Aufbruch zum Feste.
Aufbruch zum Feste.
Auf unseren Ausflügen lernten wir auch die Plantagen der Eingeborenen kennen, die, wie erwähnt und wie dies fast überall in Neu-Guinea und Melanesien überhaupt der Fall ist, weit von den Dörfern, meist an Berghängen oder mitten im Urwalde angelegt sind. Die Urbarmachung eines oft mehrere Hektaren großen Stück Landes ist für Menschen, die noch in der Steinperiode leben, gewiß eine höchst mühevolle und gewaltige Arbeit, nicht minder die Einzäunung desselben. Soviel das Feuer auch hilft, einen Urwald kann es nicht vernichten, und so bleibt noch viel Arbeit für die Steinäxte der Männer übrig, welche die kleineren Bäume umhauen, von den großen, zum Teil von Feuer gefällten, die Äste abhacken, so daß nur die Stämme übrig bleiben, die dem Klima nicht allzulange Widerstand leisten. Wie bei der groben Arbeit des Umhauens und eigentlichen Urbarmachens, so vereinigen sich sämtliche Dorfbewohner beim Bau der Einzäunung. Sie wird in dem hiesigen Distrikte aus etwa mannshohen Stäben des wilden Zuckerrohres gefertigt, die durch ihr späteres teilweises Ausschlagen der Wurzeln dem Ganzen besondere Festigkeit verleihen. Thore oder Thüren sind aus Rücksicht auf das Eindringen der wilden Schweine nicht freigelassen, aber gewisse Vorrichtungen zum leichteren Überklettern angebracht. Das von der Einfriedigung umschlossene Land ist nach Größe der Familien verteilt, deren weibliche Glieder die Bearbeitung zu besorgen haben. Das eigentliche Umgraben, wozu man sich nur eines spitzen Stockes, Udja (Udscha) bedient, geschieht durch die Männer, die feinere Bearbeitung des Bodens durch die Weiber, die dazu eine Art schmaler Schaufeln (Udja-sab) benutzen. Ich fand in den Plantagen dieselbe musterhafte Wirtschaft, wie ich sie schon von der Südküste Neu-Guineas und aus Neu-Britannien kannte. Das Erdreichsah, sorgfältig aufgelockert, wie gesiebt aus. Die Ranken des Jams wanden sich an regelmäßig eingesteckten Stangen, zwischen denen andere Pflanzen wuchsen, wie in einem Hopfenfelde empor. Es war jetzt gerade die Zeit der Jamsreife, da der Landbau der Papuas eine Reihe von Feldfrüchten in abwechselnder Aufeinanderfolge zeitigt. Das Hauptnahrungsmittel bildet übrigens der am meisten beliebte Taro, »Bau« (Collocasia), von März bis August, demnächst Jams, »Ajan« (Diascorea), von August bis November. Außerdem werden noch süße Kartoffeln, »Degargol« (Convulvulus), Zuckerrohr, »Den«, Bananen, »Moga«, eine Art kleiner Bohnen, »Mogar« und Tabak »Kas« kultiviert. Ein ebenfalls nur infolge von Kultur vorhandener Nutzbaum ist die Kokospalme, die in ganz Astrolabe-Bai spärlich vorhanden, besonders in diesem Teile rar ist und manchen Dörfern z. B. Gumbu ganz fehlt. Kokosnüsse, »Munki« sowie Sago »Bom« haben daher für dieses Gebiet nur untergeordnete Bedeutung, während sie in anderen mit zu den Hauptnährmitteln gehören. Damit sind ungefähr alle Kulturpflanzen der Papuas in ganz Neu-Guinea, wie Melanesien überhaupt, genannt, und ich werde hierüber, wie über Bodenbearbeitung selbst wenig mehr zu sagen haben, da sich dieselbe im wesentlichen überall gleich bleibt.
Man ersieht aus dem Vorhergehenden, daß die so oft gepriesenen Tropen nicht dem Garten Edens zu vergleichen sind, in welchem der Mensch ohne alle Mühe und Sorge herrlich und in Freuden lebt, sondern daß er sich überall im Kampfe ums Dasein bemühen und quälen muß. Selbst diejenigen vereinzelten Menschenstämme, welche, wie z. B. die Australier, gar keinen Anbau kennen, und lediglich auf die Erzeugnisse der Natur angewiesen sind, müssen sich ihren Lebensunterhalt mühselig erwerben und werden, wie schon ihr Äußeres zeigt, nicht fett dabei.
Für die Papuas liegt übrigens schon in der Bodenbearbeitung ein charakteristischer Zug der ganzen Rasse, durch welche sie die höhere Stufe ihrer Gesittung so vorteilhaft bekundet, und die weder durch Nacktheit noch Kannibalismus gewisser Stämme abgeschwächt werden kann. Letztere beiden Übel sind ja nur in unseren Augensolche, in Wirklichkeit aber durch Usus überkommene Gewohnheiten unabhängig von Gesittung wie Moral.
Selbstredend benutzen, wie alle Papuas und Menschen überhaupt, auch diejenigen von Astrolabe-Bai einige Pflanzen, welche die Natur selbst bietet, als Nahrung. So verschiedene Früchte, Nüsse, ja selbst Knospen und Blätter gewisser Gewächse. Sie spielen indes, wie der in Astrolabe-Bai überhaupt nur spärlich vorkommende Brotfruchtbaum, Boli, eine untergeordnete Rolle.
Um Wiederholungen zu vermeiden, will ich gleich an dieser Stelle zweier Genußmittel gedenken, die mit wenig Ausnahmen über ganz Melanesien verbreitet und eng mit dem Leben des Papua verbunden sind, nämlich: Tabak und Betelnuß! Der erstere ist entweder, wie Hund und Haushuhn, bei der Einwanderung der Papuas mitgebracht worden oder eine einheimische Pflanze, war aber in jedem Falle vor der Ankunft von Weißen den Eingeborenen schon bekannt. Wie Maclay in Konstantinhafen bereits Tabak vorfand, so ging es uns später an Plätzen, die wir zuerst berührten. Die früher von mir von der Südküste mitgebrachten Herbarproben zeigten die Identität der von den Papuas kultivierten Pflanze mit dem gewöhnlichen Bauerntabak (Nicotiana tabacum), mit dem sie in Aussehen wie Blüte durchaus übereinstimmt. In allen von mir besuchten Gebieten an der Nord- und Südostküste Neu-Guineas, fand ich Tabakbau, deren Erträge selbst einem Teil des Tauschhandels der Eingeborenen untereinander bilden. Auch die armen Bergdörfer im Innern von Port Moresby besaßen ihre sorgfältig eingezäunten Gärtchen mit Tabakspflanzen, während an der Küste selbst diese Kultur durch eingeführten Tabak im Verschwinden begriffen oder wie in Port Moresby so gut als verschwunden ist. Hier hat der bekannte Twist, (Niggerhead) oder amerikanische Stangentabak, das gangbarste und unentbehrliche Tauschmittel[19]im Verkehr mit allen Südseestämmen überhaupt, bereits Wert und lebhafte Nachfrage. Die Eingeborenen der Südostküste besitzen auch ein eigenes Rauchgerät, den »Baubau«, auf den wir noch zurückkommen werden, welches die sonst überall beliebte und begehrte Thonpfeife nicht zu verdrängen vermochte. Die Eingeborenen an der ganzen Nordostküste kennen kein Rauchgerät und wiesen aus diesem Grunde auch unsere Thonpfeifen zurück. Sie wickeln aus den unfermentierten, etwas getrockneten Blättern eine rohe Zigarre oder Zigarette, der ein grünes Baumblatt als Decker dient. Diese Zigarren glimmen selbstredend sehr schlecht, und es bedarf immer glühender Kohlen, um sie in Brand zu halten. Aber die Papuas sind keine Raucher in unserem Sinne; ein paar volle Züge genügen, und die Zigarre wandert von Mund zu Mund. Wir konnten uns mit dieser Sitte unserer neuen Freunde in Konstantinhafen natürlich nicht befreunden, die in oft ergötzlicherweise dem einen oder anderen von uns die brennende Zigarre aus dem Munde nahmen, um sich an ein paar Zügen zu erlaben. Wir vertrösteten die Leutchen daher immer auf die Stummel, die bald ein gesuchter Artikel und den Eingeborenen lieber als der harte Stangentabak waren, obwohl sie diesen bereits durch Maclay kannten. Wie in Port Moresby »Kuku lassi?« (keinen Tabak haben?) die stehende Redensart, gleichsam Begrüßungsformel bei Begegnung mit Eingeborenen ist, so hier »kas! kas!« (Tabak, Tabak!). Aber die Leute waren lange nicht so bettelhaft und zudringlich als in dem von Civilisation schon zu sehr übertünchten Port Moresby.
