Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.Zehntes Kapitel.Stillleben mit Unterbrechungen.
Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.
Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.
Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.
Robinsons Menagerie. – Viehzucht und Bierbrauerei. – Neuer Besuch von Wilden. – Das Wrack. – Ein neuer Freund. – Reiseträume.
Robinsons Menagerie. – Viehzucht und Bierbrauerei. – Neuer Besuch von Wilden. – Das Wrack. – Ein neuer Freund. – Reiseträume.
Dreiundzwanzig Jahre lebte ich nun auf meinem Eilande, und ich hatte mich während dieser Zeit mit meinem Schicksal ausgesöhnt. Nur selten überkam mich ab und zu die Furcht, durch die Überfälle der Wilden beunruhigt zu werden. In meinem Hauswesen hatte ich mir alle möglichen Bequemlichkeiten verschafft, ja selbst an Vergnügungen fehlte es nicht. Zwar war mir schon nach dem 16. Jahre meiner Einsiedelei in meinem Phylax ein treuer Gefährte gestorben, doch ersetzten zwei oder drei Lieblingskatzen diesen Verlust. Außerdem sprangen noch einige zahme Ziegen und ein Böckchen um mich her, die mir überall folgten und ihr Futteraus meiner Hand nahmen. Den größten Zeitvertreib gewährte mir mein alter FreundPoll, der im Laufe der Zeit so vielerlei und deutlich sprechen lernte, daß er mich fast die Sehnsucht nach dem Umgang mit Menschen vergessen ließ; ich besaß nebenbei aber auch noch zwei andre Papageien, aus deren Schnabel ebenfalls lustig ein lautes »Robin, Robin!« »Crusoe, Crusoe!« ertönte. Überdies hatte ich sogar mehrere Land- und Seevögel zahm gemacht, ihnen die Flügel gestutzt und in dem Zaungehege meines Schlosses ihren Nisteplatz angewiesen, wo sie sich bald vermehrten und durch ihr reges Treiben Leben um meine Burg verbreiteten.
Neue Pläne beschäftigten fortan meinen Geist, um die selbstgeschaffene Behaglichkeit zu vermehren. So geriet ich unter anderm auf den Einfall, mir den Lebensgenuß durch die Beschaffung des edlen Gerstensaftes zu erhöhen. Wochen und Monate brachte ich mit zahllosen Versuchen zu, ohne ein Ergebnis zu erzielen. Indessen glaubte ich doch, daß ich bei meiner Beharrlichkeit noch einen trinkbaren Gerstensaft zusammengebraut haben würde, wenn nicht die beständige Sorge vor den Wilden mich zu andern Beschäftigungen angetrieben hätte.
So nahte der Dezember des 23. Jahres heran, und die Aussicht auf eine gedeihliche Ernte hatte mich häufiger als je auf meine Felder und Pflanzungen gelockt; da wurde ich von neuem in eine nicht geringe Aufregung versetzt. Als ich nämlich, noch in der Morgendämmerung, ausrückte, sah ich zu meinem großen Erstaunen den Widerschein eines Feuers am Ufer, aber nicht etwa in der meiner Wohnung entgegengesetzten Seite, sondern gerade vor meinem Bezirk, und zwar höchstens eine halbe Stunde entfernt. In großer Bestürzung zog ich zuerst mich in ein Wäldchen zurück, das ich nicht zu verlassen wagte. Dann aber lief ich geradeswegs nach meiner Burg zurück, zog die Leiter an mich heran und traf Anstalten zu meiner Verteidigung.
Fest entschlossen, mich bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen, lud ich alle meine Kanonen, wie ich die auf den Lafetten liegenden Musketen nannte, sodann auch meine Pistolen mit Kugeln und Eisenstücken. Darüber vergaß ich aber nicht, mich dem SchutzeGottes zu empfehlen und ihn zu bitten, er möge mich vor den gefährlichen Unholden bewahren.
