9.

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Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, von der Halde geraden Wegs nach St. Mellions hinunter und nach dem Bungalow, der für den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs dringende Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer in den Chichester Arms aufgegeben, um bis zum Augenblick, da seine neue Behausung für ihn instand gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu wohnen. Leath ging durch den Garten, dann durch die Veranda in das dahinterliegende Zimmer, wo Sherriff mit der Feder in der Hand über einige Rechnungsbücher gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt des jungen Mannes am Fenster erschien, und er sagte, ihn freundlich begrüßend:

»Da sind Sie wieder — das ist recht.«

»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie doch nicht?«

»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer Wohnung gewesen?«

»Nein — draußen auf der Halde.«

»So! Es ist ein schöner Morgen für einen Spaziergang. Setzen Sie sich, ich bin gleich mit meiner Schreiberei fertig.«

Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenenFenster nieder. Das helle Sonnenlicht fiel voll auf sein Antlitz, auf dem eine finstere Wolke lag; er fuhr mit der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen Bart, während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in düstere Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten Auge hätte sein ernstes Vorsichhinbrüten auffallen müssen. Sherriff, der aufblickte, als er mit seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein Ausdruck der Verwunderung und der Besorgnis überflog sein schönes altes Gesicht.

»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. »Ihnen ist hoffentlich nichts Unangenehmes begegnet?«

»Unangenehmes?«

Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das kaum. Das heißt, ich sehe ein, daß ich mich geirrt habe — das ist alles. Bis heute glaubte ich, daß die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach St. Mellions kam, fast getan sei — weit gefehlt! Ich bin gerade so weit wie vorher!«

»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum herausgestellt hat, die Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, hier zu bleiben und Lychet Hut zu mieten?« fragte Sherriff.

»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den anderen Weg eingeschlagen, nach London zu gehen — weit besser!«

»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?«

»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«

Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zuBoden. Der Ältere brach nach einer kleinen Weile das Schweigen und sprach zögernd und vielleicht etwas vorwurfsvoll:

»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, Leath. Ich habe kein Recht, dieses Vertrauen zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an Sie richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, eingeweiht wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem Vorhaben helfen, oder ist das unmöglich?«

»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«

»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«

Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen Stimme, aber für Leaths Ohr klang etwas wie Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.

»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber alter Freund,« sagte er, »und glauben Sie nicht, daß ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben Sie mir ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel gewesen, und wenn Sie mich dann anhören wollen, so sollen Sie die ganze Sache erfahren, soweit ich weiß. Es ist keine angenehme Geschichte — das werden Sie sich wohl schon sagen können.«

Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in seinem Tone, die von einer Empörung sprach, die zwar durch eine eiserne Willenskraft niedergehalten wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias Sherriff nicht; vom Anfang ihrer Bekanntschaft an hatte er erraten, daß ein geheimes quälendes Leid am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich,sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen oder einen Menschen ohne Sorge zu denken.

Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte Sherriff den Rücken zu. Sherriff folgte ihm mit den Augen, während eine seltsame Veränderung in seinem Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, war es mit doch merklicherem Zögern als vorher.

»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer Kummer, Leath, weshalb Sie es für besser halten, St. Mellions zu verlassen?«

»Ein anderer Grund?«

Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, die auf seinen Zügen lag, sah wenigstens echt aus.

»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich irre. Ich habe ebensowenig ein Recht, in dieser Sache Ihr Vertrauen zu erzwangen wie in der anderen,« sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht beunruhigt hat. Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Sie sich von hier fortwünschen? Und ist es — Gräfin Florence Esmond?«

»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths Blick und Stimme wurde kaum durch die Röte, die unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte, abgeschwächt; er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht gehört habe oder nicht.

