Sechzehntes Kapitel
Während des ganzen Vormittags wurde der Kampf auf beiden Flügeln und im Zentrum mit stetig wachsender Heftigkeit geführt. Die beiden Hotels auf dem Neumarkterhielten von der Augustusstraße und von der Frauenkirche her wirksames Geschützfeuer, das die in allen Stockwerken des Hauses Stadt Rom eingebauten Erker vollständig in Trümmer schoß. Die Kindschen Häuser an der Westseite des Platzes wurden von den Truppen in der Münzgasse und im Coselschen Palais mit starkem Gewehrfeuer überschüttet.
Auf beiden Seiten wurde mit größter Tapferkeit gefochten. Von dem Donnersturm der Revolution, dessen schauerliche Melodie am gräßlichsten beim Ausbruch des Aufstands durch die Gassen geklungen hatte, war nichts mehr zu spüren. Die Parteien kämpften wie die ordentlichen Streitkräfte zweier sich feindlich gegenüberstehenden Völker. Die Kaltblütigkeit, mit der die Aufrührer vor allem auf den stark beschossenen Punkten aushielten, wurde selbst von ihren Gegnern bewundert.
Der Zorn der Truppen über die Hartnäckigkeit der Aufständischen steigerte sich schließlich bis zur Wut. Zahlreiche Kompagnien hatten während der letzten Nächte, zum Teil bei strömendem Regen, auf dem Pflaster der Gassen und Plätze gelegen, und ihre Verluste wuchsen andauernd. Zudem wußten die sächsischen Soldaten, daß die meisten Gewehre der Aufrührer ihren Armeegewehren älterer Konstruktion in der Feuerwirkung überlegen waren. Aus all diesen Ursachen bemächtigte sich der Truppen tiefe Erbitterung, und sie erwarteten voll Sehnsucht das Signal zum Bajonettangriff. Endlich wurde der Befehl zum Sturm gegeben.
Es war zwei Uhr nachmittags. Die nicht im Feuer stehenden sächsischen und preußischen Truppen waren auf dem Schloßplatz zusammengezogen worden, wo sie infieberhafter Spannung mit der Front nach dem Georgentor harrten.
Bei diesen Truppen befand sich auch Kurt Allmer. Der Zufall hatte es gefügt, daß die 4. Kompagnie immer an besonders gefährdeten Stellen gekämpft hatte.
Mit heimlicher Bewunderung hatten die Soldaten die Kaltblütigkeit ihres Leutnants während des heftigsten Feuers und seine vollkommene Verachtung jeder Gefahr beobachtet. Wiederholt hatte Kurt das Gewehr eines Verwundeten selbst zur Hand genommen und stundenlang geschossen. Während des größten Teils der Nacht war er munter geblieben, hatte die Posten unausgesetzt revidiert und mit ihnen gewacht, da das Gerücht von einem heimlichen Angriff der Empörer umlief.
Kurt fühlte sich stark erschöpft. Sein Gesicht war von den Anstrengungen der letzten Tage bleich, sein Auge matt. Bisweilen war die Erinnerung in ihm schmerzlich erwacht, und seine Gedanken hatten sich während des Kampfes in das gemütliche Haus des alten Kriegsrats gestohlen – zu Ursula. In diesen ernsten Tagen, wo er ohne Unterbrechung dem Tod ins Auge sah, empfand er es deutlich, wie sein ganzes Herz an diesem herrlichen Mädchen hing.
Nun war Ursula für ihn verloren! – Vielleicht urteilte sie zu hart über sein Vergehen. Doch stand es ihm nicht zu, seine Schuld zu wägen. Und schuldig fühlte er sich! Ob Ursula noch einmal milder über das Unrecht denken würde, das er ihr zugefügt? Vielleicht! Aber ihr Verzeihen würde ihn nicht mehr erreichen – –
Kurt Allmer war in tiefster Seele von der Gewißheiterfüllt, daß er vor einem großen, unabwendbaren Schicksal stand.
Die Truppen auf dem Schloßplatz verhielten sich schweigend. Eine innere Unrast zeigte sich auf den Gesichtern der Soldaten. Zu ihrer Linken, am anderen Ende der Augustusstraße, hielt noch immer das Geschütz, und seine Schüsse gegen Stadt Rom krachten in kurzen Pausen.
Vom Neumarkt, durch die breiten Gänge des Georgentores und vom Zwinger herüber hörte man das starke Gewehrfeuer.
Die Offiziere standen vor der Front. In ihrer Mitte hielten zu Pferde Oberst Sichart und ein paar Stabsoffiziere.
Da kam aus der Richtung des Grünen Tores der Oberbefehlshaber der militärischen Streitkräfte, Generalleutnant von Schirnding, mit seinem Stabe herangesprengt. Der Anblick des alten Veteranen aus den Tagen von Leipzig in schneeweißem Bart und mit den jugendlich blitzenden Augen wirkte auf die Truppen wie ein elektrischer Strom. Jeder Mann reckte sich unwillkürlich höher, und aller Augen richteten sich auf die Heranreitenden.
