Chapter 4

»Um für deine Saat zu düngenMeines Geistes dürren Acker,Mit Mistkarren voll SchimpfwörterHast du mich beschmissen wacker.

»So folgt jeder der Methode,Dran er nun einmal gewöhnet,Und anstatt dich drob zu schelten,Sag ich Dank dir, wohlversöhnet.

»Die DreieinigkeitsdoktrinKann für unsre Leut nicht passen,Die mit Regula-de-triSich von Jugend aufbefassen.

»Daß in deinem Gotte drei,Drei Personen sind enthalten,Ist bescheiden noch, sechstausendGötter gab es bei den Alten.

»Unbekannt ist mir der Gott,Den ihr Christum pflegt zu nennen;Seine Jungfer Mutter gleichfallsHab ich nicht die Ehr zu kennen.

»Ich bedaure, daß er einst,Vor etwa zwölfhundert Jahren,Einge UnannehmlichkeitenZu Jerusalem erfahren.

»Ob die Juden ihn getötet,Das ist schwer jetzt zu erkunden,Da ja das Corpus DelictiSchon am dritten Tag verschwunden.

»Daß er ein Verwandter seiUnsres Gottes, ist nicht minderZweifelhaft; so viel wir wissen,Hat der letztre keine Kinder.

»Unser Gott ist nicht gestorbenAls ein armes LämmerschwänzchenFür die Menschheit, ist kein süßesPhilantröpfchen, Faselhänschen.

»Unser Gott ist nicht die Liebe;Schnäbeln ist nicht seine Sache,Denn er ist ein DonnergottUnd er ist ein Gott der Rache.

»Seines Zornes Blitze treffenUnerbittlich jeden Sünder,Und des Vaters Schulden büßenOft die späten Enkelkinder.

»Unser Gott, der ist lebendig,Und in seiner HimmelshalleExistieret er drauf losDurch die Ewigkeiten alle.

»Unser Gott, und der ist auchEin gesunder Gott, kein MythosBleich und dünne wie OblatenOder Schatten am Cocytos.

»Unser Gott ist stark. In HändenTrägt er Sonne, Mond, Gestirne;Throne brechen, Völker schwinden,Wenn er runzelt seine Stirne.

»Und er ist ein großer Gott.David singt: Ermessen ließeSich die Größe nicht, die ErdeSei der Schemel seiner Füße.

»Unser Gott liebt die Musik,Saitenspiel und Festgesänge;Doch wie Ferkelgrunzen sindIhm zuwider Glockenklänge.

»Leviathan heißt der Fisch,Welcher haust im Meeresgrunde;Mit ihm spielet Gott der HerrAlle Tage eine Stunde -

»Ausgenommen an dem neuntenTag des Monats Ab, wo nämlichEingeäschert ward sein Tempel;An dem Tag ist er zu grämlich.

»Des Leviathans Länge istHundert Meilen, hat FloßfedernGroß wie König Ok von Basan,Und sein Schwanz ist wie ein Zedern.

»Doch sein Fleisch ist delikat,Delikater als Schildkröten,Und am Tag der AuferstehungWird der Herr zu Tische beten.

»Alle frommen Auserwählten,Die Gerechten und die Weisen -Unsres Herrgotts LieblingsfischWerden sie alsdann verspeisen,

»Teils mit weißer Knoblauchbrühe,Teils auch braun in Wein gesotten,Mit Gewürzen und Rosinen,Ungefähr wie Matelotten.

»In der weißen KnoblauchbrüheSchwimmen kleine Schäbchen Rettich -So bereitet, Frater Jose,Mundet dir das Fischlein, wett ich!

»Auch die braune ist so lecker,Nämlich die Rosinensauce,Sie wird himmlisch wohl behagenDeinem Bäuchlein, Frater Jose.

