Abb. 92.Landschaft mit Hirten.Im Louvre zu Paris. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co.,Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 92.Landschaft mit Hirten.Im Louvre zu Paris. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co.,Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)
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Auch das zwanglose Leben der vlämischen Landleute, ihre Ausgelassenheit beiden seltenen Festen, die ihr arbeitsames Leben unterbrechen, reizten den großen Maler zur Wiedergabe. Das Wiener Hofmuseum besitzt eine Skizze, welche tanzende Bauern darstellt. Das Hauptwerk dieser Richtung aber ist die große „Kirmeß“ im Louvre. Es ist überraschend zu sehen, mit welcher Entschiedenheit der Maler der Vornehmheit und der üppigen Pracht sich in die Wiedergabe des niedrigen Volkes vertieft hat, das, von Bier und wüstem Tanz berauscht, bis zur Roheit ausgelassen sich auf dem Wiesenplatz vor der Schenke herumtreibt. Freilich ist das keine thatsächlich wirklichkeitsgetreue Wiedergabe des Volkslebens, wie Teniers und Brouwer sie hinterlassen haben. Vielmehr kommt die Größe von Rubens’ Anschauungsweise auch hier zur Geltung: der wilde Taumel des Tanzes, das Überschäumen der Sinnlichkeit gehen über das Maß des in der Wirklichkeit, besonders bei einem nordischen Volke Denkbaren weit hinaus, alles wächst ins riesenmäßig Gewaltige, daß selbst die Derbheit in dieser Auffassung eine gewisse Großartigkeit bekommt.
Landschafts- und Bauernbilder waren ein Zeitvertreib, mit dem Rubens seine Mußestunden ausfüllte. Daneben ging die ernste Arbeit ihren Weg. Zwischen den Jahren 1634 und 1637 — wahrscheinlich näher dem letzteren als dem ersteren Jahr — malte Rubens für die Abtei Afflighem ein großes Altarbild, dessen Gegenstand die Kreuztragung war. Dieses Bild, das sich jetzt im Museum zu Brüssel befindet, ist eine eigentümliche und gewaltige Schöpfung. Eine Menge Volkes, das in langem Zuge nach der Richtstätte hindrängt, füllt den Rahmen, Fahnen flattern, die Rüstungen der Reiter blitzen, alles ist Leben und Bewegung; aber der ganze Aufwand von lärmenden Volksmassen, von ungestümer Lebensfülle dient nur dazu, den einen hervorzuheben, der schweigend unter der Kreuzeslast zusammenbricht, der hierdurch eine Stockung in den Zug bringt; Simon von Cyrene strengt sich mit Hilfe eines Sklaven an, das Kreuz emporzuheben, und Veronika benutzt den Augenblick, um die Stirn des Heilandes zu trocknen, während Maria, die sich neben ihren Sohn hinwerfen möchte, von Johannes fest und sorglich zurückgehalten wird.
Ein erschütterndes Bild hilflosen, leidenschaftlichen Schmerzes malte Rubens um diese Zeit in der Darstellung des Bethlehemitischen Kindermordes, welche sich in der Münchener Pinakothek befindet. Wir sehen aus einer Säulenhalle, vor welcher an einem Pfeiler der Befehl des Herodes angeschlagen ist, eine Schar von Kriegern hervorstürmen, um mit henkersmäßiger Gefühllosigkeit oder mit grausamer Lust den unmenschlichen Befehl auszuführen. Das Schreckliche trifft alle Mütter ohne Unterschied von Rang und Stand, sucht hoch und niedrig mit gleicher Schonungslosigkeit heim; die Frauen, denen ihr Liebstes so jäh entrissen wird, sind zum Teil reich gekleidet, zum Teil nur mit dürftigen Gewändern bedeckt, zum Teil auch in unfertigem Anzug. Verschieden wie ihre Erscheinung ist die Äußerung ihrer Verzweiflung; sie stürzen wie Wütende auf die Schergen, suchen die Mordwaffen aufzufangen, flehen um Erbarmen, werfen sich jammernd über die kleinen Leichen und tragen sie liebkosend von dannen oder strecken in ohnmächtigem Jammer und mit wildem Aufschrei die Hände zum Himmel empor, wo in lichter Höhe Engel die Kränze der Seligen für die gemordeten Unschuldigen bereit halten (Abb. 93).
