Abschnitt 3, Kapitel 4, KopfstückDas vierte Kapitel.
Abschnitt 3, Kapitel 4, Kopfstück
Von demUnheil, welches daher zu kommenpflegt, wenn sich das Frauenzimmer durchunrechte Mittel die Kröpfe vertreibenläßt.
§. 95.
Die angenehmste Schönheit des Angesichts so wohl, als des Halses, ja der vollkommenste Körperbau wird einen großen Abgang seiner Anmuth leiden, wenn der schöne weiße und runde Hals von einem Kropfe unscheinbar gemacht worden ist. Sollte man es wohl den Schönen mit Rechte verdenken, wenn sie sich angelegen seyn lassen, sich von diesemUebel, welches sie so sehr verstellt, frey zu machen? Ihre Absicht würde keines Tadels würdig seyn, wenn sie sich nur nicht ungeschickten Händen überließen, die ihnen allemal mehr Schaden, als Vortheil zu verschaffen pflegen. Denn ein vernünftiger Wundarzt wird sich wohl schwerlich unterstehen, seine Hand an einen Kropf zu legen, welcher schon zu einer ziemlichen Größe gelanget ist, weil er von den Kröpfen mit mir einerley Meynung und Glauben hat, daß nämlich ein gar zu groß gewachsener Kropf eine unheilbare Geschwulst sey. Es ist aber ein Kropf, nach meinem Begriffe, eine unschmerzhafte Geschwulst des auswendigen Halses, die ihren Ursprung von einer gewaltsamen Ausdehnung derjenigen Haut des Halses nimmt, welche die tyroideische Drüse umkleidet. Zuweilen sind diese Kröpfe klein, zuweilen aber zeigen sie eine ganz besondere Größe. Einige sind harte, andre weich. Ich habe Kröpfe gesehen, die sehr groß waren, so, daß sie denen, welche damit belästiget wurden, eine unangenehme und schwere Sprache, einen kurzen Athem, ja gar Ersteckflüsse verursachten, welches gar leichtlich geschehen kann, wenn die tyroideische Drüse, die bey nahe an den obern Knorpeln der Luftröhre liegt, so aufschwället und groß wird, daß sie die Luftröhre zusammendrückt, und auf diese Weise den Ausgang der Luft so wohl verhindert, als auch den Einfall derselben hemmet.
§. 96.
Ich habe schon im88stenAbsatze erweislich gemacht, daß die Kröpfe von der verhinderten Ausdünstung entstünden. Denn da diese die Säfte verderbet und dicke macht; so werden die Drüsen des Halses davon in eine Verstopfung gerathen, folglich werden sie wachsen, sich verhärten, und endlich die Haut ausdehnen, und diese Geschwulst sichtbar machen müssen. Ueberhaupt aber sind die Kröpfe gutartigen Verhärtungen nicht ungleich, wenn sie aber mehr zunehmen, so können sie auch nach und nach eine böse Art überkommen, daher sie denn auch öfters schmerzhaft werden, Entzündungen bekommen, und zum Krebse Anlaß geben. Leute, welche mit der Lustseuche behaftet sind, können gar leichte bösartige Kröpfe bekommen. Alles nun, was fähig genug ist, die Haut des Halses, welche die tyroideische Drüse umgiebet, auszudehnen, das muß auch vermögend seyn, Kröpfe zu erzeugen. Die Halshaut aber wird ausgedehnt, wenn man die Luft an sich hält, und den Kopf gewaltsam zurücke wirft, oder wenn man schwere Lasten öfters auf dem Kopfe zu tragen gewohnt ist. Alles was die Drüsen verstopfen kann, muß auch Gelegenheit zu Kröpfen geben. Dieses aber wird ein dickes, faules und schlammiges Wasser, wie ohngefähr das Schneewasser ist, welches darum faul und stinkend wird, weil es sehr lange, zumal auf hohen Bergen, ohne Bewegung gelegen hat, und eine sehr grobe Kost von Mehl und riechenden Fleische ganz gewiß zu bewerkstelligen