Jetzt hielt der Generalleutnant vor der Front. Oberst von Sichart drängte sein Pferd an den Kommandierenden heran und empfing den Befehl zum Angriff – – –
Zwei Kolonnen! Die erste unter Major von Hausen stürmt Hotel de Saxe! Die zweite unter Hauptmann von Budritzky vom preußischen Alexanderregiment nimmt Hotel Stadt Rom! Beide Sturmkolonnen werden aus Truppenteilen der sächsischen und preußischen Armee gebildet! Der Angriff hat sofort zu erfolgen!
Aus den Reihen der mit verhaltenem Atem den Worten des Kommandierenden lauschenden Mannschaften erschollen ein paar gedämpfte Jubelrufe. Die Begeisterung ließ die harte Disziplin für einen Augenblick vergessen. Jeden der an dieser Stelle harrenden Soldaten überfiel eine fieberhafte Erregung. Nur jetzt nicht zurückbleiben müssen! Das wäre ein Unglück – eine Schande!
Die beiden Führer formierten ihre Kolonnen. Kurt Allmer horchte mit zusammengepreßten Lippen auf die mit lauter Stimme gegebenen Befehle. Da glänzten seine Augen, und in sein bleiches Gesicht schoß eine helle Röte, – die 4. Kompagnie wurde genannt.
Hauptmann von Budritzky teilte ein: an die Spitze der zweiten Kolonne sächsische und preußische Zimmerleute und Pioniere mit Sägen und Äxten. Hinter ihnen das 2. Peloton der 3. Kompagnie Albert unter Leutnant von Schwerdtner; dazu Feldwebel Mißbach. Hierauf das Gros der Sturmkolonne: die erste Sektion der 4. Kompagnie Albert unter Leutnant Allmer und ein halber Zug der preußischen 11. Füsilierkompagnie.
Oberleutnant Wetzig und Leutnant von Schönberg nickten Kurt lächelnd zu. Sie waren der ersten Kolonne zugeteilt.
Nun erfolgten kurz und ruhig die Kommandos. Die Kolonnen marschierten – von den enttäuschten Blicken der zurückbleibenden Kompagnien begleitet – im Paradeschritt durch die Augustusstraße bis zu ihrer Biegung in den Neumarkt. Hier wurde noch einmal gehalten. Das an dieser Ecke stehende Geschütz gab rasch noch einige Schüsse auf das Hotel de Saxe ab. Dann wurde es zurückgezogen. Gleichzeitig schwieg auch der Verabredung gemäßdas Gewehrfeuer der Truppen auf der Terrasse und an der Frauenkirche.
In diesem Augenblick brach die erste Kolonne vor und setzte sich nach dem Neumarkt hin laufend in Bewegung. Sofort nahm das Feuer der Aufrührer an Heftigkeit zu.
Als die Kolonne das Hotel Stadt Berlin am Anfang des Neumarkts erreicht hat, gerät sie ins Stocken. Ein Hagel von Kugeln schlägt in sie ein, und die ersten Verwundeten stürzen auf das Pflaster. Dann stürmen die Soldaten wieder vorwärts. Einige Leute aber weichen zurück.
Leutnant Allmer sieht das. Er verläßt seinen Platz bei der noch hinter dem Johanneum gedeckt stehenden zweiten Kolonne, springt mit schnellen Sätzen vor und zwingt die Zaudernden mit erhobenem Säbel, der Kolonne nachzulaufen. Da fällt sein Blick auf den Soldaten Engler seiner Kompagnie, der mit zerschmettertem Oberschenkel auf dem Platze liegt. Rasch ruft Allmer einen der Vorwärtseilenden zu sich und trägt mit ihm den Schwerverwundeten zurück.
Unterdessen stürmt die Kolonne unter dem vernichtenden Feuer über den weiten Platz hinweg. Die zu Boden Gestürzten bezeichnen den Weg, den sie gegangen. Da strauchelt unmittelbar vor dem Brunnen der seinen Leuten mit hochgeschwungenem Säbel voraneilende Major von Hausen und stürzt zu Boden. Die Kolonne stürmt über ihren gefallenen Führer hinweg und verschwindet in dem von den Vollkugeln des Geschützes eingeschossenen Tor des Hotels de Saxe.
Noch hat der letzte Mann das Tor nicht erreicht, alsder von einem Prellschuß ans Knie getroffene Major von Hausen sich erhebt und mit langen Sprüngen der Kolonne nacheilt.
Jetzt läßt der Artilleriehauptmann Grünwald das Geschütz wieder vor dem Brühlschen Palais auffahren und richtet es selbst gegen Stadt Rom. Ein paar wohlgezielte Schüsse schnell hintereinander, dann stürzt die zweite Kolonne vor.
