenden.
Da trat sie aus dem Hause. Er erkannte sie sogleich. Wie zögernd blieb sie ein paar Sekunden vor dem kleinen Wasserreservoir stehen, das sich zwischen der Schwelle und dem Trottoir gebildet hatte, sah zum trostlos grauen Himmel hinauf, öffnete rasch ihren Schirm, hob sich auf die Fußspitzen und schritt eilig und entschlossen des Weges.
Brand folgte ihr anfangs aus einiger Entfernung, dann wagte er sich näher heran, ging aufdie andere Seite der Gasse, ging ihr vor, sah ihr ins Gesicht. Sie trug einen kleinen, schwarzen Schleier, hielt die Augen aufmerksam auf das Pflaster gerichtet und suchte die Steine aus, auf welche sie ihre schlanken, schmalen Füße setzte. Sie hatte ihren leichten und entschlossenen Gang, die anmuthig aufrechte Haltung behalten, die ihm so deutlich in der Erinnerung geblieben waren. Sie sah wie ein junges Mädchen aus, und fein und elegant in ihren alten Kleidern. O wie alt, wie abgetragen!
Brand verlangsamte seine Schritte und ging wieder hinter ihr her; und als ein Lümmel, der ihr entgegen kam, sie beinahe vom Trottoir gestoßen hätte, schob er ihn zur Seite mit solchem Nachdruck und so aggressiver Miene, daß der Mensch ein »Pardon« stammelte und sich davon machte.
Sie waren am Ziele. Frau von Müller lief mehr als sie ging ins Haus, und Brand dachte daran, heim zu gehen. Aber er that es nicht, er brachte sich nicht fort. Er hatte ja die Möglichkeit, sie noch einmal zu sehen, ihr noch einmal zu folgen, sie vielleicht noch einmal in Schutz zu nehmenvor irgend einem Lümmel und sich dann ein Wort des Dankes von ihr zu verdienen .... Daß sie doch in eine große Gefahr gerathen möchte, daß er ihr Leben um den Preis seines eigenen retten und ihr sterbend sagen könnte: »Frau von Müller, jetzt sind wir quitt!«
Sie war nicht die breite Treppe zum ersten Stockwerk hinaufgestiegen, die links in die Salons führte, sondern die Seitentreppe rechts, über die man zur Privatwohnung Madame Amélies gelangte. Brand hatte sich in den Hof zurückgezogen und beobachtete von dort aus, was unter dem Thorwege vorging. Nach kaum zehn Minuten kam Sophie die kleine Treppe wieder herab. Ihre Wangen waren leicht geröthet, ein heller Ausdruck von Freude verklärte ihr Gesicht. Die angenehme Überraschung, die Brand ihr zugedacht, war gelungen; Madame Amélie hatte ihre Sache gut gemacht.
Mit großer Raschheit eilte Frau von Müller vorwärts und wäre beinahe an einen großen, breiten, nach der neuesten Mode gekleideten Herrn angeprallt, der plötzlich und ebenfalls sehr rasch ausder Thür der gegenüber liegenden Treppe getreten war. Brand erkannte in ihm das Urbild der vielen Porträts, die das Zimmer seiner Gattin schmückten, den Chef des Hauses, Herrn Eduard Weiß. Das waren seine impertinent blauen, vorgehenden Augen, seine üppigen Backenbärte, die schwellenden Lippen, die – um mit Amélie zu sprechen – unter dem blonden Schnurrbart hervorblinkten, wie rother Mohn ans dem Weizenfelde.
Er lachte laut auf über den Schrecken, mit dem Sophie vor ihm zurückgefahren war, und sprach, ohne den Hut zu rücken: »Seh’n Sie, da haben Sie’s. Zur Strafe, daß Sie immer vor mir davonlaufen, wirft Sie der Zufall in meine Arme.«
Sie wendete sich und eilte dem Ausgang zu; Eduard vertrat ihr den Weg:
»Nein, nein, Sie bleiben! Warum so scheu? Hab’ ich Sie beleidigt, oder fürchten Sie, daß ich Ihnen gefährlich werden könntet Wenn das wäre, schöne Frau, wenn ich das hoffen dürfte« ...
Zärtlich, mit elegischer Gebärde, streckte er die fein behandschuhte Rechte aus, um ihren Armzu fassen; aber im selben Augenblick legte sich eine nervige Faust auf den seinen, und eine gebieterische Stimme befahl:
»Platz da, Herr!«
Betroffen sah Eduard sich um und maß den kleinen, unscheinbaren Mann, der ihn angerufen hatte, mit einem häßlichen, verächtlichen Blicke. Dieser Mann lüftete jetzt vor Frau von Müller den Hut wie vor einer Königin und fragte ehrfurchtsvoll:
»Darf ein alter Bekannter Ihnen sein Geleit anbieten, gnädige Frau?«
Sie war zurückgewichen. Ein leises Beben durchrieselte ihren ganzen Körper, mit groß geöffneten Augen starrte sie ihn an, ihre Oberlippe zog sich ein wenig in die Höhe, man sah, wie ihre weißen Zähne sich fest auf einander klemmten.