im Stande seyn. Ich kann auch eine dicke, neblichte, und mit wäßrichten Dünsten stark angefüllte Luft mit gutem Gewissennicht davon ausschließen. Es giebt Gegenden, wo diese Kröpfe ordentlicher Weise zu Hause sind, als wie in Spanien, Steyermark, Tyrol, Bayern, Franken, und Schwaben, und wie ich mir habe sagen lassen, so sollen die Frauenzimmer daselbst die Kröpfe vor eine ganz besondere Schönheit halten, ich will es glauben, denn vielmals macht die Mode einen Fehler schön. Ich habe an keinem Orte mehr kröpfichte Leute angetroffen, als in Sagan, und ich bin der völligen Meynung, daß diese vom Boberwasser herkommen, welches ich darum darzu geschickt halte, weil solches von dem Schneewasser, welches von den hohen Gebirgen herabfließt, und in den Bober fällt, schädlich gemacht wird. Die Aerzte daselbst mögen das Boberwasser noch für so gesund ausschreyen; so glaube ich es doch nicht, sondern ich halte es darum für schädlich und ungesund, weil die Einwohner daselbst sehr kropfreich sind. Ich lasse es mir auch nicht ausreden, daß diejenigen, welche das Boberwasser unüberlegt als gesund anpreisen, nicht Mangel an ihrer Wissenschaft und gar keine rechte Erkenntniß desjenigen Orts haben sollten, in dem sie wohnen, um welche sich doch die Aerzte, nach des Hipokrats Vorschrift vor allen Dingen zu bekümmern verbunden seyn sollten. Der Beweis, wodurch sie das Boberwasser von aller Schädlichkeit loszusprechen suchen, ist dieser: Sie sagen, der Bober entspringt an der böhmischen Gränze bey Schatzlar, auf einem hohen Berge, und hat auch darum einen sehr schnellen Lauf: das Wasser selbst siehtsehr helle und klar aus, und rollet auf einem schweren kiesichten und sandigten, nicht aber auf einem schlammigten und leimigten Boden daher: Da nun aber nicht nur das Bergwasser, sondern auch dasjenige Wasser der Gesundheit zuträglich ist, welches auf einem kiesigten Sande fließt, und noch darzu einen geschwinden Lauf hat, und eben darum nicht zur Fäulniß geneigt ist; das Boberwasser aber eine solche, und keine andere Beschaffenheit besitzt, folglich muß es ein gesundes Wasser seyn. Es ist wahr, ich muß es selber zugestehen, daß ein Bergwasser und ein solches, welches sehr schnelle läuft, einen kiesigten und sandigten Grund hat, und schöne krystallenklar ist, gesund seyn könne, wenn ihm nur anders keine fremde und schädliche Theile zugesellet werden. Allein da der Bober, von dem, auf den höchsten Bergen liegenden, und zur Sommerszeit geschmolzenen Schnee verderbet worden ist, so hilft alles nichts, wenn er auch gleich den Ursprung seines Wassers dem allerhöchsten Berge schuldig, das Wasser aber noch so krystallenartig wäre, und noch einen zehnmal schnellern Lauf hätte, als es gegenwärtig zu haben pflegt, ja wenn auch gleich das Boberwasser wirklich von dem, auf den Bergen geschmolzenem Schnee, schädlich und ungesund gemacht werde, beweist sein Aufschwällen im Sommer augenscheinlich, da es am trockensten, und heißesten ist. Denn zu der Zeit fängt der Schnee auf dem Gebirge an zu zerschmelzen, und den Bober am Wasser reicher, zugleich aber auch schädlicher zu machen. Aber wenn wird auch mehr, als im Sommer, da die Hitze sehr groß und schmachtend ist,getrunken? Wird man also nicht die Körper zu eben der Zeit mit weit mehrern Unreinigkeiten anfüllen? Ich läugne es nicht.
§. 97.