In dieser Lage verharrte ich fast zwei Stunden; endlich konnte ich die peinliche Ungewißheit nicht länger ertragen. So lehnte ich wieder meine Leiter an, stieg auf den neben meinem Schloß befindlichen Felsen und spähte nun mit dem Fernglase nach der Richtung hin, wo ich das Feuer bemerkt hatte. Hier sah ich gegen zehn ganz unbekleidete Wilde um einen Herd herum kauern, auf dem sie ein loderndes Feuer unterhielten, um eine ihrer entsetzlichen Menschenmahlzeiten abzuhalten. Plötzlich erhoben sie sich und führten unter allerlei Gebärden einen Tanz auf. Die Kannibalen hatten zwei Kanoes am Ufer befestigt, und da gerade die Zeit der Ebbe war, so schien es, als ob sie die Zeit der Flut abwarten wollten, um wieder von der Insel abzufahren. Es ist schwer, sich einen Begriff von der Verwirrung zu machen, welche dieser Anblick in mir hervorrief; aber ich hatte richtig geurteilt, denn als die Flut zu steigen begann und nach Westen strömte, sah ich, wie sich die Wilden sämtlich wiedereinschifften und fortruderten. Die Beobachtung, daß die Fremden nicht anders als mit der Ebbe ankommen könnten, gab mir eine große Beruhigung. Solange die Flutzeit dauerte, konnte ich also mit aller Sicherheit umherstreifen.
Nunmehr nahm ich meine beiden Gewehre auf die Schultern, steckte ein paar Pistolen zu mir, hängte ein großes Jagdmesser um und begab mich eilends nach der Stelle, wo die Fremden ihr blutiges Fest gehalten hatten. Da sah ich denn gräßliche Spuren ihrer Grausamkeit: Blut, Knochen und einige Stücke Fleisch von den menschlichen Opfern. Dann begab ich mich auf jenen Hügel, wo ich das erste Mal ähnliche Überreste gefunden hatte, und bemerkte von hier aus, daß noch drei andre Kanoes mit Wilden dagewesen waren, welche sich gleichfalls an Menschenfleisch gesättigt hatten. Ein Blick auf das Meer zeigte mir, wie sie ihrer Heimat zufuhren. Von neuem flammte mein Zorn auf, und ich beschloß. den ersten, der sich mir auf Schußweite nahen würde, durch eine Kugel niederzustrecken. Wieder gab ich mich zornigen Gefühlen gegen die Barbaren hin und sann auf Mittel, wie ich sie am vorteilhaftesten überraschen könnte, wenn sie sich, wie bei dem vorhergegangenen Besuche, in zwei Haufen trennten.
Inzwischen vergingen Jahr und Tag, ohne daß sich der Besuch der Wilden wiederholt hätte; wenigstens konnte ich keine Spur davon entdecken. Zudem durfte ich auch sicher sein, daß sie in der Regenzeit sich nicht auf die hohe See hinauswagten. Dennoch befand ich mich während dieser ganzen Zeit in großer Unruhe. Bange Träume von Verfolgung und Blutvergießen marterten mein Hirn, so daß ich selbst im Wachen zwischen Beängstigung und Rachedurst schwebte.
Es war am 16. Mai des 24. Jahres meiner Herrschaft als Inselkönig, als ein heftiger Sturm, begleitet von fast ununterbrochenen Blitzen und Donnerschlägen, einen ganzen Tag sowie den größten Teil der Nacht hindurch tobte. Ernste Gedanken über meine gegenwärtige Lage beschäftigten mich. Eben hatte ich gegen Abend meine Trösterin, die Bibel, zur Hand genommen, um aus diesem ewig quellenden Born neue Zuversicht zu schöpfen, da schreckte mich plötzlich eindumpfer Knall, wie von einer Kanone, aus meiner Andacht auf.
Eine Bestürzung ganz eigner Art rief die verschiedensten Gefühle in meiner Seele wach. Eiligst kletterte ich über die Fenz und stieg auf meine Warte hinauf. Gerade in dem Augenblicke, als ich den Gipfel erreichte und nach der tobenden See schaute, verkündigte von dort her ein Blitz einen zweiten Schuß, dessen Knall auch nach mehreren Sekunden mein Ohr erreichte. Er kam von jener östlichen Strömung her, in die ich früher selbst einmal mit meinem Kanoe geraten war. Ich vermutete sofort, daß der dumpfe Knall von einem in Not geratenen Schiffe herrühre, welches einem andern in seiner Nähe dahinsegelnden durch Signale von seiner gefährlichen Lage Kenntnis geben wollte. Wiewohl ich den in Not Geratenen doch keine Hilfe zu bringen vermochte, so konnten sie vielleicht mir helfen. Ich trug daher so viel trockenes Holz, als sich in der Eile zusammenraffen ließ, auf der Warte zusammen, schichtete es in einen hohen Haufen und zündete es an, obgleich der Wind heftig wehte. Bald schlug die Lohe hoch empor, und sicherlichwurde sie von den auf dem brandenden Meere Befindlichen gesehen, denn das Fahrzeug feuerte kurz hintereinander mehrere Kanonenschüsse ab. Während der ganzen Nacht blieb ich auf meinem Posten und unterhielt den Brand durch immer neu hinzugetragenen Zündstoff; von Zeit zu Zeit drang der dumpfe, unheimliche Knall der Notsignale durch Sturm und Nacht an mein Ohr, bis endlich alles verstummte.