»Herr Rittmeister Brand,« sprach sie zagend, fast unhörbar.
»Brand?« wiederholte Herr Eduard eingeschüchtert. Rittmeister Brand, von dem Amélie in den letzten Tagen so oft und mit so herausforderndem Entzücken sprach? Derselbe Brand, von demman wußte, daß er den Dienst aufgegeben hatte, um sich mit seinem Obersten duelliren zu können. War er’s? war er’s nicht? Für alle Fälle fand Herr Weiß es gerathen, die Augen zu senken.
Sophie hatte ihre Fassung bald wieder gewonnen. Ruhig, höflich, aber unwiderruflich entschieden sprach sie, als Brand seinen Antrag wiederholte: »Ich danke Ihnen, Herr Rittmeister, nein, nein.«
Dietrich trat schweigend zur Seite, und sie schritt an ihm vorbei und hinaus in den strömenden Regen, in den Sturm, der sich erhoben hatte und die Straßen durchfegte.
Eduard machte einen zaghaften Versuch, ihr zu folgen. Aber Brand sah zu ihm hinauf (er reichte ihm genau bis zum Ohrläppchen) und sprach:
»Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung. Ich begleite Sie auf Ihr Comptoir.«
»Ich komme von dort,« versetzte der schöne Mann und wußte nicht recht, ob er mehr Grund zur Entrüstung oder zur Bestürzung habe. »Ich gehe jetzt aus. Ich habe zu thun.«
»Auch ich habe zu thun, und zwar mit Ihnen,«sagte Dietrich bestimmt, aber gar nicht agressiv. Dem Chef lief es trotzdem eiskalt über den Rücken, und er fragte sich, ob das vielleicht die Art der Herren vom Militär sei, einen Civilisten zum Duell heraus zu fordern. Zum Duell! Diesem Unsinn, diesem Verbrechen, das jeder vernünftige und rechtgläubige Mensch verabscheut. Aber Gottlob, beschwichtigte er sich, wir haben ein Gesetz, und dieses hat einen Paragraphen, der Schutz gewährt gegen Bedrohung am Leben. Diese Erwägung gab ihm einige Sicherheit und den Muth, zu sagen:
»Eigentlich weiß ich nicht ... Mit wem hab’ ich denn eigentlich die Ehre?«
»Eine ganz berechtigte Frage, Herr Eduard Weiß. Ich habe versäumt, mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Dietrich Brand.«
»Also wirklich ... Meine Frau hat schon öfters das Vergnügen gehabt, Herr Rittmeister« ...
»Nicht mehr. Ich habe meinen Militärcharakter abgelegt.«
»Ja so, also richtig, also – bitte.«
Wenn Du nur nicht so verflucht martialisch aussähest, Du alte Tugendpolizei, dachte Eduard.
Er hatte den Gast in das ebenso elegant wie gediegen eingerichtete Comptoir geführt, wies ihm dort einen bequemen Fauteuil an und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Da hatte er die Taster der elektrischen Glocken in der Nähe. Ihr Anblick und der des Telephons an der Wand war ihm erfreulich. Es berührte ihn auch angenehm, als er aus dem zweiten Zimmer die süße Stimme Fräulein Juliens, die mit dem Zuschneider konferirte, herüberflöten hörte.
Brand nahm von dem ihm angebotenen Platz nur so viel in Anspruch, als seine schmächtige Gestalt durchaus brauchte. Er saß kerzengerade, mit fest geschlossenen Beinen, und als Eduard ihm den Hut, den er in der Hand behalten hatte, abnehmen wollte, lehnte er kurz ab: »Nicht nöthig. Ich habe Ihnen nur mitzutheilen, daß der verstorbene Major von Müller ein Kamerad von mir gewesen ist. Erst neulich habe ich erfahren, daß seine Wittwe hier lebt. In wie traurigen Verhältnissen, theilte Ihre Frau Gemahlin mir mit. Ich bin nun entschlossen, Frau von Müller und ihre Kinder in meine Obhut zu nehmen. Soeben war ich Zeugedes Benehmens, das Sie sich gegen diese Dame erlauben; wohl nur, weil sie von Ihnen für schutzlos gehalten wird. Sie ist es nicht mehr. Wer sie beleidigt mit einem einzigen Worte, einem einzigen Blick, beleidigtmich. Ich aber versichere Ihnen, daß ich Beleidigungen nicht dulde. Das lassen Sie sich gesagt sein.«
Er stand auf, und Eduard folgte seinem Beispiel. Er sprach nicht, er verbeugte sich nur, über sein wohlgenährtes Gesicht flog ein Ausdruck ... Alles zugleich, cynisch, frech, feige.
