Chapter 6

Und du wolltest dich bedenken,Wo du deine Strahlen solltestRein und freudig niedersenken,Daß sie widerspiegeln sollten

In dem Spiegel weiter Meere;Sähest du das Schiff hinwogen,Das die Sünde aus der FremdeBringet zu entfernten Zonen;

Auf der stadtbesäten ErdeSähest du die Menschen morden;In den Tälern, auf den BergenSähest du die Sünde wohnen;

In des Klosters enger Zelle,In dem gleichen Tun des Dorfes,In des Marktes regem Leben,Im erstarrten Tun des Schlosses:

Wo du deine Strahlen senkest,Findest du ein Herz gebrochen,Findest du ein Werk des Bösen,Findest du ein Kind des Todes.

Und, wer seine Blicke lenkteZu dir flehend hin nach oben,Wäre trunken ganz von Tränen,Wäre dürstend nach dem Troste.

Doch du würdest dich nicht wenden,Strahltest ruhig Gott zum Lobe,Wollte untergehn die Erde,Wollten auferstehn die Toten.

Was hier klaget, muß vergehen,Schmerz und Sünde sind des Todes,Und die Leiden tun nur wehe,Weil sie sterblich sind geboren.

Aber was da ewig stehetSündenlos im Schaffen Gottes,Kann sich nur in ihm bewegen,Ist ein Freud- und Leidenloses.

Sieh, der göttliche Geselle,Phosphoros, der Held des Morgens,Funkelt von des Himmels SchwelleRuhig in den Garten Kosmes.

Und im Morgenwind bewegetTräumen still des Gartens Rosen;Doch die Hütte ist voll Elend,Und sie ist ein Haus der Sorgen.

Rosablanka sitzt in TränenAn dem Bett des kranken Kosme,Den ein leiser Schlummer decket,Nur vom Seufzern unterbrochen. # von?

Und sein müdes Haupt erhebetNun der Alte zu der Tochter,Spricht: "Mein Kind, jetzt mußt du gehenZu der Messe in das Kloster!" —

"Vater, lasset hier mich betenZum allgegenwärtgen Gotte,Daß ich eurer Krankheit pflege; # eure?Fern bin ich um euch in Sorgen!" —

"Armes Kind, ich kann genesenNur in einem selgen Tode,Nur vom Schmerz kann mich erlösenBlut des eingebornen Sohnes!" —

"Vater, schrecklich ist gewesenEuer finstrer Arzt Apone,Und ich muß noch Kräuter lesen,Die er alle hat verordnet!" —

"Kind, hast alle du gehöret,Die er zu mir sprach, die Worte?Sie zerschnitten mir die SeeleWie viel hundert giftge Dolche!" —

"Das, was ich davon gehöret,Ich doch nicht verstehen konnte:`Kosme, was dein Herz verzehret',Sprach er, `ist die Härte Gottes!

Kräftig hast du einst dem Leben,Was des Todes ist, geopfert,Und nun opferst du das Leben,Das dir übrig bleibt, dem Tode!

Du treibst hier ein töricht Wesen,Machst zur Närrin deine Tochter,Und die Löcher deiner SeeleWillst du mit der ihren stopfen!

Höre auf, sie zu bestehlen,Tritt ihr nicht in ihre Sonne,Laß sie lesen die Poeten,Gehe in der Stadt zu wohnen!

Du magst ewig dich bekehren,Was verloren, ist verloren;Besser solltest du noch scheren,Die dir übrig bleibt, die Wolle!' —

Dann hat er mich angesehen,Wie der grimmige Herodes,Als die Kindlein er zu tötenSeinen Knechten hat befohlen.

Und ich war recht in dem HerzenVon dem giftgen Blick durchbohret,Bin, Marien anzuflehen,Zur Kapelle dann geflohen.

Und am Wege sah ich stehen,Den am Morgen bei den RosenIch ein Grab hatt graben sehen,Da die Schlang emporgeschossen.

Aber er hat nicht geredet,Winkte mit dem Finger drohend,Griff mir nach der Hand behende,Nach Biondettens Ringlein golden.

Doch ich wollt es ihm nicht geben;Da versank er in den Boden,Und ich eilte zur Kapelle,Sank ohnmächtig an den Boden.

Und ich sah auch einen EngelJubelschreiend in den Wolken,Er schwang sich wie eine LercheJubilierend hin gen Morgen.

Vater, was ich da gesehenKlar, wie bei dem Licht der Sonne,Hat mir ganz verwirrt die Seele;Jetzt kann ichs nicht wiederholen.

Als ich zu dir kam, da brennteÜber mir der Himmelsbogen,Es ist Feuer wohl gewesenIn der Gegend, in Bologne.

Vor Marien bin in TränenBetend ganz und gar zerflossen,Gnädig ist sie mir gewesen,Und ich bin gestärket worden."

Kosme sprach: "Des Arztes WesenIst stets schecklicher geworden:In der Seele mir zu lesen,Hat er mir das Herz zerbrochen.

Ach, er kennt mein ganzes Leben,Und mit jedem harten WorteHat er, ihn auf mich zu werfen,Von mir einen Berg gehoben.

Und so lieg ich ganz zerschmettert,Als sei ich gesteinigt worden;Er hat mich mit einer Kette,Die ich schmiedete, umzogen.

Aus dem Leibe nah dem HerzenMeine Eingeweide zog er,Hat, mein Übel draus zu lesen,Frech sie in die Luft geworfen.

Und ich sah es ohne Schmerzen.Seit sie wieder eingeschlossen,Wars, als seien tausend ZentnerIn der Seele Haus gezogen.

Boshaft sprach er: `Du genesest,Wenn auf Erden die drei RosenIn der Hand der Venus sterben,Die jetzt stehn im Garten Gottes.

Wenn dein Kind ins Kloster gehetUnd bekränzt mit LiebesrosenAls Modell dem Maler stehet,Ist dir, ihr und mir geholfen.' —

Und nun rief ich: `Wehe, wehe!Wehe über diese Worte!'Und als ich ihn angesehen,Ist er deutlich mir geworden.

`Jener Bube bist du, Frecher,Der die Farben mir im KlosterRieb, als ich in Gottes TempelBin ein böser Sünder worden.

In dem Namen Jesus hebeDich von mir!' — Da floh Apone.Ach, er ist es nicht gewesen,War der Widersacher Gottes!" —

"Vater, nicht so traurig redet!Ja, es war der Arzt Apone,Den ich gestern noch gesehenZu Bologna bei dem Bronnen.

O, beschwert nicht eure Seele,Die in Träumen ist verworren;Wendet ruhig im GebeteEuch zum allbarmherzgen Gotte!" —

"Gutes Kind, lies mir den Zettel,Der vom Arzt geschrieben worden,Daß ich dir die Orte nenne,Wo die Kräuter sind zu holen.

Denn der Arzt sprach: `In der Nähe,Ja, in deines Gartens Boden,Werden diese Kräuter stehen,Deren Trank ich dir verordne'."

Rosablanka liest den Zettel:"Aus Sankt Clarens Garten RosenUm die Mitternacht zu brechenUnd mit Keuschlamm einzukochen.

Unser Liebfrau Bettstroh nehme,Mische es mit Venusrosen,Zu Marienschühlein mengeTeufelsklau und Hahnensporen.

Und Mariensiegel brecheIn dem Schein des vollen Mondes,Mit Marienmantel leg esIn den dir bekannten Bronnen.

Liebfraumilch und LiebfrautränenMit unschuldger Kindlein Rosen,Findelkraut und VenusnelkenDestilliere durch neun Monde.

Alle Stunden einzunehmenUnd so lang zu wiederholen,Und dem Arzte schnell zu melden,Wenns nicht helfen will. Apone!"

