Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Burkhardtsaß in einem gelben Korbsessel bequem zurückgelehnt, den großen Panamahut auf dem Hinterkopf, eine Zeitschrift in den Händen, rauchend und lesend in der hell von der Sonne durchschienenen Laube an der Westseite des Atelierhauses, und nahe dabei hockte Veraguth auf einem niedrigen Klappstühlchen und hatte die Staffelei vor sich. Die Figur des Lesenden war aufgezeichnet, die großen Farbflecken standen fest, nun malte er am Gesicht und das ganze Bild frohlockte in hellen, leichten, durchsonnten, doch maßvollen Tönen. Es roch würzig nach Ölfarbe und Havannarauch, Vögel taten verborgen im Laub ihre dünnen, mittäglich gedämpften Schreie und sangen schläfrig-träumerische Plaudertöne. Am Boden kauerte Pierre mit einer großen Landkarte, auf der sein dünner Zeigefinger nachdenkliche Reisen betrieb.

„Nicht einschlafen!“ schrie der Maler mahnend.

Burkhardt blinzelte ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.

„Wo bist du jetzt, Pierre?“ fragte er den Knaben.

„Warte, ich muß erst lesen,“ gab Pierre eifrig Antwort, und buchstabierte auf seiner Karte einen Namen heraus. „In Lu – in Luz – Luz – in Luzern. Da ist ein See oder ein Meer. Ist der größer als unser See, Onkel?“

„Viel größer! zwanzigmal größer! Du mußt einmal hingehen.“

„O ja. Wenn ich ein Automobil habe, dann fahre ich nach Wien und nach Luzern und an die Nordsee und nach Indien, da wo dein Haus ist. Bist du dann auch zu Hause?“

„Gewiß, Pierre. Ich bin immer zu Hause, wenn Gäste zu mir kommen. Dann gehen wir zu meinem Affen, der heißt Pendek und hat keinen Schwanz, aber einen schneeweißen Backenbart, und dann nehmen wir Flinten und fahren im Boot auf dem Fluß und schießen ein Krokodil.“

Pierre wiegte voll Vergnügen seinen schlanken Oberkörper hin und her. Der Onkel aber erzählte weiter von seiner Rodung im malaiischen Urwald,und er sprach so hübsch und so lange, daß der Kleine schließlich müde wurde und nimmer folgen konnte. Er studierte zerstreut an seiner Karte weiter, sein Vater aber hörte desto aufmerksamer auf den eifrig plaudernden Freund, der in lässigem Behagen von Arbeit und Jagd, von Ausflügen auf Pferden und in Booten, von hübschen leichten Kulidörfern aus Bambusrohr und von Affen, Reihern, Adlern, Schmetterlingen berichtete und sein stilles, weltfremdes, tropisches Waldleben so verführerisch und heimlich auftat, daß es dem Maler schien, er sähe durch einen Spalt in ein reiches, farbenschönes, seliges Paradiesland hinein. Er hörte von stillen, großen Strömen im Urwald, von baumhohen Farnwildnissen und weiten wehenden Ebenen voll von mannshohem Lalanggras, er hörte von farbigen Abenden am Meeresufer, den Koralleninseln und blauen Vulkanen gegenüber, von wilden, rasenden Regenstürzen und flammenden Gewittern, von träumerisch beschaulichem Hindämmern heißer Tage auf den breiten, schattigen Veranden der weißen Pflanzerhäuser, vom Gewühl chinesischer Stadtstraßen und vonabendlichen Ruhestunden der Malaien am flachen, steinernen Teich vor der Moschee.

Wieder, wie früher schon manchesmal, erging sich Veraguths Phantasie in der fernen Heimat seines Freundes, und er wußte nicht, wie sehr die Verlockung und stille Lüsternheit seiner Seele den verborgenen Absichten Burkhardts entgegenkam. Es war nicht allein der Schimmer tropischer Meere und Inselküsten, der Reichtum der Wälder und Ströme, die Farbigkeit halbnackter Naturvölker, die ihm Sehnsucht schuf und ihn mit Bildern berückte. Es war noch mehr die Ferne und Stille einer Welt, in der seine Leiden, Sorgen, Kämpfe und Entbehrungen fremd und fern und blaß werden mußten, wo hundert kleine tägliche Lasten von der Seele fallen und eine neue, noch reine, schuldlose, leidlose Atmosphäre ihn aufnehmen würde.

