IV

IV

Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde wieder lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte, erwachte nicht mehr. Die Mama war nicht mehr am Leben, und wir standen uns allein gegenüber. Wir verlangten jetzt aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns sogar zur Last. Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten Sohnes etwas erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann war noch immer so kühl und freundschaftlich wie zur Zeit unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem Lande erinnerte mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran, was er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte! Zwischen uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung, als bestrafte er mich für irgend etwas und gäbe sich den Anschein, als merke er es nicht. Ich hatte ihm nichts abzubitten, es war nichts, womit er mich hätte verschonen können; er strafte mich nur damit, daß er sich und seine ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie auch niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele mehr. Manchmal kam mir der Gedanke, er stelle sich nur so, um mich zu quälen, während in ihm noch das alte Gefühl lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken. Aber er schien jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu gehen, mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeitals etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein Ton sagten mir: – Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst mir nichts zu sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst. Ich weiß auch, daß du das eine sagen und etwas anderes tun wirst. – Diese Furcht vor einer offenen Aussprache verletzte mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich an den Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das Fehlen eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es niemals übers Herz gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn liebe, oder ihn zu bitten, mit mir zu beten oder ihn zu rufen, damit er meinem Klavierspiel zuhöre. Im Verkehr zwischen uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze herausgebildet. Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten, an denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte, ich mit meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und betrübte wie früher. Die Kinder waren noch zu klein, um uns aneinander zu binden.

Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja kamen für den Sommer aufs Land, unser Haus in Nikolskoje wurde umgebaut, und wir siedelten nach Pokrowskoje über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen Salon und meinem ehemaligen Zimmer mit den weißen Vorhängen und meinen gleichsam vergessenen Mädchenträumen. In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten: in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte ich jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha, und aus dem anderen, kleineren guckte das Gesicht des kleinen Wanja aus seinen Windeln hervor. Nachdem ich sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte dieses stillenStübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen Ecken, von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder. Wo sind aber diese Gesichte? Wo diese lieben, süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu hoffen wagte, war in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit hatte sich in ein schweres, mühseliges und freudloses Leben verwandelt. Dabei war aber alles noch das alte: der gleiche Garten liegt vor den Fenstern mit dem gleichen Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank steht dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in voller Blüte, und derselbe Mond steht über dem Hause; und doch hat sich alles in einer so schrecklichen, so unmöglichen Weise verändert! So kalt ist alles, was so lieb und so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst mit Katja im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas Gesicht ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre Augen glänzen nicht mehr vor Freude und Hoffnung, sondern drücken teilnahmsvolle Trauer und Mitleid aus. Wir sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir kritisieren ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch wie einst, der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken mitzuteilen; wir tuscheln miteinander wie Verschworene und fragen uns zum hundertsten Male, warum sich alles so traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe, nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden, an seinen Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber seintiefer, aufmerksamer Blick ist vor mir immer mit einer Wolke verhüllt. Auch ich bin noch immer dieselbe, aber in mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach Liebe. Kein Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst. Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere Fülle meines Lebens. Jetzt würde ich nicht mehr begreifen, was mir einst so klar und gerecht erschien: das Glück, für einen anderen zu leben. Weshalb für einen anderen, wenn ich nicht mal für mich selbst leben will?

Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die Musik ganz aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten Noten weckten in mir wieder die alte Lust.

Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein zu Hause; Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje gefahren, um den Neubau zu besichtigen. Der Teetisch war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie zu warten, und setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonatequasi una fantasiaauf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen oder zu hören, die Fenster nach dem Garten standen offen, und die bekannten Töne voller majestätischer Trauer klangen durch das Zimmer. Als ich mit dem ersten Teil zu Ende war, blickte ich aus alter Gewohnheit in den Winkel, wo er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war aber nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der Stelle gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das Fenster sah ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel abhob, und die Kühle des Abends strömte durch das offene Fenster herein. Ich stützte mich auf das Klavier, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und gab mich meinenGedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz der unwiederbringlichen alten Zeiten gedenkend und ängstlich in die Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob ich mir nichts mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. – Habe ich denn mein Leben schon hinter mir? – fragte ich mich und hob entsetzt den Kopf. Um zu vergessen und nicht mehr zu denken, begann ich noch einmal dasselbe Andante zu spielen. – Mein Gott! – dachte ich mir, – verzeih mir, wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in meiner Seele so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt tun, wie ich leben soll! – Ein Wagen rollte über den Rasen und hielt vor dem Hause, auf der Terrasse ließen sich die bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen, die gleich wieder verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten in meiner Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war, hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte sich auf meine Schulter.