Für den Hauptaltar der Kapuzinerkirche zu Köln malte Rubens, etwa um das Jahr 1638, ein Bild, welches den heiligen Franziskus darstellt, wie er von dem in Seraphsgestalt ihm erscheinenden Heiland die Wundmale empfängt (jetzt im Museum Wallraf-Richartz zu Köln;Abb. 94). Er wiederholte dabei mit unwesentlichen Abänderungen ein Altargemälde, welches er im Jahre 1632 für die Barfüßerkirche zu Gent ausgeführt hatte und welches sich jetzt im Museum zu Gent befindet. Der Gegenstand schloß hier jeden Farbenprunk aus; aber der Meister hat es verstanden, aus Braun und Grau und goldigem Licht eine wunderbare Wirkung hervorzuzaubern. Die kaiserliche Ermitage zu Petersburg besitzt den sorgfältig ausgeführten Studienkopf eines Franziskanermönches zu dem begeistert aufwärts schauenden Haupt des heil. Franziskus (Abb. 95).
Abb. 93.Der Kindermord zu Bethlehem.In der kgl. Pinakothek zu München.Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.❏GRÖSSERES BILD
Abb. 93.Der Kindermord zu Bethlehem.In der kgl. Pinakothek zu München.Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.
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Des Meisters größte Freude war es, seine Angehörigen zu malen. Frau Helene hatte ihm im Sommer 1633 ein Söhnchen geschenkt, welches den Namen Franz erhielt; im Frühjahr 1635 folgte ein Töchterchen, welches nach Rubens’ beiden Frauen Isabella Helena genannt wurde, und im Frühjahr 1637 ein zweiter Knabe, der des Meisters Namen Petrus Paulus bekam; das fünfte Kind dieser Ehe, Konstantia Albertina, kam erst acht Monate nach dem Tode des Vaters, Ende Januar 1641, zur Welt. Als der kleine Franz etwa drei Jahre alt war, malte Rubens das anmutige Doppelbildnis von Mutter und Kind, welches sich in der Münchener Pinakothek befindet: Frau Helene sitzt in einfachem, aber aus kostbarem Stoffe hergestelltem Kleide, den Kopf von einem breitrandigen Hut bedeckt, auf dem Vorplatz vor der Hausthür, den ein um die Säulen des Vordachs geschlungener Vorhang schattiger macht, und hält mit beiden Händen den Knaben umschlungen, der mit einem Federbarett auf den goldfarbigen Locken, sonst aber ganz unbekleidet, auf ihrem Schoße sitzt; beide wenden die fröhlich leuchtenden Augen dem Beschauer zu (Abb. 96). Ein etwa zwei Jahre später entstandenes Bild im Louvre führt uns wieder auf die nämliche Terrasse an der Freitreppe des Hauses, die wohl ein Lieblingsplatz Helenens war; auch hier hat die junge Frau die beiden Hände um den lieblich heranwachsenden Knaben geschlungen, den sie mit Lust und mütterlichem Stolz betrachtet, während er mit hellen Kinderaugen aus dem Bilde herausschaut; das dickwangige Schwesterchen kommt von der Seite heran, anscheinend etwas eifersüchtig auf die Liebkosung, die dem kleinen Bruder zu teil wird. Dieses Bild ist unfertig stehen geblieben; es fesselt den Beschauer mit dem ganzen unbestimmbaren Reiz eines glücklichen ersten Entwurfs, und sein sonniger Ton scheint der naturgemäße künstlerische Ausdruck des dargestellten Familienglücks zu sein (Abb. 97).
Helenens Züge trägt unverkennbar die schöne, mit wunderbarem Ausdruck emporblickende heilige Cäcilia im Berliner Museum. Auch die ebenda befindliche prächtige Andromeda, welche vor einigen Jahren aus der Blenheim-Sammlung erworben wurde, zeigt eine vielleicht kaum beabsichtigte Ähnlichkeit mit des Meisters Gattin.