Nächst dem Tabak ist der Genuß des Betel über ganz Melanesien verbreitet und wird von Mann und Frau, alt wie jung, leidenschaftlich geliebt, ja scheint fast unentbehrlich. Betel ist bekanntlich die Frucht der Betelpalme (Areca), der schönsten der hier vorkommenden Palmen, deren gerade Stämme sich auch trefflich als Baumaterial eignen. Die Betelpalme zeitigt traubenförmige Büschelgrüner bis gelber Früchte, von der Größe einer kleinen Walnuß oder Mirabelle. Nach Entfernung der äußeren dichten Faserhülle, mittelst eines meißelförmigen Instruments (Dongan) aus Knochen, kommt ein fester Kern zum Vorschein, der in Aussehen und Form einer Muskatnuß ähnelt. Dieser Kern oder Nuß ist es, welcher gegessen wird, aber nicht allein, sondern im Verein mit pulverisierten Kalk (aus gebrannten Korallen gewonnen) und den Blättern oder Blüten einer Pfefferpflanze, in derselben Weise also, wie dies überall geschieht. So verbreitet sich der Betelgenuß bekanntlich weit über Ostindien und die malaiischen Inseln, hier Sirie genannt. Aber es würde voreilig sein auf dieses gemeinsame Genußmittel, die ursprüngliche malaiische Herkunft der Papuas abzuleiten, da kein Grund vorliegt zu bezweifeln, warum die letzteren nicht selbst auf den Betelgenuß gekommen sein sollten. Für Europäer ist Betel übrigens eben kein Genuß! Er schmeckt beißend-säuerlich, zieht das Zahnfleisch zusammen, hinterläßt aber einen erfrischenden Nachgeschmack und erleichtert das Atmen. Irgend eine betäubende Wirkung hat Betel übrigens nicht, dagegen eine färbende, indem er Zunge, Lippen, Speichel und Zähne rot, bei längerem Gebrauch letztere braun bis schwarz färbt. Aus welchen Gründen die Betelnuß überall nur im Verein mit Pfeffer und Kalk gegessen wird, wäre interessant zu erfahren, scheint aber noch nicht wissenschaftlich aufgeklärt. Die gewöhnliche Bezeichnung »Betelkauen« rührt übrigens daher, daß erst nachdem die Nuß mit den Zähnen zerkaut ist, derselben Kalk und Pfeffer zugesetzt wird. Zum Aufbewahren des Kalks benutzt man hier, wie fast überall in Neu-Guinea, flaschenförmige, unten zugerundete Kalebassen (Atlas V. 1), die wir zuerst auf den French-Inseln fanden. Es verdient dies deswegen Beachtung, weil man im Bismarck-Archipel diese Art Kalkbehälter nicht kennt. Die Kalkkalebassen sind übrigens oft kunstvoll verziert, wie die dazu gehörigen sogenannten »Löffel«, welche diese Bezeichnung sehr mit Unrecht tragen. Sie stellen vielmehr einen langen, schmalen Spatel aus Holz oder Knochen dar, an dessen abgeflachter, im Munde befeuchteter Spitze der Kalk hängen bleibt. Das hindert die Eingeborenen natürlichnicht, den Spatel gemeinschaftlich zu benutzen, ja es ist selbstverständlich, fremden Gästen vor allem Betel und die Kalkbüchse als Zeichen der Freundschaft anzubieten. Wenn ich dasselbe hier wie überall höflich zurückwies, so wurde dies übrigens nirgends als eine Beleidigung aufgenommen, und die Leute wunderten sich nur über die Dummheit des Fremdlinges, einen so köstlichen Genuß zu verschmähen. Die Betelpalme ist übrigens in Konstantinhafen sehr selten, und hier wie anderwärts bilden Betelnüsse »Pinang« einen Tauschartikel.
Die Palme selbst gehört hie und da mit zu den Kulturgewächsen, von der man einzelne Exemplare, sorgfältig eingezäunt, in vielen Dörfern findet. Dasselbe gilt bezüglich gewisser Zierpflanzen, von denen hauptsächlich buntblättrige Croton, Draceen und Euphorbiaceen und Hibiscus angepflanzt werden. Die schönen roten Blumen des letzteren werden in das Haar, die bunten Blätter in die Arm-, Hals- und Kniebänder gesteckt und bilden den gewöhnlichen Aufputz der jungen Leute, zumeist der Männer.
Wie der Betel auf Malaiasien hindeutet, so die Kawa auf Ozeanien. Aber in beiden Fällen würde eine etwaige Schlußfolgerung auf die dadurch angedeutete Herkunft der Papuas eine irrige sein. Denn Kawa ist bis jetzt nur in diesem beschränkten Teile von Neu-Guinea beobachtet, also sicherlich nicht aus Ozeanien herübergebracht worden. Die Pflanze aus welcher der »Keu« und zwar in derselben Weise wie in Ozeanien bereitet wird, ist wie Kawa eine Pfefferart und wohl identisch mit Piper methysticum. Auch die Gebräuche und Zeremonien beim Keutrinken, über die Maclay ausführlich berichtet, sind ganz ähnlich wie in Ozeanien. Aber statt junger Mädchen kauen junge Burschen die Zweige, Blätter und Wurzeln der Pflanze; und Keu wird nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten und allein von den Tamos, Männern, getrunken, das widerliche, durch seine Bereitung vollends ekelhafte Getränk, aber nicht Fremden als besondere Auszeichnung kredenzt. In Astrolabe-Bai sahen wir auch den Melonenbaum (Carica papaya), »Papaia«, Zuckermelonen und Kürbisse, beide »Arbus« genannt, an deren Namen man schon den fremden Ursprung erkennen konnte. Auf Befragen hieß es gleich »Maclay«, denn dieser war es, der zuerstKulturgewächse, (darunter auch Mais, »Kukurus«) einführte, Geschenke, welche übrigens nicht in der Weise, wie der Philanthrop erwartete, von den Eingeborenen gewürdigt wurden. Jedenfalls nützen sie ihnen aber mehr als die Rinder, nach dem russischen »Bika« genannt. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen zu glauben, daß mir die wenigen russischen Wörter, welche ich auf meiner sibirischen Reise gelernt hatte, unter den sogenannten Wilden in Neu-Guinea noch einmal nützlich werden könnten, aber es war doch so! »Gleba« (Chljeb = Brot), »Taporr« (= Beil), »Schirau« (Ssjekrá = Axt), Noscha (Nosh = Messer) lauteten die sich stets wiederholenden Wörter im Sprachschatze der Papuas, welche aber auch zugleich ihre Kenntnis des Russischen erschöpften. Als Leute, die genug zu leben haben, verlangten sie indes kein Brot, ja kosteten dasselbe kaum, sondern nur Eisen, und für alles, auch die geringsten Dinge, wollten sie »Taporr« oder »Schirau« haben. Um »Noscha« gaben sie weniger, und andere Tauschartikel wie Spiegel, Glasperlen, Fingerringe u. dergl. machten eigentlich nur Frauen und jungen Leuten Spaß. Die Naturkinder, obwohl in vieler Hinsicht Kinder, sind meist doch viel praktischer als Kinder, und schon der kleine Papuaknabe wird unbedenklich ein Stück gewöhnliches Bandeisen einer Handvoll Glasperlen vorziehen. Da ich für die Folge noch sehr oft von dem Tauschhandel oder besser Schacher mit den Eingeborenen zu sprechen habe, so will ich gleich hier einige allgemein gültige Bemerkungen vorausschicken. Bunter oder glänzender europäischer Tand, wie man ihn sich bei uns als höchst wirkungsvoll denkt, erregt bei den sogenannten »Wilden« vielleicht Aufmerksamkeit, bildet aber