Der kleine Besitz, den der Freiherr für Bertram gekauft hatte, bestand aus sechzig Hektaren fast durchwegs besten Bodens und zwar aus vier Hektaren Wald, zehn Wiesen, vier Weideland, der Rest Felder. Das Haus, von Grund auf neu gebaut, hatte fünf Fenster Front im ersten Geschoß, und vier im erhöhten Halbstock, je zwei neben dem Hausthor. Das war aus massivem Eichenholz, fest und kunstvoll gefügt und mit einem so gediegenen Schlosse und Klopfer und so schön gezeichneten Beschlägen aus blankem Schmiedeeisen versehen, daß sein Anblick ein Genuß gewesen wäre, auch wenn es nicht den Eingang zum Vogelhaus gebildet hätte. Steinerne Stufen führten zu ihm hinauf, die kanellirten Säulchen, die den Abschluß des Geländers bildeten, trugen Blumenvasen aus Thon, in denen großblätteriger Epheu wuchs und gedieh. Das Haus stand dicht vor dem Wäldchenund mitten in dem kleinen Garten, in dem schon allerlei Nutzpflanzen grünten, aber auch Blumen blühten und dufteten. Hinter dem Drahtgitter, das den Garten umfriedete, hoben junge Fichtenbäumchen die frischen, hellgrünen Köpfe aus der Erde und waren bestimmt, in einigen Jahren einen üppigen lebenden Zaun zu bilden.Je mehr die Freunde sich dem Vogelhause näherten, desto stiller war Bertram geworden. Am Gitterpförtchen trat ihnen ein ältlicher, hagerer Mann in abgetragener Kleidung entgegen. Sein echt slavisches Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck, seine breiten Hände schienen eben eine Tüncherarbeit verrichtet zu haben, denn sie waren inwendig ganz weiß.Der Freiherr stellte ihn vor: »Joseph Waniek, ein Prachtmensch. Man darf das vor ihm sagen, es ist keine Schmeichelei, er weiß, was er werth ist. Er wird deine Wirthschaft führen, solange du willst: er ist alles: Ökonom, Gärtner, Maurer, Schlosser, Zimmermann.«»Ich werde zu Ihnen in die Schule gehen, Herr Waniek,« sagte Bertram und reichte ihm die Hand.Waniek verbeugte sich höflich deprecirend, ergriff die Zügel der Pferde und führte sie fort:»Wohin? wohin geht er mit ihnen?«»Nun – in den Stall.«Der neue Grundbesitzer brach in Entzücken aus: »Ich hab’ einen Stall.« schrie er. »Wo?« Er wollte davonstürzen, besann sich aber, wandte sich und stürzte dem Freund an die Brust: »Wie soll ich dir danken?«Der Baron wurde auf einmal kalt und ablehnend:»Keinen Unsinn. Wofür? Daß ich dein Geld zweckmäßig (so hoff’ ich wenigstens) verwendet habe? Es hat mir Spaß gemacht. Du aber besinn’ dich, was du einst für mich gethan hast. Auf deinen Schultern durch die Schulen getragen hast du mich, du, der viel Jüngere, mich, den ewigen Repetenten. Himmel, Himmel, waren das Zeiten! Mein guter, alter Vater, der selbst nichts gelernt hatte und das Lernen deshalb für eine so leichte Sache hielt. ‘Ich kränk’ mich zu Tod’, wenn du nicht lernst.’ Und ich, der ihn liebte, es ihm beweisen wollte und nicht konnte mit meinem Dickschädel,der so empfänglich war für Gelehrsamkeit, wie eine Rübe für Magnetismus.«»Thu’ dir nicht Unrecht, Hugo,« versetzte Bertram und brach plötzlich in Schluchzen aus. Bei dem Anblick kamen auch dem Baron die Thränen in die Augen, er zog sein Taschentuch hervor und schneuzte sich kräftig: »So, fertig,« sprach er. »Jetzt wollen wir deinen Grundbesitz in Augenschein nehmen.« Sie traten ins Haus, durchwanderten seine wohnlichen, aber noch spärlich eingerichteten Räume, begaben sich dann in den Stall, in dem vier stattliche Kühe und zwei tüchtige Gäule standen. In einem kleineren Stalle waren einige Schafe untergebracht, und im Schweinekoben hörte man’s vergnüglich grunzen.»Borstenvieh hab’ ich auch!« jubelte Bertram. Dem Freiherrn wurde bange um ihn. Während er sein Grundeigenthum beschritt, wechselten seine Stimmungen mit unheimlicher Schnelligkeit. Aus überwallender Freude verfiel er in tiefste Muthlosigkeit und rief händeringend:»Ich bin Moses! Ich sehe das Land der Verheißung, aber in Besitz nehmen werde ich es nicht,erleb’s nicht. Ein solches Glück erlebt man nicht. Des Lebens ungemischte Freude ...«»Nur vor der keine Angst,« unterbrach ihn Hugo. »Die Mischung findet sich. Für die Sorgen des Landwirths ist gesorgt.«Sie kamen zu einem Weizenfelde, wo eben geschnitten wurde; sechs Schnitter waren dabei beschäftigt, das heißt, zwei mähten, zwei schliffen ihre Sensen und schnupften dazwischen mit großer Umständlichkeit, zwei tranken Branntwein.»Schau dir den Weizen gut an,« sagte der Freiherr. »Für den rechne ich auf den ersten Preis bei der landwirtschaftlichen Ausstellung.«Er nahm eine Hand voll Ähren, zerrieb sie in den Händen, blies die Spreu hinweg, und hielt Bertram die schweren, goldgelben Körnlein hin: »Das ist eine Pracht.«»Wenn ich nur davon etwas verstände! Ich verstehe aber nichts, ich sehe auch nichts, mit mir dreht sich alles im Kreise. Ich kann nicht mit dir fort, kann mich von Vogelhaus noch nicht trennen. Gehe du deinen Geschäften nach und laß mich da. Ich will arbeiten, mich physisch ermüden, meinenGrund und Boden mit meinem Schweiße düngen. Sage diesen guten Leuten, einer von ihnen möge mir seine Sense überlassen. Sage ihnen, daß ich Mühe und Plage und auch ihr Mittagessen mit ihnen theilen werde, gegen Bezahlung natürlich.«»Da kriegst du in Branntwein aufgeweichtes Brot und Hutzeln mit Gries gekocht. Und was die Bezahlung betrifft – bei Sacher ist’s billiger. Aber wie du willst.«Er trat an die Schnitter heran und theilte ihnen, selbstverständlich in slavischer Sprache, mit, daß Herr Vogel, ihr Arbeitgeber, beabsichtige, beim Mähen mitzuhelfen. Einige lachten, die anderen trugen eine hochmüthige Theilnahmslosigkeit zur Schau. Ein einziger, ein alter, großer, schöner Mann nahm den Hut ab, und begrüßte Bertram mit einem deutschen: »Küß’ die Hand.«»Ihr zwei könnt euch zur Noth verständigen,« sprach Weißenberg, ermahnte den Freund, ja nicht zu spät zum Souper zu kommen, und verabschiedete sich.Bertram hatte den Rock abgelegt, die Sense ergriffen und war bald in voller Thätigkeit. Erwollte den Leuten, die ihre Arbeit mit erstaunlicher Schläfrigkeit verrichteten, zeigen, wie ganz anders ein gebildeter Mensch die Sache angreift. Aber nur zu bald mußte er in seinem Eifer nachlassen und sah ein, in dem Tempo, das er angeschlagen hatte, könne es nicht lange weitergehen.Seine Sense war stumpf geworden, er ersuchte in der Zeichensprache seinen Nebenmann um den Schleifstein, wetzte und wetzte, die Sense wollte nicht scharf werden. Schleifen konnte er nicht. Bisher hatten die Arbeiter ihn ganz unbeachtet gelassen, jetzt wurden sie alle auf einmal auf ihn aufmerksam und hatten ihre helle Freude an seiner Ungeschicklichkeit. Der Nachbar nahm Bertram endlich das Werkzeug aus der Hand, war mit dem Schärfen gleich fertig, streckte aber auch sofort die Rechte aus und sprach höflich: »Trinkgeld.« Dieses deutsche Wort schien ihm geläufig. Großes Gelächter erhob sich, Bertram stimmte ein und spendete dem Taglöhner für den geringen Dienst einen blanken Silbergulden. Der Beschenkte steckte ihn hastig in eine Tasche seines zerrissenen Rockes und zog aus der andern ein Fläschchen hervor. Eswar in ein schmutziges Tuch gewickelt und mit einer trüben, dicklichen Flüssigkeit gefüllt. Der Arbeiter entkorkte es und hielt es Bertram hin. Dem graute, aber um keinen Preis hätte er das kameradschaftliche Anerbieten zurückgewiesen. Er dachte an Neshdanow in Turgeniews Neuland und wollte stärker sein als der russische Held. Heroisch setzte er die Flasche an und that einen kräftigen Schluck. Es war gräßlich. Der Hals brannte, ein fast unüberwindlicher Ekel ergriff ihn. Er machte sich rasch wieder an die Arbeit und kehrte den Leuten den Rücken zu. Sie sollten sein Gesicht nicht sehen, oder vielmehr die Gesichter, die er unwillkürlich schnitt. Aber bald drohte die Müdigkeit ihn zu überwältigen, seine Arme schmerzten, in kleinen Bächen floß der Schweiß ihm über den Leib, und jetzt mußte er wieder an Tolstois Ljoisin denken und ärgerte sich, daß er sogar beim Taglöhnern nicht herauskam aus der Litteratur. Nur noch ehrenhalber führte er die Sense und nahm sich vor, das nächste Mal die Arbeit mit geringerem Feuereifer zu beginnen, um länger bei ihr aushalten zu können. Gemächlichmuß arbeiten, wer den ganzen Tag arbeiten soll. Bertram war zufrieden, als der alte Schnitter auf ihn zuschritt, und ihm lächelnd seine Sense aus der Hand nahm. Nun sah er zu, und es war ein völlig grandioser Anblick, wie der Greis im gleichmäßigen, weitausholenden Schwung, einen großen Halbkreis mit seinem Werkzeug beschrieb und jedesmal einen Arm voll Halme vom Boden wegrasirte, daß sie hinsanken, so bereitwillig, als ob es ihnen ein wahres Vergnügen wäre. Ihre goldenen, bärtigen Köpfchen, die eben noch zum strahlenden Blau des Himmels hinausgeschaut hatten, ruhten jetzt wohlig und sanft an der Brust der alten Mutter Erde.XI.Plötzlich hielt der Alte in seiner Arbeit inne, streckte den Hals und rief: »Ferd! Ferd!« Die Fohlenstute raste einher – ledig. Die Steigbügel peitschten ihre Flanken, die zerrissenen Zügel ihren Kopf. Wild gemacht durch die überflüssigen Hülfen, tollte sie wie rasend querfeldein ihrem Wohnortezu. In weiter Entfernung von ihr folgte ihr Exreiter; übel zugerichtet, wie sich immer deutlicher zeigte, je näher er kam. Bertram lief ihm entgegen, und ein förmliches Ringen entspann sich zwischen ihnen. Bertram wollte ihn zwingen, dazubleiben, der Junge wollte durchaus weiter rennen. Das Blut floß ihm aus der Nase in den Mund, er spuckte wie eine böse Katze, nieste, machte alle möglichen Anstrengungen, um zu sprechen, und konnte nicht. Mit Gewalt führte ihn Bertram ins Haus und zwang ihn, sich pflegen zu lassen. Im Zimmer neben der Küche stand eine mit Stroh gefüllte Bettlade, Waniek breitete einen Kotzen darüber, den er aus dem Stalle gebracht hatte, und trug, ohne einen Befehl abzuwarten und ohne ein Wort zu verlieren, einen Krug mit frischem Wasser gefüllt herbei. Der Verwundete mußte sich auf dem Lager ausstrecken. Sein und Vogels Taschentuch wurden einstweilen abwechselnd zu Umschlägen verwendet. Der alte Arbeiter kam mit dem Rocke, den der fleißige Stadtherr auf dem Felde liegen gelassen hatte, und wurde beauftragt, ins Schloß zu gehen, um Wäsche zu holen und der Baronin eineKarte, auf die Bertram eilends einige Worte schrieb, zu überbringen.»Wozu? wozu das? Was schreibst du ihr?« rief der Patient und wollte aufspringen. Wieder suchte Vogel ihn zu beschwichtigen. »Wenn deine Mutter erfährt, daß dein Pferd ohne Reiter nach Hause gekommen ist, erschrickt sie tödtlich. Ich habe sie über dein Befinden beruhigt. Wär’ ich’s nur selbst. Dein Auge sieht entsetzlich aus und muß dir infam weh thun.«»Mir thut nichts weh, nichts,« polterte Hagen, »und wenn du sagst, daß ich vom Pferde gestürzt bin, bist du mein Feind. Ich bin nicht gestürzt, ich bin abgestiegen, habe das Vieh an einen Baum gebunden, da hat sich’s losgerissen.«»Und dein geschwollenes, zerschlagenes Gesicht, und dein Auge, Hagen. Dein Auge sieht aus wie ein einziger, großer Blutstropfen. Wie kommst du dazu?«»Eine Fliege hat mich gestochen.«»Junge! Junge, du bist verdreht. Zugeben, ich habe mich auf ein Pferd gesetzt, das ich nicht reiten kann – welche Schande! Aber lügen wieein Schulbub, der sich ausreden will, das geht dir nicht an die Ehre.«Der Kranke kehrte ihm den Rücken zu und blieb eine Weile regungslos. Bertram beugte sich über ihn und sah ihn voll Besorgniß an. Da öffnete Hagen das gesunde Auge und sprach langsam:»Ich habe stürzen wollen. Ich habe sterben wollen. Es ist mißlungen.«Zuerst glaubte Bertram, das sei Geflunker. Aber nein. Aus der Miene des Jünglings, aus seiner plötzlichen, ungewohnten Ruhe sprach wahrhaftige Verzweiflung.»Um Gotteswillen, du phantasierst. Ichhoffe, du phantasierst!« Er griff hastig nach Hagens Puls.»Ich phantasiere nicht; ich bin ganz kalt.«Deine neueste Pose, dachte Bertram. Er schwankte zwischen Entrüstung und Schrecken: »Du hast dich tödten wollen. Herrgott im Himmel! Und deine Eltern – hast du nicht an deine Eltern gedacht?«»Nein, nur an sie, an der ich mich rächen will, der ich einen Stachel ins Herz bohren will... Sie hat mich verschmäht – wenn du wüßtest,wie? Ich biete ihr meine Liebe und sie demüthigt mich – mich, den Sohn ihrer Wohlthäter ... beleidigt mich, ich kann es nie sagen, wie sie gewagt hat mich zu beleidigen. – O, Nietzsche,duhast Recht, du allein – die Peitsche für die stumpfsinnigen, imbecilen Weiber!«Er wand sich, er biß in den Rock, den Bertram als Decke über ihn gebreitet hatte.»Erstens bitte ich dich,« sagte der, »laß meinen Rock in Ruh. Er ist neu und kostet ein Heiden-, ein sauer verdientes Geld. Zweitens: von wem sprichst du? doch nicht von Fräulein Gertrud? Oder ja? – Ja so! Du willst deine Cousine heirathen?« Seine Mundwinkel umspielte etwas, das Hagen zu dem Ausruf berechtigte:»Darüber lachst du selbst. Ans Heirathen werd’ ich denken, wenn ich einmal fünfzig bin. Meine Liebe habe ich ihr angetragen, meine Leidenschaft, mich habe ich ihr angetragen, mich! und mich verschmäht die Närrin, die prüde, eingetrocknete,versauerte alte Jungfer, die mir die Hände küssen sollte ...«»Warum nicht gar. Schweige! Du bist beunruhigend. Ich weiß wirklich nicht, was bei mir überwiegt, das Mitleid mit dir oder die Empörung über dich. Schweig!« wetterte er ihn an. »Ich befehle es dir. Du kommst um dein Auge,« fuhr er sanfter fort. »Du mußt ja fühlen, wie’s um dein Auge steht. Leg’ dich hinüber, sprich nicht, denk’ auch nicht, verlaß dich drauf, was du jetzt sprichst und denkst ist Unsinn. Ich bin hier Herr, bin gesund, und du bist mein Gast und bist krank. Kranke müssen gehorchen.« Er beugte sich wieder über ihn: »Hagen, mein Junge, ich beschwöre dich, sei ein standhafter Mann, der einen Puff aushält, ohne gleich an feige Flucht aus dem Leben zu denken.«O Wunder, der Unbändige gehorchte, legte sich hin und blieb ganz still. – Das Wasser im Kruge war warm geworden, Bertram ging zum Brunnen, frisches zu holen. Es freute ihn, das selbst zu besorgen, und er hatte dabei einen Anfall von Aberglauben. Daß er das erste Wasser aus seinemeigenen Brunnen zur Linderung fremder Leiden schöpfte – hatte gewiß etwas zu bedeuten, etwas Gutes, Schönes. Zur Linderung fremder Leiden? Nicht fremder, kein Mensch war ihm fremd, am wenigsten der vertrackte Junge, das verirrte Schaf, das er auf den rechten Weg führen wird.Als er ins Zimmer zurückkam, war’s darin mäuschenstill. Er erneuerte den Umschlag auf dem Auge des Patienten und setzte sich auf einen Schemel neben das Bett. Daheim! Über seinem Kopfe wölbt sich sein eigenes Dach, und jede Schiefertafel, die darauf liegt, hat er sich selbst verdient. Wie herrlich dieses Bewußtsein, wie wonnig die Ruhe in der kühlen Stube. Vor zwei Tagen erst hatte er sich krank und elend gefühlt und heute – eben erst sprach er zu seinem Gaste: Ich bin gesund. Ein Glücksgefühl ergriff ihn, und er murmelte: »Dank, Dank!« Ach, ihm war wohl! Draußen brütete die Hitze des Sommertages millionenfaches Leben aus. Allerweckerin! Allernährerin! himmlische Sonne! du hast auch Bertrams Getreide zur Reife gebracht, und bleichst jetzt in den goldenen Hülsen das silberweiße Mehl.Man riecht’s, es duftet so nahrhaft. Man hört die Arbeiter auf dem Felde sprechen, man hört auch Vögel zwitschern, und jeder Schall schlägt gleichsam wie gereinigt durch die ätherklare Luft, als Wohllaut ans Ohr.»Du!