»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!« sagte er.

Ich schwieg.

»Hast du noch keinen Tee getrunken?«

Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um, um die Spuren der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu verraten.

»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd wollte nicht recht laufen, sie sind an der Landstraße aus dem Wagen gestiegen und kommen zu Fuß,« sagte er.

»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf die Terrasse, in der Hoffnung, daß er mir folgen würde; er erkundigte sich aber nach den Kindern und ging zu ihnen.Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen, gütigen Stimme ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas verloren hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig und mild, er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst nicht, was mir noch fehlt. Ich trat auf die Terrasse und setzte mich unter die Markise, auf die gleiche Bank, auf der ich am Tage unserer ersten Aussprache gesessen hatte. Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem Garten, und nur durch die Bäume war noch ein wolkenloser Streif des Himmels mit dem erlöschenden Abendrot und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen. Auf allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles wartete auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte sich gelegt, kein Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des Flieders und des Faulbaums war im Garten und auf der Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft in Blüte, und wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen außer diesem süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht aufgeblühten Rosen standen unbeweglich auf ihren aufgewühlten, schwarzen Beeten und schienen langsam an ihren weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten unten in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie sich zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser treiben würde, gehörig ausschreien. Ein ununterbrochenes, feines Rieseln tönte durch ihr Geschrei hindurch. Die Nachtigallen riefen einander etwas zu, und man hörte sie unruhig von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüschunter dem Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat, hörte ich, wie sie in die Allee flog, dort noch einen Triller losließ und dann erwartungsvoll verstummte.

Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete und beklagte etwas.

Er kam hinunter und setzte sich neben mich.

»Ich glaube, die beiden werden in den Regen kommen,« sagte er.

»Ja,« sagte ich. Dann schwiegen wir beide lange.

Die Wolke senkte sich immer tiefer in der windstillen Luft, alles wurde stiller, duftender und unbeweglicher; plötzlich fiel ein Tropfen nieder und prallte von der Markise ab; ein anderer zerschellte auf dem Schotter des Gartenweges; dann klatschte es gegen die Pestwurzstauden, und bald ging ein frischer, immer stärker werdender Regen nieder. Die Nachtigallen und die Frösche waren ganz verstummt, das feine Rieseln ließ sich noch immer vernehmen, obwohl es beim Rauschen des Regens aus weiterer Ferne zu kommen schien; und irgendein Vogel, der sich wohl im welken Laub nicht weit von der Terrasse versteckt hielt, ließ in regelmäßigen Abständen seine zwei einförmigen Töne erklingen. Mein Mann stand auf und wollte fortgehen.

»Wo willst du hin?« fragte ich, um ihn zurückzuhalten. »Es ist so schön hier.«

»Man muß ihnen einen Regenschirm und Galoschen schicken,« antwortete er.

»Nicht nötig, der Regen hört gleich auf.«

Er stimmte mir bei, und wir blieben beide am Geländer der Terrasse stehen. Ich stützte den Arm auf einen nassen, glatten Balken und hielt den Kopf hinaus. Der kühleRegen tropfte mir auf Haar und Hals. Die Wolke über uns wurde immer heller und dünner und erschöpfte sich; an Stelle des gleichmäßigen Rauschens des Regens klangen bald nur noch die einzelnen Tropfen, die aus der Luft und von den Blättern fielen. Wieder schmetterten unten die Frösche, wieder regten sich die Nachtigallen, die einander von der einen und von der anderen Seite etwas zuzurufen begannen. Alles vor unseren Blicken war wieder heller geworden.

»Wie schön!« sagte er, sich auf das Geländer setzend und mit der Hand über mein nasses Haar streichend.

Diese einfache Liebkosung wirkte auf mich wie ein Vorwurf: ich war nahe daran, zu weinen.