Eine andere Andromeda aus Rubens’ letzter Zeit besitzt das Museum zu Madrid; die dunkle Eisenrüstung des Perseus, der ihre Fesseln löst, hebt hier das leuchtende Fleisch zu blendender Wirkung hervor. Weitere mythologische Darstellungen aus des Meisters letzten Jahren sind die Jagd der Diana — mit Tieren von Snyders — im Berliner Museum und das als Entwurf zu einem Deckenschmuck gemalte kleine Bild in der Sammlung der Wiener Kunstakademie, welches in den Gestalten des Apollo und der Diana auf ihren Wagen das Sinken der Nacht und das Aufsteigen des Tages verbildlicht.
Rubens’ letzte Schöpfungen waren wieder große Altargemälde. Die Augustiner in Prag bestellten bei ihm im Jahre 1637 zwei Bilder von gewaltigen Verhältnissen, welche übereinandergestellt den Hochaltar der ihnen gehörigen Kirche St. Thomas schmücken sollten. Der Gegenstand des Hauptbildes war der Martertod des Apostels Thomas auf der Insel Ceylon, diejenige des anderen der heilige Augustin mit dem Knaben, der das Meer ausschöpfen will. Die Bilder wurden mit Hilfe von Schülern ausgeführt und im Jahre 1639 nach Prag geschickt, wo sie sich noch an ihrem ursprünglichen Platze befinden.
Eigenhändig malte Rubens dagegen ein Altarbild, welches für Köln bestimmt war. Auftraggeber war der Kölner Bankier und Kunstfreund Jabach. Doch richtete dieser seine Bestellung nicht geradeswegs an Rubens, sondern bediente sich der Vermittelung eines in London lebenden Malers mit Namen Geldorp. An den letzteren schrieb der Meister im Jahre 1637, nachdem er die Mitteilung empfangen hatte, daß das Bild nicht, wie er nach dem ersten Briefe Geldorps geglaubt hatte, nach London, sondern nach Köln bestimmt sei:
„Mein Herr! Ich habe Euren geehrten Brief vom letzten Juni erhalten, der alle meine Zweifel beseitigt; ich konnte mir nämlich nicht denken, zu welcher Veranlassung man in London ein Altargemälde gebrauchen sollte. Was die Zeit betrifft, so werde ich anderthalb Jahr dazu gebrauchen, um Euren Freund ungehindert und in Bequemlichkeit bedienen zu können. Was den Gegenstand betrifft, so würde es zweckmäßig sein, denselben nach der Größe des Bildes zu wählen; denn manche Stoffe lassen sich besser auf einem großen Raum behandeln, und andere erfordern einen mittleren oder kleineren Maßstab. Wenn ich indessen nach meinem Geschmack einen Stoff wählen oder wünschen dürfte, der sich auf den heiligen Petrus bezieht, so würde ich seine Kreuzigung nehmen, wo man ihn mit den Füßen nach oben anschlug. Mir deucht, das wird Gelegenheitgeben, etwas Außergewöhnliches zu machen. Übrigens überlasse ich die Wahl demjenigen, der die Bezahlung zu leisten hat, und bis wir werden gesehen haben, wie groß das Bild werden soll. Ich habe eine große Zuneigung zu der Stadt Köln, wo ich bis zum Alter von zehn Jahren aufgewachsen bin, und manchesmal, seit so vielen Jahren, habe ich das Verlangen gehabt, sie wiederzusehen. Indessen fürchte ich, daß die schwierigen Verhältnisse unserer Zeit und meine Beschäftigung mich verhindern werden, diesen Wunsch zu befriedigen und so viele andere. Ich bitte herzlich um Euer Wohlwollen u. s. w.“
Abb. 94.Der heil. Franziskus Seraphicus.Im Wallraf-Richartz-Museum zu Köln.❏GRÖSSERES BILD
Abb. 94.Der heil. Franziskus Seraphicus.Im Wallraf-Richartz-Museum zu Köln.