« sprach der Patient auf einmal mit unheimlich heiserer und gequälter Stimme.»Was denn, mein Junge?«Die Antwort ließ auf sich warten, wurde aber doch mühsam hervorgepreßt.»Hast sie gelesen?«»Was gelesen?«»Zum Teufel, die Novelle.«»Ach ja – die deine. Noch nicht.«»Nicht?« knirschend kam es heraus dieses: Nicht. »So schick’ sie zurück, zum Teufel, wenn du sie nicht lesen willst. Schick’ sie zurück, augenblicklich.«»Ich laufe schon,« erwiderte Bertram ärgerlich, »ich warte nur noch den Besuch deiner Mutter ab.« Er trat ans Fenster und sah hinaus. »Da kommt sie gefahren mit deiner Schwester und dem Doktor.«»So? Natürlich, der muß dabei sein; der Flohbißchirurg, die Wanze, der Zeck!«Die Baronin hielt sich beim Anblick ihres verwundeten Sohnes tapferer, als Bertram es ihr zugetraut hätte. Sieglinde schwamm in Thränen. Der Doktor, ein ältliches, pfiffig dreinschauendes Männlein, war bald fertig mit der Untersuchung des Patienten.»Ihnen fehlt nichts,« sagte er ironisch. »Stehen Sie auf. Sie können nach Hause reiten, wenn Sie’s freut. Schmerzen werden Sie ja nicht haben.«»Ich will nach Hause fahren,« sagte Hagen.»Thun Sie das,« erwiderte der Doktor. »Weil wir aber ganz überflüssigerweise einen Kübel mit Eis mitgebracht haben, werde ich Ihnen einen Umschlag machen und Sie verbinden.«Das geschah. Hagen stand sofort auf, wankte, nahm ziemlich gutwillig den Arm seiner Mutter und verließ das Zimmer, ohne ein Wort des Grußes an Bertram zu richten.»Sind Sie besorgt?« fragte dieser den Arzt.»Es wird hoffentlich alles gut, aber leiden muß er wie ein Hund.«Bertram blickte der, auf Befehl des Doktors langsam fahrenden, Equipage nach und dachte: Ein Gezücht, dieser Hagen, und kann doch ein tüchtiger Mensch werden. Hundemäßige Schmerzen heldenmäßig ertragen, das ist etwas. Er blieb bis gegen Abend in Vogelhaus; aß wirklich Hutzeln mit Gries, kam vor, während und nach der Mahlzeit wirklich so oft in Gelegenheit, Trinkgelder bezahlen zu müssen, daß er endlich mit leerem Portemonnaie sein Rößlein bestieg und in einem Schritt, der sich immer mehr verschärfte, je näher »die Kuh« dem Stalle kam, heimritt nach Obositz.XII.Beim Souper auf der Veranda war’s schön und gemüthlich, trotz einiger kleiner Zwischenfälle, die das gute Einvernehmen vorübergehend störten.Der Baron kam wehmüthig ergriffen voneinem Besuche bei seinem Sohne zurück, verrieth aber seine Gemüthsbewegung nicht. Er setzte sich mit Nachdruck nieder, steckte die Hände in die Hosentaschen und sprach mit rauher Stimme: »Recht ist ihm gescheh’n! ganz recht.«Seine Gattin entsetzte sich: »O, wie grausam du bist!« und er erwiderte kurz:»So ist es und nicht anders.« Er war stolz auf die Brutusgefühle, die er an den Tag gelegt hatte, und wenn er einmal in der Toga steckte, kam er nicht so bald wieder heraus.»Der Meisenmann ist bei ihm geblieben,« fuhr er fort. »Guter Kerl der Meisenmann.«»So?« fragte Bertram – »der Fanatiker?«»Weich wie Watte. Willst du ihn weinen sehen?«»Trage gar kein Verlangen danach.«»Nun, ich meine nur. Wenn du vielleicht wolltest, dann sprich ihm nur von seinem alten Vater. – Ein sehr guter Mensch, der Meisenmann!« (diese letzten Worte richtete der Baron direkt an Gertrud).»Undwas seinen Fanatismusbetrifft – Naturerscheinung. Das kommt so über die Menschen, wie die Nonne über die Bäume und die Reblaus über die Weinstöcke. Der Weinstock ahnt auch nicht, daß die Reblaus ihn hat und aufspeist, er glaubt,erhat die Reblaus und soll sie verbreiten zum Wohl des Weinbergs. Und deshalb,« schloß Weißenberg mit scharfer Logik und warf einen nicht minder scharfen Blick auf seine Nichte, ist Meisenmann »ein grundguter Mensch, der auch eine gesicherte Zukunft hat und jede Frau glücklich machen würde. Und du,« wandte er sich an seine Tochter, die sofort vor Bestürzung in Atemnoth gerieth. »Was treibst du? ich muß mich wundern. Bin grad’ auf dem Gang deiner Dobka begegnet. Sie hat etwas Versiegeltes aufs Zimmer unseres Freundes getragen. Was war das? Sie wollte ich nicht fragen, um dich nicht vielleicht zu beschämen vor deinem Stubenmädchen; ich frage dich selbst. Hast du sie und was hast du geschickt?«Sieglinde rang die Hände unterm Tisch, sie litt Qualen, und die treue Mutter litt mit ihr, und Gertrud sah die beiden theilnehmend und dannBertram an, und ihm schien, als spräche sich in ihrem Blick die Bitte aus: Kommen Sie ihnen zu Hülfe.Da konnte er nicht widerstehen und sagte mit bittersüßem Lächeln: »Die Baronesse sammelt ohne Zweifel Autographen und hat mir ihr Album geschickt.«»Ja – ich werde auch – aber« ... Sie kam nicht weiter, Thränen erstickten ihre Stimme. Sie stand auf und warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter, die ebenfalls aufgestanden und ihr entgegengegangen war. Leise und unverständlich flüsterten sie miteinander. Weißenberg führte seine große Theetasse an den Mund und setzte sie erst wieder ab, als die Baronin und Sieglinde auf ihre Plätze zurückgekehrt waren.»Lieber Vogelweid,« nahm die Hausfrau das Wort, »meine Tochter wird Ihnen selbstverständlich ihr Album schicken, verzeihen Sie, daß es noch nicht geschah.«»Verzeihen?«Gertrud erhob den Kopf. Bertram hatte diese Frage mit so bösartiger Ironie gestellt, daß einembange werden konnte vor ihm. Die Baronin schwebte wieder ein paar Meter hoch über den Parketten und merkte nichts.»Sie sollten vorher wissen, lieber Freund,« fuhr sie fort, »daß es eine kleine Kollegin ist, die um einige Zeilen von ihrer berühmten Hand bitten kommt. Sieglindchen dichtet.«»Ob ich mir nicht so was gedacht hab’,« rief Weißenberg verdrießlich aus. »Sie spielt ja schon seit einiger Zeit alle Farben, wenn jemand sagt: ‘Poet’ oder: ‘lyrisches Gedicht’.«»Bisher,« setzte die Baronin hinzu, »haben nur die Augen der Mutter auf den jungen Geistes- und Gemüthsblüthen des Kindes geruht.«»So? die eigenen hat das Kind dabei zugemacht, es wird ihr im Schlaf gekommen sein,« brummte Hugo, sagte sich aber im stillen: sie spricht gut, meine Frau.»Sieglindchen ist so bescheiden, so ängstlich. ‘O Mutter, wenn ich nur Talent habe’, klagt sie oft gar rührend. ‘Ich weiß nicht, ob ich weiter dichten soll’. Nach schweren Kämpfen hat sie sichentschlossen, Ihnen die Entscheidung zu überlassen. Lesen Sie, prüfen Sie ernst und gewissenhaft, rathen Sie, soll sie weiter dichten oder nicht?«»Wenn sie nicht ein Riesentalent hat, nein!« erklärte Weißenberg. »Dichten ist heutzutage Männersache. Wund’re dich nicht, daß ich das weiß,« rief er Bertram triumphirend zu. »Kein Geringerer als du hat es mich gelehrt. Die Bücher, die du lobst in deinen ‘Überblicken’, darf eine anständige Frau nicht lesen.« Er nahm keine Notiz von dem lauten Widerspruch aller: »Nicht lesen! Die Litteratur ist in einer großartigen Reform – der Rückkehr zur Männlichkeit aus weibischer Versumpfung, begriffen – sagt Vogelweid. Und ich sag’: Bravo! Jetzt ist die Männerlitteratur dran. Will meine Tochter mitthun? will sie Bücher schreiben, die ihre Mutter nicht lesen darf?« fuhr er Sieglinde an.Die und die Baronin blieben stumm vor Verwirrung über diesen heftigen Ausfall, nur Gertrud entgegnete:»Aber, lieber Onkel!«Bertram horchte hoch auf, verneigte sich gegensie und sprach: »O, wie recht haben Sie, mein verehrtes Fräulein!«Da wurde sie gleich wieder verlegen: »Warum denn? ich habe ja nichts gesagt.«»Doch! Sie haben gesagt: Aber, lieber Onkel! Ich wiederhole: Aber, lieber Hugo!«»Kann nicht helfen,Mulier taceat in ecclesia! Daß nach diesem Worte gethan wird, das erhält die Kirche groß. Wären die Frauen auch in der Litteratur nicht zu Wort gekommen, wäre auch die Litteratur groß geblieben.«»O lieber Freund, es ginge der Kirche schlecht, wenn sie auf die Frömmigkeit der Männer allein angewiesen wäre, und der Litteratur ging’s schlecht, wenn ihr die Frauen ihr Interesse entziehen würden.«»Das sollen sie auch nicht. Nachbeten sollen sie, aber nicht vorbeten, nichtin ecclesia, nichtin litteris.«»Einige Vorbeterinnen möchte ich doch nicht missen,« versetzte Bertram. Ihm schwoll die Galle, weil er nun doch in ein litterarisches Gesprächhineingerathen war, und als der Freund schlagfertig entgegnete:»Ausnahmen betätigen die Regel,« sprach er gereizt:»Stehende Redensart. Unsere Rede soll nicht stehen, sie soll wenigstens fließen, wenn sie nicht sprudeln kann.« Er zwirbelte an seinem Schnurrbart: »Sie schreiben also, Baronesse?«»Ich schreibe nicht, ich dichte,« verbesserte sie weinerlich.»Sie dichten und wollen gedruckt werden. ‘Hat er es einmal aufgeschrieben, will er, die ganze Welt soll’s lieben,’ sagt Goethe. Das ist ein Unglück, wissen Sie; eine unselige, weitverbreitete Krankheit. Die Vielschreiberei ist epidemisch geworden. Das Skelett im Hause ist heutzutage – das Manuskript. Es fehlt nirgends, nicht in den Schreibtischen der Erlauchten, nicht in der Lade des Krämers, nicht im Pult des Studenten und des Schulmädchens, nicht im Arbeitskorb der Näherin. Alles schreibt, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind!«»Das wußten wir in unserer unschuldigen Abgeschiedenheitfreilich nicht. Sie setzen mich in schmerzliches Erstaunen, Vogelweid,« sagte die Baronin offenbar verletzt. Sieglinde glühte wie eine Feuerlilie, und Gertrud, fast so roth wie sie, senkte den Kopf und beschäftigte sich eifrig mit einer Häkelarbeit, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.Bertram stieß einen schweren Seufzer aus: »Naturerscheinung, alles Naturerscheinung. Du hast recht, Hugo. Das schreibt und schreibt und will berühmt werden. Es ist die Zeit, in der jedes Individuum sich selbst vergöttert, nach Vergötterung lechzt. Es ist aber auch die Zeit, in der der Socialismus in breiten Kolonnen anrückt, sein ungeheures Prokrustesbett hinstellt und den Genius und den Trottel, den rastlosen Arbeiter und den Faulenzer, den Asketen und den Lüstling, nebeneinander einpfercht als Genossen und als gleichwerthige Knechte der unumschränkten, unfehlbaren Tyrannin – der Gesellschaft. Dann wieder eine andere Strömung: Keine Gesellschaft! kein Staat! keine Gesetze. Jeder sein eigener Lykurg. Egoismus das einzige Menschenrecht, Nächstenliebe fluchwürdigeSchwäche. Und wie viele andere Strömungen noch! Und jede in den Augen ihrer Vertreter der alleinig zur Überschwemmung der Welt berufene, die Zukunft befruchtende Nil! Mit täglich wachsender Furie platzen sie aufeinander – bäumen sich zu Gischtsäulen empor ... Wartet nur, wartet, bis die rasenden Naturgewalten verheerend losbrechen. Die Stunde kommt. Wie es jetzt in der Welt aussieht, so hat es immer ausgesehen vor dem Untergange einer Civilisation!«Während er diese Rede hielt, starrte er unverwandt vor sich hin in den Garten. Weil aber Sieglinde ihm gegenüber saß, schien sein Blick auf ihr zu ruhen. Der Ärmsten war, als ob sie mit glühenden Nägeln an die Pfeiler der Veranda genagelt würde.Weißenberg hatte dem Freunde fortwährend seine Zustimmung zu erkennen gegeben, jetzt sagte er, wie einer, der seiner Sache zwar nicht sicher ist, den Kampf aber um keinen Preis aufgeben will, zu seiner Tochter:»Siehst du, siehst du, das alles kommt von der Dichterei.«»Oder die Dichterei von alledem, und sie ist krank und faul, wie wir selbst,« versetzte Bertram.Gertrud erhob den Kopf und lachte: »Sie scheinen zur Übertreibung geneigt, Herr Vogel.«Sie hatte ihn angesprochen. Endlich! Er verneigte sich so freudig, als ob sie ihm die größte Schmeichelei gesagt hätte: »Ja, ganz gewiß! Ich übertreibe, ich bin übertrieben, im Treibhaus wird man übertrieben.«Er wurde auf einmal ungeheuer vergnügt, faßte himmelhohe Hoffnungen und entwarf traumhaft schöne Zukunftspläne. Sein hitziger Ausfall von vorhin erschien ihm jetzt wie ein Bombenattentat auf die armen Damen. Er wollte ihn vergessen machen, wollte unterhalten, liebenswürdig sein, gefallen mit einem Wort. Es gelang ihm, er hatte davon eine bestimmte Empfindung und wurde immer heiterer und sprühte Geistesfunken, denen eine so zündende Kraft innewohnte, daß selbst Sieglinde, die seit dem heißen Guß, der über sie ergangen war, mehr einer gebadeten Maus als einer begeisterten Dichterin und stolzen Baronesse gleich gesehen hatte, sich zu einigen Witzchenund Späßchen aufraffte, die belacht wurden. Ihre Eltern waren selig. Einen solchen Abend hatte man in Obositz nie erlebt.Beim Gutenachtwünschen war Bertram noch voll Begeisterung. Er drückte beide Hände Weißenbergs, nannte ihn zum hundertsten Male seinen Wohlthäter und dankte ihm mit überströmendem Gefühl, er küßte die Hand der Baronin und die Sieglindens und hätte gar zu gern auch die Gertruds geküßt; er ging auf sie zu. Aber sie errieth seine Absicht und wich ihm aus, und so küßte er denn noch einmal die Hand der Baronin.»Sie sind groß, Vogelweid,« sprach die edle Frau. »Nein, nein, depreziren Sie nicht, Siesindgroß ... Morgen um neun Uhr unter den Platanen. Dort erwarte ich Sie, Vogelweid,« setzte sie rasch und mit leisem Flehen hinzu.XIII.Wenn das nicht ein Stelldichein war, dann hatte Bertram sein Lebtag keines gehabt. Was sie nur von ihm wollte, diese Frau? Wie sie ihm dieNerven angriff mit ihrem ewigen Gewisper: »Ich muß Sie sprechen, bleiben Sie bei mir.« In welch ein Wespennest war er gerathen! Blind hätte er sein müssen, um nicht zu sehen, daß die beiden jungen Damen, als er gegen die Vielschreiberei wetterte, Butter auf dem Kopfe gehabt hatten. So trug denn auch sie, der sein Herz zujauchzte, im Geheimen blaue Strümpfe .... Auch sie, wie merkwürdig! An ihr kam die »Naturerscheinung« ihm nicht so widrig vor wie an anderen, er – konnte sich Gertrud mit der Feder in der Hand denken, ohne daß der alte Raubvogel sich in ihm regte. O wie liebte er sie schon! Liebte sie bis zum Verleugnen seines tiefst eingewurzelten Vorurtheils!In seinem Zimmer angelangt, setzte er sich an den Tisch. Zur Arbeit, zur verpönten! Er riß die schneeweiße Umhüllung von dem Buche, das Sieglinde ihm geschickt hatte. Ein prachtvoller Einband kam zum Vorschein, vergoldete Beschläge, Monogramm, Freiherrnkrone.Auf der ersten Seite begrüßte den Leser das in moderner Steilschrift hingemalte Motto. Womochte Sieglinde die Verse aufgestöbert haben? Sie kamen Bertram nicht ganz unbekannt vor:Wenn einst durch ein centralisch FeuerDieser große Planet zerspringt,Sitzt noch der Dichter mit der LeierAuf dem letzten Stein und singt.Mit ihm um die Wette sang die Dichterin von Obositz und besang ihren Gesang und schrieb gewissenhaft unter jedes ihrer Lieder, wann und wo es gesungen worden war. »Am Neujahrstage, in der Kaffeeküche,« »Am 10. März, im Gemüsegarten,« »Am 9. April, um sechs Uhr früh, im Bette;« und an allen diesen Orten hatte Sieglinde zur Harfe gesungen. Aber Bertram wollte während seines Erdenwallens von Harfen nichts mehr hören; er blätterte weiter in dem schönen Buche und stieß auf eine Leier (o je – eine alte Bekannte!), die gestimmt wurde. Auf Seite 7 zu einer hohen, himmlischen, auf Seite 8 zu einer ordinären, häuslichen Feier. Da hatte er genug. Ernstlich prüfen – diese Lyrik? Anker werfen in einem Lavoir! Warum nicht gar!Er riß Hagens dickes und schmutziges Manuskriptan sich. Die Schrift fuselig und liederlich; Form und Inhalt genau so, wie Bertram sie erwartet hatte. Mit Widerwillen las er eine Weile und fluchte dabei halblaut: »Hysterischer Schweinigl!