Mann von Guap-Insel.
Mann von Guap-Insel.
Der Korb ist diesem Manne aber nur aus Versehen des Zeichners in die Hand geraten, denn er stammt von Venushuk (vergl.S. 293). Dagegen zeigt der reich mit Platten aus Cymbiummuschel verzierte Brustbeutel die übliche Form. Die hiesigen Eingeborenen excellieren in der Anfertigung solcher Beutel, die aus feinem, sehr haltbaremBindfaden, teils in weitmaschiger Filetmanier, teils ganz dicht geknüpft, zuweilen wahre Muster zierlicher und geschmackvoller Arbeit sind. Sie haben natürlich sehr verschiedene Größe (bis 50 cm breit und 30 hoch) und zeigen für gewöhnlich einfache, bunte Muster (in Kirschbraun, Braun, Schwarz, Blaugrau). Häufig werden aber artige Muster aus kleinen Muscheln (Nassa) oder aus ganzen und halb durchschnittenen Samenkernen (Coix lacrymae) gleich mit dem Bindfadenmaterial eingeknüpft (vergl. T. X. 4). Der äußere Ausputz dieser Brustbeutel, die nur den Schmuck des Mannes bilden, ist zuweilen sehr mannigfach. Ich gebe hier ein Verzeichnis solcher Papua-Breloques: Troddeln aus Bindfaden, Klingel aus einer Muschel (Cypraea lynx) als Klöpfel ein Stückchen Koralle, Platten von Placuna- und Cymbium-Muscheln, letztere zuweilen mit aufgelegter durchbrochener Schnitzerei aus Kokosschale, bearbeitete Stücke Schildpatt, kleine Holzfiguren (wie XV, 5) und Amuletmasken (T. XIV. 4), Kalebasse zu Kalk, Bambumesser, Nasenschmuck aus Perlmutter (wie XX. 5) oder Eberhauern (XX. 8), feine, aus Gras geflochtene Kettchen, mit Anhang von schwarzen Fruchtkernen und Papageifedern, Streifen Cuscusfell, und als Talismane: Stückchen Massoirinde[76], Ingwer oder Pflanzenbüschel. Da derPapua in einem solchen Beutel seine notwendigsten Habseligkeiten und Requisiten bei sich trägt, so werden wir dieselben am besten aus dem Inhalt kennen lernen, der sehr verschiedenartige Sächelchen entwickelt. An nützlichen Gegenständen: Löffel aus Kokos, Schaber aus Perlschale (V, 8), Muschelschalen (Batissa) zum Schneiden, Brecher aus Knochen (V. 7), Raspel aus Rochenhaut, Feile aus Koralle, Nadel aus einem durchbohrten Fischknochen, Bogensehne von Rotang, Ring zur Befestigung derselben, etwas Bindfaden; an Geld: aufgereihte Hundezähne und Nassa-Muscheln, an Zieraten: Nasenschmuck (wie vorher), rote und gelbe Erde zum Bemalen; an Genußmitteln: Betelnüsse, dazu Kalk und Pfefferblätter, Tabak in Blättern, dazu Baumblätter als Umlage für Zigaretten, eßbare Erde; an Talismanen: kleine Holzfigur (wie vorher), runde Kiesel (meist aus dem Magen der Kronentaube, Goura, und Jägerzeichen), Massoirinde und Ingwer. Nicht wahr? Der Mensch der Steinzeit hat bereits eine Menge Bedürfnisse und weiß Naturprodukte auszunutzen, die dem Kulturmenschen als wertlos erscheinen. Ich vergaß noch einen seltenen Fund anzuführen, den ich später in einem der Brustbeutel von Guap machte, nämlich, sorgfältig in ein Blatt gebunden: acht kleine rote Glasperlen! Dies verwunderte mich umsomehr, als die Eingeborenen Glasperlen gar nicht zu kennen schienen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß dieses europäische Erzeugnis von der benachbarten d'Urville-Insel herstammte, wo Sir Edward Belcher (im Juli 1840) mit dem »Sulphur« den schönen Victoriahafen auffand und aufnahm.
Die Guapiten waren übrigens ruhige und manierliche Leute, mit denen sich gut schachern ließ, Stück um Stück, Hand um Hand, aber »schenken« kannten sie nicht. Die Unmassen Waffen, welche sie mit sich führten, zeigten ihre Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft. Ich erhielt hier flache lattenförmige Keulen (ganz wie die von Astrolabe), Bogen, schöne Pfeile mit fein geschnitzten Holzspitzen und Kerbzähnen, zum Teil mit aufgeklebten Federn und Coixkernen, und lange (2,80 m) Wurfspeere aus Palmholz, in der Mitte mit eigentümlichem Ansatz, der wahrscheinlich zum Schleudern dient. Schwereüber drei Meter lange, mit Kasuarfedern reich verzierte Lanzen schienen Häuptlingsattribute. Die kleine Silhouette auf Tafel VIII, 10 zeigt einen derartig distinguierten Würdenträger auf seinem Kanu aus der Ferne gesehen. Diese Kanus haben in der Mitte einen tischartigen Aufbau zum Teil mit Schnitzarbeit, ganz wie die am Caprivifluß, und sind wie jene so schmal, daß die Ruderer nicht beide Füße nebeneinander stellen können. Selbstverständlich besitzen auch diese Kanus einen Ausleger, aber ich beobachtete keine mit Segel.
Aus den fremdartigen Stimmlauten um uns her, tönte plötzlich ein bekanntes Wort: »Doktor! Doktor!« Erst glaubte ich mich verhört zu haben, aber nein, es war keine Täuschung. »Also auch hier schon bekannt«! dachte ich und sah mich nach den Rufern um, drei Eingeborenen, die in ihrem Kanu längsseit lagen und sogleich an Bord zu klettern versuchten. Als ich sanft abwehrte, schienen die Leute nicht wenig bestürzt, und aus ihren vorwurfsvollen Blicken ließ sich der Sinn ihrer Rede erraten. »Nette Menschen, diese Weißen! Gestern ließen sie sich bei uns noch abfüttern, und heut will uns der Doktor schon nicht mehr kennen!« so ungefähr mochten sie sagen und hatten recht. Aber Eingeborene sehen einander meist verzweifelt ähnlich, und so war es verzeihlich, wenn ich unsere Freunde von gestern nicht gleich wieder erkannte. Ich suchte meinen Fehler gut zu machen, denn die Anhänglichkeit dieser Leute, uns trotz des Regenwetters, das Kanaker gar nicht lieben, zu folgen, verdiente Belohnung. Freilich machten mir die treuen Seelen von Rabun wieder neue Mühe, denn sie kamen wieder mit der alten Geschichte: Schweine, Haus, Mädchen etc., und als wir am andern Morgen (13. Mai) abdampften, gab es nur eine Wiederholung der Abschiedsscene. Ich atmete daher auf, als die Versucher endlich betrübt in ihr Kanu kletterten und wegpaddelten, denn der Verkehr mit Eingeborenen ist gar anstrengend.
