Und hierauf die ganzen SummenVon den halben abgezogen,Dann sich ernstlich drob verwundert,Als er fand die Horoskope.
"Du bist heut im Jahr der Stufen,"Sprach er, "hüte dich vor Rosen!Du bist heut in diesen StundenVon Gefahren schwer bedrohet!
Hüte dich, denn ob dir rundenDie Gestirn recht im Zorne,Einge Stellen bleiben dunkel,Die vom Feuer und vom Tode.
Denn dein Schicksal ist verbundenMit unzähligen Legionen,Unbekannt ist eure Mutter,Um Betrug wirst du betrogen
Und wirst sein von großen NutzenEinem hohen Philosophen,Und dies ist schon mit dem FundeDeines Buches eingetroffen.
Aber dunkler wird's und dunkler,Denn ich sehe die drei Rosen,Die zu einem starken BundeGegen dich sich fest verschworen.
Hüte dich vor einem Brunnen,Wo die Kinder drinnen wohnen,Denn du teilest diese PunkteMit dem Tage des Herodes.
Und in manchen KonjunkturenStehen meine eignen PoleMit den deinigen verbunden,Denn mir drohen auch die Rosen.
Durch dich, was mich gar sehr wundert,Wird entstehen einst ein Kloster,Und die böse RosenblumeWächst im Garten dieses Klosters.
Einem ungeheuern SturzeBist du auch noch unterworfen;Jetzt wird's klarer: Deine StundeWird dir mit dem Feuer kommen."
Und nun greift er nach dem Buches."Nimm es hin!" sprach lachend Moles,"Du weissagst mir wenig Gutes,Mein Geschick ist nicht zu loben."
Aber an dem Turme untenSchallet heftig nun die Glocke,Und da Apo schaut hinunter,Sieht er seiner Schüler Horde.
"Was nur mag zu dieser StundeDieser Troß von mir doch wollen?"Und er öffnet mit dem ZugeSchnell des Turme kleine Pforte,
Löschet in der grünen UrneSchnell das Licht des Totenkopfes,Und es gleicht die schwarze StubeEinem alten dunkeln Boden.
Da die Schüler auf den StufenSeiner Türe näher kommen,Spricht: "O Meister, laß mich suchenEinen Winkel!" zu ihm Moles.
"Weil in diesen bösen Stunden,Wie du sprachst, Gefahr mir drohet;Daß die Schüler dich besuchen,Macht mich ängstlich und betroffen."
Apo spricht: "Hier hinterm StuhleBist du gänzlich wohl verborgen;Ich verhäng dich mit dem Tuche,Das ihn rings bedeckt zum Boden."
Und es öffnet sich die Stube.Apo sitzt wie auf dem Throne,Und in eine halbe RundeSich die Schüler um ihn ordnen.
Einer tritt dann mit der UrneVor ihn, spricht: "O Herr, des MolesAsche in der Urne ruhet!Er starb eines seltnen Todes.
Ja sein Tod war recht ein Wunder,Denn die Sängrin retten wollend,Stürzten zu ihm alle Gluten,Brannten ihn vor uns zu Kohlen!
Und wie auch des Wasser FlutenRings wir auf ihn niedergossen,Brannt er bis zum letzten Funken,Und es blieb auch nicht ein Knochen!
Da ein Mönch geweihten BrunnenZu ihm sprengte ein'ge Tropfen,Ward er Asche; in der UrneHaben wir sie aufgehoben.
Herr verzeih, daß wir zur StundeUns hieher zu dir erhoben,Denn wir kommen hoch verwundertZu dir, und entsetzt, erschrocken!"
Apo höret ihre Kunde,Und ihm stockt fast der Odem;Ängstlich spricht er: "Deine Zunge,Schüler, hat sie nicht gelogen?"
Alle sprechen in der Runde:"Meister, es ist nicht gelogen,Denn es sah's die ganze Schule,Und es sahens alle Ordnen.
Und es schrieen alle: Wunder!Die gelöschet in der Oper,Da sie unsern teuern BruderSahn zu Asche niederlohern!" —
"So enthüllet mir die Urne!"Sprach Apone tief erschrocken,"Daß ich Ehre an ihm tue,Denn ich war ihm stets gewogen.
Längst wußt ich, daß dieser StundenGroße Nöten ihn bedrohten;Seht: Hier mit dem schwarzen RußeStellt ich seine Horoskope.
Er war eine der Naturen,Die im Zentrum aller SonnenFeuer tragen in dem Blute,Das sich in sich selbst vertrocknet.
Seine Asche untersuchenWollen wir am nächsten Morgen,Daß er uns belehrend, nutze,Auch noch hilfreich in dem Tode!"
Da enthüllten von dem TucheSie die Urne; eine WolkeSchoß heraus, ganz dick und dunkel,Die rings durch die Stube rollte.
Sie drang auf mit solchem Schwunge,Daß der Schüler stürzt zu Boden,Und die Treppentüre suchendAlle übernander stoßen.
Wunderliche ZerrfigurenBildete die wilde Wolke,Flog dann summend, eine Hummel,In den schwarzen Bart Apones.
Da er sie zu jagen suchte,Wuchs sie, ihm zu großem Zorne,Aus dem Bart als Bart herunterUnd flocht sich zu einem Zopfe.
Apo fängt nun an zu fluchen,Und ein hohles Lachen kollertUm ihn her. Nichts mehr zu suchenHatten die Studenten oben.
Und die Treppe schier kopfunterSchossen sie hinab von oben,Ihre Seelen auch mitunterDiesem, jenem angelobend.
Apo glaubt in falschem Mute,Daß sie seiner spotten wollten,Und stürzt nach mit seiner RuteAuf die armen jungen Toren,
Bis in seinem Bart verschlungenEr hinabzustürzen drohte;Denn er stieß mit einem FußeAuf dem Weihbrunnkessel oben,
Der hellklingend auf den StufenWiderspringend niederrolletUnd der fliehenden SchuljugendWie ein böser Donner folgte.
Hei! wie hat ein muntres FluchenDa der zornge Mann erhoben!Aufwärts tappend nach der StubeWard er an dem Bart gezogen.
Da er eintrag in die Kuppel,War der Bart dem Zug gefolgetUnd fiel vor ihm in der StubeSchwarz als Asche auf den Boden.
Apo reißt das Tuch vom Stuhle,Aber statt des Schelmen MolesSieht er dort nur seinen PudelSitzend auf den Hinterpfoten.
Dieser Anblick macht ihn stutzen,Und es ging sein Zorn verloren;Vor der Überraschung WunderWar er innerlich erschrocken.
Er erkannte in dem HundeUnd in seinem Schüler Moles,Was er nimmermehr vermutet,Einen heimlichen Dämonen.
Und sprach nun mit kalter Ruhe:"Bist du solchen Schrot und Kornes,Soll dir alles auch zugute,Wie du mir's geboten, kommen!"
Greifet dann nach einem BucheUnd nach einer Glasesglocke,Die bezeichnet mit FigurenUnd beschrieben rings mit Formeln.
Und mit seines Fingers DruckeTöne aus der Glocke lockt er,Die dem wundersamen PudelPeinlich schallten in den Ohren.
Mit dem Winseln eines HundesSchrie: "Erbarmen!" laut der Moles."Laß mich nicht so schwer verschulden,Daß ich scherzhaft bin geworden!"
Doch zu quälen ihn nicht ruhetApo mit dem Ton der Glocke,Bis der Geist zu allem GutenSich ihm hoch und tief verschworen.
"Sprich, in welcherlei FigurenSoll ich künftig bei dir wohnen?"Fragt er, "da ich in den GlutenStarb, nach deinem Horoskope."