«Auf einmal fuhr er zusammen. An der Thür hatte es geklopft. Wer ist’s? Ein Todesschrecken lief ihm durch die Glieder. Wär’s denkbar? – Er hielt den Athem an, er hatte Lust, die Lampe auszulöschen. Es klopfte wieder, laut und kräftig.»Ich schlafe schon,« schrie er außer sich.»Spaßvogel,« antwortete eine wohlbekannte, o Wonne, o Glück! eine männliche Stimme. Er sprang auf, er öffnete die Thür vor dem Freunde.»Warum sperrst du dich denn ein wie eine Komteß?« fragte der. »Hast du denn kein Vertrauen zu unserm Burgfrieden?« Er hatte eine geheimnißvoll sieghafte Miene und trug ein großes, viereckiges Paket unter dem Arme. Damit schlug er auf den Tisch, daß es einen Knall gab, wie von einer schnalzenden Kinderklatsche.»Um Gottes willen,« sprach Bertram, »das ist Papier!«»Ja,« sagte Hugo und setzte sich. »Ich bin nicht zu Ende mit den Überraschungen, die größte stand dir noch ins Haus, da ist sie. Noch einmal wurde das Paket mit beiden Händen ergriffen und damit auf den Tisch geschlagen, daß es noch lauter knallte:»Ich habe ein Lustspiel geschrieben.«»Du?«»Ich und kein anderer! Dir zu Lieb’ und Ehr’. Du schreist ja beständig nach einem Männerstück, einem Lustspiel nur für uns Männer. Da ist eins. Da hast du’s. Zum Kuckuck, das wird dir stark genug sein.«Bertram brachte kein Wort hervor. Er saß da mit weit aufgerissenen Augen und betrachtete den Freund, wie er den alten, bis zur Decke reichenden Schrank dort an der Wand, mit seinen armdicken, gewundenen Säulen betrachtet haben würde, wenn der sich plötzlich auf die Kanten seiner plumpen Füße gestellt und angefangen hätte, zu tanzen und zu pirouettiren.»Du staunst,« rief Weißenberg. »Das hättest du mir nicht zugetraut. Nun – ich mir selbstnicht. Jetzt schau nur, daß sie mir’s auch aufführen am Burgtheater ... Um den Erfolg ist mir nicht bange. Ich weiß nur nicht« – er fuhr mit der Hand etwas rathlos über seine Glatze, »ob ich mich entschließen werde, herauszukommen, wenn sie mich rufen.«»Wir haben jedenfalls noch Zeit, darüber nachzudenken.«»Die haben wir. Jetzt heißt’s vor allem andern: Schweigen, Schweigen wie das Grab. Du schwörst? – Gut. Begreifst ja, meine Frau, meine Kinder dürfen keine Ahnung haben, daß ich etwas so Starkes ...« Er unterbrach sich und streichelte liebevoll sein Manuskript.»‘Don Juan am Lande’ heißt’s.«»AmLande. So?«»König Lear, Hamlet, Romeo und Julia auf dem Dorfe haben wir. Jetzt kommt ein Don Juan dazu. Das ist ein Kerl!« Weißenberg schmunzelte schon beim Vorlesen des Personenverzeichnisses und schüttelte sich vor Lachen, als sein Held im ersten Auftritt drei betrogene Ehemänner durchprügelte.Bertram bemühte sich, wenigstens die Caricatureines Lächelns hervorzubringen und sagte: »Was du für lustige Einfälle hast – es ist zum Weinen.« Und als der erste Aufzug schloß, ermannte er sich zu dem tiefsinnigen Ausspruch: »Das war also der erste Akt.«Weißenberg hatte eine kleine Anwandlung von Verlegenheit: »Gieb acht, jetzt kommt der zweite.«Vogel bog sich zurück im Fauteuil, hielt die Lehne fest und hob die Augen zur Decke, wie jemand, der entschlossen ist, eine Zahnoperation tapfer auszuhalten. Der »zweite« ging vorüber, und der Zuhörer wußte wieder nichts anderes zu sagen als:»Das war also der zweite Akt.«Hugo war etwas zaghaft geworden: »Nun, wie findest du’s?«Der Kritiker kämpfte einen schweren Kampf. Sein feines, blasses Gesicht hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Das nervöse Zucken, das seit der Abreise von Wien verschwunden war, stellte sich wieder ein.»Wie findest du’s?« fragte Weißenberg abermals und Bertram ergriff beide Hände des Freundes, drückte sie unendlich liebevoll und sprach aus der Fülle der Überzeugung:»Niederträchtig!«Die großen Hände, die er mit den seinen vergeblich zu umklammern suchte, entzogen sich ihm. Das war alles. Von den Lippen des Freundes kam kein Laut. Nach einer Weile erst wagte Bertram ihn anzusehen und wandte die Augen sogleich wieder ab, der Anblick that ihm zu weh. Sein Recensentenamt mußte aber dennoch gewissenhaft ausgeübt werden.»Dein Stück ist roh und unsittlich,« sprach er, »das Gegentheil von allem, was du selbst bist. Einen besseren Beweis dafür, daß du gar kein Talent hast, giebt es nicht. Unser Talent ist der Ausfluß unseres ureigensten Wesens, ist sein tiefster und höchster Ausdruck.«»Talent? Lieber Gott,« murmelte Hugo eingeschüchtert. »Ich mache ja gar keinen Anspruch auf so was.«»O, wenn du mir weniger lieb wärst, wenn ich dich weniger schätzte und verehrte, ich würde mich nicht verpflichtet fühlen, dir die Wahrheit zu sagen und damit dir und mir weh zu thun!«Das war keine Phrase. Mit Schmerz sahder Delinquent, daß sein Richter mehr litt als er: »Weh thun, was dir einfällt!«»Flunkere nicht. Es thut immer weh, wenn einem eine Hoffnung zerstört wird.«»Lächerlich – einem Ökonomen. Dem werden ganz andere Hoffnungen zerstört, und er muß sich’s gefallen lassen.«Bertram rückte ganz nahe zu ihm heran und sprach im Tone einer Mutter, die ihr Kind ermahnt, es zugleich aber zu trösten sucht über die Ermahnung: »Das Stück ist nicht einmal ganz von dir. Du hast – Ehrlichster der Ehrlichen – du hast gestohlen – was für ein gottverfluchtes Ding ist doch die Litteratur, wozu verleitet sie! Du hast für dein Lustspiel (es paßt hinein wie ein junger Tiger in eine Bocksfamilie), eine ganze Scene aus der Macht der Finsterniß von Tolstoi gestohlen.«Hugos mächtige Adlernase erglühte viel tiefer, als die Wangen seiner Tochter je erglühen konnten: »Merkt man das?« fragte er beschämt.»Leider, oder sagen wir – zum Glücke! Ich freue mich, daß sich diese Sachen nicht in dir gestaltet haben; das ist kein Vergnügen, so gräßlicheszu ...« Er hielt inne und blickte dem Freunde tief in die Augen: »Du nimmst mir meine Aufrichtigkeit gewiß nicht übel?«»Im Gegentheil, ich bin dir dankbar,« erwiderte Weißenberg ohne eine Spur von Groll, aber recht bekümmert. Er stand auf und packte mit der mechanischen Sorgfalt eines ordnungsliebenden Mannes sein Manuskript wieder in den Umschlagbogen. – Dem ist jetzt, als ob er einen lieben Todten ins Bahrtuch hüllen würde, dachte Bertram und wurde schwach:»Laß es da,« sagte er, »vielleicht macht sich’s gegen das Ende besser.«»Nein, da gerad’ nicht. Das Ende geht mir nicht recht zusammen. Ich habe mich aufs Vorlesen verlassen und gemeint, dabei fällt mir noch allerlei ein. Statt dessen ist mir aber allerlei herausgefallen. Merkwürdige Sache das, mit dem Vorlesen. Die eigne Stimme schon übt Kritik. Na,« seufzte er voll Resignation, »ich hab’ mich halt blamiert. Versprich mir noch einmal: kein Wort davon gegen irgendwen. Es ist eine Dummheit, aber ich bitte dich – versprich mir’s.«»Wie kannst du glauben?« rief Bertram mit zärtlichem Vorwurf.»Versprich’s doch –«»Ich versprech’s.«»Du wirst nicht einmal dran denken, es vergessen.«»O wie gern!«»Dank’ dir. Gute Nacht.«»Gute Nacht.«Er ging, und Bertram wischte sich die Stirn, auf der die hellen Schweißtropfen perlten. Das war ein Stück Arbeit, das er da vollbracht, indem er dem Freund, dem Wohlthäter erbarmungslos seine Meinung gesagt hatte.An der Thür hielt Weißenberg an, kehrte um und blieb zwei Schritte vor Bertram stehen: »Noch einmal ehrlich,« sprach er, »Mann gegen Mann, bin ich in deinen Augen gesunken?«»Gesunken? Du? Nie höher gestanden, Mensch ohne Eitelkeit, guter, lieber Alter!«XIV.Als Bertram am nächsten Morgen erwachte, schlug die Schloßuhr acht, und Simon trat zum zweitenmal ins Zimmer. Er war schon vor einer halben Stunde dagewesen und hatte den Herrn Doktor noch fest und süß schlafend gefunden. Hatte der Herr Doktor das »Schpektakel« gehört in der Nacht? das Horn des Feuerwächters, das Gerassel der Spritzen und Wasserwagen, das Geschrei der Leute? Mit der Überlegenheit eines Menschen, der etwas erlebt hat, während der andere ruhig im Bette lag, erzählte Simon, daß ein großes Feuer gewesen war. Der entlassene Ochsenknecht, der schlechte Kerl, hatte es gelegt. Ein Meierhof war abgebrannt, die Mutter des Schaffers und sein kleinstes Kind wären bei einem Haar mit verbrannt. Aber der Herr Baron hat sie mit eigener Lebensgefahr gerettet.Bertram war aufgesprungen, hatte hastig einige Kleidungsstücke angethan und wollte auf und davon – zum Freunde, zum Feuer.»Der Herr Baron sind aber wieder da undschlafen jetzt, und Feuer ist keins mehr,« sagte Simon innerlichst zufrieden mit dem Effekt, den er hervorgebracht hatte. Er redete Bertram zu, Toilette zu machen und zu frühstücken, und Bertram übergoß sich mit kaltem Wasser und rief:»Mein Freund im Feuer, mein Freund in den Flammen, und ich lieg’ da und schnarche. O Simon, Simon! warum haben Sie mich nicht geweckt!«Wecken? Jekerle, wo hätte Simon die Zeit dazu hergenommen? Er war ein paarmal in der Nacht zur Brandstätte gelaufen, der Frau Baronin Nachricht zu bringen, die bei ihrem Sohne wachte und in großer Angst gewesen ist um Hagen, weil er fieberte, und um den Herrn Baron, weil sie schon weiß, wie der ist, wenn’s brennt.»Tummeln sich, bitte,« schloß er, »die gnädige Frau Baronin haben grad wieder nach Herrn Doktor gefragt und warten auf ihn im Garten.«Das Stelldichein gab sie also nicht auf, die Unselige! Ein Verbrechen war begangen, es war Feuer gelegt worden. Ihr Sohn hatte Fieber gehabt, ihr Mann in Lebensgefahr geschwebt, ihres Stelldicheins vergaß sie über alledem nicht!O Weiber! Weiber! – Mächtig ergriff ihn Schopenhauersche Indignation gegen das treubrüchige, breithüftige, leichthirnige Geschlecht.Sie wünschen ein Rendezvous, Madame? Sie sollen es haben!Mit schroff ablehnender Miene erschien er eine Viertelstunde später unter den Platanen. Baronin Weißenberg erwartete ihn. Sie trug ein Morgenkleid aus Battist mit Spitzen und Stickereien und hellgrauen Schleifen. Auf ihren etwas altmodisch, aber hübsch frisirten Haaren saß ein allerliebstes Häubchen. Ihre Gesichtsfarbe war wie gewöhnlich frisch und rosig, aber ihre Augen hatten etwas Verschleiertes, sie schien geweint zu haben.Bertram begrüßte sie und fing sogleich an vom Feuer zu reden, in so barschem Tone, als ob sie es gelegt hätte. Die arme Frau war ganz eingeschüchtert, und ihr Mund verzog sich krampfhaft.»Hugo hat keinen Schaden genommen, dem Himmel sei Dank. Er exponirt sich bei solchen Gelegenheiten immer entsetzlich. Alles Lebendige ist gerettet, und das Gebäude war versichert,« sagte sie und blickte hülflos und wie suchend umher.»Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.«»Da haben Sie wohl recht, assekurirt muß man sein, und ich leichtsinniger Thor habe noch nicht gefragt, ob diese so nothwendige Maßregel in Vogelhaus getroffen wurde,« rief Bertram. »Entschuldigen Sie, wenn ich keinen Augenblick länger zögere, mir Gewißheit darüber zu verschaffen.« Er stand auf.»O Vogelweid, wie grausam Sie sind! Ja, ja, das ist Grausamkeit!« wiederholte die Baronin und lehnte sich völlig gebrochen an die Gartenbank: »Sie müssen doch ahnen – ein Mann wie Sie!... Und statt mir mein schweres Geständniß zu erleichtern – ein Geständniß, das zu thun so beschämend« ...»Wie wär’s, wenn Sie sich’s ersparten?« fragte Bertram kalt und spöttisch.»Gutwär’s, wenn ich’s könnte, aber ich kann nicht. Ich bin zu Ende mit meiner moralischen Kraft ... In drei Nächten kein Auge geschlossen. Heute die dritte Nacht, die schrecklichste von allen. Mein Sohn im Fieber, mein Mann im Feuer, ichin Höllenqualen ... O Vogelweid, ich rufe Ihre Hülfe an. Schwören Sie mir, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden.«»Wozu schwören, was sich von selbst versteht?« erwiderte er; aber sie gab nicht nach.»Ihre Hand darauf!« und sie reichte ihm ihre Rechte hin, ihre schöngeformte weiße Rechte, die er drückte und bewundern mußte, obwohl ihm graute und er sich vorkam wie ein Zolascher Held.»Zuerst, was mich zum Theil wenigstens, entschuldigt,« sagte Bertha hastig und beklommen. »Ich habe Phantasie –«»Seit wann?«»Ich werde sie wohl immer gehabt haben, ich bemerkte es nur nicht. Ich bin jetzt so allein. Hagen ist auf dem Gymnasium, Lindchen lernt oder dichtet, die Poesie ist eine einsame Kunst. Meinen Mann sehe ich oft wochenlang nur bei den Mahlzeiten. Das giebt dem besten ehelichen Verhältniß einen gewissen Anstrich, ich möchte ihn einen prosaischen Anstrich nennen. Ich habe doch auch poetische Bedürfnisse.«»Seit wann?«»Seitdem ich mehr lese –«»Da haben wir wieder die verfluchte Litteratur!« murmelte Bertram.»Und wenn man viel liest und wenn man viel allein ist und wenn man Phantasie hat, träumt man und bildet sich allmählich ein Ideal, ein Urbild alles Schönen, alles Vollkommenen. – Man giebt diesem Urbild einen Namen und versetzt ihn in bestimmte Verhältnisse – und sich an seine Seite – und – was dann vorgeht, malt man sich aus –«»Aha!« Die Brauen Bertrams zogen sich dräuend zusammen, und er kreuzte die Arme über der Brust.Die Baronin zitterte: »O wie unerbittlich Sie aussehen, Vogelweid. Mitleid! Mitleid! Ich habe es zu Papier gebracht. Erbarmen Sie sich, ich habe einen Roman geschrieben.«»Einen Roman haben Sie geschrieben?« Er athmete, er jubelte auf. Ihm war zu Muthe wie dem treuen Heinrich, als die Eisenringe, die ihn umpanzert hatten, sprangen. »Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen,« bat er und that esstürmisch: »Sie Wunderbare! Nie hätte ich’s für möglich gehalten, daß ich in Entzücken gerathen könnte, weil eine Dame einen Roman geschrieben hat!«Bertha lächelte wehmüthig und blieb beklommen. »Entweder überschätzen Sie meine Leistung, oder andere unterschätzen sie. (Als sie das sagte, dachte sie selbst: Ich spreche gut.) Mein Manuskript erfuhr manche Zurückweisung. Es gelangte zuerst an die Redaktion der ‘Neuen Freien Presse.’«»Es gelangte – das heißt, daß Sie es hingeschickt haben.«»Nun ja, mit einem sehr, sehr höflichen, ich darf sagen, einem demüthigen Brief.«»Wehe!« sprach Bertram.»Nach einiger Zeit kam meine Sendung zurück. Die Herren schrieben, daß sie für drei Jahre mit Romanen versorgt seien. Nun wandte ich mich an die ‘Alte Presse’, an die Tageblätter – dieselbe Antwort. Alle diese Zeitschriften haben Romanvorrath für drei Jahre. Ach! es wird doch viel geschrieben!«»Das wäre nicht so schlimm,« versetzte Vogel,»schlimmer ist, daß das Geschriebene ein Gedrucktes werden will ... O, Frau Baronin, sehen Sie, ich an Ihrer Stelle würde eine leuchtende Ausnahme machen; ich ließe nichts drucken – just nicht.«»Wenn es noch in meiner Macht stände, Freund! Aber ich bin schändlich hintergangen worden. Just Carolus ...«Bertram schrie auf: »Just Carolus? Wie kommen Sie zu dem?«»Er annoncirte vor einem halben Jahre die Gründung einer neuen Zeitschrift, lud zur Einsendung von Beiträgen und ...«»Und besonders zum Abonnement ein.«»Ganz recht. Ich schrieb, ich sandte meinen Roman und erhielt einen Brief. Vogelweid, ich bin eine glückliche Frau, aber der Tag, an dem dieser Brief kam, war doch einer der schönsten meines schönen Lebens, ein Ausbruch der Bewunderung der ganze Brief. Carolus stellte mich in eine Reihe mit Heyse, Keller und Meyer. Ihr Manuskript, schrieb er, ist von der Lesekomission einstimmig angenommen worden.