Als sie dies Rezept gelesen,Sprach der Kranke: "Meine Tochter,Jetzo eile nach der Messe,Kehre wieder mit Benone!

Also heißt, der sie wird lesen;Er ist recht ein Heilger Gottes;Beichte will ich ihm ablegen,Meiner armen Seel zum Troste!" —

"Soll ich nicht zum Wald erst gehen,Vater, und die Kräuter holen,Weil ich sie wohl alle kenne,Außer Teufelsfuß und Krone?"

"Nein, ich muß sie selber brechenUnter Tränen, fromme Tochter;Wo ich gehe, liege, stehe,Blühen sie ja allerorten!

Gehe nun, mein Kind, und fleheFür mich um die Gnade Gottes!Mein Bekenntnis abzulegen,Will indes mein Herz ich ordnen.

Nimm die Fackel, die ich gesternEiner Schlange gleich geformet,Am Altare laß sie brennen,Bei der Mutter Totenopfer!"

Und sie nimmt die Fackel betend;Ihre Tränen niederflossenAuf den Alten, der sie segnet,Und sie wandelt aus der Pforte.

Wie sie durch den Garten gehet,Weinen morgenlich die Rosen,Und in tiefen Träumen wehenÜber ihr des Waldes Kronen.

Und es wirft schon durch die StämmeIhre Strahlen hin Aurore.Aber sieh! zur Link und RechtenGlüht am Himmel heut der Morgen.

Doch jetzt sieht bei der KapelleSie ins Tal herab von oben;Weh! die Röte ihr zur RechtenIst des Pietro Hütte lodernd.

Nieder durch die FelsenwegenEilt sie, achtend nicht der Dornen.Da sie zu dem Garten gehet,Fühlt ihr Fuß den glühen Boden.

Und der Hütte Asche hebetWild emport der Sturm des Morgens,Der sich sonst zu wiegen pflegteIn dem Busen tausend Rosen.

Als sie durch den Garten gehet,Lief um sie die wilde Lohe,Schlangen, Drachen, sengend, brennendBlum und Baum und Laubenbogen.

"Pietro, Pietro!" ruft sie bebend,"Ob er in der Glut gestorben?"Sieh, bei jener weißen RoseSteht er, die sie ihm geschenket.

Alle Bäume rings gefälletHat er zu dem Schutz der Rose,Und ihr immer Wasser gebendGeht und kehrt er zu dem Bronnen.

Als die Jungfrau er gesehen,Spricht er: "Du hast lang verzogen,Dich zum Opfer einzustellen,Das zu deiner Ehre lodert!

Alles, was du hast verschmähet,Hat die Flamme angenommen,Und sie will mich drum vermählenMit der Asche, ihrer Tochter.

Sieh, schon kommen Hochzeitsgäste,Die Gesellen ohne Sorgen,Morgenwinde, lustig hebenSie der grauen Braut die Locken!

Ach, ich lieb sie ohne Ende!Göttlich ist sie, hochgeboren,Denn der herrlichste der HeldenStahl das Feuer von der Sonne.

Meine Braut ist deine Schwester,Du auch bist des Helden Tochter,Dem der Geier nagt am Herzen,Weil das Feuer er gestohlen.

Von den Göttern hoch gesegnetWar die Mutter dir Pandore,Alle Freuden, alle WehenSind aus ihr nächst dir geboren.

So ist aller Lust des LebensBuße zugeordnet worden;Meine Braut, die Asche, schwebet,Spielt die Flamme mit den Rosen.

Ach, ich liebe sie ohn Ende,Denn ich bin aus ihr geboren,Und will wieder Asche werden,Weil ich dich nicht hab erworben.

Wahrlich, sie ist deine Schwester,Denn die schöne, weiße RoseHat sie brennend nicht verzehret,Weil sie hat für mich geworben.

Sei willkomm beim Hochzeitsfeste!Sieh die rosige AuroreIhre gelben Locken mengenMit der Asche meiner Rosen!

Hoch ist dies Fest geehret:Gestern hab ich dich verloren,Heute Nacht starb Rosarose,Meine Rosen diesen Morgen!"

Und nun weint er bittre TränenSeinen sinnverwirrten Worten.Rosablanka tief bewegetSpricht: "O Pietro, denke Gottes!

Pietro, du stehst ganz in Frevel,Seine Hand von dir gezogenHat der Herr! O Pietro, bete,Daß er dein nicht denk im Zorne!

Nie bin ich dir lieb gewesen,Du hast gestern mich betrogen,Denn ich sehe deine SeeleTief in irdscher Not verworren.

Laß dem Feuer seine Rechte,Das du gen dich aufgefordert;Deine Seele zu erretten,Folge mir zur Kirche Gottes!

Und erzähl mir auf dem Wege,Was dir so den Sinn verworren!Ich will liebreich mit dir reden,Folge mir von diesem Orte!"

Pietro spricht: "O Gottes Engel,Wie du mild bist in dem Zorne!"Eine Handvoll Asche nehmendBeugt er sich dann zu dem Boden.

Und sie unter Tränen mengendIn die taubereiften Locken,Spricht er, nochmals um sich sehend,Schmerzdurchdrungen diese Worte:

"O, du liebes, armes Leben!Bunter Thron des ewgen Todes!Blutig Schlachtfeld des Verderbens!O ihr aschevollen Rosen!

Meiner Hütte klare Fenster,Von Jasmin so still umzogen,Und du schattig Dach der RebenÜber meiner kleinen Pforte!

Weh, es grinset wie GespensterAn im glühen Blick der Kohlen,Und der Rasen, den ich pflegte,Knirschet unter meinen Sohlen.

O ihr tausend frommen Engel,In den Lilien, in den Rosen,Morgens mit dem Gärtner betend,Sterne, Sonnen, Kelche, Kronen,

Zeihet mich mit dürrem Stengel,Daß ich alle euch gemordet,Daß ich, folgend dem Verderber,Hab gestört den Tempel Gottes!

Fromme Priester fleißger Zellen,Goldne Bienen, euer Kloster,Eures Gottesdiensts Kapellen,Eurer Andacht Stationen,

Alle liegen sie versenget,Und die Glut des bösen OpfersUnd der Rauch des FeuerfrevelsWar für euch des Todes Odem.

Kühler Labung Marmorbecken,Glatter Rand des treuen Bronnens,Du bist in dem durstgen LeckenDieser wilden Brunst zerborsten.

Stiller Mahner des Gescäftes,Stundenzeiger, Freund der Sonne,Du bist, Feuerschatten werfend,In der bösen Glut zerschmolzen.

Hütte, Garten, Blumen, Reben,Fromme Bienen, süße Rosen,O, du unschuldvolles Leben,Ich hab dich von mir gestoßen!

Einsam nur im Garten stehetDort die hohe, weiße Rose;Paradies mußt untergehen,Ewig steht der Baum des Todes!"

Und nun mit der Jungfrau gehetZu der Stadt der Trauervolle,Und sie wechseln stille Reden,Niedersehend an den Boden.

"Wann ist, Pietro, Rosarose,Deine Schwester, dir gestorben?" —"Des Theaters Glut entgehendFiel sie in den Arm Meliores.

Niedersprang sie von dem Fenster,Und der Sturz führt sie zum Tode.Jetzt zu ihrem LeichenfesteGehe ich zu Jacopone." —

"So war dies die Glut, die gesternIch sah an dem Himmel lodern!Ach, die herrliche Biondette,Ward sie heil dem Brand entzogen?" —

"An der Schwester SterbebetteWar sie noch mit Jacopone!" —"Ist dein Bruder unverletzet,Der getreue Meliore?" —

"Ich hab ihn nicht mehr gesehen,Ich hab ihn nicht sehen wollen,Und ich will ihn nicht mehr sehen,Er hat mein Geschick verdorben!