Apo sprach: "Du bleibst mein Pudel;Aber soll ich deiner schonen,So erklär die dunklen PunkteGleich jetzt deines Horoskopes.
Wer war deine erste Mutter?Wer hat dich zuletzt geboren?Wie steht es mit jenem Buche?Was bedeut der Haß der Rosen?
Was hast du mit einem Brunnen,Welchen Kinder klein bewohnen?"Nun spricht aus dem HundeknurrenZu dem Herrn der schlaue Moles:
"Ich weiß nichts von jenem BrunnenUnd auch nichts von jenen Rosen,Sie sind mir wie dir so dunkel,Auch die Stiftung jenes Klosters.
Denn es gibt gar manche Wunder,Die mir ewig sind verschlossen:Aber ganz auf andre SpurenHab ich suchend mich geworfen!
Wenn Biondetten du errungen,Wenn getötet du Meliore,Wenn ohn Abendmahls GenusseStarb das Weib des Jacopone,
Wenn verzweifelt, ohne Buße,Starb der Fackelgießer Kosme,Und wenn stürzt in schwere SchuldenSeine jungfräuliche Tochter,
Und in Raserei zugrundeGeht der Bruder Jacopones,Pietro, der die schönen BlumenZiehet vor dem römschen Tore:
Dann magst du und ich in RuheEwig hausen vor den RosenUnd dem Kinde jenes BrunnensUnd vor jenem neuen Kloster!
Aber willst du meine MutterKennen, lies die ersten BogenDes dir hochgepriesnen BuchesVon dem Weib des Erdensohnes!"
Also sprach der Geist. Zum BucheSitzt begierig nun Apone,Ihm zu Füßen liegt der PudelAugenfunkelnd an dem Boden.
Doch die Lettern dieses BuchesSind ihm unbekannte Formen,Und erzürnt der Meister fluchet,Moles mit den Füßen stoßend.
"Was soll mir der welsche Plunder?Wahrlich, diese Schrift ist toller,Als im Schnee die krausen SpurenHungrig scharrnder Hühnerpfoten!"
Zu ihm schwänzelnd spricht der Pudel:"Meister, diesen Fall ich lobe.Lang ging ich zu deiner Schule,Nun kannst du zu meiner kommen.
Ich will dir zur rechten StundeBald ein paar Tinkturen kochen,Und hast du davon getrunken,Liest du alle Hühnerpfoten!
Und dann geb ich dir in kurzemAuch die rechte Lesmethode,Wie von oben du nach unten,Und von unten liest nach oben.
Denn das ist des Buches Wunder,Trotz dem Werk der Philosophen:Du magst lesen drüber, drunter,Immer gleich bleibt dir geholfen.
Weil auf Schlüssen es beruhet,Die von hinten aus nach vornenWas nach oben, was nach untenWard verknüpfet, schnell entknoten.
Konsequenz allein ist Tugend,Und das Ding verkehrt genommen,Was man kann, weil es gerundet,Kann das Laster selbst uns frommen.
Hast du Kraft dazu gefunden,Magst du immer unverhohlenSchwimmen gen den Strom des Flusses,Streichen gen des Wuchs die Borsten.
So findst du der Freiheit Wurzel,Dringst vom Abgrund du nach oben;Allen Zwang hat überwunden,Wer entwurzelt das Verbotne!" —
"Schweig mit der Moral der Hunde!"Sprach beschämet nun Apone,"Sage her des ersten BuchesInhalt!" — Und zu ihm spricht Moles:
"Du liest in dem ersten Buche,Wie unendlich war ergossenOr Haënsoph ohne Dunkel,Ein unendlich Leuchten Gottes.
Wie dem Lichte ist entsprungen,Sich rückziehend durch das Wollen,Dunkler Raum im Mittelpunkte,Worin ward die Welt geboren.
Wie sich in des Rückzugs SpurenKreisend dann das Licht ergossen,Mannigfach des Raumes DunkelLicht erringend hat umschlossen.
Und wie, alles durchfiguret,Adam Kadmon war geboren,Aus sich selbsten ausnaturendDie zehn Kräfte Sephirote.
Wie vier Welte sind entsprungen,Da lebendig war das Wollen:Asia, Briat, AzilutheUnd Jezirah, Antlitz Gottes.
Die Jezirah ist durchdrungenVon zehn hohen Engelchoren,In astralschen Leiber funkelndSind sie alle schon personet.
Die Asia ist die untre,Materialisch schon geformet,Drin die bösen Geister wurzeln,Die in Gottes Zorn geboren.
Sie ist aus dem Streit entsprungen,Als das Ebenbildnis Gottes,Adam Kadmon, zu bewundernGott die Engel aufgefordert.
Luzifer ist aufgedrungenUnd hat da im ersten StolzeAdam Kadmon ausgerufen,Nicht als Bild, nein als den Gott selbst.
Denn als Gott sich ausfiguretIn der Kraft des ewgen Wollens,Wollte Luzifer naturet,Über ihm als Herr nun thronen.
Aber aus dem Licht ins DunkelWard er da hinabgestoßen;So entstand die Schwere unten,So ward untre Welt geformet.
Die nun materialisch rundetAls die Erde, Mond und Sonne,Aber doch in ihrem SchwungeIst der obern unterworfen.
Und so sind in Gott entsprungen,Aber doch in ihrem WollenWiderstreitend scharf zwei Punkte:Ewges Licht und ewges Dunkel.
Wer nun in der Tiefe suchet,Wo die starken Geister wohnen,Der wird stark in ihrem Bunde;Jeder ist dem Geist willkommen.
Selig aber sind die Dummen,Sie gehn auf im Schoße Gottes,Wissen nicht das was sie tuen;Hast du Lust dazu, Apone?
Geißle blutig dir den Buckel,Schlafe auf dem harten Boden,Küß kein Weib und bet hungre,Gehe stolz einher im Spotte!
Und vor allem sei ein Kluger,Wählst du in den ReligionenUnter Heiden, Christen, Juden,Daß du triffst die rechte Pforte!
Oder willst du im AbgrundeMit dem hohen Geiste wohnen?Willst du leuchten in dem DunkelVor den andern Philosophen?
Jauchze dann in ewger Jugend,Plätschre in des Lebens Wogen,Daß dich heben WollustflutenÜbers Tor des ewgen Todes!
Denn das ist das hohe WunderUnd der Teufelsquell des Trostes,Daß wir nimmer gehen unter,Weil wir streben nur nach oben!
Wir allein sind fest gefußet,Sind es durch Erkenntnis wordenVon dem Bösen und dem Guten;Stürzen können die von oben,
Steigen können die von unten!" —Also sprach der schlaue Moles,Und begann von seiner MutterDie Geschichte dann, wie folget.
** Romanze X: Schöpfungsgeschichte des Moles
"Als das Licht sich hat entzweiet,Stieg was leicht und sank was schwer,Und das Eine war gezweietZwischen Gott und Luzifer.
Luzifer, dem stolzen Geiste,Diente nun der feste Kern,Und was unterridisch kreiste,Nannte ihn den mächtgen Herrn,
Der von unten aufwärts greifetUnd mit Wonne und mit SchmerzWas unsicher oben schweifetNiederreißt ans erzne Herz.
Und der Oberfläche ZweifelStehet an der Scheide Weg,Und das eben ist der Teufel,Daß so eben ist sein Weg.
Aber nieder sah mit NeideGott zum festen Erdenstern,Und er wollte, daß sie beideAnteil hätten an dem Kern.
