Das Gespenst
Beim Walzenbauer geisterte es; die Knechte und Mägde des Hofes flüsterten es sich untereinander zu und erzählten es, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, bald da bald dort einem Knecht oder einer Dirn vom Nachbarhof. Der Bauer und die Bäuerin wußten es auch, das hatten die „Völker“ schon gemerkt; aber es war nicht gut Kirschenessen mit dem Walzenbauer, und so hüteten sich die Leute wohl, laut darüber zu sprechen. Und gar so fromm war der Bauer und die Bäuerin, und der Pfarrer kam jedes Jahr in der Dreikönigswoche und segnete Haus und Stall und Hof und zeichnete die drei BuchstabenC†M†B† über Haus- und Stalltür. Und im Herrgottswinkel steckten hinter dem Kruzifix die geweihten Palmbuschen vom Palmsonntag, und in der Schlafstube stand riesengroß die Statue vom heiligen Joseph, dem Namenspatron des Walzenbauern. Und doch — gerade in der Schlafstube hatte das Gespenst zuerst sichgezeigt, wie die Mägde sich zu erzählen wußten, und von der Schlafstube aus kam’s immer, wenn sich’s bald da bald dort im Haus verzeigte. Der Bauer war sichtlich gedrückt von dieser Gespenstergeschichte; sein Hof war immer ein Musterhof gewesen, und wie’s seine Großeltern auf dem Hof gehalten hatten, so ward’s jetzt gehalten, und seine Großeltern und seine Eltern waren brave, fromme Leute gewesen und hatten sich nichts zuschulden kommen lassen in ihrem Leben; die brauchten nicht als friedlose Seel’ jetzt in ihrem Hof herumzugeistern, und wenn’s eine fremde Seel’ war, die hatt’ erst recht nichts auf dem ehrbaren Hof zu suchen. Und der liebe Gott meinte es nach des Bauern geheimster Herzensmeinung überhaupt nicht gut mit ihm, der doch rechtschaffen lebte und niemand ein Unrecht tat.
Seine Frau hatte ihm statt des Stammhalters, der mal den schönen Besitz hätte übernehmen können, eine einzige Tochter geboren.
Wie oft hatte er’s dem Pfarrer vorgeklagt: „No ja, klage kunt i nit, recht wär sie, die Resi, schaffig un immer lustig un zum Anschauen wär sie au nit übel, i wüßt im Dorf kei schöneres un kei braveres Maidle z’nenne, wenn i einihätt’ nennen sollen, als ’s Resi, des müssener selber sage, Herr Pfarrer, daß dös so isch. Aber a Stammhalter isch’s halt doch nit, un des war nit recht vom liebe Gott, Gott verzeih mer d’ Sünd. Un gar jetzt, wo des Resi en riche Buresohn hirate sollt, jetzt hat sie sich der Waltertoni in de Kopf g’setzt, der Großknecht, he jo, alles was recht isch, schaffig isch er un a brave Bua. Aber gleich g’hört zu gleich, Herr Pfarrer, un der Waltertoni isch a Häuslerbua, un des paßt mer nit für’s Walzebauereresi.“ Oft schon hatte der Pfarrer gut zugeredet, der hätte dem Resi und dem Toni gern geholfen, aber der Bauer blieb hartnäckig bei seinem „Gleich g’hört zu gleich“. — Und als die Resi immer hartnäckiger auf ihrem Willen bestand, da hatte der Walzenbauer zwar nicht den Großknecht fortgeschickt, der war nicht so bald zu ersetzen, denn er schaffte für drei jetzt in der Erntezeit; aber ’s Resi hatte er hergenommen und es mit allen Strafen des Himmels und der Erde bedroht, wenn er sie noch einmal ein Wort mit dem Toni sprechen sehen würde.
