Vierzehntes Kapitel
Nachdem Valentine das elterliche Haus verlassen hatte, war sie nach dem Zeughausklinikum gegangen, um Professor Richter ihre Dienste anzutragen. Dort traf sie ihn auch. Als Valentine bat, sie als Pflegerin zu behalten, lobte der Professor ihren Opfersinn und wies sie an, ihn sogleich durch die Krankensäle zu begleiten, da gerade die Verbände der Verwundeten gewechselt würden.
Wie Valentine die schweren Verletzungen sah, schien es ihr freilich, daß sie ihre Kraft überschätzt habe. Aber sie war zu stolz, Schwäche zu zeigen, und gewöhnte sich allmählich an den Anblick. Aufmerksam achtete sie auf die Handreichungen der andern Pflegerinnen und bemühte sich, es ihnen nachzutun. Ihr starker Wille und ihre natürliche Geschicklichkeit für praktische Verrichtungen halfen ihr bald über die ersten Schwierigkeiten hinweg.
Professor Richter rief Valentine an seine Seite und zeigte ihr, wie Blutungen zu stillen und Wunden zu reinigen und zu verbinden seien. Mit vielem Bedacht ging Valentine ihm zur Hand und empfand heimliche Befriedigung, als ihre Versuche, es selbst zu tun, glückten und als der Arzt seine Zufriedenheit aussprach. Da verlor sich die anfängliche Zaghaftigkeit, und ihre Handgriffewurden sicherer. So half sie während des ganzen Nachmittags.
Am Abend brachte Professor Richter das Mädchen nach dem Hotel Stadt Rom, wo sie fortan selbständig Hilfe leisten sollte. Gerade an dieser Stelle wurden viele Kämpfer verwundet, da das Haus vom Johanneum und von der Frauenkirche her andauernd mit starkem Feuer überschüttet wurde.
In dem Hotel fand Valentine denn auch eine erhebliche Anzahl Verletzter vor, die der ersten Hilfeleistung harrten. Mit unendlicher Geduld ging sie an die ernste Arbeit und wurde nicht müde, den Schwerverwundeten Trost zuzusprechen und die Verletzungen nach den Weisungen des Professors zu behandeln.
Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, als das Feuer schwieg. Da erst konnte Valentine auch an sich denken.
Zwar empfand sie große Müdigkeit. Aber ein köstliches Frohgefühl bewegte ihre Brust und ließ sie die Abspannung vergessen. Das Bewußtsein, die Leiden der Unglücklichen zu mildern, machte ihr Herz höher schlagen. Manche bleiche Lippe hatte der jungen Samariterin bebend Dank gestammelt und manches tränenerfüllte Auge ihren Trostspruch stumm gelohnt, wenn der fliegende Atem den Schwerverwundeten der Sprache beraubte.
Valentine fühlte jetzt deutlich, welche Wandlung sich in ihrem Innern vollzogen hatte.
Noch vor wenigen Tagen, als die Bewegung immer drohender wurde bis der Aufstand ausbrach, hatte sie bedauert, ein Weib zu sein, das nicht in die Reihen der Kämpfenden treten konnte. Als aber das Gefechtbegonnen und sie von den ersten Verwundeten gehört, als Professor Richter erzählt hatte, wie schnell die Zahl der Opfer des Kampfes wachse, und als sie sich endlich bewußt geworden war, wie furchtbar schwer die Verantwortung auf den Leitern der blutigen Erhebung ruhte, da hatte sich alle Härte und Schroffheit gleichsam über Nacht aus ihrem Herzen gestohlen! Und zu dem allen wußte sie sich mitschuldig. Hatte sie doch nicht nur insgeheim, sondern auch mit vorschnellem Wort den Eintritt der Katastrophe herbeigewünscht. Jetzt aber, wo die Entsetzlichkeit des Krieges ihr vor Augen stand, erhob sich laut die Stimme ihres Herzens. Und sie mußte helfen, lindern und Barmherzigkeit üben, bis ihr die Kraft versagte!