Er, der Buhler von Biondetten,Er hat mir dein Herz entzogen,Und durch ihn starb Rosarose,Sank mein Haus und meine Rosen!

Ich bin nicht zur Stadt gewesen;Als die wilde Glut da tobte,Saß ich still in meiner Zelle,In verschmähter Lieb verloren.

Und zu deinem Vater gehend,Führt Meliore den Apone,Und der falsche Bruder kehrteZu der Stadt von meiner Pforte.

Und der weise Arzt erzählte,Kräuter in dem Garten holend,Mir den Tod der RosaroseUnd die Buhlerei Meliores.

Und er warf mir in die SeeleEinen Brand, der ewig lodert,Der den Garten mir verzehrte,Der mich selbst noch treibt zum Tode!"

Rosablanka rief nun: "Wehe,Wehe dir, du Höllenbote!Apo ist es nicht gewesen,Wahrhaft sprach der Vater Kosme.

Deinen Schritt zurück noch wende,Du erweckende Aurore,Lasse, was der Böse säte,Nicht erblühn in deiner Sonne!

Schauertrunkne Nacht, o kehre!Decke, die du tot geboren,All die Lügen und GespensterUnterm Dunkel deines Zornes!"

Also spricht sie. Doch es stehenGlühnd des Morgens goldne Kronen,Zeugen ihres Angstgebetes,Auf Bolognas hohen Domen.

Und da sie beisammen stehenBei der Linde, bei dem Bronnen,Sich schon Tagesstrahlen senkenIn den Schein der Mutter Gottes.

"Pietro," spricht sie, "Gottes SegenLeuchte dir in deinem Zorne!"Scheidend sah er da die Tränen,Die ihr aus den Augen quollen.

Und sie sah verwirrt umwehenFinstre Stirn die dunkeln Locken;Denn schon auf die Gipfel legetNiederschauend sich die Sonne.

Die da ewig sinkt und kehretSündenlos im Schaffen Gottes,Kann sich nur in ihm bewegen,Ist ein Freud- und Leidenloses.

** Romanze XVII: Totenmesse — Meliore und Rosablanka beichten

Stille herrscht in den Straßen,Und es rauscht ein MorgenwehnDurch der Gärten Lustterassen,Wo die Blumen träumend stehn.

Eine Perle, eine TräneLegt es jeder in das Herz,Und sie wenden also schöneIhre Kelche sonnenwärts.

Und es wehen ihre DüfteDurch die schlummerstille Stadt,Durch die kühlen, regen LüfteWeht ein einsam Blütenblatt.

Und ein Vöglein aus der LindeFlieget und das Blättlein fing,Glaubt es spielend in dem WindeEinen bunten Schmetterling.

Läßt betrogen dann es fallenIn des Springbrunns Marmorrand,Und er spielt mit süßem LallenMit dem süßen Frühlingstand.

Und der Vogel ohne SorgenStürzet aus dem Bann der Nacht,In den goldnen, lieben Morgen,Der auf Turmesspitzen lacht.

Sonn und Vogel golden lachetAuf dem Kreuz, das himmlisch thront,Und es sinket überwachetIn das Licht der blasse Mond.

Durch den grauen Morgen dringetDer prophetsche Hahnenschrei,Und die Schwalbe dichtend singetIhres Traumes Phantasei.

Sieh, in einem frommen BlitzeFängt das Kreuz den Sonnenschein,Senkt ihn von des Turmes SpitzeIn die stillen Straßen ein.

Und der Bettler, der geschlafenVor des Palasts Säulenkranz,Hebt sich, da ihn Strahlen trafen,Still und dreht den Rosenkranz.

Und es gehet RosablankeDurch das römsche Tor herein,Eine Kerze trägt die SchlankeUnd ein Kännlein Opferwein.

Als sie an des Altars StufenVor Biondettens Wohnung steht,Will die Tänzerin sie rufen,Daß sie mit zur Kirche geht.

Aber wie ward sie betroffen!An dem kleinen, stillen HausSteht die Türe nächtlich offen:Ging so früh die Jungfrau aus?

Nein, dann hätte sie geschlossenEhrbar hinter sich das Tor.Und nun steigt sie unverdrossenZu der Kammer leis empor.

Und sie findet ganz zerrücketDieser Stube Ebenmaß,An der Erde lag zerstücketManche Urne, manches Glas.

Blumen, Federn bunt zerstreuetUnd Gewänder hie und da,Das, was gestern sie erfreuet,Heute sie mit Schrecken sah.

Die zerrissnen PerlenschnüreSäten eine TränensaatZu des Schlafgemaches Türe,Der sich Rosablanka naht.

Und sie pochet: doch die KammerSchweiget, und sie geht hinein.Ach! Da tritt in tiefern JammerNoch die bange Jungfrau ein.

Weh, das Bettlein blutbeflecket,Und zerstört das Saitenspiel!Rosablanka tief erschrecketAuf die Kniee niederfiel.

Zu dem kleinen NonnenbildeRief sie unter Tränen aus:"O, du Antlitz, ernst und milde,Blut und Tod befleckt dies Haus!"

Und mit Angst und mit EntzückenFühlte sie, wie wundervollAus des Bildes stillen BlickenEine helle Träne quoll.

Und so ganz von Angst durchdrungenWeilt sie in dem bösen Haus,Streckt die Hände schmerzgerungenZu dem Morgenlichte aus.

Wie verspätete GespensterGaben hundert Kerzen Schein,Tiefgebrannt, und durch die FensterSah erschreckt der Tag herein,

Den die Nachtigallen grüßenAuf des Fensters Gartenbeet,Wo ihr Bauer unter süßenBlumen eingezäunet steht.

Rosablanka geht zum Bauer,Läßt die Sängerinnen frei:"Flieht und sucht, wo eurer Trauer,Meiner Trauer Heldin sei!

Schwinget euch zu ihrer Leiche,Rufet ihren Mörder aus,Daß die Rache den erreiche,Der befleckt dies heilge Haus!"

Und die kleinen Vögel lenkenZu dem Lichte erst den Flug,Werden aber bald sich schwenkenNach des Herzens innrem Zug,

Wie das Schiff vom Lande rauschetFreudig erst ins ElementUnd die freie Lust dann tauschetMit des Schiffers Ziel und End.

Doch nun kömmt der kleine Knabe,Dem sie gestern am AltarTeilte ihre Honigwabe,Sprach mit seiner Stimme klar:

"Rosablanka, nicht vergesseÜber dieses Hauses SchmerzDeiner Mutter Totenmesse,Trage ins Gebet dein Herz!

Größre Trauer zu bestehenStehet deiner Seele vor,Durch die Dornen mußt du gehenZu des Himmels Rosenflor!

Es verließ die kleine ZelleSchon der treue Gottesmann,Kerzenhell ist die KapelleUnd der Glockenruf getan.

Zünde deine SchlangenfackelAn der ewgen Lampe Licht,Sie sei vor dem TabernakelDes Erlösers aufgericht!"

Rosablanka spricht: "O sageMir, du blondes Wunderkind,Ob ich die, um die ich klage,Je im Leben wiederfind?"

Und er sprach: "Die Seele stehetWieder licht in Gottes Hand,Nur der Leib, der irdisch gehet,Ist dem Dunkel zugewandt!"

Und nun wendet er sich stille,Und die Jungfrau folget nach."Es geschehe Gottes Wille!"Sie ergeben vor sich sprach.

Und er führt sie zu Sankt ClarenDurch den Klostergarten ein,Wo sich tausend Blumen paarenIn des neuen Tages Schein.

Vor des Kirchleins MarmorschwelleSproßt der schönste RosenstrauchUnd erfüllet die KapelleMit der süßen Düfte Hauch.