Wollte, daß als FriedensgeiselEiner zwischen beiden geh,Und, des großen Künstlers MeißelLobend, an der Sonne steh;
Der, den Geist der Erde preisend,Hafte an dem Grunde schwer,Mit der Stirne aufwärts weisend,Mit dem Leibe irdisch wär.
Und der Herr sprach: "Nieder reiseZu der Erde, Gabriel,Bring in ihre sieben KreiseDes Allmächtigen Befehl,
Daß sie dir des Staubes reicheAus den sieben Tiefen schnell,Daß ein Bildnis, das mir gleiche,Ich ihr draus zum Herren stell."
Als der Seraph niedersteigendZu der irdschen Feste schwebt,Lag die Erde einsam schweigend,Von der Geister Puls durchbebt.
Wo des Engels Flug ausgreifet,Spaltet sich das Firmament,Und aus seinen Ufern schweifetBang das nasse Element.
Und es dreht sich das EisenSchmerzlich in der Erde Herz,Daß die Quellen los sich reißenAus der Tiefe himmelwärts.
Auf den Fittichen gebreitetSteht der Seraph vor dem Kern:"Erde, dir ist Heil bereitetDurch den Willen deines Herrn!
Sei gegrüßt, Gebenedeite!Denn mit dir will sein der Herr,Und aus deinem EingeweideSoll erstehen dir der Herr.
Und die Frucht aus deinem LeibeSoll dem Herren ähnlich sehn;Daß dir Gottes Liebe bleibe,Soll sein Bild aus dir erstehn.
Drum aus deinen sieben Reisen,Von der Rinde bis zum Kern,Laß mich eine Handvoll greifen;Also ist der Will des Herrn!"
Vor des Engels lautem SchreieWidertönt der Erde Erz,Und mit einem tiefen SchreieTönet auf aus ihr das Herz:
"Gabriel! zum Herrn ich schreie,Tief in innrer Angst erbebt,Daß er mir den Wunsch verzeihe,Daß ich bleibe unbelebt.
Daß ich jungfräulich im ScheineSeines Lichtes freudig steh,Nimmer um den Menschen weine,Nicht in Sünde untergeh.
Jetzo bin vor Gott ich reine;Soll ein Herr aus mir erstehn,Wie soll bleiben er der meine,Wenn er in das Licht gesehn?"
Und den Seraph hat das WeinenDer Jungfräulichen bewegt,Zu des ewgen Lichtes ScheinenIhn der Flügel wieder trägt.
Und wo er im Flug verweiletIn der weiten Himmelshöh,Geht die Sonne, da er eilet,Auf, daß sie die Erde seh.
Und er sprach: "O Herr, verzeihe!Mich durchdrang ihr rührend Flehn;Ihre Bitte, Herr, verleihe,Laß in Reinheit sie bestehn!"
Doch der Herr sprach: "Will im ScheineMeiner Sonnen keusch sie gehn,Will sie bleiben immer reine,Eh ihr auf die Augen gehn?
Sie liegt in des Traumes Zweifel,Wenn mein Bild nicht auf ihr lebt;Aus ihr schreiet nur der Teufel,Wenn sie zierend widerstrebt."
Und der Herr sprach: "NiedersteigeZu der Züchtgen, Michael!Daß sie dir des Staubes reiche,Nach des Ewigen Befehl!"
Als der Seraph sie umkreisendSieht im Mittagsglanze stehenUnd, des Herren Milde preisend,Sich im Sonnenstrahl ergehn,
Rühret ihn, den göttlich Freien,Der nicht kannte irdisch Weh,Ihr metallisch heißes Schreien,Daß ihr hart Gewalt gescheh.
Und er blieb, zur Höhe eilendBittend vor dem Ewgen stehn,"Herr!" sprach er, "hör Gnad erteilendSchonend an der Erde Flehn!
Ich hab sie im SonnenkleideAlso schuldlos schlummern sehn,Aller Tränen AugenweideUnter meines Fittichs Wehn.
Als ich meine Flüge breitendSie mit meinem Flug erweckt,Ihre Schmerzen tief mitleidend,Hat mich ihr Geschrei erschreckt!"
Und der Ewge sprach: "So steigeZu der Jungfrau, Raphael,Daß sie dir des Staubes reiche,Bringe ihr des Herrn Befehl!"
Und der Seraph niederschweifetÜberm blauen Wogenmeer,Und die Erde lag umreifetVon dem Abendglanz umher.
In dem roten SonnenscheineWar sie so in Trauer schön,Stille lauschend, wie sie weine,Blieb er auf den Wogen stehn.
Und von ihrem heißen WeinenWurden seine Flügel schwer,Und er mußte mit ihr weinenNieder in das dunkle Meer.
Da er in die Wogen weinet,Da erbitterte das Meer,Und ihr Herz in Schmerz versteinetFloß in salzgen Quellen her.
Und der Engel wollte weichen,Da die Sonne stieg zur See,Und er stellt zum FriedenszeichenIhr den Mond in blauer Höh.
Da er zu dem Licht aufreisendDurch das hohe Himmelsfeld,Rollen seine Tränen kreisendUm die Erd das Sternenzelt.
Und der Herr sprach: "NiedersteigeZu der Erde, Azrael!Daß sie dir des Staubes reiche,Bringe ihr des Herrn Befehl!"
Und der Seraph weit ausbreitetEr die Flügel um sich her,Daß der Schatten mit ihm schreitetUnd die Nacht so tief und schwer.
Ihn soll nicht ihr Schmerz ergreifen,Er will sie nicht trauern sehn,Und vor ihm an ihren ReifenMond und Sonne untergehn.
Von der neuen Lichter ScheineDie Geblendeten vergehn,Als sie freudg und alleineIn ihr eigenes Herz gesehn,
Und fand allerlei Gebeine,Die das Licht in ihr erregt,Fand in sich die edlen SteineDunkel schimmernd ausgelegt.
Und traumwandelnd sie beschleichetNun der schlaue Azrael,Und die Träumerin sie reichetSieben Staube dem Gesell.
Da er zu dem Ewgen steiget,Ließ er sie im Schlafe stehn,Der der Erde hat gezeiget,Daß sie müsse untergehn.
Da den Staub dem Herrn er reichet,Spricht der Ewge: "Azrael!Wer das Leben so beschleichetSo vollbringet den Befehl,
Der soll alle Seelen leitenZu dem Himmel, zu der Höll,Die sich von dem Leben scheiden,Todesengel Azrael!"
Und die Erden schärfer scheidendLieß des Meisters Will entstehn,Tiere immer höher schreitendKriechen, schwimmen, fliegen, gehn.
Und die sieben Erden einetEr zum Menschen noch zuletzt;Der da lachet und auch weinetWar zum Erdherrn eingesetzt.
Ihn haucht an der Herr der Geister,Hat ihm einen Geist geschenkt,Daß er ähnlich sei dem Meister,Irdisch lebend göttlich denkt.
Von der Erd zum SternenkreiseReicht er, wenn er aufgestellt;Sonnen gleich zu Gottes PreiseWar das Antlitz ihm erhellt.
Ruhend ihm die Stirne reichte,Wo die Sonne aufersteht;Ruhend ihm die Ferse reichte,Wo die Sonne untergeht.
Und die Tiere und die GeisterBlieben betend vor ihm stehn,Glaubten ihn den ewgen Meister,So war herrlich er und schön!
Doch da sie ihm näher schreiten,Haben sie ihn erst erkennt,Da er schrie: "Die HerrlichkeitenGottes sind ohn Zahl und End!"
Aber Gott sah ihn mit Neide,Wollte ihn verkleinern gern,Auf daß künftig unterscheideMan den Diener von dem Herrn.