Der Morgen brach hell und freundlich an; der Sturm hatte ausgerast. Ich lugte mit meinem Fernrohr gegen Ost und gewahrte in ziemlicher Entfernung von der Insel einen nur undeutlich erkennbaren Gegenstand; aber nach meiner Überzeugung mußte es ein Schiff oder Wrack sein. Da ich nun auch den Tag über, wie man sich leicht denken kann, mit gespanntester Aufmerksamkeit nach diesem Punkt hinsah, derselbe aber sich nicht von der Stelle rührte, so schloß ich daraus, daß ich wohl ein gestrandetes Schiff vor mir habe. Um hierüber klar zu werden, nahm ich mein Gewehr samt Pistolen und eilte nach dem südlichen Teile der Küste und der Felsen, gegen welche mich einst die Strömung getragen hatte. Dort angekommen, sah ich deutlich bei vollkommen klarem Himmel Bug und Masten eines dem Untergang verfallenen Schiffes, genau an derselben Stelle, an welcher einst auch unser Fahrzeug ein gleiches Schicksal ereilte. Dieselben Riffe waren es, welche durch die bewirkte Gegenströmung meine Rettung aus der verzweifeltsten Lage bei Umsegelung der Insel herbeiführten.
So wird das, was dem einen Rettung bringen kann, oft Ursache zum Verderben des andern.
Das gestrandete Schiff brachte mich auf allerhand Betrachtungen. Besonders fiel mir auf, daß von der ganzen Mannschaft auch nicht ein einziger zu sehen war. Ich dachte, daß die Leute bei nächtlicher Dunkelheit die Küste der Insel nicht bemerkt hatten, sonst möchten sie sich gewiß beeilt haben, mit ihrem Ruderboote anzulegen. Dem widersprach jedoch das Signalisieren mit den Kanonen, denn ohne Zweifel hatten sie mein Feuer auf der Bergesspitze wahrgenommen und mußten demnach Land in der Nähe vermuten. Möglich war es auch, daß sie in ihre Schaluppe gestiegen, aber von dem Strome,der mich vormals in Gefahr gebracht hatte, gepackt und weit hinaus in die hohe See geworfen worden waren, wo sie sicherlich dem Verderben verfielen. Kaum vermag ich die Worte zu finden, um das Gefühl auszudrücken, welches sich meiner beim Anblick der Schiffstrümmer bemächtigte. »Ach!« rief ich aus, »wenn sich doch nur einer oder zwei von den Verunglückten gerettet hätten, Gefährten, mit denen ich umgehen, Wesen meiner Art, an die ich ein Wort richten könnte!« Während meines langen Aufenthaltes auf der Insel trat meine Sehnsucht nach Umgang mit den Menschen nie so heftig zu Tage, überwältigte mich der Schmerz über meine Vereinsamung nie so bitterlich.
Plötzlich stieg in mir der Gedanke auf: Wie? wenn ich eine Bootfahrt nach dem Wrack wagte? Vielleicht konnte ja noch ein Menschenleben zu retten sein, und selbst im Falle, daß ich mit meiner Hilfe zu spät käme, konnte ich doch sicherlich hunderterlei nützliche Dinge auf dem Schiffe erlangen. Die Begierde, nach dem Wrack zu segeln, ward so heftig, daß ich es für eine Eingebung, einen Befehl des Himmels hielt und nicht länger anstand, an die Ausführung des Unternehmens zu gehen.