gewiß nur für kurze Zeit Nachfrage. Ihr Sinn richtet sich eben auf Praktisches, und was könnte daher wohl Menschen, die noch tief im Steinalter leben, willkommener sein als Eisen! — Nicht Roheisen u. dergl., da sie keine Idee von schmelzen oder schmieden haben, sondern Eisen in irgend einer passenden Form. So ist z. B. schon ein großer Nagel ein begehrter Gegenstand, aus ihm läßt sich ein brauchbares Gerät herstellen und zwar mittelst Schleifen, das allen Eingeborenen von ihren Stein- und Muscheläxten wohlbekannt ist. Da letztere nun bei allen Stämmender Steinperiode das wichtigste Gerät bilden, so paßt ihnen zum Ersatze der Steinklinge ein Stück flaches Eisen am besten. Am begehrtesten von allen europäischen Tauschartikeln sind daher ca. sechs Zoll lange, zwei Zoll breite und ca. zwei Linien dicke Stücke sogenannten Flacheisens, in Ermangelung Hobeleisen, ja selbst starkes Bandeisen. Solche Eisenstücke lassen sich ganz in derselben Weise an die knieförmigen Holzstiele ihrer Steinbeile befestigen, wie die selbstgefertigten Steinklingen und werden unbedenklich europäischen Beilen überall da vorgezogen, wo die Eingeborenen zuerst mit Weißen in Verkehr treten. Die Klinge der meisten Steinäxte ist nämlich mit der Schärfe quer zum Stiele befestigt (vergl. Atlas I 3), ganz wie bei den Beiteln der Schiffszimmerleute, und steht nicht in gleicher Flucht mit dem Stiele, wie bei gewöhnlichen Beilen. Aus diesem Grunde verstehen daher die Eingeborenen mit den letzteren nicht umzugehen, und erst wenn sie dies gelernt haben, ziehen sie gewöhnliche Äxte den in ihrer Weise mit einer Eisenklinge montierten vor. Übrigens ist das Steinbeil keineswegs ein so ganz primitives Gerät, wie wir meist annehmen, dafür legen die vielen ebenso gewaltigen als zum Teil kunstvollen Arbeiten der Papuas das beste Zeugnis ab. Ich habe an der Südküste Neu-Guineas in bewundernswert kurzer Zeit Kanus nur mit Steinbeilen anfertigen sehen und fand es noch in der Hand solcher Eingeborenen, welche eiserne Äxte längst kannten und besaßen. So offerierte ich einst einem Häuptlinge in Neu-Irland vergebens eine gute amerikanische Axt für sein mit einer Klinge von Mitramuschel versehenes Beil, mit welchem er gerade an einem Kanu zimmerte. — Die in Port Konstantin erhaltenen Steinbeile (Angam) waren übrigens ziemlich roh und klein (Atlas I, 1, 2, 3), denn die großen, welche meist Gemeindeeigentum sind, brachten sie schlauerweise nicht an den Tag. Wir werden solche übrigens später kennen lernen. — Messer, um dies noch zu erwähnen, sind bei noch wenig berührten Eingeborenen viel minder begehrt und führen sich erst nach und nach ein. Zum Schneiden von Fleisch leistet ein scharfkantiges Stück Bambu treffliche Dienste; im übrigen genügen Muscheln. Letztere, sowie Steinsplitter und scharfe Zähne bilden,außer Steinbeilen und meißelartig zugeschliffenen Steinstücken, den ganzen Reichtum der Papuas an Werkzeugen. Als Raspeln bedient man sich überall der Rochenhaut; sägeartige Instrumente sind unbekannt.
Wie alle Küstenbewohner betreiben auch die von Konstantinhafen Fischfang, sowohl mit Netzen, als Haken und Speeren, scheinen aber in diesem Gewerbe minder bewandert, als dies sonst meist der Fall ist. Dasselbe gilt in Bezug auf Schiffahrt, denn ich bemerkte nur kleine Kanus. Dieselben bestehen, wie fast überall, aus einem ausgehöhlten Baumstamme, mit einem Auslegerbalken, der von zwei dünnen Querbalken getragen wird, wie dies ein Blick auf Taf. VI (Fig. 1) des ethnolog. Atlas am besten zeigt. Zuweilen ist auf den Baumstamm jederseits ein Brett aufgelascht, d. h. festgebunden, was dann an Stern wie Bug ebenfalls ein Querbrett erfordert. Dasselbe ist zuweilen mit Schnitzerei in durchbrochener Arbeit verziert (vergl. Atlas VI, 7), ebenso die Ruder (VI, 8).
Wie die wenigen russischen Wörter bei den Bewohnern von Port Konstantin noch lange fortleben werden, so namentlich auch die Erinnerung an den ersten Weißen, Maclay selbst, dessen Name uns noch auf Dampier-Insel (Karkar) genannt wurde. Es ist nicht so schwer, mit den Eingeborenen umzugehen, als es scheint, wie ich früher und später zur Genüge selbst erfuhr, und es läßt sich mit den gefürchteten »Wilden« überall da gut verkehren, wo nicht bereits die Begegnung mit Weißen unliebsame Erinnerungen zurückließ. Wie die letzteren Haß und Rachsucht, so erzeugt eine gute Behandlung Freundschaft für die Weißen. Das Auftreten des ersten Fremdlings ist daher von nachhaltiger Bedeutung, wie er selbst bei klugem Betragen bald großen Einfluß gewinnt. Und diesen hat Maclay, der »Kaaram-Tamo« (Mann des Mondes), wie er in der Umgebung von Konstantinhafen hieß, ohne Zweifel gehabt. Irgend ein Feuerwerkskörper, ein Blaufeuer oder dergleichen, für die Eingeborenen eine neue und unerklärbare Erscheinung, gab die Veranlassung zu diesem mysteriösen Namen. Das Wesen des Sonderlings selbst trug noch mehr dazu bei, den geheimnisvollen Schleier, der sich nach und nachum seine Person hüllte, immer dichter zu weben. So herrschte bald allgemein der Glaube, Maclay besitze übernatürliche Macht, könne Regen machen, wenn er nur wolle, ja selbst fliegen! Wie mir der Reisende selbst erzählte, kam das so! Maclay pflegte stets unbewaffnet, nur mit einem Stocke zum Abwehren der oft bösartigen Schweine versehen, die Umgegend allein und möglichst ungesehen zu durchstreifen. Hörte er auf den einsamen Pfaden des Urwaldes das Herannahen von Eingeborenen, so suchte er sich zu verbergen und erschien dann oft so unversehens im Kreise der überraschten Dorfbewohner, daß diese nur in einem übernatürlichen Wesen Deutung zu finden vermochten. Alle abwehrenden Versicherungen konnten diesen Glauben nicht erschüttern.
»Einsiedelei-Point«, nicht weit von Konstantinhafen, und ca. eine halbe Stunde von dem nächsten Dorfe Bongu, muß in der That eine rechte Einsiedelei gewesen sein. Hier hatte das Haus gestanden, ein Besitztum, das auf der Landseite durch eine feste Umzäunung, gegen die Wasserfront durch Korallfelsen vor der Zudringlichkeit der Eingeborenen geschützt war. Mit Blattstreifen verzierte Stangen, welche auf den Wipfeln einiger hohen Bäume angebracht waren, hatten uns schon bei der Ankunft auf diesen Platz als etwas Besonderes, aufmerksam gemacht, der sich als die frühere Besitzung Maclays erwies. Vom Hause selbst war natürlich keine Spur mehr zu sehen, aber eine Wildnis von süßen Kartoffeln, einige Bananen und Melonenbäume zeigten die Stelle, deren Umfang die Eingeborenen noch sehr wohl zu bezeichnen wußten und die sie als fremdes Eigentum noch jetzt respektierten.
