Der Angriff auf das Turmhaus.Elftes Kapitel
Der Angriff auf das Turmhaus.
Der Angriff auf das Turmhaus.
Als Kurt an jenem Abend von Valentine Abschied genommen und das Marschallsche Haus verlassen hatte, war das Mädchen noch eine Zeitlang in der Stube geblieben. Ihr ernstes Gesicht hatte deutlich verraten, wie der Abschied sie ergriffen. Sie wußte, daß es ein Lebewohl für immer gewesen war.
Der ritterliche Sinn des jungen Offiziers und sein vornehmer Charakter hatten auf Valentine, bald nachdem sie ihn kennen gelernt, einen tiefen Eindruck gemacht. Und sie hatte gefühlt, wie ihr Herz in seiner Gegenwart lauter schlug. So war nach kurzer Zeit für den jungen Offizier eine ungestüme Leidenschaft in ihr erwacht, die Valentine freilich vor aller Welt sorgfältig verbarg. Am ängstlichsten vor dem heimlich Geliebten selbst.
Aber warum hütete das Mädchen ihr zartes Geheimnis tief im Herzen? Warum verriet sie es selbst dannnicht, als sie glückselig gewahrte, wie der Geliebte verstohlen um ihre Zuneigung warb?
Valentine war trotz ihrer Jugend bereits eine jener stillen Frauen, deren sittliche Kraft im Entsagen stärker sein kann, als die stürmischen Wallungen des Herzens. Sie wußte, daß zwischen ihr und dem Geliebten die verworrenen Zeitverhältnisse eine tiefe Kluft schufen, die sich von Tag zu Tag erweiterte.
Anfänglich war die politische Bewegung Gemeingut aller gewesen. Besonders in der königstreuen Bürgerschaft bis zu den höchsten Kreisen hinauf herrschte tiefe Verstimmung, und das sehnlichste Verlangen nach einem endlichen inneren Frieden erfüllte aller Herzen. Wohl gab es erhitzte Gemüter, die maßlose Forderungen in das Land hineinschrien. Aber sie waren in der Minderzahl, und ihr Gebaren wurde verurteilt.
Als die Partei der Gemäßigten im Laufe der weiteren Entwicklung aber sah, daß sie für ihre ruhig ausgesprochenen Wünsche bei der Regierung kein Gehör fand, als sie erkannte, wie oben die Verwirrung bis zur Kopflosigkeit wuchs, als sich die Spannung zwischen Landtag und den Regierungsvertretern stetig erhöhte und die Behörden, anstatt Nachgiebigkeit zu üben, scharfe Polizeimaßregeln ergriffen, da sah mancher wahrhaft vaterländisch Gesinnte sorgenvoll in die Zukunft, und die Anhängerschaft der Regierungsfeindlichen wuchs mit bedrohlicher Schnelligkeit.
Aber noch immer wurzelte das Programm der radikalen Partei im Boden der bestehenden monarchischen Staatsform.
Da schoß aus der Tiefe des leidenschaftlich bewegtenVolks plötzlich die Flamme der Unbotmäßigkeit hoch auf. Die Luft schien mit einemmal von einem berauschenden Element durchdrungen zu zu sein, das auch die Sinne der ruhig gebliebenen Kreise der Bürgerschaft allmählich umfing. Viele von denen, die bisher mit einer friedlichen Schlichtung der Wirrungen gerechnet hatten, erklärten sich jetzt für die Anwendung von Gewalt, denn sie fühlten ihr Hoffen enttäuscht und sahen keinen andern Ausweg.
Valentinens kühler Verstand hatte diese Entwicklung geahnt. Aus diesem Grunde war sie auf der Hut gewesen, daß die Stimme ihres Herzens dem Geliebten nicht verriet, wie es um sie stand. Sie kannte den ehrenhaften Charakter des jungen Offiziers nur zu gut und wußte, daß ihn seine politischen Anschauungen und die hohe Auffassung von seinem Beruf eines Tages von ihr trennen würden. Sie wollte ihn deshalb nicht an sich fesseln, um ihm und sich selbst den Schmerz der Entsagung zu erleichtern.