Ich eilte nach meiner Burg, nahm einen tüchtigen Vorrat Brot, einen Topf mit Trinkwasser, eine Flasche Rum, einen Korb Rosinen sowie einen Kompaß mit. So beladen schritt ich zu meinem Kahne, schöpfte das Wasser, welches sich darin angesammelt hatte, aus und machte ihn flott. Hierauf legte ich alles ordnungsmäßig hinein und kehrte nach Hause zurück, um eine zweite Ladung herbeizuschaffen. Diesmal nahm ich einen großen Sack voll Reis mit, einen zweiten Topf frischen Wassers, etwa zwei Dutzend Brote und Kuchen, eine Flasche Ziegenmilch und einen Käse samt meinem unentbehrlichen Sonnenschirm. Im Schweiße meines Angesichts brachte ich dieses Rüstzeug ins Boot und, indem ich Gott um Schutz anflehte, stieß ich vom Strande ab. Ich steuerte längs der Küste hin, bis ich die Spitze der Sandbank am nordöstlichen Ende der Insel vor mir sah. Nun galt es, von hier aus mich auf die offene See zu wagen. Ein Blick auf die reißende Strömung, die auf beiden Küsten der Insel sich in gewisser Entfernung bemerkbar machte, erinnerte mich an dieGefahren, die ich vor Jahren hier bestanden hatte. Der Gedanke, ich könne durch eine dieser Strömungen auch heute mit fortgerissen werden und die Küste gänzlich aus dem Gesicht verlieren, entmutigte mich dermaßen, daß ich, unschlüssig geworden, an das Land sprang und mein Boot in einer kleinen Bucht befestigte. Ich setzte mich auf einen kleinen Hügel nieder, und zwischen Furcht und Verlangen ging ich mit mir zu Rate, was das Zweckmäßigste sei.
Während dieser Betrachtungen bemerkte ich das Eintreten der Flut, ein Umstand, der meine Reise um einige Stunden verzögern mußte. Hierauf dachte ich, ob es nicht möglich sei, daß eine der Strömungen mich mit derselben Schnelligkeit dem Ufer zuführe, mit welcher mich die andre von demselben entfernt hatte. Ich stieg auf einen Hügel, von wo aus ich das Meer nach beiden Seiten genau beobachten konnte. Hier fand ich denn, daß die Strömung der Flut in der Nähe des Landes nach Norden ging, und daß ich, um meiner Rückkehr sicher zu sein, nichts weiter zu thun hatte, als mich einfach nach dieser Seite zu halten. Nun gewann ich meinen früheren Mut wieder, ging den Berg hinunter, bestieg von neuem mein Boot und lavierte anfänglich zwischen dem nördlichen Strome und der Sandbank hin und her. Dann steuerte ich nach Nordnordwest, um die Strömung zu erreichen, ließ mich von dieser nach Nordost treiben und kam nach etwa zwei Stunden glücklich bei dem Wrack an.
Das Schiff, seiner Bauart nach einspanisches, bot einen bejammernswerten Anblick dar: ich fand es am Felsen eingeklemmt. Das Vorderteil und ein Teil des Decks waren durch die Wucht der Wogen zertrümmert, der Haupt- und der Fockmast an ihrem Fuße abgebrochen; der Bugspriet dagegen schien wohlerhalten geblieben zu sein.
Als ich an das Schiff herankam, zeigte sich auf dem Deck einHund, der bei meinem Anblick laut zu bellen und zu heulen anfing. Ich rief ihn; sogleich sprang er ins Wasser und schwamm meiner Barke zu, in welche ich ihm hineinhalf; das arme Tier war halb verschmachtet vor Hunger und Durst! Ich gab dem Tiere zu saufen und fütterte es mit Brot, welches der Hund mit der Gier eines Wolfes verschlang, der 14 Tage lang im Schnee gehungert hat.
Hierauf stieg ich an Bord. Das erste, worauf meine Blicke fielen, waren zwei in der Vorderkajütte ertrunkene Menschen, die einander im Tode noch fest umschlungen hielten. Sonst ließ sich nichts von Tier oder Mensch mehr auf dem Schiffe bemerken. Der größte Teil der Fracht schien durch das Seewasser stark gelitten zu haben. Im Mittelraume sah ich, als die Ebbe eintrat, einige Tonnen mit Wein oder Branntwein; allein sie waren zu groß, als daß ich sie hätte von den Stelle bewegen können; ebenso fand ich einige Koffer, die wahrscheinlich den Matrosen gehörten. Daher brachte ich sie in mein Boot, ohne ihren Inhalt erst zu durchsuchen.
