Abschnitt 2, Kapitel 9, KopfstückDas neunte Kapitel.
Abschnitt 2, Kapitel 9, Kopfstück
Von denUnpäßlichkeiten, welche von demLöcherstechen in die Ohrläppchen, zumOhrgehängtragen, herkommen.
§. 81.
Es ist eben keine neue Erfindung, daß man Löcher in die Ohrläppchen zu stechen pflegt. Schon bey den alten Römern, bey denen alles, was nur feyerlich vollzogen werden sollte, durch gewisse Gebräuche und Weydsprüche, die sie in ihrer MundartFormulas solennesnannten, verrichtet werden mußte, war es gewöhnlich, daß sie ihren leibeigenen Knechten Löcher in die Ohrläppchen stechen, und solche an die Hausthüren heften ließen, um ihnen dadurch zu verstehen zu geben, daß sie Zeit Lebens nicht von dem Hause ihres Herrn weichen sollten. Wer sich aber überredet, daß unsere Schönheiten sich in gleicher Absicht Löcher in die Ohrläppchen stechen zu lassen gewohnt wären, um fleißig zu Hause bleiben zu wollen, der betrügt sich in seinen Gedanken. Ich glaube vielmehr, daßsolche Weiber ihren Männern dadurch das Gegentheil erkennen zu geben willens sind, um sich vielleicht auch anderweit als geduldige Thierchen aufzuführen. Ich lasse mir es nimmermehr ausreden, daß sich manche Schönen nicht gerne aus Hoffahrt Löcher in die Haut stechen lassen sollten. Ich glaube sogar, daß das schöne Geschlecht davon eben keinen Schmerz empfinden müsse, denn sonst würden sie sich sonder Zweifel vor solchen Mordeisen fürchten. O! da es den Frauenspersonen nicht zu heilig ist, ihren Kopf dem Stiche darzureichen, so werden sich auch unartige gewiß kein Gewissen daraus machen, andere, und noch wenig edlere Theile geduldig darzubieten. Wer den Frauenzimmern die Geduld abspricht, der ist ein Verächter des schönen Geschlechts.
§. 82. Es ist ganz wahrscheinlich, ob schon diese Wahrscheinlichkeit noch eines großen Beweises bedürftig ist, daß die Mode, sich Löcher in die Ohrläppchen stechen zu lassen, um Ohrringelchen und Ohrgehänge tragen zu können, von den Römern ihren eigentlichen Ursprung genommen habe. Jedoch liegt eben die Seligkeit nicht daran, wenn man auch gleich meinem Einfalle keinen Glauben beyleget. Genug daß ich den Glauben habe.
§. 83. Ohnerachtet die Natur die Schönen mit so vielen Gaben vor den Männern zum voraus bereichert hat; so wollen sie sich doch noch immermit mehrern unnöthigen Dingen belästigen, um sich dadurch ein ehrwürdigeres Ansehen zuwege zu bringen. Sie erlauben also, daß man ihnen darum Löcher in die Ohrläppchen stechen darf, damit sie Ohrringelchen und Ohrgehänge tragen können. Wenn ihnen die Natur solche lange Ohrlappen zugemessen hätte, so versichre ich, sie würden sich solche längst haben abschneiden lassen. Da ihnen aber die Natur kurze Läppchen zu geben vor gut befunden hat; so ist ihre einige Sorgfalt dahin gerichtet, wie sie solche durch Kunst verlängern möchten. Oefters tragen die Frauenspersonen eine Last von Steinen an den Ohrläppchen, daß dieselben davon ausreißen, und ihnen Schmerzen verursachen müssen: Aber auch diese übertragen sie mit weit christlicher Gelassenheit, als jene Mutter den Tod ihres an Blattern verstorbenen allerliebsten Kindes, um nur schöner aussehen zu mögen. Die Alten pflegten von Golde gewisse Figuren, als Lämmchen, Kreuzchen, Ottern und Schlangen an den Ohrringelchen zu tragen. Heut zu Tage aber sieht man Perlenmutter, gute und unächte Steine, gute Perlen und wächserne Perlen, welche mit Glase überzogen sind, und andere geschnittene oder geschliffene von Glas verfertigte Flüsse, die verschiedene Ecken haben, damit die Lichtstrahlen sich darinne auf mancherley Weise brechen und die Farben verändern können, an den Ohrläppchen herunter hängen.