Und ’s Resi durfte nimmer mit der Großmagd zusammen schlafen in den Mädlekammern, daskleine Kämmerle hinter der ehelichen Schlafstube wurde der Resi eingeräumt, mit dem einzigen Ausgang durch die Schlafstube der Eltern, und das Fenster nagelte der Bauer eigenhändig zu, nicht das kleinste Schieberchen ließ er offen. Ein paar Tag lang lief ’s Resi mit verschwollenen Augen herum, aber dann warf’s wieder den Kopf in die Höh wie in guten Tagen und sang im Haus herum, so lustig wie immer. Und gerad da, wie im Hof scheinbar aller Unfriede wieder aufgehört hatte und der Bauer stillvergnügt sich die Hände rieb und zu seiner Frau sagte: „Siehsch Annelies, mer muß dem Maidle nur zurede, no läßt’s die Narreposse scho si“, gerade in den Tagen fing die Gespenstergeschichte an. Und die Bäuerin hatte bald Grund über ihr Resi den Kopf zu schütteln, ihr schien immer mehr, als wär’s mit der Heiterkeit der Resi nit gar weit her. Als der Bauer wieder einmal sein diplomatisches Talent gar sehr rühmte, meinte sie: „I weiß it, au gar so schreckhaft isch des Maidli, heut hän i mit em de Rosekranz bettet un beim letzschte G’setzli han i noch a Bittgebet ag’hängt, daß uns au der heilig Joseph behüte un bewahre soll vor dem G’schpensterwese, do hatt’s z’hüle ag’fange,so daß es gar nit hät mit bette könne, grad der Bock hät’s g’stoße. Mir g’fallt ’s Maidle nit,“ schloß die Bäuerin bedächtig. Aber der Bauer wollte nichts davon wissen; „warum soll’s nit hüle,“ meinte er brummig, „’s isch au grad a Schand für unsere Hof, ’s hät ganz recht, des Maidle, wenn’s braiget, un bigoscht, i hann’s au satt, un wenn der heilig Joseph uns nit besser b’schütze ka, Gott verzeih mer d’Sünd, no kann er mer g’schtohle werre,“ setzte er in vollem Zorn hinzu. Die Bäuerin bekreuzigte sich voller Entsetzen. „Jesus, Maria und Joseph, Gott verzeih der d’Sünd. Dei heiliger Namenspatron! Bauer, so b’sinn di doch au!“
Aber der Bauer blieb verstockt und sein Entschluß, im Zorn gefaßt, sollte nun durchgeführt werden, die Geisterei duldete er nicht mehr auf seinem ehrbaren Hof. Am nächsten Samstag war Sichelhenke, dann war Zeit, er würde den Pfarrer bitten, am darauffolgenden Montag das Haus auszuweihen und dem Spuk durch den Segen der Kirche ein Ende zu machen. Und Samstag in aller Früh fuhr er in seinem Bennewägele nach der nahen Stadt, und das riesengroße Paket, das er auf dem Sitz neben sich mit zurückbrachte,das ließ er, ohne auf die Neugier seiner Frau zu achten, unausgepackt ins Schlafzimmer tragen. Der Pfarrer mochte dem angesehenen Bauern seine Bitte, das Haus neu auszuweihen und den Geisterspuk zu vertreiben, nicht abschlagen. Am Sonntag früh ging der Bauer und seine Frau zur Beicht und Kommunion. Einen Strich durch seine Rechnung machte das Resi dem Bauern, die konnte vor argen Halsschmerzen nicht mit zur Kirche, sie war so heiser, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Aber der liebe Gott würde schon mit dem guten Willen zufrieden sein, er und sein Haus wollten bereit sein, daß die Segnungen der Kirche am Montag auch Kraft hätten. Am Sonntag abend nach dem gemeinsamen Abendgebet verkündete der Bauer seiner Frau und Tochter und dem Gesinde: „Morge glei nach ’em Nüniesse kommener alli do in die Stube, mit änem subere Häs, i wer euch dann was verkündige. Un jetzt gut Nacht mitenander.“ Das Gesinde verteilte sich in die Kammern und wunderte sich, was wohl morgen „verkündigt“ werden würde. Frau und Tochter bestürmten den Bauern um Auskunft. Der wehrte aber mit einem ruhigen „I gang jetzt schlofe, bhütGott Resi“ alle Fragen ab, und Resi mußte in ihr Kämmerle schlüpfen. Im Ehebett mußte der Bauer seiner Frau wohl Rede stehen; denn einmal hörte die Resi einen Ausruf der Mutter, der fast nach Schreck klang, aber mehr konnte sie, so nah sie auch ihr Ohr an die solide Holztür anlegte, nicht hören. Und der Morgen kam heran, und die Arbeit auf dem Hof wollte heute keinem recht von der Hand gehen; wo zwei zusammenstießen, tauschten sie immer wieder ihre Meinung aus, was wohl geschehen würde. Aber endlich kam die neunte Stunde, das Nüni wurde schnell verschluckt, alle vertauschten den Arbeitsanzug mit dem Sonntagsgewand, und verlegen, oder, je nach Gemütsart, mit geheucheltem Gleichmut trat Gesinde und Frau und Tochter in die Stube zum Bauern, der im Herrgottswinkel saß, auch in seinem Kirchenrock.