Wäre das Vorderteil des Fahrzeugs nicht zertrümmert gewesen, so hätte sich gewiß reiche Beute machen lassen; aller Wahrscheinlichkeit nach kam das Schiff von Buenos Ayres oder vom Rio de la Plata, südlich von Brasilien, und befand sich auf dem Wege nach Havana.
In der Nähe der Koffer fand ich auch ein kleines Fäßchen mit Likör, ungefähr 20 Liter enthaltend; in der Kajütte lagen mehrere Gewehre und ein großes Pulverhorn. Da ich jedoch hinreichend Schießwaffen besaß, so ließ ich jene liegen und nahm nur das Horn mit, in welchem sich etwa vier Pfund Pulver befanden. Was mir aber am nützlichsten werden konnte, das waren eine Feuerschaufel, eine Zange, zwei kleine kupferne Kessel, eine kupferne Schokoladenkanne und ein Rost. Mit dieser Ladung und von dem Hunde begleitet, trat ich die Heimkehr an, und von der wachsenden Flut begünstigt, erreichte ich eine Stunde nach Sonnenuntergang das Ufer meiner Insel.
Ich fühlte mich von den Anstrengungen des Tages so ermattet, daß ich nicht mehr nach meiner Burg zurückkehren mochte, vielmehr legte ich mich, nachdem ich Speise und Trank zu mir genommen, in meiner Barke schlafen, vor einem plötzlichen Überfall sicher, da ich ja einen Wächter in dem Hunde zur Seite hatte.
Neu gestärkt erwachte ich am folgenden Morgen. Nach eingenommenem Imbiß, den ich mit meinem neuen Freunde gewissenhaft teilte, schaffte ich meine Fracht ans Ufer und durchsuchte jedes Stück. Der Branntwein in dem Fäßchen erwies sich als eine ArtRum, und in den Koffern entdeckte ich mancherlei, was mir sehr willkommen war, z. B. ein Flaschenfutter von sehr schöner Arbeit, in welchem sich mehrere, drei Liter haltige, mit silbernen Stöpseln versehene Flaschen feiner Branntweine befanden; sodann zwei Töpfe mit eingemachten Früchten, die so fest verschlossen waren, daß das Seewasser nicht einzudringen vermocht hatte; ferner etliche gute Hemden, anderthalb Dutzend weißleinene Taschentücher und mehrere farbige Halstücher. Auf dem Boden des Koffers fand ich zuguterletzt noch drei große Beutel mit Silbermünzen, im ganzen 1100 Stück; in dem einen waren 6 Dublonen in Gold und etliche kleine Goldbarren. Gern hätte ich das ganze Gold, das ich nicht viel höher als Kieselsteine schätzte, für drei oder vier Paar englische Schuhe und Strümpfe dahingegeben, die ich seit so vielen Jahren schmerzlich entbehren mußte. In dem andern Koffer befanden sich Kleidungsstücke sowie ein kleiner Pulvervorrat, dessen außerordentliche Feinheitdarauf hinwies, daß er nur zur Vogeljagd bestimmt sein konnte. Der Koffer, welchen ich zuletzt öffnete, enthielt noch eine Geldsumme in Realen, aber was mir am meisten Freude bereitet, war der Fund von Papier, Federn, Schreibzeug, Federmessern und einer großen Flasche voll Tinte.
Alsbald brachte ich den ganzen Fund unter Dach und Fach nach meiner Grotte, das Boot aber wieder an seinen alten Ort; ich selbst kehrte darin nach der Burg zurück, wo ich alles in derselben Ordnung vorfand, wie ich es kürzlich verlassen.
Zwar entstand ein nicht geringer Aufruhr unter den Ziegen und Katzen, als sie meinen vierbeinigen Gefährten erblickten, der sie laut bellend anfuhr; doch ich schlichtete bald den Streit der Parteien, und sämtliche tierische Genossen lebten dann in ungestörtem »Burgfrieden« einträchtig bei einander.
