II
Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut war vergangen und an ihre Stelle die träumerische Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher Hoffnungen und Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu Beginn des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und beschäftigte mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging oft in den Garten und irrte lange, lange allein durch die Alleen oder saß auf einer Bank, und Gott allein weiß, was ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf ich hoffte. Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen schlich ich mich leise, damit es Katja nicht höre, bloß mit der Nachtjacke bekleidet, in den Garten und lief über das taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal gelangte ich sogar ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein den ganzen Garten.
Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals meine Phantasie beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen. Wenn ich jetzt sogar daran zurückdenke, kann ich kaum glauben, daß es wirklich meine Träume gewesen seien: so seltsam und lebensfremd waren sie.
Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen hatte, von seiner Reise zurück.
Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn gar nicht erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse undschickten uns an, Tee zu trinken. Der Garten war schon dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten während der Petrifasten die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche sahen so aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert. Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub der Birkenallee war im Scheine der untergehenden Sonne ganz durchsichtig. Auf der Terrasse lag ein frischer, kühler Schatten. Das Gras erwartete reichlichen Abendtau. Im Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen; der närrische Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege vor der Terrasse auf und nieder, und der kalte Wasserstrahl aus seiner Gießkanne schwärzte die aufgewühlte Erde an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen Tischtuch der blank geputzte Samowar, standen Sahne, Brezeln und Gebäck. Katja spülte als sorgsame Hausfrau mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte nach dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten konnte und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich hatte eine Leinenbluse mit offenen Ärmeln an, und meine feuchten Haare waren mit einem Tuch umwunden. Katja hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt.
»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben doch soeben von Ihnen gesprochen.«
Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden, er kam aber gerade in dem Augenblick, als ich schon in der Türe war.
»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?« sagte er lächelnd, mit einem Blick auf meinen mit demTuche umwundenen Kopf. »Vor Grigorij genieren Sie sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so gut wie Grigorij.« Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor, als sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen könnte, und ich wurde verlegen.
»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend.
»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach. »So sehen Sie doch ganz wie eine junge Bäuerin aus.«
– Wie seltsam hat er mich eben angesehen, – dachte ich mir, während ich mich oben umzog. – Nun, Gott sei Dank, daß er gekommen ist: jetzt wird es wieder lustiger werden! – Ich warf noch einen Blick in den Spiegel, eilte lustig die Treppe hinunter und kam außer Atem, ohne irgendwie zu verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte, auf die Terrasse. Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere Vermögensverhältnisse. Er sah mich lächelnd an und fuhr in seinem Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach seinen Worten im besten Zustande. Wir müßten jetzt nur noch den Sommer auf dem Lande verbringen und könnten dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung zu sorgen, oder ins Ausland gehen.
»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen wollten,« sagte Katja. »Allein würden wir uns dort so einsam wie in einem Walde fühlen.«
»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die Welt machen!« sagte er halb im Scherz und halb im Ernst.
»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine Reise um die Welt.«
Er lächelte und schüttelte den Kopf.
»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzteer. »Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie die Zeit verbracht haben. Haben Sie denn wieder Grillen gefangen?«
Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben, und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als Katja meine Worte bestätigte, lobte er und liebkoste mich mit Worten und Blicken, als ob ich noch ein Kind wäre, und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm wie in der Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit erregen konnte. Der Abend war so schön, daß wir auch nach dem Tee auf der Terrasse blieben, und das Gespräch fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte, wie ringsum allmählich alle menschlichen Laute verstummten. Von allen Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das Gras, eine Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch zu schmettern und verstummte, als sie unsere Stimmen hörte; der gestirnte Himmel senkte sich gleichsam auf uns herab.
Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine Fledermaus lautlos unter die Leinenmarkise der Terrasse geflogen kam und mein weißes Kopftuch zu umflattern begann. Ich drückte mich an die Wand und wollte schon aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und schnell, wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus und verschwand im Halbdunkel des Gartens.
»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch unterbrechend. »Ich könnte mein ganzes Leben hier auf dieser Terrasse sitzen.«
»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte Katja.
»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.«
»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie wären doch ein vorzüglicher Ehemann.«
»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina Karlowna, wir beide heiraten nicht mehr. Man hat schon längst aufgehört, mich für einen Menschen zu halten, den man verheiraten könnte. Ich selbst denke erst recht nicht daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich mich wirklich wohl.«
Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich und affektiert.
»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie schon das Leben hinter sich haben,« versetzte Katja.