Der starke westliche Strom, welcher auffallender Weise am Nachmittag (4 Uhr) des vorhergehenden Tages nach Ost umsetzte, führte uns ohne Dampf durch Dallmannstraße. Wir passierten Aarsau (Pâris), eine niedrige, dichtbewaldete Insel, ohne Kokospalmen, die wenigbewohnt scheint, gleich dahinter das kleine unbewohnte Unei und sahen in Nordwest die von d'Urville, Guilbert und Bertrand benannten Inseln vor uns, welche dichtbewaldeten Atollen ähneln. Da die Hansemannküste mit Pomone-Huk endet, so wurde die weitere Fortsetzung derselben westlich bis zum 141 Grade von Kapitän Dallmann als Finschküste unterschieden. Sie zeigt von Pomone-Huk an unausgesetzt dicht mit Laubwald bedeckte, hie und da von Grasflächen unterbrochene Hügelketten, dahinter höhere Bergreihen (600 bis 1000 Fuß hoch) und scheint wenig bevölkert. Nur an einem Flusse (Virchow) circa fünf Meilen West von Aarsau bemerkten wir zwei Dörfer. Aber weiterhin zwischen Sapa Point (von d'Urville) und einer neuen Huk (Guido Cora[77]), die beide nur sanft vorspringende, steile Uferhügel sind, zählte ich acht Küstendörfer (von je 12 bis 20 Häusern) hintereinander, ohne jedoch Menschen und Kanus bei denselben wahrzunehmen. Das war mir lieb, denn wir entgingen dadurch Aufenthalt, der bei unserem Kohlenvorrat ohnehin mehr als mir lieb war, beschränkt werden mußte. Aber hätten wir bei jedem Küstendorf halten wollen, dann wären wir wohl nie nach Humboldt-Bai und zurück gekommen. Trüb lichtgrün gefärbtes Wasser zeigte, wie dies fast stets der Fall war, daß wir uns wieder Mündungen von Flüssen näherten. Auf einen kleineren (Petermann) Fluß folgte ein größerer (Kaskade), der wie über ein Wehr ins Meer fällt und von dem der nahe Behmfluß vielleicht nur ein Arm ist. Am Kaskadefluß zeigten sich zwei bis drei kleine Siedelungen, wie stets, mit den entsprechenden Hainen der Kokospalme.
Aber nur ein Kanu wagte abzukommen und verschaffte uns eins jener gemütlichen Zusammentreffen, in welchen man das Wesen unberührter Naturmenschen in voller Ursprünglichkeit und Harmlosigkeit am besten kennen lernt. Das Kanu brachte nämlich nur einenalten Mann mit zwei hübschen Knaben, von etwa zehn und acht Jahren, wie sich später herausstellte, seine beiden Söhne, Amus und Mambas, aus dem Dorfe Wanua. Papa Malgari war in vorgeschrittenen Jahren, durch Pockennarben entstellt, trug Vollbart, einen kurzen Zopf, sonst nichts als den üblichen Tapalendenstreif und eine Eulenfeder im Haar. Desto feiner waren aber von Mama die beiden Sprossen für den Besuch bei den unbekannten Gästen herausgeputzt, wozu sie wahrscheinlich eigenen Schmuck hergeliehen. So die schönen Halsketten aus Nassa mit Muschelring (T. XXI 5), und die großen Schildpattohrringe, ebenfalls mit Muschelplatte aus Conus, während der Knochendolch, welcher im Grasarmbande des älteren Amus steckte, wohl Papa gehören mochte. Amus war bereits mit dem Tapastreif bekleidet, sein Bruder ohne einen solchen, aber beide trugen kreuzweis über die Brust schmale zierlich geflochtene Bänder, mit kleinen Samenkernen wie mit Perlen besetzt. Das Haar der Knaben war mit Ausnahme zweier Wirbelzöpfchen kurz gehalten. In den durchbohrten Nasenflügeln steckten Holzstiftchen, bei dem jüngeren Bruder sogar ein solches in der Nasenspitze, denn schon gar früh muß sich der junge »Wilde« dem eisernen Zwange der Mode unterwerfen. Ich forderte die guten Leutchen auf, an Bord zu kommen und Papa Malgari hatte nach einigem Zögern auch Lust dazu, wurde aber von seinen Söhnen zurückgehalten. Sie sprachen wahrscheinlich davon, daß Mama dies ausdrücklich verboten habe, daß ihm was geschehen könne, kurzum tyrannisierten ihren Vater förmlich, wie sich dies Kanakerväter von ihren Kindern gern gefallen lassen. Ich hielt den obstinaten Knaben eine Standrede; gleich drehten sie mir, mit wütenden Blicken, den Rücken zu, als wollten sie sagen: »Du hast hier gar nichts dreinzureden! das ist unser Vater, und wir wissen am besten, was ihm gut ist.« Endlich überwand die Neugierde alle Bedenken, und trotz der Lamentation seiner Söhne kam der Alte an Bord, sogar in die Kajüte. Ja! da gab es was zu sehen und der Zeigefinger, als Zeichen des Erstaunens, kam gar nicht mehr zwischen den Zähnen hervor. Und nun vollends gar, als ich dem Alten einen Spiegel schenkte und unter entsprechender Belehrung,eins jener Rasiermesser, die samt Etui in Sydney 40 Pfennige kosten! Seine Augen glänzten vor Freude; aber ich fürchte, die Silberstahlklinge wird gegen den struppigen Bart, der bisher nicht einmal einen Kamm kennen lernte, wenig ausgerichtet haben. Voll Freude eilte Papa an die Reiling, um seinen Sprossen von all den Herrlichkeiten und Wundern zu erzählen, wurde aber nur angeschnauzt. Denn alle Überredung schien den beiden Trotzköpfen gegenüber vergeblich, bis ich mich ins Mittel legte. Man wird vielleicht denken, mit Anranzen! I Gott bewahre! das hilft bei Kanakerknaben am allerwenigsten, aber ein kleines unansehnliches Instrument, eine Mundharmonika, wirkte dieses Wunder. Bei ihren Tönen wandten sich die verbissenen Gesichter um, erst unwillig und finster dreinschauend, nach und nach freundlicher, belebter, und als ich sie jetzt mit lächelnder Miene einlud, da konnten sie nicht länger widerstehen.
Musik, diese Gabe des Himmels, auch von den Metallzünglein einer Mundharmonika, hatte den Sieg errungen, um diese kleinen »Wilden« zu bändigen. In stummer Verwunderung betrachteten sie alles; als ich aber jedem ein Lendentuch von türkisch Rot umgebunden und ein Beil in die Hand gegeben hatte, da hielt es sie nicht länger, sie eilten, gefolgt vom Vater, ins Kanu und paddelten heimwärts, wahrscheinlich aus Besorgnis, die Schätze könnten ihnen nur zum Spaß gegeben sein und wieder abgenommen werden. Ich aber freute mich, glückliche Menschen gemacht und mit zwei Eisenbeilen im Wert von zusammen M. 1,20 die Zukunft zweier hoffnungsvoller Knaben der Steinzeit begründet zu haben.
Etwas westlich vom Kaskadefluß werden die Berge höher und entsenden mehrere Flüsse (Breusing, Lindeman, Albrecht), die in dichtbewaldetem Vorlande münden, das in einer Länge von kaum acht Meilen ebensoviel, zum Teil große Siedelungen (bis zu 20 Häusern) zählt. Bei der westlichsten, Tagai, wurde, nicht weit vom Albrechtflusse, geankert. Es ist dies ein ansehnliches Gebirgswasser, mit viel Kasuarinen an den Ufern, das zur Anlage von Sägemühlen wie geschaffen scheint, besonders deshalb, weil sich hier bedeutende Beständeprächtiger Hochbäume finden, wie wir sie bisher in Neu-Guinea nicht gesehen hatten.
Kaum war der Anker gefallen, so kamen die Eingeborenen ab in Kanus und sonderbaren Wasserkutschen, deren eigentliche Beschaffenheit sich von weitem nicht recht ausmachen ließ. Es schien, als sitze eine dunkle Gestalt im Wasser, bald bis an die Brust untertauchend, bald wieder auftauchend, aber stetig näher kommend. Da löste sich denn endlich das Rätsel und das Gefährt entpuppte sich, wie die Abbildung zeigt, als eins der denkbar einfachsten.
Auf Palmblättern in See.
Auf Palmblättern in See.
