23.
Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort, der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte.
»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich, eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«
»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das Mädchen.
»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann gleichmütig; »er wird wohlgleich heimkommen, Ellen. Und doch,« fuhr er, zu sich selbst redend, fort — in den langen Jahren der Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, — »ist es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein, denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.« Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich glauben läßt —. Ah, das ist sein Schritt, ja — er ist es.«
Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür, der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.
»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er.
»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf den nächsten Stuhl sank.
In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen undEntsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an:
»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court zurückkam, stürzte ich von der Klippe.«
»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff.
»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle — die kleine Höhle, die sie — Florence — ihre Felsenkammer nennt?«
»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du hinunter?«
»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt mich an irgend etwas fest — wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein Leben hing an einem Haar — so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. — Wollen Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.«
Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten konnte, holte schnell den Kognakherbei. Leath leerte das Glas mit einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte allmählich in sein Antlitz zurück.
»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.«
»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.
»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«
»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster.
»Nicht?«
»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«
»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen.
»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt — ich weiß nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich, wie gesagt, hinabgestürzt.«
»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt.
»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein überlegter Mordanschlag, das behaupteich nicht — das glaube ich kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen, der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?«
»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf.
»Freilich — er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen — hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen Verdacht zu schöpfen.«
»Großer Gott! Welchen Verdacht?«
»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daßes fürs erste nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«
»Um — um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt.
»Nein — um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert, weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt, weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.«
»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier sein — er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis.
Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte, daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend umwandte.
»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch aus, Schatz!«
»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«
»Blaß — so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich bin nicht recht aufgelegt dazu!«
»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden, Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte, du trügest es nicht.«
»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?«
»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin ist bei ihr.«
»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen. Will sie wirklich heute fort?«
»Ich glaube, — weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt, sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe. Wie seltsam, daßer gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr gefürchtet!« sagte Cis lachend.
»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.
»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«
Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen.
»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen. Gesetzt, ich würde krank, — gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte phantasieren — könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist es fast schlimmer, als wach zu liegen — ich habe so gräßliche Träume! Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in mich gedrungen, zu tun — undihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens überstanden — unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt es, es aufzuschieben? Ich muß es tun — ich habe mein Wort gegeben! Und weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen? Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?«
Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach irgendeiner Richtung hin erregen konnte.
Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.
Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen. Sie eilte auf Leath zu.
»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!«
»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem Drucke festgehalten. »Ich — wußte nicht, daß du hier bist,« sprach er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper aufzusuchen.«
»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf. »Sie sind verletzt — Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das alles zu bedeuten hat!«
Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte.
»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?«
»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.«
»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.«
Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurzmachte, wie er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf hob und auf Sherriff deutete.
»Sie haben ihm alles gesagt?«
»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl — ich konnte nicht länger schweigen. Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen, aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt, du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches Schweigen beobachten wird wie du oder ich.«
»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich — bin entsetzt — bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein Kind.«
»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos. »Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«
»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten ein Zeuge zugegen ist.«
»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher — was dann?«
»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?«
Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas wie Zärtlichkeit — liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden, und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat in die Halle.
Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame, schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt, erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest — ein grausiger Anblick. Leath hub zu reden an.
»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier — und am Leben.«
Sir Jasper gab keine Antwort.
Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter. Florence saß bleich, mit weitoffenenAugen und fest zusammengepreßten Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen.
»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam, Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern — Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die sich für Ihre Gattin hält.«
Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:
»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie für vernichtet hielten — Beweise, deren Duplikate in Australien sind, — die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine haben trauenlassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!«
Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das Hinundherschwanken hatte aufgehört.
»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf. »Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie in Armut und Schande verkommen lassen — jetzt, nach über dreißig Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war diese — die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle. Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden. Solange ich lebte, fürchteten Siemich, trotz meines gegebenen Wortes. War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«
Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr, als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte, schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.
»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?«
»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem Leibe — ein Schlaganfall!«