Ließ vom Schlafe ihn beschleichen,Den erfunden Azrael,Zu ihm, zu den irdschen ReichenStieg er, daß er ihn bestehl.
Machte um viel Ellen kleinerUnd beraubt sein eigen Werk,Streute um ihn her die Beiner,Daß er seine Herrschaft merk.
Und da Adam war alleine,Sah die Tiere paarweis gehn,Wollt der Herr, daß er nicht weine,Ihm nach einem Weibe sehn.
Und er rief: "Hernieder steigein die Tiefe, Azrael!Daß sie dir des Staubes reiche,Bringe ihr des Herrn Befehl!"
Aber alle sieben KreiseWaren durch und durch belebt,Daß den Staub er zu sich reiße,Harten Kampf der Geist erhebt.
Als er in der Nacht ausgreifet,Griff er in ein Pfauennest,Und den Vogel hochgeschweifetSteckt im Wolkengurt er fest.
Weiter fassend zu ihm schleichetEine Katze augenhell,Funken sprühen, wenn er's streichet,Aus dem glatten Schmeichelfell.
Aus der Wurzel sodann reißt erBelladonna Azrael,Und Fünffingerkraut; der MeisterWird schon wissen, was ihm fehl.
Eine Purpurschnecke reichetIhm sodann das weite Meer,Und aus seiner Höhle steigetBasiliskus zu ihm her.
Und mit diesen Sechsen einetEr den König, der sich hebt,Und in roter Schminke scheinet,Wenn Merkur bei Sulphur lebt.
Diese böse Sieben reichetKlug dem Engel Luzifer,Der vor ihm im Dunkel schleichet,Als wenn er die Erde wär.
Diese Sieben formt zum LeibeNun der Herr, die sonst getrennt,Gibt dem Adam sie zum Weibe;Lilith war das Weib genennt.
Adam! Adam! du mußt leiden,Dir ist bös ein Weib gesellt!Wer mag dich von Lilith scheiden,Die vom Herrn dir ward bestellt?
Schreiend, widergellend, keifendEifert sie und widerbellt,Mit den tausend Augen schweifend,Die der Pfauenschweif enthält.
Und da heuchelt sie und schmeicheltIn dem weichen Katzenfell,Und wenn er betört sie streicheltKratzt und beißt sie den Gesell.
Nach der Belladonna weisendEr sie etwas giftig nennt,Bald auf seinen Wangen beißendDas Fünffingerkraut entbrennt.
Purpur und Zinnober weiset,Wie es mit der Wahrheit steht,Wenn der Basiliske gleißendAus der falschen Schminke geht.
Ewig waren sie entzweiet,Sie erkannt ihn nicht als Herrn,Den Schemhamphorasch laut schreiendFlog sie in die Lüfte fern.
Da sprach Adam: "Herr der Geister,Lilith floh aus meiner Welt;Sie will nicht, daß ich als MeisterÜber sie sei aufgestellt!"
Gott ließ nun drei Engel reisen,Die sie fanden überm Meer;Sie zur Güte hinzuweisen,Machte sie den Engeln schwer.
Und nichts konnte sie erweichen,Daß sie zu dem Adam kehr,Und die Engel, daß sie schweige,Drohn zu stürzen sie ins Meer.
Da schwur sie, zur Qual alleineSei geschaffen sie zur Welt,Zu der eignen Kindlein PeineSei zum Leben sie bestellt.
Und der Herr sprach: "Ja, so bleib es!Doch, um sie zu bändigen,Sollen Kinder ihres LeibesTäglich hundert untergehn!"
Und seit diesen Fluch der MeisterLieß ergehen für ein Recht,Sterben täglich hundert GeisterAus der Lilith Urgeschlecht.
Um den Adam zu beschleichen,Gott sein Haupt in Schlummer senkt,Stiehlt die Rippe ihm, ein Zeichen,Daß der Mensch denkt und Gott lenkt.
Denn er war durch Schaden weiser,Scheute sich vor Luzifer,Und er geht Werke leiser,Will nun keine Erde mehr.
Und die Rippe wird zum Weibe;Heva hat er sie genennt,Sie war Fleisch von Adams Leibe,Und sie haben sich erkennt.
Ihre Locken zu den SeitenFlocht und schmückte ihr der Herr,Salbte sie, und tanzend schreitenMußte sie zu Adam her.
Tausend Engel, sie zu preisen,Vor dem klaren Weibe gehn,Singend, spielend sie umkreisenRings mit himmlischem Getön.
Und es tanzten rings den ReigenSonne, Mond und Sterne fernNach der Engel Harf und GeigenVor der Braut des Erdenherrn.
Während seinen Segen beidenReichet gütig nun der Herr,Zu der Mahlzeit sie zu leitenEilten dann die Engel her.
Auf dem Tisch von EdelsteineDa die Hochzeitsspeisen stehen,Schenkend wohlgekühlte WeineEngel um die Tafel gehn.
Gott zeigt in dem ParadeiseEinen Baum, der hoch aufstrebt,Spricht: "Die Frucht nehmt nicht zur Speise,Sie ist tödlich!" und entschwebt.
Da er von der Erde weichet,Von dem Herren zum GeschenkRaphael ein Buch ihm reichet,Daß er seiner Liebe denk.
Aller Schöpfung HeimlichkeitenIn dem Buch verzeichnet stehn,Und die Engel aller SeitenSchleichen, in das Buch zu sehn.
Hinter seinem Rücken schreibetAb das Buch der Samael,Luzifer ihn dazu treibt,Daß auch nicht ein Buchstab fehl.
Doch zu viel sitzt seinem WeibeBei dem Buche der Gesell,Und sie schweift zum ZeitvertreibeDurch den weiten Garten schnell.
Und sie sieht zur ihr herreitenAuf dem ragenden Kameel,Der sie will zur Freiheit leiten,Stolz den hohen Samael.
"Wollet mich zum Baum doch leiten",Spricht er, "der im Garten steht,Der verboten ist euch beiden,Auf daß ihr euch nicht erhöht!
Aus des Buches HeimlichkeitenHab ich heute eingesehn:Wer der Früchte ißt, wird schreitenAuf zu Gott, ja gleich ihm stehn."
Und geführet von dem WeibeGreift zum Baume Samael;Daß er ungetötet bleibe,Zeigt er essend ohne Hehl.
Und das Weib zum Baume greifet;Aber wehe! vor ihr schnellZu der Erde niederschweifetTodesengel Azrael.
Sie gedacht in tiefem Leide,Daß sie nicht alleine sterb."Sterben wir doch besser beide,Daß kein Weib ihn mehr erwerb."
Zu dem Mann ist sie geeilet,Der bei seinem Buche steht;Bis die Sünde er geteilet,Eher sie nicht von ihm geht.
Und der Herr sah es mit Neide,Und aus Adams Händen schwebtWeg das Buch, daß er mit LeideSeinen Blick zu Gott erhebt.
Und er schlug sein Haupt und weinte,In den Gichon-Fluß sich stellt,Und so jammerte und weinte,Daß er bis zum Haupt ihm schwellt.
Und der Schimmer seines LeibesRostet und wird träg und schwer,Und es wird zum Fluch des Weibes,Daß mit Schmerzen sie gebär.
Gott stürzt sie vom Paradeise,Und sie stürzten ab, getrennt;In der Erde tiefstem KreiseAdam sich zuerst erkennt.
Erez Hattachtona heißetSie und Welt im finstern Kern;Aber Luzifer beweisetSich als einen guten Herrn.