»Was Gott kocht, ist gut gekocht!Mönchlein, nimm jetzt meinen Rat an,Opfre hin die alte VorhautUnd erquick dich am Leviathan.«

Also lockend sprach der Rabbi,Lockend, ködernd, heimlich schmunzelnd,Und die Juden schwangen schonIhre Messer wonnegrunzelnd,

Um als Sieger zu skalpierenDie verfallenen Vorhäute,Wahre spolia opimaIn dem wunderlichen Streite.

Doch die Mönche hielten festAn dem väterlichen GlaubenUnd an ihrer Vorhaut, ließenSich derselben nicht berauben.

Nach dem Juden sprach aufs neueDer katholische Bekehrer;Wieder schimpft er, jedes WortIst ein Nachttopf, und kein leerer.

Darauf repliziert der RabbiMit zurückgehaltnem Eifer;Wie sein Herz auch überkocht,Doch verschluckt er seinen Geifer.

Er beruft sich auf die Mischna,Kommentare und Traktate;Bringt auch aus dem Tausves-JontofViel beweisende Zitate.

Aber welche BlasphemieMußt er von dem Mönche hören!Dieser sprach: der Tausves-JontofMöge sich zum Teufel scheren.

»Da hört alles auf, o Gott!«Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich;Und es reißt ihm die Geduld,Rappelköpfig wird er plötzlich.

»Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof,Was soll gelten? Zeter! Zeter!Räche, Herr, die Missetat,Strafe, Herr, den Übeltäter!

»Denn der Tausves-Jontof, Gott,Das bist du! Und an dem frechenTausvesjontof-Leugner mußt duDeines Namens Ehre rächen.

»Laß den Abgrund ihn verschlingen,Wie des Korah böse Rotte,Die sich wider dich empörtDurch Emeute und Komplotte.

»Donnre deinen besten Donner!Strafe, o mein Gott, den Frevel -Hattest du doch zu SodomaUnd Gomorrha Pech und Schwefel!

»Treffe, Herr, die Kapuziner,Wie du Pharaon getroffen,Der uns nachgesetzt, als wirWohl bepackt davongeloffen.

»Hunderttausend Ritter folgtenDiesem König von Mizrayim,Stahlbepanzert, blanke SchwerterIn den schrecklichen Jadayim.

»Gott! da hast du ausgestrecktDeine Jad, und samt dem HeereWard ertränkt, wie junge Katzen,Pharao im roten Meere.

»Treffe, Herr, die Kapuziner,Zeige den infamen Schuften,Daß die Blitze deines ZornsNicht verrauchten und verpufften.

»Deines Sieges Ruhm und PreisWill ich singen dann und sagen,Und dabei, wie Mirjam tat,Tanzen und die Pauke schlagen.«

In die Rede grimmig fielJetzt der Mönch dem Zornentflammten:»Mag dich selbst der Herr verderben,Dich Verfluchten und Verdammten!

»Trotzen kann ich deinen Teufeln,Deinem schmutzgen Fliegengotte,Luzifer und Belzebube,Belial und Astarothe.

»Trotzen kann ich deinen Geistern,Deinen dunkeln Höllenpossen,Denn in mir ist Jesus Christus,Habe seinen Leib genossen.

»Christus ist mein Leibgericht,Schmeckt viel besser als LeviathanMit der weißen Knoblauchsauce,Die vielleicht gekocht der Satan.

»Ach! anstatt zu disputieren,Lieber möcht ich schmoren, bratenAuf dem wärmsten ScheiterhaufenDich und deine Kameraden.«

Also tost in Schimpf und ErnstDas Turnei für Gott und Glauben,Doch die Kämpen ganz vergeblichKreischen, schelten, wüten, schnauben.

Schon zwölf Stunden währt der Kampf,Dem kein End ist abzuschauen;Müde wird das Publikum,Und es schwitzen stark die Frauen.