Es herrschte also volles Verständnis, als auch ich ein Stück Land von den Eingeborenen erwarb, auf dem wir ein Haus oder vielmehr einen Schuppen zum Lagern von Kohlen errichteten. Die Bewohner der drei Dörfer Bongu, Korendu und Gumbu, welche durch Verwandtschaft eng verbunden, auch politisch zusammengehören und dieses Gebiet beherrschen, halfen redlich dabei und sahen es nur ungern, wenn Fremde sich auch mit beteiligen wollten. Der alte Sa-ulo nützte uns übrigens wenig und schien wegen seines Altersobwohl nicht gebrechlich, viel an Einfluß verloren zu haben. Dagegen unterstützten uns Jago und Dam am meisten und schienen die angesehensten Häuptlinge von Bongu zu sein. Es herrschte ein geschäftiges und fröhliches Treiben. Unter den wuchtigen Axthieben unserer Schwarzen fielen Bäume. Weiber und Kinder reinigten den Platz von Unkraut und Steinen, schleppten Riedgras (Tura) und Lianen (Mangau), die sich trefflich zum Festbinden eignen, herbei, während die Männer Stangen fällten und Kokospalmblätter, ein für die hiesige Gegend rares Material, in Kanus heranbrachten. Auch ohne besondere Sprachkenntnis ließ sich, wie dies überall der Fall ist, mit den sehr anstelligen Eingeborenen, die alle Absichten leicht begriffen, trefflich auskommen. Aber man muß sie vor allem gut behandeln, immer ein freundliches Gesicht machen und ihren Gewohnheiten Rechnung tragen. Die Arbeit wird oft unterbrochen; einige müssen rauchen, Betel essen, kochen oder ein bißchen schlafen, wie sie dies bei ihren eigenen Arbeiten gewohnt sind, und daran muß man sich gewöhnen, wenn überhaupt etwas geschehen soll. Denn diese Naturkinder kennen anhaltende Arbeit in unserem Sinne natürlich nicht, und bei allen Papuas und Kanakas überhaupt lodert der erste Eifer mächtig auf, erlischt aber eben so schnell.
Als das »Buam« (Haus) fertig war, schleppten die Eingeborenen einen mächtigen an 20 Fuß langen Bambu herbei, an welchem die deutsche Handelsflagge befestigt, bald lustig an der Spitze eines hohen Baumes im Winde flatterte. Die erste deutsche Station an der Küste von Neu-Guinea war somit begründet und damit zugleich die spätere deutsche Schutzherrschaft, die sich jetzt allein im Kaiser Wilhelms-Land über ein Gebiet von 179250 qkm (= 3255 d. g. qm) oder größer als die Hälfte des Königreichs Preußen erstreckt. Der 17. Oktober 1884 wird also in der Kolonialgeschichte Deutschlands für immer ein denkwürdiger Tag bleiben! Hatten auch die Eingeborenen über die Tragweite dieses Vorganges nicht die entfernteste Ahnung, so begriffen sie doch sehr gut, daß derselbe auch für sie etwas zu bedeuten habe, wie die neue Flagge selbst, deren Farben (kum = schwarz, aubi = weiß, suru = rot) sie wohl zu unterscheidenwußten. Und daß dieser Vorgang auf das engste mit der Wiederkehr der neuen weißen Freunde, wofür schon das Haus gewährleistete, zusammenhing, wußten sie ebenfalls. In jedem Gesichte sprach sich daher Freude darüber aus, und das »kerre-kerre« (sehr gut) wollte kein Ende nehmen. War doch nach dem praktischem Urteil der Leute das Erscheinen der Weißen identisch mit viel »Taporr«, »Schirau«, »Nosche«, sowie anderen nützlichen und begehrten Dingen, und das konnte ja nur mit Freuden begrüßt werden. Der Besitz eiserner Werkzeuge hat notwendigerweise größeren Reichtum und somit Überlegenheit zur Folge, und deshalb ist jeder Stamm so sehr bemüht, diese Vorteile für sich allein zu erlangen. Unsere neuen Verbündeten huldigten dieser bekannten Eingeborenen-Maxime und warnten uns, wie dies stets der Fall ist, vor ihren Nachbarn, die von Bilibili, Bogadschi und anderen Küstenplätzen in Kanus herbeikamen, um uns zu sehen und zu schachern. Als besonders schlecht (borle-borle) wurden die Bewohner weiter im Inneren bezeichnet. Kein Bongumann wollte z. B. mit nach dem Dorfe Eglam mana gehen, obwohl sonst gegenseitiger Verkehr stattfindet und das Dorf wenig mehr als eine deutsche Meile entfernt liegt. Aber die schlauen Küstenleute waren nur darauf bedacht, den Absatz der erhaltenen Tauschwaren für sich nach dorthin zu sichern.
Das Wort »Mana« heißt im Bongudialekt Berg und bezeichnet dem Ortsnamen angehängt, eines jener kleinen Dörfer, die in den Bergen bis zu einer Erhebung von 1200–1500 Fuß verstreut liegen. Sie sind, wie ich dies auch im Inneren von Port Moresby fand, armseliger und kleiner als die Küstendörfer und zählen oft kaum mehr als 10–20 Hütten mit 40 bis 50 Einwohnern, während z. B. Bongu an 150 bis 180 Seelen haben mag. Aber die ganze Bevölkerung von Astrolabe-Bai ist überhaupt nicht bedeutend und wird von Maclay auf nicht mehr als 3500–4000 geschätzt, die sich auf einige 80 Siedelungen verteilt. Ich erfuhr die Namen von etwa 15 Dörfern, aber wie bereits erwähnt, werden alle kleineren Häusergruppen eines Dorfes, die oft nur aus drei bis vier Häusern bestehen, besonders benannt.
Der Urwald, welcher sich längs dem Ufer dieses Teiles der Küste hinzieht, ist weniger dicht, als ich ihn sonst meist in Neu-Guinea fand, und besitzt weniger Unterholz und Gestrüppdickichte. Auch ist die Ausdehnung dieses Waldgürtels in der Breite nicht bedeutend, und man stößt nach kurzer Wanderung auf den schmalen aber gut gangbaren Pfaden bald auf offenes, mehr oder minder hügliges bis ebenes Land, das sich bis zu der dichtbewaldeten Gebirgskette erstreckt, welche sich parallel mit der Küste hinzieht. Wie von Maclay mitteilt, ist diese steile Gebirgskette unbewohnt und bildet für die Eingeborenen die äußerste Verbreitungsgrenze nach dem Inneren, welche sie niemals überschritten. Es giebt dies einen neuen Beweis von der äußerst beschränkten Kenntnis des Landes seitens der Eingeborenen selbst, die, abgesehen von gewissen Küstenstrichen, ihre nächste Umgebung selten weiter als etliche Stunden weit kennen, Verhältnisse, wie ich sie auch an der Südostküste fand und auf welche ich noch zurückzukommen habe.
Der erste günstige Eindruck, welchen die Umgegend von Port Konstantin landschaftlich auf uns gemacht hatte, war bei näherer Bekanntschaft nur befestigt worden. Das von verschiedenen kleinen Wasserläufen durchzogene Land zeigte überall fruchtbaren Boden und für Niederlassungen geeignete Lokalitäten, so daß ich schon damals dieses Gebiet als sehr günstig für eine Station[20]nach Berlin empfehlen konnte. Aber etwas mangelte und zwar ein guter Hafen, denn Kapitän Dallmann war mit Port Konstantin gar nicht zufrieden; unsere nächste Aufgabe galt also der Aufsuchung eines solchen.