Noch erkannte das Auge des Unerfahrenen nicht die über aller Häuptern schwebende Katastrophe. Hofften doch selbst Männer, die das Leben reif gemacht, in blinder Harmlosigkeit so lange auf ein gütliches Ende, bis der Sturm losbrach und ihnen die Zügel der Führerschaft entriß.
Diese Empfindungen hatten Valentine unablässig erfüllt. Kurt mußte vor einem schweren inneren Kampf bewahrt bleiben! Sie war fest überzeugt, daß er von ihr gehen würde, auch wenn sich ihre Seelen gefunden. Aber er sollte sich nicht mit blutendem Herzen von ihr wenden. Deshalb kämpfte das Mädchen tagein, tagauseinen verzweifelten Kampf gegen die stetig wachsende Leidenschaft in ihrem Herzen.
Lange hatte sie geschwankt, ob sie dem Geliebten nicht selbst die Augen öffnen sollte. Doch hatte Valentine dies immer wieder hinausgeschoben, weil auch sie die drohende Nähe der Gefahr nicht erkannte und ihr Herz bei dem Gedanken bebte, von ihm Abschied nehmen zu müssen. Selbst als sie wußte, daß sie für die rücksichtslose Anwendung der schärfsten Gewalt mit noch größerer Entschiedenheit eintrat, als viele Männer, hatte sie nicht vermocht, sich von Kurt zu trennen. Bis Valentine endlich nach furchtbaren Seelenkämpfen ihr Herz besiegt und den Geliebten um seinen letzten Besuch gebeten hatte, der ihren Abschied bringen sollte.
Da hatte sich während weniger Stunden jener große Umschwung der politischen Verhältnisse vollzogen, und die Binde war von Kurts Augen gefallen. Aus freiem Antrieb war er gekommen, um zu erklären, daß ihn Pflicht und politische Überzeugung zwängen, den väterlichen Freund nunmehr als Gegner zu betrachten. Und als sie sich zum Abschied die Hand gereicht, hatte Valentine noch einmal den vornehmen Charakter des Geliebten im Blick seiner Augen empfunden.
Wie auch die Zeiten sich immer gestalten würden, sie wußte, es war ein Abschied fürs Leben. In steifer Haltung, die Hand schwer auf den Tisch gestützt, hatte Valentine dem Gehenden nachgesehen. Als seine Gestalt in der Tür verschwand, war es ihr, wie wenn Eiseskälte nach ihrem Herzen zog. Und sie mußte alle Kraft aufbieten, um die drohende Schwäche zu überwinden.
Endlich hatte sie den Blick von der Tür gewandtund war mit steifen Schritten zu der kranken Mutter hinaufgegangen.
Frau Marschall lag in hohem Fieber. Valentine hieß Anna gehen, um während der Nacht allein bei der Kranken zu bleiben. Wie Professor Richter angeordnet, kühlte sie unaufhörlich die heiße Stirn der Mutter mit kaltem Wasser und bot ihr für den brennenden Durst erfrischende Zitronenlimonade.
Es war gerade jene Nacht, in der die Aufrührer an dem Bau der Barrikade bei Stadt Gotha mit Anspannung aller Kraft arbeiteten.
Valentine saß neben dem Bett und wendete kein Auge von der kranken Mutter und achtete auf deren leiseste Bewegung. Die kleine Öllampe verbreitete in der Kammer einen trüben Schein. Von der nahen Schloßgasse drangen die aufgeregten Rufe der fieberhaft Arbeitenden herein. Die schweren Hammerschläge hallten von dem harten Granit laut durch die stille Nacht und bereiteten der Kranken fürchterliche Pein. Sie warf sich im Bett ruhelos hin und her und stieß in der Fieberhitze unaufhörlich wirre Worte aus.