Auch der Hof wird ungeduldig,Manche Zofe gähnt ein wenig.Zu der schönen KöniginWendet fragend sich der König:

»Sagt mir, was ist Eure Meinung?Wer hat Recht von diesen beiden?Wollt Ihr für den Rabbi EuchOder für den Mönch entscheiden?«

Donna Blanka schaut ihn an,Und wie sinnend ihre HändeMit verschränkten Fingern drückt sieAn die Stirn und spricht am Ende:

»Welcher Recht hat, weiß ich nicht -Doch es will mich schier bedünken,Daß der Rabbi und der Mönch,Daß sie alle beide stinken.«

Nachwort zum »Romanzero«

Ich habe dieses Buch Romanzero genannt, weil der Romanzenton vorherrschend in den Gedichten, die hier gesammelt. Mit wenigen Ausnahmen schrieb ich sie während der letzten drei Jahre, unter mancherlei körperlichen Hindernissen und Qualen. Gleichzeitig mit dem Romanzero lasse ich in derselben Verlagshandlung ein Büchlein erscheinen, welches »Der Doktor Faust, ein Tanzpoem, nebst kuriosen Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst« betitelt ist. Ich empfehle solches einem verehrungswürdigen Publiko, das sich gern ohne Kopfanstrengung über dergleichen Dinge belehren lassen möchte; es ist eine leichte Goldarbeit, worüber gewiß mancher Grobschmied den Kopf schütteln wird. Ich hegte ursprünglich die Absicht, dieses Produkt dem Romanzero einzuverleiben, was ich aber unterließ, um nicht die Einheit der Stimmung, die in letzterem waltet und gleichsam sein Kolorit bildet, zu stören. Jenes Tanzpoem schrieb ich nämlich im Jahre 1847, zu einer Zeit, wo mein böses Siechtum bereits bedenklich vorgeschritten war, aber doch noch nicht seine grämlichen Schatten über mein Gemüt warf. Ich hatte damals noch etwas Fleisch und Heidentum an mir, und ich war noch nicht zu dem spiritualistischen Skelette abgemagert, das jetzt seiner gänzlichen Auflösung entgegenharrt. Aber existiere ich wirklich noch? Mein Leib ist so sehr in die Krümpe gegangen, daß schier nichts übrig geblieben als die Stimme, und mein Bett mahnt mich an das tönende Grab des Zauberers Merlinus, welches sich im Walde Brozeliand in der Bretagne befindet, unter hohen Eichen, deren Wipfel wie grüne Flammen gen Himmel lodern. Ach, um diese Bäume und ihr frisches Wehen beneide ich dich, Kollege Merlinus, denn kein grünes Blatt rauscht herein in meine Matratzengruft zu Paris, wo ich früh und spat nur Wagengerassel, Gehämmer, Gekeife und Klaviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld auszugeben und keine Briefe oder gar Bücher zu schreiben brauchen - das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir längst das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch Geduld, alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude geschlossen finden, wo euch die Puppenspiele meines Humors so oft ergötzten.

Was soll aber, wenn ich tot bin, aus den armen Hauswürsten werden, die ich seit Jahren bei jenen Darstellungen employiert hatte? Was soll z. B. aus Maßmann werden? Ungern verlaß ich ihn, und es erfaßt mich schier eine tiefe Wehmut, wenn ich denke an die Verse:

Ich sehe die kurzen Beinchen nicht mehr,Nicht mehr die platte Nase;Er schlug wie ein Pudel frisch, fromm, fröhlich, frei,Die Purzelbäume im Grase.