Der zuerst durch von Maclay angebahnte freundschaftliche Verkehr mit den Eingeborenen war von uns in derselben Weise fortgesetzt worden und ließ nichts zu wünschen übrig: noch nie hatte ich so gutmütige und anstellige Leute als hier getroffen! Das Verständnis mit ihnen wurde von Tag zu Tag leichter, und es gelang mir ohne Schwierigkeit sie am Abend vor unserer Abreise zu einem »Mun« zu vereinigen. So heißen hier jene aus Tanz und Gesang bestehendenAufführungen, welche den Glanzpunkt der Feste bilden und sich in ähnlicher Weise überall in Neu-Guinea, ja ganz Melanesien wiederholen. Nach unseren Begriffen ist freilich der Tanz nichts als eine arge Trampelei, und mit dem Gesang ist es nicht besser bestellt als mit der Musik, bei welcher die sanduhrförmige Holztrommel, Okam, (vergl. Atlas XIII. 2), eine so große Hauptrolle spielt, aber es war mir doch interessant, auch hier diese Gebräuche kennen zu lernen. Die Bereitwilligkeit, uns auch in außergewöhnlicher Zeit einen »Mun« zum besten zu geben, zeugte überdies von dem guten Einvernehmen mit den Eingeborenen und war als eine besondere Auszeichnung und Ehre für uns anzusehen.
Wenn es sonst Sitte bei den Papuas ist, scheidenden Freunden Geschenke mit auf den Weg zu geben, so machten die braven Konstantiner bei uns eine Ausnahme. »Nehmen ist seliger denn Geben« lautet auch ihre Lebensregel, wie fast bei allen Papuas, und selbst der biedere König Sa-ul ließ sich jede Kokosnuß, mit der er uns in seiner Residenz bewirtete redlich bezahlen, ja, auch der Junge, welcher die Nüsse pflückte, verlangte ein Trinkgeld. »Backschisch, Backschisch!« hier wie überall.
Bogadschi und seine Bewohner. — Ein Dieb. — Hansemann-Berge. — Schönes Kulturland. — Gorimafluß. — Insel Bilibili. — Besuch derselben. — Dschelum, das große Versammlungshaus. — Hochinteressanter Kunstbau der Steinzeit. — Kein Tempel. — Häuser. — Wir sollen Krieg führen. — Waffen. — Wurfspeere. — Pfeil und Bogen. — Kein Pfeilgift. — Keulen. — Schilde. — Exkursion an der Küste. — Zuckerrohr. — Musterhafter Landbau. — Sago. — Geologisches. — »Gold«-Flimmern. — Lobenswerte Moralität. — Töpferei. — Kanus und Schiffahrt. — Bilibili sehr versprechend — namentlich für Mission. — Jambom (Colomb-Insel). — »Dreißig« Inseln. — Im »Archipel der zufriedenen Menschen«. — Grager (Fischel-Insel). — Unruhige Nacht in Elisabeth-Bucht. — Marsap, großes Fest. — Festschmuck der Männer. — Bemalen. — Hundezähne. — Kunstvolle Zieraten. — Kampf-Brustschmuck. — Physiognomische Verschiedenheit. — Wir entdecken Friedrich-Wilhelms-Hafen. — Beschaffenheit desselben. — Vogelleben. — Exkursionen. — Armut an Blumen. — Urwaldbild. — Prinz Heinrich-Hafen. — Ausdehnung des Archipels. — Port Alexis. — Tiar (Aly-Insel). — Dasem, Versammlungshaus. — Sonderbare Schnitzereien. — Fischerei. — Bilia (Eickstedt-Insel). — Ein Verrückter. — Szirit, Versammlungshaus. — »Tohn«, ein verehrtes Instrument. — Tabugebrauch aus Schlauheit. — Verkehr mit den Eingeborenen. — Große Schamhaftigkeit. — Festschmuck der Frauen. — Tabir, Schüsseln. — Sprachgewirr. — Bäumefällen. — Geringe Körperkräfte der Eingeborenen. — Wir hissen die deutsche Handelsflagge. — Abschied von Friedrich- Wilhelms-Hafen.
Die Samoa dampfte längs der Küste von Astrolabe-Bai langsam vorwärts. Sie gleicht einer weiten offenen Rhede[21], rings von einem Sandstrande eingefaßt, an welchem auch bei ruhigem Wetter Dünung das Landen erschwert, z. T. ganz hindert. Die Bewohner des »gelben Dorfes« Bogadschi (Bogati) eilten in ihren Kanus herbei, um zu schachern und brachten allerlei neue und interessante Sächelchen,darunter breite, hübsch mit eingraviertem Muster ornamentierte Armbänder aus Schildpatt, (vergl. Atlas XIX 2), Brustschmucke aus Cymbiummuschel (Koambim), sehr eigentümliche Leibschnüre aus aufgereihten Abschnitten einer Septariamuschel, Gogu genannt, (Atl. XXIV 1.), die äußerst wertvoll schienen, sogar ein paar Telum, (Atl. XV. 1) jene Holzfiguren, die meist als »Götzen« gedeutet werden. Schon an den Namen gewisser gewöhnlicher Tauschsachen ließ sich die Verschiedenheit des hiesigen Dialekts mit dem von Bongu leicht erkennen. So hieß der Bogen statt Aral hier »Manembu«, Pfeil statt Gé »Kolle«, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Obwohl manche Eingeborene sich nur mit Zittern und Zagen an Bord wagten, fand doch bald ein reger Verkehr statt und die Leute zeigten sich dabei minder gut als in Konstantinhafen. Dort war uns nicht das Geringste abhanden gekommen, hier wurde gleich ein Dieb in flagranti erwischt. Er hatte soeben seinen Genossen im Kanu ein Hobeleisen zugesteckt, natürlich nicht mit den Händen, sondern mit den — Zehen. Ich kannte diese beliebte Manier, mit der fast nackte Menschen trotz strengster Aufsicht zu eskamotieren wissen, schon längst, drehte dem jungen Mann, der sich unbemerkt glaubte, in sein Halsstrickchen fassend, sanft die Kehle zu, und das gestohlene Gut wurde sogleich zurückgegeben. Der vor Schreck erbleichte Sünder (denn auch farbige Menschen erbleichen sichtbar) drückte sich nach diesem mißglückten Versuche stillschweigend unter Spott und Gelächter seiner Landsleute.
Hinter Bogadschi treten die Berge weiter zurück, es zeigt sich mehr mit dichtem Urwald bestandenes Vorland, das hinter Gorima-Huk sich zu ebenfalls dicht bewaldetem Flachland, einer Art Ebene, ausdehnt, die nördlich von einer niedrigeren Bergkette begrenzt wird. Es ist die etwa 1200[22]Fuß hohe von mir »Hansemann-Berge« benannte Kette, die Guntowa Mana der russischen Karte, inland des »Archipels der zufriedenen Menschen«. Allem Anschein nach wird dieses flachere Land zwischen Gorima und Bilibili das schönste Kulturland in Astrolabe-Bai abgeben und von Wichtigkeit werden, zumalda es nicht an Wasser fehlt. Wir bemerkten mehrere kleine Flüsse, von denen der Gorima der größte und die erwähnte Ebene zu bewässern scheint. Seine Mündung wurde jetzt durch ausgedehntes Röhricht angedeutet, aber bei einem späteren Besuche im Monat Mai sehen wir das Wasser der Bai auf eine ziemliche Strecke trüb grün gefärbt.
Wir steuerten Bilibili zu, einer kleinen ca. eine halbe Seemeile langen Insel, etwa vier Meilen nördlich von Gorima-Huk, die gleichsam den Anfang des »Archipels der zufriedenen Menschen« bildet, wie derselbe von dem Entdecker Maclay benannt wurde. Hervorragend hohe, mächtige Bäume, deren dichte Belaubung fast die ganze Insel wie mit einem Dache überdeckt, kennzeichnet dieselbe schon von weitem. Sie besteht, wie fast die ganze Küste von Astrolabe-Bai aus gehobenem Korallfels, der an der Ost- und Nordseite z. T. Steilufer bildet, an welchem das Meer mächtig bricht. Aber an der Westseite dehnt sich ein flacher weißer Sandstrand aus, auf dem nicht weniger als 13 stattliche Kanus, bunt bewimpelt und mit allerlei Ausputz verziert, lagen. Das gab im Verein mit den idyllisch unter dem Gelaube mächtiger Bäume versteckten und von Kokospalmen beschatteten Häusern des Dorfes ein gar liebliches Bild. Dazu das Gewimmel fröhlicher brauner Menschen, die mit grünen Zweigen winkten und bald in Kanus abkamen und uns an Land einluden.
