Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Die Winterstürme waren ins Land gebraust. Der Vorplatz des Café réale auf der Brühlschen Terrasse – wo in der schönen Jahreszeit vom frühen Morgen an durchreisende Fremde und wohlhabende einheimische Bürger an kleinen runden Tischen saßen und aus den zwiebelgemusterten Tassen von Meißner Porzellan ihren Kaffee tranken – war verödet. Die Besucher hatten sich in die geheizten Räume dieser beliebten Stätte geselliger Zusammenkunft zurückgezogen und sahen durch die angelaufenen, hohen Fensterscheiben hinaus in das Schneetreiben. Mit innigem Behagen beobachteten sie bei einer Tasse heißen Kaffees, wie der scharfe Nordost in die dicht herabschwebenden Flocken blies, daß sie durcheinanderwirbelten.

Der langgestreckte, niedrige Pontonschuppen hinter der Stallwiese drüben über der Elbe trug ein dickes Schneedach,und das alte Hospital ragte einsam über die entlaubten Bäume seines großen Gartens hinweg. Auf der Elbe war Eisgang. Langsam schwammen die beschneiten Schollen talwärts, nachdem sich die größten an den starken Pfeilern der Augustusbrücke zersplittert hatten. Sorgsam in ihre Mäntel vermummt, hasteten die Fußgänger über die Brücke, und die Kutscher der Omnibusse und Droschken trieben die Pferde zur Eile an und wehrten sich, so gut sie konnten, gegen den schneidenden Wind, der pfeifend in die großen Kragen ihrer Umhänge fuhr, daß sie hochauf flatterten. –

Auf Heinrich Mißbach hatte sich seit jenem Abend, an dem er vor seinem Vater geflüchtet war, ein schwerer Druck herabgesenkt. Der junge Mann sah jetzt mit tiefer Niedergeschlagenheit, daß der Soldatenberuf ihn niemals befriedigen konnte.

Als Heinrich das Haus seiner Wohltäter auf strenges Geheiß seines Vaters mit der Kaserne vertauschen mußte, hatte er zum erstenmal mit dem Leben gehadert. Der schmucke, grüne Rock mit dem blauen Kragen und den hellen Aufschlagpatten, die blauen, weiten Hosen und der hohe Tschako mit den hellblauen Regimentsabzeichen, die Uniform, die seine Kameraden mit Lust trugen, gewann ihm keine Freude ab. Er hatte gegen das ganze Soldatenhandwerk schon seit früher Jugend stille Abneigung besessen. Der Lärm und der Geruch der Kaserne, die Scheltworte der Unteroffiziere und die derben Späße der Mannschaften, dazu der überstrenge Vater und das seelisch wie körperlich leidende Linchen … Heinrichs Brust war wie zusammengeschnürt, wenn er diese geräuschvolle und bedrückende Umgebung mit derwohltuenden Stille des alten, verwinkelten Bürgerhauses in der kleinen Brüdergasse verglich.

Dem Verbot des Vaters entgegen, war er nach wie vor an seinen freien Abenden heimlich zu Marschalls gegangen, immer von der geheimen Furcht begleitet, der Vater möchte seinen Ungehorsam entdecken. Linchen hatte sich dem strengen Gebot freilich fügen müssen. Einmal noch war sie von daheim fortgeschlichen und wie gebrochen bei den guten Leuten erschienen, um ihnen unter bitteren Tränen das Geheiß des Vaters mitzuteilen. Madam Marschall hatte dieses Verbot schon lange im stillen befürchtet. In ihrer mütterlichen Weise redete sie auf das fassungslose Mädchen liebevoll ein und vertröstete es auf bessere Zeiten. Ihr Haus, das wisse Linchen ja, stehe immer für sie offen, und die herzliche Zuneigung aller seiner Bewohner werde ihr erhalten bleiben.

Mit diesem Trostspruch hatte Linchen die traute Stätte verlassen.