Am Jüdenhof, von wo die Stürmenden an den Kindschen Häusern entlang müssen, geraten sie ins Kreuzfeuer. Leutnant Allmer wirft vom Flügel aus einen Blick über seine Leute. Mit keuchendem Atem und geschlossenen Augen stürmen sie vorwärts, – durch den Eisenhagel hindurch.
»Schlag' fester!« knirscht er dem Tambour an seiner rechten Seite zu.
»Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« tönt der Klang der Trommel dumpf in das Pfeifen und Rasseln und Krachen des entsetzlichen Höllenkonzerts hinein. Tambour Gebhardt, ein vierzehnjähriger Knabe, schlägt wie verzweifelt auf das Kalbfell. Da zersplittert ein Trommelstock beim heftigen Aufschlagen auf den Eisenring der Trommel. Den zweiten reißt ihm eine Kugel aus der Hand. Er hämmert mit den Fäusten drauflos. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« – Kurt Allmer schließt ebenfalls eine Sekunde lang die Augen; – eine Wolke von Eisen fliegt um die Stirnen … Von vorn und besonders von rechts, aus den kaum zehn Schritt entfernten Häusern, zischen, schwirren und heulen die Geschosse in den wie sinnlos vorwärtsstürzenden Menschenhaufen blind hineinund reißen ihre Opfer wütend zu Boden. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« Leutnant Allmer bohrt seine Augen in den Nacken des vor ihm laufenden Soldaten Lucas. Da fliegt dessen Hinterkopf weg und blutiger Brei spritzt umher. Der Verwundete bricht wie vom Blitz getroffen zusammen. Allmer springt über ihn hinweg, stürzt beinahe, rafft sich aber wieder auf. Eine Hand packt ihn von hinten am Rock. Er wendet den Kopf und reißt sich los, – Soldat Löffler fällt mit zerschmettertem Unterkiefer nieder. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« – »Will denn dieser feuer- und flammenspeiende Höllenweg kein Ende nehmen?« keucht Allmer, um im nächsten Augenblick aufzuschreien: »Schlag' fester! – – fe – ster!« – »Bumm – bummbumm! bumm – – – bummbumm!« Der Tambour haut bloß noch mit der rechten Faust, die linke Hand hängt vom Knöchel an einem Fleischfetzen herab. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« klingt es nur noch matt. Das Gebrüll, Gestampfe, Geknatter und Geprassel frißt den Klang der Trommel gierig ein.
Da schreit plötzlich die schrille Knabenstimme in Todesangst auf: »Herr Leutnant! – Herr Leutnant …!« Dann gibt die junge, durchschossene Brust nichts mehr her. Der Tambour stürzt und rollt mit seiner Trommel seitwärts fort. Leutnant Allmer sieht durch Blut und Rauch, daß andere vor und neben ihm fallen … Stürze, wer mag! – – Vor … wärts! Und: »Hurra! – Hurra!« hört er seine eigene Stimme in rauhen Kehllauten rufen. Und: »Hurra! – Hurra!« fallen die Stürmenden ein. – Stadt Rom ist erreicht! –
Hier stockt der rasende Angriff. Die Fenster sind mit starken Laden verschlossen, und die schwere Tür widersteht allen Axthieben. Nur ihr oberes Feld ist von einer Kanonenkugel zertrümmert worden. Pioniere und Zimmerleute schlagen wie unsinnig mit Beilen auf Tür und Fensterladen. Ohne sonderlichen Erfolg! Die furchtbare Erregung vereitelt besonnenes Handeln.
Die keuchenden Soldaten stehen unterdessen mit Gewehr bei Fuß in kerzengerader Haltung und ohne mit den Wimpern zu zucken vor dem Haus. Jeder bohrt seine Augen auf die verrammelten Fenster; keiner wagt, sich umzusehen. Aus den Häusern zwischen Kirchgasse und Frauengasse werden die zum ohnmächtigen Ausharren Verurteilten unaufhörlich mit Feuer überschüttet. So stehen sie heldenmütig, ohne eine Hand zu ihrer Verteidigung aufheben zu können. Eine Schar, die noch vor wenigen Sekunden mit furchtbarer Gewalt vorwärtsstürmte, – jetzt regungslos wie in Totenstarre, während von rückwärts auf zehn Schritt Entfernung die Kugeln in den dichten Haufen einschlagen, daß die Todesmutigen ruhmlos fallen. Wie Wild, das vor die Büchsen der Jäger getrieben worden ist – – –
Noch hallen die Axtschläge hohl in das Knattern und Heulen der Flintenkugeln hinein, als Leutnant Allmer vom Zorn überwältigt einen furchtbaren Säbelhieb nach einer Stelle des Ladens tut, von der schon wiederholt Stücke absplitterten. Aber der Eisenhauer springt zurück, als habe er Granit berührt. Er hat den schweren Riegel getroffen, der den Laden im Mauerwerk festhält.