Brand nahm sich zusammen; er wollte seinen Zorn nicht überwallen lassen. Das kostete ihn einen schweren Kampf. Unbegreiflich! Seinen Soldaten gegenüber war seine Ruhe unerschütterlich, seine Geduld unerschöpflich gewesen. Wie kam dieser Bengel zu der Ehre, ihn dergestalt in Aufregung zu bringen?
XI.
Diese Frage war nicht die einzige, die ihn bedrängte. Das erste Wiedersehen zwischen Sophie und ihm war für sie ein mit Schrecken verbundenes, für ihn ein glückliches gewesen, denn er hatte ihr einen Dienst leisten dürfen. Was aber nun? Ihr gleich, ihr heute noch einen Besuch abstatten, ginge nicht an. Es sähe gar zu hungrig aus nach Lob und Dank, und wahrlich dadurch, daß man einen Zudringlichen fern gehalten hat, erwirbt man doch zu allerletzt das Recht, selbst zudringlich zu sein. Andererseits wieder – verfluchtes Dilemma! – möchte er doch um keinen Preis gleichgültig und theilnahmslos erscheinen.
Vierundzwanzig Stunden lang ertrug Brand die Zweifelsqualen. Länger nicht.
Am nächsten Tag war das Wetter schön, er hatte Klein-Peterl im Stadtpark besucht und wie gewöhnlich unter der fröhlich spielenden Jugend lehr- und segensreich gewaltet. Als es Zwölf schlug, als die Zeit wiederkehrte, zu der die tapfere Frau gestern ausgewandert war, um den Ertragihrer Arbeit heimzuholen, als sie vor seinem Geiste stand, wie er sie mit Augen gesehen hatte, in ihrer lieblichen Verwirrung beim unerwarteten Wiedersehen – da war’s beschlossen: »Um Drei bin ich bei ihr.«
Die Stunde schien ihm die passendste für einen ersten Besuch. Es ist eine so hübsche Stunde, diese dritte – nach der Mittagshöhe. Sie lastet nicht mehr drückend schwül und ist doch kräftig von Sonnenlicht durchtränkt. Die dritte Nachmittagsstunde hat manche Analogie mit gewissen gesetzten Jahren im Leben ...
Brand ging ins Restaurant, rascher als nothwendig gewesen wäre, und hatte, nach Hause zurückgekehrt, schon um halb zwei Uhr seine Cigarre fertig geraucht. Dann wurde Toilette gemacht. Cylinder Nr. 2, dunkelgrauer Straßenanzug Nr. 2. Alles sehr einfach, aber bürsten mußte Peter den Hut, den Anzug, die Stiefel, daß ihm das Herz weh that um den Filz, das Tuch und das Leder. Brand warf sogar einen Blick in den Spiegel, schüttelte den Kopf und sah unzufrieden aus. Ist auch anseinemLebenstage früher Nachmittag ... oder naht schon der Abend?
Es muß heute eine Andere sein, dachte Peter. Zu den Besuchen bei der »Marchand’ Mod’« wird nur Garderobe Nr. 1 angelegt. Nun ja, von so einer Putzgredl will man sich nicht spotten lassen.
»Jetzt geh’ ich,« sagte Brand, und hinter den armseligen Worten schwoll es empor wie komprimirter Jubel, dem man ein bißchen Luft macht. »Wohin glaubst Du wohl?« setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu, und sah den guten Peter, und wußte selbst nicht warum, streng an: »Zur Frau Major von Müller.«
Peter war verblüfft; er gestand sich ungern, daß er nicht wußte, was er denken sollte von seinem Rittmeister. So stieß er denn einen Seufzer aus und sprach: »Die Frau Major von Müller, ja. Belieben jetzt in Klausenburg zu sein, die Frau Major.«
»Sie war dort, ist jetzt in Wien.«
»Da muß sie g’rad hergereist sein, Herr Rittmeister, stotterte Peter, und ein Licht ging ihm auf, sonnenhell, sonnengroß, und er platzte aufleuchtendenBlickes heraus: »Die Frau Major sind jetzt auch eine Witib.«
»Was – auch? Wer – auch?« Ein solcher Esel! setzte er im Stillen hinzu, ob man mit einem solchen Esel ein Wort reden darf, das nicht absolut zum Dienst gehört.