»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung fort, die weiteres Leugnen oder Widerspruch abschneiden sollte, »und ich bin nicht so alt, Leath, daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß eine Schönheitund ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst wenig von ihr gesehen, aber Sie haben genug gesehen, um unter dem Zauber ihres Wesens zu stehen. Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten wie wir alle, Sie doch noch keine wirkliche tiefe Liebe für irgendein Weib empfunden haben.«

»Das wenigstens ist wahr.«

»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so größer. Wenn ich die Sache zur Sprache bringe, so geschieht es um Ihretwillen. Irre ich mich oder nicht?«

»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie über ihre Schönheit sagen; ich bewundere sie — jeder Mann würde das tun. Aber ich habe an andere Dinge zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei wäre und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums und der Vornehmheit zwischen uns gähnte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff, aber ich bin gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten, noch mich forttreiben.«

Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; es lag sogar eine gewisse Belustigung darin, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, als er seinen Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der Begegnung auf der Halde, der verächtlich blickenden grauen Augen, die sich kaum die Mühe genommen hatten, ihn anzusehen, und des stolz getragenen hochmütigen braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige Geburt — daß sie sich wohl bewußt war, dies alles zu besitzen, hatte sie deutlich genug gezeigt.

Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter Miene wieder nieder.

»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es freut mich herzlich, das zu hören, mein lieber Junge — wirklich herzlich! Es kann einen Mann kein zermalmenderer Schlag treffen als der Verlust des Weibes, das er liebt. Es mag töricht von mir gewesen sein, mir den Gedanken in den Kopf zu setzen.«

»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie überhaupt auf diesen Gedanken gekommen sind.«

»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, glaube ich, als ihre Verlobung mit Chichester veröffentlicht wurde. Sie schienen verstört, schienen daran zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«

»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen auseinandersetzte, hatte ich Herrn Chichester in Turret Court getroffen. Ich würde ihn allerdings nicht für den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit zur Antwort. »Wenn ich mich nicht irre, so waren auch Sie selbst überrascht.«

»Ich war mehr als überrascht.«

Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, die ihm sonst fremd war. »Wüßte ich nicht, wie unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem Charakter nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe nichts gegen Herrn Chichester; ich halte ihn für einen guten Menschen, aber ich wiederhole es — er ist weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie glücklich zu machen.«

»Er scheint das erstere wenigstens getan zu haben,« warf Leath in seinem früheren gelassenen Tone kurz dazwischen.

»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie kaum, daß sie ein Herz zu verschenken hat!« erwiderte der Alte mit Entschiedenheit.

Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub, geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen schwer.

»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, — und Frauen wohl ebenfalls, — die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört; für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war — einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann aus mir gemacht hat?«

»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft.

»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?«

»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.«

»Ja, eine Frau — für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie — wie innig, das zu sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch. Ja — ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren — sie hatte sich vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben — viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei, das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten wir — mochte geschehen was da wollte — heiraten. Sie ging. Ich kann mir noch jetzt all den Schmerz — all die Qual jener Trennung von ihr vergegenwärtigen.«

Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum wiedererkannt haben.

»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr — niemals! In den ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir, daß sie verheiratet sei.«

Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung.

»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe — ich war jung, und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach — daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr gehört.«

»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«

»Nein — dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.«

»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?«

»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebtsie noch, mit ebenso weißem Haar wie das meine — sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte, nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte das Gefühl, daß — wie sie nun auch sein mag — Sie sie hören sollten. Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie uns von etwas anderem reden.«

Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten war.

»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige, denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben. Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet, wieder gutmachen zu lassen.«

»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht gern sagen,« wehrte Sherriff hastig ab, »ich verlange es nicht, Leath — ich bitte Sie sogar, es nicht zu tun.«

»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen sagen, was mich von der anderenSeite der Welt hierher nach St. Mellions geführt hat. Ich bin hierhergekommen, um einen Mann aufzusuchen.«

»Einen Mann? Wer ist er?«

»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde meine Aufgabe vollbracht sein. Ich weiß es nicht.«

»Was ist er denn?«

»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.«

»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?«

»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«

»Recht für wen?«

»Für die Lebenden und die Toten.«

»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«

»Ich weiß, daß er hier war.«

»Vor langer Zeit?«

»Vor vielen Jahren.«

»Und mehr wissen Sie nicht — nicht einmal seinen Namen?«

»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie könnten mir vielleicht helfen, — Sie mögen recht haben. Kennen Sie — haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?«

»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein — meines Wissens habe ich den Namen niemals gehört.«

»Das wissen Sie bestimmt?«

»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt. Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut — ich halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden. »Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den Namen Robert Bontine nie gehört.«


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