Sechstes Kapitel

Sechstes Kapitel

AndernTages begegnete Burkhardt dem Maler mit Befangenheit. Er war darauf gefaßt, den Freund verwandelt und statt der gestrigen Erregtheit spöttische Kühle und abwehrende Scham zu finden. Statt dessen kam ihm Johann mit stillem Ernst entgegen.

„Also morgen reisest du,“ sagte er freundlich. „Es ist gut, und ich danke dir für alles. Übrigens habe ich das von gestern Abend nicht vergessen; wir haben noch miteinander zu reden.“

Zweifelnd ging Otto darauf ein.

„Meinetwegen; aber ich will dich nicht wieder unnütz erregen. Wir haben vielleicht gestern allzu vieles umgerührt. Warum mußten wir auch bis zur letzten Stunde warten!“

Sie frühstückten im Atelier.

„Nein, es ist ganz gut so,“ sagte Johann bestimmt. „Es ist sehr gut so. Ich habe eine schlaflose Nacht gehabt und alles noch einmal wiedergekäut, mußt du wissen. Du hast vieles umgerührt, und beinahmehr als ich ertragen konnte. Du mußt bedenken, ich habe in Jahren niemand gehabt, mit dem ich reden konnte. Aber es soll jetzt aufgeräumt und ausgefressen werden, sonst bin ich wirklich der Feigling, den du mich gestern geheißen hast.“

„O, hat dir das wehgetan? Laß gut sein!“

„Nein, du hattest beinahe recht, glaube ich. Ich möchte heut noch einen schönen frohen Tag mit dir haben, wir fahren den Nachmittag zusammen aus und ich zeige dir ein schönes Stück Land. Aber vorher muß da noch ein wenig aufgeräumt werden. Gestern fiel das alles so plötzlich über mich her, daß ich die Besinnung verlor. Aber jetzt habe ich alles bedacht. Ich glaube, ich verstehe jetzt, was du mir gestern sagen wolltest.“

Er sprach so ruhig und freundlich, daß Burkhardt seine Bedenken fallen ließ.

„Wenn du mich verstanden hast, ist ja alles gut und wir brauchen nicht wieder von vorn anzufangen. Du hast mir erzählt, wie alles zustande kam und wie es jetzt steht. Du hältst also deine Ehe und deinen Haushalt und deinen ganzen bisherigen Zustand nurdarum aufrecht, weil du dich nicht von Pierre trennen willst. So ist es doch?“

„Ja, genau so ist es.“

„Nun, und wie denkst du dir das weitere? Mir scheint, du habest gestern angedeutet, daß du mit der Zeit auch Pierre zu verlieren fürchtest. Oder nicht?“

Veraguth seufzte schmerzlich und legte die Stirn in die Hand; aber er fuhr im gleichen Tone fort:

„Vielleicht ist es so. Das ist der böse Punkt. Deine Meinung ist, ich solle auf den Knaben verzichten?“

„Ja, aber ja! Er kostet dich Jahre und Jahre des Kampfes mit deiner Frau, die ihn dir schwerlich lassen wird.“

„Das ist möglich. Aber sieh, Otto, er ist das letzte, was ich habe! Ich sitze zwischen lauter Trümmern, und wenn ich heute stürbe, so würden sich, außer dir, höchstens ein paar Zeitungsschreiber darüber aufregen. Ich bin ein armer Mann, aber ich habe dieses Kind, ich habe doch immer noch diesen kleinen lieben Kerl, für den ich leben und den ich liebhaben darf, für den ich leide und bei dem ich in guten Stunden michvergesse. Du mußt dir das richtig vorstellen! Und das soll ich weggeben!“

„Es ist nicht leicht, Johann. Es ist eine verfluchte Sache! Aber ich weiß keinen anderen Weg. Schau, du weißt gar nicht mehr, wie es draußen in der Welt aussieht, du sitzest verbohrt und vergraben in deine Arbeit und in deine verunglückte Ehe. Tu den Schritt und wirf einmal alles weg, so wirst du plötzlich die Welt wieder mit hundert schönen Dingen auf dich warten sehen. Du hausest seit langem mit Toten zusammen und hast den Anschluß ans Leben verloren. Du hängst an Pierre, und er ist ja ein reizender Kerl, gewiß; aber das ist doch nicht entscheidend. Sei einmal ein wenig grausam und besinne dich, ob der Junge dich wirklich braucht!“