Mehr noch als an Linchen, hingen Marschalls freilich an Heinrich, der schon als zur Familie gehörig galt. Niemand konnte sich denken, wie es ohne den Jungen gehen sollte.

Als Advokat Marschall am Abend des Tages, an dem Linchen gebeichtet hatte, in die Küche trat, sah er Heinrich mit einer Unschuldsmiene, als wenn nichts vorgefallen sei, auf seinem gewohnten Platz sitzen und das Abendbrot verzehren. Da war er zu ihm hingegangen und hatte ihm schonend vorgestellt, daß er besser täte, wenn er sich dem Willen seines Vaters füge. Leicht warenihm die Worte nicht gefallen, denn Heinrich war ihm ans Herz gewachsen.

Als dieser aber die schwermütigen Augen zu ihm aufgeschlagen, in denen sich tiefe Traurigkeit und stille Angst abspiegelten, da hatten dem alten Mann die Worte gefehlt, seine Ermahnung zu wiederholen, und er war schweigend aus der Küche gegangen. Niemand von Marschalls war imstande, mit Heinrich noch einmal über das schlimme Verbot zu sprechen. Jeder bemühte sich, ihn durch vermehrte stille Freundlichkeit zu trösten.

Madam Marschall vermied es, an den Abenden, wo Heinrich einmal nicht gekommen war, nach dem leeren Platz zu sehen. Sie bangte vor der Möglichkeit, daß der Stuhl nun immer leer bleiben könnte. Valentine plauderte stundenlang mit dem Burschen und war bemüht, ihn aus seiner Traurigkeit zu reißen. Und die seit vielen Jahren in der Familie lebende Köchin, die ihrem Liebling schon immer heimlich manchen guten Bissen zugesteckt hatte, tat dies nunmehr ganz offen.

Heinrich war das Schoßkind von allen. Er fühlte es und empfand darüber unsägliche Freude. Aber er blieb traurig, und in seinen Augen stand immer der Ausdruck eines stillen Kummers. –

Kurt Allmer war während der letzten Wochen in schweren Widerstreit mit sich geraten; sein inneres Gleichgewicht war gestört. Er fühlte sich aus seiner ruhigen Bahn geworfen. War er bisher in heiterer Sorglosigkeit durchs Leben gegangen, so verfiel er jetzt oft in tiefes Grübeln. In solchen Stunden stiegen Zweifel in ihm auf, ob er recht gehandelt, daß er sich Ursula von Abendroth genähert.

Zu jener Zeit, als er Ursula kennen gelernt, war sie von zahlreichen Anbetern umschwärmt gewesen. Junge und gereiftere Herren aus den ersten Kreisen der Gesellschaft huldigten ihr, und hochgestellte Damen zeichneten sie durch ihre Gunst aus. Vereinigten sich doch auch in Ursula herzgewinnende Anmut und hohe Schönheit mit einem reich empfindenden Herzen. Kurt hatte bald eine tiefe Zuneigung zu dem Mädchen gespürt. Doch war er nicht beherzt genug gewesen, sich ihr zu nähern.

Da hatte Ursula einmal ihre großen, dunkeln Augen fester als sonst auf ihn gerichtet, und er hatte ihren langen Blick erwidert. Von Stunde an fühlte Kurt, daß innerlich eine Schranke zwischen ihnen gefallen war. Er suchte eifrig Gelegenheit, das junge Mädchen in Gesellschaften zu sehen und war darin erfinderisch, scheinbar zufällige Begegnungen mit ihr herbeizuführen. Ein beseeligendes Empfinden beschlich ihn, als er merkte, wie Ursula seinen emsigen Bemühungen nicht auswich. Die allen verborgen gebliebenen Beweise ihrer Zuneigung, die er mit stummem Jubel wahrnahm, wurden immer deutlicher, bis er die heimlich Geliebte eines Tages bei Tante Sidonie traf, wo die langersehnte Aussprache erfolgte.