Wir eilten ihnen zu folgen und waren überrascht von der Fülle neuer und interessanter Eindrücke. Alles zeugte hier von Wohlhabenheit und Reichtum. Die Häuser waren größer und stattlicher als die bisher gesehenen, wie die mit reichem Ausputz versehenen Eingeborenen selbst. Sie zeigten sich anfangs ziemlich scheu und zurückhaltend. Namentlich kostete es Mühe, die schlanken, braunen Mädchen heranzulocken, die in ihren bunten Grasschürzchen und reich mit Schmuck aus Muscheln und Hundezähnen behangen, das Haar mit brennendroten Hibiscusblumen geschmückt, gar niedlich aussahen. Einige kleine Geschenke machten sie bald zutraulicher und eine um die andere kam zögernd heran, um ihre Gabe an Glasperlen oder rotem Zeugstreifen in Empfang zu nehmen und dem weißenFremdlinge schüchtern die Hand zu geben. Unter diesen Mädchen gab es übrigens viele recht hübsche Gestalten von tadellosem Körperbau und mit recht artigen Gesichtchen.
Aimaka.
Aimaka.
Unsere Aufmerksamkeit wurde aber bald von allem andern abgelenkt, als wir das große Versammlungshaus erblickten, von welchem das beigegebene, nach meiner Skizze gezeichnete Separatbild (S. 74) eine gute Vorstellung giebt. Ähnlich dem Buambrambra von Bongu besteht auch dieses Haus, Dschelum genannt, im wesentlichen aus einem bis zum Boden herabreichenden Dache, dessen offene Vorderseite von einer an 25 Fuß hohen, durchaus in durchbrochenem Schnitzwerk ausgearbeiteten Mittelsäule[23]getragen wird. Diese Schnitzerei, Aimaka genannt, repräsentiert vier männliche und zwei weibliche übereinanderstehende nackte Papuafiguren, die auf weißem Grunde rot und schwarz bemalt sind, und von denen die beigegebene Abbildung die auf einem Kopfe stehende unterste zeigt. Sie wurde wie die übrigen männlichen Figuren »Mini« d. h. Mann genannt (A); die angegebenen Buchstabenbezeichnen nur die verschiedenen Körperteile (a, Tingilan, Ohr, b Mal, Auge, c Uina, Nase, d Bule, Mund, e Balan Zunge, f Niän, Bein). An den Querbalken des Giebels hingen aus Holz geschnitzte Tiergestalten, die in kenntlicher Weise Fische, Vögel, Eidechsen und Schildkröten, ebenfalls bunt, darunter auch mit Grün bemalt, darstellten. Die an 30 Fuß langen Balken, welche jederseits das Dach trugen, waren jedenfalls der kunstvollste Teil des merkwürdigen Gebäudes. Jeden dieser beiden Balken zierte die an vier Fuß hohe Figur eines Papua, die in staunenswerter Weise aus dem Balken selbst gezimmert war und an diesem gleich dem Gliede einer Kette hing. In der That ein wahres Kunstwerk für Steinäxte und Muschelwerkzeuge, wie ich es in dieser Weise weder vor noch nachher in Neu-Guinea wieder zu sehen bekam, und das nur derjenige zu würdigen wissen wird, der sich in vollem Verständnis der Steinzeit ganz in dieselbe hineinzudenken versteht. Ob unsere prähistorischen Vorfahren wohl auch auf einer so hohen Stufe standen? Die Überreste der Pfahlbauten geben darüber keine Auskunft! Aber es wäre im Interesse der Wissenschaft von ungeheurer Bedeutung, wenn wenigstens eins dieser nur noch so spärlich vorhandenen Denkmäler der Baukunst der Steinperiode gerettet würde. Ich konnte es leider nicht und mußte mich mit der Skizze begnügen, deren Aufzeichnung die Eingeborenen mit Staunen zusahen. Wie sie mir, so spendete ich ihnen Lob, das sie sehr wohl verstanden, denn jeder deutete mit Stolz an, daß er am Bau mitgeholfen habe.
(S. 74.)Dschelum, Tabuhaus auf Bilibili.
(S. 74.)
(S. 74.)
Dschelum, Tabuhaus auf Bilibili.
Der untere Teil der Giebelseite war etwa in Mannshöhe durch eine Mattenwand geschlossen, durch welche nur eine kleine Öffnung als Thür diente. Man gestattete uns den Eintritt gern; aber wie üblich zeigte das Innere nur wenige Gegenstände. So die großen und kleinen Trommeln, die wir schon von Bongu her kennen. Bemerkenswert waren große runde, mit Schnitzerei und Malerei verzierte Schilde (Atlas XII. 1.) und sehr roh aus Baumästen gefertigte niedrige Bänkchen, die beim Schlafen dem Kopfe als Unterlage dienen, aber mit »Kopfkissen« in unserem Sinne nichts zu thun haben. Zahlreiche Unterkiefer von Schweinen waren auch hier wie allenthalbenin Melanesien als Erinnerungszeichen großer Feste aufgehangen. Den Hauptteil des Inneren bildete eine an acht Fuß hohe Plattform aus gespaltenem Bambu, welche als Schlafstätte für die unverheirateten jungen Männer, wie für fremde Gäste dient. Auch Maclay hatte hier geschlafen, so wurde mir angedeutet. Denn diese großen Häuser sind nicht nur Junggesellenhäuser, sondern überhaupt die Klubhäuser der Männer. Aus diesem Grunde ist dem weiblichen Geschlecht der Zutritt verwehrt, ein Verbot, das durch besondere Tabuform erhöhte Bedeutung erhält und so leicht zu mythischen und religiösen Deutungen verleitet. Aber ein Tempel war dieses Gebäude ebensowenig als die Holzschnitzereien Götzen, wie jeder Missionär sogleich interpretiert haben würde. Wenn die Deutung eines Telum, d. h. einer einzelnen menschlichen Figur als Repräsentant eines Ahnen richtig ist, so stellte dieser »Aimaka« vermutlich eine ganze Ahnenreihe dar, wie sich dies bei den Maoris Neu-Seelands und anderen Naturvölkern in ähnlicher Weise wiederfindet. Beachtenswert ist die völlige Nacktheit aller dieser menschlichen Darstellungen, der Telum und wie sie sonst heißen, gegenüber der sorgfältigen Lendenbekleidung ihrer Verfertiger.
Wir wenden uns zu dem Dorfe zurück, das aus 20 bis 25 Häusern besteht, die viel größer als die in Port Konstantin, auch eine etwas abweichende Bauart zeigten und mich am meisten an die in dem Dorfe Keräpuno in Hoodbai erinnerten. Wie diese sind sie auf starken Pfählen etwas über dem Erdboden errichtet, besitzen ein Vestibüle mit Plattform an der Vorderfront, zu der ein angelehnter Baumstamm als Aufgang dient und sind überhaupt sehr solide gebaut. Im Inneren, das offenbar mehreren Familien Unterkunft giebt, ist ein Bodenraum, zu dem eine rohe Leiter führt. An den Häusern selbst findet sich keinerlei Schnitzwerk, und nur vor der Thür eines Hauses sah ich eine an vier Fuß hohe, buntbemalte menschliche Figur, ähnlich den Telums in Konstantinhafen. Die Häuser des Dorfes waren, wie immer, in kleinen Gruppen verstreut und bei einer derselben entdeckten wir ein zweites Versammlungshaus der Männer mit ganz ähnlichen Schnitzereien, aber kleiner.