Und er versteht Latein. Ich habe freilich in meinen Schriften so oft das Gegenteil behauptet, daß Niemand mehr meine Behauptung bezweifelte, und der Ärmste ein Stichblatt der allgemeinen Verhöhnung ward. Die Schulbuben frugen ihn, in welcher Sprache der Don Quixote geschrieben sei? und wenn mein armer Maßmann antwortete: in spanischer Sprache - erwiderten sie, er irre sich, derselbe sei lateinisch geschrieben und das käme ihm so spanisch vor. Sogar die eigene Gattin war grausam genug, bei häuslichen Mißverständnissen auszurufen, sie wundere sich, daß ihr Mann sie nicht verstehe, da sie doch Deutsch und kein Latein gesprochen habe. Die Maßmännische Großmutter, eine Wäscherin von unbescholtener Sittlichkeit und die einst für Friedrich den Großen gewaschen, hat sich über die Schmach ihres Enkels zu Tode gegrämt; der Onkel, ein wackerer altpreußischer Schuhflicker, bildete sich ein, die ganze Familie sei schimpfiert, und vor Verdruß ergab er sich dem Trunk.

Ich bedaure, daß meine jugendliche Unbesonnenheit solches Unheil angerichtet. Die würdige Waschfrau kann ich leider nicht wieder ins Leben zurückrufen, und den zartfühlenden Oheim, der jetzt zu Berlin in der Gosse liegt, kann ich nicht mehr des Schnapses entwöhnen; aber ihn selbst, meinen armen Hanswurst Maßmann, will ich in der öffentlichen Meinung wieder rehabilitieren, indem ich alles was ich über seine Lateinlosigkeit, seine lateinische Impotenz, seine magna linguae romanae ignorantia jemals geäußert habe, feierlich widerrufe.

So hätte ich denn mein Gewissen erleichtert. Wenn man auf dem Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig, und möchte Frieden machen mit Gott und der Welt. Ich gestehe es, ich habe Manchen gekratzt, Manchen gebissen, und war kein Lamm. Aber glaubt mir, jene gepriesenen Lämmer der Sanftmut würden sich minder frömmig gebärden, besäßen sie die Zähne und die Tatzen des Tigers. Ich kann mich rühmen, daß ich mich solcher angebornen Waffen nur selten bedient habe. Seit ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürftig, habe ich allen meinen Feinden Amnestie erteilt; manche schöne Gedichte, die gegen sehr hohe und sehr niedrige Personen gerichtet waren, wurden deshalb in vorliegender Sammlung nicht aufgenommen. Gedichte, die nur halbweg Anzüglichkeiten gegen den lieben Gott selbst enthielten, habe ich mit ängstlichstem Eifer den Flammen überliefert. Es ist besser, daß die Verse brennen als der Versifex. Ja, wie mit der Kreatur, habe ich auch mit dem Schöpfer Frieden gemacht, zum größten Ärgernis meiner aufgeklärten Freunde, die mir Vorwürfe machten über dieses Zurückfallen in den alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr zu Gott zu nennen beliebten. Andere, in ihrer Intoleranz, äußerten sich noch herber. Der gesamte hohe Klerus des Atheismus hat sein Anathema über mich ausgesprochen, und es gibt fanatische Pfaffen des Unglaubens, die mich gerne auf die Folter spannten, damit ich meine Ketzereien bekenne. Zum Glück stehen ihnen keine andern Folterinstrumente zu Gebote als ihre Schriften. Aber ich will auch ohne Tortur alles bekennen. Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. War es die Misère, die mich zurücktrieb? Vielleicht ein minder miserabler Grund. Das himmlische Heimweh überfiel mich und trieb mich fort durch Wälder und Schluchten, über die schwindlichsten Bergpfade der Dialektik. Auf meinem Wege fand ich den Gott der Pantheisten, aber ich konnte ihn nicht gebrauchen. Dies arme träumerische Wesen ist mit der Welt verwebt und verwachsen, gleichsam in ihr eingekerkert, und gähnt dich an, willenlos und ohnmächtig. Um einen Willen zu haben, muß man eine Person sein, und, um ihn zu manifestieren, muß man die Ellbogen frei haben. Wenn man nun einen Gott begehrt, der zu helfen vermag - und das ist doch die Hauptsache - so muß man auch seine Persönlichkeit, seine Außerweltlichkeit und seine heiligen Attribute, die Allgüte, die Allweisheit, die Allgerechtigkeit u.s.w. annehmen. Die Unsterblichkeit der Seele, unsre Fortdauer nach dem Tode, wird uns alsdann gleichsam mit in den Kauf gegeben, wie der schöne Markknochen, den der Fleischer, wenn er mit seinen Kunden zufrieden ist, ihnen unentgeltlich in den Korb schiebt. Ein solcher schöner Markknochen wird in der französischen Küchensprache la réjouissance genannt, und man kocht damit ganz vorzügliche Kraftbrühen, die für einen armen schmachtenden Kranken sehr stärkend und labend sind. Daß ich eine solche réjouissance nicht ablehnte und sie mir vielmehr mit Behagen zu Gemüte führte, wird jeder fühlende Mensch billigen.