Er schickt zu dem zweiten KreiseAdamah, den Erdgesell,Daß den Boden er aufreißeUnd das Bergwerk ihm bestell;
Wo er hundert Jahre bleibet.Lilith drang da zu ihm her,Und mit diesem bösen WeibeZeuget Zwerg und Riesen er.
Heva lebt im tiefern KreiseMit dem Geiste Samael,Zeugt mit ihm in gleicher WeiseGeister und Dämonen schnell.
Da bevölkert er die Kreise,Wie er wollte, Luzifer,Ließ er sie zur Arka reisen,Die die vierte Erde wär.
Und hier fanden sie sich beide,Und da sie sich hier erkennt,Ward geboren ihrem LeideStolz ein Sohn und Kain genennt.
Und nun stiegen nach der ReiheUm drei Erden still einherBis zur Tebhel alle dreie,Unsere Erde, unser Meer.
Adam hier ein Buch aufschreibet,Was er unten hat gelernt,Und was ihm erinnerend bleibetAus dem Buch, das Gott entfernt.
Viel vom Bann und Glück der GeisterIhm die Eva auch erzählt,Wenig hat ihr starker MeisterSamael vor ihr verhehlt.
Alles in das Buch er schreibet,Alles in dem Buche steht,Und das hohe Buch es bleibetAls er stirbt dem Sohne Seth.
Von dem Seth zum TubalkaineHat sich dann das Buch entfernt,Der die harten EisensteineDaraus künstlich schmieden lernt.
Jubal lernt daraus der GeigenUnd der Flöten süß Getön,Und aus seines Stammes ZweigenAlle Pfeifer auferstehn.
Und so steigt es immer weiterVon Geschlechte zu Geschlecht,Und auf seiner ewgen LeiterStehen alle Künste recht.
Mündlich, schriftlich, stets erweitertGeht es durch die trübe Welt,Die es mit der Kunst erheitert,Mit Erkenntnissen erhellt.
Noah schrieb hinein die ReiseDurch der Sündflut hohes WehUnd der Tiere Art und Weise,Ihrer Sprache A B C,
Und des Weines Zaubereien,Und wie man am FirmamentAus der Sterne klaren ReihenMenschliches Geschick erkennt.
Abram, daß die Kunst mög bleibenDie Gestirne zu verstehn,Wollte sie auf Körper schreiben,Die durch Feu'r und Wasser gehn.
Er schrieb sie zum Trost der SeinenAuf zwei Säulen himmelwärts,Eine von gebrannten SteinenUnd die andre war von Erz."
So sprach Moles zu dem Meister,Der in hoher Freude steht,Daß die Weisheit aller GeisterNun in seinen Händen steht.
"Aber sag," spricht er zum Geiste,"Wie sich deine Mutter nennt?""Heva," sprach er, "mit mir kreisteDurch den Vater Samael.
Und du selber, starker Meister,Stammest von der Lilith her;Dein Urvater, Adam heißt er,Und der Taufpat Luzifer.
In Ägypten hat verbreitetSich dein mächtiges Geschlecht,Und durch deinen Vater streifteEs herüber ungeschwächt."
"He! mein Vater, he! wie heißt er?"Spricht nun Apo zum Gesell."Amber, Amber, lieber Meister,"Spricht der Hund, "doch ist's nicht hell!
Denn es mag die Heimlichkeiten,Die die Liebe zwirnt und dreht,Selbst der Teufel nicht entscheiden;Mancher erntet ungesät."
Also sprachen diese beiden,Bis es an dem Turme schellt,Apo zu den letzten LeidenEiner Kranken ward bestellt.
Und der Geist ward immer dreister:"Mach, daß sie das Sakrament,"Sprach befehlend er zum Meister,"Nicht empfängt vor ihrem End!"
** Romanze XI: Biondetta in dem Theater
Schwarze Damen, schwarze HerrenWandeln durch Bolognas Straßen.Werden sie zur Leiche gehen?Wen bringt man so spät zu Grabe?
Doch kein Priester wird gesehen,Kreuz und Fahne nicht getragen;Alles strömet laut und rege,Und die schnellen Wagen rasseln.
Nicht zur Mette oder Vesper,Miserere, Salve, Ave,Auch zu keiner Totenmesse:Diese liest man nicht am Abend.
Nein, sie gehn zur letzten Ehre,Trauernd all in schwarzer Farbe,Was sie lieben anzusehenIn die Runde des Theaters.
Denn die herrliche BiondetteWird der Bühne heut entsagen,Morgen dann den Schleier nehmenIn der Kirche zu Sankt Claren.
Und der Schein unzähl'ger KerzenFüllet leuchtend schon die Hallen,Und es lodern alle HerzenIn unsichtbar schönen Flammen.
All die schwarzen Fraun und Herren,All die Diamanten strahlendUnd die schwarzen Augen brennendReihen blendend sich zum Kranze.
Bis lebendig alle WändeIn viel tausend Herzen schlagen,Jeder Blick ein Aug muß treffen,Jeden Ton ein Ohr muß fassen.
So gleich einem FirmamenteMit viel guten Sternen flammend,Baut sich wundersam ein Tempel,Um Biondetten zu umfangen.
Da der Vorhang ruhig schwebet,Sonne, bist du aufgegangen,Leise Kühlung duftend wehetUm die sehnsuchtsheißen Wangen.
Liliensäulen sich erhebenEine Rosenkuppel tragend;Unter einem BlumentempelSteht Biondetta mit der Harfe.
Ach, sie war ein klarer Engel,Voll von lieblichen Gedanken,Einer frommen Jungfrau SeeleAn der Himmelspforte zagend.
Alles Licht zu ihr sich sehnet,Zu ihr alle Strahlen fallen,Alles schweigt und liebt und betetRecht in selgem Wohlgefallen.
Also schwieg die junge Erde,Da der Mensch, der Gottgeschaffne,In dem Kelch des jungen LebensSinnend schwankt und weint und lachte.
In ihr nur war alles Denken,In ihr alle Herzen schlagen,Mit ihr jedes Aug gesenketOder freudig aufgeschlagen.
Nun erhebet sie die Rede,Und die tausend Hörer alleFühlen ihrer Lippe BebenStill in freudigem Erwachen.
Züchtig sprach sie: "Hochgeehrte!Schonend habt ihr mich vor JahrenAufgenommen in den Tempel,Habt geduldet mich seit Jahren.
Wollet heute auch in EhrenEure Dienerin entlassen,Daß mich rein ein reinrer TempelAus der Künste Haus empfange.
Als ein Opfer will ich gebenheut des äußren Lebens Fabel,Daß ich dann das innre LebenMorgen opfre am Altare!"
Und nun stieg des Tempels Schwelle.Mit Biondetten, einsam ragendStand ein Fels in ödem Meere,Ein Marienbildlein tragend.
Rings die tausend Lichter blendendSanken ein, die DiamantenBlickten schüchtern, ferne Sterne,An dem dunklen Firmamente.
Eine weite Dämmrung streckteSich umher, und keine SchrankenSchienen um den Fels zu stehen,Als nur liebende Gedanken.
Bei dem Bildlein saß BiondetteIn dem Scheine einer Lampe,In den weißen Arm gelehnetSchimmerte die goldene Harfe.
Schweigend glich das Volk dem Meere,Über dem ein Gott hinwandelt;Als ruht und wogt die MengeIn Biondettens Sang und Harfe.
Und es sind des Meeres WellenAn der Jungfrau Lied gebannet,Weh und Wonne fluten, ebben,Wie sie will in allen Adern.
Hell auf meerumwogten FelsenHebt sich über ewges WasserEin Marienbild; des MeeresStern auf ihrem Haupte flammet.