Krieger von Bilibili.
Krieger von Bilibili.
Nachdem ich mit der Besichtigung und dem Studium des Dorfes, fertig war, machten wir einen Spaziergang durch die Insel, die einem malerischen Park der Tropen zu vergleichen ist. Aus den gewaltigen Baumriesen, darunter viele und sehr große Brotfruchtbäume, tönte der dumpfe brummende Ruf der weißen Fruchttauben (Carpophaga spilorrhoa), von denen uns bald eine Menge zur Beute fielen. Wie überall bei diesen Naturkindern, hatte der erste Schuß immer dieselbe Wirkung: allgemeines Geschrei und wilde Flucht! Aber bald gewöhnte sich die reifere Jugend an den Knall und bewunderte staunend die Wirkung der ihnen unbekannten, unheimlichen Waffe. Bei einem späteren Ausfluge an der Küste bemühten sich die schlauenBilibiliten bereits unsere Überlegenheit in ihrem Interesse nutzbar zu machen: wir sollten einen ihnen feindlichen Stamm bekämpfen und vernichten! Das oft geäußerte Wort »mate« oder »imate«, soviel wie »tot«, oder »töten«, das wie einige andere Wörter[24]vielen polynesischen und melanesischen Sprachen gemeinschaftlich angehört, ließ diese Absicht nur zu deutlich erkennen. Zahlreiche kampfgerüstete Krieger hatten sich unserem Zuge angeschlossen, und ihnen verdanke ich die Skizzen, welche dem vorhergehenden Bilde als Grundlage dienen.
Wir wurden bei dieser Gelegenheit auch mit den Waffen der hiesigen Eingeborenen bekannt, die im wesentlichen mit denen in Bongu, wie in Neu-Guinea überhaupt gebräuchlichen übereinstimmen. Die Hauptwaffe ist auch hier, wie in ganz Melanesien, der Wurfspeer, eine runde sieben bis zehn Fuß lange, oft ziemlich schwere Stange, meist: aus Palmenholz gefertigt. Das Basisende ist verdünnt, das Spitzenende etwas verdickt und hier zuweilen ein paar Kerbzähne oder eine Furche eingeschnitten. Solche Wurfspeere heißen in Konstantinhafen »Schadga« und sind die gewöhnlichste im Kriege gebrauchte Art Waffen. Eine zweite Art Wurfspeere, Serwaru genannt, besteht ebenfalls aus einem langen Holzstocke, ist aber mit einer breiten lanzettförmigen (ca. 70 cm langen) Spitze aus Bambu versehen, und dadurch eine sehr gefährliche Waffe. Die Bambuspitze ist mit feingespaltenem Rohr festgebunden und die Verbindungsstelle oft sehr kunstvoll mit Federn, Kuskusfell und dergl. verziert. Wirkung und Tragweite dieser Wurfspeere werden meist sehr übertrieben geschildert, denn nach meinen Beobachtungen sind sie wohl selten über 40 bis 50 Schritt hinaus gefährlich. Dasselbe gilt in Betreff von Pfeil und Bogen, die wie überall, eine minder wichtige Rolle als der Wurfspeer spielen. Der Bogen ist aus Palmenholz gefertigt ca. sechs Fuß lang, meist glatt, ohne allen Ausputz und mit einer Sehne aus gespaltenem Rotang versehen. Dagegen zeigen die Pfeile oder vielmehr die Spitze derselben mancherlei Verschiedenheit. Siesind fast ausnahmslos aus leichtem Rohr gefertigt, mit einem runden Spitzenteile, der ca. ein Drittel oder Viertel der ganzen Länge (1,30 bis 1,40 m) beträgt. Die im Feuer gehärtete Spitze ist öfters mit verschiedenartig geschnitzten Kerb-, Sägezähnen oder Widerhaken verziert, und besteht selten aus einem zugespitzten Flügelknochen eines Vogels. Eine andere sehr bestimmte Art von Pfeilen, zeichnet sich durch eine breite, lanzettförmige Bambuspitze aus und findet sich in dieser Form über ganz Neu-Guinea. Ebenso die sechs bis siebenspitzigen Pfeile, welche zum Schießen von Fischen benutzt werden. Vergiften der Pfeil- oder Speerspitze kennt man, wie überhaupt in ganz Neu-Guinea, nicht. Schleudern, sonst eine so beliebte Waffe der Südseevölker, habe ich nicht wahrgenommen. Aber es giebt, jedoch im ganzen selten, Keulen. Sie sind aus schwerem, meist Palmenholz gefertigte, ein bis ein einhalb Meter lange, flache, schmale, Latten, unten meist etwas verbreitert, am Handgriff etwas verschmälert und zuweilen mit vertieften Mustern ornamentiert. Auch diese Form der Holzkeulen findet sich fast über ganz Neu-Guinea, dagegen sind die mit durchbohrten, oft sehr kunstvollen, Steinknaufen bewehrten Keulen nur gewissen Gebieten der Südostküste eigen und fehlen hier wie an der ganzen Nordostküste durchaus. Es verdient dies ganz besonders erwähnt zu werden, namentlich weil Steinkeulen sonst nur noch im Osten Neu-Britanniens auftreten. — Die mächtigen runden Schilde auf Bilibili »Dimu« genannt, habe ich bereits angeführt. Sie scheinen wohl nur ausnahmsweis den Krieger in den Kampf zu begleiten, da sie dafür schon viel zu schwer sind. Manche haben einen Durchmesser von 90 cm und ein Gewicht von 10 Kilo. Wahrscheinlich dienen sie mehr zur Verteidigung des Dorfes selbst bei feindlichen Überfällen und werden deshalb meist in den Versammlungshäusern aufbewahrt, vermutlich auch weil sie Gemeindeeigentum sind. Ich sah übrigens auch kleine Schilde von nur 40 cm Durchmesser, die in einen Filetbeutel eingestrickt waren, um sie leichter tragen zu können.
Unsere Küstenexkursion verlief durchaus friedlich und machte uns vor allem mit der außerordentlichen Fruchtbarkeit des Bodensbekannt. Das Land gegenüber Bilibili ist meist flach, von niedrigen Hügelreihen eingefaßt und mit Urwald bedeckt. Im Dickicht desselben liegen die ausgedehnten und trefflichen Plantagen der Bilibiliten, in denen jetzt hauptsächlich Jams und Zuckerrohr gedieh. Von letzterem fanden sich oft größere Bestände in ausgezeichneter Entwickelung. Rohr von 2½ Zoll Durchmesser, in Knotenabständen von 4½ Zoll und einer Länge von 12–14 Fuß war nichts Seltenes! Solches Zuckerrohr ist jedenfalls doch erst durch fortgesetzte Kultivation veredelt worden und diese den Eingeborenen und ihrem Fleiß zu danken. Auch die Bananen standen trefflich, wie der sorgfältig aufgehäufelte Jams, zwischen dem buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren; alles zeigte eine musterhafte Ordnung, wie man sie bei uns nicht besser verlangen konnte. Ja, ja! diese »Wilden« verstehen Feldbau ganz ausgezeichnet, und was mehr ist, trotz ihren primitiven Werkzeugen auch mit dem Urwalde fertig zu werden. Wir sahen dies am besten an solchen Stellen, wo mit Urbarmachen erst begonnen worden war. Mächtige Bäume lagen am Boden, um zu verfaulen. Die abgehackten Äste waren verbrannt worden, die Stämme selbst hatte man etwa in Mannshöhe stehen lassen, und diese ganze Riesenarbeit war nur mit Steinäxten geschehen, die in der Hand des Eingeborenen gar nicht so primitiv sind, als man meint. Über den Fleiß der Bewohner wird man daher nicht mehr so absprechend urteilen, als dies meist geschieht, wenn man solche Anlagen mit eigenen Augen sehen und bewundern konnte. Freilich dürfte dieser Fleiß dem einstigen Ansiedler wohl kaum zu statten kommen, denn der Eingeborene wird wohl nur schwer als Arbeiter für andere zu erziehen sein.