Die kleine Verstimmung Brands verflog im Augenblick, in dem er aus dem Hause trat. So schlecht das Wetter gestern gewesen, so wunderschön war es heute. In strahlender Herrlichkeit stand die Sonne am lichtblauen Himmel; ein verklärender, wie von Millionen winziger Fünkchen durchschimmerter Dunst lag über den Prachtbauten der Ringstraße und über den fernen Bergen. Das alte, ewig junge Wien prangte im Frühlingsschmuck seiner Alleen, Rasenplätze und Gärten: aber noch lag ein winterlicher Hauch in der Luft und gab ihr etwas Kerniges, Stärkendes. Jeder Blick trank Schönheit, jeder Athemzug Kraft, und mit jedem Schritte, den Brand vorwärts machte, steigerte sich sein Glücksgefühl, und sein Unternehmungsgeist wirbelte, wirbelte empor, bis er ins Übermüthige umschlug.
Dietrich trat in einen äußerst eleganten Spielereiladen und kaufte dort den gediegensten Malkasten, der sich auf Lager fand, und die größte Pariser Puppe: ein Wickelkind, von einem lebendigen nur dadurch zu unterscheiden, daß es im zartesten Alter schon beim leisesten Drucke »Papa« und »Mama« quietschte.
Da Brand durchaus nicht wünschte, beladen wie er war, einem Bekannten zu begegnen, nahm er einen Wagen und fuhr bis an die Ecke der Berggasse. Indessen fühlte er sich auch hier nicht ganz behaglich: die Puppe war schlecht verpackt, aus einem Spalt des Papiers kam eine ihrer blonden Locken zum Vorschein, und aus einem anderen ihre rosenfarbige Hand, und mit der schlug sie einem seiner Grundsätze ins Gesicht. Wie oft hatte er Mütter und Gouvernanten gewarnt: »Von dem Tragen großer Puppen werden die Kinder schief.« Und was wird Frau von Müller sagen, wird sie es nicht taktlos finden, daß er gleich beim ersten Besuche mit Geschenken angerückt kommt?
Er verwünschte den Ankauf, zu dem ihn derberauschende Einfluß der Frühlingsluft verleitet hatte und würde seine Übereilung gar zu gern ungeschehen gemacht haben. Die Gasse war ziemlich öde, die wenigen Menschen, die er traf, schenkten ihm keine Aufmerksamkeit; er glaubte etwas wagen zu dürfen, er unternahm den Versuch, sein Paket hinter ein Hausthor zu legen. Aber das unselige Puppenzeug quietschte, und ein angetrunkener Maurer, der plötzlich, wie aus einer Versenkung, auftauchte (es dürfte die Kellerstiege gewesen sein, erklärte Brand sich später), schrie ihn an, das Haus sei kein Findelhaus, er möge sein Kind wo anders weglegen.
In der Entrüstung über diese stupide Verdächtigung fand Dietrich seine Seelenstärke wieder. Mit dem Bewußtsein, daß er Frau von Müller gegenüber nur eine Ungeschicklichkeit, nicht aber ein Unrecht begehe, verfolgte er seinen Weg, erreichte sein Ziel und stieg die schmale Wendeltreppe des alten Hauses mit ihren gefährlich ausgetretenen Stufen empor. Auf dem Gange wendete er sich nach rechts. Dicht neben der Thür 6½ befand sich ein Fenster, das ein weißer Vorhang von innenverhüllte. Brand zog an dem Glockenstrang, und dabei durchzuckte es ihn vom Wirbel bis zur Sohle wie ein elektrischer Schlag.
Alter Mann! alter Mann, was sind das für Gefühle? So war Dir ja zu Muthe, als Du, ein zwanzigjähriger Lieutenant, der unvergeßlich schönen Frau Bürgermeisterin von Wilna zum Geburtstag gratuliren gingst, mit einem Rosenbouquet.
Die Glocke tönte, wie sie zu tönen pflegt in den Wohnungen der Armen: »Bring was, bring was!« sagt sie. Ein Zipfel des Vorhangs wurde in die Höhe gehoben und hinter der sehr sauber geputzten Fensterscheibe erschien ein ältliches, gutmüthiges Frauengesicht. Brand wurde mit prüfendem Blick gemustert und schien einen Vertrauen einflößenden Eindruck zu machen; der Vorhang sank wieder, die Thür öffnete sich.
Auf die Frage, was er wünsche, gab er zur Antwort:
»Ich heiße Brand, ich möchte Frau Major von Müller sprechen, wollen Sie mich gefälligst bei der gnädigen Frau melden.«
Die Küche, in der er eingeladen worden war,bildete den Zugang zum Wohnzimmer. Von dorther ließ eine fröhliche Kinderstimme sich vernehmen, kleine Schritte trippelten, kleine Hände zerrten ungeduldig und ungeschickt an der Klinke der Thür. Sie ging auf. Aus einem Fenster ihr gegenüber strömte eine breite Lichtwelle herein, es sah ins Freie, und von leuchtendem Grunde hoben sich die Gestalten Sophiens und Annerls, die auf der Schwelle erschienen.