Der Nachmittag verging, die Schatten wanderten. Pierre war längst weggelaufen, Burkhardt allmählich still geworden und endlich eingenickt, das Bild aber war nahezu fertig und der Maler schloß eine Weile die ermüdeten Augen, ließ die Hände sinken undatmete minutenlang mit beinahe schmerzlicher Inbrunst die tiefe sonnige Stille der Stunde, die Nähe des Freundes, die beruhigte Ermüdung nach einer geglückten Arbeit und die Hingenommenheit der erschlafften Nerven. Das war, neben dem Rausch des Zugreifens und schonungslosen Arbeitens, seit langem wohl sein tiefster und tröstlichster Genuß, diese milden Augenblicke müder Entspannung, ähnlich den ruhevoll vegetativen Dämmerzuständen zwischen Schlaf und Erwachen.

Er stand leise auf, um Burkhardt nicht zu wecken, und trug die Leinwand vorsichtig in das Atelier. Dort legte er den leinenen Malrock ab, wusch die Hände und badete die leicht überanstrengten Augen in kaltem Wasser. Eine Viertelstunde später stand er wieder draußen, blickte dem schlummernden Gast einen Moment prüfend ins Gesicht und weckte ihn dann durch den alten Pfiff, den sie schon vor fünfundzwanzig Jahren untereinander als Geheimsignal und Erkennungszeichen eingeführt hatten.

„Falls du ausgeschlafen hast, Junge,“ bat er ermunternd, „könntest du mir jetzt noch ein bißchen vondrüben erzählen, ich konnte während der Arbeit nur halb zuhören. Du sagtest auch etwas von Photographien; hast du die bei dir und können wir sie ansehen?“

„Gewiß können wir das, komm nur mit!“

Auf diese Stunde hatte Otto Burkhardt seit mehreren Tagen gewartet. Es war seit vielen Jahren sein Wunsch, Veraguth einmal mit sich nach Ostasien zu locken und ihn eine Weile drüben bei sich zu haben. Diesmal, da es ihm die letzte Gelegenheit zu sein schien, hatte er sich mit der durchdachtesten Planmäßigkeit darauf vorbereitet. Als die beiden Männer in Burkhardts Zimmer beisammen saßen und im abendlichen Licht über Indien plauderten, zog er immer neue Albume und Mappen mit Photographien aus seinem Koffer. Der Maler war über die Fülle entzückt und erstaunt, Burkhardt blieb ruhig und schien allen den Blättern keinen besonderen Wert beizulegen, und doch wartete er heimlich auf ihre Wirkung mit der heftigsten Spannung.

„Was für schöne Aufnahmen das sind!“ rief Veraguth in hellem Vergnügen. „Hast du die alle selber gemacht?“

„Zum Teil, ja,“ sagte Burkhardt trocken, „manche sind auch von meinen Bekannten draußen. Ich wollte dir nur einmal eine Ahnung davon geben, wie es bei uns etwa aussieht.“

Er sagte es obenhin und legte die Blätter gleichmütig zu Stößen, und Veraguth konnte nicht ahnen, wie sorglich und mühsam er diese Sammlung zustande gebracht hatte. Er hatte viele Wochen lang einen jungen englischen Photographen aus Singapore und später einen Japaner aus Bangkok bei sich gehabt, und sie hatten vom Meer bis in die tiefsten Wälder hinein auf vielen Ausflügen und kleinen Reisen alles aufgesucht und photographiert, was irgend schön und bemerkenswert schien, schließlich waren die Bilder mit der äußersten Sorgfalt entwickelt und kopiert worden. Sie waren Burkhardts Köder, und er sah mit tiefer Erregung zu, wie sein Freund anbiß und sich festsog. Er zeigte Bilder von Häusern, Straßen, Dörfern, Tempeln, Bilder von fabelhaften Batuhöhlen bei Kuala-Lumpur und der wildschönen, brüchigen Kalk- und Marmorberge in der Gegend von Ipoh, und als Veraguth zwischenein fragte, obnicht auch Aufnahmen von Eingeborenen dabei seien, kramte er Bilder von Malaien, Chinesen, Tamilen, Arabern, Javanern hervor, nackte athletische Hafenkuli, dürre alte Fischer, Jäger, Bauern, Weber, Händler, schöne goldgeschmückte Weiber, dunkle nackte Kindergruppen, Fischer mit Netzen, Sakeys mit Ohrringen, welche die Nasenflöte spielten, und javanische Tänzerinnen in starrendem Silberschmuck. Er hatte Aufnahmen von allen Palmenarten, von großblättrigen saftigen Pisangbäumen, von Urwaldwinkeln mit tausendfältigem Schlinggewächse, von heiligen Tempelhainen und Schildkrötenteichen, von Wasserbüffeln in nassen Reisfeldern, von zahmen Elefanten bei der Arbeit und von wilden, die im Wasser spielten und trompetende Rüssel gen Himmel streckten.

