Zweiter Teil.

Zweiter Teil.I

Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende, grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las,trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß, und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl, aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein, für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt so ein Weib zu sein.

Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu lachen an und konnte nicht mehr beten.

»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.

»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«

»Du betest doch hoffentlich?«

Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.

»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkischsinken und begann mit ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.

Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.

»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, alsobich wieder ein Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände küssend.

Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft, ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier, zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer, auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber später so lieb wurde wie ein alter Freund. VonTatjana Ssemjonowna war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze für das Unangenehmste auf der Welt), – alle diese Leute waren stolz auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an meinem – zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer. Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten. Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir alles ernsthaft berichte,und er berichtete es mir, sein Lächeln unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah und seine Stimme hörte.

»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir. Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen, wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las allein, er schriebund ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen, das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme, adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton. Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien; ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel, aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht erwartete, stand ich vom Klavier auf undging auf ihn zu, um in seinem Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig, um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch, für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.

Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten unsimmer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe ich, daß vieles – diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause – unbequem und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow, ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen, wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes, um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und wennDmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht, daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine Schwäche. – Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen zu zeigen, – dachte ich mir.

»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber:le mieux est l'ennemi du bien. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre, wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber gar nicht geben.«

Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück gäbe.

So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit seinen Frösten und Schneestürmen, und ich fing an, obwohl er mit mir war, mich einsam zu fühlen; zu fühlen, daß das Leben sich wiederhole, daß weder in mir noch in ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften ohne mich, und es kam mir wieder vor, als wäre in seiner Seele eine eigene Welt, in die er mich nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und war auch über seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; aber meine Liebe war in ihrem Wachstum stehengeblieben, und neben ihr keimte in meinem Herzen irgendein neues unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben, nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir aufblühen zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und nicht nach einem ruhig dahinfließenden Leben. Ich sehnte mich nach Aufregungen, Gefahren und Aufopferung des Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft, die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich überkamen Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas Schlimmes vor ihm zu verbergen suchte, und Anfälle einer ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die ihn erschreckten. Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte mir den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, es nicht zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und unser Glück nicht zu stören. Ich war in der Tat glücklich, aber mich quälte es, daß dieses Glück mich gar keine Mühe, gar kein Opfer kostete, während mich der Überfluß an Tatkraft und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn und sah,daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern suchte, ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. Mein Geist und sogar meine Empfindung waren beschäftigt, aber es gab auch noch ein anderes Gefühl von Jugend, ein Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen Leben keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß wir in die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? Hätte er es mir nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, daß das Gefühl, das mich bedrückte, eine dumme und schädliche Einbildung und ein Fehler von mir war, daß das Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in der Unterdrückung dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich meiner Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die Stadt zöge, kam mir unwillkürlich in den Sinn; zugleich wäre es aber für mich beschämend und schmerzlich, ihn von allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit ging aber dahin, der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern auf, und wir waren immer allein und immer noch die gleichen zueinander; aber irgendwo draußen wogten in Glanz und Lärm Scharen von Menschen, die litten und sich freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes Dasein zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich fühlte, wie die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage zu einer bestimmten Form erstarren machten, wie unser Gefühl, statt frei zu werden, sich dem gleichmäßigen und leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am Abend zärtlich. – Gut! … – sagte ich mir, – es ist gut, Gutes zu tun und ehrlich zu leben, wie er es nennt;aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt auch noch etwas anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. – Mir tat etwas anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das Gefühl unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. Ich wollte mit ihm an den Rand eines Abgrunds treten und sagen: – Ein Schritt, und ich stürze mich hinab, eine Bewegung, und ich bin verloren! – Er aber sollte am Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, so daß mir das Herz erkaltete, und mich dann forttragen, wohin er wollte.

Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und ich wurde nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch schlechter als gewöhnlich; er war aus dem Gutskontor in übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm selten der Fall war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe. Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht der Rede wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik einige von unseren Bauern zu sich berufen und von ihnen, um meinen Mann zu ärgern, unter Drohungen etwas Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich erschiene; er war gereizt und wollte darum mit mir nicht sprechen. Mir schien aber, er wolle darum nicht sprechen, weil er mich für ein Kind halte, welches gar nicht verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte mich von ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei uns zu Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der sehr schnell getrunken war, ging ich mit Marja Minitschna ins Diwanzimmer und begann ihr irgendeinen Unsinn zuerzählen, der mich gar nicht interessierte. Er aber ging im Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche Wirkung, daß ich immer größere Lust verspürte, zu sprechen und sogar zu lachen; alles, was ich selbst sagte, und auch alles, was Marja Minitschna sagte, kam mir so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in sein Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine Schritte nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine ganze Lustigkeit, so daß Marja Minitschna mich sogar fragte, was ich habe. Ohne ihr zu antworten, setzte ich mich aufs Sofa und war bereit zu weinen. – Was fällt ihm bloß ein? – dachte ich mir. – Es ist irgendein Unsinn, der ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, es mir zu sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn ist. Nein, er muß sich unbedingt einreden, daß ich es nicht verstehen werde, er muß mich mit seiner majestätischen Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber behalten. Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen will, aber nicht immer auf demselben Flecke bleiben und fühlen, wie die Zeit über mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, ich will jeden Tag und jede Stunde etwas Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum Stehen zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er brauchte mich gar nicht in die Stadt zu bringen, es genügte, wenn er nur so wäre, wie ich, wenn er sich keinen Zwang antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach leben wollte. Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht einfach. Das ist es! –

Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich gegen ihn gereizt war. Ich erschrak vor diesem Gefühl und ging zu ihm. Er saß im Kabinett und schrieb. Als er meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen, gleichgültigen und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. Dieser Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb ich vor dem Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein Buch auf und blickte hinein. Er hielt noch einmal in seinem Schreiben inne und sah mich an.

»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.

Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: – Brauchst nicht zu fragen! Was sind das für Liebenswürdigkeiten? – Er schüttelte den Kopf und lächelte scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich auf sein Lächeln nicht mit meinem Lächeln.

»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast du es mir nicht gesagt?«

»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. »Aber ich kann es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen in die Stadt …«

Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.

»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, als ich dich danach fragte?«

»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich war wütend.«

»Aber ich wollte es gerade damals wissen.«

»Warum?«

»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?«

»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend. »Ich glaube, daß ich ohne dich nicht leben kann. In allenDingen, in allen Dingen hilfst du mir nicht nur, sondern tust alles statt meiner. Was dir plötzlich einfällt!« rief er lachend. »Ich lebe doch nur dank dir. Alles erscheint mir nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich …«

»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen muß,« sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich so erstaunt, als sähe er mich zum erstenmal, anblickte. »Ich will die Ruhe nicht, du hast sie ja im Überfluß,« fügte ich hinzu.

»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann er hastig, mich unterbrechend, als fürchtete er, mich aussprechen zu lassen, »was würdest du in diesem Falle sagen?«

»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte zwar Lust, ihm zuzuhören, aber es war mir so angenehm, seine Ruhe zu stören. »Ich will nicht so tun, als ob ich lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so wie du.«

Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit aus.

»Ich will genau so wie du leben, mit dir …«

Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm einen so traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er schwieg eine Weile.

»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und deinem Leben?« fragte er. »Doch nur darin, daß ich, und nicht du, mich mit dem Isprawnik und den betrunkenen Bauern herumschlage …«

»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich.

»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,«fuhr er fort, »ich weiß, daß alle solche Aufregungen uns immer weh tun; ich kenne das Leben und weiß es. Ich liebe dich und kann darum nichts anderes wollen, als dir alle diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in der Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.«

»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen.

Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so heiter und ruhig war, während ich Ärger und ein Gefühl, das der Reue glich, empfand.

»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist doch nicht davon, ob ich Recht habe oder du Recht hast, sondern von etwas ganz anderem: was hast du gegen mich? Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und sage mir alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden, du hast wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich Unrecht habe.«

Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele aufdecken? Daß er mich sofort verstanden hatte, daß ich wieder wie ein Kind vor ihm dastand, daß ich nichts anfangen konnte, ohne daß er es begriff und voraussah, – regte mich noch mehr auf.

»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile mich nur und will, daß diese Langweile aufhört. Aber du sagst, daß es so sein muß, und hast wieder Recht!«

Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte meinen Zweck erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht drückte Schrecken und Schmerz aus.

»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme, »es ist kein Scherz, was wir jetzt treiben. Unser Schicksal steht auf dem Spiele. Ich bitte dich, mir nichts zu antwortenund mich anzuhören. Warum willst du mich so quälen?«

Aber ich unterbrach ihn.

»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht, du hast Recht,« sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst, sondern irgendein böser Geist in mir.

»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit zitternder Stimme.

Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir das Herz. Er saß neben mir und schwieg. Ich empfand Mitleid mit ihm, ich schämte mich und ärgerte mich über mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte, er müsse mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt ansehen. Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie um Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet. Ich nahm seine Hand und sagte:

»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.«

»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest Recht.«

»Wieso denn?« fragte ich.

»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete er. »Hier haben wir nichts mehr zu tun.«

»Wie du willst,« sagte ich.

Er umarmte und küßte mich.

»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.«

An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während er im Zimmer auf und ab ging und etwas flüsterte. Er hatte die Gewohnheit, so zu flüstern; ich fragte ihn oft, was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann immer nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilenauch irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn konnte ich immer seine Stimmung erkennen.

»Was flüsterst du heute?« fragte ich.

Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd mit den zwei Zeilen Lermontows:

»… Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen,Als wäre in den Stürmen Ruh!«

»… Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen,Als wäre in den Stürmen Ruh!«

– Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! – dachte ich mir. – Wie sollte ich ihn nicht lieben! –

Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm auf und ab zu gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt mit ihm zu halten.

»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an.

»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche, lustige Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten, wir machten immer größere Schritte und reckten uns immer höher auf den Zehen empor. Mit dem gleichen Schritt gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum Erstaunen Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch alle Zimmer ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen einander an und brachen in Lachen aus.

Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir schon in Petersburg.


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