18.

18.

Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte Veränderung vorgegangen — es sah älter und strenger aus.

»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl nicht gehört?«

Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine Aufforderung, ehe sie eintrat.

»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin — ich muß gestehen, daß ich Sie nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff ist augenblicklich nicht hier.«

Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die Glastür ein und nahm Platz.

»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt habe.

Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise — ihm war, als müsse er ersticken.

Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr. Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt, ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.

Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei.

»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen ist?«

»Nein — ich habe nichts davon erwähnt.«

Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen? Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei dem Gedanken ballten sich ihre Hände.

»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,« sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.«

»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.

»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln. »Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court, und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig. Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn nicht mehr sehen sollte?«

Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung auffaßte.

»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde. Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.« Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann Sie reisen?«

»Nein,« — zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins Gesicht, — »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.«

»Nein? Ihre — Ihre Pläne haben sich also geändert?«

»Ja.«

Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm auf dem Tische lag.

»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte meines Gartens?«

»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.

»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?«

»Ja.«

»Weshalb war das?«

»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.«

»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie sich der Antwort?«

»Ja.«

Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie.

»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«

Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts — sein Blick machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.

»Wollen Sie das lesen?«

Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand.

»Verstehen Sie es?«

»Ich weiß, was es ist.«

»Aber mehr begreifen Sie nicht?«

»Nein.«

Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr.

»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte Sprache.«

Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.

»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden, — welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden — nicht wahr?«

»Ja, das verstehe ich.«

Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war.

»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie ich vermute, — nein, ich weiß, — von der Empfängerin dem Schreiber zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob Sie begreifen.«

Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die Augen mit einem Schauder ab.

»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin ganz verwirrt — ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit — ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«

Er deutete auf den kleineren Kasten.

»Ich habe sie dort gefunden.«

»Wann?«

»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«

»Und keiner weiß davon?«

»Außer uns — keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?«

Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.

»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«

Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit — der ganze Mensch schien ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich.

»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun. Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam. Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß es mir gelungen?«

»Nein — daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt. Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!«

Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das Dokument, die Photographiewieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte.

»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?«

»Tun?«

Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte.

»Was sollte ich tun, als das eine — das zu tun ich der Toten feierlich gelobt habe — die Wahrheit verkünden?«

»Nein — nein — nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken Sie nur, was das heißen würde — die Schande — die Schmach — Verzweiflung! Und sie sind unschuldig — Tante Agathe und ihre Kinder — sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde Cis das Herz brechen — meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie ihrer, ich beschwöre Sie!«

Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz.

»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse — das zugrunde gerichtete Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß die Wahrheit sagen.«

»O, Sie müssen es nicht — Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände. »O, bedenken Sie sich — warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen — es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen. Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur einfallen sollte, wie.«

Sie blickte ihn flehend an.

»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich. Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen, und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken Sie, um was ich flehe — um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger Menschen, die ich liebe. O, haben Sie dochMitleid mit ihnen! Ich will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!«

Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand.

»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied machen. Ich wiederhole es — Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, um mein Schweigen zu erkaufen.«

Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen, wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein Erbarmen haben — er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte er schonen, er, der nicht geschont worden war — schonen, wo Recht und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose Gebärde der Verzweiflung.

»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt. Ich sehe es ein — ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen. Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, — ich würde fast mein Leben dafür geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!«

Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger zu vergessen, wer sie war — das Weib, das er leidenschaftlich liebte und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr.

»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen Preis!«


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