Noch an demselben Abend verfiel Ursulas Mutter in eine schwere Krankheit, der sie bald erlag. Kurz vor dem Hinscheiden gestand das Mädchen der Mutter ihre Liebe. Kurt wurde gerufen, und die Sterbende segnete den Herzensbund ihrer Kinder.

Nach diesem bittern Verlust war Ursula verwaist, und der Großvater hatte sie zu sich genommen. Kurt durfte die Geliebte nur selten sehen. Sie hatte dies umder teuern Toten willen selbst so gewünscht. In den kurzen Stunden aber, in denen er bei ihr weilte, hatte er reines Glück genossen.

Da war Valentine Marschall auf seinen Lebensweg getreten.

Advokat Marschall genoß den Ruf eines Mannes, auf dessen Ehrenhaftigkeit wie auf einen Felsen gebaut werden konnte, und galt zugleich als einer der tüchtigsten Advokaten Dresdens.

Als solcher hatte er den Nachlaß der verstorbenen Frau von Abendroth geordnet. Und da der alte Kriegsrat zu dieser Zeit gerade wieder kränkelte, hatte Kurt in seinem Auftrag wiederholt mit Marschall verhandelt. Sein Verhältnis zu Ursula, um das niemand wußte, hatte er auch dem Advokaten verschwiegen. So war es gekommen, daß Herr Marschall ihn eines Tages nach einer langen Konferenz zum Abendbrot einlud. Bei dieser Gelegenheit hatte er Valentine kennen gelernt.

Valentine Marschall war eine außergewöhnliche Mädchenerscheinung. Schon ihr Gesicht verriet, daß sie einen starken Charakter besaß. Es war ernst, und seine Züge waren scharf geschnitten. Von ihrem Vater hatte Valentine ein Stück seiner Weichheit geerbt. Aber ihr Verstand überwog die Weichheit, und sie wußte ihre Gefühle meisterhaft zu beherrschen. Weibliche Anmut hatte sie nicht. Dafür verriet ihr Auftreten Sicherheit und strotzende Lebenskraft.

Schon als Kind hatte Valentine den Drang empfunden, der Unterhaltung der Männer zu lauschen, die allabendlich das gastliche Haus ihres Vaters besuchten. Besonders politischen Gesprächen, die in dieser bewegten Zeit imgebildeten Bürgertum eifrig gepflogen wurden, konnte sie in einer dunkeln Ecke des Zimmers stundenlang und ohne zu ermüden zuhören. So hatte sich ihr Verstand schon frühzeitig vertieft, und die Umgebung, in der sie herangewachsen, bot ihrem scharfen Denken viel Nahrung.

Valentinens sicheres Urteil und die Gewandtheit, mit der sie ihre Gedanken treffend und in klaren Worten ausdrückte, hatten Kurt gleich am ersten Tag gefesselt. Dabei verstand es das Mädchen trefflich, schicklich Maß zu halten. Wenn Kurt ihr zuhörte, hatte er stets das Empfinden, daß sie mehr wußte, als sie aussprach. Ihr angeborene Taktgefühl bewahrte sie glücklich davor, als unweiblich zu erscheinen.

So war es unbewußt Valentine gewesen, die in Kurt eine lebhafte Aufmerksamkeit für die verworrenen politischen Zustände in den Ländern deutscher Zunge wachgerufen.

Anfänglich hatte er versucht, seine geringen Kenntnisse von den großen Fragen dieser bewegten Zeit sorgfältig zu verbergen. Nach wiederholtem Zusammentreffen mit dem Mädchen war ihm das aber nicht mehr gelungen. Er hatte ihre Überlegenheit willig anerkannt und sie im stillen als seine Lehrmeisterin betrachtet. Ihr Wissen von der Vergangenheit des deutschen Volkes war tiefgründig, und nicht selten bewunderte er ihre Gedankenschärfe, mit der sie die starken Fäden ineinanderwob und wieder entwirrte, die sich unsichtbar durch die Weltgeschichte ziehen und hervorragende Persönlichkeiten und die Völker umschlungen halten. Diese Kenntnis verdankte Valentine ihrem Vater.