Kurz nach Mitternacht kehrte Valentinens Vater in höchster Abspannung nach Hause zurück. Bevor er gegangen, hatte er lange geschwankt, ob er seine kranke Frau verlassen durfte, bis er es gegen Abend mit schwerem Herzen endlich doch getan hatte. Jetzt, wo die Lage so bedrohlich geworden, war es dringend notwendig, daß die besonnen Gebliebenen ihren Einfluß geltend machten. Die Stimme seines Herzens mußte schweigen, denn das Wohl und Wehe vieler stand auf dem Spiel. Und was würde man sagen, wenn er, einer der Führerder Bewegung, in der entscheidenden Stunde an seinem Platz gefehlt hätte?
Die letztvergangenen Tage hatten Marschall große Aufregung und harte Anstrengung gebracht. Und die plötzliche schwere Erkrankung seines guten Weibes, das er voll Zärtlichkeit liebte, hatte ihn fast zusammenbrechen lassen.
Dazu quälten ihn die ersten bösen Zweifel, ob es recht gewesen, daß er der unaufhaltsam steigenden Erregung, soweit seine Kräfte reichten, nicht Einhalt getan hatte. Wohl wußte er sich frei von dem Vorwurf, das Feuer der Empörung frivol geschürt zu haben, – er hatte immer zur Mäßigung geraten. Aber hätte er sein Ansehen zugunsten einer ruhigeren Entwicklung nicht noch energischer geltend machen können?
Der alte Mann mit dem weichen Gemüt beugte sich über die Bewußtlose und küßte ihre heiße Stirn. Die Kranke schreckte zusammen und murmelte unverständliche Worte. Tief erschüttert sank Marschall auf einen Stuhl. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt.
Da trat Valentine hinzu und nötigte ihn, sich zur Ruhe zu begeben. Sie sah, wie gebrochen ihr Vater war, und fühlte, wie er litt. Aber er wehrte ab und wollte mit ihr wachen. Endlich gelang es ihrem Zureden, daß er sich zu Bett legte. Ihre ruhigen Worte machten ihn sichtlich gefaßter. Er bewunderte im stillen die seelische Stärke seiner Tochter und schämte sich seiner Weichheit.
Als der Vater die Kammer verlassen hatte, setzte sich Valentine wieder an das Bett. Auch auf sie stürmten Zweifel ein. Aber sie schalt sich schwächlich und verscheuchteunwillig diese Anwandlung. So wie es jetzt stand, hatte es kommen müssen. Ja die Bewegung mußte weiterschreiten, – bis zum Äußersten! Sonst wäre die Tätigkeit der Führer doch nur das Spiel unreifer Knaben gewesen.
Man stritt um die höchsten Güter des Volks! Jetzt gütlich beigeben, wäre schimpflich. Ein Zurück gab es nicht mehr. Es war gut, daß alles auf des Messers Schneide stand. Willigte die Regierung nicht noch in letzter Stunde in die Forderungen, so mochte die alte Form zerbrechen. Die nächsten Tage würden den Herrschenden zeigen, daß mit der Geduld des langmütigen Volks kein Mißbrauch getrieben werden durfte. Seine Wünsche mußten erfüllt werden. Sonst trat es die bestehenden Gesetze in Grund und Boden!
Valentine schloß während der ganzen Nacht kein Auge und verrichtete ihren Dienst mit peinlicher Sorgfalt. Erst gegen Morgen wurde die Kranke ruhiger und verfiel endlich in einen tiefen Schlaf, aus dem sie auch der Lärm nicht weckte, der mit dem anbrechenden Tag auf den Gassen verstärkt wieder anhob.