Verzweifelt gleiten Allmers Blicke nach dem Fenster rechts vom Tore, dessen Laden den Axthieben soebennachgegeben hat. Auf der Fensterbrüstung kniet Hauptmann von Budritzky.
»Der sächsische Leutnant dort,« ruft der Hauptmann, zurückschauend, Allmer mit zürnender Stimme durch den Tumult zu; »zum Donnerwetter, Herr, warum sind Sie denn noch nicht drin?!«
Ruft's und springt als Erster von seinen Leuten durch das Fenster hinein.
Da stößt der solchermaßen hart Angelassene knirschend den Säbel in die Scheide, ergreift sinnlos vor Wut mit beiden Händen die untere Kante des Ladens und zieht ihn aus der Fensterhöhlung, daß ihm das Blut unter den Fingernägeln hervorquillt. Ein Dutzend Hände folgt seinem Beispiel. Die schon aus den Fugen geratenen starken Bretter können dieser Kraft nicht widerstehen. Es knirscht und splittert! Noch ein gewaltiger Axthieb, dann reißt der Laden krachend mitten auseinander.
Leutnant Allmer schwingt sich auf die Brüstung. Die Nächststehenden helfen seiner Bewegung nach, daß er im Schwunge durch das Fenster fliegt. Gleichzeitig reißt Feldwebel Mißbach die vor ihm stehenden Soldaten beiseite und wirft seinen Riesenleib gegen die stark erschütterte Tür, worauf diese dröhnend aufspringt. Im Nu sind alle Soldaten im Hause verschwunden.
Die Tür des Zimmers, in das Kurt gesprungen, war verschlossen und mußte von den ihm gefolgten Zimmerleuten erst eingeschlagen werden.
Hinter den stürzenden Brettern sperrte den leeren Korridor ein einzelner Mann – hohläugig und barhaupt, den langen, dürren Leib von einer schwarzrotgoldenenBinde umschlossen. Es war der geistliche Herr aus der Oberlausitz, der fanatische Barrikadenkommandant.
Furchtlos hielt er allein den in Raserei verfallenen Soldaten stand. Er hob die Arme, als wenn er auf der Kanzel stünde, und sprach in beschwörendem Tone:
»Weh' denen, die in Zorn verfallen und wider die heiligen Gebote freveln …«
Da stockte die fromme Rede. Erstaunt guckte der Mann Gottes nach seiner rechten Hand, die mit einem Mal auf dem Fußboden lag. Im nächsten Augenblick saß ihm ein halbes Dutzend Bajonette in der Brust, und der Haufe stürmte über seine Leiche hinweg.
Als Kurt die Treppe hinaufeilte, drängten sich im ersten Stock gerade die letzten Empörer durch eine Tür und warfen diese vor den heranstürmenden Soldaten ins Schloß. Auf dem Treppenabsatz kniete zusammengebrochen Feldwebel Mißbach.
Kurt hielt erschöpft im Laufen inne.
»Was ist Ihnen, Feldwebel?« rief er dem vor sich Hinstierenden zu. »Sind Sie verwundet?«
Der Kniende hob den Kopf. Seine Augen blickten irr auf den Offizier.
»Herr Leutnant,« lallte Mißbach mit schwerer Zunge, »mein Sohn ist dort drin.«
Damit wies er auf die Tür, vor der ein Haufe Soldaten aufs höchste erregt wartete, daß sie unter den gegen sie geführten Beilhieben einstürze.
Allmer blickte ungläubig auf den Knienden.
»Unsinn, Feldwebel!« sagte er bestimmt, während oben die Tür krachend in Trümmer fiel. »Ihr Sohnunter den Empörern? Sie sehen Gespenster. Korporal Mißbach ist in der Kaserne. Er hatte doch Dienst, als wir ausmarschierten.«
Feldwebel Mißbach wollte antworten. Aber seine Lippen bewegten sich nur, und sein Kopf sank wieder herab.
Da verließ ihn Kurt und sprang die Stufen vollends hinauf.
Als die Stürmenden in das Hotel eingedrungen waren, stand Valentine zitternd inmitten ihrer Kranken. Ob die wütenden Soldaten die Verwundeten schonen würden? Ihre Blicke hingen voll Entsetzen an der Tür. Auf dem Korridor krachten Schüsse, und schwere Tritte stampften die Treppe herauf. Hastiges Laufen und erregte Rufe von allen Seiten.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Heinrich sprang herein.
»Um Gotteswillen!« rief Valentine, »flieh, Heinrich! Die Wände nach den Häusern der Kirchgasse sind durchgeschlagen. Rasch fort, sonst ist es zu spät!«
Heinrich schüttelte den Kopf.