Es bestand nämlich nur aus zusammengebundenen Palmblattstielen, auf denen sich je ein Knabe oder junger Bursche anderthalb Meilen weit in See wagte, nur um das dampfende Ungetüm zu sehen. Sachen irgend welcher Art ließen sich auf einem solchen Floß freilich nicht mitbringen, denn es ging mehr unter als über dem Wasser und schien höchstens für Schiffbrüchige empfehlenswert.Als Paddel diente ebenfalls ein Palmblattstiel. Die Kanus erwiesen sich übrigens als trefflich gebaute Fahrzeuge von eigentümlicher neuer Konstruktion. Sie hatten Seitenborde und zeichneten sich vorder- und hinterteils durch einen oft mit Schnitzerei verzierten Schnabelaufsatz (T. VII 3), einen gewaltigen Plattformaufbau (VI 2) und zwei sehr lange Querträger des Auslegergestelles aus. An jeder Seite der Plattform war ein hoher, schmaler Kasten aus Gitterwerk angebracht, der zugleich als Sitz diente, im Kriege aber eine gute Brustwehr abgeben mag. Einzelne Kanus waren sehr groß, an 30 bis 40 Fuß lang, und trugen etliche zwanzig Personen, wovon 14 allein auf der Plattform Platz fanden. Solche Fahrzeuge mit Mast und Segel schienen zugleich Kriegskanus in voller Ausrüstung, denn die Seitenkasten der Plattform waren mit Waffen gefüllt. Letztere bestanden fast nur in Bogen und Pfeilen, aber so schönen, sauber gearbeiteten und reich verzierten, wie ich sie in ähnlicher Weise sonst nirgends in Neu-Guinea traf. Die Pfeile (60 cm lang), wie gewöhnlich aus Rohr, mit äußerst kunstvollen, zum Teil durchbrochen gearbeiteten Spitzen aus Holz oder Bambu, zeichneten sich durch einen feingeflochtenen Knauf aus, der mit aufgeklebten Federn und Coixkernen verziert war, ähnlich wie auf Guap. In vollem Einklange mit den Pfeilen standen die (1,70 Meter) langen Bogen, aus Holz der Betelpalme, mit Sehne von Rotang, die durch einen zierlich geflochtenen Knauf festgehalten wird. Sie sind mit fein eingraviertem Muster ornamentiert und haben Troddeln von dünnem Bindfadengeflecht mit daran befestigtem Federschmuck. In dem letzteren spielen Papageienfedern (Haubenfedern von Kakadus, Eclectus, zuweilen Köpfe der letzteren, wie von Lorius) die Hauptrolle, und darunter wiederum die prachtvollen, rot und schwarzen Federn von Dasyptilus Pequeti. Dieser sonst so seltene Papagei muß hier herum häufig vorkommen, denn seine Federn waren auch in Kopfputzen am meisten vertreten, außerdem die gelben Seitenbüschel vom Paradiesvogel. Von letzteren wurden auch Bälge, für die öfters lange Bamburöhre als Behälter dienten, von den Eingeborenen in größerer Anzahl als irgendwo vorher zum Tausch angeboten. Die Art ist derParadisea minor aus West-Neu-Guinea nahe stehend, fiel mir aber gleich durch ihre Kleinheit auf und erwies sich später in der That als neu Paradisea Finschii. Wie geschickt Eingeborene allerlei Naturprodukte zu benutzen wissen, zeigte sich wiederum an diesen Vogelbälgen, die ohne eiserne Messer präpariert, natürlich sehr zerfetzt waren. Man hatte die Häute über eine Art Pflanzenmark gespannt und mit sehr spitzen Nadeln festgesteckt, die sich als Stacheln eines Landschnabeltieres (Echidna) erwiesen. Von anderen Paradiesvögeln sah ich hier zum erstenmale Federn des seltenen Xanthomelus aureus.
An sonstigem Schmuck und Zierat besaßen die Tagaiten im ganzen nicht viel: Halsketten aus Nassa mit Conusscheiben, schöne Brustringe aus Tridacna, Brustschilde aus Eberhauern (wie XXIII. 2), schmale Schildpattreifen mit Schnüren von Coix als Ohrringe und eigentümlichen Nasenschmuck aus Perlmutter (T. XX. 6). Haarkörbchen kamen hier nur vereinzelt vor, zuweilen mit einem Kranz aus Kasuarfedern verziert, aber im Haarwuchs selbst wurde Erstaunliches geleistet. Einzelne Männer schienen eine Alongeperücke aus der Zeit Louis XIII. zu tragen; es war aber alles eignes Haar, eine dichtverfilzte Masse, die 30 cm breit und 20 cm lang den ausrasierten Nacken deckte. Selbstredend durfte nichts unversucht bleiben, eine solche Monstreperücke zu sichern, und ich freue mich, das Bild des Trägers derselben noch in ungeschorenem Zustande geben zu können.
Haartracht eines Häuptlings von Tagai.
Haartracht eines Häuptlings von Tagai.
Es war ein stattlicher Kerl, mit wertvollem Muschelring als Halsschmuck und eigentümlicher Bemalung der Brust in Grau, die ichhier zuerst bemerkte. Im Haar trug er einen weit über die Stirn vorragenden, sogenannten Kamm, mit Haubenfedern der Krontaube (Goura) verziert, auf dem Scheitel zwei Seitenbüschel von Paradiesvögeln, wohl für lange Zeit zum letztenmal. Denn schon hielten mein Helfershelfer, der Steuermann, und ich die Waffen bereit, harmlos aussehende Scheren, die diese Eingeborenen ja noch nicht kannten, und ehe das Opfer noch recht ja oder nein sagen konnte, setzten wir an, und der seltene Schatz war für die Wissenschaft gerettet. Das Stück ziert jetzt das Berliner Museum, sofern es überhaupt zur Aufstellung gekommen ist. Als ich den Mann seine Veränderung im Spiegel betrachten ließ, machte er freilich ein verblüfftes und anscheinend nicht sehr erfreutes Gesicht, aber ich schenkte ihm den Spiegel und einiges andere dazu, unter der Versicherung, daß die Haare ja wohl wieder wachsen würden. Ich irre aber gewiß nicht, wenn ich eine derartige Perücke als Häuptlingsschmuck ansehe, denn unter fast ein paar Hundert Tagaiten, die uns in etlichen zwanzig Kanus umlagerten, trugen kaum mehr als ein halbes Dutzend solchen Haarwuchs. Die übrigen hatten gewöhnliches Papuahaar, in Form einer wolligen oder zottligen Kappe, und waren auch sonst echte Papuas, aber viele von ziemlich heller Färbung (wie Nr. 29 bei Broca). Hautkrankheiten zeigten sich nur wenig, aber ich beobachtete bei einzelnen Pockennarben. Die Männer trugen als Bekleidung die bekannten Tapastreifen, und auch bei Mädchen sah ich hier zum erstenmale Tapaschürzen statt der sonst üblichen Faserröckchen. Die Sprache war, wie fast überall, wo wir auf dieser Reise mit Eingeborenen verkehrten, verschieden von der vorher gehörten, das Betragen der Leute ein lobenswertes. Ohne Scheu kamen sie gleich an Bord, und ein Arbeiter-Werbeschiff hätte hier in der kürzesten Zeit ein wertvolles Cargo Rekruten mitnehmen können. Für alles wurde übrigens »Bodé« — Eisen, verlangt, wie dies immer der Fall ist, wenn Eingeborene solches erst kennen lernen. Außer wenigen Kokosnüssen, etwas Yams und Betel brachten sie nur zwei Hühner und ein Schwein (Bor), in dem Seite 327 dargestellten gefesselten Zustande. Es war leider ein junges und kaum des Schlachtens wert;nach vielen Verhandlungen holten die Leute dann noch ein zweites größeres. Man sieht daraus, daß es in Neu-Guinea mit Lebensmitteln des Landes in der Regel gar schlecht bestellt ist und man ohne eigenen Proviant verhungern könnte.