Eigentliche Dörfer trafen wir auf unserer Wanderung nicht, sondern nur eine kleine Siedelung von fünf Häusern, die unbewohnt zu sein und den Bilibiliten zu gehören schienen. Sie dienten offenbar zum Aufenthalt und Schutz der Insulaner während der Bearbeitung und Ernte in den Plantagen, in welchen überhaupt fast stets kleine Hütten errichtet sind. Gerade während der Feldarbeit pflegen am ersten Überfälle stattzufinden, weil sich dann in der allgemeinen Verwirrnisam leichtesten ein paar Frauen oder Kinder erschlagen lassen, was jeder Papuakrieger als sehr ruhm- und ehrenvoll betrachtet. Die Männer pflegen daher, wie fast stets, ihre Waffen bei sich zu tragen, um sie auch in den Plantagen immer bereit zu halten. Eine der großen hölzernen Trommeln war auch in dieser kleinen Siedelung vorhanden, um bei einem feindlichen Überfall die Inselbewohner zu alarmieren und herbeizurufen. Kokospalmen fanden sich wie überhaupt nur wenig; aber wir sahen ein paar Melonenbäume (Carica) und Kürbisse; gleich hieß es auch hier »Maclay!« Wir trafen einen hübschen Bach mit klarem fließenden Wasser, an welchem die Sagopalme vorzukommen scheint. Wenigstens stießen wir auf eine Stelle, wo Sago gemacht worden war. Die von Mark entleerten Stämme lagen umher; Rippen des Basisteiles des Blattes hatten als Tröge zum Auswaschen des mehlhaltigen Markes gedient, das Fabrikat selbst hing in ca. zehn Pfund schweren runden, in Bananenblättern eingehüllten Klumpen im Schatten der Bäume zum Trocknen. Dieser Papua-Sago hat aber, um dies noch zu erwähnen, nichts mit dem, wie wir ihn aus unseren Suppen u. dergl. kennen, gemein. Statt rundlicher Körner bildet er eine weißliche, mehlartige, fest zusammengebackene Masse, die beim Gebrauch erst zerklopft werden muß. Die Eingeborenen bereiten den Sago meist in Form von Klößen, die in Wasser gekocht nichts weniger als zart werden. Aber ein Papuamagen kann ungeheure Quantitäten dieser harten Klöße vertragen, und »Bom« gilt in solchen Distrikten, wo er rar ist, als eine besondere Delikatesse.
Als wir nach unserem Boote zurückkehrten atmete der Schwarze den ich dabei, vorsichtigerweise mit ungeladenem Gewehr, zurückgelassen hatte, wieder auf, denn diese Neu-Britannier konnten sich von dem weit besseren Charakter ihrer dunklen Brüder in Neu-Guinea noch immer nicht überzeugen.
Der Strand besteht hier, wie fast überall an der Küste von Astrolabe-Bai, aus feinem Sande, auf welchem es in der Sonne zuweilen wie Gold flimmerte. Leider rührte das Flimmern nicht von Gold, sondern Eisenglimmer her. Sonst fanden sich nur kleine runde Rollsteinchen,Jaspis, Hornstein u. dergl., offenbar durch Regenbäche weiter aus dem Innern angeschwemmt, denn die geologische Beschaffenheit der Küste weist auf korallinische Bildungen hin. Überall kann man, gleich erratischen Blöcken, isolierte Madreporenstücke beobachten, wie dies auch in Konstantinhafen der Fall ist und die wahrscheinlich, wie die ganze Küste, vulkanischen Hebungen des Meeresbodens ihr Dasein verdanken.
Zahlreiche Kanus gaben uns das Geleit, als wir nach dem Dampfer zurückkehrten, der keinen Ankerplatz gefunden hatte und daher an- und ablegen mußte, wobei er beinah auf Riff geraten wäre. Die etwa zwei Meilen breite Meeresstraße zwischen Bilibili und dem Festlande, scheint nicht ganz »rein«, wie der Seemann sagt, d. h. frei von Korallriffen.
Die Eingeborenen waren inzwischen noch zutraulicher geworden und brachten sogar ihre Frauen mit, um ihnen die Fremden zu zeigen und Geschenke zu empfangen, die sie mit einer Würde entgegennahmen, als sprächen täglich Dampfer hier vor. Aber an Bord kam natürlich keine, denn hier, wie in Bongu oder wohin ich sonst in Neu-Guinea kam überall zeigte sich die größte Moral und Decenz, in welchen Papuas vielen Kulturmenschen als leuchtende Beispiele dienen könnten. Ein Mann brachte seine ganze Familie mit, die aus einer Frau und drei Kindern bestand, niedliche Geschöpfe, wie die meisten Papuakinder — und dabei so artig! Da könnten viele unserer Mütter etwas lernen! Mit den Gegengeschenken sah es wie immer äußerst dürftig aus, obwohl Kanus voll Bananen und Zuckerrohr das Schiff umlagerten. Wie gewöhnlich fielen nur einige Kokosnüsse ab, aber vergebens bemühte ich mich, ein Schwein zu erhandeln, mit denen das Dorf so gesegnet war als mit Kindern.
Ja, dieses Bilibili ist eine reiche Insel und ihre Bewohner, die ich auf ca. 200 bis 250 schätze, sind die Patrizier von Astrolabe-Bai, die sich ihre Stellung jedenfalls oft zu erkämpfen hatten. Davon zeugten die oft häßlichen Speer- und Pfeilwunden, die ich am Körper so manches Kriegers bemerkte. Wenn die Wehrhaftigkeit, die aus dem ganzen Aussehen dieser Männer spricht, ihnen die dominierendeStellung über die Küstenstämme verschaffte, so haben sie diese auch der geschützten Lage ihrer Insel zu verdanken, die behagliche Wohlhabenheit aber ihrem Fleiße und ihrer Betriebsamkeit. Denn nicht nur als treffliche Ackerbauer lernten wir die Bilibiliten kennen, sondern auch als ausgezeichnete Schiffsbauer und Industrielle. Die Insel ist nämlich berühmt wegen ihrer Töpferei. Das Gewerbe ruht wie überall in Neu-Guinea ausschließend in den Händen der Frauen und geschieht in derselben einfachen Weise als an der Südostküste. DieTöpfe werden nur mit Hilfe eines flachen Steines und eines kleinen Holzschlegels verfertigt, gleichsam aus dem Klumpen Lehm getrieben, was ein ganz wunderbares Augenmaß erfordert. Das Brennen geschieht in derselben einfachen Weise wie in Port Moresby im Freien, indem die sorgfältig im Schatten getrockneten Töpfe leicht mit Holz überdeckt und beim Anzünden desselben kurze Zeit einer scharfen Glut ausgesetzt werden. Aber das Fabrikat scheint im ganzen besser und haltbarer, z. T. eleganter, als das an der Südostküste. So sah ich unter anderem mit Buckeln ornamentierte Töpfe. Aber die unbedeutenden, häufig durch Nägeleindrücke hervorgebrachten, Muster sind wohl kein Ornament, sondern wie in Port Moresby Handelsmarke. Wie meine Skizze eine Töpferin in der Arbeit zeigt, so auch die eigentümliche kugelige Form der Töpfe, die fast über ganz Neu-Guinea dieselbe ist. Auch hier werden vorzugsweis zwei Sorten Töpfe angefertigt, eine mit weiter Öffnung zum Kochen (Bodi) und eine mit enger, als Wassergefäße (Io). Wie Port Moresby an der Südostküste Neu-Guineas das Centrum der Töpferei und des Topfhandels bildet, so Bilibili für Astrolabe-Bai und wahrscheinlich weiter darüber hinaus. Die »Wab« (Töpfe), welche wir in Konstantinhafen sahen, stammten von hier, wie die unternehmenden Bilibiliten, als sie uns dort wiederholt besuchten, gleich ganze Kanuladungen ihres Fabrikates mitbrachten.