«»Aus dem einfachsten aller Gründe – sie hatte nur eine Stimme.«»Er wollte seinen ersten Jahrgang mit mir eröffnen. Mein Herz quoll über, ich antwortete in Ausdrücken, ich bekenne Ihnen alles, Vogelweid, es werden wohl überschwängliche Ausdrücke gewesen sein. Nach so bitteren Enttäuschungen ein solcher Erfolg. Carolus steht im Kürschner an der Spitze einer langen Reihe von Werken. Ich verehrte ihn, ich pries ihn, er ragte als Halbgott in meinem Herzen.«»Ja, das ist so! Es schmeichle einer nur unserer Autoreneitelkeit, und wir sind zu jeder Selbsterniedrigung bereit. Baronin, daß Sie in diese Falle gingen!«»Richten Sie nicht, Vogelweid, helfen Sie. Ich bin in einer furchtbaren Klemme. Er bat um meine Photographie, ich schickte sie ihm mit einer Widmung .... und dann, denken Sie, nannte er mich: Erhabene Schloßfrau, angebetete Herrin.«»Sie haben ihm gewiß auf dem schönen Briefpapier geschrieben, mit der in Gold geprägten Aufschrift:Schloß Obositz, und der wehenden Fahne mit dem Doppelwappen.«»Mein Gott, ja. Und nun hält er mich für eine Millionärin, spricht von den Kosten, die das Gründen einer Zeitschrift verursacht, und ich soll eine Aktie zu zehntausend Gulden nehmen. Und ich habe nur ein ganz kleines Vermögen, das Hugo verwaltet. Ich konnte das Geld nicht geben, ich mußte es gestehen. Seitdem hat Carolus den Ton geändert, er schmeichelt nicht mehr, er droht ... Womit am Ärgsten? Mit der Veröffentlichung meines Romans! Damit, behauptet er, macht er mich lächerlich vor der ganzen Welt. Er droht auch, meinem Manne meine Photographie mit jener Widmung und meine Briefe – Liebesbriefe nennt er sie – zu schicken. Das sind sie nicht, aber – o, ich bin sehr schuldig! – ich sprach von ungestillter Sehnsucht nach regerem Geistesleben, – von Seeleneinsamkeit. Ich weiß nicht, wessen Hugo fähig wäre, wenn er erführe, daß ich mich an seiner geliebten Seite seeleneinsam gefühlt habe ... Mir schaudert, und ich zittere um den Frieden meiner Ehe ... Ach, Vogelweid! und soeben brachte manmir ein Telegramm auf Hagens Zimmer. Ich habe es noch nicht eröffnet. Eine furchtbare Ahnung sagt mir: es ist von Carolus und enthält mein Schicksal. Himmel, warum mußte ich an einen so elenden Menschen gerathen!«»Das eben ist Ihr Glück im Unglück, beruhigen Sie sich, Baronin. Ich rette Sie, ich habe den Mann in der Hand. Einige meiner Kollegen und ich sind vor Jahren durch ihn arg geschädigt worden, und wir haben uns vor seinen Schlichen sicher gestellt. In einem gewissen eisernen Schrank bei einem gewissen Advokaten sind Beweise gegen ihn deponirt, die ihn jeden Augenblick ins Kriminal bringen können. Daran will ich ihn erinnern und die Herausgabe Ihres Eigenthums verlangen.« Er seufzte tief und schwer: »Ich will ihm schreiben.«»O Vogelweid, wie dank’ ich Ihnen! Aber lesen Sie zuerst das Telegramm.«Bertram öffnete das gefaltete Blatt, warf einen Blick hinein und sprang auf: »Nein,« rief er, »nicht schreiben, handeln! Da ist keine Zeit zu verlieren, er will mit dem Zwölfuhrzug kommen,ich geh, ichreite,« steigerte er sich, »ihm entgegen, fang’ ihn auf auf der Station.«»Kommen? Hierher?« Die große, starke Frau stammelte, erbleichte, ihre Augen wurden starr, sie rang mit einer Ohnmacht. Bertram ermahnte mit Energie:»Muth, Baronin. Nehmen Sie sich zusammen. Sie dürfen jetzt nicht ohnmächtig werden. Erstens ist es nicht mehr modern, und zweitens müssen auch Sie jetzt handeln.« Er erhob die Arme, seine Hände ballten, seine Brust erweiterte sich: »Knapp’, sattle mir mein Dänenroß. Geben Sie Befehl, Frau Baronin, daß die Kuh vorgeführt werde. Ich will Ihr Ritter sein, ich fühle das ganze Mittelalter in meiner Faust.«XV.Bertram lief ins Schloß, um seine Morgenschuhe mit Reitstiefeln zu vertauschen, bei einem Haar hätte er Sporen angeschnallt. In den Sattelstieger nicht, sondernschwanger sich und ergriff die Zügel mit solcher Entschlossenheit, daß dieKuh die Ohren spitzte. Aber das imponierte ihm mit nichten. Spitze du, dachte er, ich sitz’ das aus. Hier bin ich Mann und nicht Schreiber. Munter und kühn trabte er vorwärts und traf eine Viertelstunde vor dem Zuge auf der Station ein. Die Kuh war dort eine bekannte Persönlichkeit. Sie wurde bei besonderen Anlässen, dem Aufgeben und in Empfang nehmen von Geldbriefen und dergleichen vom Postboten herübergeritten, und während der seine Gänge besorgte, in den Schuppen eingestellt.Das geschah auch heute auf die freundliche Einladung des Herrn Expeditors, sie erhielt Gastfreundschaft für den Nachmittag, und Bertram ließ ihr zur Unterhaltung ein Bündel Heu vorsetzen. Dann trat er an den Schalter mit großartiger Ruhe – er war freilich der einzige Passagier – und löste zwei Billete erster Klasse, eines zur nächsten Station, eines nach Trzebinia, begab sich auf den Perron und erwartete den Zug. Ein paar Träger schlotterten daher, vorahnend, daß es keine Beschäftigung für sie geben werde. Ein kleines Mädchen barfüßig und zerlumpt, mit verwilderten,staubigen Haaren, brachte auf einem angebrochenen Teller schöne, schwarze Kirschen herbei. Jeder der Träger machte sich das Vergnügen ihr einige davon zu entreißen, und Bertram, der Landessprache unkundig, mußte zu dieser Brutalität schweigen. Aber auch schweigend vollbringt der Hochgemuthe eine rettende That. Er ging auf die Kleine zu, steckte ihr einen Gulden in die Hand, eine Kirsche zwischen die Zähne und wies mehrmals nacheinander von dem Inhalt des Tellers auf ihren Mund, und von dem Fleck, auf dem sie stand, nach dem Ausgang. Sie lachte, sie begriff, stopfte gleich ein halbes Dutzend der saftigen Früchte in den Mund und rannte davon.Das Glockenzeichen wurde gegeben, majestätisch fuhr der Zug ein. Aus dem Fenster eines Coupés dritter Klasse neigte sich ein schwarzes Lockenhaupt, das ein riesiger Rembrandthut malerisch beschattete.»Hierher, Schaffner! hierher!« rief eine dünne Stimme, und im nächsten Augenblick erglänzten auf den Stufen des Waggons ein Paar Lackstiefeletten, zwei kurze Beinchen hüpften zur Erde, blieben aber plötzlich steif und regungslos stehen:»Willkommen, Just Carolus!« sprach Bertram und lüftete den Hut. Der Rembrandt wurde einen halben Meter hoch über das Lockenhaupt gehoben.»Sie, Herr Vogel, welche Überraschung.«»Wir haben nur eine Minute Aufenthalt! steigen Sie wieder ein und wundern Sie sich später. Die Frau Baronin schickt mich Ihnen entgegen. Infolge eines Mißverständnisses wurde der Wagen aus Obositz nicht hierher, sondern zur nächsten Station dirigiert. Steigen Sie ein. In dieses, das nächste Coupée!«»Erste Klasse, so? ach ja, das ist ja sehr aufmerksam von der Frau Baronin.«»Sie haben Gepäck bei sich?«»Diese Tasche.«»Es ist doch alles drin, was Sie der Frau Baronin mitbringen wollten, ihre Briefe, ihre Photographie?«»Woher wissen Sie ...«»Fragen Sie nicht, steigen Sie ein!« befahl Bertram so kühl und gebieterisch, als ob er auf der Nordbahn zu Hause wäre und zu ihren Machthabern gehörte.In dem Coupé, in das er Carolus vorantreten hieß, hatte eine ältliche, sehr dicke Dame mit türkischem Gesichtstypus sich häuslich eingerichtet. Ihre Füße ruhten auf dem Sitze ihr gegenüber, der außerdem von einem wundervollen, grauen Affenpintscher eingenommen wurde. Neben ihr stand eine geöffnete Reisetoilette mit kostbarer Einrichtung, die verschiedensten Effekten, seidene Decken, Kissen, ein Vermeillebesteck, eine goldene Cigarettentasche, lagen auf den Wagenpolstern umher. Die Luft war etwas dumpf und mit Peau d’Espagne-Düften und denen des feinsten ägyptischen Rauchtabaks erfüllt.Die Fremde warf den beiden Herren, die sich bescheiden in die Ecken neben dem Eingang gesetzt hatten, einen feindseligen Blick zu, der aber milder wurde, nachdem er Justs Lockenkopf gestreift, auf den er auch öfters und immer freundlicher wiederkehrte, bis er endlich wie gebannt auf ihm ruhen blieb.Sollte das der berühmte französischecoup de foudresein? fragte sich Bertram.Carolus aber war zu verwirrt, um den guten Eindruck, den er hervorbrachte, zu bemerken. Ihmwurde bang und bänger in Vogels Nähe. Er war ihm draußen schon furchtbar gewesen, als er mit natürlicher Stimme zu ihm gesprochen hatte, jetzt fand er ihn doppelt furchtbar, als er sich zu ihm neigte und ihm leise zuflüsterte:»Sie werden mir die Photographie und die Briefe, die Sie bei sich haben, sofort ausliefern, und dann werden Sie eine Vergnügungsfahrt unternehmen nach Trzebinia.«»Warum nach Trzebinia?«»Diese Gegend ist ohne Reize,« sprach die Dame, und statt Justs, an den sie sich gewendet hatte, erwiderte Bertram kurz abbrechend:»Gänzlich.« Er setzte seinen Fuß mit Wucht auf das Füßchen des zierlichen Männleins, neigte sich vor und begann wieder im früheren Tone.»Sie übergeben mir die Sachen, die ich verlange, auf der Stelle und schicken mir das Manuskript der Frau Baronin morgen nach Obositz oder« ...»Oder was? Keine Drohung ... Ich bitte mir aus« – Carolus hauchte es nur; er hatte sich zurückgelehnt, seine Zähne klapperten. Die Mitreisende betrachtete ihn voll Erbarmen. Sie fandihn gar zu herzig in seinem sammtenen hellbraunen Künstlerflaus, in seinen taubengrauen Höschen, und unbeschreiblich rührend war ihr der Ausdruck der Qual in seinem interessanten Gesichtchen.»Ihr Freund befindet sich schlecht,« sagte sie und reichte Bertram ein Riechfläschchen: »Bitte, lassen Sie ihn dieses athmen.«»Athmen Sie,« rief Bertram, hielt dem bleichen Carolus mit einer Hand das Flacon unter die Nase und nahm mit der andern ein Päckchen in Empfang, das der Bedrängte aus der Brusttasche gezogen hatte. Die Herren führten ein kurzes Gespräch, das der Lärm des über eine Brücke hinrasselnden Zuges für ihre Gefährtin im Coupé unhörbar machte.»Sie überfallen mich wie ein Straßenräuber.«»Wie ein Straßenräuber, der über alle Errungenschaften der Kultur verfügt, ja. Wenn Sie mir das,« er spielte mit dem Päckchen, ließ es kreisen zwischen seinen Fingern, »nicht gutwillig anvertraut hätten, würde Ihrer irgendwo unterweges eine bescheidene Empfangsfeierlichkeit gewartet haben.«»In Trzebinia, meinen Sie. Als ob es mir nicht freistände, auszusteigen, wo ich will.«»Unbemerkt nicht. Dafür wäre leicht gesorgt. Ein Passagier erster Klasse, mit Ihrem Äußern, so auffallend hübsch gekleidet, wie Sie immer sind. Ich bin Ihrer sicher, verlassen Sie den Train, wo es Ihnen beliebt; seien Sie nur gewiß morgen nachmittags wieder in Wien. Mein Advokat, den Sie ja kennen, wird den Auftrag haben, abends bei Ihnen anzufragen, ob das Paket abgeschickt ist.«»Es wird abgeschickt sein,« knirschte Carolus. »Aber bei nächster Gelegenheit – machen Sie sich gefaßt.«»Auf einen Vipernstich in die Ferse ist unsereins immer gefaßt – Sie fahren also bis Trzebinia, geehrter Freund,« sagte er laut, »und so benützen Sie wohl den nächsten Zug, der morgen um 7 Uhr 55 Minuten von dort abgeht, zur Rückkehr nach Wien?«»Nach Wien?« mischte die Dame sich ins Gespräch. »Ich komme von dort, eine charmante, kleine Stadt, dieses Wien.«»Und, gnädige Frau,« fragte Bertram, »sind auf dem Wege nach?« –»Nach Hotin.«»In Bessarabien?«»Meine Güter sind in der Nähe.«»Güter in Bessarabien?« Carolus machte eine rasche Schwenkung auf seinem Sitze und sandte einen Blick voll heißer Sympathie zu der Reisenden hinüber. Sie hatte die Zeit der Reife längst überschritten, und sie hatte sehr schwellende Formen, aber sie hatte eine goldene Cigarettentasche und Ringe von unermeßlichem Werthe und eine mit Diamanten besetzte Uhr, und sie kam, wie er bald erfuhr, aus England, wo sie eine Saloneinrichtung für ihr Schloß gekauft hatte, und auch den schönen Affenpintscher. Für fünfzig Pfund – ein Bettel; hundert waren ihr schon für das Prachtthierchen geboten worden.Das Gespräch zwischen Carolus und der Bessarabierin belebte sich immer mehr. Sie nannten einander ihre Namen. Der ihre war ihm unaussprechbar, der seine entzückte sie. Just Carolus. Wie das klang! wie mild und fest, wie edel und gelehrt.Er war gewiß ein Gelehrter. Ihr verstorbener Gatte, der Bojar, wäre auch gern ein Gelehrter gewesen, aber die Verwaltung seiner Besitzungen gab ihm viel zu thun, er konnte sich seiner Liebhaberei nicht widmen.Verstorben der Gatte! O seliger Bojar, Wohlthäter! Carolus pries sein Andenken. Er bezeigte der Dame tiefste Theilnahme und hoffte nur, daß ihr daheim, zu ihrem Troste, liebliche Kinder blühten ...Aber nein, sie war kinderlos und stand einsam und trotz einiger Glücksgüter, mit denen der Himmel sie gesegnet hatte, doch recht arm in der Welt.Die langen Wimpern Justs, seine größte Schönheit, senkten sich und verschleierten seine habgierigen Augen. Er seufzte tief, und auch die Wittwe seufzte.Der Schaffner kam, war mürrisch, entschuldigte sich bei der gnädigen Frau. Er hatte die Herren nicht einsteigen gesehen, er würde ihnen sonst andere Plätze angewiesen haben.Auch Bertram entschuldigte sich und nahm zugleich Abschied. Er stellte der Reisegefährtin ihrFlacon zurück und reichte Just sein Fahrbillet. Mit Mißvergnügen entdeckte dieser, als er es in die Brusttasche steckte, daß er nur große Banknoten bei sich habe. Am Schalter wechselt man so ungern.»Sie können mir,« sagte er nachlässig, »dreißig Gulden zur Rückreise vorstrecken, Vogel.«»Verdammter Kerl,« fluchte Bertram im Stillen und suchte in seinem Geldtäschchen: »Kann ich? Da sind fünfzehn. Sie werden gegen Ihre Gewohnheit zweiter Klasse fahren müssen.«Die Bojarin erschrak. Zweiter Klasse durfte nicht einmal ihre Kammerjungfer mehr fahren. Ein deutscher Baron hatte ihr dort einen Heirathsantrag gemacht. In die Gefahr, meinte Bertram, werde Carolus nicht kommen, aber die liebenswürdige Wittwe bestand darauf, ihm für alle Fälle aus der Verlegenheit zu helfen.»Mein Diener kommt auf jeder Station meine Befehle holen,« sagte sie. »Er führt die Kasse, er wird die Banknote Herrn Justs Carolus wechseln.«Der Zug hielt. Bertram betrat die Plattform im Augenblick, in dem ein großer, bärtiger Russe im Nationalkostüm die Stufen heraufstieg. Er hatteeine wohlgefüllte Geldkatze umhängen und trat mit der Mütze in der Hand an die Thür des Coupés.Nun gilt’s dein Meisterstück, Just Carolus, dachte Vogel, finde Mittel, die kleinen Banknoten einzustecken und die Abwesenheit der großen zu erklären.XVI.Bertram ging auf der Landstraße den selben Weg zurück, den er eben mit der Eisenbahn vorwärts gebraust war. Eine echt mährische Gegend. Der Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Höhen gekrönt, goldig schimmernde Felder und üppige Wiesen, soweit das Auge reichte, Pflaumenbäume mit Früchten überladen, kräftiges Weideland, auf dem schöne Rinder grasten und in der Nähe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute Scharen des mährischen Schwans, des Hausthiers ohne Furcht und Tadel, der glorreichen Gans. Auf einen Tiger würde sie losfahren, mit aggressiv vorgestrecktem Halse, mit zornig wackelndem Schwanze. Das härteste Schicksal trifft sie, beugtsie aber nicht. Jahr für Jahr erbarmungslos gerupft, ihres zarten Flaums beraubt, erhebt sie sich aus den Händen ihrer Peiniger und flattert mit blutendem Flügel und hinkt mit verstauchtem Fuß wund und nackt ebenso stolz, wie ehedem in blühender Gesundheit und prangendem Gefieder.