Brand grüßte mit einem tiefen Neigen des Hauptes: »Frau Major, gnädige Frau! entschuldigen, verzeihen Sie, daß ich es wage ...«
»Verzeihen?« wiederholte Sophie – »ich habe Sie erwartet, Herr Rittmeister.«
Erwartet? ja dann! ... dann waren alle seine Skrupel todt, dann war er von allem Bangen erlöst: »Brand, kurzweg, gnädige Frau, ich habe meinen Militär-Charakter« ... Er hielt inne. Was Teufel kümmerte sie sein Militär-Charakter und in diesem Augenblick ihn selbst? Sie stand vor ihm, ihre Augen sahen ihn freundlich, gütig an, sie hatte ihn erwartet ... »Gnädige Frau,« begann er von Neuem und – hörte auch damitauf. Wer zu viel zu sagen hätte, zu viel des Innigen, Warmen, Liebevollen, sagt lieber nichts.
Annerl zupfte die Mutter am Kleide: »Du Mama, das ist der Herr, der mir so gern etwas schenken möcht’.«
Sophie runzelte ein wenig die Stirn, und Brand wurde sich erst jetzt wieder bewußt, daß er seine Darbringungen noch immer unter dem Arme hielt:
»Können Sie mir verzeihen, gnädige Frau, daß ich mir den indiskreten Wunsch erfüllen wollte, daß ich, einer übermüthigen Regung nachgebend ... ich bin beschämt, wirklich ... besann mich zu spät, hätte unterwegs gern Alles weggeworfen, wenn ich nur gewußt hätte, wohin?«
Seine Verlegenheit entwaffnete sie, und sie lächelte sogar, als er die Puppe aus ihrer Umhüllung befreite, in beide Hände nahm und der Kleinen entgegen hielt.
Annerl war wie geblendet, sie betrachtete das kostbare Spielzeug mit scheuer Ehrfurcht, legte die Ärmchen auf den Rücken und wich Schritt für Schritt langsam zurück. Brand machte sich so kleiner konnte und nahm die feinste Stimme an und den bittendsten Ton und zirpte:
»Nimm mich! ich bin eine gute Puppe, ich bin eine arme Puppe, ich habe keine Mama.«
Bewunderung und Zärtlichkeit drückten sich in den schönen Augen Annerls aus, aber sie setzte ihren Rückzug ununterbrochen fort. Brand folgte und hinter ihm ging Sophie, und hinter Sophie die Dienerin, die den Malkasten trug.
So gelangte die Gesellschaft in das Wohnzimmer. Es war niedrig, ärmlich und reinlich, hatte zwei Fenster und zwei Thüren und die Aussicht in einen ziemlich großen und gut gehaltenen Garten. Ein Arbeitstisch, über dem eine Petroleumlampe an der Decke hing, ein paar Schränke, vier Strohsessel bildeten die Einrichtung des grau getünchten Gelasses.
Georg, der, eifrig mit Zeichnen beschäftigt, am Tische gesessen hatte, war beim Einzug der kleinen Karavane aufgestanden, rückte einen Stuhl für Brand herbei und ersuchte ihn, Platz zu nehmen, mit einer hausväterlichen Art, die komisch gewesen wäre bei jedem anderen Kinde, bei diesem frühreifen,mit den Sorgen des Lebens schon vertrauten Knäblein jedoch wehmüthig berührte.
Sophie nahm Brand die Puppe ab und stellte ihm ihren Jungen vor: »Er hat mir gebeichtet, daß er unartig gegen Sie gewesen ist, er meinte – er fürchtete ... Verzeihen Sie ihm. So einem kleinen Waarenausträger muß man leider Mißtrauen ins Herz pflanzen, und er ist dumm und unerfahren und wendet es am unrechten Orte an.«
Brand erwiderte, daran läge nichts, aber Georg soll jetzt beweisen, daß er sein Mißtrauen gegen ihn aufgegeben hat, indem er diesen Malkasten von ihm annimmt; »Willst Du, mein lieber Junge?«
Ob er wollte! Lautere Seligkeit strahlte aus seinem armen Gesichtchen, und er machte sich sogleich daran, die Geheimnisse des Wunderschranks zu erforschen: »Nein, aber – aber!« murmelte er, bei jeder neuen Entdeckung von Neuem entzückt, vor sich hin, und Brand staunte über die Geschicklichkeit, mit der das Kind die kleinen Werkzeuge in die Hand nahm, prüfte, und zu benützen begann.
»Sie hätten ihn nicht glücklicher machen können,« sagte Sophie; »und sehen Sie einmal die Kleine an.«
Annerl hatte sich endlich an das schöne Wickelkind, das auf dem Schoß der Mutter lag, heran gewagt, ihren Kopf an den seinen gelegt und streichelte ihm voll wonniger Zärtlichkeit die blonden Locken.