Man will mir die Versicherung geben, daß die Könige von Frankreich und England die besondere Kraft hätten, durch Auflegung ihrer hohen Hände, oder durch die Berührung mit ihren Händen die Kröpfe heilen zu können. Wer aber dieses glaubt, der glaubt mehr als ich. Ich habe nicht gehört, daß diese gekrönten Häupter die Gabe gesund zu machen mittelbar von den heiligen Ausgesanndten erhalten hätten. Denn meines Wissens wußte man dazumal nichts weder von einem Könige der Franzosen, noch von einem Könige der Britten. Wenn diese Könige wirklich die Kröpfe heilen könnten, so würden sich ganz gewiß die Tyroler, Steyermärker, Salzburger und andere mehr in ihre Kur begeben, um sich von dieser Beschwerde loß machen zu mögen. Einige wollen gar anrathen, daß man den Kropf mit einer Hand eines an der Abzehrung verstorbenen Menschens berühren lassen solle, und wiederum andere befinden vor gut, den Kropf mit einem Knochen eines solchen an der Auszehrung verstorbenen Menschens zu bestreichen. Doch alle beyde Mittel gründen sich auf einen bloßen Aberglauben. Ja man will noch mehr erzählen, und sogar sagen, daß einige, welche sich den Kropf, mit der Hand eines an der Abzehrung verstorbenen Menschens wirklich hätten berühren lassen, davon selbst in eine abzehrende Krankheit verfallen seyn sollten. Aber wenndieses ja einmal geschehen ist, so muß gewiß derjenige schon selbst einen Fehler im Eingeweide gehabt haben, davon vielleicht diese Krankheit entstanden seyn mag. Denn da die Kröpfe von verdorbenen Säften ihren Ursprung nehmen, so wird es auch gar wohl möglich seyn können, daß davon andre Theile ebenfalls eine böse Beschaffenheit bekommen können. Doch wenn dieses in der Wahrheit seinen Grund hätte; so würden auch sonst diese Fälle öfterer vorfallen müssen, und so würden auch alle diejenigen, welche sich mit einem solchen Menschen beschäftigen, und ihn angreifen, wie nämlich die todten Weiber und Aerzte, welche vielmals solche Körper zergliedern, in eine Abzehrung verfallen müssen. So viel aber muß ich versichern, daß durch alle diese Mittel in Ewigkeit kein Kropf vertrieben werden könne, auch nach meinem Glauben niemals einer geheilt worden sey.
§. 98.
Viele haben das Herz, und wagen es, sich den Kropf mit einer Salbe bestreichen zu lassen, welche aus Quecksilber, venetianischen Terebinth und Schweinsfette verfertiget worden ist. Andere aber lassen ein bleyernes Halsband, welches mit lebendigem Quecksilber bestrichen werden muß, um den Hals tragen, und bilden sich ein, den Kropf damit weg bringen zu können: Aber sie betrügen sich in ihrer Meynung, und erlangen ihre Absicht dennoch nicht, ja sie richten damit vieles Unheil an, indem sie dadurch einen Speichelfluß erregen, welcher sie in nicht geringe Gefahr zu versetzen fähig ist. Diejenigen aber, welcheden Kropf gar durch ätzende und beizende Sachen, zu vertreiben, sich in Sinn kommen lassen, machen es noch ärger, und verrathen offenbar ihren Unverstand. Denn es ist natürlich, daß durch diese Heilungsart große Adern und Nerven angefressen, der Kropf aber in einen Krebs verwandelt werden müsse, worauf allemal gewiß der Tod erfolgen wird. Man rühmt gemeiniglich den Schwammstein als ein untrügliches Hülfsmittel wider den Kropf. Allein man hat befunden, daß die Leute nach dessen Gebrauche sehr elende geworden sind, so, daß man alle Noth gehabt hat, solchen wieder zu ihrer verlohrnen Gesundheit zu verhelfen. Zurücktreibende Mittel verhärten nicht nur die Kröpfe noch mehr, und machen solche bösartig, sondern sie erzeugen auch alle diejenigen Mühseligkeiten, deren im94stenAbsatze gedacht worden ist. Diejenigen aber werden ihre Absicht weit glüklicher erreichen, welche sich bey anfangenden Kröpfen solcher Mittel bedienen, die ihre Wirkung durch Vertheilen zu beweisen geschickt sind, und die Fähigkeit besitzen, das Blut von aller Unsauberkeit zu reinigen, und die Dickheit desselbigen zu verdünnen. Einem alten Kropfe aber ist keine andere Hülfe, als der Schnitt, nur muß man sorgfältig darauf Achtung geben, daß der Kropf, welcher geschnitten werden soll, von guter Art sey, nicht aber eine üble Beschaffenheit habe, weil sonst nur die Gefahr vergrößert werden würde.
Abschnitt 3, Kapitel 4, Ende