Der kleine Besitz, den der Freiherr für Bertram gekauft hatte, bestand aus sechzig Hektaren fast durchwegs besten Bodens und zwar aus vier Hektaren Wald, zehn Wiesen, vier Weideland, der Rest Felder. Das Haus, von Grund auf neu gebaut, hatte fünf Fenster Front im ersten Geschoß, und vier im erhöhten Halbstock, je zwei neben dem Hausthor. Das war aus massivem Eichenholz, fest und kunstvoll gefügt und mit einem so gediegenen Schlosse und Klopfer und so schön gezeichneten Beschlägen aus blankem Schmiedeeisen versehen, daß sein Anblick ein Genuß gewesen wäre, auch wenn es nicht den Eingang zum Vogelhaus gebildet hätte. Steinerne Stufen führten zu ihm hinauf, die kanellirten Säulchen, die den Abschluß des Geländers bildeten, trugen Blumenvasen aus Thon, in denen großblätteriger Epheu wuchs und gedieh. Das Haus stand dicht vor dem Wäldchenund mitten in dem kleinen Garten, in dem schon allerlei Nutzpflanzen grünten, aber auch Blumen blühten und dufteten. Hinter dem Drahtgitter, das den Garten umfriedete, hoben junge Fichtenbäumchen die frischen, hellgrünen Köpfe aus der Erde und waren bestimmt, in einigen Jahren einen üppigen lebenden Zaun zu bilden.
Je mehr die Freunde sich dem Vogelhause näherten, desto stiller war Bertram geworden. Am Gitterpförtchen trat ihnen ein ältlicher, hagerer Mann in abgetragener Kleidung entgegen. Sein echt slavisches Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck, seine breiten Hände schienen eben eine Tüncherarbeit verrichtet zu haben, denn sie waren inwendig ganz weiß.
Der Freiherr stellte ihn vor: »Joseph Waniek, ein Prachtmensch. Man darf das vor ihm sagen, es ist keine Schmeichelei, er weiß, was er werth ist. Er wird deine Wirthschaft führen, solange du willst: er ist alles: Ökonom, Gärtner, Maurer, Schlosser, Zimmermann.«
»Ich werde zu Ihnen in die Schule gehen, Herr Waniek,« sagte Bertram und reichte ihm die Hand.
Waniek verbeugte sich höflich deprecirend, ergriff die Zügel der Pferde und führte sie fort:
»Wohin? wohin geht er mit ihnen?«
»Nun – in den Stall.«
Der neue Grundbesitzer brach in Entzücken aus: »Ich hab’ einen Stall.« schrie er. »Wo?« Er wollte davonstürzen, besann sich aber, wandte sich und stürzte dem Freund an die Brust: »Wie soll ich dir danken?«
Der Baron wurde auf einmal kalt und ablehnend:
»Keinen Unsinn. Wofür? Daß ich dein Geld zweckmäßig (so hoff’ ich wenigstens) verwendet habe? Es hat mir Spaß gemacht. Du aber besinn’ dich, was du einst für mich gethan hast. Auf deinen Schultern durch die Schulen getragen hast du mich, du, der viel Jüngere, mich, den ewigen Repetenten. Himmel, Himmel, waren das Zeiten! Mein guter, alter Vater, der selbst nichts gelernt hatte und das Lernen deshalb für eine so leichte Sache hielt. ‘Ich kränk’ mich zu Tod’, wenn du nicht lernst.’ Und ich, der ihn liebte, es ihm beweisen wollte und nicht konnte mit meinem Dickschädel,der so empfänglich war für Gelehrsamkeit, wie eine Rübe für Magnetismus.«
»Thu’ dir nicht Unrecht, Hugo,« versetzte Bertram und brach plötzlich in Schluchzen aus. Bei dem Anblick kamen auch dem Baron die Thränen in die Augen, er zog sein Taschentuch hervor und schneuzte sich kräftig: »So, fertig,« sprach er. »Jetzt wollen wir deinen Grundbesitz in Augenschein nehmen.« Sie traten ins Haus, durchwanderten seine wohnlichen, aber noch spärlich eingerichteten Räume, begaben sich dann in den Stall, in dem vier stattliche Kühe und zwei tüchtige Gäule standen. In einem kleineren Stalle waren einige Schafe untergebracht, und im Schweinekoben hörte man’s vergnüglich grunzen.
»Borstenvieh hab’ ich auch!« jubelte Bertram. Dem Freiherrn wurde bange um ihn. Während er sein Grundeigenthum beschritt, wechselten seine Stimmungen mit unheimlicher Schnelligkeit. Aus überwallender Freude verfiel er in tiefste Muthlosigkeit und rief händeringend:
»Ich bin Moses! Ich sehe das Land der Verheißung, aber in Besitz nehmen werde ich es nicht,erleb’s nicht. Ein solches Glück erlebt man nicht. Des Lebens ungemischte Freude ...«
»Nur vor der keine Angst,« unterbrach ihn Hugo. »Die Mischung findet sich. Für die Sorgen des Landwirths ist gesorgt.«
Sie kamen zu einem Weizenfelde, wo eben geschnitten wurde; sechs Schnitter waren dabei beschäftigt, das heißt, zwei mähten, zwei schliffen ihre Sensen und schnupften dazwischen mit großer Umständlichkeit, zwei tranken Branntwein.
»Schau dir den Weizen gut an,« sagte der Freiherr. »Für den rechne ich auf den ersten Preis bei der landwirtschaftlichen Ausstellung.«
Er nahm eine Hand voll Ähren, zerrieb sie in den Händen, blies die Spreu hinweg, und hielt Bertram die schweren, goldgelben Körnlein hin: »Das ist eine Pracht.«
»Wenn ich nur davon etwas verstände! Ich verstehe aber nichts, ich sehe auch nichts, mit mir dreht sich alles im Kreise. Ich kann nicht mit dir fort, kann mich von Vogelhaus noch nicht trennen. Gehe du deinen Geschäften nach und laß mich da. Ich will arbeiten, mich physisch ermüden, meinenGrund und Boden mit meinem Schweiße düngen. Sage diesen guten Leuten, einer von ihnen möge mir seine Sense überlassen. Sage ihnen, daß ich Mühe und Plage und auch ihr Mittagessen mit ihnen theilen werde, gegen Bezahlung natürlich.«
»Da kriegst du in Branntwein aufgeweichtes Brot und Hutzeln mit Gries gekocht. Und was die Bezahlung betrifft – bei Sacher ist’s billiger. Aber wie du willst.«
Er trat an die Schnitter heran und theilte ihnen, selbstverständlich in slavischer Sprache, mit, daß Herr Vogel, ihr Arbeitgeber, beabsichtige, beim Mähen mitzuhelfen. Einige lachten, die anderen trugen eine hochmüthige Theilnahmslosigkeit zur Schau. Ein einziger, ein alter, großer, schöner Mann nahm den Hut ab, und begrüßte Bertram mit einem deutschen: »Küß’ die Hand.«
»Ihr zwei könnt euch zur Noth verständigen,« sprach Weißenberg, ermahnte den Freund, ja nicht zu spät zum Souper zu kommen, und verabschiedete sich.
Bertram hatte den Rock abgelegt, die Sense ergriffen und war bald in voller Thätigkeit. Erwollte den Leuten, die ihre Arbeit mit erstaunlicher Schläfrigkeit verrichteten, zeigen, wie ganz anders ein gebildeter Mensch die Sache angreift. Aber nur zu bald mußte er in seinem Eifer nachlassen und sah ein, in dem Tempo, das er angeschlagen hatte, könne es nicht lange weitergehen.
Seine Sense war stumpf geworden, er ersuchte in der Zeichensprache seinen Nebenmann um den Schleifstein, wetzte und wetzte, die Sense wollte nicht scharf werden. Schleifen konnte er nicht. Bisher hatten die Arbeiter ihn ganz unbeachtet gelassen, jetzt wurden sie alle auf einmal auf ihn aufmerksam und hatten ihre helle Freude an seiner Ungeschicklichkeit. Der Nachbar nahm Bertram endlich das Werkzeug aus der Hand, war mit dem Schärfen gleich fertig, streckte aber auch sofort die Rechte aus und sprach höflich: »Trinkgeld.« Dieses deutsche Wort schien ihm geläufig. Großes Gelächter erhob sich, Bertram stimmte ein und spendete dem Taglöhner für den geringen Dienst einen blanken Silbergulden. Der Beschenkte steckte ihn hastig in eine Tasche seines zerrissenen Rockes und zog aus der andern ein Fläschchen hervor. Eswar in ein schmutziges Tuch gewickelt und mit einer trüben, dicklichen Flüssigkeit gefüllt. Der Arbeiter entkorkte es und hielt es Bertram hin. Dem graute, aber um keinen Preis hätte er das kameradschaftliche Anerbieten zurückgewiesen. Er dachte an Neshdanow in Turgeniews Neuland und wollte stärker sein als der russische Held. Heroisch setzte er die Flasche an und that einen kräftigen Schluck. Es war gräßlich. Der Hals brannte, ein fast unüberwindlicher Ekel ergriff ihn. Er machte sich rasch wieder an die Arbeit und kehrte den Leuten den Rücken zu. Sie sollten sein Gesicht nicht sehen, oder vielmehr die Gesichter, die er unwillkürlich schnitt. Aber bald drohte die Müdigkeit ihn zu überwältigen, seine Arme schmerzten, in kleinen Bächen floß der Schweiß ihm über den Leib, und jetzt mußte er wieder an Tolstois Ljoisin denken und ärgerte sich, daß er sogar beim Taglöhnern nicht herauskam aus der Litteratur. Nur noch ehrenhalber führte er die Sense und nahm sich vor, das nächste Mal die Arbeit mit geringerem Feuereifer zu beginnen, um länger bei ihr aushalten zu können. Gemächlichmuß arbeiten, wer den ganzen Tag arbeiten soll. Bertram war zufrieden, als der alte Schnitter auf ihn zuschritt, und ihm lächelnd seine Sense aus der Hand nahm. Nun sah er zu, und es war ein völlig grandioser Anblick, wie der Greis im gleichmäßigen, weitausholenden Schwung, einen großen Halbkreis mit seinem Werkzeug beschrieb und jedesmal einen Arm voll Halme vom Boden wegrasirte, daß sie hinsanken, so bereitwillig, als ob es ihnen ein wahres Vergnügen wäre. Ihre goldenen, bärtigen Köpfchen, die eben noch zum strahlenden Blau des Himmels hinausgeschaut hatten, ruhten jetzt wohlig und sanft an der Brust der alten Mutter Erde.
XI.
Plötzlich hielt der Alte in seiner Arbeit inne, streckte den Hals und rief: »Ferd! Ferd!« Die Fohlenstute raste einher – ledig. Die Steigbügel peitschten ihre Flanken, die zerrissenen Zügel ihren Kopf. Wild gemacht durch die überflüssigen Hülfen, tollte sie wie rasend querfeldein ihrem Wohnortezu. In weiter Entfernung von ihr folgte ihr Exreiter; übel zugerichtet, wie sich immer deutlicher zeigte, je näher er kam. Bertram lief ihm entgegen, und ein förmliches Ringen entspann sich zwischen ihnen. Bertram wollte ihn zwingen, dazubleiben, der Junge wollte durchaus weiter rennen. Das Blut floß ihm aus der Nase in den Mund, er spuckte wie eine böse Katze, nieste, machte alle möglichen Anstrengungen, um zu sprechen, und konnte nicht. Mit Gewalt führte ihn Bertram ins Haus und zwang ihn, sich pflegen zu lassen. Im Zimmer neben der Küche stand eine mit Stroh gefüllte Bettlade, Waniek breitete einen Kotzen darüber, den er aus dem Stalle gebracht hatte, und trug, ohne einen Befehl abzuwarten und ohne ein Wort zu verlieren, einen Krug mit frischem Wasser gefüllt herbei. Der Verwundete mußte sich auf dem Lager ausstrecken. Sein und Vogels Taschentuch wurden einstweilen abwechselnd zu Umschlägen verwendet. Der alte Arbeiter kam mit dem Rocke, den der fleißige Stadtherr auf dem Felde liegen gelassen hatte, und wurde beauftragt, ins Schloß zu gehen, um Wäsche zu holen und der Baronin eineKarte, auf die Bertram eilends einige Worte schrieb, zu überbringen.
»Wozu? wozu das? Was schreibst du ihr?« rief der Patient und wollte aufspringen. Wieder suchte Vogel ihn zu beschwichtigen. »Wenn deine Mutter erfährt, daß dein Pferd ohne Reiter nach Hause gekommen ist, erschrickt sie tödtlich. Ich habe sie über dein Befinden beruhigt. Wär’ ich’s nur selbst. Dein Auge sieht entsetzlich aus und muß dir infam weh thun.«
»Mir thut nichts weh, nichts,« polterte Hagen, »und wenn du sagst, daß ich vom Pferde gestürzt bin, bist du mein Feind. Ich bin nicht gestürzt, ich bin abgestiegen, habe das Vieh an einen Baum gebunden, da hat sich’s losgerissen.«
»Und dein geschwollenes, zerschlagenes Gesicht, und dein Auge, Hagen. Dein Auge sieht aus wie ein einziger, großer Blutstropfen. Wie kommst du dazu?«
»Eine Fliege hat mich gestochen.«
»Junge! Junge, du bist verdreht. Zugeben, ich habe mich auf ein Pferd gesetzt, das ich nicht reiten kann – welche Schande! Aber lügen wieein Schulbub, der sich ausreden will, das geht dir nicht an die Ehre.«
Der Kranke kehrte ihm den Rücken zu und blieb eine Weile regungslos. Bertram beugte sich über ihn und sah ihn voll Besorgniß an. Da öffnete Hagen das gesunde Auge und sprach langsam:
»Ich habe stürzen wollen. Ich habe sterben wollen. Es ist mißlungen.«
Zuerst glaubte Bertram, das sei Geflunker. Aber nein. Aus der Miene des Jünglings, aus seiner plötzlichen, ungewohnten Ruhe sprach wahrhaftige Verzweiflung.
»Um Gotteswillen, du phantasierst. Ichhoffe, du phantasierst!« Er griff hastig nach Hagens Puls.
»Ich phantasiere nicht; ich bin ganz kalt.«
Deine neueste Pose, dachte Bertram. Er schwankte zwischen Entrüstung und Schrecken: »Du hast dich tödten wollen. Herrgott im Himmel! Und deine Eltern – hast du nicht an deine Eltern gedacht?«
»Nein, nur an sie, an der ich mich rächen will, der ich einen Stachel ins Herz bohren will... Sie hat mich verschmäht – wenn du wüßtest,wie? Ich biete ihr meine Liebe und sie demüthigt mich – mich, den Sohn ihrer Wohlthäter ... beleidigt mich, ich kann es nie sagen, wie sie gewagt hat mich zu beleidigen. – O, Nietzsche,duhast Recht, du allein – die Peitsche für die stumpfsinnigen, imbecilen Weiber!«
Er wand sich, er biß in den Rock, den Bertram als Decke über ihn gebreitet hatte.
»Erstens bitte ich dich,« sagte der, »laß meinen Rock in Ruh. Er ist neu und kostet ein Heiden-, ein sauer verdientes Geld. Zweitens: von wem sprichst du? doch nicht von Fräulein Gertrud? Oder ja? – Ja so! Du willst deine Cousine heirathen?« Seine Mundwinkel umspielte etwas, das Hagen zu dem Ausruf berechtigte:
»Darüber lachst du selbst. Ans Heirathen werd’ ich denken, wenn ich einmal fünfzig bin. Meine Liebe habe ich ihr angetragen, meine Leidenschaft, mich habe ich ihr angetragen, mich! und mich verschmäht die Närrin, die prüde, eingetrocknete,versauerte alte Jungfer, die mir die Hände küssen sollte ...«
»Warum nicht gar. Schweige! Du bist beunruhigend. Ich weiß wirklich nicht, was bei mir überwiegt, das Mitleid mit dir oder die Empörung über dich. Schweig!« wetterte er ihn an. »Ich befehle es dir. Du kommst um dein Auge,« fuhr er sanfter fort. »Du mußt ja fühlen, wie’s um dein Auge steht. Leg’ dich hinüber, sprich nicht, denk’ auch nicht, verlaß dich drauf, was du jetzt sprichst und denkst ist Unsinn. Ich bin hier Herr, bin gesund, und du bist mein Gast und bist krank. Kranke müssen gehorchen.« Er beugte sich wieder über ihn: »Hagen, mein Junge, ich beschwöre dich, sei ein standhafter Mann, der einen Puff aushält, ohne gleich an feige Flucht aus dem Leben zu denken.«
O Wunder, der Unbändige gehorchte, legte sich hin und blieb ganz still. – Das Wasser im Kruge war warm geworden, Bertram ging zum Brunnen, frisches zu holen. Es freute ihn, das selbst zu besorgen, und er hatte dabei einen Anfall von Aberglauben. Daß er das erste Wasser aus seinemeigenen Brunnen zur Linderung fremder Leiden schöpfte – hatte gewiß etwas zu bedeuten, etwas Gutes, Schönes. Zur Linderung fremder Leiden? Nicht fremder, kein Mensch war ihm fremd, am wenigsten der vertrackte Junge, das verirrte Schaf, das er auf den rechten Weg führen wird.
Als er ins Zimmer zurückkam, war’s darin mäuschenstill. Er erneuerte den Umschlag auf dem Auge des Patienten und setzte sich auf einen Schemel neben das Bett. Daheim! Über seinem Kopfe wölbt sich sein eigenes Dach, und jede Schiefertafel, die darauf liegt, hat er sich selbst verdient. Wie herrlich dieses Bewußtsein, wie wonnig die Ruhe in der kühlen Stube. Vor zwei Tagen erst hatte er sich krank und elend gefühlt und heute – eben erst sprach er zu seinem Gaste: Ich bin gesund. Ein Glücksgefühl ergriff ihn, und er murmelte: »Dank, Dank!« Ach, ihm war wohl! Draußen brütete die Hitze des Sommertages millionenfaches Leben aus. Allerweckerin! Allernährerin! himmlische Sonne! du hast auch Bertrams Getreide zur Reife gebracht, und bleichst jetzt in den goldenen Hülsen das silberweiße Mehl.Man riecht’s, es duftet so nahrhaft. Man hört die Arbeiter auf dem Felde sprechen, man hört auch Vögel zwitschern, und jeder Schall schlägt gleichsam wie gereinigt durch die ätherklare Luft, als Wohllaut ans Ohr.
»Du!« sprach der Patient auf einmal mit unheimlich heiserer und gequälter Stimme.