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Der von Rubens vorgeschlagene Gegenstand wurde gewählt. Im Frühjahr 1638 war der Meister mit dem Bilde der Kreuzigung des Apostels Petrus beschäftigt. Am 2. April dieses Jahres schrieb er an Geldorp: „Ich beeile mich Euch mitzuteilen, daß dasselbe schon vorgeschritten ist, und ich hoffe sogar, daß es eine der besten Arbeiten sein wird, die unter meinen Händen hervorgegangen. Das könnt Ihr kühnlich Eurem Freund schreiben. Indessen würde ich es nicht gern sehen, daß man mich mit der Vollendung drängte; ich bitte vielmehr darum, daß man das meiner Verfügung und Bequemlichkeit überlasse, damit ich es nach meinem Behagen fertig machen kann, da der Gegenstand dieses Bildes mich mehr reizt als alle, mit denen ich beschäftigt bin, obgleich ich überhäuft bin mit Arbeit.“ — In der That wurde das Kölner Altarbild noch eine von des Meisters gewaltigsten Schöpfungen. So wenig ansprechend der Gegenstand dem heutigen Gefühl erscheinen mag, dem großartigen Eindruck wird sich niemand verschließen können, den die in so qualvoller Lage hängende kraftvolle Greisengestalt des Märtyrers ausübt, dessen gespannte Muskeln unwillkürlichen Widerstand gegen die Arbeit der wilden Henker leisten. Mit voller Rubensscher Kraft spricht die künstlerische Wirkung der Farbe und des Lichtes, das sich blendend auf der Brust des Heiligen sammelt und in weicheren Tönen das geöffnete Gewölk durchschimmert, wo ein köstlicher blonder Engelknabe mit Siegeskranz und Palme herabschwebt (Abb. 98).
Rubens vollendete das Gemälde, welches für die Stadt seiner Kindheit bestimmt und dem einen seiner Namensheiligen gewidmet war, eigenhändig bis zum letzten Strich. Ehe er es abliefern konnte, ereilte ihn der Tod. — Im Beginn des Jahres 1640 war er noch voll von Unternehmungslust. Der König von England wollte das Schlafzimmer seiner Gemahlin, Marie Henriette von Frankreich, im Schloß zu Greenwich ausmalen lassen. Jakob Jordaens, Rubens’ begabter Kunstgenosse, wurde für diese Aufgabe in Aussicht genommen, und Gerbier, der als Geschäftsträger Englands in Brüssel angestellt worden war, erhielt die nötigen Anweisungen, um durch Vermittelung des Abbate della Scaglia das Geschäft abzuschließen. Gerbier aber schrieb nach England, er bäte, es dem König vorzustellen, daß Rubens doch der geeignetere Künstler für eine solche Aufgabe sei. Er knüpfte bald auch Unterhandlungen mit Rubens über diese Sache an, und im Mai 1640 machte dieser dem Abbate della Scaglia seine Vorschläge. Er wollte in der Mitte der getäfelten Decke das Mahl der Götter darstellen, daneben einerseits, wie Amor sich in Psyche verliebt, und andererseits, wie Psyche die Unsterblichkeit verliehen wird. Mehr als diese drei Bilder wollte er nicht übernehmen; da die zu schmückende Decke aber neun Felder hatte, so schlug er vor, daß in die übrigen sechs Felder von der Hand eines Anderen Grotesken oder sonstige Erfindungen gemalt würden, nur nichts Figürliches, damit nicht die Verschiedenheit des Stils bei gleichartiger Malerei das Auge des Beschauers störe. — Wenige Wochen später schrieb Gerbier nach England, jetzt sei Jordaens der beste Maler in Antwerpen; der ihn übertraf, war tot.