Sophie nickte ihr, dann aber auch Brand freundlich zu: »Die ist im Himmel. Und der Kunstjünger dort ... Machen Sie sich gefaßt, jetzt bekommen wir ein wohlgetroffenes Bild von Ihnen,« sie deutete mit einem Augenwink nach Georg, der mit unendlichem Ernst daran gegangen war, Brand zu porträtiren.
Alles, was nicht zu seiner Beschäftigung gehörte, schien für den Kleinen versunken; der Eifer röthete seine Wangen, furchte seine kluge, überkluge Stirn. Er schob die Unterlippe ein wenig vor, hob die Augen zu Dietrich hinauf und senkte sie dann auf die Arbeit, nach einem so merkwürdig forschenden, in die Tiefe dringenden Blick, daß Brand sich auf dem lächerlichen Verdacht ertappte,daß diesem Kind mehr darum zu thun sei, ihm auf den Grund der Seele zu schauen, als sein Gesicht abzukonterfeien.
»Die Mutter hat heute viel zu thun,« sagte Georg plötzlich ganz laut, aber in sein Buch hinein.
Dietrich blickte Sophie fragend an. Ja wohl, es waren noch einige Nachbestellungen gekommen, die morgen abgeliefert werden mußten.
»Da kostet Sie die Zeit, die ich hier zubringe, etwas von Ihrem Schlafe?«
»Und was weiter?«
»Was weiter!« rief er bekümmert aus. Er war aufgesprungen: »Gnädige Frau, entschuldigen Sie, und nicht wahr? dieser Besuch gilt nicht; haben Sie die Großmuth, ihn zu vergessen.«
Sie reichte ihm die Hand: »Gut denn, Sie waren nicht da.«
»Und wenn ich komme, dann sagen Sie wieder: Ich habe Sie erwartet.«
XII.
Bei seinem nächsten Besuche fand er sie allein. Sie hatte die Dienerin mit den Kindern ausgeschickt und gönnte sich nach den Anstrengungen der letzten Tage einige Stunden Ruhe. Sie lud ihn ein, am offenen Fenster Platz zu nehmen, und machte ihn aufmerksam auf die Schönheit eines jungen Kastanienbaumes, der über und über mit Blüthen bedeckt war. An dem Garten hatte sie ihre Freude, und nur sie und ihre Kinder durften ihn den Sommer über benützen, mit Erlaubniß des Hausherrn, der sich jetzt auf dem Lande befand. Der Garten wurde vortrefflich gehalten von guten und höflichen Leuten, und man konnte sich in ihm so frei bewegen wie im Zimmer, denn er war nur von Feuermauern umgeben.
Das Alles erzählte sie ihm ein bißchen unsicher und hastig, wie Jemand, der sich frägt, während er zu einem Andern spricht: Interessirt es Dich auch?
Und er wieder war froh, daß sie es übernommen hatte, die Konversation einzuleiten; er hätte nicht gewußt, wie das anfangen.
Sophie fuhr fort: »Sehen Sie, daran, daß ich so dasitzen kann mit den Händen im Schoß und hinaussehen auf dieses kleine Stückchen Natur, und davon einen Genuß habe, daran erkenne ich das Herannahen des Alters. In meiner Jugend war ich viel zu fleißig und auch viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um mich in müßige Bewunderung der Außenwelt versenken zu können, und dazu hätte es in unserem schönen, alten Garten doch mehr Gelegenheit gegeben als hier.«
Brand blickte sie gerührt an, erwiderte einiges herzlich Unbedeutende und fing jeden Satz mit einem so durchdrungenen: »Verzeihen Sie« an, daß sie sich eines Lächelns nicht zu erwehren vermochte und endlich mit munterer Entschlossenheit sprach:
»Lieber Herr Rittmeister, Sie haben ein Schuldgefühl gegen mich, und davon will ich Sie befreien und zugestehen, daß ich Ihnen gegenüber im gleichen Falle bin. Ich habe ein Unrecht gegen Sie begangen.«
»Wirklich,« rief er freudig, »wenn ich ... wenn Sie ... Wie sieht das Unrecht aus?«
»Sie sind gut und theilnehmend gewesen, haben mir Hülfe bringen wollen, und ich – nicht daß ich ablehnte, das würde ich wieder thun, aber die Art, in der ich’s that, reut mich, und nicht erst jetzt, sie hat mich sogleich gereut und ich bitte ...«
»Bitten Sie nicht,« rief er aus, »beschämen Sie mich nicht zu tief. Erweisen Sie mir lieber eine Gnade, würdigen Sie mich Ihres Vertrauens. Sagen Sie mir, ob Sie in diesem Augenblick doch so ziemlich, doch halbwegs sorgenfrei ...«
»Meine drückendste Sorge,« erwiderte sie rasch, »ist jetzt die um Georg. Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwächlich, um die Schule regelmäßig besuchen zu können; seine wohlwollendsten Lehrer rathen mir, ihn zu Hause unterrichten zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse ausreichen, um einen Knaben zu unterrichten? Und den Umgang mit anderen Kindern völlig entbehren müssen – wie nachtheilig ist das für ihn, er wird immer mehr in sich gekehrt und weltfremd.«
»Gnädige Frau,« sprach Brand nach kurzemBesinnen, »Sie werden sich vielleicht noch erinnern, daß Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe ihn nicht aufgegeben, ich übe ihn wieder aus in etwas veränderter Form. Ich habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Vertrauen zu bitten ...«
»Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie haben.«
»Dann, gnädige Frau, überlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes,« sagte Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so inständig bittend, und aus seiner Stimme klang ein so warmer Herzenston, daß Sophie trotz der peinlichen Überraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versetzte, nur Dankbarkeit empfand.
»Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden,« fuhr Brand fort. »Übergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht mehr ausschließlich unter weiblicher Zucht stehen soll.«
»Unmöglich, unmöglich,« sagte Sophie. »Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer Ordnungsliebe!«Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Züge angenommen hatten, that ihr weh.
Er glaubte einen Anflug von Ironie in ihren Worten zu entdecken. Seine Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen hatte über seine Liebe zu ihr: wollte sie ihn daran mahnen?
»Ich dränge Sie nicht zur Entscheidung,« begann er von Neuem, »ich bitte nur, erwägen Sie meinen Vorschlag, erweisen Sie mir diese Gnade.« Wieder blickte er sie lange und gerührt an, seufzte tief und sagte plötzlich: »Ja, ja, ich bin einst ganz dicht am Glück vorbeigegangen.«
»An dem, was uns damals als Glück erschien,« berichtigte sie. »Wir wollen offenherzig mit einander reden – offenherzig ist mehr als aufrichtig –, einmal und nicht wieder, da sich’s ja um Unwiderrufliches, Unwiederbringliches handelt. Ich habe in jener fernen Zeit sehr gelitten, Sie auch bitter angeklagt, später jedoch mich gefreut für Sie, daß Alles gekommen ist, wie es kam, und daß Sie nicht hereingezogen wurden in unser Elend. Es handelte sich bald nicht mehr um Armuth undNoth, sondern um Schande, um öffentliche Schande. Im Geheimen war sie längst da, trotz Allem, was Müller that, trotz der übergroßen Opfer, die er brachte, hoffnungsfreudig im Anfang – in der Folge hoffnungslos. Ich täuschte ihn nie, aber er ließ sich nicht entmuthigen. Bei ganz edlen Menschen, dachte er wohl, verwandelt sich die Dankbarkeit endlich in Liebe. Ich war so edel nicht – er mußte es zuletzt einsehen, erwartete nichts mehr, und verließ uns doch nicht, gab Alles für uns hin. Das uns das Ärgste erspart blieb, daß die Schmach vom Sterbebette meines Vaters ferngehalten wurde, war sein Werk. Als er sich dann anschickte, Abschied zu nehmen, ohne einen Lohn, ja ohne Dank zu erwarten, da entschloß ich mich, ihn nicht allein ziehen zu lassen, für den verarmten, kränklichen Mann zu arbeiten, ihm eine treue Pflegerin und Frau zu sein.«
»Sie haben Ihren Entschluß redlich ausgeführt,« sprach Brand nach einer langen Pause, »und nichts, nicht das Geringste zu bereuen. Wohl Ihnen.«
Er empfahl sich und ging heim und hatte ein sehr schweres Herz.
XIII.
Zu Hause fand er ein nach Veilchen duftendes Billet von Madame Amélie. Sie bat ihn für denselben Abend zum Thee, im »tête à trois« mit ihr und ihrem Gatten. Es handle sich um eine wichtige, Frau von Müller betreffende Angelegenheit, die sie mit ihm besprechen wollten.
Die Eheleute empfingen Brand in einer traulichen Ecke des Salons, an einem elegant gedeckten Tischchen. Das beste Einvernehmen herrschte heute zwischen ihnen; sie waren wie Liebende, die nach kurzem Zerwürfniß ein großartiges Versöhnungsfest gefeiert haben. Amélie strahlte vor Hingebung, Wonne, Zärtlichkeit; Eduard neigte sich ihr gütig und milde zu. Er hatte Unrecht erfahren und verschmerzt, und ließ nun das Licht seiner Huld leuchten über der reuigen, wieder in Gnaden aufgenommenen Sünderin.