Als Professor Richter gegen Mittag Frau Marschall besuchte, war sie eben erwacht. Wenngleich sie sehr schwach war, fand er ihren Zustand doch viel besser und erklärte, daß jetzt alle Gefahr vorüber sei. Advokat Marschall, der inzwischen schon wieder ein paar Stunden auf dem Rathaus gewesen war, mußte an sich halten, daß er vor dem Bett nicht niedersank. Voll tiefer Rührung strich er mit der Hand zärtlich über die bleichen Wangen der Kranken, die ihm seine Liebe mit dankerfüllten Blicken lohnte. An das Verlassen des Betts war vorläufigfreilich nicht zu denken. Doch sollten der Kranken kräftigende Speisen gereicht werden.
Die Gesundung ging nunmehr rasch vorwärts, denn Frau Marschall besaß eine kräftige Natur. Am nächsten Tag war sie schon ohne Fieber und konnte sich im Bett aufsetzen, und der Appetit wurde rege. Während der darauffolgenden Nacht schlief sie bis zum Morgen.
Valentine wich nicht von dem Bett der Mutter und blieb auch nachts in deren Kammer. Advokat Marschall war tagsüber immer abwesend. Ab und zu kam er atemlos nach Hause geeilt. Wenn er die weiterschreitende Besserung gewahrte, hellte sich sein sorgenerfülltes Gesicht auf, und er setzte sich neben die Kranke und plauderte zärtlich mit ihr.
Aber die beiden Frauen sahen, wie ihn die Unruhe quälte. Deshalb hielten sie ihn nicht zurück, wenn er sie nach kurzer Zeit voll Hast wieder verließ. Er vermied auch, von den Vorgängen in der Stadt zu sprechen, und empfand es mit stillem Dank, daß ihn niemand danach fragte. Mutter und Tochter schwiegen auch zueinander darüber, als ob eine heimliche Vereinbarung unter ihnen bestünde.
Frau Marschall ahnte, daß sich die Lage aufs höchste verschärft hatte und seufzte zuweilen verstohlen. In Valentine aber frohlockte es. Das Getöse auf der Straße verriet ihr, daß man das begonnene Werk nicht schmachvoll im Stich lassen wollte.
Am darauffolgenden Donnerstag kam Professor Richter erst spät abends und verordnete, daß die Kranke noch acht Tage im Bett bleibe. Sie sei sehr von Kräftengekommen, und man müsse auf der Hut sein, damit kein Rückfall eintrete.
Er erzählte, das Linienregiment Albert habe das Schloß besetzt, und bei dem Versuch, das Zeughaus zu stürmen, sei das erste Blut geflossen. Stundenlang hätte er an den Verwundeten schwere Operationen vornehmen müssen, daß er ganz abgespannt sei. Auch wäre er vom Sicherheitsausschuß beauftragt worden, in Gasthäusern und Schulen Lazarette zu errichten. Für diesen Zweck müsse er Pflegepersonal anwerben und für Betten, Instrumente und Verbandzeug sorgen. Nun fehlten freilich noch die Ärzte, und die wolle er in dieser Nacht gewinnen. Die Lage sei schlimm. Schon der nächste Tag könne schwere Kämpfe bringen.
Mit diesen Worten verabschiedete er sich. Die beiden Frauen blieben wach, um den Vater zu erwarten. Als dieser eine Stunde darauf aber noch nicht zurückgekehrt war, löschte Valentine die Lampe aus und begab sich zur Ruhe.
Am Morgen in aller Frühe wurden sie durch heftiges Gewehrfeuer geweckt. Valentine kleidete sich rasch an und beruhigte die bestürzte Mutter. Dann eilte sie in die Kammer des Vaters. Sein Bett war unberührt; – er war während der Nacht nicht nach Hause gekommen.