»Feige Bande!« murmelte er verächtlich; »alle auf und davon. Ich stand nur noch allein.«
»Heinrich,« flehte Valentine, am ganzen Körper zitternd, »tu mir's zuliebe!« Und sie legte beschwörend die Hände auf seinen Arm. »Tu es um meiner Mutter willen, guter, lieber Heinrich!«
Ein tiefer Atemstoß kam aus Heinrichs Mund.
»Es geht nicht, Valentine,« sagte er rauh. »Als ich aus der Kaserne entlief, wußte ich, wie es kommen würde.Und trotzdem tat ich's. Alle werden Mitgefühl finden, wenn man sie auch noch so hart verurteilt, – ich allein nicht! Meine Kameraden verachten mich, und die bürgerlichen Kämpfer werden mit Fingern auf mich zeigen. Ich habe nicht nur meinen Eid gebrochen, ich habe auch auf meine Kameraden – geschossen!«
Da blieb Valentine stumm und sah von dem Jugendfreund weg. Schwere Axtschläge hallten an der Tür des Nebenzimmers. Sie weckten das Mädchen aus ihrer Starrheit.
»O Gott!« rief sie. »Der Fremde wird das Haus doch verlassen haben …« Mit diesen Worten lief sie zu der Tür, die in das Nebenzimmer führte, und öffnete.
Der Fremde stand mit dem grünen Schirm über den Augen neben den geschlossenen Koffern zum Fortgehen bereit. In seiner Hand hielt er den Hut. Der greise Kammerdiener sprach erregt auf ihn ein.
Da brach die Tür unter den Axtschlägen zusammen, und ein Schwarm Soldaten mit wutentstellten und pulvergeschwärzten Gesichtern, aus denen das Weiße des Auges furchtbar leuchtete, drängte ins Zimmer. Der Weißhaarige fuhr herum und zog blitzschnell einen Revolver aus seiner Rocktasche. Den Soldaten mit einer beschwörenden Handbewegung entgegentretend, rief er:
»Zurück! Das sind die Zimmer Seiner Durchlaucht des Prinzen von Schwarzbu…«
Ein gräßlicher, dumpfer Schlag, – der Alte stürzte mit zerschmettertem Kopf nieder. Valentine sah, wie der Fremde zu den Eingedrungenen sprechen wollte. Da krachten aus den Gewehren eines sächsischen und eines preußischen Soldaten gleichzeitig zwei Schüsse. DerFremde warf die Arme in die Luft und brach rücklings zusammen. In sein schweres Aufschlagen auf den Fußboden mischte sich der gellende Schrei eines Weibes, – Valentine war in die Knie gebrochen.
Über sie hinweg sprang jetzt Heinrich, den vordersten Soldaten blitzschnell mit dem Kolben niederschlagend. Ein zweiter wuchtiger Hieb, und der nächste flog mit eingestoßener Brust seinen Kameraden in die Arme. Durch die Kraft des Streiches brach der Kolbenhals dicht hinter der Schraube ab, und der Kolben fiel zu Boden. Heinrich faßte das Gewehr an der Mündung, und sein eiserner Arm schwang die zerbrochene Waffe wie eine furchtbare Keule. Ein Dritter, – ein Vierter stürzte schwer getroffen nieder, – da stieß einer der Ergrimmten dem völlig Umringten das Bajonett tief in die linke Seite. Heinrich stand einen Augenblick wie eine Bildsäule. Dann entsank die Waffe seinen Händen. Taumelnd schlang er die Arme um seinen Angreifer und riß ihn zum dröhnenden Fall mit hin. Durch die Wucht des Niedersturzes blieb der Soldat betäubt liegen.
Nun eilten alle Soldaten wieder hinaus, nachdem noch der letzte sein Gewehr mit der Mündung Heinrich auf die Brust gesetzt und abgeschossen hatte.
Kaum eine Minute hatte das Gemetzel gedauert. Jetzt herrschte nach dem fürchterlichen Tumult tiefe Stille im Zimmer. Nur die Zeugen des grauenvollen Geschehnisses, die regungslos auf dem Fußboden herumlagen, erzählten mit stummen Worten, was sich zugetragen. Von den oberen Stockwerken hallte entfernter Lärm in das Schweigen hinein. Der Geruch von Pulver und Blut erfüllte den Raum.
Valentine kniete noch auf der Stelle, wo sie zusammengebrochen war. Ihr Gesicht war schrecklich entstellt. Die unnatürlich weit aufgerissenen Augen glitten geistlos durch das Zimmer, bis sie auf Heinrich haften blieben. Mit ungeheurer Anstrengung raffte sie sich auf, ging zu ihm hin und kauerte neben dem Sterbenden nieder. Der Schmerz zerriß ihr die Brust; aber ihre Augen blieben tränenlos.
»Heinrich,« wehklagte sie leise, »Heinrich – – –«
Da schlug der junge Mann die Augen auf und erkannte das Mädchen. Ein schwaches Lächeln trat auf seine Lippen. Und als sie seine Hand erfaßte, versuchte er, sie zu streicheln.