„Ob er mich braucht ...?“

„Ja. Was du ihm geben kannst, ist Liebe, Zärtlichkeit, Gefühl – das sind Dinge, von denen ein Kind meist weniger braucht, als wir Alten meinen. Und dafür wächst der Kleine in einem Hause auf, wo Vater und Mutter einander kaum mehr kennen, wo sie sogar seinetwegen eifersüchtig sind! Er wird nichtdurch das gute Beispiel eines glücklichen, gesunden Hauses erzogen, er ist frühreif und wird ein Sonderling werden. – Und schließlich, verzeih, wird er eines Tages ja doch zwischen dir und der Mutter wählen müssen. Kannst du das nicht einsehen.“

„Vielleicht hast du recht. Du hast sogar bestimmt recht. Aber hier hört bei mir das Denken auf. Ich hänge an dem Kind und ich klammere mich an diese Liebe, weil ich seit langem keine andere Wärme und kein anderes Licht mehr kenne. Vielleicht wird er mich in ein paar Jahren im Stich lassen, vielleicht mich enttäuschen, vielleicht mich einmal hassen – wie Albert mich haßt, der als Vierzehnjähriger einmal mit einem Tischmesser nach mir geworfen hat. Aber es bleibt mir doch das, daß ich noch diese paar Jahre bei ihm sein und ihn lieben darf, daß ich seine kleinen Hände in meine nehmen und seine kleine helle Vogelstimme hören kann. Sage: muß ich das weggeben? Muß ich?“

Burkhardt zuckte schmerzlich die Achseln und runzelte die Stirn.

„Du mußt, Johann,“ sagte er dann sehr leise.„Ich glaube, du mußt. Es muß nicht heute sein, aber bald. Du mußt alles, was du hast, wegwerfen, und mußt dich von allem Vergangenen reinbaden, sonst wirst du nie mehr ganz hell und frei in die Welt blicken können. Tu, was du magst, und wenn du den Schritt nicht tun kannst, so bleib hier und lebe dies Leben weiter – ich gehöre zu dir, auch dann, und bin für dich da, das weißt du. Aber es täte mir leid.“

„Rate mir! Ich sehe lauter Dunkel vor mir.“

„Ich will dir raten. Es ist jetzt Juli; im Herbst fahre ich nach Indien zurück. Vorher komme ich noch einmal zu dir, und ich hoffe, du wirst dann schon die Koffer bereit haben und mit mir reisen. Hast du dann deinen Entschluß gefaßt und ja gesagt, dann desto besser! Findest du aber den Entschluß nicht, so komm für ein Jahr, oder meinetwegen für ein halbes Jahr, mit mir, aus dieser Luft heraus. Du kannst bei mir malen und reiten, du kannst auch Tiger schießen oder dich in Malaiinnen verlieben – es gibt hübsche – auf alle Fälle bist du eine Weile weit von hier weg und kannst versuchen,ob es sich nicht so besser leben läßt. Was meinst du?“

Mit geschlossenen Augen wiegte der Maler seinen großen, struppigen Kopf mit dem bleichen Gesicht und dem eingezogenen Munde hin und her.

„Danke!“ rief er halb lächelnd. „Danke, es ist lieb von dir. Im Herbst werde ich dir sagen, ob ich mitkomme. Bitte, laß mir die Photographien da.“

„Die kannst du haben ... Aber – – kannst du nicht heut oder morgen schon dich wegen der Reise entschließen? Es wäre besser für dich.“

Veraguth erhob sich und ging zur Türe.

„Nein, du, das kann ich nicht. Wer weiß, was inzwischen geschieht! Ich bin seit Jahren niemals länger als für drei, vier Wochen ohne Pierre gewesen. Ich glaube, ich werde mit dir reisen, aber ich will jetzt nichts sagen, was mich reuen könnte.“

„Nun, lassen wir es gut sein! Ich werde dir immer mitteilen, wo ich zu finden bin. Und wenn du eines Tages drei Worte telegraphierst, daß du mitkommst, so brauchst du der Reise wegen keinen Finger zu rühren. Das ist dann meine Sache. Von hiernimmst du nur Wäsche und Malzeug mit, aber reichlich, alles andere besorge ich nach Genua.“

Veraguth umarmte ihn schweigend.

„Du hast mir geholfen, Otto, ich vergesse das nimmer. – Jetzt lasse ich den Wagen kommen, wir werden heute zu den Mahlzeiten nicht drüben erwartet. Und nun wollen wir gar nichts mehr tun, als einen schönen Tag miteinander feiern, wie vor Zeiten in den Sommerferien! Wir werden über Land fahren, ein paar schöne Dörfer ansehen und im Wald liegen, wir werden Forellen essen und guten Landwein aus dicken Gläsern trinken. Was für ein Glanzwetter wir heut haben!“

„Es ist seit zehn Tagen nicht anders,“ lachte Burkhardt. Und auch Veraguth lachte.

„Ach, mir ist, die Sonne hätte schon lang nimmer so geschienen!“


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