12.

12.

Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose, dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade. In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.

Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte.

»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin.

Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die ein leises, dumpfes Donnergrollenfolgte; der Wind erhob sich in heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte immer näher.

»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt, haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!«

Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber, wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden um die Ecke des Hauses.

Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem Sattel sprang.

»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaftüber sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar mit mir durchgegangen sein.«

»Natürlich — natürlich!«

Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.«

Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, — was er sehr gut verstand, — das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.

Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat.

»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«

»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«

»Nein — dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«

»Der Stute? Ganz gut — ich habe sie beruhigt.«

»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! — Es war ein Glück, daß mir Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer über die Halde gekommen sein!«

»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.«

»Vielleicht. Aber — o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es nicht wundervoll?«

Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab, zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. Leath trat einen Schritt auf sie zu.

»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone.

»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein bin.«

»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«

»Nein, lieber nicht.«

»Dann müssen Sie sich setzen.«

Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann es nicht lange fortgehen.«

»Ganz so schlimm nicht — aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange, besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.«

Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen, und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den beiden sprach. Dann trat er an den Tisch.

»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.«

Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste, holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.

»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte er. »Sie kamen also von Lychet Hook!«

»Ja, — ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer, Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.«

Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹, die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren.

»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt, sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort geblieben?«

»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.«

»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.

»Ach nun — sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen Reitknecht mitnehmen. Töricht — nicht wahr?«

»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«

Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; — welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte, davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.

»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich, aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich dahin, wo der Pfeffer wächst.«

»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!«

»Das scheint so.«

Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer lachte.

»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,« meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich Ihnen Schutz gewährte.«

»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«

Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlichdie Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie nicht bleiben!«

»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an — sie war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im mindesten. »Sehen Sie doch nur — hören Sie nur! Kann ich in diesem Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das — nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!«

»Nein — ich weiß — ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.«

»Vielleicht — aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in einen wahren Morast verwandelt sein — wie immer nach einem unserer Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«

»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte. Aus ihren letzten Worten klang eswie verwundeter Stolz, wie eine Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in Turret Court denken?«

»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei Brentwoods geblieben.«

Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück.

»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!«

»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe verdrießen wird.«

Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte.

»Aber es ist so töricht — so lächerlich! Keiner von uns ist doch schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein? Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?«

Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester, ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er hatteden namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut, und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹ gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet.

»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut angeschrieben bin.«

»Nein — das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Sir Jasper kann Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm anders übrig — was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun — als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?«

Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf — er wußte weshalb.

»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?«

Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz, der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eineAntwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne verklang, hub Leath langsam an:

»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin, Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.«

Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich, obgleich auch mit einem Anflug von Kälte:

»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«

»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung bitten — es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.«

»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«

»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein könnte.«

Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen leichten und heiteren angeschlagen.

»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, — und jetzt sieht es nicht darnach aus, — ist es rätselhaft, wie Sie ohne einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich will nach dem Bungalow hinübergehen — das ist die nächste Behausung. Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für dieNacht gewähren. Daran hätte ich schon eher denken sollen.«

»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder von ihrem Stuhl auf.

»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten Weg — fast dreiviertel Stunden — in solch einem furchtbaren Gewitter machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt — Sie könnten vom Blitz erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, — ich gebe es nicht zu, — Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen mich hier nicht allein lassen — wirklich nicht! Ich glaube, ich würde vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.«

»Nein — nein — Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem Tone.

Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen, selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind schutzheischend an ihn klammerte.

»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,« sprach er beschwichtigend. »Siekennen die Alte, die für mich sorgt — Frau Young — Sie kennen alle Welt in St. Mellions — Sie werden in ihrer Obhut sicher geborgen sein.«

»Ja — ich — das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht — abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.«

»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?«

»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich fürchten würde.«

»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am besten so, glauben Sie mir.«

»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen — hören Sie nur! Und der Blitz — sehen Sie!«

Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe. Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.

»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sienicht hinaussehen,« sagte er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis morgen früh empfehlen.«

Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste gedacht.

Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich:

»Was ist Ihnen?«

»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!«


Back to IndexNext