»Mit mir ist's aus,« flüsterte er.
Valentine preßte die Lippen zusammen, um nicht aufzuschreien.
»Ich muß schon früh sterben,« hauchte er in abgerissenen Worten. »Aber es gab eine Zeit in meinem Leben voll Sonnenschein. Das waren die Jahre in euerm Hause. Soviel Glück ist nicht jedem beschieden. Jetzt möchte ich aber nicht länger leben. Meine Stirn trägt ein … Schand – mal.«
Das Mädchen sank vollends auf den Boden nieder und legte den Kopf des Verscheidenden auf ihren Schoß.
»Heinrich, – Heinrich!« stammelte sie mit zuckendem Mund.
Ein erneutes Lächeln trat auf seine rasch verfallenden Züge.
»Ich habe es nicht verdient, so friedlich zu sterben,« sagte er, schon fast nicht mehr vernehmlich.
Ein Erstickungsanfall drohte ihn zu überwältigen.
»Valentine,« lispelte Heinrich noch einmal, »ich habe euch alle ja so unaussprechlich lieb gehabt!«
Das Mädchen faltete in grenzenloser Verzweiflung die Hände und betete laut. Als sie die Worte sprach: »… Dein Wille geschehe … und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern …,« da bewegten sich noch einmal die Lippen des Sterbenden, als ob er diese Worte mitspreche. Dann sank sein Kopf zurück.
»Heinrich!« schrie Valentine herzzerreißend auf.
Aber der junge Mann hörte diese irdische Stimme nicht mehr. Er hatte seine letzte Wanderung bereits angetreten – – –
Valentine war vernichtet. Mechanisch erhob sie sich, als sie Schritte vernahm. Ihre Augen waren umflort, daß sie den Eintretenden nicht erkennen konnte. Nur die Uniform unterschied sie.
Nicht wissend, was sie tat, hob sie den zu ihren Füßen liegenden Revolver auf, der neben der Leiche des weißköpfigen Kammerdieners lag, und richtete ihn zur Verteidigung auf den Soldaten.
Da schlug der Klang einer bekannten Stimme in ihre Seele, und sie hörte ihren Namen aussprechen. Des Mädchens Blicke bohrten sich durch den Nebel, der vor ihnen lag, – – der Revolver fiel polternd auf den Fußboden, und der erhobene Arm sank schlaff an ihrer Seite herab. Der Mann ihr gegenüber war – Kurt Allmer!
Wohl eine Minute lang verharrten beide regungslos, die Augen ineinander gesenkt. Dann neigte Valentinedemütig die Stirn tief herab, wandte sich um und ging mit schwankenden Schritten in das Krankenzimmer zurück. Kurts Blicke folgten ihr. Als er durch die geöffnete Tür die Verwundeten sah, beschlich ihn heimliche Befriedigung. Er hatte geglaubt, Valentine gehöre zu den Kämpfenden.
Schon wandte sich Kurt wieder nach der Tür, als seine Augen auf der Leiche eines der Gefallenen haften blieben. Er griff sich an die Stirn. War das kein Trugbild? Nein, es war Wahrheit! Feldwebel Mißbach hatte recht gesehen! Kurt wandte sich kopfschüttelnd von dem Anblick und verließ das Zimmer.
Auf dem Treppenabsatz lag Feldwebel Mißbach lang ausgestreckt, auf der Brust das Eiserne Kreuz. Sein Gesicht war dunkelrot. Kurt beugte sich zu ihm nieder und rüttelte ihn. Feldwebel Mißbach war tot! – Da ließ Kurt von ihm ab und ging langsam die Treppe hinunter. Dort der Sohn – hier der Vater! »Herzschlag …« murmelte Kurt.
Unten im Hausflur sammelte er eine Anzahl Soldaten, die sich hier inzwischen zusammengefunden hatten, um sie nach den gegenüberliegenden Häusern der Kirchgasse zu führen. Dort war unterdessen ebenfalls gestürmt worden. Der aus diesen Häusern dringende Lärm verkündete, daß darin noch ein hartnäckiger Kampf Mann gegen Mann geführt wurde.
Kurt schlang den Faustriemen des Portepees um das rechte Handgelenk. Als er hierauf mit seiner kleinen Abteilung ins Freie trat, sah er neben der Tür des Hotels den Soldaten Ullrich hilflos auf dem Pflaster liegen. Der Verwundete flehte inständig, ihn fortzutragen,da aus den nahen Fenstern unausgesetzt nach ihm geschossen würde.
»Schafft ihn rasch in das Haus,« rief Kurt seinen Leuten zu und bückte sich nach dem Soldaten, um ihn selbst mit aufzuheben.