»Was braucht der Mensch denn noch?« fragte er. »Ich bin jetzt so zufrieden, daß ich nichts mehr brauche! Ich bin vollkommen glücklich!«

– Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem Glücke, – dachte ich mir. – Wie groß es auch war, sagtest du, daß du noch mehr verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig und zufrieden, während meine Seele voll unausgesprochener Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist. –

»Auch mir ist es so wohl,« sagte ich, »aber gerade das, daß alles vor mir so schön ist, stimmt mich traurig. In meiner Seele ist alles so unharmonisch und unvollständig, ich verlange nach etwas, und hier ist alles so schön und ruhig. Mischt sich denn nicht auch bei dir eine Trauer in den Naturgenuß, sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit zurück?«

Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine Weile.

»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders imFrühjahr,« sagte er, als besänne er sich auf etwas. »Ich blieb manche Nacht auf, mir etwas ersehnend und auf etwas hoffend, und es waren schöne Nächte! … Aber damals hatte ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter mir; jetzt genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,« schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie schmerzlich mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß er die Wahrheit spreche.

»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich.

»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er, mein Gefühl erratend. »Du machst dir den Kopf naß,« fügte er hinzu, mich wie ein Kind liebkosend und mir wieder mit der Hand über das Haar streichend. »Du beneidest die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein. Ich aber freue mich nur über sie, wie über alles in der Welt, was schön, jung und glücklich ist.«

»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich weiter; ich fühlte, wie es mir immer schwerer ums Herz wurde.

Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir ganz aufrichtig antworten wollte.

»Nein!« antwortete er kurz.

»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich zu ihm wendend und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst du nicht das Vergangene?«

»Nein!« sagte er wieder. »Ich bin dem Himmel dafür dankbar, aber ich betrauere das Vergangene nicht.«

»Und du wünschst nicht einmal, daß es wiederkehre?« fragte ich.

Er wandte sich um und begann in den Garten hinauszublicken.

»Ich wünsche es nicht, wie ich auch nicht wünsche, daß mir Flügel wachsen,« sagte er. »Es darf nicht sein.«

»Und du möchtest das Vergangene gar nicht besser machen? Du machst dir oder mir gar keine Vorwürfe?«

»Niemals! Alles war zu unserem Besten.«

»Hör einmal!« sagte ich und berührte seine Hand, damit er sich nach mir umblicke. »Hör einmal: warum hast du mir niemals gesagt, es sei dein Wunsch, daß ich so lebe, wie du es möchtest? Warum gabst du mir die Freiheit, mit der ich nichts anzufangen wußte, warum hast du aufgehört, mich zu lehren? Wenn du nur wolltest, wenn du mich anders geleitet hättest, so wäre nichts, gar nichts geschehen,« sagte ich mit einer Stimme, aus der immer stärker ein kalter Ärger und Vorwurf, aber nicht die frühere Liebe herausklang.

»Was wäre nicht geschehen?« fragte er, sich erstaunt nach mir umwendend. »Es ist doch gar nichts geschehen. Alles ist gut. Sehr gut,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.

– Versteht er denn nichts, oder will er, was noch schlimmer wäre, nichts verstehen? – fragte ich mich, und Tränen traten mir in die Augen.

»Dann wäre es nicht geschehen, daß ich, die ich keine Schuld vor dir trage, mit deiner Gleichgültigkeit, sogar mit deiner Verachtung gestraft worden wäre,« entfuhr es mir plötzlich. »Dann wäre es nicht geschehen, daß du mir plötzlich ohne jede Schuld von meiner Seite alles genommen hättest, was mir teuer war.«

»Was sagst du, liebes Kind!« rief er, als verstünde er meine Worte nicht.

»Nein, laß mich ausreden … Du hast mir dein Vertrauen, deine Liebe, sogar deine Achtung genommen; denn ich kann nicht glauben, daß du mich nach allem, was einst war, noch liebst. Nein, laß mich doch einmal aussprechen, was mich schon so lange quält,« unterbrach ich ihn wieder. »Ist es denn meine Schuld, daß ich das Leben nicht kannte, und daß du es mir überließest, meinen Weg allein zu suchen? … Ist es denn meine Schuld, daß du mich jetzt, wo ich schon selbst begriffen habe, was not tut, wo ich mich schon seit einem Jahre abmühe, zu dir zurückzukehren, von dir stößt, als verstündest du nicht, was ich will, und zwar so, daß man dir gar nichts vorwerfen kann, während ich allein schuldig und unglücklich bin?! Ja, du willst mich wieder in jenes Leben zurückstoßen, das mir und dir zum Unglück werden könnte.«

»Womit habe ich denn das gezeigt?« fragte er mit aufrichtigem Entsetzen und Erstaunen.