„I han euch herbschtellt,“ fing der Bauer an, „weil i will, daß alli dabei sin, wenn jetzt der Herr Pfarrer kommt un unsere Hof neu ausweiht.“ Eine kleine Pause machte er, dann fuhr er fort: „I han no nit mit euch dodrüber g’sproche, aber ihr werret’s alli wisse, daß sitener a paar Woche sich Eins verzeigt, un dem will i a Endmache. Mir Walzebauere sin alli ehrbare Lüt gsi, solang der Hof steht, un i wüßt nit, wodermit mer so ne Heimsuchung verdient hätte. Mir hän alliweil der Kirche gä, was der Kirche g’hört, un so soll denn jetzt au d’Kirche helfe un dene Spuk vertreibe. So, un bis der Herr Pfarrer kommt,“ der Bauer sah nach der großen Standuhr in der Ecke, — „er muß äneweg gli do si, so lange bette mer jetzt no d’Litanei von alle Heilige. Resi bett vor“, schloß der Bauer. Aber ’s Resi war nicht imstand vorzubeten. Als der Bauer sagte, daß der Geistliche zum Austreiben des Spuks kommen würde, war ’s Resi totenbleich und halb ohnmächtig auf die Ofenbank gesunken, und da kauerte es noch und stierte nach dem Großknecht, als wär’s von Sinnen. Der machte einen Schritt nach dem Ofen zu, als wollte er ’s Resi an sich reißen, aber er blieb dann doch stehen und winkte unmerklich mit der Hand. Der Bauer wollte auffahren, als er das Mädle sah, aber die Bäuerin kam begütigend dazwischen: „I hab der ja gsait, daß des Maidle so schreckhaft isch, wenn von dem Geistersach d’Red isch, laß es nur si.“ Und resolut fing sie an: „Herr erbarme dich unser. Christus erbarme dich unser“, und das Gesinde mit demBauer fiel ein mit den Antworten. Und dann sahen sie den Pfarrer im Chorrock zum Hoftor hereinkommen mit zwei Ministranten, der eine trug den großen Weihwasserkessel, der andere das Rauchfaß. Der Bauer stand auf mit Frau und Gesinde und ging dem Pfarrer bis unter die Haustür entgegen. Auf seinen Wink betete die Bäuerin weiter und der Pfarrer respondierte, so gingen sie, der Pfarrer voran, in die Stube zurück und beteten erst die lange Litanei ganz zu Ende. Beim letzten Amen trat der Bauer auf den Geistlichen zu und sagte: „I dank au schön, daß Ihr komma seid, Herr Pfarrer.“ Und der sagte: „Ich bin gern gekommen, Walzenbauer, um Euern frommen Wunsch zu erfüllen; aber bevor ich weitergehe, muß ich doch von Euch und von Euern Leuten bestätigt erhalten, was ich bis jetzt doch nur sehr ungenau gehört. Sonst weiß ich nicht, wie ich vorzugehen habe, mit was für einer Art Erscheinung wir hier zu tun haben. Wollt Ihr, Walzenbauer, also zuerst Euere Beobachtungen erzählen, und wer dann noch etwas bemerkt hat, der rede dann.“
„Jo, Herr Pfarrer, i kann Euch nit viel anders verzähle, als i Euch scho gsait ha, wie i bei Euchwar. ’s wird jetzt so zwei Monet her si, do bin i in der Nacht am a Grumpel in der Schlofstube verwacht, i han grad kei leise Schlof, ’s muß also scho a übernatürlichs Grumpel gsi si, daß i dervo verwacht bin. I han mer aber nix denkt z’erscht. I han nur grufe: ‚Wer isch do?‘ ’s hät kei Antwort gä und ’s isch müslischtill im Zimmer gsi. No han i Licht mache wolle, derweil isch aber d’Büeri ufg’wacht un hät mi am Ärmel zupft. Wie i mi zu ere dreh, um z’froge, was sie will, zeigt sie ufs Bettend, un do stoht was Langs, Wißes, des grad uf un abi zuckt. ‚Alli guti Geischter lobe Gott‘, murmelt d’Büeri und zieht mi mit G’walt unter d’Bettdecke. No höre mer nur no a Krach, wie wenn mer a Türe mit aller G’walt zuschlagt. No war’s schtill. Noch ere Wile hän i mer denkt, ’s wär am End die Türe zur Maidlikammer gsi, i han also g’rufe, aber ’s Resi hät kei Antwort gä. Erscht wia ni schier überlaut gschraue hab, no hät’s Maidli g’rufe: ‚Jo Vater, was isch?‘ ‚Häsch du nix g’hört?‘ han i g’fragt. ‚Nei, Vater, i han g’schlofe, was isch au?‘ fragt’s. Un da han i g’wußt, daß des a übernatürliche Erscheinung gsi isch, denn wenn des Maidli nix g’merkt hat vo dem Grumpel un dem Türeschlage, no isch desgrad nur für mi so laut gsi. I han ’s Resi beruhigt, un d’Büeri un i, mir han a G’setzli bettet für die abgschiedene Seele. Ja, un derno, Herr Pfarrer, war’s a paar Nächt wieder ruhig, aber dann hät’s wieder spektakelt, un immer ärger isch’s worre, d’Bettdecke wegzoge hät’s uns, d’Leuchter vom Nachttischli runterg’worfe, kalt anblose wie aus ere Totegruft raus hät’s uns. ’s war schier nimmi usz’halte, was mir in dene Nächt usghalte hän, Herr Pfarrer. Un dann han i au no g’merkt, daß die Sach widersch goht. D’ Mägd hän’s im Resi gsait, daß es in de Nächt bald da bald dort rumort, der Büeri hät’s d’Großmagd gsait. I han dergleiche tu, ’s wär dumms G’schwätz, i han nix davo wisse wolle, denn i han g’merkt, wie d’Leut d’Köpf z’sammeschtecke, un derno isch mer’s doch z’arg worre, i will nit ha, daß unser Hof in Verruf kommt, un so han i mer denkt, der Herr Pfarrer muß her, un dere Sach muß e End g’macht werre.