Das erste Kapitel.
Von denVerdrießlichkeiten, die zu entstehenpflegen, weil das schöne Geschlecht den Halsentblößt zu tragen gewohnt ist.
§. 86.
Unsere Schönen haben in Gewohnheit, ihren Hals entblößt zu tragen, um theils mein Geschlechte dadurch zu reizen, theils aber auch ihm aus Hochmuth zu zeigen, daß die Natur ihnen hiermit eine vorzügliche Schönheit vor den Männern zum voraus geschenket habe. Sie machen sich groß mit ihrem Halse, und schätzen die Schönheit desselbigen darum so hoch, weil ihrHals eine zartere Haut, eine weißere Farbe, und keinen so hervorragenden Knorpel der Luftröhre hätte als der Hals der Mannsbilder, denn sie solchen als etwas häßliches vorwerfen, und nur zum Spotte den Adamsapfel nennen. Aber sie haben gar nicht Ursache, des Adamsapfels wegen, welchen wir nicht aus unserm Verschulden, sondern aus weisen Absichten der Natur tragen müssen, uns spöttlich zu verhöhnen. Es ist überhaupt ein Merkmaal eines blöden Verstandes, wenn man seinem Nebenmenschen Leibesgebrechen vorzuwerfen, unbesonnen genug ist, wofür er doch selbst nicht kann, und die er nicht zu ändern in seiner Macht hat, wenn er es auch gleich gerne thun wollte. Die Mannspersonen könnten den Frauenzimmern wohl, wenn sie sonst Lust hätten, größere Dinge vorhalten, dafür sie sich gewiß recht würden schämen müssen, wenn sie anders so tugendhaft, wie sie sich immer rühmen, seyn wollten.
§. 87.
Damit nun aber auch der nackende Hals nicht so gar kahl da stehen möchte; so ist der Witz der Schönen hier sinnreich genug gewesen, Mittel ausfündig zu machen, den Hals mit Verzierungen ausrüsten zu mögen, um ihm mehrern Reiz und Annehmlichkeit beyzubringen. Sie haben also zu dem Ende den Hals mit sammetnen, seidenen mit Schmelz und Glasflusse besetzten Halsbändern, mit Schnuren, daran Wachsperlen oder ächte Perlengereihet sind, und mit goldenen Ketten ausgezieret, ja sie haben ihn so gar mit einer Last von Dukaten, so wie ein Rennschlittenpferd mit Schellen, behangen und recht niedlich ausgeputzet, so, daß manchem darnach gelüstet haben muß, die Hände darnach ausstrecken zu mögen, um sie von dieser Gelbsucht zu befreyen, sich aber damit gütlich zu thun, und das Herz zu erfreuen. Viele verherrlichen ihren Hals mit edlen Steinen, die in Gold gefaßt sind, und bald die Gestalt eines Herzens oder eines Kreuzes, bald aber einer Rose vorzustellen pflegen. Andere tragen gar kleine Judenkragen, die aus Bändern oder Spitzen, welche in Falten gelegt werden müssen, zusammen geneht worden sind, um den Hals rings herum. Dieser Halsputz ist sehr bequem, die Kröpfe zu verbergen, und ich habe solche meistentheils bey solchen jungen Schönen angetroffen, von denen ich überzeugt gewesen bin, daß sie Kröpfe gehabt haben. Unzählige Weibspersonen hängen fast ihre ganze Habseligkeiten an den Hals, und die sie daran zu hängen nicht fähig sind, die jagen sie, aus Furcht, sie möchten ihnen von den Dieben entrissen werden, in den Hals hinein, um solche in Sicherheit bringen zu mögen. Ich weis wohl, daß die Weiber mehrmals durch den Halsschmuck ihre Männer an den Bettelstab gebracht haben. Welches gar leichte geschehen kann, wenn ihnen die Weiber, ohne Leibeserben zu hinterlassen, sterben; so, daß sie hernach andern die Gerade, von Rechtswegen,zu überlassen genöthiget werden. O, ungerechtes Recht!
§. 88.
Ich will mich nun auch um die Krankheiten bekümmern, welche sich von einem entblößten Halse zu erzeugen pflegen, damit ich nicht vor saumselig in Ansehung meiner Pflicht gescholten werden möchte. Da nun der bloße Hals der freyen Luft, um andern dessen Schönheit zu zeigen, ausgesetzt wird; so wird es kein Wunder seyn, wenn sich derselbe, zumal bey rauher, feuchter und kalter Witterung, vielen Verdrießlichkeiten darbieten muß. Der unmerklichen Ausdünstung wird also nothwendig bey einer solchen Beschaffenheit der Luft in der Haut des Halses gehemmt werden, folglich wird es nichts fremdes seyn, wenn lauter solche Krankheiten, ihren Ursprung davon nehmen, welche allemal sich zu ereignen gewohnt sind, so ofte bey vorfallender Gelegenheit die unmerkliche Ausdünstung gestört oder gar unterdrückt wird. Heiserkeit, Brustflüsse, Husten, Entzündungen des innern Halses, Beulen, Geschwüre, und mehrere dergleichen Ungelegenheiten, deren ich schon zum öftern im63,42,38,32,28,17,12und5tenAbsatze Meldung gethan habe, sind die Kinder dieser fruchtbaren Mutter, und von eben dieser stammen Kröpfe, (Strumæ) und geschwollene Halsdrüsen (Scrofulæ) natürlicher Weise ab. Denn, da die Säfte des Körpers von der verhinderten Ausdünstung darum verderbetwerden, weil deren Ueberfluß kein Ausgang verstattet ist; so müssen die Säfte dicke und zu Stockungen geschickt, folglich faul und bösartig gemacht werden. Nun aber haben die Kröpfe und geschwollene Halsdrüsen gemeiniglich eine üble Beschaffenheit der Säfte zum Grunde: Was kann also wohl natürlicher seyn? als daß solche daher entspringen müssen, weil die gehemmte Ausdünstung vornehmlich der Haut des Halses, welche die Drüsen, hauptsächlich aber diejenige Drüse, welche die thyroideische heißt, umgiebet, vermöge des versagten Abflusses und beständigen neuen Zuflusses ausgedehnet wird, und also in den von dieser Haut umkleideten Drüsen eine Verstopfung zuwege bringen muß. Da nun ein Kropf nichts anders, als eine widernatürliche Ausdehnung dieser Haut ist; so muß daher diejenige weiche und nachgebende Geschwulst des Halses ihren Ursprung nehmen, die man einen Krampf zu nennen gewohnt ist. Und eben daher entspinnen sich auch dieScrofulæwelche geschwollene Drüsen am Halse sind, so sich bewegen lassen, sehr harte werden, zuweilen aber gar aufbrechen, und unheilbare Geschwüre verursachen. Wie besorgt sind also nicht unsere Schönen bey diesen entstandenen Umständen, um solche unsichtbar zu machen und verhöhlen zu mögen. Aber es ist nunmehro zu späte, die Fehler itzo verbergen zu wollen, welche man sich selbst, bloß aus einem verdammten Hochmuthe, zugezogen hat.