»Hast du mir denn nicht gestern noch gesagt und sagst du mir nicht immer, daß ich es hier nicht aushalten werde, daß wir für den Winter wieder nach Petersburg gehen müssen, das mir verhaßt ist?« fuhr ich fort. »Statt mich zu stützen, vermeidest du jede offene Aussprache mit mir, jedes aufrichtige, zärtliche Wort. Aber dann, wenn ich ganz gesunken bin, wirst du mir Vorwürfe machen und dich über meinen Fall freuen.«

»Wart, wart,« sagte er streng und kalt, »es ist nicht gut, was du jetzt sagst. Das beweist nur, daß du jetzt gegen mich eingenommen bist, daß du mich nicht …«

»Daß ich dich nicht liebe? Sag es doch, sag!« sprach ich seinen Satz zu Ende, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich setzte mich auf die Bank und bedeckte mein Gesicht mit dem Taschentuch.

– So hat er mich also verstanden! – dachte ich und gab mir Mühe, das Schluchzen zu unterdrücken, das mich zu ersticken drohte. – Es ist mit unserer alten Liebe zu Ende, – sagte eine Stimme in meinem Herzen. Er ging nicht auf mich zu, er tröstete mich nicht. Er war durch meine Worte beleidigt. Seine Stimme war ruhig und trocken.

»Ich weiß nicht, was du mir vorwirfst,« begann er, »wenn es nur das ist, daß ich dich nicht mehr so liebe, wie ich dich früher liebte …«

»Ja, wie du mich liebtest!« sagte ich in das Taschentuch hinein, das die bitteren Tränen immer reichlicher netzten.

»So liegt es an der Zeit und auch an uns selbst. Jedes Alter hat seine eigene Liebe …« Er schwieg eine Weile. »Soll ich dir die ganze Wahrheit sagen, wenn du Aufrichtigkeit verlangst? Soll ich dir sagen, wie ich in jenem Jahre, als ich dich kennen lernte, manche schlaflose Nacht an dich dachte, wie ich selbst meine Liebe schuf, wie diese Liebe in meinem Herzen wuchs und wuchs, wie ich dann in Petersburg und im Auslande viele schreckliche Nächte schlaflos verbrachte um diese Liebe, die mich quälte, zerstörte und vernichtete? Ich zerstörte nicht sie, sondern nur das, was mich quälte; ich habe mich beruhigt, und doch liebe ich dich noch immer, aber mit einer anderen Liebe.«

»Ja, du nennst das Liebe, es ist aber eine Qual,« sagte ich. »Warum erlaubtest du mir, in der großen Welt zuleben, wenn sie dir so verderblich erschien, daß du mich um ihretwillen zu lieben aufgehört hast?«

»Es ist nicht die große Welt, liebes Kind,« sagte er.

»Warum hast du nicht von deiner Gewalt Gebrauch gemacht,« fuhr ich fort, »warum hast du mich nicht gebunden und getötet? Das wäre für mich besser, als alles zu verlieren, was mein Glück ausmachte, es wäre mir wohl, und ich müßte mich nicht so schämen.«

Ich fing wieder zu schluchzen an und bedeckte mein Gesicht mit dem Tuch.

In diesem Augenblick kamen Katja und Ssonja, lustig und durchnäßt, laut redend und lachend auf die Terrasse; als sie uns aber erblickten, verstummten sie und gingen sofort weg.

Als sie fort waren, schwiegen wir lange; ich hatte mich ausgeweint und fühlte mich erleichtert. Ich sah ihn an. Er saß, den Kopf in die Hand gestützt, und wollte etwas auf meinen Blick antworten; aber er seufzte nur schwer auf und stützte den Kopf wieder in die Hand.

Ich ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Er sah mich nachdenklich an.

»Ja,« begann er, als fahre er in seinen Gedanken fort. »Wir alle – besonders aber ihr Frauen – müssen die ganze Eitelkeit des Lebens auskosten, um zum Leben selbst zurückzukehren; die Erfahrung eines anderen kann uns nichts nützen. Du hattest damals diese verlockende und liebe, eitle Lust am Leben, die ich in dir bewunderte, noch lange nicht ausgekostet; ich ließ dich sie ganz auskosten und fühlte, daß ich kein Recht hätte, dir Schwierigkeiten zu machen, obwohl für mich diese Zeit längst vorbei war.«

»Warum hast du dann diese ganze Eitelkeit mit mir genossen, warum ließest du mich sie genießen, wenn du mich liebst?« fragte ich.