"Meerstern, wir dich grüßen,Die durch TränenwüstenAus der sündedunkeln ZeitEinsam steuern müssenZu den hellen KüstenDer gestirnten Ewigkeit."
Nächtlich steigt zur ihr Sirene,Opfert Perlen und Korallen,Singt auf mondbeglänzter SchwelleZu kristallner Harfen Schalle:
"Jungfrau, laut verkündenVon des Himmels BühnenEngel deine Herrlichkeit;Und aus Meeres GründenSteigt, dich zu versühnen,Was da lebt in irdschem Streit."
Aber dunkle Wolken tretenVor den Mond, das weite WasserSträubt das Wogenhaar zu BergeVor den tosenden Orkanen.
"Jungfrau voller Güte,Wie das Meer sich türme,Stehest du in Heiterkeit;Wie gefallne BlütenSchütten dir die StürmeHimmelssterne auf dein Kleid."
Ach, im zorngen ElementeSchwankt ein Schifflein notumklammert!Leuchte, leuchte, Stern des Meeres,Einer Mutter dich erbarme!
Ach, sie flehet nur zu rettenIhren Säugling, den umarmendAn der Brust sie nährt zum Leben,Schwankend selbst im Untergange.
Dir, o Meerstern, weiht sie betendDen sie unterm Herz getragen,Nun zur Wogenwiege legetAus den sichern Mutterarmen.
"Denk, o Mutter süße,Wie du durch die WüsteUnsern Herren trugst in Pein,Daß er für uns büße,Trank er deine Brüste,Sog er deine Milde ein."
Schon zerbricht des Sturmes Segel,Und der Blitze FeuerflaggeZucket einsam auf den Wellen,Wo das Schiff in Nöten schwankte.
Nieder zur der Gruft der MeereSank das Schiff; es folgt dem SargeSchwarz der Donner, ernstlich betend,Und der Blitze Leichenfackel.
Und es suchen kleine SterneEinsam durch die dunklen WasserNach der Mutter, ach vergebens!Fromme Kerzen ihres Grabes.
"Jungfrau, Himmelstüre,In des Todes GründeSenke deiner Strahlen ScheinUnd helleuchtend führeAus dem Meer der SündeUns zum Quell des Lichtes ein!"
An dem Himmelsdome brennetStill des Mondes ewge Lampe;Zu dem Felsen rauscht Sirene,Einen Schatz im Arme haltend.
Denn sie trug das Kindlein flehendZu dem steilen Felsenrande,Das die Mutter untergehendLegte in Mariens Arme.
Die, ein heller Stern des Meeres,Trägt den Scheiternden Erbarmen,Hat es sicher durch die WellenIn Sirenens Arm getragen.
Aus dem wilden ElementeTrug sie nun das Bild der GnadeFreudig aufwärts zu dem Felsen,Ganz in neuer Lieb erwallend.
Liebvoll löst sie ihre Flechten,Teilt die Locken sich am Nacken,Bildet draus am warmen HerzenFür das Mägdlein weich ein Lager.
Setzt sich an des Bildes SchwelleMit dem süßen WunderpfandeUnd spricht fromm: "O Stern des Meeres,Lasse mich dies Kind erlaben!"
Und nach ihren Brüsten wendetSich das Kind und findet Gnade;Die es lebend hielt in Wellen,Gab barmherzig ihm die Amme.
Alle die keuschen LebensquellenÜber ihrem Herzen wallen,Muß sie süße Blicke senkenZu dem Kind in Mutterarmen.
Und dann singt sie; schlummerwebendTönt das Lied und rauscht das Wasser,Und es wandeln Mond und SterneLeise, daß das Kind entschlafe.
"Da der Morgen wiederkehrte,Lag ich in kristallner Kammer;Auf der weichen PurpurdeckeSpielten goldne Sonnenstrahlen.
Und am Mittag wiegt SireneMich in glatten Muschelschalen,Und ich schlief bis sie mich weckteMit Gesang und süßer Harfe.
Rötet Abendlicht die Welle,Trug sie mich in MutterarmenZu dem Bilde, für mein LebenDer Gebenedeiten dankend.
Wenn um Mitternacht die SterneSinnend in dem Meere schwankten,Flocht mir durch den Traum SireneIhrer Lieder heilge Schlangen.
Also in dem Land des LebensUnd in Andacht schon erwachsen,Nannte sie das Kind BiondetteOb der goldnen Flut des Haares.
Frühe lehrt sie mich zu schwebenAuf des Tanzes Wunderbahnen,Früher noch die Blicke hebenUnd zu Gott die Händlein falten.
Und sie lehrt die junge SeeleSich erschwingen im GesangeUnd mit Engeln auf der TöneHimmelsleiter freudig tanzen.
Aber endlich sprach Sirene:`Folge mir in meine Kammer;Fest ist schon in dir das Leben,Lerne nun, dich zu verwandeln!
Alles Leben lerne leben,Alle schöne Klage klagen,Alle Freude schön erheben,Alle Geister aufwärts tragen!
Alle Herzen sollen bebenIn dem Klange deiner Harfe!Bannen sollst du alle SeelenIn die Kreise deines Tanzes!
Mit der Künste heilgem ZepterSchlage an das Herz der Sklaven,Die du in den Sinnen fesselst,Um im Geist sie zu entlassen!'
Also sprach zu mir Sirene,Hüllend mich in einen Mantel,Der sich wie der Leib der SeeleAllgestaltend um mich faltet.
Nieder stieg ich. Tief im FelsenTut sich auf ein bunter Garten,Rauschet, strömet ToneswellenUm das Eiland aller Farben!"
Also schwieg das Lied Biondettens.Neben ihr die kleine LampeWard zu einem Kranz von Sternen,Um das Bild Mariens strahlend.
Dies erhob sich leis vom FelsenZu dem Himmel aufgetragen;Mit dem Felsen sank BiondetteKnieend und die Harfe schlagend.
Und die wilden ElementeSchieden sich, sie zu empfangen;Es stieg aus dem öden MeereEinen Wunderinsel prangend.
Tonumflutet vom OrchesterTrennte sich das KunstgestadeVon dem Garten des ParterresUnd der Logen Glanzterrassen.
Auf den stillen BlumenbeetenBlinkt der Tau der DiamantenUnd die stillen TränenperlenIn dem Blick der schwarzen Damen.
Und es stieg hoch überschwellendMelodie aus allen Schranken,Aus den Wänden tausend Kerzen,Aus dem Boden tausend Lampen.
Von Marien niederwehendSank der himmelblaue Mantel,Schürzt sich feierlich zum ZelteIn des Ölbaums grünen Armen.
Aus dem Zelte tritt Biondette,Eingeflochten ihre Haare,Stolz geschmückt mit milden Perlen,Edelstein und goldnen Spangen.
Schwer ein Schwert faßt ihre Rechte,Von der linken Schulter walletEine blutge Purpurdecke,Hüllend, was die Linke trage.
Und sie schürzt die Decke, sprechend:"Den durch Gott ein Weib geschlagen,Seht das Haupt des Holofernes,Seht die Decke seines Lagers!
Und so wahr der Herr uns lebet,Rein sein Engel mich bewahrte,Die ohn Sünde wiederkehret,Nur mit Freud und Sieg beladen!"
Nun tritt sie zurück zum Zelte,Das nach ihr hernieder wallet,Aber rings Gesang sich hebet,Freudig Flöt und Zimbeln klangen.
Jauchzend durcheinander wehtenAlle Töne, und es schwangenTriumphierend sich die ChöreWie ein Wald voll Siegespalmen.
Schneller, jubelnder und heller,Bis zu einer wilden Flamme,Die sich wieder selbst verzehrte,Bis zur stillen glühen Asche.