Der Maler nahm Bild für Bild in die Hand. Viele schob er nach einem kurzen Blick beiseite, manche legte er vergleichend nebeneinander, einzelne Figuren und Köpfe betrachtete er scharf durch die hohle Hand. Er fragte bei vielen Aufnahmen, um welche Tageszeit sie gemacht seien, er maß Schatten aus undversank immer tiefer in ein grüblerisches Anschauen.

„Man könnte das alles malen,“ murmelte er einmal abwesend vor sich hin.

„Genug!“ rief er schließlich aufatmend. „Du mußt mir noch eine Menge erzählen. Es ist herrlich, dich hier zu haben! Ich sehe alles wieder ganz anders. Komm, wir gehen noch eine Stunde spazieren, ich will dir etwas Hübsches zeigen.“

Angeregt und von aller Müdigkeit befreit zog er Burkhardt mit sich und spazierte mit ihm eine Strecke auf der Landstraße feldeinwärts, heimkehrenden Heuwagen entgegen. Er atmete den warmen satten Heugeruch mit Wonne ein, dabei flog eine Erinnerung ihn an.

„Erinnerst du dich,“ fragte er lachend, „an den Sommer nach meinem ersten Akademiesemester, wie wir miteinander auf dem Lande waren? Da malte ich Heu, nichts als lauter Heu, weißt du noch? Ich hatte mich zwei Wochen lang abgemüht, ein paar Heuhaufen auf einer Bergwiese zu malen, und es ging und ging nicht, ich brachte die Farbe nicht heraus,das stumpfe matte Heugrau! Und als ich es schließlich doch hatte – es war noch nicht übermäßig delikat, aber ich wußte nun, daß es aus Rot und Grün gemischt sein mußte – da war ich so froh, daß ich nichts mehr sah als lauter Heu. Ach, das ist schön, so ein erstes Probieren und Suchen und Finden!“

„Ich denke, man lernt nie aus,“ meinte Otto.

„Natürlich nicht. Aber die Sachen, die mich jetzt plagen, die haben nichts mit der Technik zu tun. Weißt du, seit ein paar Jahren passiert es mir immer häufiger, daß ich bei irgendeinem Anblick plötzlich an meine Knabenzeit denken muß. Damals sah alles anders aus, und etwas davon möchte ich einmal malen können. Für ein paar Minuten habe ich es manchmal wiedergefunden, daß plötzlich alles den sonderbaren Schimmer wieder hat – aber das reicht noch nicht. Wir haben so viele gute Maler, feine, delikate Leute, die die Welt so malen, wie ein kluger, feiner, bescheidener alter Herr sie sieht. Aber wir haben keinen, der sie malt, wie ein frischer, herrschsüchtiger, rassiger Bub sie sieht, oder die, die es so versuchen, sind meistens schlechte Handwerker.“

Er riß in Gedanken verloren eine rötlich blaue Skabiose am Feldrande ab und starrte sie an.

„Langweilt es dich?“ fragte er plötzlich wie erwachend und blickte mißtrauisch herüber.

Otto lächelte ihm schweigend zu.