»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen Wunsch, still zu sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber etwas anderes. Fragen Sie mal sie,« fügte er hinzu, mit einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche müssen heiraten. Wir beide werden uns aber ihrer freuen.«
Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer und Erregung, die mir nicht entgingen. Er schwieg eine Weile; Katja und ich versetzten kein Wort.
»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf seinem Stuhle umdrehend, »das Unglück wollte es, daß ich mich mit einem siebzehnjährigen Mädchen verheiratete, zum Beispiel mit Masch… mit Marja Alexandrowna. Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue mich, daß es so gut paßt … es ist das allerbeste Beispiel.«
Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er sich so freute und was da so gut paßte.
»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,« fuhr er fort, sich scherzend an mich wendend, »wäre es denn für Sie kein Unglück, Ihr Leben an das eines alten, abgelebten Mannes zu binden, der nur noch ruhig sitzen will, während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?«
Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was darauf zu antworten.
»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort. »Sagen Sie mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch nicht einen solchen Mann, wenn Sie abends allein durch die Alleen wandeln? Das wäre doch ein Unglück?«
»Kein Unglück …« begann ich.
»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz zu Ende.
»Aber ich kann auch irren …«
Er unterbrach mich wieder.
»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich bin ihr für die Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß die Rede darauf gekommen ist! Und noch mehr als das, es wäre auch für mich das größte Unglück,« fügte er hinzu.
»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im geringsten verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse, um den Tisch zum Abendessen decken zu lassen.
Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und auch alles um uns herum war stumm. Nur die Nachtigall schmetterte, so daß es durch den ganzen Garten schallte, doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie vorhin, sondernauf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung; eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal vernehmen ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste Nachtigall verstummte für eine Weile, als lauschte sie der anderen, und ließ dann noch lauter und mächtiger ihre hellen Triller erschallen. Majestätisch und ruhig klangen diese Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche Welt. Der Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen zu legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten sich auf dem Gartenwege und verhallten. Am Fuße des Berges ließ jemand zweimal einen durchdringenden Pfiff erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum hörbar regte sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise; etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über die Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon gesagt worden war, zu schweigen, aber ich wußte auch nicht, was zu sagen. Ich sah ihn an. Er richtete seine im Halbdunkel glänzenden Augen auf mich.
»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er.
Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum.
»Was?«
»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich seine Worte nach.
Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder verlegen. Mir kam immer wieder der Gedanke, daß ich ihm wehgetan hätte, als ich zugegeben, daß er alt sei; ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht, wie.
»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend. »Meine Mutter erwartet mich zum Abendessen. Ich habe sie heute fast gar nicht gesehen.«
»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,« sagte ich.
»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas kühl.
»Leben Sie wohl.«
Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh getan hätte, und er tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn hinaus und blieben noch auf dem Hofe, bis er unseren Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines Pferdes verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse und begann wieder in den Garten hinauszuschauen; im taufeuchten Nebel, in dem alle nächtlichen Töne lebten, sah und hörte ich noch lange alles, was ich sehen und hören wollte.
Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, die von unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, war ganz verschwunden und kehrte nicht wieder. Im Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns zwei- und dreimal wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn, daß es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, allein zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, wenn er mich so allein ließ. Er behandelte mich wie einen jungen lieben Freund, fragte mich über alles, forderte meine herzlichste Aufrichtigkeit heraus, gab mir Ratschläge, lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe und wies mich manchmal zurecht. – Aber trotz seiner Bemühungen, immer auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß hinter dem, was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir fremde Welt blieb, in die mich einzuführen er nicht für notwendig hielt, und das unterstützte meine Achtung vorihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja und von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte Mutter, mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft und den mit der Vormundschaft verbundenen Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im Adelsausschuß hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und Hoffnungen er hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. Wenn ich nur die Rede auf seine Geschäfte brachte, verzog er eigentümlich das Gesicht, als wollte er sagen: »Hören Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,« und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs kränkte mich das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr daran, nur noch von Dingen zu sprechen, die mich allein angingen, daß ich es vollkommen natürlich fand.
Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit sogar angenehm wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit und beinahe Verachtung gegen mein Äußeres. Er deutete niemals, weder mit einem Blicke, noch mit einem Worte an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch nannte. Er liebte es sogar, äußere Mängel an mir zu finden und mich mit ihnen zu necken. Die modernen Kleider und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen herauszuputzen liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, die die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig machten. Katja, für die es feststand, daß ich ihm gefalle, konnte unmöglich begreifen, wie es ein Mann nicht gerne sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau in einem möglichst günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald dahinter,was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine Spur von Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und in den Bewegungen; an ihre Stelle trat die allzu naive Koketterie der Einfachheit, während ich noch gar nicht so einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich liebte; ob aber wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch nicht; seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts anderes wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. Und ich täuschte ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn täuschte, wurde ich selbst besser. Ich fühlte, daß es besser und würdiger für mich sei, ihm die schönsten Seiten meiner Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine Haare, Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien, gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob gut oder schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, daß ich meinem Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, außer der Sucht, ihn zu täuschen. Meine Seele kannte er aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich gerade in dieser Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich ihn täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in seiner Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die grundlosen Hemmungen, alle Befangenheit war vollständig verschwunden. Ich fühlte, daß er mich, ganz gleich, ob er mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder stehend, mit hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, so wie ich war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine Gewohnheit plötzlich wie einer der anderen gesagt hätte,daß ich ein schönes Gesicht habe, ich darüber gar nicht froh gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir dagegen ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich gerade gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter Stimme, der er einen scherzhaften Ton zu geben versuchte, sagte:
»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes Mädchen, und ich muß es Ihnen sagen.«
Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein Herz mit Stolz und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, daß ich die Liebe des alten Grigorij zu seiner Enkelin teile, oder weil mich ein Gedicht oder ein Roman, den ich gelesen, zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem Schulhof vorzog. Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was man lieben müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was gut ist und was man lieben muß. Die Mehrzahl meiner früheren Gewohnheiten und Neigungen gefiel ihm nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung seiner Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, mitleidige, fast verächtliche Miene zu machen, damit es mir gleich vorkäme, daß ich das, was mir erst eben gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte er erst die Absicht, mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte schon zu wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein Blick entlockte mir sofort jeden Gedanken, den er nur wollte. Alle meine damaligen Gedanken, alle meine damaligen Gefühle waren gar nicht mein; es waren nur seineGedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing ich an, alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst und auch meine Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. Die Bücher, die ich früher zu lesen pflegte, nur um die Langeweile zu vertreiben, waren für mich plötzlich zu einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie zusammen lasen und er mir welche brachte. Die Beschäftigung mit Ssonja, die Stunden, die ich ihr erteilte, waren für mich früher eine schwere Last gewesen, die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die Fortschritte Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher unmöglich, ein ganzes Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo ich wußte, daß er mir zuhören und mich vielleicht auch loben würde, spielte ich oft vierzigmal hintereinander die gleiche Stelle, so daß die arme Katja sich Watte in die Ohren stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte. Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und gerieten mir auch anders und viel besser. Selbst Katja, die ich so gut wie mich selbst kannte und liebte, war in meinen Augen wie verändert. Jetzt erst begriff ich, daß sie gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter, eine Freundin und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu sein. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung dieses liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, und liebte sie noch mehr als früher. Er lehrte mich auch alle unsere Leute – die Bauern, das leibeigene Hausgesinde und die Dienstmädchen – mit ganz anderen Augenansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen, unter denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte, waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; es war mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß diese Menschen ebenso liebten, wünschten und litten wie ich. Unser Garten, unsere Wälder, unsere Felder, die ich so lange schon kannte, waren für mich plötzlich neu und schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben nur ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern zu leben. Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es nicht; aber diese Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir viel überlegte, ins Herz. Er eröffnete mir eine ganze Welt von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas in meinem Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit an stumm umgab, war plötzlich lebendig geworden. Er brauchte nur zu mir zu kommen, und alles fing sofort zu sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit Glück erfüllend.
Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, legte mich aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit ihren Wünschen und Hoffnungen auf die Zukunft, umfing mich die Unruhe eines gegenwärtigen Glücks. Ich konnte nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu Katja aufs Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie konnte es mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie sich nichts mehr wünsche, daß auch sie glücklich sei, und sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es erschien mir so notwendig und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja wollteschlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, was mich so glücklich machte. Manchmal stand ich auf und betete, betete mit eigenen Worten, um Gott für all das Glück zu danken, das Er mir gab.
Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im Schlafe, neben ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin und her und flüsterte irgendwelche Worte oder bekreuzigte mich und küßte das Kreuz, das ich am Halse trug. Die Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und irgendeine Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen Stelle. Und mir war es, als wollte ich dieses Zimmer niemals verlassen, als wollte ich nicht, daß der Morgen komme, daß die mich umgebende seelische Atmosphäre sich verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete und Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln neben mir wohnten, mein Bett umschwebten und über mir stünden. Und jeder Gedanke war sein Gedanke, und jedes Gefühl – sein Gefühl. Ich wußte damals noch nicht, daß es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein könne, daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben werde.