Traurige Überraschung
Traurige Überraschung
Traurige Überraschung
Als ich nach ein paar Tagen wiederum an das Ufer in die Nähe des Schiffbruchs kam, bemerkte ich zu meinem großen Schmerze den Leichnam eines Schiffsjungen, den die Wogen ans Land gespült hatten. Er trug nur eine Matrosenjacke, an den Knieen zerrissene Beinkleider, sowie ein Hemd von dunkelblauer Leinwand. Nichts verriet, welcher Nation er angehörte. In seinen Taschen fand ich zwei kleine Münzen und eine Pfeife, über welche letztere ich hoch erfreut war, und die in meinen Augen hundertmal mehr Wert hatte als Gold und Silber! Von der ganzen verunglückten Schiffsmannschaft, soviel ich auch umherspähte, entdeckte ich nicht das Geringste.
Nach den eben beschriebenen Ereignissen trat in meinem Leben wieder die frühere Eintönigkeit ein, nur daß ich bei allen Verrichtungen, die ich vornahm, behutsamer zu Werke ging und wachsamer auf alles acht gab, was sich außerhalb meiner Burg etwa ereignete. Wenn ich mein Landhaus besuchte, so wagte ich nicht, mich dahin zu begeben, ohne mich bis an die Zähne zu bewaffnen. Traf es sich aber, daß mich der Weg nach dem östlichen Teile der Insel führte, so konnte ich schon mit größerer Sicherheit, wenn auch immer nicht unbewaffnet, meine Reserveparks besichtigen. Manchmal wandelte mich in dieser Zeit die Lust an, eine zweiteReise nach dem gestrandeten Fahrzeuge zu unternehmen; allein mein Verstand sagte mir, daß es nichts enthielte, was die Beschwerlichkeiten und Gefahren vergüten könnte.
Die fehlgeschlagene Hoffnung, bei meinem Besuche auf dem Wrack Menschen, Gefährten in meiner Einöde zu finden, ließ noch ganz andre Pläne in mir emportauchen, die fast ans Ungeheuerliche grenzten. Mich packte wieder die alte Wanderlust, meine »Ursünde«, wie ich sie nannte, und ich wollte wenigstens einmal den beiden meiner Insel zunächst gelegenen Eilanden mit meinem Boote einen Besuch abstatten. Von da aus konnte ich dann auch einen Abstecher nach dem Festlande von Amerika unternehmen. Auch jetzt fiel mir wieder die Barke ein, auf der ich einst mit dem Maurenknaben Xury aus Saleh entflohen war; hätte ich sie in den Augenblicken meiner Reiseleidenschaft zur Verfügung gehabt, ich würde mich wahrscheinlich wieder auf gut Glück dem trügerischen Element anvertraut haben, um zu irgend einer Ansiedelung von Menschen zu gelangen. Gern hätte ich auch wissen mögen, welchen Teil des Erdballs jene Fremdlinge bewohnten, die mich für immer aus meiner sorglosen Ruhe aufgeschreckt hatten, wie weit ihr Land von meiner Insel entfernt sei, und ich fragte mich selbst, warum ich nicht ebenso gut anihrerKüste landen könnte, als sie an der meinigen.
Es war in der Regenzeit, im März des 24. Jahres meiner Anwesenheit auf der Insel, als ich eine ganze Nacht schlaflos in meiner Hängematte zubrachte, obgleich ich mich körperlich gerade nicht unwohl fühlte. Es ging nochmals die ganze Geschichte meines vergangenen Lebens wie in einem Zauberbilde an meinem geistigen Auge vorüber. Freudige Betrachtungen wechselten mit traurigen in rascher Folge. Ich rief mir die verschiedenen Zeitabschnitte meines einsamen Aufenthalts zurück und verglich die frühere ruhige Lage mit der beängstigenden Existenz, die ich seit dem Augenblicke führte, als ich in dem Sande die verhängnisvolle Spur eines Fußes fand. Ich zweifelte durchaus nicht, daß die Wilden schon vorher meiner Insel wiederholte Besuche abgestattet hatten; aber da mir dieselben unbekannt blieben, so hatte ich sorglos dahingelebt. Wie gütignimmt sich doch immer unser Herrgott unser an, indem er unser Urteil und unsre Voraussicht in so enge Grenzen schließt. Ruhig und unbeirrt wandeln wir zwischen Gefahren hindurch, deren Anblick uns allen Genuß an der Gegenwart rauben würde. Wie oft wanderte ich vormals im Gefühle der größten Sicherheit in meinem Königreich einher! Vielleicht hatte ich es nur einem Baum, einem Hügel, dem Einbruch der Nacht zu verdanken, wenn ich nicht in die Hände der Kannibalen gefallen war.