In diesem Augenblick erhielt Kurt einen furchtbaren Schlag in den Rücken, der ihn beinahe über den Liegenden geworfen hätte. Unter Aufbietung aller Kräfte richtete er sich in die Höhe und sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Nur seine Leute liefen hastig in das gegenüberliegende Haus, nachdem sie den Verwundeten in den Torweg des Hotels gebracht hatten, wo er vor den Kugeln geschützt war.
Kurt fühlte, wie ihm die Sinne zu schwinden drohten. Da krampfte er die Finger um den Säbelgriff und ging unsicheren Schritts, den Kopf herabgesenkt, über den leeren Neumarkt zurück.
Was war doch mit ihm? Seine Beine wollten ihn ja kaum mehr tragen? Warum lief er denn eigentlich über den Platz? Schossen die Aufrührer aus den Fenstern zu seiner Linken nicht andauernd auf ihn? Natürlich schossen sie! Die Kugeln schwirrten ja in einem fort an ihm vorbei.
»Klägliche Schießerei,« murmelte Kurt. »Dankt nur Gott, daß ihr nicht bei der 4. Kompagnie Albert steht, da würdet ihr schon schießen lernen! – Aber die Beine! Herrgott nochmal, was haben doch bloß diese verflixten Beine?« Und er biß die Zähne aufeinander, um die Herrschaft über sich nicht zu verlieren. – »Taumele ich nicht?« sprach er vor sich hin. »Na, gewiß taumelst du,« antwortete er sich selbst. »Du kannst dich doch kaum mehrauf den Beinen halten. – Nur erst über den Platz hinweg sein! Bloß dieser Kanaille nicht den Triumph gönnen, daß ein Königlich sächsischer Leutnant vor ihren Augen aus Mattigkeit hinstürzt. – Links, rechts. Donnerwetter, ihr Füße, seid doch nicht so widerspenstig …«
Warum hielt denn seine Hand den Säbel nicht mehr umfaßt? Schleppte er ihn am Faustriemen nicht auf dem Pflaster nach? »Links, rechts; links, rechts.« – Da, ein scharfer Erzklang! Der Säbel flog in die Höhe und fiel sogleich wieder herab, mit der Spitze von neuem nachschleifend. »Erbärmliches Geknalle,« murmelte er ingrimmig, »bloß den Säbel treffen sie. 's ist ja lächerlich! Laufe hier stundenlang auf fünfundzwanzig Schritt Distanz wie eine ganze Figurscheibe herum, und nicht ein einziger Treffer! Korporal Mißbach, die Leute müssen besser zielen! Das ist ja die reinste Patronenverschwendung!«
Kurt empfand dunkel, daß er kaum noch vorwärts kam. »Der Neumarkt nimmt heute gar kein Ende,« räsonnierte er vor sich hin. »Aber ich laufe auch wie eine Schnecke. Vorhin, auf Stadt Rom zu, – da ging's anders! Hol's der Geier – wie verfault waren wir über den Platz weg … halt – halt – hübsch langsam – nicht stolpern – links, rechts; links, rechts …«
»War es vorhin nicht genau so, als wenn mir ein Stück glühendes Eisen in das rechte Schulterblatt gestoßen würde? – Ein Schuß? Ach, Torheit! Der war über mich weg gegangen, denn ich sah doch ganz deutlich neben dem liegenden Ullrich auf dem Pflaster das Blei spritzen. – Links, rechts; links – – Verdammt nochmal!Jetzt zerschießt mir diese Schwefelbande gar noch meinen Paradetschako. Aber der fällt nicht 'runter, freut euch nicht zu früh! Der Kinnriemen hält fest. Ach was, mag er schief sitzen, 's ist ja schon stockfinstere Nacht! – Aber warum krieg' ich denn bloß keinen Atem mehr? Ist denn hier die Luft alle? Donnerwetter, sticht das auf der Brust, wenn ich tief Atem hole! – Mußt Kamillentee trinken und schwitzen, mein Junge, wird Tante Sidonie sagen. Hast dich gewiß wieder mal erkältet. Links, rechts – links, rechts,« preßte er zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hervor.
Kurt Allmer war unter dem heftigsten Feuer aus den Fenstern der Kindschen Häuser über den Neumarkt in seiner ganzen Länge hinweggelaufen1. Jetzt hatte er Stadt Berlin an der Augustusstraßenecke erreicht. Die Truppen, die in dieses Hotel inzwischen eingedrungen waren, hatten mit atemlosem Staunen zugesehen, wie er langsam über den Platz zurückkam.
1Historisch.
1Historisch.
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Kurt taumelte so stark, daß es bei jedem Schritt aussah, als müsse er niederstürzen. Da hörte er eine Stimme wie aus weiter Ferne rufen: »Aber lieber Allmer, was ist Ihnen denn?« und eine nebelhafte Gestalt in Uniform mit Stabsoffiziersachselstücken tauchte vor seinen Augen auf.