»Meine Frau und ich,« begann er nach dem ersten Austausch von Höflichkeiten, »kennen das väterliche Interesse, das Sie an Frau von Müller nehmen, Herr Rittmeister ...«
»Ich bin nicht mehr Rittmeister.«
»Das Sie, Herr von Brand ...«
»Ich bin nicht Herr von und kann Ihnen das Recht nicht zugestehen, mich zu adeln.«
Ein Ausdruck des Unmuths verzog die schönen Lippen Eduards; er war aber entschlossen, sich dieses Mal durch den bärbeißigen Pedanten nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. »Herr Brand also,« fuhr er mit erhöhter Patzigkeit fort, wir zweifeln auch nicht, daß Sie, als der beste Freund des verstorbenen Majors, Einfluß auf seine Wittwe haben, und wollen Sie ersuchen, ihn zu Gunsten der Proportionen anzuwenden, die wir dieser Dame ...« Er wollte sagen: »machen wollen,« das schien ihm aber zu gewöhnlich, und so sagte er: »proponiren wollen.«
Er hatte aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß das Haus Bauer, das sich schon seit längerer Zeit bemühte, Madame Amélie Konkurrenz zu machen, »Konkurrenz dieser Frau, dieser genialen Frau, lächerlich, nicht wahr?« – Frau von Müller durch glänzende Anerbietungen für sich zu gewinnen suche: »Die Dame ist natürlich viel zu fein, umuns gegenüber ein Wort darüber zu verlieren. Wir aber wollen ihre Noblesse nicht mißbrauchen. Wir gedenken vielmehr sie so zu stellen, daß sie sich zu ihrem eigenen Vortheil für immer an uns fesseln lasse.«
»Propositionen proponiren – sie so zu stellen, daß sie sich fesseln lasse? Merkwürdig, murmelte Brand und war voll Mißtrauen. Wenn dieUnbildungPhrasen drechselte, war sie ihm vollends einGreuel.
Amélie nickte ihrem Manne beifällig zu, und er sprach ihr durch einen Blick seine Anerkennung ihrer Anerkennungaus.
Dann entwickelte das Ehepaar den Plan, den es gemeinsam »verfaßt« hatte, wie Eduard sich gewählt ausdrückte. Das Geschäft sollte in zwei Ressorts getheilt werden, Konfektion und Putzwaaren. An der Spitze des ersten blieb Fräulein Julie, an die Spitze des zweiten sollte Frau von Müller treten. Von eigentlicher Arbeit wurde sie entlastet, sie hatte die der Anderen zu überwachen und nur hier und da »un coup de main« zu geben. Ihre Erfindungsgabe, ihr Geschmack könnensich in viel höherem Maße bethätigen, indem sie ihren Glanz über das große Ganze verbreiten, statt zur Herstellung einzelner »bijoux« zu dienen. Als Besoldung wurden zweitausend Gulden geboten, bei außerordentlichen Gelegenheiten, zu Beginn der Herbst- und Frühjahrssaison zum Beispiel, wenn die Bestellungen sich häuften, auch außerordentliche Remunerationen. Die Atelierstunden waren die zwischen acht Uhr Morgens und acht Uhr Abends mit entsprechenden Ruhepausen für die Mahlzeiten. Nur wenn es, wie schon gesagt, ungewöhnlich viel zu thun gab, wurden die Damen bis Mitternacht, wohl auch bis ein Uhr im Atelier festgehalten.
»Und dann können die Damen nach Hause laufen bei Nacht?« fragte Brand mit Schärfe.
»Ja, Monsieur,« erwiderte Madame Amélie, die von ihm ein ganz anderes Entgegenkommen erwartet hatte, »Equipagen kann ich ihnen nicht halten.«
»Nun, gnädige Frau, aufrichtig gestanden, ich werde Frau von Müller abrathen, auf den von Ihnen gewiß sehr gut gemeinten Antrag einzugehen.«
»Warum?« Amélie wechselte einen verständnißinnigen Blick mit ihrem Manne. Er hatte die Augen zum Kronleuchter erhoben, als ob er von dort Stärkung seiner hartgeprüften Langmuth erflehen wollte, und dabei einen leichten Seufzer ausgestoßen.
»Ah – ich errathe Alles – ich weiß?« Sie lachte und zeigte dabei ihre gesunden und noch ganz kompletten Zähne: »Eduard hat mir erzählt. Sie waren neulich Zeuge eines Scherzes, den er sich mit Madame Müller erlaubte, um sie ein wenig zu quälen. O die Männer sind immer grausam, am grausamsten aber doch, wenn sie lieben,« setzte sie hinzu und sah dabei ihrem Mann jämmerlich kokett in die Augen.
Der abgefeimte Racker hat das Prävenire gespielt, dachte Brand und benahm sich so borstig, daß er an diesem Abend das Wohlwollen Madame Vernons beinahe eingebüßt hätte.
Als er fortgegangen war, brach Eduard in Lachen aus:
»Wir haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.«