Tief gerührt dankte ich dem Allmächtigen für die Bewahrung vor so vielen augenfälligen und unbekannten Gefahren.
Alle diese Gedanken setzten mein Blut stark in Wallung, und mein Puls hämmerte heftig wie im Fieber. Erst gegen Morgen sank ich vor Ermattung in einen tiefen Schlaf. Da unternahm ich im Traume meinen gewöhnlichen Morgenspaziergang an die Küste auf der Ostseite der Insel und sah zwei Kanoes, aus denen elf Wilde stiegen samt etlichen Gefangenen, die sie verzehren wollten. Plötzlich sprang eines der Schlachtopfer davon und suchte eine Zufluchtsstätte in dem Buschwerk, das meine Burg umgab. Ich ging ihm entgegen und forderte ihn auf, näher zu mir zu kommen. Der arme Gefangene stürzte vor mir auf die Kniee nieder, um meinen Beistand gegen seine Peiniger anzuflehen. Darauf kam es mir vor, als zeigte ich ihm meine Leiter, hälfe ihm über die Mauer und führte ihn in meine Wohnung, wo er mein Diener wurde. »Mit diesem neuen Gefährten«, sagte ich mir selbst, »werde ich endlich meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen können. Nichts hindert mich jetzt, auf den Ozean hinauszusteuern; denn er wird mir als Pilot oder Lotse dienen und mir sagen, was ich thun oder unterlassen soll.«
Ich hatte so lebendig geträumt, und alle Einzelheiten des im Schlafe Geschauten waren so eindrucksvoll an mir vorübergeschwebt, daß ich mich nach dem Erwachen noch längere Zeit der Täuschung überließ, ich könnte das in Wirklichkeit erlebt haben, was mich so außerordentlich ergriff – und ich jauchzte vor Freuden laut auf.
Indes Träume – sind Schäume, sagte das Sprichwort, ich rieb mir die Schlaftrunkenheit aus den Augen, und als ich ausmeiner Umgebung die Gewißheit gewann, daß meine Rettungspläne nichts als Hirngespinste waren, bemächtigte sich meiner eine große Niedergeschlagenheit.
Dieser Vorfall brachte mich auf den Gedanken, womöglich einen Wilden, den die Kannibalen nach meiner Insel führten, um ihn abzuschlachten, aus ihren mörderischen Händen zu befreien; auf keine andre Art schien mir eine Rettung für meine eigne Person denkbar zu sein. Aber ein solches mit den größten Schwierigkeiten und Gefahren verknüpftes Unternehmen – wie leicht konnte es fehlschlagen! Auf der andern Seite kamen mir wieder Zweifel gegen die Angemessenheit meiner Pläne bei, ich scheute vor dem Gedanken an Blutvergießen zurück. Kurz, Gründe und Gegengründe stritten lebhaft in mir; endlich siegte der Drang nach Befreiung, und ich beschloß, auf eine Gelegenheit zu achten, um einen Wilden in meine Hände zu bekommen. Nun kam es darauf an, wie zu meinem Ziele zu gelangen sei?
Das nächste Thunliche bestand darin, auf die Kannibalen zu lauern, wenn sie an dieser Küste landeten, und das übrige meinem Glücke anheimzustellen. Ich ging von nun an täglich auf Kundschaft aus, besonders nach dem westlichen und südwestlichen Teile meines Eilandes; aber wie sehr ich auch ringsumher spähte, nirgends wollte sich ein mit wilden Eingeborenen besetztes Boot zeigen. So verlief eine geraume Zeit. Indessen weit davon entfernt, mich unmännlicher Entmutigung hinzugeben, fachte ich meinen Zorn gegen die Kannibalen zur hellen Flamme an, so daß sich täglich in mir immer mehr die Begierde regte, im Kampfe mit meinen Feinden mich zu messen, und es verging kaum eine Nacht, in welcher ich mich im Traume nicht im Streite mit meinen grimmen Feinden befunden hätte.