»Der Vater ist spornstreichs auf das Rathaus gelaufen,« sagte sie zu der Kranken, um sie nicht noch mehr zu ängstigen. »Sobald sich ihm eine freie Viertelstunde bietet, kommt er nach Hause. Ich will nur gleich einmal die Anna auf die Gasse schicken, damit wir erfahren, was das Schießen bedeutet.«
Nach kurzer Zeit kam Anna mit allen Zeichen des Entsetzens zurück. Der König und die Minister seien geflohen, und der Aufstand wäre ausgebrochen. Die Truppen schössen vom Schloß aus nach Stadt Gotha und die bürgerlichen Kämpfer von der Barrikade nach dem Schloß. Soeben habe man in die Apotheke am Altmarkt die ersten Verwundeten gebracht.
Das Gewehrfeuer schwieg während des ganzen Tages nicht, und der Lärm auf der Gasse wuchs von Stunde zu Stunde.
Frau Marschall lag stumm in den Kissen, und Valentine erriet, daß die Mutter schwere seelische Qualen litt. Aber kein Wort der Klage kam von den Lippen der Kranken. Der Gedanke an den Gatten bereitete ihr fürchterliche Pein. Er war einer der Führer der Aufständischen! Und sie dachte an die große Verantwortung, die er auf sich gehäuft. Solange die Leiter der Bewegung aufgeregte Reden gewechselt hatten, war sich vielleicht keiner des furchtbaren Ernstes bewußt gewesen, der hinter ihren Worten stand.
Jetzt war das Spiel mit Worten aus, und die Flamme des Bürgerkriegs war zischend aufgefahren!
Am Nachmittag trat Herr Marschall überraschend in die Kammer. Sein Gesicht war verstört. Aber die Frauen erkannten, daß er das Schwere, was ihn drückte, mit Fassung trug. Frau Marschall wollte ihm im ersten Aufwallen ihres Herzens die Hände entgegenstrecken. Aber sie tat es nicht, weil sie glaubte, ihr Trost könne ihn nur noch mehr bedrücken.
Wie immer unterließ es Marschall, von den Kämpfen mit den Truppen zu sprechen. Dafür erzählte er, daßStadtrat Meisel und einige andere Ratsmitglieder sich heute morgen zum Stadtkommandanten begeben hätten, um mit ihm zu unterhandeln. Für diesen Abend sei eine weitere Verhandlung mit General Schulz verabredet worden, an der auch er teilnehmen wolle. Die alte Regierung bestünde nicht mehr. Wenn es gelänge, die Truppen zu bewegen, die provisorische Regierung anzuerkennen, wäre der Aufstand beendet.
Frau Marschall schöpfte bei diesen Worten Hoffnung und wünschte den Verhandlungen einen glücklichen Erfolg. Valentine aber blieb stumm.
Dann legte sich Advokat Marschall auf ein paar Stunden nieder und verließ gegen Abend wieder das Haus. Bald darauf kam Professor Richter für wenige Minuten. Er brachte einen alten, zuverlässigen Mann mit, der im Hause bleiben sollte, damit die Frauen des männlichen Schutzes nicht gänzlich entbehrten. Auch riet er, die Haustür immer verschlossen zu halten.
Den Zustand der Kranken fand Professor Richter vortrefflich. Frau Marschall war vollständig fieberfrei. Er erzählte, daß immer mehr Verwundete hereingebracht würden, und welche Schwierigkeiten es habe, genug Pflegerinnen zu finden. Für die Lazarette hätte er zur Not ausreichend bekommen. Aber hinter den Barrikaden wolle keine Samariterdienste tun. Der Transport der Verwundeten nach den Lazaretten werde so verzögert, daß oft die Verletzten erst als Sterbende gebracht würden. Viele Kämpfer wollten wegen der Verwundeten nicht aus dem Gefecht weichen. Doch gäbe es auch eine große Anzahl von Maulhelden, die schwadronierend durch die Gassen zögen und nicht Hand anlegten. Allein im HotelStadt Rom hätten sich heute nachmittag drei Verwundete verblutet, weil man sie zu lange liegen gelassen.