»Was denn, mein Junge?«
Die Antwort ließ auf sich warten, wurde aber doch mühsam hervorgepreßt.
»Hast sie gelesen?«
»Was gelesen?«
»Zum Teufel, die Novelle.«
»Ach ja – die deine. Noch nicht.«
»Nicht?« knirschend kam es heraus dieses: Nicht. »So schick’ sie zurück, zum Teufel, wenn du sie nicht lesen willst. Schick’ sie zurück, augenblicklich.«
»Ich laufe schon,« erwiderte Bertram ärgerlich, »ich warte nur noch den Besuch deiner Mutter ab.« Er trat ans Fenster und sah hinaus. »Da kommt sie gefahren mit deiner Schwester und dem Doktor.«
»So? Natürlich, der muß dabei sein; der Flohbißchirurg, die Wanze, der Zeck!«
Die Baronin hielt sich beim Anblick ihres verwundeten Sohnes tapferer, als Bertram es ihr zugetraut hätte. Sieglinde schwamm in Thränen. Der Doktor, ein ältliches, pfiffig dreinschauendes Männlein, war bald fertig mit der Untersuchung des Patienten.
»Ihnen fehlt nichts,« sagte er ironisch. »Stehen Sie auf. Sie können nach Hause reiten, wenn Sie’s freut. Schmerzen werden Sie ja nicht haben.«
»Ich will nach Hause fahren,« sagte Hagen.
»Thun Sie das,« erwiderte der Doktor. »Weil wir aber ganz überflüssigerweise einen Kübel mit Eis mitgebracht haben, werde ich Ihnen einen Umschlag machen und Sie verbinden.«
Das geschah. Hagen stand sofort auf, wankte, nahm ziemlich gutwillig den Arm seiner Mutter und verließ das Zimmer, ohne ein Wort des Grußes an Bertram zu richten.
»Sind Sie besorgt?« fragte dieser den Arzt.
»Es wird hoffentlich alles gut, aber leiden muß er wie ein Hund.«
Bertram blickte der, auf Befehl des Doktors langsam fahrenden, Equipage nach und dachte: Ein Gezücht, dieser Hagen, und kann doch ein tüchtiger Mensch werden. Hundemäßige Schmerzen heldenmäßig ertragen, das ist etwas. Er blieb bis gegen Abend in Vogelhaus; aß wirklich Hutzeln mit Gries, kam vor, während und nach der Mahlzeit wirklich so oft in Gelegenheit, Trinkgelder bezahlen zu müssen, daß er endlich mit leerem Portemonnaie sein Rößlein bestieg und in einem Schritt, der sich immer mehr verschärfte, je näher »die Kuh« dem Stalle kam, heimritt nach Obositz.
XII.
Beim Souper auf der Veranda war’s schön und gemüthlich, trotz einiger kleiner Zwischenfälle, die das gute Einvernehmen vorübergehend störten.
Der Baron kam wehmüthig ergriffen voneinem Besuche bei seinem Sohne zurück, verrieth aber seine Gemüthsbewegung nicht. Er setzte sich mit Nachdruck nieder, steckte die Hände in die Hosentaschen und sprach mit rauher Stimme: »Recht ist ihm gescheh’n! ganz recht.«
Seine Gattin entsetzte sich: »O, wie grausam du bist!« und er erwiderte kurz:
»So ist es und nicht anders.« Er war stolz auf die Brutusgefühle, die er an den Tag gelegt hatte, und wenn er einmal in der Toga steckte, kam er nicht so bald wieder heraus.
»Der Meisenmann ist bei ihm geblieben,« fuhr er fort. »Guter Kerl der Meisenmann.«
»So?« fragte Bertram – »der Fanatiker?«
»Weich wie Watte. Willst du ihn weinen sehen?«
»Trage gar kein Verlangen danach.«
»Nun, ich meine nur. Wenn du vielleicht wolltest, dann sprich ihm nur von seinem alten Vater. – Ein sehr guter Mensch, der Meisenmann!« (diese letzten Worte richtete der Baron direkt an Gertrud).»Undwas seinen Fanatismusbetrifft – Naturerscheinung. Das kommt so über die Menschen, wie die Nonne über die Bäume und die Reblaus über die Weinstöcke. Der Weinstock ahnt auch nicht, daß die Reblaus ihn hat und aufspeist, er glaubt,erhat die Reblaus und soll sie verbreiten zum Wohl des Weinbergs. Und deshalb,« schloß Weißenberg mit scharfer Logik und warf einen nicht minder scharfen Blick auf seine Nichte, ist Meisenmann »ein grundguter Mensch, der auch eine gesicherte Zukunft hat und jede Frau glücklich machen würde. Und du,« wandte er sich an seine Tochter, die sofort vor Bestürzung in Atemnoth gerieth. »Was treibst du? ich muß mich wundern. Bin grad’ auf dem Gang deiner Dobka begegnet. Sie hat etwas Versiegeltes aufs Zimmer unseres Freundes getragen. Was war das? Sie wollte ich nicht fragen, um dich nicht vielleicht zu beschämen vor deinem Stubenmädchen; ich frage dich selbst. Hast du sie und was hast du geschickt?«
Sieglinde rang die Hände unterm Tisch, sie litt Qualen, und die treue Mutter litt mit ihr, und Gertrud sah die beiden theilnehmend und dannBertram an, und ihm schien, als spräche sich in ihrem Blick die Bitte aus: Kommen Sie ihnen zu Hülfe.
Da konnte er nicht widerstehen und sagte mit bittersüßem Lächeln: »Die Baronesse sammelt ohne Zweifel Autographen und hat mir ihr Album geschickt.«
»Ja – ich werde auch – aber« ... Sie kam nicht weiter, Thränen erstickten ihre Stimme. Sie stand auf und warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter, die ebenfalls aufgestanden und ihr entgegengegangen war. Leise und unverständlich flüsterten sie miteinander. Weißenberg führte seine große Theetasse an den Mund und setzte sie erst wieder ab, als die Baronin und Sieglinde auf ihre Plätze zurückgekehrt waren.
»Lieber Vogelweid,« nahm die Hausfrau das Wort, »meine Tochter wird Ihnen selbstverständlich ihr Album schicken, verzeihen Sie, daß es noch nicht geschah.«
»Verzeihen?«
Gertrud erhob den Kopf. Bertram hatte diese Frage mit so bösartiger Ironie gestellt, daß einembange werden konnte vor ihm. Die Baronin schwebte wieder ein paar Meter hoch über den Parketten und merkte nichts.
»Sie sollten vorher wissen, lieber Freund,« fuhr sie fort, »daß es eine kleine Kollegin ist, die um einige Zeilen von ihrer berühmten Hand bitten kommt. Sieglindchen dichtet.«
»Ob ich mir nicht so was gedacht hab’,« rief Weißenberg verdrießlich aus. »Sie spielt ja schon seit einiger Zeit alle Farben, wenn jemand sagt: ‘Poet’ oder: ‘lyrisches Gedicht’.«
»Bisher,« setzte die Baronin hinzu, »haben nur die Augen der Mutter auf den jungen Geistes- und Gemüthsblüthen des Kindes geruht.«
»So? die eigenen hat das Kind dabei zugemacht, es wird ihr im Schlaf gekommen sein,« brummte Hugo, sagte sich aber im stillen: sie spricht gut, meine Frau.
»Sieglindchen ist so bescheiden, so ängstlich. ‘O Mutter, wenn ich nur Talent habe’, klagt sie oft gar rührend. ‘Ich weiß nicht, ob ich weiter dichten soll’. Nach schweren Kämpfen hat sie sichentschlossen, Ihnen die Entscheidung zu überlassen. Lesen Sie, prüfen Sie ernst und gewissenhaft, rathen Sie, soll sie weiter dichten oder nicht?«
»Wenn sie nicht ein Riesentalent hat, nein!« erklärte Weißenberg. »Dichten ist heutzutage Männersache. Wund’re dich nicht, daß ich das weiß,« rief er Bertram triumphirend zu. »Kein Geringerer als du hat es mich gelehrt. Die Bücher, die du lobst in deinen ‘Überblicken’, darf eine anständige Frau nicht lesen.« Er nahm keine Notiz von dem lauten Widerspruch aller: »Nicht lesen! Die Litteratur ist in einer großartigen Reform – der Rückkehr zur Männlichkeit aus weibischer Versumpfung, begriffen – sagt Vogelweid. Und ich sag’: Bravo! Jetzt ist die Männerlitteratur dran. Will meine Tochter mitthun? will sie Bücher schreiben, die ihre Mutter nicht lesen darf?« fuhr er Sieglinde an.
Die und die Baronin blieben stumm vor Verwirrung über diesen heftigen Ausfall, nur Gertrud entgegnete:
»Aber, lieber Onkel!«
Bertram horchte hoch auf, verneigte sich gegensie und sprach: »O, wie recht haben Sie, mein verehrtes Fräulein!«
Da wurde sie gleich wieder verlegen: »Warum denn? ich habe ja nichts gesagt.«
»Doch! Sie haben gesagt: Aber, lieber Onkel! Ich wiederhole: Aber, lieber Hugo!«
»Kann nicht helfen,Mulier taceat in ecclesia! Daß nach diesem Worte gethan wird, das erhält die Kirche groß. Wären die Frauen auch in der Litteratur nicht zu Wort gekommen, wäre auch die Litteratur groß geblieben.«
»O lieber Freund, es ginge der Kirche schlecht, wenn sie auf die Frömmigkeit der Männer allein angewiesen wäre, und der Litteratur ging’s schlecht, wenn ihr die Frauen ihr Interesse entziehen würden.«
»Das sollen sie auch nicht. Nachbeten sollen sie, aber nicht vorbeten, nichtin ecclesia, nichtin litteris.«
»Einige Vorbeterinnen möchte ich doch nicht missen,« versetzte Bertram. Ihm schwoll die Galle, weil er nun doch in ein litterarisches Gesprächhineingerathen war, und als der Freund schlagfertig entgegnete:
»Ausnahmen betätigen die Regel,« sprach er gereizt:
»Stehende Redensart. Unsere Rede soll nicht stehen, sie soll wenigstens fließen, wenn sie nicht sprudeln kann.« Er zwirbelte an seinem Schnurrbart: »Sie schreiben also, Baronesse?«
»Ich schreibe nicht, ich dichte,« verbesserte sie weinerlich.
»Sie dichten und wollen gedruckt werden. ‘Hat er es einmal aufgeschrieben, will er, die ganze Welt soll’s lieben,’ sagt Goethe. Das ist ein Unglück, wissen Sie; eine unselige, weitverbreitete Krankheit. Die Vielschreiberei ist epidemisch geworden. Das Skelett im Hause ist heutzutage – das Manuskript. Es fehlt nirgends, nicht in den Schreibtischen der Erlauchten, nicht in der Lade des Krämers, nicht im Pult des Studenten und des Schulmädchens, nicht im Arbeitskorb der Näherin. Alles schreibt, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind!«
»Das wußten wir in unserer unschuldigen Abgeschiedenheitfreilich nicht. Sie setzen mich in schmerzliches Erstaunen, Vogelweid,« sagte die Baronin offenbar verletzt. Sieglinde glühte wie eine Feuerlilie, und Gertrud, fast so roth wie sie, senkte den Kopf und beschäftigte sich eifrig mit einer Häkelarbeit, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.
Bertram stieß einen schweren Seufzer aus: »Naturerscheinung, alles Naturerscheinung. Du hast recht, Hugo. Das schreibt und schreibt und will berühmt werden. Es ist die Zeit, in der jedes Individuum sich selbst vergöttert, nach Vergötterung lechzt. Es ist aber auch die Zeit, in der der Socialismus in breiten Kolonnen anrückt, sein ungeheures Prokrustesbett hinstellt und den Genius und den Trottel, den rastlosen Arbeiter und den Faulenzer, den Asketen und den Lüstling, nebeneinander einpfercht als Genossen und als gleichwerthige Knechte der unumschränkten, unfehlbaren Tyrannin – der Gesellschaft. Dann wieder eine andere Strömung: Keine Gesellschaft! kein Staat! keine Gesetze. Jeder sein eigener Lykurg. Egoismus das einzige Menschenrecht, Nächstenliebe fluchwürdigeSchwäche. Und wie viele andere Strömungen noch! Und jede in den Augen ihrer Vertreter der alleinig zur Überschwemmung der Welt berufene, die Zukunft befruchtende Nil! Mit täglich wachsender Furie platzen sie aufeinander – bäumen sich zu Gischtsäulen empor ... Wartet nur, wartet, bis die rasenden Naturgewalten verheerend losbrechen. Die Stunde kommt. Wie es jetzt in der Welt aussieht, so hat es immer ausgesehen vor dem Untergange einer Civilisation!«
Während er diese Rede hielt, starrte er unverwandt vor sich hin in den Garten. Weil aber Sieglinde ihm gegenüber saß, schien sein Blick auf ihr zu ruhen. Der Ärmsten war, als ob sie mit glühenden Nägeln an die Pfeiler der Veranda genagelt würde.
Weißenberg hatte dem Freunde fortwährend seine Zustimmung zu erkennen gegeben, jetzt sagte er, wie einer, der seiner Sache zwar nicht sicher ist, den Kampf aber um keinen Preis aufgeben will, zu seiner Tochter:
»Siehst du, siehst du, das alles kommt von der Dichterei.«
»Oder die Dichterei von alledem, und sie ist krank und faul, wie wir selbst,« versetzte Bertram.
Gertrud erhob den Kopf und lachte: »Sie scheinen zur Übertreibung geneigt, Herr Vogel.«
Sie hatte ihn angesprochen. Endlich! Er verneigte sich so freudig, als ob sie ihm die größte Schmeichelei gesagt hätte: »Ja, ganz gewiß! Ich übertreibe, ich bin übertrieben, im Treibhaus wird man übertrieben.«
Er wurde auf einmal ungeheuer vergnügt, faßte himmelhohe Hoffnungen und entwarf traumhaft schöne Zukunftspläne. Sein hitziger Ausfall von vorhin erschien ihm jetzt wie ein Bombenattentat auf die armen Damen. Er wollte ihn vergessen machen, wollte unterhalten, liebenswürdig sein, gefallen mit einem Wort. Es gelang ihm, er hatte davon eine bestimmte Empfindung und wurde immer heiterer und sprühte Geistesfunken, denen eine so zündende Kraft innewohnte, daß selbst Sieglinde, die seit dem heißen Guß, der über sie ergangen war, mehr einer gebadeten Maus als einer begeisterten Dichterin und stolzen Baronesse gleich gesehen hatte, sich zu einigen Witzchenund Späßchen aufraffte, die belacht wurden. Ihre Eltern waren selig. Einen solchen Abend hatte man in Obositz nie erlebt.
Beim Gutenachtwünschen war Bertram noch voll Begeisterung. Er drückte beide Hände Weißenbergs, nannte ihn zum hundertsten Male seinen Wohlthäter und dankte ihm mit überströmendem Gefühl, er küßte die Hand der Baronin und die Sieglindens und hätte gar zu gern auch die Gertruds geküßt; er ging auf sie zu. Aber sie errieth seine Absicht und wich ihm aus, und so küßte er denn noch einmal die Hand der Baronin.
»Sie sind groß, Vogelweid,« sprach die edle Frau. »Nein, nein, depreziren Sie nicht, Siesindgroß ... Morgen um neun Uhr unter den Platanen. Dort erwarte ich Sie, Vogelweid,« setzte sie rasch und mit leisem Flehen hinzu.
XIII.
Wenn das nicht ein Stelldichein war, dann hatte Bertram sein Lebtag keines gehabt. Was sie nur von ihm wollte, diese Frau? Wie sie ihm dieNerven angriff mit ihrem ewigen Gewisper: »Ich muß Sie sprechen, bleiben Sie bei mir.« In welch ein Wespennest war er gerathen! Blind hätte er sein müssen, um nicht zu sehen, daß die beiden jungen Damen, als er gegen die Vielschreiberei wetterte, Butter auf dem Kopfe gehabt hatten. So trug denn auch sie, der sein Herz zujauchzte, im Geheimen blaue Strümpfe .... Auch sie, wie merkwürdig! An ihr kam die »Naturerscheinung« ihm nicht so widrig vor wie an anderen, er – konnte sich Gertrud mit der Feder in der Hand denken, ohne daß der alte Raubvogel sich in ihm regte. O wie liebte er sie schon! Liebte sie bis zum Verleugnen seines tiefst eingewurzelten Vorurtheils!
In seinem Zimmer angelangt, setzte er sich an den Tisch. Zur Arbeit, zur verpönten! Er riß die schneeweiße Umhüllung von dem Buche, das Sieglinde ihm geschickt hatte. Ein prachtvoller Einband kam zum Vorschein, vergoldete Beschläge, Monogramm, Freiherrnkrone.
Auf der ersten Seite begrüßte den Leser das in moderner Steilschrift hingemalte Motto. Womochte Sieglinde die Verse aufgestöbert haben? Sie kamen Bertram nicht ganz unbekannt vor:
Wenn einst durch ein centralisch FeuerDieser große Planet zerspringt,Sitzt noch der Dichter mit der LeierAuf dem letzten Stein und singt.
Wenn einst durch ein centralisch FeuerDieser große Planet zerspringt,Sitzt noch der Dichter mit der LeierAuf dem letzten Stein und singt.
Mit ihm um die Wette sang die Dichterin von Obositz und besang ihren Gesang und schrieb gewissenhaft unter jedes ihrer Lieder, wann und wo es gesungen worden war. »Am Neujahrstage, in der Kaffeeküche,« »Am 10. März, im Gemüsegarten,« »Am 9. April, um sechs Uhr früh, im Bette;« und an allen diesen Orten hatte Sieglinde zur Harfe gesungen. Aber Bertram wollte während seines Erdenwallens von Harfen nichts mehr hören; er blätterte weiter in dem schönen Buche und stieß auf eine Leier (o je – eine alte Bekannte!), die gestimmt wurde. Auf Seite 7 zu einer hohen, himmlischen, auf Seite 8 zu einer ordinären, häuslichen Feier. Da hatte er genug. Ernstlich prüfen – diese Lyrik? Anker werfen in einem Lavoir! Warum nicht gar!