Nachdem mit Einbruch der Dunkelheit das Gewehrfeuer endlich geschwiegen, war in Stadt Rom sehr bald tiefe Ruhe eingetreten. Von den ersten Morgenstunden bis in die sinkende Nacht hinein hatten die Männer im Feuer gestanden. Jetzt machte sich die hohe Abspannung geltend. Nur einige verlangten nach Nahrung. Die meisten waren zum Umsinken müde und legten sich nieder, wo sie gerade standen. In allen Zimmern waren die Fußböden mit Schläfern bedeckt.
Die Hotelbetten waren schon beim Ausbruch des Kampfes in zwei nach dem Hofe zu gelegenen Stuben gebracht worden. Hier lagen die Verwundeten, zu deren Pflege eine Magd des Hotels Valentine beistand.
Als das Feuer eingestellt war, meldeten sich noch ein paar Leichtverletzte, die im Eifer des Kampfes ihre Wunden nicht beachtet hatten. Bestürzt sah sich Valentine um. Sie hätte auch ihnen gern Lagerstätten angewiesen,aber alle vorhandenen Betten waren bereits belegt. Und sie bangte für den nächsten Tag, der ihr wieder neue Verwundete bringen würde.
Da erfuhr sie von der Magd, daß in den Zimmern nebenan ein vornehmer Gast wohne. Der Besitzer des Hotels habe ihm wiederholt eindringlich vorgestellt, wie sein Leben aufs höchste bedroht sei. Aber der Fremde hätte sich geweigert, das gefährdete Haus zu verlassen. Vielleicht würde er auf das anstoßende Zimmer, in dem sich noch zwei Betten befänden, zugunsten der Kranken verzichten.
Schnell entschlossen ließ sich Valentine nach dem Zimmer dieses Gastes führen. Auf ihr Klopfen trat ein weißhaariger Diener in Livree, mit Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen heraus, die Tür hinter sich schließend.
Valentine brachte ihre Bitte vor. Der Glattrasierte, seiner Sprache nach ein Österreicher, versicherte, daß auf das Zimmer nicht verzichtet werden könne. Die Schilderung des Mangels an Raum und Betten für die Verwundeten beantwortete er mit bedauerndem Achselzucken. Da verlangte das Mädchen mit bestimmten Worten, daß er sie zu seinem Herrn führe. Eine kurze Weile blieb der Befrackte unschlüssig, dann öffnete er geräuschlos die Tür und verschwand hinter ihr.
Während Valentine voll Unruhe wartete, mußte sie an den seltsamen Gast denken, der es verschmähte, ein sicheres Quartier aufzusuchen. Da erschien der Diener von neuem und bat sie, einzutreten.
In dem großen Raum brannte eine einzige Kerze, die nur die nächste Umgebung notdürftig erhellte. AmTisch saß ein Herr im Alter von etwa fünfzig Jahren und von vornehmem Aussehen. Beim Eintreten Valentinens wandte er sich im Stuhl nach der Tür und nahm einen grünen Augenschirm von der Stirn.
Valentine schritt unbefangen zu dem Sitzenden hin, der sie während ihres Näherkommens aufmerksam betrachtete. Plötzlich stand er auf, machte dem Mädchen eine Verbeugung und lud sie mit einer stummen Handbewegung zum Sitzen ein.
Der Fremde hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht von ernstem Ausdruck. Sein Schnurrbart und das Haar an den Schläfen waren grau. Er schien das Bedürfnis zu haben, seine Augen zu schonen. Denn während er Valentine fragend ansah, legte er die Hand an die Stirn, um selbst das dämmrige Kerzenlicht noch zu dämpfen.