§. 84. Die Lust, Ohrgehänge tragen zu wollen, gründet sich auf nichts, als auf eine bloße Eitelkeit, welche immer die Hauptleidenschaft der Schönen gewesen ist, und so viel ich davon einzusehen vermögend bin, noch itzo ist, auch vielleicht, wenn es mir erlaubt ist, meine Prophezeyung frey heraus sagen zu dürfen, noch in Zukunft der Liebling des schönen Geschlechts bleiben wird. Man mag es nur sicher glauben, daß diejenigen, welche ihren Körper beständig zu putzen und zu schmücken bemüht sind, eine sehr eitle Seele besitzen. Ich glaube es in Ewigkeit nicht, was einige Schönen sagen. Denn
Auf Sagen mag ein andrer bauen,Auf Sagen bau ich nicht;Ein Narr, nicht ich, mag allen trauen,Von dem man sagt und spricht:Doch Mops glaubt viel, und wird betrogen,Ja, gar zu oft bethört.Warum? Mops ist tumm auferzogen,Und viel zu ungelehrt.
Auf Sagen mag ein andrer bauen,Auf Sagen bau ich nicht;Ein Narr, nicht ich, mag allen trauen,Von dem man sagt und spricht:Doch Mops glaubt viel, und wird betrogen,Ja, gar zu oft bethört.Warum? Mops ist tumm auferzogen,Und viel zu ungelehrt.
Auf Sagen mag ein andrer bauen,Auf Sagen bau ich nicht;Ein Narr, nicht ich, mag allen trauen,Von dem man sagt und spricht:Doch Mops glaubt viel, und wird betrogen,Ja, gar zu oft bethört.Warum? Mops ist tumm auferzogen,Und viel zu ungelehrt.
Auf Sagen mag ein andrer bauen,
Auf Sagen bau ich nicht;
Ein Narr, nicht ich, mag allen trauen,
Von dem man sagt und spricht:
Doch Mops glaubt viel, und wird betrogen,
Ja, gar zu oft bethört.
Warum? Mops ist tumm auferzogen,
Und viel zu ungelehrt.
Ich sage es noch einmal, ich lasse mich doch nicht überreden, wenn man auch gleich seine Eitelkeit mit noch so schönen Farben anzustreichen sucht, um andern beybringen zu mögen, daß sie bloß darum den Entschluß gefaßt hätten, die Ohrläppchen durchstechen zu lassen, damit sie sich von den Flüssen, die ihnenso oft zur Last zu fallen pflegten, loß machen könnten. Es ist kein Zweifel, daß dieses nur ein eitler und scheinbarer Vorwand sey, womit man seiner eitlen Gesinnung einen Mantel umzugeben meynet. Wenn sich solche zu Flüssen des Kopfs und der Augen geneigte Schönen, durch die Haut im Nacken ein Haarseilchen (Setaceum) ziehen, oder am Arme ein Fontenell hätten setzen lassen; so würde niemand mehr, als ich, ihren Worten Glauben zustellen; ja ich würde ihre Sorge, die sie auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu wenden beflissen gewesen wären, für untadelhaft halten.
§. 85. Kein Putz ist so vollkommen, welcher nicht auch seine Unvollkommenheiten nach sich ziehen sollte, und so geht es auch mit den Löchern, welche darum gestochen werden, damit man die Ohrläppchen mit Ohrgehängen auszieren könne. Denn obschon die Ohrläppchen als ein Knorpel sehr wenig Empfindung haben; so geschiehet es gleichwohl, wenn man sich die Löcher stechen läßt, daß an den Ohrläppchen Schmerzen empfunden werden, daß sie eine Entzündung bekommen, und zu schwären anfangen. Aber auch dieses alles pflegt sich auch alsdenn zu ereignen, wenn die Ohrläppchen, wegen der großen daran hängenden Last von einander gerissen werden. Ohnerachtet nun alle diese Zufälle eben keine Lebensgefahr verursachen, so halte ich es doch vor eine Thorheit, daß man sich ohne Noth Schmerzen mache, die man doch, wenn man sonstklug genug wäre, gar füglich überhoben seyn könnte. Man giebt ja ohnedies denjenigen immer Schuld, daß sie einen Fehler des Gehirns hätten, die durch sich selbst muthwillig zugezogene Schmerzen erst klüger werden wollen:
Klug ist, wer fühlt, sich bessert, schweiget.
Abschnitt 2, Kapitel 9, Ende