Er riß Hagens dickes und schmutziges Manuskriptan sich. Die Schrift fuselig und liederlich; Form und Inhalt genau so, wie Bertram sie erwartet hatte. Mit Widerwillen las er eine Weile und fluchte dabei halblaut: »Hysterischer Schweinigl!«
Auf einmal fuhr er zusammen. An der Thür hatte es geklopft. Wer ist’s? Ein Todesschrecken lief ihm durch die Glieder. Wär’s denkbar? – Er hielt den Athem an, er hatte Lust, die Lampe auszulöschen. Es klopfte wieder, laut und kräftig.
»Ich schlafe schon,« schrie er außer sich.
»Spaßvogel,« antwortete eine wohlbekannte, o Wonne, o Glück! eine männliche Stimme. Er sprang auf, er öffnete die Thür vor dem Freunde.
»Warum sperrst du dich denn ein wie eine Komteß?« fragte der. »Hast du denn kein Vertrauen zu unserm Burgfrieden?« Er hatte eine geheimnißvoll sieghafte Miene und trug ein großes, viereckiges Paket unter dem Arme. Damit schlug er auf den Tisch, daß es einen Knall gab, wie von einer schnalzenden Kinderklatsche.
»Um Gottes willen,« sprach Bertram, »das ist Papier!«
»Ja,« sagte Hugo und setzte sich. »Ich bin nicht zu Ende mit den Überraschungen, die größte stand dir noch ins Haus, da ist sie. Noch einmal wurde das Paket mit beiden Händen ergriffen und damit auf den Tisch geschlagen, daß es noch lauter knallte:
»Ich habe ein Lustspiel geschrieben.«
»Du?«
»Ich und kein anderer! Dir zu Lieb’ und Ehr’. Du schreist ja beständig nach einem Männerstück, einem Lustspiel nur für uns Männer. Da ist eins. Da hast du’s. Zum Kuckuck, das wird dir stark genug sein.«
Bertram brachte kein Wort hervor. Er saß da mit weit aufgerissenen Augen und betrachtete den Freund, wie er den alten, bis zur Decke reichenden Schrank dort an der Wand, mit seinen armdicken, gewundenen Säulen betrachtet haben würde, wenn der sich plötzlich auf die Kanten seiner plumpen Füße gestellt und angefangen hätte, zu tanzen und zu pirouettiren.
»Du staunst,« rief Weißenberg. »Das hättest du mir nicht zugetraut. Nun – ich mir selbstnicht. Jetzt schau nur, daß sie mir’s auch aufführen am Burgtheater ... Um den Erfolg ist mir nicht bange. Ich weiß nur nicht« – er fuhr mit der Hand etwas rathlos über seine Glatze, »ob ich mich entschließen werde, herauszukommen, wenn sie mich rufen.«
»Wir haben jedenfalls noch Zeit, darüber nachzudenken.«
»Die haben wir. Jetzt heißt’s vor allem andern: Schweigen, Schweigen wie das Grab. Du schwörst? – Gut. Begreifst ja, meine Frau, meine Kinder dürfen keine Ahnung haben, daß ich etwas so Starkes ...« Er unterbrach sich und streichelte liebevoll sein Manuskript.
»‘Don Juan am Lande’ heißt’s.«
»AmLande. So?«
»König Lear, Hamlet, Romeo und Julia auf dem Dorfe haben wir. Jetzt kommt ein Don Juan dazu. Das ist ein Kerl!« Weißenberg schmunzelte schon beim Vorlesen des Personenverzeichnisses und schüttelte sich vor Lachen, als sein Held im ersten Auftritt drei betrogene Ehemänner durchprügelte.
Bertram bemühte sich, wenigstens die Caricatureines Lächelns hervorzubringen und sagte: »Was du für lustige Einfälle hast – es ist zum Weinen.« Und als der erste Aufzug schloß, ermannte er sich zu dem tiefsinnigen Ausspruch: »Das war also der erste Akt.«
Weißenberg hatte eine kleine Anwandlung von Verlegenheit: »Gieb acht, jetzt kommt der zweite.«
Vogel bog sich zurück im Fauteuil, hielt die Lehne fest und hob die Augen zur Decke, wie jemand, der entschlossen ist, eine Zahnoperation tapfer auszuhalten. Der »zweite« ging vorüber, und der Zuhörer wußte wieder nichts anderes zu sagen als:
»Das war also der zweite Akt.«
Hugo war etwas zaghaft geworden: »Nun, wie findest du’s?«
Der Kritiker kämpfte einen schweren Kampf. Sein feines, blasses Gesicht hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Das nervöse Zucken, das seit der Abreise von Wien verschwunden war, stellte sich wieder ein.
»Wie findest du’s?« fragte Weißenberg abermals und Bertram ergriff beide Hände des Freundes, drückte sie unendlich liebevoll und sprach aus der Fülle der Überzeugung:
»Niederträchtig!«
Die großen Hände, die er mit den seinen vergeblich zu umklammern suchte, entzogen sich ihm. Das war alles. Von den Lippen des Freundes kam kein Laut. Nach einer Weile erst wagte Bertram ihn anzusehen und wandte die Augen sogleich wieder ab, der Anblick that ihm zu weh. Sein Recensentenamt mußte aber dennoch gewissenhaft ausgeübt werden.
»Dein Stück ist roh und unsittlich,« sprach er, »das Gegentheil von allem, was du selbst bist. Einen besseren Beweis dafür, daß du gar kein Talent hast, giebt es nicht. Unser Talent ist der Ausfluß unseres ureigensten Wesens, ist sein tiefster und höchster Ausdruck.«
»Talent? Lieber Gott,« murmelte Hugo eingeschüchtert. »Ich mache ja gar keinen Anspruch auf so was.«
»O, wenn du mir weniger lieb wärst, wenn ich dich weniger schätzte und verehrte, ich würde mich nicht verpflichtet fühlen, dir die Wahrheit zu sagen und damit dir und mir weh zu thun!«
Das war keine Phrase. Mit Schmerz sahder Delinquent, daß sein Richter mehr litt als er: »Weh thun, was dir einfällt!«
»Flunkere nicht. Es thut immer weh, wenn einem eine Hoffnung zerstört wird.«
»Lächerlich – einem Ökonomen. Dem werden ganz andere Hoffnungen zerstört, und er muß sich’s gefallen lassen.«
Bertram rückte ganz nahe zu ihm heran und sprach im Tone einer Mutter, die ihr Kind ermahnt, es zugleich aber zu trösten sucht über die Ermahnung: »Das Stück ist nicht einmal ganz von dir. Du hast – Ehrlichster der Ehrlichen – du hast gestohlen – was für ein gottverfluchtes Ding ist doch die Litteratur, wozu verleitet sie! Du hast für dein Lustspiel (es paßt hinein wie ein junger Tiger in eine Bocksfamilie), eine ganze Scene aus der Macht der Finsterniß von Tolstoi gestohlen.«
Hugos mächtige Adlernase erglühte viel tiefer, als die Wangen seiner Tochter je erglühen konnten: »Merkt man das?« fragte er beschämt.
»Leider, oder sagen wir – zum Glücke! Ich freue mich, daß sich diese Sachen nicht in dir gestaltet haben; das ist kein Vergnügen, so gräßlicheszu ...« Er hielt inne und blickte dem Freunde tief in die Augen: »Du nimmst mir meine Aufrichtigkeit gewiß nicht übel?«
»Im Gegentheil, ich bin dir dankbar,« erwiderte Weißenberg ohne eine Spur von Groll, aber recht bekümmert. Er stand auf und packte mit der mechanischen Sorgfalt eines ordnungsliebenden Mannes sein Manuskript wieder in den Umschlagbogen. – Dem ist jetzt, als ob er einen lieben Todten ins Bahrtuch hüllen würde, dachte Bertram und wurde schwach:
»Laß es da,« sagte er, »vielleicht macht sich’s gegen das Ende besser.«
»Nein, da gerad’ nicht. Das Ende geht mir nicht recht zusammen. Ich habe mich aufs Vorlesen verlassen und gemeint, dabei fällt mir noch allerlei ein. Statt dessen ist mir aber allerlei herausgefallen. Merkwürdige Sache das, mit dem Vorlesen. Die eigne Stimme schon übt Kritik. Na,« seufzte er voll Resignation, »ich hab’ mich halt blamiert. Versprich mir noch einmal: kein Wort davon gegen irgendwen. Es ist eine Dummheit, aber ich bitte dich – versprich mir’s.«
»Wie kannst du glauben?« rief Bertram mit zärtlichem Vorwurf.
»Versprich’s doch –«
»Ich versprech’s.«
»Du wirst nicht einmal dran denken, es vergessen.«
»O wie gern!«
»Dank’ dir. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Er ging, und Bertram wischte sich die Stirn, auf der die hellen Schweißtropfen perlten. Das war ein Stück Arbeit, das er da vollbracht, indem er dem Freund, dem Wohlthäter erbarmungslos seine Meinung gesagt hatte.
An der Thür hielt Weißenberg an, kehrte um und blieb zwei Schritte vor Bertram stehen: »Noch einmal ehrlich,« sprach er, »Mann gegen Mann, bin ich in deinen Augen gesunken?«
»Gesunken? Du? Nie höher gestanden, Mensch ohne Eitelkeit, guter, lieber Alter!«
XIV.
Als Bertram am nächsten Morgen erwachte, schlug die Schloßuhr acht, und Simon trat zum zweitenmal ins Zimmer. Er war schon vor einer halben Stunde dagewesen und hatte den Herrn Doktor noch fest und süß schlafend gefunden. Hatte der Herr Doktor das »Schpektakel« gehört in der Nacht? das Horn des Feuerwächters, das Gerassel der Spritzen und Wasserwagen, das Geschrei der Leute? Mit der Überlegenheit eines Menschen, der etwas erlebt hat, während der andere ruhig im Bette lag, erzählte Simon, daß ein großes Feuer gewesen war. Der entlassene Ochsenknecht, der schlechte Kerl, hatte es gelegt. Ein Meierhof war abgebrannt, die Mutter des Schaffers und sein kleinstes Kind wären bei einem Haar mit verbrannt. Aber der Herr Baron hat sie mit eigener Lebensgefahr gerettet.
Bertram war aufgesprungen, hatte hastig einige Kleidungsstücke angethan und wollte auf und davon – zum Freunde, zum Feuer.
»Der Herr Baron sind aber wieder da undschlafen jetzt, und Feuer ist keins mehr,« sagte Simon innerlichst zufrieden mit dem Effekt, den er hervorgebracht hatte. Er redete Bertram zu, Toilette zu machen und zu frühstücken, und Bertram übergoß sich mit kaltem Wasser und rief:
»Mein Freund im Feuer, mein Freund in den Flammen, und ich lieg’ da und schnarche. O Simon, Simon! warum haben Sie mich nicht geweckt!«
Wecken? Jekerle, wo hätte Simon die Zeit dazu hergenommen? Er war ein paarmal in der Nacht zur Brandstätte gelaufen, der Frau Baronin Nachricht zu bringen, die bei ihrem Sohne wachte und in großer Angst gewesen ist um Hagen, weil er fieberte, und um den Herrn Baron, weil sie schon weiß, wie der ist, wenn’s brennt.
»Tummeln sich, bitte,« schloß er, »die gnädige Frau Baronin haben grad wieder nach Herrn Doktor gefragt und warten auf ihn im Garten.«
Das Stelldichein gab sie also nicht auf, die Unselige! Ein Verbrechen war begangen, es war Feuer gelegt worden. Ihr Sohn hatte Fieber gehabt, ihr Mann in Lebensgefahr geschwebt, ihres Stelldicheins vergaß sie über alledem nicht!
O Weiber! Weiber! – Mächtig ergriff ihn Schopenhauersche Indignation gegen das treubrüchige, breithüftige, leichthirnige Geschlecht.
Sie wünschen ein Rendezvous, Madame? Sie sollen es haben!
Mit schroff ablehnender Miene erschien er eine Viertelstunde später unter den Platanen. Baronin Weißenberg erwartete ihn. Sie trug ein Morgenkleid aus Battist mit Spitzen und Stickereien und hellgrauen Schleifen. Auf ihren etwas altmodisch, aber hübsch frisirten Haaren saß ein allerliebstes Häubchen. Ihre Gesichtsfarbe war wie gewöhnlich frisch und rosig, aber ihre Augen hatten etwas Verschleiertes, sie schien geweint zu haben.
Bertram begrüßte sie und fing sogleich an vom Feuer zu reden, in so barschem Tone, als ob sie es gelegt hätte. Die arme Frau war ganz eingeschüchtert, und ihr Mund verzog sich krampfhaft.
»Hugo hat keinen Schaden genommen, dem Himmel sei Dank. Er exponirt sich bei solchen Gelegenheiten immer entsetzlich. Alles Lebendige ist gerettet, und das Gebäude war versichert,« sagte sie und blickte hülflos und wie suchend umher.»Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.«
»Da haben Sie wohl recht, assekurirt muß man sein, und ich leichtsinniger Thor habe noch nicht gefragt, ob diese so nothwendige Maßregel in Vogelhaus getroffen wurde,« rief Bertram. »Entschuldigen Sie, wenn ich keinen Augenblick länger zögere, mir Gewißheit darüber zu verschaffen.« Er stand auf.
»O Vogelweid, wie grausam Sie sind! Ja, ja, das ist Grausamkeit!« wiederholte die Baronin und lehnte sich völlig gebrochen an die Gartenbank: »Sie müssen doch ahnen – ein Mann wie Sie!... Und statt mir mein schweres Geständniß zu erleichtern – ein Geständniß, das zu thun so beschämend« ...
»Wie wär’s, wenn Sie sich’s ersparten?« fragte Bertram kalt und spöttisch.
»Gutwär’s, wenn ich’s könnte, aber ich kann nicht. Ich bin zu Ende mit meiner moralischen Kraft ... In drei Nächten kein Auge geschlossen. Heute die dritte Nacht, die schrecklichste von allen. Mein Sohn im Fieber, mein Mann im Feuer, ichin Höllenqualen ... O Vogelweid, ich rufe Ihre Hülfe an. Schwören Sie mir, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden.«
»Wozu schwören, was sich von selbst versteht?« erwiderte er; aber sie gab nicht nach.
»Ihre Hand darauf!« und sie reichte ihm ihre Rechte hin, ihre schöngeformte weiße Rechte, die er drückte und bewundern mußte, obwohl ihm graute und er sich vorkam wie ein Zolascher Held.
»Zuerst, was mich zum Theil wenigstens, entschuldigt,« sagte Bertha hastig und beklommen. »Ich habe Phantasie –«
»Seit wann?«
»Ich werde sie wohl immer gehabt haben, ich bemerkte es nur nicht. Ich bin jetzt so allein. Hagen ist auf dem Gymnasium, Lindchen lernt oder dichtet, die Poesie ist eine einsame Kunst. Meinen Mann sehe ich oft wochenlang nur bei den Mahlzeiten. Das giebt dem besten ehelichen Verhältniß einen gewissen Anstrich, ich möchte ihn einen prosaischen Anstrich nennen. Ich habe doch auch poetische Bedürfnisse.«
»Seit wann?«
»Seitdem ich mehr lese –«
»Da haben wir wieder die verfluchte Litteratur!« murmelte Bertram.
»Und wenn man viel liest und wenn man viel allein ist und wenn man Phantasie hat, träumt man und bildet sich allmählich ein Ideal, ein Urbild alles Schönen, alles Vollkommenen. – Man giebt diesem Urbild einen Namen und versetzt ihn in bestimmte Verhältnisse – und sich an seine Seite – und – was dann vorgeht, malt man sich aus –«
»Aha!« Die Brauen Bertrams zogen sich dräuend zusammen, und er kreuzte die Arme über der Brust.
Die Baronin zitterte: »O wie unerbittlich Sie aussehen, Vogelweid. Mitleid! Mitleid! Ich habe es zu Papier gebracht. Erbarmen Sie sich, ich habe einen Roman geschrieben.«
»Einen Roman haben Sie geschrieben?« Er athmete, er jubelte auf. Ihm war zu Muthe wie dem treuen Heinrich, als die Eisenringe, die ihn umpanzert hatten, sprangen. »Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen,« bat er und that esstürmisch: »Sie Wunderbare! Nie hätte ich’s für möglich gehalten, daß ich in Entzücken gerathen könnte, weil eine Dame einen Roman geschrieben hat!«
Bertha lächelte wehmüthig und blieb beklommen. »Entweder überschätzen Sie meine Leistung, oder andere unterschätzen sie. (Als sie das sagte, dachte sie selbst: Ich spreche gut.) Mein Manuskript erfuhr manche Zurückweisung. Es gelangte zuerst an die Redaktion der ‘Neuen Freien Presse.’«
»Es gelangte – das heißt, daß Sie es hingeschickt haben.«
»Nun ja, mit einem sehr, sehr höflichen, ich darf sagen, einem demüthigen Brief.«
»Wehe!« sprach Bertram.