Als Valentine dies hörte, richtete sie sich steil auf. Da fiel ihr Blick auf die Mutter. Und sie zwang die Worte zurück, die ihr auf der Zunge lagen.
Während sich Professor Richter zum Gehen anschickte, trat Friedchen in die Kammer. Ihr Haar war wirr und ihr Gesicht verängstigt.
»Wann wird denn nun endlich die gräßliche Schießerei aufhören, Herr Professor,« klagte sie, »man kommt gar nicht mehr dazu, seine Lektüre mit Andacht zu genießen. Wie schwer einem das bißchen Leben doch gemacht wird! Kaum hat man sich mühsam in eine gefühlvolle Stimmung hineingelesen, knallen auch schon wieder die Flinten roh dazwischen.«
Professor Richter sah verständnislos in Friedchens bekümmertes Gesicht. Zwar kannte er sattsam ihre Schrullen, aber angesichts der furchtbaren Wirklichkeit, daß nur wenige Schritte vom Hause entfernt der mörderische Kampf tobte, fand er keine Antwort. In Eile griff er nach seinem Hut und empfahl sich.
Friedchen blieb noch eine Weile sitzen und barmte über die böse Zeit. Warum die Menschen nicht mit dem zufrieden wären, was sie besäßen. Es gäbe doch keinen, der alles hätte, was er sich wünsche. Wer aber satt zu essen habe und öfters in ein gutes Buch sehen könne, der begehe wahrhaftig einen Frevel, wenn er dann noch unzufrieden sei. Was wollten denn die Leute eigentlich! Früher waren die Menschen besser! Erst seit kurzer Zeit sei alles außer Rand und Band. Nun stellten sie sich gar noch auf die Straße und molestierten die Friedfertigen mitihrem Geschieße, wodurch doch nur Unglück passiere. Man könne nicht immer bloß während der Nacht lesen, das verdürbe die Augen. Und versuchte man, tagsüber ein paar Stunden zu schlafen, so verhinderte einen wieder das ewige Geknalle daran, Ruhe zu finden.
Weder Frau Marschall noch Valentine hatten versucht, den Wortschwall zu unterbrechen. Gegen Tante Friedchens Einfältigkeit war nicht anzukämpfen.
Viele Jahre lang hatte Frau Marschall unsägliche Mühe darauf verwendet, die in ihrem Hause lebende jüngere Schwester zu ernster Arbeit zu bewegen. Vergebens. Jeden freundlichen Zuspruch hatte sie unter heftigem Weinen angehört. Jetzt ließ man sie in Ruhe.
Friedchen war harmlos und gutmütig und gab von ihrem ererbten Kapital den Armen reichlich. Sie half Wohltätigkeitsanstalten gründen und unterstützen und hielt im Kreise gleichgesinnter Kaffeeschwestern lange und verworrene Reden, mit besonderer Vorliebe über die Veredelung des Menschengeschlechts. Damit war ihre Tätigkeit aber auch zu Ende. Den übrigen Teil ihres unschuldsvollen Lebens verbrachte sie mit Lesen. Sie verschrotete die Bücher zentnerweise und die süßlichsten waren ihr die liebsten. In den Leihbibliotheken der Stadt war sie wie zu Hause. Konnte sie eines neuen Buches habhaft werden, so verschlang sie es und brauchte unterdessen weder leibliche Nahrung noch Schlaf. –
Am nächsten Vormittag trat Valentine in Friedchens Stube. Die Tante saß im Nachtgewand auf der Bettkante und war in das auf ihren Knien liegende Buch so vertieft, daß sie Valentinens Kommen überhört hatte. Es mußte ihr sehr kalt sein, denn sie war unwillkürlich ganz in sichhineingekrochen. Aber ihre Augen glänzten, und auf den Wangen des übernächtig bleichen Gesichts stand ein roter Tupf.