“ So schloß der Bauer. Und dann erzählte die Großmagd, daß sie schlürfende, tappende Schritte durch den Gang vor ihrer Kammertür gehört hätte. „Un“ sagte sie, „i han mer denkt, ’s isch eini von de Mägd, die uf urechte Weg isch; i bin ufgschtandeun han d’Türe ufg’macht; kaum han i aber der Kopf in der Gang nausgschtreckt, do isch mer was Kalts, Weichs übers G’sicht g’fohre, un i ha nix meh g’sehe un nix meh g’hört, un in de andere Nächt, wenn i wieder was g’hört ha, han i halt für die arm Seel a G’setzli bettet.“ Und die Mägde und Knechte wollten alle ähnliche Sachen gehört oder gefühlt haben. Nur ’s Resi wußte von nichts; sie war sichtlich unruhig und verstört, aber selbst das Zureden des Pfarrers brachte nichts aus ihr heraus. Der wandte sich denn auch ohne weiteres Zögern an den Bauern: „Wenn’s Euch recht ist, Walzenbauer, so wollen wir jetzt tun, was unsere heilige Kirche für solche Fälle vorschreibt.“ „I möcht schön bitte, Herr Pfarrer,“ sagte der Bauer, „daß Sie in unserer Schlofschtube afange, do hätt’s sich’s z’erscht verzeigt, do muß es au z’erscht ustriebe werre.“ Ohne Antwort abzuwarten ging er voran und machte die Tür zur Schlafkammer auf. Der Pfarrer folgte mit den beiden Ministranten und die übrigen drängten nach. Und die Bäuerin und die Resi sahen zuerst: der heilige Joseph war von seinem Postament verschwunden, und auf einem Stuhl stand, neu, in goldschimmerndem Gewand, ein Jesuskindmit der Krone auf dem Haupt, die Weltkugel in der einen Hand, die andere segnend erhoben. Noch einmal trat der Bauer vor: „I tät au bitte, Herr Pfarrer, daß Sie des Jesuskindli weihe täte, des soll unser Schlofkammer b’schütze un b’hüte; der heilige Joseph, der bis jetzt do war, han i fort, wie Ihr sehe.“ Der Pfarrer nickte und begann nun seine Gebete aufzusagen, und andächtig sekundierten die übrigen. Feierlich schritt der Pfarrer von Ecke zu Ecke des Zimmers, in jede spritzte er Weihwasser aus dem großen Kessel, den der Ministrant ihm hinhielt, legte dann noch Weihrauch auf die glühenden Kohlen des Rauchfasses, das ihm jetzt der andere zureichte, schwang es in Kreuzesform dreimal nach den Himmelsrichtungen, und beschwörend klangen die lateinischen Worte, mit denen er jeden bösen Geist bannte. Zuletzt trat er vor die neue Statue und weihte sie und stellte sie auf das Postament, dann fing er die Litanei der Kindheit Jesu an, und die Anwesenden gaben ergriffen von der Weihe des Moments die Antworten. Nach den ersten Bitten schritt der Geistliche mit den Ministranten voran durch die Tür in den Gang und die übrigen schlossen sich betend an. So gingen sie durch alle Gängeund Kammern des Hauses, und vor jeder Tür machte der Pfarrer das heilige Kreuzzeichen und besprengte in Kreuzform Schwelle und Tür mit Weihwasser und räucherte mit Weihrauch. Als jedes Winkelchen des weitläufigen Hofes geweiht war, entließ der Bauer das Gesinde wieder zur Arbeit, und mit Weib und Tochter setzte er sich zum Pfarrer in den Herrgottswinkel, und die Großmagd trug Speck und Kirschenwasser auf und schnell gebackene Sträuble.
Dem Pfarrer war das verstörte Wesen der Resi schon aufgefallen während des Umgangs; jetzt saß sie gar da, wie ein Häuflein Unglück. Irgend etwas war da nicht in Ordnung, und da wäre er gar gerne dahintergekommen, ein bissel neugierig war er schon. Nachdem sie lang genug übers Wetter und die Kornpreise geredet hatten, stand der Pfarrer auf, und bevor er sich verabschiedete, sagte er beiläufig: „Ich mein, Walzenbauer, Ihr könntet für die Ruhe von der armen Seele noch eine Novene halten, und so wie Ihr mit der Frau am Sonntag zur Kommunion komme seid, könntet Ihr zum Samstag d’Resi und die übrigen Hausleute zur Beicht schicken. Wir wollen doch nix versäumen, daß Ihr dannjetzt auch ganz Ruh habt.“ Der Bauer dankte für den guten Rat und gelobte die Novene und sagte auch für’s Resi und sein Gesinde zu. Soviel Zucht war auf dem Hof, daß keiner einem solchen Gebot zu widersprechen gewagt hätte.