Da trat still einher BiondetteUnter weißem Rosenkranze,Ihre Locken, goldne Flechten,Von der Stirn zum Gürtel fallen.
Um die zarten Glieder bebetIhr ein schlichter, weißer Mantel,An des Gürtels SilberketteHängt ein Brot und eine Flasche.
Ihrer Augen blaue QuellenLassen Tränenperlen fallenIn der Maienglöckchen KelcheAn dem goldnen Knauf der Harfe.
Als die zarten Finger bebenDurch der Saiten goldnen Garten,Blühen ihrer Lippen NelkenUnd das Rosenfeld der Wangen.
Und sie sang ein Lied bewegendVon dem Tode eines Lammes,Das, die Schuld von uns zu nehmen,Starb in heilger Opferflamme.
Als schleiert sich in NebelOft der Mond; aus keuschen StrahlenEinen Heilgenschein sich webend,Weint er umd die trüben Tage;
Also tönt ein Schwan im Sterben,Der im Spiegel klarer WasserStumm sein Sternbild angesehen,Grüßt es scheidend im Gesange.
"Lebet wohl, ich will mich wendenZum Gebirge; einsam wandelndWill die reine Tochter JephtasWeinen um die jungen Tage!
Weinen um den Schein des Lebens,Weinen um den Duft des Kranzes,Weinen, daß die Seele hellerScheine, als des Opfers Flamme!"
Und nun wendet sich BiondetteTrauernd zu dem Felsenpfade,Der bald sichtbar, bald verstecketAufsteigt an des Berges Rande.
Wo der Steg zu Tal sich wendet,Stand sie grüßend mit der Harfe,Ferne Sehnsuchtsklänge sendendZu verlaßnen Frühlingstalen.
Rings die Hirtenflöten flehen,Und der Herden Glocken stammeln,Und die Abendlieder schwebenKlagend aus der Büsche Schatten.
Sie geleitend steigt am FelsenSonnenschein zum Untergange,In der Tritte Spuren senketDämmerung den ernsten Mantel.
Aber schaut! Nun steht BiondetteHoch am dunklen Tor des Waldes,Niederkniet sie und singt betendIn die Welt, die sie verlassen:
"Lebet wohl, ihr falschen Farben,Eitler Tränen Regenbogen,Sterne, die mit falschem GlanzeDienet einem Flittermonde!
Meine Tränen sollen wachsen,Daß sie mit den bittren WogenGanz mein Irdsches überwallen,Bis die Schuld ist hingenommen.
Aus dem Argen in die ArcheGeh ich gleich der Tochter Noä,Kleide mich in schwarzer Farbe,Wie der Rabe ausgeflogen.
Kleide schwarz mich gleich dem Raben,Der als Bote ausgeflogenUnd so traurig auf den WassernSchwebte, bis sie abgeronnen.
Schleire mich in weißer FarbeGleich der Taube, die als BoteWiederkehrte mit dem Blatte,Das dem Friedensbaum entsprossen.
Sei gegrüßt, du Tag der Gnade!Durch den Friedensbogen GottesWill ich zu den Vätern wallenAuf der Opferflamme Wolken!"
Aber in den Wald nun senketSich die Sonne, und mit FlammenScheint Biondetta rings umgeben,Schwarz geschleiert, nur ein Schatten.
Da der Wald im Glanze stehet,Schweigen rings die Flöten alle,Und ein Chor von Hörnern schwebetKlagend auf im Widerhalle.
Und das Volk lauscht tief beweget,Denn die Sonne widerstrahlendSpielet, die nicht auszusprechen,Lieder durch die goldne Harfe.
Und so stille war die Menge,Daß man hört die Tränen fallenUnd die heißen Seufzer wehenUnd die bangen Herzen schlagen.
Wie ein Kahn auf stillem MeereMondumspielet träumend wanketUnd der Fischer hingestrecketSchlummert ein in dem Gesange:
Also waren alle SchmerzenIn Biondettens Lied entschlafen,Scheiden kann sie von den Herzen,Die in Wunderträumen wandeln.
Doch es treibt das Schiff zum FelsenUnd füllt sinkend sich mit Wasser;Nacht ist's und der Mond bedecket,Und der Mann starb unerwachet.
Aber weh! nicht so die Schmerzen,Schlummernd, träumend im Gesange,Hier im süßen Schlafe starben,Wie der Fischer, Mond und Rachen.
Um Biondetten wird es heller:"Wehe, wehe, das sind Flammen!Feuer, Feuer, Helft! o helfet!"Schreiet alles im Theater.
"Feuer! Helfet!" schreit Biondette. —"Stürzet das Gerüst zusammen,Ist sie nimmermehr zu retten":So erfüllt das Haus ein Jammer.
Nach den Türen, zu den TreppenStürzen alle Herrn und Damen,Und die Menge des ParterresWill sich wogend überschlagen.
Bald in allen Fenstern stehenHohe Leitern; Herrn und DamenDrängen sich, hinab zu klettern,Und hinauf die Herrn Soldaten.
Dieser will sein Liebchen rettenUnd faßt seine alte Base;Jener, der die Frau will heben,Wird umklammert von dem Manne.
Und die duftgen CicisbeenMüssen gar zu harter StrafeHelfend auf und nieder klettern,Wie die nassen Katzen jammernd.
Denn den Fliehend entgegenSpringen schon die Wasserstrahlen;Wer im Feuer nicht kann leben,Muß sich durch das Wasser baden.
Schreien, Weinen, Fluchen, Beten,Steigen, Klettern, Ohnmachtfallen,Trommelschlag und Brandtrompeten,Wagenrasseln, Glockenschlagen.
Und schon windet sich die MengeKapuziner, DomnikanerSich in braun, schwarz-weißer Kutte,Wassereimer eilig langend.
Doch die mutigen StudentenSpringen jubelnd zum Theater,Stürmen die papiernen Felsen,Niederreißend rings die Lampen.
Oben an des Haues DeckeHört man schwere Äxte fallen,Sieht auch bald die Zimmrer stehen,Niederstürzend Fluten Wassers.
Und schon ordnet sich die Menge,Massen bilden sich und Straßen,Alles stehet, geht und kehret,Keiner hindert mehr den andern.
Aber unter den StudentenAchtet einer nicht der Flammen;Er hat gar ein wildes Wesen,Gleichet einem Salamander.
Und schon klagt man um den Helden,Den umkrachten alle Sparren,Doch er kehrt und trägt BiondettenIn den dunklen, harten Armen.
Da er eilet in die Szene,Schreit die Jungfrau: "O erbarmeDich, Maria! Rette, retteMich von ihm in Jesus Namen!"
Da springt von der offnen DeckeKühn ein Jüngling, wütend packetEr den Räuber von Biondetten,Doch der stehet ganz in Flammen.
Alle Glut zu ihm sich wendet,Und wie auch die WasserstrahlenAuf ihn stürzen, wills nicht helfen,Und man hört ihn gräßlich lachen.
Und wie Wirbelwinde drehenZu ihm hin sich alle Flammen,Die wie Haare um ihn wehen,Wenn er also gräßlich lachet.
Und so hat er lachend, brennend,Eine lange Zeit gestanden,Da das Feuer rings geendet,Und das Volk schrie laut: Mirakel!
Da ein Priester zu ihm sprengetEinen Strahl geweihten Wassers,Ward er, allen zum Entsetzen,Nur ein Häuflein dunkler Asche.
Und das Volk kniet ringsum betend.Von der Höhe des TheatersSprach der Priester dann den Segen,Und es schallt ein lautes: Amen!
