Elftes Kapitel

Elftes Kapitel

Andiesem unruhigen Tage malte Johann Veraguth sein großes Bild fertig. Erschreckt und im Herzen beunruhigt war er von dem kranken Pierre gekommen und es war ihm schwerer als je geworden, die in ihm arbeitenden Gedanken zu bändigen und jene vollkommene Ruhe zu finden, die das Geheimnis seiner Kraft war und die er so teuer bezahlen mußte. Aber sein Wille war stark, es gelang ihm, und das Bild bekam in den Stunden des Nachmittags, bei einem schönen, weichen Lichte, die letzten kleinen Korrekturen und Zusammenziehungen.

Als er die Palette weglegte und sich vor die Leinwand setzte, war ihm sonderbar öde zumut. Er wußte wohl, daß dies Bild etwas Besonderes sei und daß er damit viel gegeben habe. Sich selbst aber fühlte er leer und ausgebrannt. Und er hatte keinen Menschen, dem er sein Werk hätte zeigen können. Der Freund war weit weg, und Pierre war krank, und sonst hatte er niemanden. Wirkung und Widerhall seiner Arbeit würde er nur aus gleichgültigerFerne zu spüren bekommen, aus Zeitungen und Briefen. Ach, das war nichts, das war weniger als nichts, der Blick eines Freundes oder der Kuß einer Geliebten hätte allein ihn jetzt freuen, belohnen und stärken können.

Eine Viertelstunde stand er still vor seinem Bilde, das die Kraft und die guten Stunden einiger Wochen in sich getrunken hatte und ihm leuchtend in die Augen sah, indessen er selbst erschöpft und fremd vor seinem Werke stand.

„Ach was, ich werde es verkaufen und meine indische Reise davon bezahlen,“ sagte er in wehrlosem Zynismus. Er schloß die Türen der Werkstatt zu und ging ins Haus, um nach Pierre zu sehen, den er schlafend fand. Der Knabe sah besser aus als am Mittag, der Schlaf hatte sein Gesicht gerötet, der Mund stand halb offen, der Ausdruck von Qual und Trostlosigkeit war verschwunden.

„Wie rasch das bei Kindern geht!“ sagte er in der Türe flüsternd zu seiner Frau. Sie lächelte schwach und er sah, daß auch sie aufatme und daß auch ihre Sorge größer gewesen sei, als sie gezeigt hatte.

Allein mit seiner Frau und Albert zu speisen, schien ihm nicht verlockend.

„Ich gehe zur Stadt,“ sagte er, „und bin den Abend nicht hier.“

Der kranke Pierre lag schlummernd in seinem Kinderbett, die Mutter verdunkelte das Zimmer und ließ ihn allein.

Ihm träumte, er gehe langsam durch den Blumengarten. Es war alles ein wenig verändert und viel größer und weiter als sonst, er ging und ging und kam an kein Ende. Die Beete waren schöner, als er sie je gesehen hatte, aber die Blumen sahen alle sonderbar gläsern, groß und fremdartig aus und das Ganze glänzte in einer traurig toten Schönheit.

Etwas beklommen umging er ein Rondell mit großblumigen Sträuchern, ein blauer Schmetterling hing ruhig saugend an einer weißen Blüte. Es war unnatürlich still, und auf den Wegen lag kein Kies, sondern etwas Weiches, worauf man wie auf Teppichen ging.

Jenseits kam ihm seine Mama entgegen. Aber sie sah ihn nicht und nickte ihm nicht zu, sie schautestreng und traurig in die Luft und ging lautlos vorüber wie ein Geist.

Und bald darauf, auf einem anderen Wege, sah er ebenso den Vater gehen, und später Albert, und jeder ging still und streng geradeaus und keiner wollte ihn sehen. Verzaubert liefen sie einsam und steif umher, und es schien, als müsse es allezeit so bleiben, als werde nie ein Blick in ihre starren Augen und nie ein Lachen in ihre Gesichter kommen, als werde niemals ein Ton in diese undurchdringliche Stille wehen und nie der leiseste Wind die regungslosen Zweige und Blätter rühren.

Das Schlimmste war, daß er selber nicht zu rufen vermochte. Er war durch nichts daran gehindert, es tat ihm nichts weh, aber er hatte keinen Mut und keinen rechten Willen dazu; er sah ein, daß alles so sein müsse und daß es nur noch schrecklicher würde, wenn man sich dagegen auflehnte.

Pierre spazierte langsam weiter durch die seelenlose Gartenpracht, glänzend standen tausend herrliche Blumen in der hellen, toten Luft, als wären sie nicht wirklich und lebendig, und von Zeit zu Zeit traf erAlbert oder die Mutter oder den Vater wieder an und sie wandelten an ihm und aneinander stets in derselben starren Fremdheit vorüber.

Ihm schien, als sei es so schon lange Zeit, vielleicht Jahre, und jene anderen Zeiten, da die Welt und der Garten lebendig und die Menschen froh und gesprächig gewesen waren und er selber voll Lust und Wildheit, jene Zeiten lägen undenkbar weit in einer tiefen, blinden Vergangenheit. Vielleicht war es immer so gewesen wie jetzt, und das Frühere war nur ein hübscher, närrischer Traum.