„Sieh,“ fuhr der Maler fort, „eins von den Bildern, die ich noch malen möchte, ist ein Strauß von Wiesenblumen. Du mußt wissen, meine Mutter konnte solche Sträuße machen, wie ich keine mehr sah, sie war ein Genie darin. Sie war wie ein Kind und sang fast immer, sie ging ganz leicht und hatte einen großen bräunlichen Strohhut auf, ich sehe sie im Traum nie anders als so. Einen solchen Feldblumenstrauß möchte ich einmal malen, wie sie sie gern hatte: Skabiosen und Schafgarbe und kleine rosa Winden, dazwischen ein paar feine Gräser und eine grüne Haferähre gesteckt. Ich habe hundert solche Sträuße heimgebracht, aber es ist noch nicht der rechte, es muß der ganze Duft drin sein und er muß sein, wie wenn sie ihn selber gemacht hätte. Die weißen Schafgarben gefielen ihr zum Beispiel nicht, sie nahm nur die feinen, seltenen, mit einem Anflug vonlila, und sie wählte einen halben Nachmittag zwischen tausend Gräsern, ehe sie sich für eins entschied – – Ach, ich kann es nicht sagen, du verstehst das ja nicht.“

„Ich verstehe schon,“ nickte Burkhardt.

„Ja, an diesen Feldblumenstrauß denke ich manchmal halbe Tage lang. Ich weiß genau, wie das Bild werden müßte. Nicht dieses wohlbekannte Stückchen Natur, gesehen von einem guten Beobachter und vereinfacht von einem guten, schneidigen Maler, aber auch nicht sentimental und holdselig wie von einem sogenannten Heimatkünstler. Es muß ganz naiv sein, so wie begabte Kinder sehen, unstilisiert und voller Einfachheit. Das Nebelbild mit den Fischen, das im Atelier steht, ist gerade das Gegenteil davon – aber man muß beides können ... Ach, ich will noch viel malen, noch viel!“

Er bog in einen schmalen Wiesenweg ein, der leicht bergan auf einen runden, sanften Hügel führte.

„Jetzt paß auf!“ mahnte er eifrig und spähte wie ein Jäger vor sich in die Luft. „Sobald wir oben sind! Das werde ich in diesem Herbst malen.“

Sie erreichten die Anhöhe. Jenseits hielt ein laubiges Gehölz, abendlich schräg durchlichtet, den Blick auf, der, von der klaren Wiesenfreiheit verwöhnt, nur langsam sich durch die Bäume fand. Ein Weg mündete unter hohen Buchen, eine steinerne, bemooste Bank darunter, und dem Wege folgend, fand das Auge einen Durchblick offen, über die Bank hinweg durch eine dunkle Bahn von Baumkronen tat sich frisch und leuchtend eine tiefe Ferne auf, ein Tal voll von Gebüsch und Weidenwuchs, der gekrümmte Fluß blaugrün funkelnd, und ganz ferne verlorene Hügelzüge weit bis in die Unendlichkeit.

Veraguth deutete hinab.

„Das werde ich malen, sobald die Buchen anfangen farbig zu werden. Und auf die Bank setze ich Pierre in den Schatten, so daß man an seinem Kopf vorbei in das Tal dort hinunter sieht.“

Burkhardt schwieg und hörte seinem Freunde zu, im Herzen voll Mitleid. Wie er mich anlügen will! dachte er mit heimlichem Lächeln. Wie er von Plänen und Arbeiten spricht! Früher tat er das nie. Es sah aus, als wolle er sorgfältig alles herzählen, woran eretwa noch Freude hatte und was ihn noch mit dem Leben versöhnte. Der Freund kannte ihn und kam ihm nicht entgegen. Er wußte, es konnte nicht lange mehr dauern, bis Johann das in Jahren Gehäufte von sich werfen und sich von einem unerträglich gewordenen Schweigen erlösen würde. So ging er abwartend mit scheinbarer Gelassenheit nebenher, immerhin traurig verwundert, daß auch ein so überlegener Mensch im Unglück kindlich werde und mit verbundenen Augen und Händen durch die Dornen wandle.

Als sie nach Roßhalde zurückkamen und nach Pierre fragten, hörten sie, er sei mit Frau Veraguth nach der Stadt gefahren, um Herrn Albert abzuholen.


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