»Weil du, selbst wenn du wolltest, mir nicht geglaubt haben würdest; du mußtest alles selbst kennenlernen, und du hast es auch kennengelernt.«

»Du hast viel zu viel Überlegungen angestellt,« sagte ich. »Du hast zu wenig geliebt.«

Wir schwiegen wieder eine Weile.

»Es ist grausam, was du eben sagtest, aber es ist wahr,« versetzte er, indem er sich plötzlich erhob und auf der Terrasse auf und ab und zu gehen begann. »Ja, es ist wahr. Ich war im Unrecht,« fügte er hinzu, vor mir stehen bleibend, »entweder hätte ich mir gar nicht erlauben dürfen, dich zu lieben, oder ich hätte dich einfacher lieben sollen. Ja.«

»Vergessen wir alles,« sagte ich scheu.

»Nein, das Vergangene kehrt nicht wieder, kehrt niemals wieder.« Seine Stimme wurde weicher, als er das sagte.

»Alles ist ja schon wiedergekehrt!« sagte ich, indem ich ihm meine Hand auf die Schulter legte.

Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie.

»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich das Vergangene nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl, ich beweine jene frühere Liebe, die nicht mehr ist und nicht mehr wiederkehren kann. Wer die Schuld trägt, weiß ich nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber es ist nicht die von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie selbst ist verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sindnur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben, aber …«

»Sprich nicht so …« unterbrach ich ihn. »Mag alles wieder so werden, wie es war. Das ist doch möglich? Ja?« fragte ich, ihm in die Augen blickend. Aber seine Augen waren heiter und ruhig und blickten gar nicht tief in die meinigen.

Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich wollte und um was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte ein ruhiges, mildes, wie mir schien greisenhaftes Lächeln.

»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er. »In mir ist nichts mehr davon, was du suchst; warum soll man sich betrügen?« fügte er mit dem gleichen Lächeln hinzu.

Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger ums Herz.

»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,« fuhr er fort, »wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber die alten Aufregungen und Sorgen dahin sind, dafür müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr zu suchen, keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon alles gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden. Jetzt müssen wir zur Seite treten und den Weg diesem da freigeben,« sagte er, auf die Amme weisend, die mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre erschienen war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr, sondern ein alter Freund, der mich küßte.

Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die duftende Frische der Nacht herein, immer feierlicher wurden alle Töne und die Stille, und immer mehr Sterne leuchtetenam Himmel auf. Ich blickte ihn an, und es wurde mir plötzlich so leicht ums Herz, als hätte man mir einen kranken seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das Gefühl jener Zeit so unwiederbringlich vorbei war, wie jene Zeit selbst, und daß es nicht nur unmöglich, sondern auch unerträglich und schmerzvoll gewesen wäre, jenes Gefühl wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so glücklich erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie lange, wie lange war es schon her!

»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir gingen zusammen in das Wohnzimmer. In der Türe trafen wir wieder die Amme mit Wanja. Ich nahm das Kind auf die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu, drückte es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen mit den gespreizten Fingerchen und schlug die trüben Äuglein auf, als suchte es etwas oder als wollte es sich an etwas erinnern; seine Äuglein blieben plötzlich an mir haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen auf, und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu einem Lächeln. – Mein, mein, mein! – dachte ich, indem ich mir das Kind mit einer beseligenden Spannung in allen Gliedern an die Brust drückte und mich mit Mühe zusammennahm, um ihm nicht weh zu tun. Und ich begann, seine kalten Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich zu, ich verhüllte schnell das Gesicht des Kindes und deckte es gleich wieder auf.

»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er dasKind mit dem Finger unter dem Kinne berührte. Ich deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder zu. Niemand durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann an; seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten, und es war mir zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und so wohl ums Herz, sie zu sehen.

An diesem Tage endete mein Roman mit meinem Manne; das alte Gefühl wurde zu einer teueren, unwiederbringlichen Erinnerung, und das neue Gefühl der Liebe zu den Kindern und zum Vater meiner Kinder legte den Grund zu einem neuen, in einem ganz anderen Sinne glücklichen Leben, das ich in diesem Augenblicke noch nicht abgeschlossen habe …


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