Ich habe vom Gott der Pantheisten geredet, aber ich kann nicht umhin zu bemerken, daß er im Grunde gar kein Gott ist, so wie überhaupt die Pantheisten eigentlich nur verschämte Atheisten sind, die sich weniger vor der Sache als vor dem Schatten, den sie an die Wand wirft, vor dem Namen, fürchten. Auch haben die meisten in Deutschland während der Restaurationszeit mit dem lieben Gotte dieselbe funfzehnjährige Komödie gespielt, welche hier in Frankreich die konstitutionellen Royalisten, die größtenteils im Herzen Republikaner waren, mit dem Königtume spielten. Nach der Juliusrevolution ließ man jenseits wie diesseits des Rheines die Maske fallen. Seitdem, besonders aber nach dem Sturz Ludwig Philipps, des besten Monarchen, der jemals die konstitutionelle Dornenkrone trug, bildete sich hier in Frankreich die Meinung: daß nur zwei Regierungsformen, das absolute Königtum und die Republik, die Kritik der Vernunft oder der Erfahrung aushielten, daß man Eins von Beiden wählen müsse, daß alles dazwischen liegende Mischwerk unwahr, unhaltbar und verderblich sei. In derselben Weise tauchte in Deutschland die Ansicht auf, daß man wählen müsse zwischen der Religion und der Philosophie, zwischen dem geoffenbarten Dogma des Glaubens und der letzten Konsequenz des Denkens, zwischen dem absoluten Bibelgott und dem Atheismus.

Je entschiedener die Gemüter, desto leichter werden sie das Opfer solcher Dilemmen. Was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik keines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselben demokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend huldigte und für die ich seitdem immer flammender erglühte. In der Theologie hingegen muß ich mich des Rückschreitens beschuldigen, indem ich, was ich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglauben, zu einem persönlichen Gotte, zurückkehrte. Das läßt sich nun einmal nicht vertuschen, wie es mancher aufgeklärte und wohlmeinende Freund versuchte. Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgend einer Kirche oder gar in ihren Schoß geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und Freundschaft. Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Füßen lag ich lange, und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Stein erbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, daß ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?