»Guten Morgen, Friedchen! Ich dachte, du schliefest noch,« sagte Valentine.
Friedchen wachte wie aus einer fernen Welt auf und sah die Nichte verständnislos an, bis sie deren Worte begriffen hatte.
»Schlafen? Ich schlafen? Wer könnte denn bei einem solchen Buch ein Auge zutun! Du vielleicht? Ach ja, du bist doch ganz anders, als ich. Nein, Valentinchen,« setzte sie mit einem verzückten Augenaufschlag hinzu, »dieser himmlische Clauren!«
Valentine überhörte die herausgesprudelten Worte.
»Ich bin gekommen, um mit dir etwas zu besprechen,« erwiderte sie ernst.
»Rein vergessen kann man sich dabei. Clauren! Clauren!«
»Hörst du das heftige Feuern in der Stadt?« fragte Valentine.
Friedchen horchte.
»Wahrhaftig,« rief sie weinerlich, »nun schießen sie schon wieder.«
»Seit vier Stunden bereits,« versetzte Valentine trocken.
Mit diesen Worten nahm sie der Tante das Buch aus den Händen, klappte es zu und legte es auf den Tisch.
»Aber Kind, warum tust du denn das, ich möchte doch –« jammerte Friedchen.
»Weil ich mit dir sprechen muß,« unterbrach sie das Mädchen mit ruhiger Bestimmtheit. »Höre mich aufmerksam an. In einer Stunde gehe ich von Hause fort.Auf wie lange, weiß ich nicht. Unterdessen sollst du die Mutter pflegen.«
Friedchen sah der Sprechenden fassungslos ins Gesicht.
»Du – gehst – fort?« sagte sie mit Grabesstimme und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
Valentine nickte.
»Einige Tage werde ich nicht zu Hause sein, vielleicht auch länger. Wer kann's wissen.«
»Jetzt willst du hinaus auf die Gasse, wo es draußen so gefährlich ist? Und auf so lange Zeit? Was willst du denn eigentlich tun? Du wirst doch nicht etwa mit schießen wollen?«
»Nein,« antwortete Valentine, »ich werde nicht kämpfen. Aber die Verwundeten will ich pflegen helfen!«
Friedchen starrte die Nichte an. Auf ihrem Gesicht stand grenzenlose Bestürzung. Endlich rief sie:
»Ja, wie kommst denn du gerade dazu? Laß das doch die andern tun!«
»Es werden Pflegerinnen gebraucht, und wie Professor Richter erzählte, herrscht großer Mangel daran. Deshalb will ich ihm meine Dienste anbieten.«
Friedchen schauerte in sich hinein und zog die Zipfel der Nachtjacke über der Brust zusammen.
»Valentinchen, liebes Kind, bleib' hier und laß die draußen ihre Kranken allein warten,« wimmerte sie. »Warum haben sie angefangen.«
Da setzte sich das Mädchen neben die Zusammengesunkene und legte den Arm um ihre zuckenden Schultern.
»Denkst du nicht daran, daß der Vater einer von denen ist,« sagte sie mit tiefernster Stimme, »die das Volk soweit gebracht haben? Aber wie du ihn kennst, wirst du auch überzeugt sein, daß er nicht leichtsinnig gehandelt hat. Jetzt ist keine Zeit, zu klagen; nun kämpfen sie. Denk' an alle die armen Verwundeten, Friedchen, die nichts davon verstehen, ob die Führer des Aufstands unrichtig gehandelt haben. Sie setzen einfach ihr Leben ein, weil ihnen der Kampf heilig gilt. Manche Mutter draußen im Lande wird sich um ihren Sohn ängstigen, der voller Begeisterung alles im Stich ließ – auch sie. Und während sie in Sorge vergeht, liegt er vielleicht schwer getroffen und hilflos hier auf der Gasse. Jetzt gilt es, Schmerzen zu lindern und nicht danach zu fragen, wie alles gekommen ist.«
Tante Friedchen schluchzte laut und nickte wiederholt.