»Ich pflege hier im Hause die Verwundeten,« begann Valentine ohne Umschweife. »Und da es mir morgen an Raum fehlen wird, die Verletzten unterzubringen, so bitte ich Sie, mein Herr, mir ein Zimmer von den Ihrigen abzutreten.«
»Sehr gern,« antwortete der Fremde ohne zu zögern. »Kann ich Ihnen sonst noch helfen? Brauchen Sie Betten? In meinen Zimmern befinden sich noch einige, die ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
Valentine hatte dieses bereitwillige Entgegenkommen nicht erwartet. Auf ihrem Gesicht prägte sich freudige Überraschung aus. Der Fremde schien es zu bemerken. Gleichsam, als ob er sie verhindern wolle, ihrem Empfinden Ausdruck zu geben, fragte er rasch:
»Möchten Sie sich das Zimmer einmal ansehen?«
»Wenn Sie es erlauben …«
Der Fremde stand auf und winkte dem in respektvoller Entfernung unbeweglich stehenden Kammerdiener.
»Die Kerze, Pepi.«
Gleichzeitig setzte er sich den Augenschirm wieder auf die Stirn. Der Diener leuchtete voran, und sie betraten das Zimmer. Es war ein großer, nüchterner Raum, in dem außer dem notwendigen Gerät zwei Betten und ein breiter Divan standen.
»Hier kann ich zehn Verwundete unterbringen,« sagte Valentine, sich erfreut umsehend.
»Wieviel leere Betten stehen noch in unsern Zimmern?« fragte der Fremde den Diener.
Der Weißhaarige sann einen Augenblick nach.
»Ihrer fünf oder sechs,« antwortete er.
Sich wieder an Valentine wendend, sagte der Fremde:
»Vielleicht lassen Sie die Betten morgen vormittag durch Ihre Leute hierher bringen.«
»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, mein Herr,« antwortete Valentine.
Der Fremde überhörte diese Worte.
»Erhalten Ihre Verwundeten ausreichend Essen?« fragte er.
»Die Küche des Hotels liefert es ihnen. Was ich heute abend sah, war gut.«
»Haben Sie Wein?«
Valentine verneinte.
»Ich werde mit dem Wirt sprechen.«
»Sie sind sehr gütig,« sagte Valentine in freudiger Bewegung.
Damit verließen sie wieder das Zimmer. Währendder Fremde Valentine bis zur Tür begleitete, sprach er in seiner angenehmen, ruhigen Art:
»Wenn es Ihren Schützlingen noch an etwas Unentbehrlichem fehlt, sagen Sie mir's bitte. Vielleicht kann ich helfen.«
Valentine dankte noch einmal und verließ sodann das Zimmer.
Als sie wieder zu ihren Kranken kam, fand sie einen Arzt vor, der nach den Verwundeten sah. Er lobte die verständig angelegten Verbände und gab dem Mädchen Verordnungen für die Schwerverwundeten. Dann entfernte er sich eilig, da er noch an andern Orten nachsehen müsse. Am nächsten Vormittag, versprach er, wiederzukommen.
Nachdem er gegangen und Valentine noch die Wünsche einiger Kranken erfüllt hatte, setzte sie sich mit dem jungen Mädchen zusammen an den kleinen Tisch, der zwischen den beiden Fenstern stand.
Valentine fühlte sich erschöpft. Aber ihre Befriedigung war größer als die Abspannung. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und ihre Gedanken eilten zu dem alten Haus in der kleinen Brüdergasse – – –
Das Krankenzimmer wurde durch zwei Kerzen beleuchtet. Ein starker Geruch von Arznei und Verbandmitteln herrschte darin. Die meisten Kranken schliefen. Einige warfen sich unruhig in den Betten hin und her und stöhnten laut. Wenn einer etwas verlangte, huschte die Magd mit unhörbaren Schritten zu ihm hin.