Schließlich kam er an ein kleines steinernes Wasserbecken, wo der Gärtner früher die Gießkannen gefüllt und worin er selber einmal ein paar winzige Kaulquappen gehalten hatte. Das Wasser stand regungslos in grüner Helle, es spiegelte den Steinrand und die überhängenden Blätter einer Staude mit gelben Sternblumen und sah hübsch, verlassen und irgendwie unglücklich aus, wie alles andere.

„Wenn man da hineinfällt, dann ertrinkt man und ist tot,“ hatte der Gärtner früher einmal gesagt. Es war aber gar nicht tief.

Pierre trat an den Rand des ovalen Beckens und beugte sich vor.

Da sah er sein eigenes Gesicht im Wasser gespiegelt. Es sah aus wie die Gesichter der anderen: alt und bleich und tief in gleichgültiger Strenge erstarrt.

Er sah es erschreckt und verwundert, und plötzlich stieg die heimliche Furchtbarkeit und sinnlose Traurigkeit seines Zustandes übermächtig in ihm auf. Er versuchte zu schreien, aber es gab keinen Ton. Er wollte laut aufweinen, aber er konnte nur das Gesicht verziehen und hilflos grinsen.

Da kam sein Vater wieder gegangen, und Pierre wendete sich zu ihm in einer ungeheuren Anstrengung aller gebannten Seelenkräfte. Alle Todesangst und alles unerträgliche Leid seines verzweifelten Herzens flüchtete sich in stummem Schluchzen hilfebegehrend zum Vater, der in seiner gespenstischen Ruhe herankam und ihn wieder nicht zu sehen schien.

„Vater!“ wollte der Knabe rufen, und obwohl kein Ton zu hören war, drang doch die Gewalt seiner furchtbaren Not zu dem stillen Einsamen hinüber. Der Vater wendete das Gesicht und sah ihn an.

Er sah ihm aufmerksam mit seinem suchenden Malerblick in die flehenden Augen, er lächelte schwach und er nickte ihm leise zu, gütig und bedauernd, aber ohne Trost, als sei hier durchaus nicht zu helfen. Einen kleinen Augenblick lief ein Schatten von Liebe und von verwandtem Leid über sein strenges Gesicht, und in diesem kleinen Augenblick war er nicht der mächtige Vater mehr, sondern eher ein armer, hilfloser Bruder.

Dann richtete er den Blick wieder geradeaus und ging langsam in demselben gleichmäßigen Schritt davon, den er nicht unterbrochen hatte.

Pierre sah ihn gehen und verschwinden, der kleine Weiher und der Weg und der Blumengarten wurden dunkel vor seinen entsetzten Augen und sanken dahin wie Nebelgewölk. Er erwachte mit schmerzenden Schläfen und brennend trockener Kehle, sah sich allein im dämmerigen Stübchen zu Bette liegen, versuchte verwundert zurück zu denken, fand aber keine Erinnerungen und legte sich erschöpft und mutlos auf die andere Seite.

Nur langsam kam ihm das volle Bewußtsein wiederund ließ ihn aufatmen. Es war häßlich, krank zu sein und Kopfschmerzen zu haben, aber es war zu ertragen, und es war leicht und süß im Vergleich mit dem tödlichen Gefühl des Angsttraumes.

„Wozu soll all die Quälerei gut sein?“ dachte Pierre und kroch unter der Decke eng zusammen. Wozu wurde man krank? Wenn es eine Strafe war – für was sollte er denn gestraft werden? Er hatte nicht einmal etwas Verbotenes gegessen, wie früher einmal, wo er sich an halbreifen Pflaumen verdorben hatte. Die waren ihm verboten gewesen, und da er sie trotzdem gegessen hatte, geschah es ihm recht und er mußte die Folgen tragen. Das war klar. Aber jetzt? Warum lag er jetzt im Bett, warum hatte er erbrechen müssen und warum stach es so jammervoll in seinem Kopf?

Er war lange wach gelegen, als seine Mutter wieder ins Zimmer kam. Sie zog den Vorhang am Fenster zurück, weiches Abendlicht floß voll und mild herein.

„Wie geht’s, Liebling? Hast du schön geschlafen?“

Er gab keine Antwort. Auf der Seite liegend, wendete er die Augen empor und blickte sie an. Verwundert hielt sie dem Blick stand, er war merkwürdig prüfend und ernsthaft.

„Kein Fieber,“ dachte sie getröstet.

„Willst du jetzt etwas zu essen haben?“

Pierre schüttelte schwach den Kopf.

„Kann ich dir nichts bringen?“

„Wasser,“ sagte er leise.

Sie gab ihm zu trinken, doch nahm er nur einen Vogelschluck, dann schloß er die Augen wieder.

Plötzlich klang von Mutters Zimmer her rauschend das Klavier. In breiter Woge schwollen die Töne heran.

„Hörst du?“ fragte Frau Adele.

Pierre hatte die Augen weit geöffnet und sein Gesicht verzog sich wie in Qualen.

„Nicht!“ rief er, „nicht! Laßt mich doch!“

Und er hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und wühlte den Kopf ins Kissen ein.

Seufzend ging Frau Veraguth hinüber und bat Albert, er möge nicht weiterspielen. Sie kam zurückund blieb an Pierres Bettchen sitzen, bis er wieder eingeschlummert war.

Diesen Abend war es ganz still im Hause. Veraguth war fort, Albert war verstimmt und litt darunter, daß er nicht Klavier spielen durfte. Man ging früh zu Bett und die Mutter ließ ihre Türe offen stehen, um Pierre zu hören, falls er in der Nacht etwas brauche.


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