»Du hast recht, Kind,« sagte sie weinend, »aber ich kann wirklich nicht mit dir gehen. Huh, mir graust, wenn ich nur daran denke, einen verwundeten Menschen pflegen zu müssen. Ich kann nun einmal kein Blut sehen.«
»Bleibe ruhig daheim,« tröstete Valentine, »du sollst ja die Mutter pflegen.«
»Ja, das will ich tun,« rief Friedchen entschlossen, »meiner armen Schwester soll es wahrhaftig an nichts fehlen, während du fort bist. Nur verlange nicht, daß ich dich begleite. Aber du könntest doch etwas mitnehmen für die Kranken, damit sie nicht zu frieren brauchen.«
Dabei griff sie mechanisch um sich und deutete unsicher auf ihren wollenen Unterrock.
»Oder Geld,« setzte sie hastig hinzu, als sie Valentinens stumme Ablehnung sah. »Ich werde dir alles mitgeben, was ich zu Hause habe.«
Valentine stand auf.
»Kleide dich nur rasch an,« versetzte sie, sich zur Tür wendend, »und komm herunter. Unterdessen will ich's der Mutter sagen.«
Als Friedchen eine halbe Stunde darauf in die Kammer der Kranken trat, stand Valentine schon zum Fortgehen bereit am Bett der Mutter, die die Hand ihrer Tochter mit beiden Händen umfaßt hielt. Keins von ihnen sprach ein Wort; ihre Blicke ruhten zum letztenmal stumm ineinander. Sie dachten wohl daran, daß sie sich nicht wiedersehen würden.
Valentine hatte ihren Wunsch nur mit wenigen Worten zu erklären brauchen. Die Kranke hatte ein paarmal tief geatmet, dann war sie wieder still geworden. Sie verstand alles! Eine köstliche Ruhe war über sie gekommen. Wie Valentine hoch aufgerichtet neben dem Bett gestanden und sie angesehen, wußte die Kranke, daß eine tiefe Wandlung im Innern ihres Kindes erfolgt war. Die Mutter hatte immer einen kühlen Hauch verspürt, wenn Valentine in den letzten Wochen mit männlichem Sinn davon gesprochen, daß das Volk aufstehen müsse. Jetzt sprach ihr Herz. Und was Valentine zur Ausführung ihres Entschlusses drängte, war ja der Gedanke an den Vater!
»Mein mütterlicher Segen begleitet dich, mein Kind,« sagte Frau Marschall und küßte Valentinens Lippen.
»Gott behüte dich, Mutter,« antwortete diese mit zuckendem Mund, »grüße den Vater!«
Dabei glitt ihre Hand schmeichelnd über das schmale Gesicht der Liegenden und über das glattgestrichene, silberglänzende Haar.
Wortlos reichte Valentine der Tante die Hand. Friedchen war so ergriffen, daß sie unter fließenden Tränen nur ein paar kurze Abschiedsworte stammeln konnte. Dann wandte sich Valentine zum Gehen.
An der Türe blieb sie plötzlich stehen und blickte zu dem Bett zurück. Während einer knappen Sekunde sahen sich Mutter und Tochter noch einmal stumm in die Augen. Der ganze furchtbare Ernst des Abschieds lag in diesem Blick. Die Kranke erkannte die bange Herzensnot der Tochter, und ein trostreiches Lächeln verklärte ihr stillfriedliches Gesicht. Da lächelte auch Valentine und nickte der Mutter zum letztenmal zu. Im nächsten Augenblick schloß sich die Tür hinter ihr.
Frau Marschall schaute eine lange Weile regungslos auf die leere Stelle. Dann schauerte sie zusammen, wandte ergebungsvoll das Gesicht nach der Wand und sagte mit schwacher Stimme:
»Friedchen, laß mich jetzt allein.«