Gefesseltes Schwein.
Gefesseltes Schwein.
Schon vom Kaskadefluß an machte sich weiter inland eine höhere Bergkette bemerkbar, die nach und nach bedeutender wurde und sich zu einem Gebirge entfaltete, das d'Urville nach dem großen, italienischen Physiker Torricelli benannte. Es bildet einen dichtbewaldeten, in seiner Kammlinie ziemlich einförmig verlaufenden Rücken und mag an oder über 3000 Fuß Höhe erreichen. Als wir in der Früh (14. Mai) von unserem Ankerplatz bei Tagai westlich dampften, trat dieses Gebirge besonders deutlich hervor mit einer sehr markierten Kuppe, der Langenburg-Spitze[78], wie sie die beigegebene Abbildung (S. 329) darstellt. Diese Bergspitze zeichnet sich durch ein paar kahle Stellen aus, die von Erdrutschen oder ähnlichen Erscheinungen herzurühren scheinen. Von Tagai verläuft der Ufersaum weiter West in einem breiteren, dicht bewaldeten Vorlande und scheint noch ca. drei Meilen ziemlich bewohnt, soweit sich dies aus einzelnen Häusern mit kleinen Palmgruppen schließen läßt.
»Bei Passier-Point sind ausgedehnte Lagunenriffe und mehrere kleine Inseln« sagt Powell in dem Vortrage[79]über seine Reise andieser Küste (?). Ja wohl! auf den Karten ist hier sogar eine zwei Meilen lange und breite Landzunge oder ein Riff verzeichnet, nach welcher wir vergebens Ausguck hielten. Herr Powell wird daher wohl etwas weitab gewesen sein, denn sonst müßte er gesehen haben, daß Passier-Point überhaupt nicht existiert. Ein isolierter Bestand dunkler Kasuarinen, welcher plötzlich in den sonst herrschenden Laubwaldscharakter der Küste einsetzt, war höchstwahrscheinlich die Ursache, daß d'Urville hier eine Huk verzeichnete. Schiffe, welche wie die Astrolabe weiter von der Küste segeln, können durch solche Kasuarinenhaine leicht getäuscht werden, da dieselben sich wegen der dunklen Färbung schärfer als die übrige Küste markieren und von weitem wie vorspringende Felsenkaps aussehen. Bald zeigten sich kleine Inseln, die Sainson-Gruppe, von d'Urville aus Nord gesichtet, auf welche wir, immer der Küste folgend, zuhielten. Durch eine vollkommen rifffreie Straße, die Babelsbergstraße, lief der Dampfer in die schöne Lagune ein, welche von diesen Inseln gebildet wird. Im Osten derselben liegen Faraguet und Sainson, niedrige, dichtbewaldete Inseln, von denen nur die letztere an der Südseite Kokospalmen und drei Siedelungen besitzt, und die durch Riff verbunden, ein hufeisenförmiges Becken umschließen, das ich Berlinhafen benannte. An der Südwestspitze von Sainson und durch Riff verbunden, schließt ein Inselchen, Sanssouci, das Hufeisen. Es ist kaum eine Viertelmeile lang, besteht aber fast nur aus Kokospalmen und Häusern, deren Bewohner sich jedoch versteckt hielten, während von Sainson ein Segelkanu abzukommen versuchte. Ähnlich reich an Kokospalmen und Bevölkerung ist die Küste, welche ausgedehntes Waldvorland, dahinter niedrigere bewaldete Hügel- und Bergreihen zeigt. Dieses Kopragebiet, das einzige von einiger Bedeutung an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas, scheint sich an zehn Meilen weit bis Lapar-Point hinzuziehen. Dieser letztere von d'Urville benannte Küstenpunkt ist nur ein dichtbewaldeter, etwas vorspringender Uferhügel, durch schwarze Felsen und Steine ausgezeichnet, welche sich bis Dudemain-Insel hinzuziehen und uns den direkten Weg westwärts zu versperren schienen. Wir versuchten also, den nach der Kartedurch Riffe geschlossenen Durchgang zwischen Faraguet und Dudemain, fanden ihn aber glücklicherweise vollkommen frei (16 Faden und kein Grund!) und gelangten wieder einmal in klares dunkelgrünes Wasser. Dudemain mit dicht bewaldeten Korallfelsen erscheint wie eine hohe Insel; an der Südseite sind ein paar kleine Siedelungen, an der Nordseite ziemlich viel Kokospalmen.
Langenburg-Spitze, Torricelli-Gebirge.
Langenburg-Spitze, Torricelli-Gebirge.
Von Lapar-Point verläuft die Küste fast geradlinig nach W.-N.-W. bis zu einer sanftgerundeten Ecke, der Baudissin-Huk[80]. Auch dieser an 20 Meilen lange Strich, ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland, von bewaldeten Hügeln begrenzt, hinter denen höhere Berge folgen, scheint sehr beachtenswert. Ich notierte vier Flüsse, (Arnold-, Joest-, Bastian- und Lagunenfluß), deren Mündungen indes wie bei fast allen vorhergehenden unzugänglich erschienen. Zwischen dem Joest-und Lagunenflusse gab es wieder ziemlich viel Kokospalmen, aber ich beobachtete nur wenig Siedelungen. Der Lagunenfluß ist der Ausfluß eines großen Wasserbeckens, das vom Mast aus wie ein ausgedehnter See erschien, mit einer bewaldeten Insel in der Mitte; auch Dörfer, Pfahlbauten, ließen sich mit bloßem Auge im Wasser erkennen. Gewiß eine sehr interessante Gegend und der Untersuchung wert, für die wir leider keine Zeit hatten. Diese Lagune dehnte sich scheinbar bis zu einer Hügelkette aus, hinter welcher weiter inland wohl an 3000 Fuß hohe Kuppen vorragten.
Mit dem Lagunenflusse beginnen wieder einmal Kasuarinen das Ufer zu säumen, welche, im Gegensatze zu Kokospalmen, fast ausnahmslos das Fehlen von Menschen andeuten. Ich bedauerte dies nicht im mindesten, als wir am Abend ca. fünf Meilen West von dem Flusse zu Anker gingen, denn eine ruhige Nacht that mir nach den Anstrengungen der vorhergehenden Tage mehr als je not. Den ganzen Tag Notizen zu machen und zwischendurch mit den Eingeborenen zu verkehren, um Sachen einzutauschen, ist ein gar hartes Stück Arbeit, denn schon die Zeichensprache ist ermüdend und erfordert mehr geistige Anstrengung als irgend eine andere, und vor allem Geduld, die Geduld eines Engels. Wie oft merkt man nicht heraus, daß die Eingeborenen sehr gut begreifen, was man will, sich aber nur absichtlich dumm stellen, wie ein Beispiel aus dem Verkehrsleben mit ihnen am besten zeigen wird. Zahlreiche Kanus mit Eingeborenen lagern um den Dampfer und fischen die roten Lappen auf, die zunächst als Köder über Bord geworfen werden. Aber sie haben nichts Rechtes; schlechte Speere, alte geflickte Tragbeutel, verschlissene Grasarmbänder, ein paar schlechte Muscheln und ähnlichen Plunder. Das Gute, die feinen Sachen, sind noch versteckt, denn es ist erstaunenswert, was so ein spärlich bekleideter, nach unseren Begriffen nackter Mensch alles an seinem Körper verbergen kann. Wie ich wohl weiß, liegen aber die besten Sachen in Blätter und Tapastreifen eingepackt, unsichtbar für uns, am Boden des Kanu. Um wenigstens mit dem Handel zu beginnen, fange ich an Plunder zu kaufen; aber die Eingeborenen wollen gegen rotes Zeug, Glasperlenund dergleichen nicht recht etwas hergeben. Mein Kennerblick hat die ganze Gesellschaft gemustert; nur einer unter ihnen trägt als begehrenswert einen hübschen Ring, aus Muschel gearbeitet, an einem Strickchen um den Hals. Wohlgefällig ruht mein Auge auf diesem Schmucke, ich deute durch Zeichen an, ihn zu kaufen. Aber der Eingeborene hat ebenfalls begriffen, was mich reizt, und als mein einen Moment abgewandter Blick den Träger sucht, findet er ihn nicht mehr. Er ist verschwunden! nämlich der Schmuck; zuerst auf den Rücken gedreht, dann abgebunden und im Kanu verborgen. Vergebens suche ich klar zu machen, was ich wieder haben will. Man versteht mich sehr gut, aber der Mann, der das kostbare Stück überhaupt nicht verkaufen will, stellt sich dumm und zeigt allerlei Dinge, nur nicht das Gewünschte. — Das ist eine kleine Probe im Geduldsspiel »Schacher mit Eingeborenen«, dessen Früchte später, wenn alles gut geht, unsere Museen zieren. Ja, ja, man sieht es den oft sehr bescheidenen Dingen nicht an, welche Mühe ihre Erwerbung kostete; alles im »Dienste der Wissenschaft«, aber im Schweiße des Angesichts errungen und erschachert.