Was Wunder also, daß dieses eigenartige Mädchenden jungen Mann stark anzog. Er fühlte sich ihr auf geistigem Gebiete unterlegen und geriet allmählich unbewußt unter ihre Herrschaft. Nicht eines von all den Mädchen, die er kannte, hätte sich mit Valentine Marschall messen können. Die meisten von ihnen waren, wie er jetzt wußte, Valentine gegenüber unbedeutend.

Die in den höheren Gesellschaftskreisen jener Zeit herrschenden Anschauungen zwangen die nicht verheirateten Frauen zur Untätigkeit. Sie genossen unbesorgt um die Zukunft die Annehmlichkeiten des elterlichen Hauses, schwärmten für Zerstreuungen, himmelten den Jüngling ihrer Anbetung heimlicherweise so lange an, bis der Glorienschein dieses Idols verblich, weil ein neu heraufgezogener Stern es überstrahlte, und lasen tage- und nächtelang. Aber ihr Lesestoff war süßlich und kraftlos wie abgestandene Limonade. Dieses Tändeln und Nichtstun lähmten den Willen, verweichlichte die Mädchen und erzeugte eine Rührseligkeit, der man sich freudig hingab. Bei allen passenden Gelegenheiten wurden reichlich Tränen vergossen. Zu ernster Arbeit auf einem bestimmten Gebiete waren sie zu untüchtig. Ja, die Arbeit galt bei einem großen Teil jener unversorgten Töchter als ihrer nicht würdig.

Diese Ansicht, von dem was schicklich, war auch der Grund, weshalb man über jede Äußerung eines starken weiblichen Willens mit heimlichem Lächeln geringschätzig die Achseln zuckte. Und wenn sich ein Mädchen von kraftvollem Charakter gegen den Druck der herrschenden Verhältnisse auflehnte, weil er die weibliche Würde verletze, so bestrafte man diese Kühnheit mit gesellschaftlicher Ächtung.

Kurt verschwieg seiner Braut das Interesse, welches er für Valentine Marschall gewonnen hatte, und auch seine Besuche im Hause des Advokaten, die er in so kurzen Zeiträumen wiederholte, als es die Gepflogenheit erlaubte, verheimlichte er vor Ursula.

Inzwischen hatte sich die politische Spannung innerhalb der weißgrünen Grenzpfähle erheblich verschärft. Überall, wohin die Tageszeitungen die Kunde von den bewegten Vorgängen in den größeren sächsischen Städten trugen, horchte man auf, und jedermann war verwundert, daß offene Kundgebungen gegen die Regierung auch im Lande der allzeit gemütlichen Sachsen geschehen konnten.

Das Erschießen des feurigen Demokraten Robert Blum in Wien häufte unter der Dresdner Bevölkerung viel Zündstoff an. Ein endloser Zug von Anhängern der Opposition begab sich bei Glockengeläute, mit Musik und umflorten Fahnen vom Altmarkt durch die Schloß- und Frauengasse nach der Frauenkirche zur Totenfeier. Selbst Minister verschmähten es nicht, an dieser Kundgebung teilzunehmen.

Noch herrschte aber der Geist der Ruhe und Besonnenheit im Lande. Mit wahrhaftem Edelsinn bemühten sich weite bürgerliche Kreise um die friedliche Lösung der immer schwieriger werdenden nationalen Fragen, und Vieler Augen hingen voll Sehnsucht an hohen, aber unklaren Freiheitsidealen. Doch das Unkraut niederen Parteitreibens überwucherte schon heimlich die edlen Reiser, die der lebensfrische Baum echt nationalen Empfindens getrieben hatte.