Abb. 95.Ein Franziskaner; Studienkopf. In der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einerAufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)
Abb. 95.Ein Franziskaner; Studienkopf. In der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einerAufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)
In einem liebenswürdigen Brief, den Rubens am 17. April 1640 an den Bildhauer Franz Duquesnoy in Rom richtete, um demselben für einige übersandte Abgüsse zu danken, sprach er schon den Gedanken aus, daß der Tod ihm bald die Augen für immer schließen werde. Aber er glaubte sein Ende doch noch nicht so nahe, wie es wirklich war. Am 27. Mai trat ein Gichtanfall, mit Fieber verbunden, so heftig auf, daß Rubens sich bewogen sah, seinen letzten Willen aufzusetzen. Das Vermögen, welches er unter die Seinigen verteilte, war fast ein fürstliches zu nennen; nicht ohne Grund hatte er in jüngeren Jahren einmal einem englischen Alchymisten namens Brendel, der sich erbot ihn die Kunst des Goldmachens zu lehren, geantwortet, diese Kunst habe ermit seinen Pinseln schon lange entdeckt. Als besonderes Vermächtnis übertrug Rubens seinem Sohn Albrecht seine Bücher, seinem Sohn Nikolaus die Sammlung geschnittener Steine und Denkmünzen, Helene Fourment die Hälfte der Besitzung Steen und deren Kindern die andere Hälfte. Hinsichtlich seines künstlerischen Nachlasses bestimmte der Meister, daß derselbe verkauft werden solle, mit Ausnahme eines Bildes, genannt „das Pelzchen“, und seiner sämtlichen Zeichnungen. Das „Pelzchen“ verblieb als persönliches Eigentum der Gattin des Meisters; es stellte diese selbst in ganzer Figur, nur mit einem um Schulter und Hüfte gezogenen schwarzen Pelzmäntelchen bedeckt, im Alter von etwa achtzehn Jahren vor; jetzt besitzt die kaiserliche Sammlung zu Wien dieses unbeschreiblich meisterhafte, freilich nicht für die Öffentlichkeit gedachte Bild. Die Zeichnungen sollte derjenige von Rubens’ Söhnen bekommen, der sich der Malerei widmen, oder diejenige von seinen Töchtern, die einen hervorragenden Maler heiraten würde. Hinsichtlich seiner Bestattung bestimmte Rubens, daß ihm eine Grabkapelle eingerichtet werde, deren Altar ein Bild seiner Hand, Maria mit dem Jesusknaben und verschiedenen Heiligen darstellend, und eine Marmorfigur der Madonna von seinem Schüler Lukas Fayd’herbe schmücken sollten. Nach der Landessitte sollte am Tage des Begräbnisses ein großes Trauermahl die Anverwandten im Sterbehause vereinigen; außerdem sollte der Stadtobrigkeit eine Trauermahlzeit im Stadthause hergerichtet, eine dritte der Gesellschaft der „Romanisten“ (der Künstler und Gelehrten, welche zeitweilig in Romgelebt hatten), deren Mitglied er seit dem Jahre 1609 gewesen war, und eine vierte der St. Lukasgilde gegeben werden.
Abb. 96.Helene Fourment mit ihrem ersten Söhnchen.In der kgl.Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.❏GRÖSSERES BILD
Abb. 96.Helene Fourment mit ihrem ersten Söhnchen.In der kgl.Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.
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Abb. 97.Helene Fourment mit zwei Kindern.Im Louvre zu Paris.(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., inDornach i. Els. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 97.Helene Fourment mit zwei Kindern.Im Louvre zu Paris.(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., inDornach i. Els. und Paris.)
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Am 30. Mai 1640, um die Mittagszeit, machte eine Herzlähmung dem Leben des großen Meisters ein Ende. Ganz Antwerpen beklagte Rubens’ Tod. Bezeichnende Äußerungen von Zeitgenossen sind in Beileidsbriefen erhalten, welche des Meisters alter Freund Balthasar Moretus empfing und welche im Museum Plantin-Moretus aufbewahrt werden. „Er war der gelehrteste Maler der Welt,“ schrieb der Abt Philipp Chifflet; das hübscheste Wort aber über den Hingang des großen Malers, dessen ruhmreichstes Feld während seines ganzen Lebensdoch die kirchliche Kunst gewesen war, fand der Abt von St. Germain, indem er schrieb, derselbe sei gegangen, „im Himmel die lebenden Modelle seiner Malereien zu schauen.“