Leutnant Allmer versuchte noch, militärische Haltung anzunehmen und die Hand an den Tschako zu legen. Aber der daran hängende Säbel zog den Arm wieder herab.
»Melde gehorsamst,« murmelte er, die Augen schließend, »ich bin … ver … wun …«
Dann sank er in ein paar ausbreitete Arme, und die Sinne vergingen ihm.
Während in Altstadt voll maßloser Erbitterung gekämpft wurde, war es in Neustadt still. Nur das unaufhörliche Krachen der Schüsse drang wie ferner Gefechtslärm über die Elbe herüber.
Auf der Augustusbrücke rollte Wagen auf Wagen, in denen die verwundeten Soldaten nach dem Hospital in der Neustadt gebracht wurden.
Gerade hielt wieder ein solcher verdeckter Wagen vor dem eisernen Tor des Militärkrankenhauses. Ein alter Herr, der in Begleitung einer jungen Dame mit bleichem Gesicht vorüberging, beobachtete, wie der diensthabende Arzt mit dem vom Kutscherbock herabgekletterten Lazarettgehilfen sprach und wiederholt mit den Achseln zuckte.
Da bemerkte der Stabsarzt die Vorbeigehenden und grüßte.
»Kein Platz mehr, Herr Kriegsrat,« antwortete er auf die Frage des alten Herrn. »Unsere Betten sind schon fast alle belegt. Wir dürfen nur noch hereinnehmen, wo voraussichtlich noch zu helfen ist. Hier ist ein Verwundeter, der einen Lungenschuß hat, durch und durch, – also hoffnungslos. – – Fahren Sie den Kranken in die Loge auf der Bautzner Straße,« wandte sich der Stabsarzt wieder an den Lazarettgehilfen, »dort wird eine Anzahl Betten für uns bereit gehalten.«
Auf das Gesicht der jungen Dame trat ein schmerzlicher Zug, und sie sprach ein paar leise Worte zu ihrem Begleiter.
»Herr Stabsarzt,« sagte dieser, »geben Sie uns denarmen Teufel. Er kann bei uns ebenso ungestört sterben, wie anderswo.«
Der Stabsarzt erklärte sich einverstanden.
»Fahren Sie nur geradezu,« wandte sich der alte Herr an den Kutscher. »Es sind bloß ein paar Minuten; das erste Haus in der Glacisstraße ist es.«
Der Lazarettgehilfe stieg wieder auf den Bock, und die Pferde zogen langsam an. Der alte Herr hinkte ein wenig, doch blieb er mit seiner Begleiterin dicht hinter dem Wagen.
»So, da sind wir ja schon,« sagte er, als sie die Glacisstraße erreicht hatten, und führte die junge Dame in das Haus.
»In die obere Giebelstube lassen wir ihn bringen,« sagte diese. »Dort liegt er am ruhigsten. Ich werde gleich in die Diakonissenanstalt nach einer Schwester schicken.«
Inzwischen hatte der Lazarettgehilfe mit dem Kutscher die Trage vom Wagen gehoben und brachten sie nun in die sonnenhelle Hausflur, wo sie ihre Last niederstellten.
Auf der Bahre lag mit wachsbleichem Gesicht und geschlossenen Augen ein junger Offizier vom 1. Linien-Infanterieregiment Prinz Albert. Sein Aussehen war das eines Toten. Neben ihm stand ein zerschossener Tschako. An seiner rechten Seite lag der bloße Säbel. Der Faustriemen des Portepees war um das Handgelenk geschlungen.
Die Blicke des alten Herrn richteten sich teilnahmvoll auf den Ohnmächtigen. Da zuckte der Greis in jähem Schreck zusammen und sah schnell nach seiner Enkelin. Ursula von Abendroth lehnte totenblaß an der Wand.Ihre Brust bewegte sich unter heftigen Atemstößen stürmisch auf und nieder, und ihre großen Augen ruhten starr auf der Gestalt des Verwundeten.
»Liebe Leute,« stammelte der Kriegsrat in ungeheurer Erregung, von einem Fuß auf den andern tretend, »unsere Räume reichen doch nicht – ich irrte mich – und mit der Pflege wird es auch hapern – bringt Euern Kranken doch lieber nach der Loge …«
Die beiden Träger sahen verwundert auf den bestürzten Greis und dann auf das junge, schöne Mädchen, das mit einer Ohnmacht zu kämpfen schien. Schweigend traten sie wieder zu der Bahre und gingen damit langsam rückwärts nach der Tür.
In diesem Augenblick fuhr Ursula von Abendroth steil auf.
»Halt!« rief sie in leidenschaftlichem Ton, lief mit schnellen Schritten nach der nahen Tür ihres Zimmers und riß diese weit auf:
»Hier herein bringt den Verwundeten,« klang befehlend ihre Stimme durch den Hausflur, »und legt ihn behutsam auf das Bett …!«