Auch an den Fremden mußte Valentine denken. Sein ruhiges und bestimmte Wesen hatte ihr Vertrauen eingeflößt. Vor allem pries sie aber seine Bereitwilligkeit,mit der er sogleich auf ihren Wunsch eingegangen war. Er stammte sicherlich aus höheren Kreisen und verurteilte den Aufstand. Aber für ihre Verwundeten besaß er doch ein warmes Herz. Das hatte sie aus dem Ton seiner Stimme herausgehört.
Was aber Valentinens weiblichem Empfinden besonders wohlgetan hatte, war die ritterliche Art, mit der er ihr begegnet war.
Da klopfte es leise an die Tür, und das junge Mädchen ging, um nachzusehen. Valentine hörte draußen eine Männerstimme gedämpft sprechen, worauf die Magd ihr winkte. Als Valentine auf den Korridor trat, stand der weißhaarige Kammerdiener vor ihr.
»Fräulein, mein Herr würde sich freuen, wenn Sie mit ihm zur Nacht speisen wollten.«
Diese unvermutete Einladung überraschte Valentine. Als sie gegen Abend den Kranken das Essen gereicht, hatte sie im Eifer nicht daran gedacht, selbst etwas zu genießen. Jetzt verspürte sie Hunger. Sie zauderte einen Augenblick, dann sagte sie zu. Rasch gab sie dem jungen Mädchen noch ein paar Weisungen und schritt alsdann dem Diener hinterdrein.
Der Weißkopf öffnete die Tür weit und ließ Valentine eintreten. In der Mitte des Zimmers brannte jetzt eine Hängelampe, die mattes Licht verbreitete. Der Fremde kam Valentine entgegengeschritten.
»Junge Menschen, die Gutes tun,« sagte er, »unterlassen gern, an sich selbst zu denken. Ich vermutete dies auch bei Ihnen. Deshalb bat ich Sie, mir beim Nachtmahl Gesellschaft zu leisten.«
Valentine war ein wenig verwirrt. Aber die natürliche Freundlichkeit des fremden Herrn half ihr, die Verlegenheit bald zu überwinden.
»Sie haben nicht unrecht,« antwortete sie mit schwachem Lächeln. »Die Verrichtung meiner gegenwärtigen Pflichten ist mir noch zu ungewohnt, daß ich an alles dächte.«
»Der Mensch darf nie auf sich selbst vergessen,« scherzte er. »Sie können Ihren Kranken nur dann gute Dienste leisten, wenn Sie mit Ihrer Kraft richtig haushalten.«
Während der letzten Worte bot der Fremde Valentine den Arm und führte sie zum Tisch. Hier setzte er sich ihr so gegenüber, daß die Lampe in seinem Rücken war.
Während des Essens blieb die Unterhaltung einsilbig. Der Fremde bemerkte des Mädchens Erschöpfung und vermied es, sie zu Antworten anzuregen. Er erzählte, daß er aus Wien hierhergekommen sei, um eine Dresdner Berühmtheit wegen seines Augenleidens zu befragen. Der Arzt habe ihm eine sofortige Operation dringend angeraten, zu der er sich auch entschlossen. Der Eingriff sei geglückt. Heute habe ihm der Arzt gesagt, daß er andernfalls hätte erblinden müssen.
Valentine hörte voll Teilnahme zu und beglückwünschte den Fremden zu dem Erfolg und lobte seinen raschen Entschluß.
»Vorsicht ist eine gute Eigenschaft,« sagte der Fremde, »aber beherzt sein, ist viel besser, – oft alles! Sie haben sicherlich auch nicht lange geschwankt, bevor Sie sich zu Ihrem gegenwärtigen Beruf entschlossen.«
Valentine errötete.
»Nein, ich hatte keine Zeit, mich lange zu besinnen,«entgegnete sie. »Wer erst einmal zaudert, kommt meist zu spät zur Ausführung.«
Der Fremde pflichtete diesen Worten lebhaft bei.