Das Leichenbegängnis fand am 2. Juni mit großer Prunkentfaltung statt. Die gesamte Geistlichkeit der Stiftskirche St. Jakob und diejenige der Bettelorden begleitete den Leichenzug, an jeder Seite der Bahre schritten sechzig Waisenkinder mit brennenden Fackeln, die städtischen Beamten, die Mitglieder der St. Lukasgilde und zahlreiche Freunde und Verehrer des Verstorbenen aus allen Ständen folgten dem Sarge. Die Jakobskirche war schwarz ausgeschlagen und an mehreren Stellen mit den Rubensschen Wappen geschmückt. Die Leiche wurde vorläufig in der Fourmentschen Familiengruft beigesetzt. Später wurde sie in die eigene Grabkapelle übertragen, welche die Witwe im Chorumgang der Jakobskirche erbauen ließ. Gemäß dem Wunsche des Verstorbenen fand auf dem Altar ein marmornes Standbild der heiligen Jungfrau Aufstellung, welches Fayd’herbe gemeißelt hatte; von der Hand desselben Bildhauers rührt wahrscheinlich der ganze obere Teil des Altars und zwei Engelfiguren, welche denselben schmücken, her. Auf dem Altar prangt das von Rubens für diesen Zweck bestimmte Gemälde. Das Jesuskind sitzt auf dem Schoß der Jungfrau unter einer Laube; vorn kniet anbetend der heilige Bonaventura, hinter Maria steht der heilige Hieronymus mit der aufgeschlagenen Bibel, von der anderen Seite nahen der heil. Georg und drei heilige Frauen, in der Luft schweben vier Engel mit Kränzen und Palmzweigen. Das Ganze ist ein Bild, welches sich in Bezug auf Farbenzauber den besten Meisterwerken des Meisters anreiht. Die Überlieferung erzählt, Rubens habe in diesem Gemälde seine Familie abgebildet: in Hieronymus sei sein Vater, in Georg er selbst, in den drei Frauen seine beiden Gattinnen nebst Fräulein Lunden dargestellt; die Ähnlichkeiten mag man finden — sie kehren überall in Rubens’ Gemälden wieder —, sicherlich aber hat die Überlieferung vollständig unrecht, wenn sie annimmt, daß der Meister gerade bei diesem Bilde, über dessen Entstehungszeit übrigens die Meinungen geteilt sind, mit besonderer Absicht die Bildnisse angebracht habe. — Die Grabschrift wurde von des Meisters Freund Gevaerts verfaßt, aber erst im vorigen Jahrhundert in Stein gemeißelt; sie preist unter Rubens’ wunderbaren Begabungen insbesondere die Kunde der alten Geschichte und die Trefflichkeit in allen guten und schönen Künsten, sie nennt ihn den Apelles nicht nur seines Jahrhunderts, sondern aller Zeiten, hebt hervor, daß er die Freundschaft von Königen und Fürsten genoß, erwähnt die Würden, durch welche er von Philipp IV ausgezeichnet wurde, und rühmt die Verdienste, die er als Gesandter sich um das Zustandekommen des Friedens erwarb.
Rubens’ wertvollstes Vermächtnis war seine Kunstsammlung, die ein vollständiges Museum war. Das Verzeichnis derselben zum Zwecke des Verkaufs wurde in englischer und französischer Sprache gedruckt. Dasselbe führt außer sonstigen Kunstgegenständen 319 Gemälde auf, zuerst italienische Bilder, darunter 9 von Tizian, 5 von Paul Veronese, 6 von Tintoretto, einzelne von Pietro Perugino, Palma Vecchio, Ribeira, Elzheimer; dann 43 Kopien nach Tizian und anderen Meistern, welche Rubens in Italien und Spanien gemalt hatte; darauf 94 Originalgemälde von Rubens; ferner einige fünfzig Bilder älterer Meister, darunter eins von Dürer und mehrere von Johann van Eyck, Lukas van Leyden, Holbein; zum Schluß eine Anzahl neuerer Bilder, darunter 8 von van Dyck, 17 von Adrian Brouwer, mehrere, welche Breughel und Saftleven gemeinschaftlich mit Rubens gemalt haben, und auch noch einige Skizzen von der Hand des Meisters. — Der Verkauf der Sammlung brachte einen Ertrag von 280000 Gulden, ungefähr 1000000 Mark heutigen Wertes. Der König von Spanien kaufte am meisten, 32 Stück, darunter 10 Bilder von Rubens, welche teilweise zu den vorzüglichsten Schätzen des Madrider Museums gehören. Weitere Hauptkäufer waren der Deutsche Kaiser, der König von Polen, der Kurfürst von der Pfalz und der Kardinal Richelieu.
Abb. 98.Kreuzigung Petri.In der Peterskirche zu Köln.❏GRÖSSERES BILD
Abb. 98.Kreuzigung Petri.In der Peterskirche zu Köln.