Ist man endlich die Eingeborenen glücklich los, dann bleibt noch die nötigste Arbeit, die erhaltenen Stücke mit dem Fundort zu bezeichnen und — last not least — das Gesehene und Erlebte selbst ins Tagebuch zu schreiben. Das hat mir manche Nachtstunde gekostet und geht auf rollendem Schiffe nicht so bequem als daheim im Studierzimmer. Freilich meinen die Herren des letzteren gar häufig, daß ethnologisches Sammeln reines Kinderspiel sei, aber da haben sie wohl nicht selbst praktische Erfahrungen gemacht, denn es kauft sich nicht so leicht wie auf einem Bazar bei uns. Eine so anstrengende Lebensweise stellt, im Verein mit der Hitze, welche meist einen Teil der Nachtruhe raubt, bedeutende körperliche Anforderungen, die das ewige Einerlei der Schiffskost mit Konserven und immer wieder Konserven nicht befriedigen kann. Ein tüchtiger Koch vermag freilich viel, aber das war der unsere nicht, mit dem überhaupt sehr zart umgegangen werden mußte. Schon am dritten Tage der Abreise machte er mich darauf aufmerksam, daß alles Wasseran Bord vergiftet sei. Das ließ keinen Zweifel, daß wir es mit einem Verrückten zu thun hatten. In der That stellte sich immer mehr heraus, daß der Mann an Verfolgungswahnsinn litt, und ein solches Mitglied an Bord zu haben, ist eben nichts Angenehmes.
Mit gewohnter Pünktlichkeit wurde am anderen Morgen (15. Mai) aufgebrochen, und kaum hatten wir Baudissin-Huk passiert, so zeigte sich wieder weithin trüb lehmfarbenes Wasser voraus. Es wird durch den Goßler erzeugt, einen ansehnlichen, aber ebenfalls durch Barre versperrten Fluß, dessen Mündung wir bald darauf erblickten. Der weiße, scharf abgesetzte Schaumstreif, welchen die Kabbelung dieser Flußauswässerung hervorbringt, mag im Verein mit den hellgefärbten Felsen der Uferbasis der darauf folgenden Küste die Veranlassung gewesen sein, daß d'Urville ein ausgedehntes Riff vor sich zu sehen glaubte. In Wirklichkeit existiert das 12 Meilen lange Karan-Riff der Karten aber nicht. Diese ganze Küste zeichnete sich übrigens durch intensive Einförmigkeit, ja Langeweile aus; überall dieselben niedrigen, eintönig dunkelgrünen Hügelketten, die wie mit einer einzigen Laubholzart bewaldet scheinen, keine Kokospalmen und damit keine Menschen. Erst viel weiter westlich, nachdem wir noch eine Flußmündung (des Thorspecken) passiert hatten, zeigten sich wieder Palmen und damit Eingeborene, obwohl sich von ihren Siedelungen nichts bemerken ließ. Sie mochten im Dickicht des Urwaldes verborgen sein, aber jedenfalls kamen Kanus ab und zwar eine ganze Anzahl, so daß gestoppt wurde. Diese Fahrzeuge unterschieden sich im wesentlichen von den gestern gesehenen durch den Mangel eines Schnabelaufsatzes und einer erhöhten Plattform, waren kleiner, aber eigentümlich durch aufgebundene Randleisten und Bemalung der Seiten (vergl. T. VII 1). Einzelne Kanus führten auch Segel[81]und als Verzierung der Mastspitze einen Büschel Kasuarfedern.
Eingeborener von Massilia.
Eingeborener von Massilia.
Von den Eingeborenen selbst wird die beigegebene Abbildung eines jungen Kriegers die beste Vorstellung geben. Er trägt eines der geschmackvollen Brustschilde aus Platten von Eberhauern mit roten Abrusbohnen und Nassa besetzt (XXIII. 2), um den Arm Ringe aus Querschnitten von Trochusmuschel, durch die Nasenscheidewand zwei längsgespaltene und dünn geschliffene Eberhauer (T. XX. 8), die im Verein mit der schwarzen und weißen Bemalung des Gesichtes, die übrigens als Verschönerung dienen soll, ein gar wildes Aussehen verleihen. Im linken Ohr steckt ein runder Ball aus Cuscusfell, im rechten sind Schnüre aufgereihter Coixkerne befestigt. Ein breiter Gürtel aus Baumrinde, mit welchem der Leib unnatürlich eng eingeschnürt wird, und ein Tapastreif um die Lenden würde den Ausputz eines hiesigen Eingeborenen vollenden. Breite Kopfbinden aus Cuscusfell waren hier auch sehr beliebt, wie eine besondere Art eleganter Leibschnüre von schwarzen Perlen aus Kokosnußschale und Conusringen (T. XXIV. 3). Sonst sah ich nur bereits Bekanntes. So Bogen wie von Tagai (S. 324), aber ohne Federschmuck, und Pfeile wie von Guap (S. 318). Haar und Bart erfreuten sich keiner besonderen Pflege; doch beobachtete ich noch einzelne verfilzte Haarperücken und bei jungen Leuten eine Haarwulst längs der Scheitelmitte, eine Frisur, die in Neu-Irland sehr häufig ist und an die Raupe des bayerischen Helmes erinnert. Nicht selten waren jene erhabenen Narben, die durch wiederholtes Einschneiden der Haut hervorgebracht werden, eine sehr schmerzhafte Operation, die als Verschönerung weit über Melanesien verbreitet ist. Figur a der Abbildung (S. 334) zeigt dieblattförmige Ziernarbe eines hiesigen Kriegers und zugleich die Art und Weise, wie der Dolch aus Kasuarknochen in den Armbändern von Trochusreifen getragen wird.
Ziernarben.
Ziernarben.
Die Leute hatten viel Tabaksblätter in Bündeln, sonst kaum etwas anzubieten. Neu waren mir aber in eigentümlicher Form geräucherte Fische, die ich anfänglich für irgend eine Art Armbänder oder dergleichen hielt. Wie eine Spirale windet sich, an einem Stocke befestigt, Fisch an Fisch, jeder mit der Schwanzspitze die Schnauze berührend, eine Methode, die ihrer Originalität halber, auf einer Ausstellung gewiß ausgezeichnet werden würde. Der Geschmack dieser Fischkonserve konnte indes nur Papua reizen.