Wunderbar ist er gewundenUnd geranket tausendfach,Einer Schlange gleicht er untenUnd umzieht das ganze Dach.

Wo er aus der Erde dringet,Ist er dürr und ungestalt,Wo er höher an sich schwinget,Grünt und sproßt er mit Gewalt.

Links wohl alle Rosen trauern,Rechts sie freundlich lachend glühn,Und es stehn des Kirchleins MauernWie in Mond- und Sonnenschein.

Doch drei Sprossen sendet obenFrisch der recht und linke Zweig;Alle sechse dicht verwobenBlühen freudig alle gleich.

Durch das Kuppelfenster schauenStill sechs Rosen zum Altar,Ihre Tränen nieder tauenAuf Mariens Schleier klar.

Aber von den sechsen schimmertEine rot und eine weiß,Und die dritte golden flimmertAus dem wunderbaren Gleiß.

|Rosa mystica Maria|Heißt der heilge Rosenbund;|Virgo dulcis, clemens, pia|Grüßet sie des Volkes Mund.

Als die Jungfrau fromm sich neigetUnd zum Weihbrunn führt die Hand,Wunderbar ein Anblick steigetAuf an seinem Marmorrand.

Vor ihr steht zwei geistge Nonnen,Blicken zu ihr ernst und mild,Reichen ihr den heilgen Bronnen;Eine glich wohl jenem Bild.

Jene, die da stand zur Linken,Wo die Rosen traurig sind,Ließ voll Schmerz die Augen sinken,Wie die Mutter auf das Kind.

Als die Magd von ihren HändenDas geweihte Naß empfing,Suchte sie ihr zu entwendenVon der Hand Biondettens Ring.

Als die Jungfrau dies empfindet,Schloß sie schreckhaft ihre HandUnd das Nonnenpaar verschwindetSeufzend an des Brunnens Rand.

Aber in der Seele stehetEwig nun dies Antlitz fest,Wo sie ruhet, wo sie gehet,Dieses Bild sie nie verläßt.

Doch nun steckt sie Kosmes KerzeAn der ewgen Lampe Glut,Will sie dann mit frommen SchmerzePflanzen, wo die Mutter ruht.

Doch sie findet aufgedecketDer geliebten Toten Gruft,Und: "O Jungfrau, nicht erschrecke!"Eine Stimme zu ihr ruft.

Und es tritt der blonde Knabe,Der sie bis hierher geführt,Lächelnd aus dem offnen GrabeZu ihr, die sein Anblick rührt.

Denn es war, als stieg das LebenAus dem schweren, tiefen Tod;Also wird ein Engel schwebenIn dem letzten Abendrot.

Und er wird der Sonne winkenDie dann sinket nimmermehr,Und die Erde wird ertrinkenIn des ewgen Lichtes Meer.

Alle Schatten werden leuchten,Alles Dunkel wird erglühn,Und die Welten werden beichtenVor dem Lichte auf den Knien.

Und der Knabe sprach: "GeschauetHab ich Rosarosens Gruft,Wo sie heut wird Gott vertrauet,Bis der Herr uns alle ruft.

Rosatristis, die begrabenHier mit Rosaläta steht,Sie wird heut Gesellschaft haben,Blumen, die sie ausgesät.

Schön ist diese Gruft geweitet,Für sechs Särge ist noch Raum,Daß die Wurzel sicher breitet,Wie den Zweig, der Rosenbaum.

Vor der offnen Gruft nicht bange,Stell vor deines Stammes HausHell die Fackel; eine Schlange,Spricht sie wohl die Sünde aus.

Bete! Ich muß von dir scheiden,Denn ich führ das Kinderchor,Um die Leiche zu begleiten,Hier zu ihres Tempels Tor!"

Nun verließ er die Kapelle.Zum Altar Benone zieht,Ihm zu dienen auf der SchwelleMeliore betend kniet.

Als die Jungfrau ihn erblicket,Von der Wunde siech und bleich,Fühlet sie das Herz erquicketUnd zerdrücket allzugleich.

Denn er gleicht in allen MienenJenem, dem sie Rosen gab,Als die Schlange ist erschienenIn dem Garten bei dem Grab.

Mit dem bei des Altars SchwelleMorgens sie die Kränze wand,Der den Ring bei der KapelleReißen wollte von der Hand,

Den sie eng mit sich verbundenDann in heimlichem Gesicht,Das sie tief verschweigt, gefunden;Beten, ach! vermag sie nicht.

Neben ihr das Licht als SchlangeUnd die offne Totengruft,Und der Mann, macht ihr so bange,Und der tausend Rosen Duft.

Was sie nimmer hat gefühlet,Woget durch die keusche Brust,In dem Herzen brennt und kühletIhr ein Leid und eine Lust.

Immer muß sie nach ihm sehen,Ob er nicht sein Antlitz kehrt,Und vor Scham möcht sie vergehen,Wenn er ihren Wunsch gewährt.

Und in züchtig bangen SchmerzenWerden tausend Wünsche frei;Ach, sie wünscht, verwirrt im Herzen,Daß er eine Jungfrau sei.

Und sie möchte mit ihm gehenIn vertrauter Liebeswahl,Möchte mit ihm niedersehenVon dem Berge in das Tal.

Würde er wohl träumend schweigen,Wenn ein Abendvogel singt?Würde er die Hand mir reichen,Wenn die Sonne untersinkt?

Ach, ich würde ihn verstehen,Wüßte stets, was er gedacht,Würde seine Blicke sehen,Deckt ihn gleich die stumme Nacht.

Und wenn ewig untersänkeMir das süße Tageslicht,Er, den ich so herzlich denke,Er versänke mir doch nicht.

Ja, er müßte mich erhaltenMit der treuen, starken Hand,Wollte sich die Erde spalten,An des Abgrunds steiler Wand.

Halte, halte, ach ich gleite!Doch der starre FelsenschlundBlühet mir an deiner SeiteWie ein duftger Wiesengrund.

Mondvoll sind die Finsternisse,Eine Rose ist mein Mund,Deine Worte werden KüsseIn dem zauberischen Bund!

Also trieb vor ihrer SonneSich der Träume Wolkenflug,Und in wunderbarer WonneIhre Seele Wogen schlug.

Aber von der SchlangenkerzeTraf ein Funken ihre Hand,In des Brandes scharfem SchmerzeSie die Sinne wiederfand.

Bei der Gruft erschien die Kerze,Gleich der Schlange jener Gruft,Die heut früh zu ihrem HerzenZückte aus dem Rosenduft.

Und Meliore glich dem Manne,Der so ernstlich warnt und sprach,Doch mit seines Blickes BanneJetzt ihr krankes Herz zerbrach.

Sieh, da küßt die volle SonneJetzt Mariens Altarbild,Und es deckt mit GlanzeswonneNochmals sie der Jungfrau Schild.

Und mit kindlicher GebärdeSenkt die Magd ihr Lockenhaupt,Spricht: "Die Schlange tritt zur Erde,Die dir deine Rosen raubt!"

Und in Tränen ganz zerschwimmend,Fühlet sie die Gnade mild,Dennoch in den Tränen glimmendSieht sie nur des Jünglings Bild.

Und ihr Herz, sie anzuklagen,Ewig: "|mea culpa!|" spricht,Und sie braucht nicht dran zu schlagen,Weil es schon in Ängsten bricht.

Wie sie auch die Blicke wendet,Ihn, und immer ihn, sie sieht,Gleicht dem Auge, das geblendetNie dem Sonnenfleck entflieht.

Von des Meßrocks schwarzem Grunde,Zu des Kelches blankem Gold,Zu der Kuppel Rosenrunde,Sie die süßen Augen rollt.

Doch es war ein liebend Schweifen,Denn sie suchte, was sie floh,Floh ihn, um ihn zu ergreifen,Und ward ihrer Sorge froh.