Ich breche hier ab, denn ich gerate in einen larmoyanten Ton, der vielleicht überhandnehmen kann, wenn ich bedenke, daß ich jetzt auch von Dir, teurer Leser, Abschied nehmen soll. Eine gewisse Rührung beschleicht mich bei diesem Gedanken; denn ungern trenne ich mich von Dir. Der Autor gewöhnt sich am Ende an sein Publikum, als wäre es ein vernünftiges Wesen. Auch dich scheint es zu betrüben, daß ich Dir Valet sagen muß; du bist gerührt, mein teurer Leser, und kostbare Perlen fallen aus deinen Tränensäckchen. Doch beruhige Dich, wir werden uns wiedersehen in einer besseren Welt, wo ich dir auch bessere Bücher zu schreiben gedenke. Ich setze voraus, daß sich dort auch meine Gesundheit bessert und daß mich Swedenborg nicht belogen hat. Dieser erzählt nämlich mit großer Zuversicht, daß wir in der andern Welt das alte Treiben, ganz wie wir es in dieser Welt getrieben, ruhig fortsetzen, daß wir dort unsere Individualität unverändert bewahren und daß der Tod in unserer organischen Entwickelung gar keine sonderliche Störung hervorbringe. Swedenborg ist eine grundehrliche Haut, und glaubwürdig sind seine Berichte über die andere Welt, wo er mit eigenen Augen die Personen sah, die auf unserer Erde eine Rolle gespielt. Die meisten, sagt er, blieben unverändert und beschäftigen sich mit denselben Dingen, mit denen sie sich auch vormals beschäftigt; sie blieben stationär, waren veraltet, rokoko, was sich mitunter sehr lächerlich ausnahm. So z. B. unser teurer Doktor Martinus Luther war stehen geblieben bei seiner Lehre von der Gnade, über die er während dreihundert Jahren tagtäglich dieselben verschimmelten Argumente niederschrieb - ganz in derselben Weise wie der verstorbene Baron Eckstein, der während zwanzig Jahren in der Allgemeinen Zeitung einen und denselben Artikel drucken ließ, den alten jesuitischen Sauerteig beständig wiederkäuend. Aber, wie gesagt, nicht alle Personen, die hienieden eine Rolle gespielt, fand Swedenborg in solcher fossilen Erstarrung; sie hatten im Guten wie im Bösen ihren Charakter weidlich ausgebildet in der anderen Welt, und da gab es sehr wunderliche Erscheinungen. Helden und Heilige dieser Erde waren dort zu Lumpen und Taugenichtsen herabgesunken, während auch das Gegenteil stattfand. So z. B. stieg dem heiligen Antonius der Hochmut in den Kopf, als er erfuhr, welche ungeheure Verehrung und Anbetung ihm die ganze Christenheit zollt, und er, der hienieden den furchtbarsten Versuchungen widerstanden, ward jetzt ein ganz impertinenter Schlingel und liederlicher Galgenstrick, der sich mit seinem Schweine um die Wette in den Kot wälzt. Die keusche Susanne brachte der Dünkel ihrer Sittlichkeit, die sie unbesiegbar glaubte, gar schmählich zu Falle, und sie, die einst den Greisen so glorreich widerstanden, erlag der Verlockung des jungen Absalon, Sohn Davids. Die Töchter Lots hingegen hatten sich im Verlauf der Zeit sehr vertugendhaftet und gelten in der andern Welt für Muster der Anständigkeit; der Alte verharrte leider bei der Weinflasche.

So närrisch sie auch klingen, so sind doch diese Nachrichten eben so bedeutsam wie scharfsinnig. Der große skandinavische Seher begriff die Einheit und Unteilbarkeit unserer Existenz, so wie er auch die unveräußerlichen Individualitätsrechte des Menschen ganz richtig erkannte und anerkannte. Die Fortdauer nach dem Tode ist bei ihm kein idealer Mummenschanz, wo wir neue Jacken und einen neuen Menschen anziehen; Mensch und Kostüm bleiben bei ihm unverändert. In der anderen Welt des Swedenborg werden sich auch die armen Grönländer behaglich fühlen, die einst, als die dänischen Missionäre sie bekehren wollten, an diese die Frage richteten: ob es im christlichen Himmel auch Seehunde gäbe? Auf die verneinende Antwort erwiderten sie betrübt: der christliche Himmel passe alsdann nicht für Grönländer, die nicht ohne Seehunde existieren könnten.

Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der Natur zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemüte angeboren. Sei getrost, teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in der anderen Welt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden.

Und nun, lebe wohl, und wenn ich Dir etwas schuldig bin, so schicke mir Deine Rechnung. -

Geschrieben zu Paris, den 30. September 1851. Heinrich Heine.


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