Aus der Tiefe drängte der Egoismus von Persönlichkeiten herauf, die zwar ehedem lautere Grundsätze gehegt,die aber jetzt von dem glühenden Ehrgeiz erfüllt waren, sich um jeden Preis an die Spitze der großen Bewegung zu stellen. War diese bisher eine rein bürgerliche gewesen, so huldigten nun diese Männer dem Pöbel, dessen Anschauungen natürlich erst recht verworren waren. So kam es, daß die von hoher Begeisterung getragenen Bestrebungen an nationalem Wert erheblich einbüßten und die Straßendemokratie allmählich die Herrschaft erhielt. Die Bewegung gewann immer mehr an revolutionärem Charakter.

Die Streitigkeiten in den beiden Kammern wuchsen. Das Märzministerium trat zurück, und der Krieg mit Dänemark brach aus. Nach einer Parade auf dem »Heller« bei Dresden marschierte der größte Teil der sächsischen Truppen nach Schleswig-Holstein. Niemand ahnte, daß ihre Abwesenheit der Hauptstadt verhängnisvoll werden sollte.

Das 1. Linien-Infanterieregiment Prinz Albert war als Besatzung in Dresden zurückgeblieben. –

Kurt hatte von Tante Sidonie erfahren, daß Ursula um seinen regen Verkehr mit Marschalls wußte, und bei seinem Zusammensein mit ihr empfand er, wie sie im stillen litt. Doch berührte sie mit keinem Wort ihren heimlichen Kummer. Wenn die Geliebte ihn errötend empfing, wenn er fühlte, wie sie bei seinen Liebkosungen in bräutlicher Verschämtheit erzitterte, da vergaß er, was ihn so machtvoll in das bürgerliche Haus in der Altstadt zog. Liebevoll hielt er die schlanke Mädchengestalt umfangen und flüsterte Ursula die zärtlichsten Schmeichelnamen zu.

Wenn aber dann die Abschiedsstunde nahte, überfielKurt eine seltsame Beklemmung. Er kämpfte mit einer Verlegenheit und wagte nicht, sein baldiges Wiederkommen zu versprechen. In solchen Minuten stand Ursula still an seiner Seite, und in ihre dunkeln Augen, aus denen während der kurzen Stunden ihres Beisammenseins der Widerschein eines unaussprechlichen Glücks geleuchtet hatte, stahl sich eine stumme Klage. In bangem Trennungsschmerz schmiegte sich das Mädchen scheu an den Geliebten und sah dem Scheidenden mit umflortem Blick lange nach.

Aber Ursulas Liebe war nicht nur innig, sondern auch felsenfest. Ihr Vertrauen zu dem Geliebten hieß alle bösen Einflüsterungen schweigen. Zerknirscht empfand Kurt die Seelengröße des Mädchens. Und doch gelang es ihm nicht, sich aufzuraffen und alle Regungen aus seinem Herzen zu reißen, die wider seine reinen Empfindungen für Ursula stritten.

Das Jahr 1849 begann mit einem strengen Winter, dem ein zeitiger, milder Frühling folgte. Weiche Winde strichen durch das Elbtal. Im Großen Garten blühten auf den ausgedehnten Wiesenflächen zwischen saftiggrünen Grashalmen Veilchen und Anemonen. Die Herkulesallee hinauf und hinab bewegte sich an schönen Nachmittagen eine endlose Reihe von Lustwandelnden, die die milde Frühlingsluft und den würzigen Geruch des Erdbodens mit vollen Zügen einatmeten und sich die warme Sonne behaglich ins Gesicht scheinen ließen.

Da sah man Herren im Spenzer oder im großkarrierten Bratenrock, mit riesigen Vatermördern und unförmigen Krawatten, Spazierstöcken mit tombakenem Knauf odermit dick zusammengewickelten, baumwollenen Regenschirmen.

Kein Wunder, wenn in dieser erregten Zeit, wo die politischen Wogen immer höher schlugen, die Gesinnung auch äußerlich zum Ausdruck gebracht wurde. Ob die Zylinderhüte glatt gebügelt und spiegelblank oder glanzlos und drahthaarig waren wie das Fell einer nassen Katze, der man mit der Hand vom Schwanz bis zu den Ohren über den Rücken streicht, gleichviel, – die Angströhre galt gemeiniglich als das Zeichen konservativer Gesinnung. Anders war es dagegen mit dem großen, schlappen Filz, dem sogenannten Karbonarihut. Wer diesen trug, galt als verdächtig.