War sie endlich ihm entronnen,In der Rosen Labyrinth,Das der Kuppel FenstersonnenWie mit einem Netz umspinnt,

Wo die süß gefangnen StrahlenOffner Rosen Busen wiegtUnd das Licht, des Duftes Schalen,Wie ein Schmetterling umfliegt,

Ist die Seele eingeträumetIn des blauen Himmels Aug,Daß sie selig überschäumetIn des Wohlgeruches Hauch:

Sieh, das rasselt mit der SchelleMeliore am Altar,Und sie findet auf der Schwelle,Dem sie kaum entronnen war.

Also geht des Opfers FeierIhr vorüber ohn Gebet,Und auf ihrem Mund der SchleierVon den heißen Seufzern weht.

Doch als sich Benone kehret:"|Ite missa est!|" nun spricht,Was so ängstlich sie beschweret,Plötzlich mit ihr niederbricht.

Wie vom Taue überfülletEine Blume niedersinktUnd ihr Haupt in Staub verhüllet,Der nun ihre Tränen trinkt,

Also neigt in tiefer DemutSie die Stirne voller Schmerz,Und der Tränenkelch der WehmutSinkt in ihr verwirrtes Herz.

Lämmlein, fromm an sonngen Hügeln,Stürzt nicht an dem Wasserfall;Vöglein, unter Mutterflügeln,Schreckt nicht vor des Sturzes Schall!

Wo auf süß beraster StelleSonst die keusche Hirtin sang,Da erwühlt sich eine Quelle,Stürzet von dem Felsenhang.

Und die Lämmer, bunt geflecket,Stürzet nach dem Abgrund hin,Aus dem Schlummer aufgeschrecket,Hält sie nicht die Schäferin.

Hirtin, Hirtin, nach den HöhenLenke rettend deine Flucht,Um der Welle zu entgehen,Die ja selbst die Tiefe sucht!

Doch sie stehet schon geschürzetIn der heilgen Grotte Raum,Und die Welle nach ihr stürzet,Folgend ihres Mantels Saum.

Aber als sie niederknieetVor dem kleinen Felsaltar,In der Höhle Dunkel siehetSie gedrängt der Lämmer Schar.

Und sie dankt dem GnadenbildeIhrer Herde Rettung itzt,Das auch mit dem WunderschildeSie in banger Flucht geschützt.

Und sie findet auf der SchwelleIhren Schäferstab und Hut,Hierher führte ihn die WelleVon dem Ort, wo sie geruht,

Die nun tiefer ab sich stürzetVon der steilen Felsenwand,Wo der Kräuter süß GewürzeNun von ihr erquicket stand.

Und die Hirtin tritt ins Freie,Von den Lämmern bang umdrängt,Sieht, wie eine neue WeiheFels und Tal und Quell empfängt;

Wie der Quell von FelsengipfelnStürzt und springt und widerspringt,In der Schluchten TannenwipfelnSich, ein kühner Jüngling, schwingt;

Wie der Wald sich ihm erbiegetUnd in manchen Arm ihn flicht,Oder wie er stürmisch siegetUnd die Zweige niederbricht;

Und wie heilge SonnenblickeBauen in dem WasserrschaumEine Regenbogenbrücke,Friede sinket in den Traum.

Und der Adler, den dem NesteWild entstürzt die neue Flut,Staunend ob dem heilgen FesteSchwebend überm Bogen ruht.

Und es scheut ihn nicht die Taube,Segelt aus dem Felsenspalt,Denn ein wunderbarer GlaubeTuet aller Welt Gewalt.

Und die Lämmer ruhig schauenVon der steilen Felsenbrust,Lassen sich ds Vlies betauenVon des Wasserfalles Lust.

Denn es waltet ein Vertrauen,Und der Hirtin frommes liedTönet durch die selgen Augen,Bis die Sonne niederzieht.

Solcher Schreck traf Rosablanken,Solche Ruh hat sie erquickt,Als aus irdischen GedankenSie ein tief Gebet entrückt.

Als sie wieder sich gefunden,War schon einsam der Altar,Und Meliore zeigt die WundenSeines Herzen beichtend dar.

An dem Beichtstuhl kniet Meliore,In der kleinen Sakristei,Und bekennt des Priesters Ohre,Welcher Sünd er schuldig sei.

Und erzählt ihm die GeschichteDieser wunderbaren Nacht,Die in einem TraumgesichteZu Biondetten ihn gebracht.

Daß die Wunde er empfangen,Zeigt und fühlte seine Brust,Was sonst über ihn ergangenWar ihm angstverwirrte Lust.

Und Benone hört mit SchauerSeiner bangen Worte Hast,Bis die Tränen seiner TrauerLindern seines Herzens Last.

Als der Jüngling lang geweinet,Da erließ er ihm die Schuld:"Friede, Herz! Die Sonne scheinet,"Sprach er: "fühl des Himmels Huld!"

Und zur andern Seite beugetRosablanka nun das Knie,Spricht: "Das Ohr, o Vater, neigetEiner armen Sündrin hie!"

Sie bekennt ihm die VerirrungIhrer Sinne im Gebet,Wie in seltsamer VerwirrungSie seit manchen Tagen geht.

Wie sie in Biondettens KammerHeut Verwüstung fand und Schmerz;Also zeiget sie voll JammerIhm das eigne kranke Herz.

Und vertraut ihm Kosmes LeidenUnd der letzten Nächte Qual,Bittet ihn, sie zu begleitenIn das stille Tränental.

"Deine Schuld, mein Kind, zu büßen,"Sprach Benone, "ist genug,Folgst du fromm mit bloßen FüßenRosarosens Leichenug.

Meliore wird dich leiten.Wenn die Erde sie umschließt,Will ich dich ins Tal begleiten,Wo den Vater du verließst."

Ruhig hört sie ihn und weinet,Da erließ er ihr die Schuld:"Friede, Herz! Die Sonne scheinet,"Sprach er, "fühl des Himmels Huld!"

Nun verläßt sie die Kapelle.An des Weihbrunns MarmorrandSteht Meliore bei der Schwelle,Reicht ihr segnend seine Hand.

Abermals die beiden NonnenSieht sie stehn mit tiefem Blick,Und sie bebt vom WeihebronnenIn erneuter Angst zurück.

Und sie tritt mit dem GesellenIn den lichten Garten ein,Und des Lebens rege WellenLachen in dem Sonnenschein.

Und sie fühlen alle beide,Daß sie ihre Schuld bekannt,Gehn in Freude sich zur SeiteDurch das blumenvolle Land.

Selig, wer solch Heil gefühlet,Wer die sündenvolle BrustIn der Beichte hat erkühlet,In der Reue frommer Lust!

O unendliches Erbarmen,Ja, ich fühle dich mir nah,Auch mich trugst du in den Armen,Daß ich Gottes Antlitz sah!

Zu der Beichte gehn die Sünder,Schleppend eine tote Welt,Aus der Buße wie die KinderTummeln sich durchs Blumenfeld.

Alles wird zum Paradiese.Mensch und Tier versöhnet sind,Und die Blumen senden GrüßeVon dem süßen Jesuskind.

O, wie lacht der Garten heiter!Funkeln nicht die Blumen schön?Und der Himmel scheinet weiterIn der Vögel Lustgetön.

Aber sieh! Zwei NachtigallenFlattern bange um sie her,Wo sie gehen, wo sie wallen,Und verlassen sie nicht mehr.

Und Meliore bricht das Schweigen:"Was bedeutet wohl, mein Knd,Daß die Vögel nicht mehr weichen,Die doch sonst nicht heimlich sind?"