Nur ’s Resi lief mit verschwollenen Augen herum, minutenlang konnte sie mitten in der Arbeit bewegungslos stehenbleiben und vor sich hinstarren oder gar in Tränen ausbrechen. Vater und Mutter ging sie soweit wie möglich scheu aus dem Weg. Am Donnerstag nachmittag saß sie mit den Mägden beim Flachshecheln und lustig sangen und lachten die Maidli, denn abends gab’s Freitrank, um den Staub hinunterzuspülen, und ’s Hecheln selbst war gar lustige Arbeit, so schön wirblig und übermütig wurd’s einem im Kopf dabei, gerad, als hätt’ man ein bissel schon getrunken. Aber ’s Resi sang heute nicht mit, wie sonst wohl, verdrossen saß sie da, und schließlich stand sie auf, schüttelte den Staub so gut’s ging ab, nahm das Tuch von Kopf und Hals, das zum Schutz gegen die Fasern umgebunden war und ging zur Mutter in die Stube. „I han Kopfweh, Mutter,“ meinte sie kurz, „i kann nimmi mit hechle, i mein alls, i gang a weng zur Lenebas,der bin i scho lang wieder amal a Bsuch schuldig, un ’s wird mer gut tue.“ Das Maidle sah wirklich schlecht aus, und so mochte die Mutter nichts einwenden: „Jo, so gang halt un grüß mer ’s Lene’, und sie soll au sich wieder amol bschaue lasse bi uns,“ und sie schüttelte erstaunt mit dem Kopf, als das Resi wie sie ging und stand zur Tür hinauseilte, ohne Gruß. Sie sah ihr nach, bis sie aus dem Hoftor verschwand. „Dem Maidli isch was,“ brummelte sie vor sich hin, „itzt lauft sie gar ohne Kopftuch ins Dorf nei.“ Und sie schüttelte bei ihrem Spinnrad noch oft den Kopf wegen dem Maidli. Die rannte unterdessen wie gejagt ins Dorf hinein. ’s Lenebas, ihr Götte, daß sie daran nicht früher gedacht hatte, die konnte helfen, wenn eines helfen konnte! Die Lene war die unverheiratete, ältere Schwester der Walzenbäuerin; sie saß auf ihrem eigenen Hof, den sie nur mit Mägden regierte und bestellte. Man munkelte, daß sie den, den sie gern gehabt hätte, nicht bekommen hätte, und so war sie ledig geblieben und hatte zuerst voll Trotz den Menschen zeigen wollen, daß ein „einschichtiges“ Frauenzimmer auch was leisten kann und zufrieden werden kann. Und sie hatte das Gut, das bei derErbteilung ihr zufiel, zur Musterwirtschaft gemacht, und ihre Geflügelzucht war bald weitberühmt und brachte ihr schönen Ertrag und manch Ehrung durch Preise und Diplome. Aber mehr noch als durch ihre Hühner, Enten und Tauben war sie im Dörfle geehrt als Friedensstifterin. Wenn irgendwo zwischen Eheleuten oder zwischen Kindern und Eltern Meinungsverschiedenheiten waren, ging immer eins oder ’s andere zur Lenebas, und die wußte immer einen Rat oder das rechte Wort, und es fiel immer zum Guten aus, was sie sagte. Es gab keinen im Dorf, der nicht schließlich nachgegeben hätte, wenn die Lenebas einmal ihre Meinung sagte. Sie mischte sich nie ungerufen in Dinge anderer Leute, aber wenn sie gefragt wurde, nahm sie die Sache in die Hand und hatte immer mehr ausgerichtet als selbst der Herr Pfarrer.
Das ging dem Resi durch den Kopf, als sie die halbe Stunde vom Hof zum Gute der Lenebas im Dörfle hinuntereilte. Warum hatte sie nur nicht schon längst die Lenebas gerufen! Allerdings, die Lenebas war krank gewesen, und da hatte sie ihr nicht auch noch mit ihren Sorgen ’s Herz schwer machen wollen, und dann hattesie auch gedacht, sie würde allein zum Ziel kommen. Jetzt war aber alles schlimmer als je, und sie wußte sich keinen Rat mehr. Da stand sie nun vor dem Häuschen der Lene, und dort beim kleinen Weiher sah sie die Bas; inmitten ihrer Enten und Gänse saß sie auf einem kleinen Hocker und hielt ein junges Entlein im Schoß, das jämmerlich schnatterte und kreischte. Resi klinkte die kleine Tür im Gatter auf und schritt auf die Lene zu. „Grüß Gott, Götti,“ rief sie ihr entgegen. Die schaute auf. „Grüß Gott, Resi, schau’sch au amal wieder nach deiner Götti, no b’sonders buschber schausch au nit grad aus. Wo hatt’s denn dir’s Feld verhaglet? Aber komm, wenn de grad do bisch, hilf mer amol des Entli halte, dem hat der Enterich ’s Bein broche der dumm Kerl; sieht nit, daß des Tierli noch z’jung isch für soni Sprüng; hitigetags fangt scho ’s uvernüftig Vieh a dumm z’werre, i will’s grad schiene; derno setze mer’s in Schtall un gange dann a Kaffeeli trinke, dann komme deini brochene Beinli dra.“ Während sie so sprach, hatte sie geschickt dem kleinen Entlein das Bein mit Schindelstückchen geschient und ’s Resi hatte, so gut sie’s vermochte, dabei geholfen. Dann trug die Lene das Tierleinzurück und rief der Magd, die da beim Stall hantierte zu: „’s Liese soll a gute Kaffee koche un au Strübli derzu backe, mer hän B’such kriegt, ’s Walzebauereresi isch do.