Die Damen stolzierten in hundertfach gefältelten Röcken einher, die die Krinoline derart aufbauschte, daß der krampfhaft zusammengeschnürte Oberkörper daraus hervorstieg wie ein Lilienstengel aus der Tonne. Der Busen war durch raffinierte Hilfsmittel bis zum Kinn in die Höhe gezwängt, und der Saum des Rockes betrug fünfzehn Ellen. Andere Kleider besaßen zwanzig oder mehr Volants, die von den Hüften aus dachziegelartig überhingen und kunstvoll geglöckelt, ausgezackt oder plissiert waren. Ein solches Kleid erweckte den Anschein, als ob eine Anzahl von Tüten ineinander gesteckt sei. Unter dem käfigartigen Gehäuse der Krinoline, deren weiter Umfang das Führen mancher Dame schlechthin unmöglich machte, wurde reichlich ein Dutzend Unterkleider getragen.

Das Haar war in der Mitte glatt gescheitelt, und die Zöpfe bedeckten Ohren und Nacken. Die Hüte hatten schmale Krempen. Am meisten wurden aber koketteHauben mit dicken Rüschen getragen, deren bunte Bänder unter dem Kinn zu einer Schleife geknüpft waren. Dieser Kopfschmuck war bei kluger Wahl vortrefflich geeignet, den störenden Anblick manches häßlichen Antlitzes um ein Erhebliches zu mildern. Das starke Geschlecht sieht über solche unschuldige Mittelchen der Frauenlist großmütig hinweg. Kleinliche Männer gibt es nun einmal nicht … Besitzen doch nicht selten gerade die mißlungenen Bilder kostbare Rahmen.

Bei den Männern diente auch die Tragart des Bartes als Unterscheidungsmerkmal der politischen Gesinnung. Ein Schnurrbart galt noch als verläßlich; zierlich gestutzt, erhöhte er die Aufmerksamkeit, die man seinem Besitzer schenkte. Denn diese Form ließ auf Geist und Lebensart schließen. Wer aber gar glatt rasiert und mit langen, schmalen Koteletten erschien, gehörte sicherlich zu den geistig Auserlesenen und konnte einer erheblich über das Tagesmaß hinabgehenden Beachtung sicher sein.

Bedenklicher stand es mit den Männern in Vollbärten! Das ausrasierte Kinn, anfänglich Merkmal alter, verabschiedeter Offiziere, entschuldigte zur Not noch. Aber der Vollbart schlechthin galt als unsäglicher Verächter aller bestehenden Staatseinrichtungen. Vollbart – Demokratenbart. Puh!

Auch sehr hundefreundlich war diese Zeit. Wer einen solchen Hausgenossen besaß, hegte ihn wie ein Kind. Natürlich führten die Spaziergänger auf der Herkulesallee ihre vierbeinigen Freunde bei sich.

Der langsam dahinwandelnde, alles Begegnende mit Blicken unsäglicher Verachtung streifende Bernhardiner verriet die hervorragende gesellschaftliche Stellung seinesBesitzers. Ebenso hohes Ansehen verschafften hochbeinige, gelbe Windspiele. Spitze bezeugten Königstreue. Der friedliche Bürger hielt es mit dem Affenpinscher. Alte Fräuleins bevorzugten weiße Pudel mit langem Behang oder Malteserhündchen. Wer eine Dogge führte, mußte ein forscher Kerl sein; Besitzer von Bullenbeißern gehörten aber sicherlich der Opposition an. Und aus der Hefe des Volks kam zweifellos jeder, wer einen Hund um sich hatte, der augenscheinlich von mehr als einem Vater stammte, – Promenadenmischung!


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