Rosablanke spricht: "Die beidenHabe ich wohl gleich erkannt,Ach, sie klagen uns ihr Leiden,Haben sich uns zugewandt.

Ihre Herrin ist verschwunden,Heute früh gab ich sie frei;Daß sie wieder sie gefunden,Saget uns ihr Wehgeschrei."

Daß sie von Biondetten spreche,Wußte zwar Meliore nicht,Doch es stürzten TränenbächeVon dem bleichen Angesicht.

Und sie wagt ihm nicht zu sagen,Wie sie jener Kammer fand,Denn schon hatte ihn geschlagenAllzusehr des Schicksals Hand.

Und sie ließ die Vöglein flehen,War sie doch wie sie gebannt,In das Antlitz ihm zu sehen,Das zur Erde er gewandt.

Meliore sprach: "Ich glaube,Diese Vögel flehn um SchutzVor des wilden Geiers RaubeOder böser Buben Trutz.

Laß uns ihren Flug begleiten!" —Ach, er kannte nicht ihr Leiden!Und hinaus zum Garten schreitenErnst und ahnungsvoll die Beiden.

** Romanze XVIII: Biondetta ersticht sich

"Apo, Apo, laß mich ein!"Rufet aus des Turmes GrundeSamael, der Herr der Stunde,Zwölfmal aus kristallnem Munde.

Auf und nieder in dem TurmeSteigt Apone ohne Ruhe;Weil der König ihn besuchet,Muß sein Haus geordnet sein;

Seine Kammer macht er rein.Bibeln, Kreuze, heilger Plunder,Aller Sprachen Vaterunser,Lagen da seit seiner Jugend.

Zu den Stufen all hinunterStürzet er die heilgen Kunden,Daß es in dem Turme summet,Wie zum Brunnen plumpt der Stein.

Alles muß er tun allein,Und er tut es unter Fluchen,Daß der untertänge Pudel,Der abwesend ist zur Stunde,

Daß der Hund im DoktorhuteSeine Kranken jetzt besuchet!Doch die Not erhält ihn munterUnd des Geistes lautes Schrein.

Seine Kammer schmückt er fein.Frauenwurz wohl vier Gebunde,Totenblume, HundeszungeLegt er zierlich in die Runde.

Männlein klein von Alraunwurzel,Ausgerupft im GalgengrundeVon dem schwer verfluchten Hunde,Setzt als Wächter er dabei.

Und ein Basiliskenei,Kinderfinger, einzutunken,All dem König zum Genusse,Muß bei diesem Mahle prunken.

Seinen Dolch befleckt mit BluteStößt er in die mitte Stube;An dem Hefte der KarfunkelSoll des Mahles Fackel sein.

"Apo, Apo, laß mich ein!"Rufet aus des Turmes GrundeSamael, der Herr der Stunde,Zwölfmal aus metallnem Munde.

Apo blickt noch zu dem Buche,Das ihm Moles aufgefunden:"Wo verberg ich es jetzunderVor dem scharfen, hellen Geist?"

Von dem Pulte er es reißt,Und an einen Stab gebunden,Steckt er es hinaus zum TurmeDurch der Kuppel offne Luke,

Daß die Blätter, in dem SturmeHin und her geweht, die WunderIhres Inhalts lauf ausrufen,In dem klaren Sternenschein.

Das könnt ihm verderblich sein;Doch sie drehen sich so munter,Eines geht im andern unter,Und so ists, als wenn es ruhte.

Und der Geist, emporgerufen,Schwebet leuchtend auf den Stufen,Und des Turmes Wände funkeln,Wo sein Silberfittig streift.

Schimmernd durch die Kammer schweiftDann der Geist und spricht: "GelungenIsts dir, Apo, aufzuputzenDeine Stube zum Besuche!"

An dem golden WeberstuhleSitzet Apo, und die SpuleTreibt er hin durch hell und dunkel,Webt des Geistes Flügel ein.

"Samael, ich webe fein."Spricht er, "nun erst ists gelungen,Da ich, Schelm, dich fest gebunden,Nun entflieht mir nicht die Stunde!" —

Listig hast du mich bezwungen,"Spricht der Geist und nimmt die Spule,"Web ich alles dir zum Wunsche,Läßt du mich dann wieder frei?" —

"Webe bis zum Hahnenschrei!Ist dir dann das Werk gelungen,Ist Biondetten mir errungen,Dann sei Freiheit dir bedungen!" —

"Apo, zähme deine Zunge,"Spricht der Geist, "du mußt verstummen!Auf die Spule sieh, und tue,Was dir mein Gewebe zeigt!"

Apo blicket scharf und schweigt.Vor ihm fliegt auf dunklem GrundeFlammend hin und her die Spule,Seine Sinne gehen unter.

Dunkler bald, bald wieder bunterWoget er in Traumes Wunder,Bild und Weber ist verschwunden,Und er glaubet sich allein.

Sieh! Da springt mit blutgem ScheinFeuerschrift aus dunklem Grunde,Und die Lettern laufen munterWie die Funken an dem Zunder.

Und Apone liest verwundert:"Fest ist dieser Jungfrau Tugend!An die Sünde angebundenSie wird uns verderblich sein.

Du bist blutig, sie ist rein!Nur in Blutschuld geht sie unter,Wenn ein Mann aus ihrem Blute,Den sie liebt, im Arm ihr ruhte!"

Also las er, und ins DunkelIst die Schrift dann eingesunken.Schnell greift Apo nun zum Kruge,Voll von giftgem Zauberwein.

Gießt ein Philtrum noch hinein,Reißt den Dolch dann aus dem Grunde,Der im Zauberrunde funklet,In das Gift ihn tief eintunkend.

Und erinnernd sich des Spruches,Den er las am Weberstuhle,Spricht er: "Was auch webt die Spule,Dennoch lock ich sie herein!

Hat den Jüngling sie alleinAn der Türe ruhnd gefunden,Den ich eile zu verwunden,Trägt sie ihn gewiß zur Stube!

So mag er im Arm ihr ruhen,Und verbindend seine Wunde,Bleiben von dem giftgen BluteIhre Hände nimmer rein,

Und sie wird bezaubert mein!Sicher vor dem kranken BuhlerBleibt mir ihres Leibes Blume,Die ich selber will entwurzeln.

Las ich doch in meinem Buche,Daß ich ihres Vaters Bruder;Da sie stammt aus meinem Blute,Sei die Lust der Blutschuld mein!"

Und er folgt dem Feuerschein,Der noch auf den hundert StufenVon des Geistes Flügeln funkelt,Schleichet murrend aus dem Turme.

Er umgeht das Bild des Brunnens;Venus dominiert zur Stunde,Und Maria tut kein WunderFreitag nachts im Mondenschein.

An Biondettens Tür allein,In den Mantel eingewunden,Sieht er seinen NebenbuhlerUnd versetzt ihm Todeswunden.

Als Meliore hingesunkenUnd sein Blut das Gift getrunken,Eilt Apone zu dem Turme.Tat ers, war es Zauberei?

Daß er jetzt ein Mörder sei,Hat er schwerer nicht empfunden,Als den Weg zum Turm hinunterUnd hinan die hundert Stufen.

In der Kammer sitzt er dunkel;An dem Dolche den KarfunkelTraf ein Tropfen von dem Blute,Und es starb der Edelstein.

"Mag sie nun zu Hause sein?Ihre Türe hat geklungen!"Und er blicket von dem TurmeSeufzend nach Biondettens Stube.

Auf Bologna ist die Ruhe,Mondeskühle hingesunken,Einsam, nächtlich von dem TurmeNur der Totenvogel schreit.

Da springt aus der stillen ZeitIhre Stimme klangumwunden,Kerzenhell ist ihre Stube;Apo sieht das Liebeswunder.