“ Dann wandte sie sich zum Resi: „Bisch vom Flachshechle fortg’laufe? Häsch noch alles vollere Fäserli! Nei, sag nix,“ wehrte sie ab, als Resi eine Entschuldigung sagen wollte, und ohne ein weiteres Wort führte sie sie durch die Scheuer über den Heuboden in den obern Stock des Hauses, zu ihrem Schlafzimmer. Da beugte sie sich über die große Eichentruhe, die an der einen Wand der Stube entlang stand. „Da hasch a Bürscht,“ meinte sie, „mach di a weng ordentli, i han di hinterum da aufi g’führt, i möcht nit gern, daß d’Mägd dich so sähe täte,“ und als ’s Resi blutrot im Gesicht vor den kleinen Spiegel trat und Rock und Frisur von den Fäserchen säuberte, reichte die Lene ihr noch ein Kopftuch. „Da des nimsch mit, so gangsch mer nit durchs Dorf z’ruck, de willsch doch nit in d’Mäuler vom ganzen Dorf komme, wenn de ohni Kopftuch doher laufsch, des han deini Eltere nit an dir verdient, daß es heißt: ’s Walzebauereresi isch a Schlampe, wenn sie nit no was bessers wisse.“ „O Götti, wenn Ihr wüßtet, wie’s mirz’mut isch,“ brach nun ’s Resi los. „Arms Tschole, i han mir’s denkt, wie i di g’sähe hab, daß do allerlei letz isch, aber schau, Maidli, ordentli un sufer muß eins doch blibe; wenn mer auße immer ordentli un sufer isch, no kommt mer au inne ehr wieder in der Rank. Un schau, so wie ich’s dir an deine verschtrubelte Haar agsehe hab, daß inne was nit sufer isch, so könnte’s anderi Lüt au sehe, un ’s Dorf braucht’s doch it z’wisse, daß ’s Walzebauereresi Dreck am Stecke hät.“ „Nei, Götti,“ fuhr nun ’s Resi auf, „des isch au nit wahr, Angscht hab i, jo, aber Dreck am Stecke han i nit. Dummheite han i g’macht, jo, un der heilig Joseph, jo der, der kann wütig uf mi sei, des isch wahr, aber nix Schlechts nit hab i tu, un i kann nix derfür, daß er jetzt im Winkel uf em Spicher schtoht, un e großmächtige Busche hab’ i ihm nuftrage uf de Spicher un grad gsait hab i’s ihm, daß i nix derfür ka, daß er do schtoht, un der Toni hät gsait, mer stellen nen dann uf de Ehreplatz im Herrgottswinkel, wenn mer der Hof hän ...“ Lachend hielt die Lenebas sich die Ohren zu. „Jo, Resi, willsch mi denn von Verschtand schwätze, i bitt di au, was soll i jetzt von dem verschtoh.’s g’freut mi, daß de so uftrumpft hesch, un de Dreck am Stecke, den i dir vorg’worfe hab, grad nur so um z’schaue, was de drauf sagsch, i sag dir’s ehrli, daß de der des nit g’falle lasch, des g’freut mi un i glaub’s der. Aber jetzt erzähl mer au vom Afang a. Was hesch mit dem heiligen Joseph?“ „Jo, Götti, Ihr wisset doch,“ fing ’s Resi an, „der Toni un ich ...“ „Jo, des brauchsch mer nit z’verzähle, des weiß i grad gnua“, fiel die Lene ein, „un wenn mer au suscht de Eltere folge soll, do bin i Euch nit z’wider, ’s hät mi scho g’ärgeret, daß du deswegen nit zu mer komme bisch, des isch grad a Vernageltheit von dim Vater, daß er des nit isehe will, daß ihr a guts Pärle wärt, du häsch Geld gnua, mei Sach krigsch au amal, du brauchsch a brave, schaffige Ma, wenn er jetzt au grad nit uf de Geldsäck hockt, un was dei Vater alliweil sait: ‚Gleich g’hört zu gleich‘, der Toni isch a Buresohn, wenn’s au arme Häusler sin, sini Eltere, un d’Gleichheit bschtoht bigott nit i de gleichgroße Geldsäck. Aber i weiß immer no nit, was des mit dem heiligen Joseph z’tua hät.“
„Ja, Götti, lasset Ihr mi denn rede, wenn i’s verzähle soll, muß i doch vom Afang afange,suscht wisset Ihr wieder nit, wo Ihr dra seid,“ lachte nun ’s Resi. „I hab gar nit g’wußt, daß i so a schwatzhafts Weiberstück bin,“ brummte die Lenebas halb ärgerlich, „also verzähl halt, un fang meintswege beim Adam im Paradies a, i bin schtill, aber mach au, daß de fertig wirsch vor d’Strüweli fertig sin, i riech scho der Anke.“ „Also schau,“ fing nun ’s Resi an, „der Vater hät doch gsait, er schlag mer d’Knoche im Leib z’samme, wenn er mi no amal sicht mit em Toni schwätze.“ „O die siebemal g’scheite Mannsbilder die,“ fuhr die Lene dazwischen, schlug sich aber rasch auf den Mund, „i bin scho schtill, mach nur witersch.“ „Ja un derno hät mer der Toni emol gsait, i soll doch au z’Nacht zu em uf der Spicher komme, er hätt mer was Wichtigs z’sage.“ „Jo,“ nickte die Lene schmunzelnd, „sell wissemer, was d’verliebti Mannslüt ime Maidle z’sage hän Wichtigs.