Diese Eingeborenen betrugen sich übrigens längst nicht so manierlich als ihre Rassengenossen der vorhergehenden Tage; sie lärmten gar sehr und kriegten oft untereinander Streit. Doch ließ sich ganz gut mit ihnen kramen, und sie waren anfänglich sogar mit rotem Zeuge zufrieden. Als ich aber Eisen, Hobeleisen, zum Vorschein brachte, da wurden sie, wie der Kapitän zu sagen pflegt, förmlich »wild«, das heißt vor Freude. »Massilia!« und »Massilia« ertönte es ohne Ende, ein Name, dessen Bedeutung mir zwar unklar blieb, den ich aber kartographisch mit dieser Stelle verbinde. Sie ist jetzt wenigstens auffindbar, falls jemand Lust haben sollte, hierher zu gehen, um Aufklärungen über Massilia zu geben.
Weiter nach West behält die Küste denselben Charakter, zeigt keine Spuren von Bevölkerung, und das einzige, was wir entdeckten, waren zwei Flüsse, (Ratzel und Neumayer) die vielleicht nur Arme eines und desselben sind, und drei Inseln, nahe der Küste, oder vielmehrInselchen, so klein, daß ich sie »Däumlinge« nannte. Wenn sich nicht etwa Gold oder »Sowas« auf ihnen findet, wird diese Entdeckung ziemlich wertlos bleiben, aber nichtsdestoweniger eine Entdeckung. Hinter der dichtbewaldeten Uferhügelkette traten jetzt höhere Berge hervor, einförmige Rücken, die im Westen durch einen Berg von eigentümlicher Form, wie ihn die nachstehende Skizze (rechts) zeigt, einen vorläufigen Abschluß fanden. Es ist der circa 3000 Fuß hohe Bougainville von d'Urville und, wie sich später erwies, identisch mit dem Mount Eyries von Belcher. Der Hügel gleich im Vordergrund meiner Skizze ist Kap Concordia, das uns schon längst aufgefallen war und hinter dem wir einen Ankerplatz für die Nacht zu finden hofften. Wirklich zeigte sich hier der Eingang zu einer kleinen hübschen Bucht, welche unserem Wunsch durchaus entsprach. Es war die »anse de l'attaque«, von d'Urville am 11. August 1827 nur gesichtet, aber nicht besucht[82], in der wir baldwohlbehalten ankerten. Sie bildet ein rings von bewaldeten Bergen umschlossenes rundes Becken, mit freier, jederseits durch Riffe geschützter Einfahrt, gutem Ankergrunde (7 bis 15 Faden) und giebt einen prächtigen und sicheren Hafen ab. Längs dem Sandstrande, welcher Angriffshafen säumt, sind dichte Reihen Kokospalmen, aber keine Siedelungen, die, wie wir später bemerkten, westlich von Reiß-Huk in der angrenzenden schmalen Friederichsen-Buchtung liegen.
Kap Concordia und Bougainville.
Kap Concordia und Bougainville.
Ganz wie zu d'Urvilles Zeiten kamen, noch ehe der Anker fiel, Eingeborene in ihren Kanus angerudert; zehn, zwanzig, bis eine ganze Flotte von dreißig bis vierzigen den Dampfer umlagerte. Die Leute stellten förmliche Wettrudern an, als solle das Schiff gleich genommen werden und führten, wie damals, Unmassen von Waffen mit sich. Ich kannte die Art der Eingeborenen aber besser und wußte, daß ich bald eine Menge ihrer Armaturstücke einhandeln und daß ev. ein Gewehrschuß genügen würde, die Flotte in wilder Flucht auseinander zu jagen.
Die Kanus schienen im ganzen klein und trugen drei bis sieben Mann; doch waren einzelne mit Mast und Segel versehen; letzteres aus dem bastartigen Zeug von der Basis des Kokospalmblattes. Die Fahrzeuge zeichneten sich übrigens durch einige Besonderheiten aus. So ist die anscheinende Randborte nicht aufgebunden, sondern in einem Stück mit dem Kanu aus dem Baumstamm gezimmert (vergl. T. VII 2). Außer eingravierten Verzierungen der Seiten, sind die Enden der Kanus häufig mit einem kunstvoll geschnitzten, buntbemalten, S förmigen Schnabel versehen, der gewöhnlich in einen Vogelkopf endet und angebunden wird. Kanuspitzen mit Schnitzereien von Krokodilen (wie VII 4, 5) kommen hier und weiter westlich nicht mehr vor. Zwei auf dem Ausleger befestigte Stöcke, die nach innen zu in einen Haken enden, öfters ebenfalls bemalt und zierlich ausgeschnitzt, dienen wie ein schmaler Gitterkasten an der entgegengesetzten Seite zur Aufbewahrung der Waffen, die hier sehr handlich liegen. Sie bestanden hauptsächlich in Bogen und Pfeilen, wie wir sie schon in Tagai (S. 324) kennen lernten, indes ohne Federschmuck, aber ich war erfreut, hier auch Schilde zu finden und nochmehr durch Kürasse überrascht, die, wie ich glaube, bisher nur im Inneren des Flyflusses beobachtet wurden. Diese Armaturstücke verleihen, wie die Abbildung zeigt, dem hiesigen Krieger im vollen Staate ein gar martialisches Aussehen. Die Schilde zeichnen sich durch besonders schöne, erhaben geschnittene Ornamentik aus und gehören mit zu den besten Kunstleistungen des Papuafleißes. Die Kürasse sind feine Modelle sauberer Korbflechtarbeit aus gespaltenem Rotang und werden durch Bänder über die Achsel festgehalten. Für unsere Panzerreiter würden sie freilich, schon ihres Umfanges wegen, nicht passen, denn es gehören Leute von weniger als 83 cm Hüftenweite dazu, um hineinzuschlüpfen. Lendenbinden aus Tapa, wie sie die Krieger, (siehe Abbildung) gürten, gehörten zu den Ausnahmen. Die meisten Männer begnügen sich nämlich mit einer Kalebasse (T. XVI. 7), die ich einzeln schon in Massilia gesehen hatte, und die für hier, wie weiter westlich, als Bekleidung charakteristisch ist.
Krieger von Angriffshafen.
Krieger von Angriffshafen.
Auch in den übrigen Sachen der Eingeborenen zeigten sichallerlei Veränderungen, und man konnte bemerken, daß wir uns in einer neuen ethnologischen Provinz befanden. Hundezähne und Cymbiumscheiben, die weiter im Osten eine so hervorragende Rolle spielen, waren kaum mehr zu sehen, dagegen sind für dieses Gebiet die schönen roten (auch stahlblauen) Paternosterbohnen (von Abrus precatorius) als Material zu Zieraten charakteristisch. Ihre geschmackvollste Anwendung finden sie bei den schon (S. 316) erwähnten Kampfbrustschilden (XXIII. 2), aber auch bei Stirnbinden und Armbändern. Es verdient dabei Beachtung, daß diese Bohnen stets mittelst einer Art Harz aufgeklebt, nicht aufgereiht und aufgeflochten werden, wie dies mit den Samen von Coix lacrymae geschieht, die im hiesigen Schmuck ebenfalls häufige Verwendung finden. So sah ich hübsche Stirnbinden aus Coix, in feines Flechtwerk eingeknüpft, wie überhaupt eine Menge eigenartiger Zieraten. Reich vertreten waren schöne Leibgürtel, (wie Fig. 8, T. XXIV), und dünne Leibschnüre aus Coix und Kokosperlen (wie XXIV, 7), oder eigentümliche, rot gefärbte, aus einem feinen Fasermaterial (wohl vom Blatt der Sagopalme), zum Teil mit Coixsamen durchflochten und mit einzelnen Federn aus den Seitenbüscheln des Paradiesvogels. Gravierte breite Schildpattarmbänder fehlen hier, wie diesem westlichen Gebiet überhaupt, aber schmale, dünne Schildpattreifen sind sehr in Mode und werden, oft in großer Anzahl, im Ohrläppchen getragen. Sie sind häufig noch mit langen Troddeln aus Bindfaden und Coixkernen verziert, ebenso wie die sogenannten Haarkämme, die hier (vergl. T. XVII. 3) in eigentümlicher neuer Form auftreten. Als Nasenschmuck fanden, außer den (S. 333) erwähnten Eberhauern, besonders dicke Keile, aus Rohr (T. XX. 4) oder sehr sauber aus Tridacnamuschel (XX. 3) geschliffen Verwendung. Wenn man bedenkt, daß ein solcher Muschelkeil bei 11 cm Länge bis 17 mm dick ist und 60 Gramm wiegt, so kann man ermessen, was den hiesigen Nasen zugetraut wird. Eine Ausdehnung der Nasenlöcher auf 55 mm in der Runde ist gewiß keine Kleinigkeit, wobei bemerkt sein mag, daß diese Körperöffnung beim Papua keineswegs so unverhältnismäßig viel größer ist als beim Mittelländer, denn ich kenne Nasen vonWeißen, die bis auf die Couleur sich in nichts von denen gewisser Papuas unterscheiden. Aber »Hoffart will Zwang haben« gilt auch beim Kanaker, und so unterwirft er sich willig der Mode, wie dies, trotz mancher Inkonvenienzen bei uns auch geschieht. Denn ein solcher Nasenschmuck ist ja eine Zier des Mannes und verschönert ihn, — wie? — zeigen die Figuren 1 und 2 Taf. XX. Aber hinsichtlich der Ziernarben (vergl.S. 334, Fig. b) verhält es sich ja ebenso.