Hierauf stockte die Unterhaltung von neuem. Zerstreut hörte Valentine auf die ruhigen Worte des Fremden. Ihre Gedanken waren anderswo. Sie schweiften wieder zu den Eltern, zu ihren Kranken und zu den Todesmatten in den Vorderzimmern des Hotels, die jetzt in bleiernem Schlafe von den furchtbaren Anstrengungen der letzten Tage ausruhten und die Schrecken des Kampfes auf ein paar Stunden vergessen hatten.
Da hob der Fremde seinen geschliffenen Kelch, gefüllt mit rotem Burgunder.
»Auf daß meine Tischgenossin am heutigen Abend Befriedigung an ihrem schweren Beruf finden möge – und daß die Ereignisse ihre Hilfe bald wieder entbehrlich machen möchten.«
Valentinens Gesicht war während der letzten Worte bleich geworden. Ihre harten Züge erschienen wie gemeißelt. Sie neigte die Stirn und warf dem Fremden einen Blick voll Dankbarkeit zu.
Dann ergriff auch sie ihr Glas und sprach:
»Dem Wohltäter meiner Schutzbefohlenen!«
Dabei zitterte ihre Hand so stark, daß der Wein über den Rand des Glases hinaustrat und ein paar Tropfen wie leuchtende Rubinen auf das Tischtuch herabfielen.
Jetzt räumte der Kammerdiener das Geschirr ab, und der Fremde lud Valentine ein, sich mit ihm an den Kamin zu setzen, in dessen hoher Wölbung die Buchenscheite flammten und knisterten. Dann brannte er sich eine dunkle Virginiazigarre an, die ihm der Weißkopfgereicht, schlug die Knie übereinander und lehnte sich in den bequemen Stuhl zurück.
»Über den deutschen Ländern schwebt gegenwärtig ein Verhängnis,« begann er, den Rauch in einem wagerechten Strahl von sich blasend. »Die Luft ist mit dem Geruch frischen Bluts angefüllt und die heiligen Altäre des Volks sind verbrannt oder in Trümmer zerschlagen. Wie lange diese Verwirrung anhalten mag, ist heute noch nicht abzusehen. Wenn die entflammten Gemüter erst wieder ruhig geworden sind, wird sich ein Alp auf vieler Brust legen.«
Hier schwieg der Fremde eine Weile. Endlich sprach er weiter:
»Neben vielem materiellen Gut sind auch hohe sittliche Werte zerstört worden. Man wird diesen Schaden noch mit Bangigkeit abschätzen und erkennen, daß es eiserner Beharrlichkeit bedarf, wieder aufzurichten, was man mit einem Handstreich stürzte. Aber die Zeit der schmerzlichen Betrachtung ist noch nicht da; noch spotten ja die Gewalten jeder Fessel. Wo aber nichts anderes geschieht, als den aufbäumenden Volkswillen niederwerfen und festschnüren, entsteht bloß neue Verbitterung. Der Unterliegende beugt widerwillig den trotzigen Nacken. Die Tore des Herzens öffnen sich aber nur dem großmütigen Sieger!«
Der Fremde machte von neuem eine Pause und hüllte sich in eine Rauchwolke. Valentinens Augen hingen an seinem Mund. Jetzt fuhr er wie im Selbstgespräch fort:
»Es ist nicht das erstemal, daß ich mich in dem Hexenkessel der Empörung befinde. Noch sind nur wenige Monate verflossen, als ich in Wien Augenzeuge derSchrecken des Volksaufruhrs gewesen bin, – freilich nicht als friedlich Außenstehender wie heute. Zu der unmittelbaren Umgebung des Grafen Latour gehörend, beobachtete ich, wie die Männer des Zentralausschusses und die knabenhaften Doktrinäre der akademischen Legion um die Konstitution feilschten, sah den bestialisch zugerichteten Leichnam dieses unerschrockenen Mannes an einen Laternenpfahl aufknüpfen und kämpfte in der Leopoldstadt mit den Truppen Windischgrätz. Die Erstürmung jeden Hauses glich einer Schlacht. Die mit bewunderungswürdigem Heldentum kämpfenden Verteidiger wurden von den aufs äußerste erbitterten Soldaten blind niedergemacht. Es war ein Gemetzel ohnegleichen!«
Der Fremde brach kurz ab. Valentine bemerkte den tiefen Eindruck, den die lebhafte Erinnerung auf den Erzähler machte. In seinem ernsten Gesicht zuckte es verstohlen, und die vom Feuer abgewendeten Augen waren halb geschlossen.