“ „O ganget,“ schmollte ’s Resi, „Ihr wisset ganz gut, daß der Toni nix Unrechts nit will. Er hät halt g’sehe, daß es mir schier ’s Herz abdruckt, daß i au gar kei guts Wörtle meh mit em rede ka. Jo, und do hab i mer amal a Herz g’faßt, er hät gsait, er wartet jedi Nacht uf mi, drobe im Heuschober. Wia ni d’Eltere amolau gar so fescht hab schnarche höre, do bin i durch d’Kammere durchg’schlupft un zum Toni uf der Spicher.“ „Jo, un hesch do der heilig Joseph mit nuf g’nomme als Schutzpatron, oder wie isch der sunscht uf der Spicher komme, vo selber wird er doch nit nachg’wandelt si.“ „Jo, triebe nur Gschpött mit mer, Ihr werre glei sehe, daß do nix z’lache isch,“ und ’s Resi fing an zu weinen. Die Lene klopfte ihr beruhigend den Rücken. „I halt scho ’s Mul, Resi, de weisch jo, i mach halt gern mei Gschpäßli; a guts Lache hät mer scho mengis mol g’holfe, wenn i g’meint hab, der Himmel wär über mer eig’schtürzt. Aber schau, i bin ganz grausig neugierig, wie der heilige Joseph uf euer Spicher ufikomme isch.“ ’s Resi schluckte noch ein bissel, dann erzählte sie weiter. „Wie i amol z’ruck komme bin...“ „I sag nix, aber i derf mi doch wundere, daß der Toni also in einere Nacht mit der wichtige Sach nit fertig wore isch. Resi, Resi!“ und halb ernsthaft drohend hob die Lenebas den Finger. „Mer hän uns au viel z’sage ghett; denk doch au, der ganz Tag hän mer jo kei Wörtli mitenander rede dürfe, jo, un do bin i amol übere Schtuhl g’scholpert in der Schlofstube. Der Vater isch verwacht un hät gleig’rufe: ‚Wer isch do?‘ I hab g’meint, d’Knie breche mer z’samme, so verschrocke bin i, un wie i g’merkt hab, daß er Licht mache will, da isch mer grad ’s Herz schtill g’schtande un i hab nix gwußt als: jetzt isch’s us, jetzt schlagt er mi tot un der Toni au. Un do han i, i ha schier nimmi g’wußt was i tua, do han i des Handtuch, was grad nebe mir an der Wand ghenkt isch, des han i mer über de Kopf g’worfe, i han nit grad bitrüge wolle, Götti, aber schau, i han denkt, vielleicht verschreckt der Vater un i kan derweil i mei Kammere schlupfe.“ Ganz erstaunt unterbrach sich das Resi in ihrer eifrigen Erzählung, denn die Lenebas lachte hell auf, lachte, daß ihr die Tränen herunterliefen. „O du Dundersmaidli du,“ rief sie endlich, als sie wieder atmen konnte, „du Dundersmaidli, du bisch also des Gschpenst gsi, des der Walzebur so g’ärgert hätt. Do isch er gsi un hät uf unsere liebe Herrgott un alli heilige Schutzpatrone g’schumpfe, daß in seim ehrbare Hof so a armi Seel rumgeischtere soll. I han’s em glei usrede wolle; weisch, bei mir wärsch dodermit nit an d’Recht komme, i hätt di am Schlafittli kriegt un nit ‚Alli gute Geischter lobe Gott‘ bettet, i hätt dir was andersch gsait. Aberder Walzebur hät mer vu sinere Mannsbildg’scheidheit runter — weisch, drei Kirchtürm höher als mei eifache Wiberverschtand — hät er mer gsait: ‚I ha’s g’sehe, mit dene meine eigene Auge‘. Derno hab i halt ’s Mul g’halte un hab mer mei Teil denkt. No warsch’s du natürli au, die d’Großmagd so verschreckt hät. Dei Mutter hät mer’s verzählt.“
„Jo,“ meinte ’s Resi nun selber lachend, „weisch, die hät ihr Nas immer gern in allem drin un hätt mi immer gern scho usschpioniert; daß i der, i han ere nur ’s Fürtuch im Vorbilaufe um der Kopf g’schlage, daß i der so a Schreck g’macht hab, des raut mi heut no nit.“ Die Lene murmelte wieder ein anerkennendes „Du Dundersmaidli du,“ und ’s Resi war sehr erleichtert, daß die Patin die Sache so auffaßte, aber ganz beruhigt war sie noch nicht. „Jo, aber Götti, ’s Ärgschst kommt noch,“ fing sie verzagt an. „Hän Ihr’s denn nit g’hört, der Vater hät jo der Herr Pfarrer komme lo un ’s Hus uswihe lo un die böse Geischter vertreibe lo, un weil der heilig Joseph nit gut gnug g’hütet hät, hät er en uf der Spicher gschtellt un a Jesusstatue in d’Schtube ...“ Aber wieder konnte sie nichtweiter erzählen, denn die Lenebas war von der Truhe, auf der sie saßen, aufgesprungen und schlug sich mit beiden Händen auf die Knie und rief: „Des gunn i em, des gunn i em, Jesses nei, Resi, warum hesch mer des nit au früher verzählt, daß i do hätt derbi sei könne, wie sie die böse Geischter ustriebe hän, un derno mitte im schönschte Weihe hätt i ne d’Gschicht ins Gsicht gschrie, schau, des hätsch mer au gunne könne.“ „Jesses, Götti,“ schrie die Resi auf, als könnte das noch geschehen, „was denket er au, der Vater hätt mi jo in sinere erschte Wut grad z’sämmeg’schlage.“