Charakteristisch für dieses westliche ethnologische Gebiet sind auch die Steinäxte und zwar durch den Stiel. Derselbe besteht nämlich nicht in einem knieförmig gebogenen, rechtwinkeligen Aste, sondern in einem geraden runden Holzstück (vergl. T. I. 5), in welchem das Holzfutter mit der Steinklinge in einem Bohrloche steckt. Für Menschen der Steinperiode ist es schon ein äußerst schwieriges Stück Arbeit, ein so weites Bohrloch anzufertigen. Wie wollten wir wohl ohne Bohrer damit fertig werden? Diese Manier der Befestigung der Klinge bietet übrigens den Vorteil, daß die letztere drehbar ist. Manche der hiesigen Axtklingen schienen, soweit sich nach dem Auge urteilen läßt, Nephrit zu sein. Filetgestrickte Brustbeutel sind im westlichen Gebiet zwar vorhanden, aber viel seltener als im östlichen und entbehren meist des reichen Ausputzes, in welchem Scheiben aus Cymbiummuschel gar nicht mehr vertreten sind. Eigentümlich waren aus Kokosblatt geflochtene Tragkörbe, in besonders reicher und eigentümlicher Ausschmückung (darunter Faserbüschel, Paradiesvogelfedern, Krebsscheren und bemalte Tapa).
Außer Kokosnüssen und etwas Yams brachten die Angriffshafener Blättertabak, geräucherte Fische und verschiedene Nährmuscheln (Batissa violacea und angulata, sowie Neritina petiti und rhytidophora), die hier sehr beliebt zu sein scheinen, sowie etliche schlechte Paradiesvögelbälge.
Anthropologisch zeigten sich auch die hiesigen Eingeborenen als echte Papuas von gewöhnlicher, dunkler Hautfärbung (zwischen Nr. 28 und 29 Broca's), und erschienen im allgemeinen als kräftige und gut gebaute Menschen. Mit vieler Mühe gelang es mir, einigezu messen, denn sie hatten schreckliche Furcht und zitterten wie Espenlaub, schier als solle es ihnen an den Kragen gehen. Die gewöhnliche Höhe ergab 1,57 Meter, wie dies sonst bei Papuas[83]der Fall ist; die stärksten Männer maßen 1,67 bis 1,70 Meter. Schuppenkrankheit und Ringwurm waren sehr verbreitet, aber ich sah keine Pockennarben. Bezüglich des Kopf- und Barthaars gilt das bei Massilia gesagte (S. 333); rote Erde war nicht selten ins Kopfhaar geschmiert, sonst sah ich wenig Bemalung.
Obwohl ich bei den Leuten nur eine Glasperle als einziges europäisches Erzeugnis beobachtete, die sehr alt zu sein schien und an einem Kamm befestigt war, so schienen sie doch Eisen zu kennen. Denn sie machten die Pantomime des Schneidens und nahmen sonderbarerweise Messer, die sonst am wenigsten begehrt sind, lieber als Hobeleisen.
Durften die Massilianer schon als Radaumacher gelten, so waren es diese Eingeborenen in erhöhtem Maße. Jeder wollte zuerst seinen Kram los werden, und dabei wurde geschrieen, daß man kaum das eigene Wort verstehen konnte, ein wahrer Höllenspektakel! Und nach des Tages Last und Hitze sehnte man sich wirklich nach Ruhe und bedurfte derselben; aber der hereinbrechende Abend schien den Handelsgeist der Leute nicht im mindesten abzuschwächen. Hundertmal hatte ich ihnen angedeutet, daß nichts mehr gekauft würde, aber immer wieder wurden Sachen, oft dieselben Stücke angeboten. Da ist z. B. ein langer Kerl, der um jeden Preis seinen schlechten Knochendolch zu hohem Preise los sein will, obwohl ich ihn schon so viele Male zurückgewiesen. Das Stück erscheint immer aufs neue und in verändertem Aussehen auf der Bildfläche. Bald ist es mit grünen Blättern, bald mit Baststreifen verziert oder mit roter Farbe angeschmiert, aber immer wird es durch einen anderen offeriert. Nicht wahr, diese Schwarzen sind pfiffige Leute? Aber wir waren esauch, und zwar in einer den braven Eingeborenen durchaus neuen Weise. Ein paar Worte mit dem Maschinisten und plötzlich gellte die Dampfpfeife. Hei, wie sie das Wasser schaufelten und in wilder Hast heimwärts stürmten! »Ja, nicht wahr? der Schreck ist euch in die Glieder gefahren« dachte ich, als mit dem Pfiff Luft geschafft worden war und zündete mir ein Pfeifchen an, um bei der matten Kajütenlampe und 27° R. Wärme die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben. Prioritätsrechten zufolge muß diesem Hafen der odiöse Name verbleiben, der lehrt, wie verschieden die Aufnahme an ein und demselben Platze sein kann, zu der allerdings das Auftreten der Fremden nicht selten die Veranlassung giebt. Kap »Eintracht«, in Erinnerung an das gute Einvernehmen mit uns, wird die Angriffshafener etwas versöhnen, denen ich noch außerdem das Epitheton »Lärmonkels« stifte.