Auf ihr Lager hingesunkenLiegt Meliore, heiß umschlungenVon Biondetten. Apo fluchet."Wehe, wehe!" schreit der Geist,

"Des Gewebes Faden reißt!"Schreit der Geist am WeberstuhleUnd lebendig schießt die Spule,Ohne Meister, ungebunden.

"Mußt du Tölpel auch da fluchen,Da die Arbeit schier gelungen!Rückwärts fliegt die freie Spule,Meine Flügel werden frei!" —

"Webe bis zum Hahnenschrei,"Spricht nun Apo, "wie bedungen!"Und er hat sich losgerungenUnd gen Morgen hingeschwungen.

Und hineilend durch die Luke,Riß er gierig in dem FlugeAus dem sturmdurchwehten BucheWohl der goldnen Blätter drei.

Dann mit einem JubelschreiMacht er um den Turm die Runde,Stürzet jauchzend mit dem FundeNieder dann in nächtge Dunkel.

"Soll der Mord mir nun nicht fruchten?Bleibt Biondette unerrungen?"Klagt der Meister, und im TurmeSchlägt die Viertelglocke drei.

"Apo zählet eins bis drei:"Wohl, die dreimal fünf MinutenSind mir andre noch gebunden,Ist der Weber gleich verschwunden."

Nun nimmt aus des Turmes KuppelEr die giftig grüne Kugel,Öffnet sie. Ach! nackend ruhetDrin ein wächsern Jungfräulein.

Goldner Haare süßer ScheinFließt ihm von den zarten Schultern,Türkis sind die Äuglein funkelnd,Ein Rubin lacht auf dem Munde.

Recht für Engel ein Puppe!Zwei Rubinen trägt der Busen,Überm Herzen ihm figuretIst ein goldnes Röselein.

Einen roten Faden feinSchlingt ihm Apo um den rundenHals und stellt das kleine WunderIn den Kreis zum Zauberplunder.

Und er betet still mit MurrenIn des Zirkels mächtger Runde,Zieht mit bösen Bannes ZugeFremde Gäste in den Kreis.

In das zauberische GleisZieht daher, mit fremdem Schmucke,Stolz auf des Kameles Buckel,Sarabot, mit seinem Zuge.

Ihm folgt eine Blume, duftend,Eine Taube, zärtlich murrend,Dann wie Sterne rein und funkelnd,Nackt ein freundlich Geisterweib.

Klar, kristallen scheint ihr Leib;Aus der Locken tiefem DunkelBlicken ihre Augen funkelnd,Kalt und lachend und betrunken.

Wie der Zug um Apo rundet,Spricht zu ihm der König murrend:"Trocken ist mir meine Zunge,Wer ists, der den Becher reicht?"

Und von dem Kamel steigtZürnend er, und mit dem FußeStampft er, daß der Turm im GrundeSchwanket wie ein Schiff im Sturme.

Und gekrümmt gleich einem WurmeBeugt sich in des Zirkels RundeApo, dunkle Worte summend,Bis das Schwanken ging vorbei.

Und mit einem lauten SchreiKlagt das Geisterweib: "Mich dürstet!"Fragt die Taube nach dem Trunke,Sprach: "Mich dürstet!" auch die Blume.

Und Apone sprach ermutet:"Besser wär es, wenn ihr ruhtet,Von der Eile so durchglutetKann der Trunk euch schädlich sein.

Saget erst, nach welchem WeinAlso heftig euch gelustet,Daß ihr also schreien mußtet?"Und sie schrieen all: "Nach Blute!" —

"Warum hast du, böser Bube,"Spricht der König, "mich gerufen,Da in wenigen MinutenSchon mein kurzes Reich vorbei?"

Durch das BasilikeneiBringet Apo sie zur Ruhe,Und die Taube, schnabelzuckend,Pickt die Schale schnell hinunter.

Sarabot das Weiße schlucket,Und das Gelbe zum GenusseReicht er, nebst dem Hahnenpunkte,Hin dem klaren Geisterweib.

Und daß nicht vergessen bleibAuch die Zauberblume duftend,Stürzet sie die SchalenkuppeÜber sie gleich einem Hute.

Apo spricht: "Es fehlt am Trunke;Ach! ein Fäßlein süßen BlutesHatt ich halb heraufgewunden,Als der Strick mir tückisch reißt.

Mir hat Samael, der Geist,Nicht gehalten, was bedungen,Hat sich los von mir gerungenUnd gen Morgen hingeschwungen!"

"Und wo ruht der Most jetzunder?"Fragt der König. "Herr, er ruhetUnter jenem kühlen Brunnen,Wo die Sabbatgöttin weilt.

Wollt ihr trinken, o so eilt,Weil er jetzo gärend sprudelt,Da der Venusstern noch funkeltBis zur mitternächtgen Stunde.

Da ich wußte, was euch munde,Hängt ich würzend zu dem SpundeVon Muskaten ein Lunte,Schwefelglühend, erst hinein!" —

"Wohl, ich sorge für den Wein!"Spricht der König. "Munter, munterSei der Strick hinabgewundenAus der Venus Lockendunkel!"

Doch es will das Weib nicht ruhen,Weil der König heftig rupfet;Apo gibt ihr drum die Puppe,Daß sie spielend sich zerstreu.

Und sie treibet Kinderei;Aus dem Kelch der ZauberblumeMachet sie dem Kindlein Schuhe,Küßt sie, drückt sie an den Busen.

Doch es glänzt ihr zum VerdrusseAuf dem Herz der kleinen Puppe,Und sie riß es gern herunter,Jenes goldne Röselein.

Und sie drückt das Herz ihm einMit des Fingers hartem Drucke.So beschäftigt ohne Zucken,Dient dem Geiste sie zur Kunkel.

Und aus ihren Locken munterDreht den Faden er, hinunterTrägt die Taube ihn die StufenZu Biondettens Kämmerlein.

Dem Kamele an ein BeinWird der Faden angebunden,Und dies macht so lang die Runde,Bis der Faden aufgewunden.

"Ist das Fäßlein ausgetrunken,Geb ich dir zum EigentumeDes Getränkes schönen Brunnen!"Spricht der König und erbleicht.

Denn schon durch die Kammer streichtBang die Taube, und es zucketSchon der Hammer in dem Turme,Drohend mit der zwölften Stunde.

Doch es schaukelt mit der Puppe,Daß gewieget sie entschlummre,Singt ein Lied, sie einzulullen,Jetzt das klare Geisterweib:

"Hast du gleich kein Herz im Leib,Hast du doch zwei ganze Schuhe.Schlummre, schlummre, ruhe, ruhe,Träume von der bunten Kuhe!

All die Bienlein, die gesummetZu den wunderlichen Blumen,Belladonna, Frauenschuhe,Um zu bilden deinen Leib,

Ziehen jetzt zum ZeitvertreibIn die lustge Rockenstube,Wo die schlanken WasserjungfernDrüben bei dem grünen Sumpfe

An des Storches rotem StrumpfeStricken, und sie singen Wunder,Hundert kunterbunte Wunder,Von dem Meister Langebein.

Wie er holt die Kindlein kleinAus dem milchgefüllten Brunnen,Wie dem Mond die karge MutterAn dem Rock stets tät zu kurze

Und ihm aus dem blauen SchurzeNimmer ganz die Mütze rundet;Von des Eichhorns lustgem SturzeIn den kalten Born hinein,

Da sein Schatz im MondenscheinWollte lugen in den Brunnen,Ob sie sehe ihres BuhlenAbbild in der Wassergrube,

Und um mit hineinzugucken,Tät er bücken sich und ducken,Fiel und mußte Wasser schlucken.Ei, wie lief das Jungfräulein!

Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein!Herdesglut ist eingesunken,Und das Heimchen grillt im DunkelNun das Märchen von dem Funken,

Der der Köchin, die betrunkenSchlief, eh sie ihr Lied gesungen,In den wüllnen Rock gesprungenUnd verbrennet ihr den Leib,

Daß sie ward gleich einem Weib;Und wie aus dem falschen KrugeFür den Schwulst sie Salbe suchte,Auf den Besen stieg und fluchte,

Wider Will den Ritt versuchteZu der klugen Frauen Runde,Wo die Hausfrau sie gefunden,Tanzend um den Bock den Reihn.

Als sie christlich wollte schrein,Fiel sie durch den Schlot herunter;Morgens saß sie ganz berußetIn der heißen Aschengruben;

Und die SchornsteinfegerbubenSingen ihr: "Aus unsrer SchuleSchwatzte heut mit dir dein Buhle,Doch sein Besen fegt nicht rein!"

"Mutter, es soll Wahrheit sein!"Sprach sogleich ein schwarzer Junge,Der mit einem kühnen SprungeAus der Schürze kam gesprungen!

Schlummre, süßes Püppchen, schlummre,Bist du dumm, es gibt noch Dummre,Bist du stumm, es gibt noch Stummre,Schlummre, schlummre, Püppchen, ein!

Bald miau! Die Katzen schrein,Machen Diebs- und Liebesrunde,Brünstig, günstig ist die Stunde,Zu dem Mondmann heulen Hunde.

Sieh! Dort auf dem WiesengrundeTanzen jetzt die Elfen munterUnterm Knabenkraut hinunter,Das die Blätter niederstreut.

Kind, sie spielen Lotto heut,Schreiben auf die Blättchen Nummern,Und du darfst nur kühnlich schlummern,Denn dir kommt dein Glück im Schlummer.

Du gewinnst die beste Nummer,Eine Braut wirst du im Schlummer,Und dich wecket ohne KummerHochzeit, Hochzeit, hohe Zeit!

Mondschein deckt dein Bettlein breit,Tu dich zu dem Bräutgam ducken,Wenn die Wichtlein Jubel rufendAuf den Stufen ihre Krucken

Brechen, durch die Ritzen guckenUnd zum Schlüsselloch einschlupfen:Wenn sie an der Decke zupfen,Strecke nur heraus kein Bein!

Ei, die Nacht ist wunderfein!Vor der Kröt auf hohem StuhleSingen Frosch und Unk im Pfuhle,Eine heilge Judenschule.

Und der Irrwisch hüpft betrunken,Wo der Musikant versunken;Brünstig glühn Johannisfunken,Wo jüngst fiel ein Jungfräulein,

Als ihr Buhl ihr stellt ein BeinUnd ihr Kränzlein ohn VermutenFiel in eines Schatzes Gluten,Der im Acker eingetruhet

Blank zu ihren Füßen ruhet.Heim trug sie den Schatz zur Stunde,Schwerer war noch viele PfundeIhr lebendger Edelstein.

Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein!"Also hat das Weib gesungenMit verwirrter, süßer Zunge,Und der Zauber ist gelungen. —

Denn Biondette, schlummertrunken,Folgt des Zauberfadens Zuge,Geht zur Linde, und am BrunnenLiegt vor ihr ein Knabe fein.

"Jungfrau, ach, erbarm dich sein!"Spricht sie, legt den kleinen BubenAuf des Altars höchste Stufe,Wo sie einst auch ward gefunden.

"Bleibe unten, bleibe unten,Bete erst ein Vaterunser!"Hört sie jetzt den Knaben rufen,Doch sie soll verloren sein.

Und sie zieht zum Turm hinein,Steigt hinan die dunklen Stufen;Immer schwächer hört sie rufen:"Bleibe unten, bleibe unten!"

Bis die Stimme ganz verschwunden;Und Biondette, traumumwunden,Steiget jetzt die letzte Stufe,Gehet zu dem Mahl hinein.

Rosablankens Nadel fein,Um die sie das Haar gewunden,Zieht sie aus dem Lockenbunde,Die ihr golden niederfluten.

Nächtlich bloß den keuschen Busen,Tritt sie an die Zauberspuren,Und von ihrem Herzen funkeltHell das goldne Röselein.

"Muß ich denn verloren sein?O Maria, Gottes Mutter,Der ich einstens ward gefunden,In die Windeln eingewunden,

Denke meiner frommen Stunden,Lasse sterbend mich gefunden!"Lallt sie, peinlich traumumwunden,Zu der reinen Seele Heil.

"Sei gegrüßt, du Todespfeil,Sei gegrüßt mit reinem Munde,Der nie freche Lust getrunken,Keuscher Tod in keuscher Wunde!

Flieh, du letzte sündge Stunde!Märtyrkrone sei errungen!"Dann ruft sie mit kühner Zunge:"O Maria, erbarm dich mein!"

Und die goldne Nadel feinStößt sie in den reinen BusenDurch die goldne Rosenblume,Sinket nieder, heilig blutend.

Und es schlägt die zwölfte Stunde."Weh, zu spät ists zu dem Trunke!"Schreit der König, und geht unter.

** Romanze XIX: Moles in Biondettens Leiche

Triumphiert, ihr guten Geister,Es zerbrach der falsche Thron!Apo, dem verfluchten Meister,Sind die Diener all entflohn.

Heilger Sabbat, betend steigeAuf im Ost dein frühes Rot!Über dieser Jungfrau LeicheSchimmre lieblich hin der Tod!

In des Morgenlichtes StreifenSehe ich ein FlammenbootSelig durch die Rosen schweifen,Mit den Segeln purpurrot.

Rosarosa, still geneiget,Führt das Steuer treu und fromm,Rosadora zu ihr steiget,Daß sie auch zum Heile komm.

Jene keusch den Mantel breitetUm der Schwester Seele bloß;Freudig nun der Kahn hingleitetDurch den blutgen Tränenschoß.

Zu des Traumes Insel streichetIhre Fahrt, zum stillen Mond,Den in Sonn und Tränen bleichendDie unschuldge Schuld bewohnt.

Wo die kleinen Kindlein weinen,Die der Tod ums Licht betrog;Auf dem Totenkränzlein scheinenMorgens ihre Tränen noch.

Ungetaufet sie verweilenSingend vor des Himmels Tor,Und die Tränentauf erteilenTauend sie dem Blumenflor.

Rosarosa lehrt die Kleinen,Die auf Erden sie verlor,Rosadora wird erscheinen,Führerin in diesem Chor.

Bis die Rosen sind befreietAus ererbter Sünde Not,Bis zum Kranze sie gereihetSelig steigen aus dem Tod,

Singet Jungfraun, Kindlein weinetAn dem goldnen Himmelstor,Bald Maria euch erscheinetMit der Engel selgem Chor.

Aber blickend nach der Reinen,Taucht die Sonne jetzt empor,Hüllet dann sich, um zu weinen,In der grauen Wolken Flor.

Und ein dichter NebelschleierÜber ihres Hauptes GoldZu des Tages TotenfeierTraurend tief herniederrollt.

Wie ein Trauerhaus bekleidet,Steht umwölkt das Himmelstor;Sonnenlos, leidtragend schreiteBleich der junge Tag hervor.

Asche auf die Hügel streuendWandelt hin der Göttersohn,Und Aurora weint bereuend,Daß er ihrem Schoß entflohn.

Und sie spricht: "Aus schweren TräumenAufgeschrecket muß ich schonDir mit blutgem Purpur säumenDeiner Trauer trüben Thron.

Wo die Nacht den Flügel breitetÜber Schlaf und über Tod,War mein Lager heut bereitetUnter böser Träume Not.

Boten auf und nieder steigenZwischen Erde, zwischen Mond,Sah ich zu des Abgrunds Reichen,Wo die Brut des Fluches wohnt.


Back to IndexNext