„Jo, hesch recht,“ beruhigte die Lene, „er hät kei Sinn für a Gschpaß, der Walzebur. Uf sim ehrbare Hof wachst des Gwächs nit, i bin nur froh, daß du i mei Art schlagsch.“ „Jo, aber Götti, was soll i jetzt mache, der heilig Joseph isch durch mi in Unehre komme, im hinterschte Winkel uf em Spicher stoht er; o nei, lachet nit,“ bat sie, als sie der Lene ins Gesicht sah; „mir isch’s Hölleangscht, un am Samstig solle mer alli uf em Hof bichte go un derno muß es jo der Pfarrer höre, daß i an der ganze Gschpensterg’schicht schuld bi, un die Blamasch, die vergißt er mer nit.“
„I will der was sage, Resi,“ sagte nun die Lenebas ganz ernst, „du häsch mer a Schpaß g’macht, wie i scho lang keine mehr g’hett hab, so g’lacht han i scho lang nimi, un zum Dank derfür tät i der scho helfe, wenn mer des Gschperr vo deim Vater nit sowieso scho lang z’dumm wär. G’ärgert han i mi, daß du nit zu mer komme bisch, Rats hole, du weisch, i blos nit, was mi nit brennt; aber z’helfe isch dir licht, un scho lang könntesch im Toni sei Büeri sei, wenn de zu mer komme wärsch. Dei Vater hät sich nur grad verstift uf si ‚Gleich ghört zu gleich‘, und weil er ä Mannsbild isch, meint er, dodruf muß er jetzt schto bliebe, wie a Schildwache uf em Poschte. Aber schau Resi, wenn’s dir recht isch, no vermach i mei Sach im Toni un a Ussteuer kann i em glei gä, dazu längt’s mer scho, un dann hät der Toni emol soviel wie a mancher Buresohn nit ..“ Weiter konnte die Lenebas vorerst nicht reden, denn die Resi flog ihr um den Hals und gab ihr einen Kuß nach dem andern ins runzlige Gesicht. Als sie wieder zu Wort kam — so ein kleines Rührungstränlein mußte sie sich erst heimlich aus den Augen wischen — meinte sie mit pfiffigem Schmunzeln: „D’ Hauptsach hätte mer alsoin Ordning, i will nit d’Lenebas si, wenn dei Vater mine Gründ nit nachgäbet. Vo dere Gschpenschtergschicht sage mer em lieber nix, er hät kei Sinn für a Gschpaß, ’s könnt en höllisch ärgere, ’s wär nur so für der ärgscht Notfall — aber ’s isch sicher nit nötig. Aber jetzt häsch jo noch a Buckel voll Sorge wege dere Bicht. Aber Maidli, du müscht nit mei Göttli sei, wenn de nit wisse tätsch, was de do z’sage häsch. Daß dei Vater sei Maidli für a Geischt asieht un der Pfarrer ihm des glaubt, jo da kannsch du doch nix derfür, des isch doch kei Sünd vo dir, du wirsch im ganze Bichtspiegel kei Frag finde: Hast du gegeistert? Was nit im Bichtspiegel stoht, isch au nit z’bichte. ’s viert G’bot, do häsch dich anz’klage, ung’horsam bisch gsi, des weisch selber. Du häsch mit dem Toni gschproche gege ’s Verbot von dim Vater, un wenn der der Pfarrer recht der Kopf wascht derfür, no gschiehts der recht, denn g’horsam müsse mer si unsere Elter, des stoht im vierte Gebot, un wenn der der Pfarrer verbiet, daß de sowas no amol tuasch, no hätt er recht, aber i hoff, de hesch’s au nit nötig.“ Und wieder mußte die gute Götti sich umhalsen lassen, bevor sie weiterredenkonnte. „Jetzt blibt nur no der heilig Joseph, un do weiß i der kei andere Rot, als daß de der vom Toni a schöni, großi Wachskerze kaufe lasch, anschtatt eme andere Kirwikram, un die im heilige Joseph stiftesch, no wird er scho versöhne sich lo, un b’sunders wenn de dann als Büeri ihm der Ehreplatz gisch un di Lebtig brav lebsch, derno wird er scho mit sich rede lo.“
„O Götti, was bisch du für a liabi Götti,“ konnte das Resi nur sagen, und die hellen Tränen standen ihr in den Augen. Aber für Rührung hatte die Lenebas nicht gern Gesellschaft; das zeigte sie nicht gern, und bei andern war sie auch nicht gern Zeuge. So machte sie denn rasch die Tür auf und rief: „I wett, d’Strüweli sin hart wie Ledersohle, so lang hän mer sie warte lo, jetzt komm weidli, a Tasse Kaffee un frischbachene Strüweli, des hält Leib und Seel z’samme.“
Und am andern Tag kam die Lenebas zum Walzenbauern, und als er hörte, daß die Lenebas ihren schönen Hof und die soliden badischen Staatspapiere der Kirche vermachen würde oder aber dem Toni, wenn er der Mann von der Resi würde, da griff er rasch zu. Da war derToni ein recht annehmbarer Schwiegersohn; „und wenn ’s Resi halt au gar so vernarrt in den Bu isch un doch so brav g’folgt hät un uf der Vater g’hört hät, dann will i au nit hart si, no soll sie halt ihre Wille ha,“ schloß er.
Und in vier Wochen war Hochzeit auf dem Walzenhof, und der heilige Joseph stand in der Schlafstube des jungen Paares, und er tat rechtschaffen seine Pflicht und beschützte den Hof, denn gegeistert hat’s nicht mehr.