»Und was war die Ursache dieser Menschenschlächterei?« hob er mit halblauter Stimme wieder an, – »das Volk verlangte Freiheiten und verbriefte Rechte darauf. Jeder unparteiisch Urteilende mußte eine Änderung der Verhältnisse gutheißen. Nur Starrköpfe waren es, die jede Konzession ablehnten.
Aber das Volk verscherzte sich selbst die Zuneigung der Billigdenkenden unter den Vertretern der staatlichen Autorität! Waren anfangs seine Forderungen gerecht, so wuchsen sie bald ins Maßlose. Jedes Zugeständnis stachelte die Begehrlichkeit an, und selbst die Besonnenen verstiegen sich zu unerfüllbarem Verlangen. Nachgiebigkeitwurde als Schuldbewußtsein betrachtet, Wohlwollen als Schwäche. – Sie hätten fürs erste das Wenige nehmen sollen, das man ihnen bot.«
Der Fremde machte eine unwillige Handbewegung.
»Und nun wiederholte sich das alte Schauspiel, das aber, solange es Menschen gibt, immer wieder von neuem seine Auferstehung feiern wird: während die ehrenhaften Elemente noch schwankten, kamen die Dilettanten des Lebens, die Stümper, und vergifteten das letzte, was noch gesund geblieben war. Der massive Unverstand drängte die ehrlichen, wenn auch in traumhafte Wünsche verlorenen Führer beiseite. Der Pöbel gewann die Oberhand. Und damit ist noch immer der Kampf der Geister erdrosselt worden. Das schonungslose Ringen der blindwütigen Gewalten trat an seine Stelle. – So war es in Wien, und so ist es jetzt hier!«
Da richtete sich Valentine aus ihrer zusammengesunkenen Haltung auf. Eine helle Röte färbte ihre bleichen Wangen, und ihre Augen leuchteten in seltsamem Glanz. Und während sie sprach, fielen von den Wimpern Tränen in ihren Schoß.
»Um wieviel besser,« begann sie mit unsäglicher Bitterkeit, »waren an der Donau die Fordernden daran, wenn man ihnenwenigbot. Hier bot man ihnen nichts! Nur Tröstungen auf später! Seit dreißig Jahren erfüllt aller Herzen das unstillbare Sehnen nach einem geeinten deutschen Vaterland. Der Schmerz über die Zerrissenheit der deutschen Stämme bereitet selbst dem einfachen Mann tiefes Weh, und Schamröte färbt sein Gesicht, wenn er vernimmt, wie andere Völker mit unserer Uneinigkeit Spott treiben. Die hundertmal wiederholten Bitten desVolks fanden keine Erhörung! Auf wessen Seite liegt nun die Schuld, wenn nach allem fruchtlosen Mühen der Bürger zur Waffe greift und sein Zorn sich gegen die richtet, die aus Bangnis um ihre Vorherrschaft im Staat sich einem Wandel widersetzen? Den innern Frieden des Volks zu wahren und zu fördern, ist die heilige Pflicht der Obrigkeit. Warum verschließen die Regierenden den maßvollen Wünschen ihr Ohr? Warum weigern sich die Könige, die Reichsverfassung anzuerkennen? Die Männer, die in der Paulskirche in Frankfurt das schwere Werk schufen, sind die Besten des deutschen Volks, und ihre Beweggründe sind rein und selbstlos!«
Valentine hatte mit edler Wärme gesprochen. Ihre Stimme besaß einen metallischen Klang, und das Beben der Lippen verriet ihre tiefe Bewegung. Jetzt lehnte sie sich zurück und sah regungslos und mit weitgeöffneten Augen in die Flammen.