Auch auf der Weiterreise (16. Mai) zeigte die Küste denselben einförmigen Charakter: dichtbewaldete Hügel, die steil bis ins Meer abfallen, hie und da mit kahler Felssohle, im Hintergrunde höhere Berge. Wir hatten Angriffshafen noch nicht lange verlassen, als sich westlich von einer sanft gerundeten Huk (Robidé), in weiter Entfernung höheres, in Wolken gehülltes Land zeigte, daß sich später als Teil des Cyclopgebirges erwies. Humboldt-Bai, das Endziel unserer Reise war also nicht mehr fern und der Eingang zu derselben deutlich zu erkennen, nachdem wir Robidé-Huk[84]passiert hatten. Das Meer zeigte hier wieder seine eigentliche tiefblaue Farbe, aber einige Meilen weiter erschien es, soweit das Auge reichte, aufs neue scharf abgesetzt grün, wie ein großes Riff. Wir hatten diese Erscheinung aber bereits so häufig beobachtet, daß der Kapitän ohne Zögern in das grüne Wasser hineindampfte, welches bald schmutzig lehmfarben wurde. Es mußte also in der Nähe ein Fluß münden, nach dem der Kapitän zu suchen schien. Statt nach dem Eingange von Humboldt-Bai, die mit Kap Bonpland so deutlich voraus lag, wurde nämlich O.-S.-O. gesteuert, in eine Art sanfte Bucht, die östlichvon einem steilen, dichtbewaldeten Hügel begrenzt wird. Ich nannte ihn später Germania-Huk, weil sie den letzten Küstenvorsprung auf deutschem Gebiete bezeichnet. Bald sahen wir die erwartete Mündung eines Flusses, des Sechstroh, (nach unserem ersten Offizier). Obwohl sich die Unzugänglichkeit desselben schon jetzt erkennen ließ, so fehlen der Kapitän, welcher wie immer aus der Marsraae[85], die Navigation leitete, doch Absichten mit diesem Flusse zu haben. Es wurde ein Boot ausgesetzt, fleißig gelotet und — »schmiet daal!« — da rasselte der Anker in die Tiefe. »Willkommen in Humboldt-Bai« hieß es, als Kapitän und Steuermann aus ihrer luftigen Höhe wieder an Deck festen Fuß faßten. »Humboldt-Bai? I, Gott bewahre! die liegt ja dort, noch über fünf Meilen zu West« — Und so verhielt es sich auch; übrigens ein verzeihlicher Irrtum, da keine Spezialkarte dieser Bai an Bord war, die ich diesmal besser kannte. Hatte ich mich doch einmal mit Humboldt-Bai eingehend zu beschäftigen gehabt, als ich vor vielen Jahren mein erstes Buch[86]über Neu-Guinea schrieb, eine jener gutgemeinten Kompilationen, in denen trotz aller Sorgfalt eine Menge Fehler unterlaufen. Ich konnte damals freilich nicht ahnen, daß ich noch einmal Gelegenheit haben würde, dieselben an Ort und Stelle zu korrigieren. Da lagen wir nun, kaum drei Viertel Meilen, in sieben Faden Schlick, vor dem neuen Flusse, dessen Mündung sich durch mächtige Brandung und Treibholzstämme kennzeichnete, aber ebenso wenig versprechend aussah, als die Küste selbst. Sie zieht sich als dichtbewaldetes Flachland, an dem es brandet, anscheinend bis Kap Bonpland hin, das durch mehrere hellgefärbte Flecke, kahlen Fels, so kenntlich ist. Das Kap bildet den steilabfallenden Ausläufer einer bewaldeten Hügelkette, welche das Vorland begrenzt und auf deren Kammlinie sich zwei Kuppen (Alexander-Spitze, ca. 1200 Fuß und Aimé-Kuppe, ca. 1000 Fuß) besonders markieren. Bei der sehr bedeckten Luft war Kap Caillié nicht deutlich auszumachen, wohl aber die Ausläufer desCyclopgebirges und die Berge in der Tiefe von Humboldt-Bai zu erkennen. Der Mangel von Kokospalmen an der Vorlandsküste ließ auf den gleichen an Menschen schließen, und so konnte eine Revision der Maschine, welche zum Bleiben nötigte, in aller Ruhe vorgenommen werden. In Humboldt-Bai wäre das, wie wir später sehen werden, gewiß nicht mehr möglich gewesen. Der unfreiwillige Aufenthalt hier erwies sich daher als eine Fügung des Himmels, für die wir in jeder Beziehung dankbar sein konnten. Freilich dauerte die Ruhe nicht lange, denn bald zeigten sich bekannte dunkle Gestalten am Ufer, die mit grünen Zweigen winkend, uns schreiend an Land einluden. Der Kapitän wollte aber seinen Leuten einmal etwas Ruhe gönnen und hatte überdies nicht Lust, ein Boot zu gefährden, da die Landungsverhältnisse nicht eben sehr günstig aussahen. Die Eingeborenen riefen ohne Aufhören weiter und gaben sich alle erdenkliche Mühe; sie wateten brusttief ins Wasser und erkletterten die Treibholzstämme, auf denen bald eine ganze Reihe, wie brüllende Seelöwen hockte. Die armen Kerle besaßen gewiß keine Kanus und hätten die seltenen fernen Gäste doch so gern gesehen! Ach was! die werden sich schon zu helfen wissen. Und sie halfen sich! Bald sah man braune Körper, auf irgend etwas sitzend, durch die Brandung gondeln und mit der Strömung nach dem Dampfer treiben. Ja, das waren wirklich die denkbar einfachsten Fahrzeuge, Baumwurzeln, jederseits ein dicker Bambu angebunden. Aber, wie die Abbildung (S. 344) zeigt, die Sache ging prächtig. Als wären sie erwartet, ließen die ersten Ankömmlinge ihr Gefährt treiben, um gleich an Bord zu klettern, wovon ich sie jedoch sanft zurückhielt. Bei den mancherlei Arbeiten auf Deck lag allerlei Gerät umher, was für Kleptomanen doch zu verführerisch gewesen wäre. Auch ist es im allgemeinen nicht rätlich Eingeborene, die man noch nicht genauer kennt, an Bord umherschnüffeln zu lassen, und ich hielt stets darauf, diesen Grundsatz durchzuführen, da Vorsicht ja niemals schaden kann. Übrigens wußten sich diese Fouriere trefflich zu akkomodieren, und konnten, an Ruder oder Ankerkette sich festhaltend, gemütlich die Kanus abwarten, welche bald durch die Brandung tanzten. Sie brachten jezwei bis vier, höchstens zehn Eingeborene, in jeder Weise echte Brüder der Angriffshafener, nur daß sie noch viel mehr lärmten. Sie kamen nicht aus Wißbegierde, kümmerten sich weder um den Dampfer noch unsere weiße Haut, sondern ihr einziger Zweck warschachern und — stehlen. Da wir zu gut aufpaßten, so blieb es in Bezug auf das letztere bloß bei Versuchen, aber schon diese ließen die Gewandtheit der Leute zur Genüge erkennen. So machte es mir viel Spaß, einen Eingeborenen im stillen zu beobachten, der sich bemühte, eine leere Flasche durch die Klüse zu eskamotieren und sie ihm gerade im letzten Moment abzunehmen. Auch beim Schacher hieß es scharf aufpassen, denn hielt man das Tauschobjekt des Eingeborenen nicht bereits mit der einen Hand fest, so durfte man das seinige nicht aus der anderen lassen. Wurde doch ohnehin schon versucht, Sachen aus der Hand zu reißen oder zum Ansehen gegebene zu behalten. Nach diesem in meinem bisherigen Verkehr mit Eingeborenen durchaus neuen, nicht eben sehr angenehmen Betragen zu urteilen, hatten wir es hier mit einem wilderen Stamme als bisher zu thun. So würden nämlich die meisten urteilen; aber ich denke, die hiesigen Eingeborenen lernten diese üblen Manieren erst in Humboldt-Bai, wo sie gewiß schon Schiffe gesehen hatten. Sie warnten uns übrigens vor Lintschu, wie sie die Bai nannten, ein Name, den ich in ihr selbst nicht hörte, aber nur aus Spekulation, um den Eisensegen allein einzuheimsen. Denn ihre einzige Losung war »Szigo« (Eisen), und sie wußten die Gelegenheit, die ihnen wohl zum erstenmal ein Schiff direkt vor ihre Barre führte, nach besten Kräften auszunutzen. Analog unserem Hurra ertönte hier aus allen Kehlen ein kräftiges »i, i, i — jáh«, jedesmal als Zeichen, daß sie wiederum ein Hobeleisen erschachert hatten. Die Leute besaßen übrigens schöne Sachen, zumeist identisch mit denen von Angriffshafen. So die Kanus (mit Pandanus-Mattensegel), Waffen, Steinäxte, Töpfe (T. IV. 1, 2), Schmuck (darunter die bekannten Brustschilde) und sonstige Zieraten.