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Die Handzeichnungen des Meisters wurden ebenfalls verkauft, nachdem der jüngste seiner Söhne achtzehn Jahr alt geworden war, ohne daß einer derselben die Malerei als Beruf gewählt oder eine von den Töchtern einen Maler geheiratet hatte. Rubens’ ältester Sohn Albert, des Vaters Nachfolger im Amte des Sekretärs des königlichen geheimen Rats, zeichnete sich durch Gelehrsamkeit in der Altertumskunde aus. Von Nikolaus erfahren wir nur, daß er im Alter von 37 Jahren starb; Franz wurde Ratsherr des Hofes von Brabant, und Peter Paul wurde Geistlicher. Von den Töchtern hat nur eine, Klara Johanna, geheiratet; sie vermählte sich mit Philipp von Parys, und in den Sprossen dieses Geschlechts lebt heute allein noch die Nachkommenschaft des Meisters. Isabella Helene starb im Alter von 17 Jahren, und die nachgeborene Konstantia Albertina ging ins Kloster.
Helene Fourment, die junge Witwe, vermählte sich 1645 zum zweitenmale; sie reichte ihre Hand einem Schöffen von Antwerpen, Johann Baptist van Broeckhoven, der nachmals zum Grafen von Bergeyck ernannt wurde. Sie lebte bis 1673.
Das Haus in Antwerpen, welches Rubens mit so großem künstlerischen Aufwand erbaut hatte, wurde schon 1669 von seinem Enkel Philipp verkauft. Es behielt sein stolzes Ansehen bis zum Jahre 1763, wo es in dem damaligen Geschmack umgebaut wurde; die größte Mehrzahl der zum Teil von Fayd’herbe ausgeführten Standbilder, womit die Bauten im Garten geschmückt waren, wurde damals beseitigt. Später, in unserem Jahrhundert, verlor das Bauwerk noch mehr; aus dem einen Haus wurden zwei gemacht, und bei dieser Gelegenheit wurde dessen schönster baulicher Bestandteil, der Kuppelbau, welcher die Kunstsammlung des Meisters beherbergt hatte, niedergerissen.
In der belgischen Kunst war Rubens’ Einfluß auf Jahrhunderte hinaus mächtig. Man darf unbedenklich behaupten, daß nie und nirgends ein einzelner Künstler so fruchtbringend und nachhaltig auf die Kunst seines Landes gewirkt hat, wie dies bei Rubens der Fall war. Andere große Meister sind der Kunst der Jüngeren verderblich gewesen, weil sie nachgeahmt wurden, und Nachahmung ist der Tod der Kunst. Rubens aber wurde nicht nachgeahmt, er war unnachahmlich; aber sein Vorbild wirkte schöpferisch belebend auf allen Gebieten. Wie Rubens der fruchtbarste Maler war, den es je gegeben hat — 1300 Gemälde, von denen mindestens zwei Drittel mehr oder weniger von seiner eigenen Hand ausgeführt sind, legen Zeugnis davon ab —, so war er auch der vielseitigste, und darum wirkte er nach so vielen Seiten hin, ohne die Selbständigkeit der einzelnen zu beeinträchtigen. Was ein Bildnismaler wie van Dyck, was Schilderer des Volkslebens wie die Teniers schufen, was die Landschafter und selbst die Stillebenmaler Belgiens malten, in allem hat Rubens’ anregendes Beispiel durchgewirkt, so gut wie bei den Werken der Geschichtsmalerei von jeglicher Gattung. Bildhauer und Baukünstler gingen bei Rubens in die Lehre; durch das Wiedergeben seiner formensicheren wirkungsvollen Zeichnungen gelangte die Holzschneidekunst damals in Belgien zu einer mustergültigen Vollkommenheit, zu einer Zeit, wo es überall anders gar keinen künstlerischen Holzschnitt mehr gab; an den Werken des großen Malers schulte sich die Kupferstecherkunst, daß sie jene breite malerische Wirkung erzielte, die wir an den vlämischen Stichen des 17. Jahrhunderts bewundern. Die gesamte glanzvolle belgische Kunst des Barockzeitalters war in der einen Person ihres Begründers zusammengefaßt.
Ende des Buches
[*]So schrieb die Familie Rubens ihren Namen während des Aufenthalts in Deutschland, um die heimische Aussprache mit der deutschen Schreibweise in Übereinstimmung zu bringen.
[*]So schrieb die Familie Rubens ihren Namen während des Aufenthalts in Deutschland, um die heimische Aussprache mit der deutschen Schreibweise in Übereinstimmung zu bringen.
[*]So schrieb die Familie Rubens ihren Namen während des Aufenthalts in Deutschland, um die heimische Aussprache mit der deutschen Schreibweise in Übereinstimmung zu bringen.