Fromme Litaneien betend,Ziehn die Mönche still gepaaret,Und die hilfreichen GewerkeFolgen betend aus den Hallen.
In des Hauses weiter LeereSchallet das Geträuf des Wassers;Rings die stummen Wachen stehenBei dem wilden Schein der Fackeln.
Aber die Studenten stehenStaunend um das Häuflein Asche;Den die Flamme hat verzehret,War der beste Kandidate.
Er war Famulus des Lehrers,Und sie brechen aus in Klagen,Bis die rufenden PedellenSie zur Heimkehr laut ermahnen.
In den Weihewasserkessel,Den die Mönche stehn gelassen,Sammelt unter Tränen jederDes verbrannten Freundes Asche.
Und dann ziehen die Gesellen,Die geliebte Urne tragend,Trost sich singend, von der Schwelle,Um Apone es zu klagen.
Schweigend steht das Haus. Es sehenDurch die Öffnungen des DachesStille nieder Mond und Sterne,Traurig spiegelnd in dem Wasser.
An der Erde ruht Biondette;Als sie nannte Jesu Namen,Ließ der fürchterliche RetterSinken sie aus seinen Armen.
Bei ihr kniet mit seinem SchwerteStumm Meliore; in die HarfeHat er sorglich sie gebettet,In den himmelblauen Mantel.
Er verließ im Lärm den Kerker,Er war's, der den Sprung gewagetVon der Decke, sie zu rettenAus des Räubers dunklen Armen.
Da es stille war, erhebetSich Biondette, und den MantelSchlingt sie um sich, von der ErdeHebt sie dann die goldne Harfe.
Spricht, sich zu Meliore wendend:"Sei gegrüßt! In Jesu NamenHast du mich von ihm gerettetUnd gehütet in dem Schlafe.
Einen Traum hab ich gesehen:Asche war ich, und zu AscheSoll ich einstens wieder werden,Wenn erfüllet sind die Tage.
Für dich hab ich heut gebetet,Da du fochtest am Altare;Und du hast für mich gebetetJetzt in dringenden Gefahren.
Du hast liebend mich gerettetAus des ewgen Todes Banden,Und ich werde dir's vergeltenBald in übervollem Maße.
Laß die Sinne untergehen,Liebe nicht, was irdisch schwanket;Die du irdisch angesehen,Wird dir göttlich liebend danken.
Hier auf dieser öden StelleWird es einstens göttlich tagen.Sieh, es haben schon die SterneIhren Strahl den Weg gebahnet.
Wenn hier an des Altars SchwelleEine Jungfrau wird entsagen,Werd ich durch dich auferstehenAus der irdschen Leibesasche.
Und du wirst die Asche nehmen,Streuen sie in deine Haare,Weil die Schlange wird zertretenVon des Weibes heilgem Samen.
Was in Träumen ich gesehen,Hab ich alles dir gesaget;Denn auch du bist ausersehenZu unendlich großen Gnaden.
Wir gehn auf demselben Wege;Lasse uns im Geiste wallen,Lasse uns nie Abschied nehmen,Gehe hin in Gottes Namen!"
Da geendet sie die Rede,Konnt er nicht den Blick ertragen;Also mächtig war ihr Wesen,Daß er schweigend ging von dannen.
Und zur Harfe sang Biondete:"Lob sei Gott dem Herren! Amen!"Und das öde Haus erbebte,Widerhallend: Amen, Amen!
Amen! sprachen Mond und Sterne,Träufelnd sprach das Wasser: Amen!Und da sie verließ die Schwelle,Riefen rings die Wachen: Amen!
** Romanze XII: Jacopone und Rosarosa
Von Folianten rings umgebenSitzt der stolze Jacopone;Hochgeehrt von den KlientenIst der junge weise Doktor,
Ausgetreten seine Schwelle;Denn mit vollen Händen kommenTaufend, um in ihren RechtenWeise Sprüche sich zu holen.
Täglich, nächtlich kommen, kehrenZu ihm, von ihm schnelle Boten,Fern und nah muß er die TexteStreitigen Parteien ordnen.
Und vor seinem Hause stehenOft der Fürsten stolze Rosse,Er ist rings im Land gebeten,Und man wünscht ihn allerorten.
Er verstand wohl die GesetzeGleich dem griechschen Hermodore.Die zwölf Tafeln hergestelletHätt er, wären sie verloren.
Und wie Flavius gelernetAuswendig die Aktionen,Kannte auch wohl alle Leges,Alle Formeln Jacopone.
Mutius hat er gelesenUnd den Brutus wohl erwogen,Den Manilius versteht er,Ist Sulpicio gewogen.
Des Antistius Labeo GegnerFolget er, des CapitonisSchüler, des Sabini Regeln,Sabinianischer Methode.
Er hielt streng bei den Gesetzenund schrieb |dissertationem|,Die ihn bracht zu hohen Ehren:|De bonorum possessione|.
Salvium Julianum kennt er,Gaji Institutionen,Papinian, Ulpiano strebt erUnd Herennio zu folgen.
Ehre hätte dem KathederZu Beryt, KonstantinopelUnd zu Rom er einst gegeben,Wie jene Antecessores.
Hätte damals er gelebet,Die drei Codices zu ordnenIn den Justinianschen, nebenTribonian würd er gelobet.
Und die Sechzehn, die mit jenemDie Pandekten ausgeboren,Wären Siebzehn dann gewesen;Also war sein Geist zu loben.
Zum Behufe der Pandekten,Auf die fünfzig DezisionenFür Justinian zu stellen,Wär er mitbeehret worden.
Dem Theophilo wohl nebenDorotheo zugeordnetWär er, Triboniano helfendBei den Institutionen.
Er wär recht der Mann gewesen|Repetitae praelectionisCodicem| ins Licht zu stellen,Und |nearai diataxeis|.
Aber spätrer Zeit zur EhreWar er recht ein Schmuck geborenAuf Bononischem Katheder|Magnae matris studiorum|
Wo Irnerius gelehretSeine Justinianischen Glossen,Bulgar, Gosias gelebet,Hugo und Glossatoren.
Weil er ganz besonders ehrteJakob vom Ravenner Tore,Hat er sich nach ihm genennetGar bescheiden Jacopone.
Und Accursius war sein Lehrer,Otofredus diesem folgte;So hat er das Recht erlernetNach der Summa des Azzonis.
Und kaum dreißig Jahre zählt er;Um die hohe Stirne LockenWallen braun aus dem Barette,Und sein Bart ist schön geordnet.
Wenn er im Ornate stehetUnd kreieret die Doktoren,Fließet ihm die stolze RedeGleich dem zweiten Cicerone.
Wüßten das, was er vergessen,Manche andre Professoren,Wäre ziehenden StudentenÖfters aus der Not geholfen.
Und so ganz in Ehren schwebend,Lebte er in seinem Stolze;Seinem Ruhm sind nah und ferneTausend Schüler nachgezogen.
Dunkler Herkunft zu entstreben,Hat ihn so sein Fleiß erhoben,Denn nicht seinen Vater kennt er,Seine Mutter starb verborgen.
Er begann sein JugendlebenMit zwei Brüdern in dem Kloster;Pietro ward ein Blumengärtner,Noch studieret Meliore.
Da er stieg zu dem Katheder,Nahm zum Weib er Rosarosen,Eine Jungfrau auserlesen,Eines Arztes Pflegetochter.
Als er ging zur DoktorehreDurch der Aula hohe Pforte,War die Züchtge ihm begegnet,Und er sprach zu ihr die Worte:
"Schöne Jungfrau! Ihr begegnetMir an sehr gefährlchem Orte,Jetzo ich zu streiten gehe|De bonorum possessione|.