»Nach einiger Zeit kam meine Sendung zurück. Die Herren schrieben, daß sie für drei Jahre mit Romanen versorgt seien. Nun wandte ich mich an die ‘Alte Presse’, an die Tageblätter – dieselbe Antwort. Alle diese Zeitschriften haben Romanvorrath für drei Jahre. Ach! es wird doch viel geschrieben!«
»Das wäre nicht so schlimm,« versetzte Vogel,»schlimmer ist, daß das Geschriebene ein Gedrucktes werden will ... O, Frau Baronin, sehen Sie, ich an Ihrer Stelle würde eine leuchtende Ausnahme machen; ich ließe nichts drucken – just nicht.«
»Wenn es noch in meiner Macht stände, Freund! Aber ich bin schändlich hintergangen worden. Just Carolus ...«
Bertram schrie auf: »Just Carolus? Wie kommen Sie zu dem?«
»Er annoncirte vor einem halben Jahre die Gründung einer neuen Zeitschrift, lud zur Einsendung von Beiträgen und ...«
»Und besonders zum Abonnement ein.«
»Ganz recht. Ich schrieb, ich sandte meinen Roman und erhielt einen Brief. Vogelweid, ich bin eine glückliche Frau, aber der Tag, an dem dieser Brief kam, war doch einer der schönsten meines schönen Lebens, ein Ausbruch der Bewunderung der ganze Brief. Carolus stellte mich in eine Reihe mit Heyse, Keller und Meyer. Ihr Manuskript, schrieb er, ist von der Lesekomission einstimmig angenommen worden.«
»Aus dem einfachsten aller Gründe – sie hatte nur eine Stimme.«
»Er wollte seinen ersten Jahrgang mit mir eröffnen. Mein Herz quoll über, ich antwortete in Ausdrücken, ich bekenne Ihnen alles, Vogelweid, es werden wohl überschwängliche Ausdrücke gewesen sein. Nach so bitteren Enttäuschungen ein solcher Erfolg. Carolus steht im Kürschner an der Spitze einer langen Reihe von Werken. Ich verehrte ihn, ich pries ihn, er ragte als Halbgott in meinem Herzen.«
»Ja, das ist so! Es schmeichle einer nur unserer Autoreneitelkeit, und wir sind zu jeder Selbsterniedrigung bereit. Baronin, daß Sie in diese Falle gingen!«
»Richten Sie nicht, Vogelweid, helfen Sie. Ich bin in einer furchtbaren Klemme. Er bat um meine Photographie, ich schickte sie ihm mit einer Widmung .... und dann, denken Sie, nannte er mich: Erhabene Schloßfrau, angebetete Herrin.«
»Sie haben ihm gewiß auf dem schönen Briefpapier geschrieben, mit der in Gold geprägten Aufschrift:Schloß Obositz, und der wehenden Fahne mit dem Doppelwappen.«
»Mein Gott, ja. Und nun hält er mich für eine Millionärin, spricht von den Kosten, die das Gründen einer Zeitschrift verursacht, und ich soll eine Aktie zu zehntausend Gulden nehmen. Und ich habe nur ein ganz kleines Vermögen, das Hugo verwaltet. Ich konnte das Geld nicht geben, ich mußte es gestehen. Seitdem hat Carolus den Ton geändert, er schmeichelt nicht mehr, er droht ... Womit am Ärgsten? Mit der Veröffentlichung meines Romans! Damit, behauptet er, macht er mich lächerlich vor der ganzen Welt. Er droht auch, meinem Manne meine Photographie mit jener Widmung und meine Briefe – Liebesbriefe nennt er sie – zu schicken. Das sind sie nicht, aber – o, ich bin sehr schuldig! – ich sprach von ungestillter Sehnsucht nach regerem Geistesleben, – von Seeleneinsamkeit. Ich weiß nicht, wessen Hugo fähig wäre, wenn er erführe, daß ich mich an seiner geliebten Seite seeleneinsam gefühlt habe ... Mir schaudert, und ich zittere um den Frieden meiner Ehe ... Ach, Vogelweid! und soeben brachte manmir ein Telegramm auf Hagens Zimmer. Ich habe es noch nicht eröffnet. Eine furchtbare Ahnung sagt mir: es ist von Carolus und enthält mein Schicksal. Himmel, warum mußte ich an einen so elenden Menschen gerathen!«
»Das eben ist Ihr Glück im Unglück, beruhigen Sie sich, Baronin. Ich rette Sie, ich habe den Mann in der Hand. Einige meiner Kollegen und ich sind vor Jahren durch ihn arg geschädigt worden, und wir haben uns vor seinen Schlichen sicher gestellt. In einem gewissen eisernen Schrank bei einem gewissen Advokaten sind Beweise gegen ihn deponirt, die ihn jeden Augenblick ins Kriminal bringen können. Daran will ich ihn erinnern und die Herausgabe Ihres Eigenthums verlangen.« Er seufzte tief und schwer: »Ich will ihm schreiben.«
»O Vogelweid, wie dank’ ich Ihnen! Aber lesen Sie zuerst das Telegramm.«
Bertram öffnete das gefaltete Blatt, warf einen Blick hinein und sprang auf: »Nein,« rief er, »nicht schreiben, handeln! Da ist keine Zeit zu verlieren, er will mit dem Zwölfuhrzug kommen,ich geh, ichreite,« steigerte er sich, »ihm entgegen, fang’ ihn auf auf der Station.«
»Kommen? Hierher?« Die große, starke Frau stammelte, erbleichte, ihre Augen wurden starr, sie rang mit einer Ohnmacht. Bertram ermahnte mit Energie:
»Muth, Baronin. Nehmen Sie sich zusammen. Sie dürfen jetzt nicht ohnmächtig werden. Erstens ist es nicht mehr modern, und zweitens müssen auch Sie jetzt handeln.« Er erhob die Arme, seine Hände ballten, seine Brust erweiterte sich: »Knapp’, sattle mir mein Dänenroß. Geben Sie Befehl, Frau Baronin, daß die Kuh vorgeführt werde. Ich will Ihr Ritter sein, ich fühle das ganze Mittelalter in meiner Faust.«
XV.
Bertram lief ins Schloß, um seine Morgenschuhe mit Reitstiefeln zu vertauschen, bei einem Haar hätte er Sporen angeschnallt. In den Sattelstieger nicht, sondernschwanger sich und ergriff die Zügel mit solcher Entschlossenheit, daß dieKuh die Ohren spitzte. Aber das imponierte ihm mit nichten. Spitze du, dachte er, ich sitz’ das aus. Hier bin ich Mann und nicht Schreiber. Munter und kühn trabte er vorwärts und traf eine Viertelstunde vor dem Zuge auf der Station ein. Die Kuh war dort eine bekannte Persönlichkeit. Sie wurde bei besonderen Anlässen, dem Aufgeben und in Empfang nehmen von Geldbriefen und dergleichen vom Postboten herübergeritten, und während der seine Gänge besorgte, in den Schuppen eingestellt.
Das geschah auch heute auf die freundliche Einladung des Herrn Expeditors, sie erhielt Gastfreundschaft für den Nachmittag, und Bertram ließ ihr zur Unterhaltung ein Bündel Heu vorsetzen. Dann trat er an den Schalter mit großartiger Ruhe – er war freilich der einzige Passagier – und löste zwei Billete erster Klasse, eines zur nächsten Station, eines nach Trzebinia, begab sich auf den Perron und erwartete den Zug. Ein paar Träger schlotterten daher, vorahnend, daß es keine Beschäftigung für sie geben werde. Ein kleines Mädchen barfüßig und zerlumpt, mit verwilderten,staubigen Haaren, brachte auf einem angebrochenen Teller schöne, schwarze Kirschen herbei. Jeder der Träger machte sich das Vergnügen ihr einige davon zu entreißen, und Bertram, der Landessprache unkundig, mußte zu dieser Brutalität schweigen. Aber auch schweigend vollbringt der Hochgemuthe eine rettende That. Er ging auf die Kleine zu, steckte ihr einen Gulden in die Hand, eine Kirsche zwischen die Zähne und wies mehrmals nacheinander von dem Inhalt des Tellers auf ihren Mund, und von dem Fleck, auf dem sie stand, nach dem Ausgang. Sie lachte, sie begriff, stopfte gleich ein halbes Dutzend der saftigen Früchte in den Mund und rannte davon.
Das Glockenzeichen wurde gegeben, majestätisch fuhr der Zug ein. Aus dem Fenster eines Coupés dritter Klasse neigte sich ein schwarzes Lockenhaupt, das ein riesiger Rembrandthut malerisch beschattete.
»Hierher, Schaffner! hierher!« rief eine dünne Stimme, und im nächsten Augenblick erglänzten auf den Stufen des Waggons ein Paar Lackstiefeletten, zwei kurze Beinchen hüpften zur Erde, blieben aber plötzlich steif und regungslos stehen:
»Willkommen, Just Carolus!« sprach Bertram und lüftete den Hut. Der Rembrandt wurde einen halben Meter hoch über das Lockenhaupt gehoben.
»Sie, Herr Vogel, welche Überraschung.«
»Wir haben nur eine Minute Aufenthalt! steigen Sie wieder ein und wundern Sie sich später. Die Frau Baronin schickt mich Ihnen entgegen. Infolge eines Mißverständnisses wurde der Wagen aus Obositz nicht hierher, sondern zur nächsten Station dirigiert. Steigen Sie ein. In dieses, das nächste Coupée!«
»Erste Klasse, so? ach ja, das ist ja sehr aufmerksam von der Frau Baronin.«
»Sie haben Gepäck bei sich?«
»Diese Tasche.«
»Es ist doch alles drin, was Sie der Frau Baronin mitbringen wollten, ihre Briefe, ihre Photographie?«
»Woher wissen Sie ...«
»Fragen Sie nicht, steigen Sie ein!« befahl Bertram so kühl und gebieterisch, als ob er auf der Nordbahn zu Hause wäre und zu ihren Machthabern gehörte.
In dem Coupé, in das er Carolus vorantreten hieß, hatte eine ältliche, sehr dicke Dame mit türkischem Gesichtstypus sich häuslich eingerichtet. Ihre Füße ruhten auf dem Sitze ihr gegenüber, der außerdem von einem wundervollen, grauen Affenpintscher eingenommen wurde. Neben ihr stand eine geöffnete Reisetoilette mit kostbarer Einrichtung, die verschiedensten Effekten, seidene Decken, Kissen, ein Vermeillebesteck, eine goldene Cigarettentasche, lagen auf den Wagenpolstern umher. Die Luft war etwas dumpf und mit Peau d’Espagne-Düften und denen des feinsten ägyptischen Rauchtabaks erfüllt.
Die Fremde warf den beiden Herren, die sich bescheiden in die Ecken neben dem Eingang gesetzt hatten, einen feindseligen Blick zu, der aber milder wurde, nachdem er Justs Lockenkopf gestreift, auf den er auch öfters und immer freundlicher wiederkehrte, bis er endlich wie gebannt auf ihm ruhen blieb.
Sollte das der berühmte französischecoup de foudresein? fragte sich Bertram.
Carolus aber war zu verwirrt, um den guten Eindruck, den er hervorbrachte, zu bemerken. Ihmwurde bang und bänger in Vogels Nähe. Er war ihm draußen schon furchtbar gewesen, als er mit natürlicher Stimme zu ihm gesprochen hatte, jetzt fand er ihn doppelt furchtbar, als er sich zu ihm neigte und ihm leise zuflüsterte:
»Sie werden mir die Photographie und die Briefe, die Sie bei sich haben, sofort ausliefern, und dann werden Sie eine Vergnügungsfahrt unternehmen nach Trzebinia.«
»Warum nach Trzebinia?«
»Diese Gegend ist ohne Reize,« sprach die Dame, und statt Justs, an den sie sich gewendet hatte, erwiderte Bertram kurz abbrechend:
»Gänzlich.« Er setzte seinen Fuß mit Wucht auf das Füßchen des zierlichen Männleins, neigte sich vor und begann wieder im früheren Tone.
»Sie übergeben mir die Sachen, die ich verlange, auf der Stelle und schicken mir das Manuskript der Frau Baronin morgen nach Obositz oder« ...
»Oder was? Keine Drohung ... Ich bitte mir aus« – Carolus hauchte es nur; er hatte sich zurückgelehnt, seine Zähne klapperten. Die Mitreisende betrachtete ihn voll Erbarmen. Sie fandihn gar zu herzig in seinem sammtenen hellbraunen Künstlerflaus, in seinen taubengrauen Höschen, und unbeschreiblich rührend war ihr der Ausdruck der Qual in seinem interessanten Gesichtchen.
»Ihr Freund befindet sich schlecht,« sagte sie und reichte Bertram ein Riechfläschchen: »Bitte, lassen Sie ihn dieses athmen.«
»Athmen Sie,« rief Bertram, hielt dem bleichen Carolus mit einer Hand das Flacon unter die Nase und nahm mit der andern ein Päckchen in Empfang, das der Bedrängte aus der Brusttasche gezogen hatte. Die Herren führten ein kurzes Gespräch, das der Lärm des über eine Brücke hinrasselnden Zuges für ihre Gefährtin im Coupé unhörbar machte.
»Sie überfallen mich wie ein Straßenräuber.«
»Wie ein Straßenräuber, der über alle Errungenschaften der Kultur verfügt, ja. Wenn Sie mir das,« er spielte mit dem Päckchen, ließ es kreisen zwischen seinen Fingern, »nicht gutwillig anvertraut hätten, würde Ihrer irgendwo unterweges eine bescheidene Empfangsfeierlichkeit gewartet haben.«
»In Trzebinia, meinen Sie. Als ob es mir nicht freistände, auszusteigen, wo ich will.«
»Unbemerkt nicht. Dafür wäre leicht gesorgt. Ein Passagier erster Klasse, mit Ihrem Äußern, so auffallend hübsch gekleidet, wie Sie immer sind. Ich bin Ihrer sicher, verlassen Sie den Train, wo es Ihnen beliebt; seien Sie nur gewiß morgen nachmittags wieder in Wien. Mein Advokat, den Sie ja kennen, wird den Auftrag haben, abends bei Ihnen anzufragen, ob das Paket abgeschickt ist.«
»Es wird abgeschickt sein,« knirschte Carolus. »Aber bei nächster Gelegenheit – machen Sie sich gefaßt.«
»Auf einen Vipernstich in die Ferse ist unsereins immer gefaßt – Sie fahren also bis Trzebinia, geehrter Freund,« sagte er laut, »und so benützen Sie wohl den nächsten Zug, der morgen um 7 Uhr 55 Minuten von dort abgeht, zur Rückkehr nach Wien?«
»Nach Wien?« mischte die Dame sich ins Gespräch. »Ich komme von dort, eine charmante, kleine Stadt, dieses Wien.«
»Und, gnädige Frau,« fragte Bertram, »sind auf dem Wege nach?« –
»Nach Hotin.«
»In Bessarabien?«
»Meine Güter sind in der Nähe.«
»Güter in Bessarabien?« Carolus machte eine rasche Schwenkung auf seinem Sitze und sandte einen Blick voll heißer Sympathie zu der Reisenden hinüber. Sie hatte die Zeit der Reife längst überschritten, und sie hatte sehr schwellende Formen, aber sie hatte eine goldene Cigarettentasche und Ringe von unermeßlichem Werthe und eine mit Diamanten besetzte Uhr, und sie kam, wie er bald erfuhr, aus England, wo sie eine Saloneinrichtung für ihr Schloß gekauft hatte, und auch den schönen Affenpintscher. Für fünfzig Pfund – ein Bettel; hundert waren ihr schon für das Prachtthierchen geboten worden.
Das Gespräch zwischen Carolus und der Bessarabierin belebte sich immer mehr. Sie nannten einander ihre Namen. Der ihre war ihm unaussprechbar, der seine entzückte sie. Just Carolus. Wie das klang! wie mild und fest, wie edel und gelehrt.Er war gewiß ein Gelehrter. Ihr verstorbener Gatte, der Bojar, wäre auch gern ein Gelehrter gewesen, aber die Verwaltung seiner Besitzungen gab ihm viel zu thun, er konnte sich seiner Liebhaberei nicht widmen.
Verstorben der Gatte! O seliger Bojar, Wohlthäter! Carolus pries sein Andenken. Er bezeigte der Dame tiefste Theilnahme und hoffte nur, daß ihr daheim, zu ihrem Troste, liebliche Kinder blühten ...
Aber nein, sie war kinderlos und stand einsam und trotz einiger Glücksgüter, mit denen der Himmel sie gesegnet hatte, doch recht arm in der Welt.
Die langen Wimpern Justs, seine größte Schönheit, senkten sich und verschleierten seine habgierigen Augen. Er seufzte tief, und auch die Wittwe seufzte.
Der Schaffner kam, war mürrisch, entschuldigte sich bei der gnädigen Frau. Er hatte die Herren nicht einsteigen gesehen, er würde ihnen sonst andere Plätze angewiesen haben.
Auch Bertram entschuldigte sich und nahm zugleich Abschied. Er stellte der Reisegefährtin ihrFlacon zurück und reichte Just sein Fahrbillet. Mit Mißvergnügen entdeckte dieser, als er es in die Brusttasche steckte, daß er nur große Banknoten bei sich habe. Am Schalter wechselt man so ungern.
»Sie können mir,« sagte er nachlässig, »dreißig Gulden zur Rückreise vorstrecken, Vogel.«
»Verdammter Kerl,« fluchte Bertram im Stillen und suchte in seinem Geldtäschchen: »Kann ich? Da sind fünfzehn. Sie werden gegen Ihre Gewohnheit zweiter Klasse fahren müssen.«
Die Bojarin erschrak. Zweiter Klasse durfte nicht einmal ihre Kammerjungfer mehr fahren. Ein deutscher Baron hatte ihr dort einen Heirathsantrag gemacht. In die Gefahr, meinte Bertram, werde Carolus nicht kommen, aber die liebenswürdige Wittwe bestand darauf, ihm für alle Fälle aus der Verlegenheit zu helfen.
»Mein Diener kommt auf jeder Station meine Befehle holen,« sagte sie. »Er führt die Kasse, er wird die Banknote Herrn Justs Carolus wechseln.«
Der Zug hielt. Bertram betrat die Plattform im Augenblick, in dem ein großer, bärtiger Russe im Nationalkostüm die Stufen heraufstieg. Er hatteeine wohlgefüllte Geldkatze umhängen und trat mit der Mütze in der Hand an die Thür des Coupés.
Nun gilt’s dein Meisterstück, Just Carolus, dachte Vogel, finde Mittel, die kleinen Banknoten einzustecken und die Abwesenheit der großen zu erklären.
XVI.
Bertram ging auf der Landstraße den selben Weg zurück, den er eben mit der Eisenbahn vorwärts gebraust war. Eine echt mährische Gegend. Der Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Höhen gekrönt, goldig schimmernde Felder und üppige Wiesen, soweit das Auge reichte, Pflaumenbäume mit Früchten überladen, kräftiges Weideland, auf dem schöne Rinder grasten und in der Nähe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute Scharen des mährischen Schwans, des Hausthiers ohne Furcht und Tadel, der glorreichen Gans. Auf einen Tiger würde sie losfahren, mit aggressiv vorgestrecktem Halse, mit zornig wackelndem Schwanze. Das härteste Schicksal trifft sie, beugtsie aber nicht. Jahr für Jahr erbarmungslos gerupft, ihres zarten Flaums beraubt, erhebt sie sich aus den Händen ihrer Peiniger und flattert mit blutendem Flügel und hinkt mit verstauchtem Fuß wund und nackt ebenso stolz, wie ehedem in blühender Gesundheit und prangendem Gefieder.