Der Fremde betrachtete das Mädchen verstohlen. Endlich erwiderte er:
»Die Entwicklung der inneren politischen Zustände des deutschen Volks seit den Freiheitskriegen hat die Hoffnungen nicht erfüllt, mit denen man nach Beendigung jener großen Tage dem Morgenrot einer neuen Zeit entgegenjubelte. Große Umwälzungen in der Geschichte der Deutschen haben sich immer langsam vollzogen. Unser Volkstum gleicht einem knorrigen Eichbaum, der nur widerstrebend das hergibt, was er besitzt. Und um seine Krone stattlich zu entfalten, bedarf es langer Jahre, währenddessen schwere Stürme über ihn hinbrausen und bis ins Innerste erschüttern. Aber sein Stamm ist fest und sein Mark gesund. Die Ungunst deräußeren Gewalten kann sein Wachstum wohl für eine Zeit hemmen, sie vermögen aber nicht, den Baum zu entwurzeln.«
Hier wich der Fremde von dieser Betrachtung ab und fuhr unvermittelt fort:
»Bei aller Anerkennung der Ideale, um derentwillen die Waffen jetzt erhoben worden sind, gilt dieser Kampf doch nur einer von vornherein aussichtslosen Sache. Denn es ist Wahnwitz, wenn die Sachsen ihren König zwingen wollen, die Reichsverfassung anzuerkennen, solange Preußen damit zögert. Überhaupt dieses Wort: Reichsverfassung! Es ist zum Schlagwort der Masse geworden, zum Zuckerbrot, mit dem die Führer sie gelockt, und zur Geißel, mit der man sie ausgepeitscht hat. Die bürgerlichen Kräfte reichten zu einer machtvollen Erhebung nicht aus, deshalb kam die Hilfe der Menge gelegen. Zu derselben Stunde aber, in der der große Haufe aufstand, verloren die Verständigen die Führung, und die schrankenlose Willkür entriß ihnen die Zügel. Es war nicht mehr die Sache der Gasse, sondern der Gosse. Jetzt denkt man gar nicht mehr an jene maßvollen Forderungen. Ein verheerender Sturm ist losgebrochen! Der Pöbel herrscht, und der Kampf gilt dem Umsturz!«
Valentine schwieg und blickte wie geistlos in das Feuer. Sie atmete schwer. Die züngelnden Flammen erschienen ihr wie verzerrte Fratzen, die sie mit höhnischem Lächeln ansahen und ihre blutigroten Arme nach ihr ausstreckten.
Da trat der Fremde an ihre Seite und legte ihr teilnehmend die Hand auf die Schulter.
»Mein liebes Fräulein,« sagte er in väterlichem Tone,»Sie sind ein Kind des Landes, und seine Not geht Ihnen zu Herzen. Aber Sie sollen Tröstung in Ihrem Wirken finden, das ihnen Gelegenheit gibt, die Wunden zu heilen, die dieser ruchlose Aufstand geschlagen. Wohltun und Barmherzigkeit üben, sind die edelsten Vorrechte des Weibes. Das tiefe Leid, das Ihre Seele erfüllt, wird durch das erhebende Bewußtsein gemildert werden, nichts gemein zu haben mit denen, die so lange geschürt, bis das Elend und der Jammer hereinbrachen.«
Das blasse Gesicht Valentinens wurde bei diesen Worten marmorweiß, und ihre Augen schlossen sich. Eine Weile verharrte sie unbeweglich, während der Fremde mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab ging. Dann erhob sie sich mit Anstrengung, murmelte ein paar Dankesworte für die genossene Gastfreundschaft und verließ das Zimmer.