Bilder am Wege.Bilder am Wege
Bilder am Wege
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Es gibt Gassen in Schanghai, die in regenschweren Tagen von einem düstern Halbdunkel durchwoben sind. Es sind eigentlich gar keine Gassen, sondern schmale Gänge, die von einer Hauptstrasse abzweigen und stracks durch die Häuserblöcke führen. Die Gänge werden mit Namen bezeichnet, die manchmal sehr merkwürdig klingen und dem ganzen „Milieu“ Hohn sprechen. Hier sind einige Gassenbezeichnungen: „Die ewige Kostbarkeit,“ „die ewige Tugend,“ „der ewige Frühling,“ „der friedliche „Ursprung“,“ „die vollendete Schönheit,“ „das immerwährende Glück,“ „die hundert Harmonien,“ „die unwandelbare Gerechtigkeit“ und „der erhabene Friede.“
Eines Tages ging ich durch die „Gasse der „unwandelbaren Gerechtigkeit“.“ Zu beiden Seiten waren hohe Häuserwände und die Gasse war so schmal, dass man, wenn man sich in ihre Mitte stellte, mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hände die Wände berühren konnte. Die steilen, schmutzig grauen Wände wurden oben vom Himmel abgeschlossen, der von einem düstern Grau umflort war. Braun und klitschig von Regen und aufgeweichtem Staub war das Pflaster. Ein Geruch von Moder und Kellerdunst erfüllte die Luft. In der Gasse schien alles Leben ausgestorben. Nein, doch nicht. Denn dort, an die Wand gekauert, lag ein Sack aus groben, ackerfarbenem Tuch. Unter dem Sack war Leben. Vielleicht lag ein Hund darunter. Nein, es war nur ein Häufchen zusammengeknäueltes menschliches Elend. Auf dem Sack, der als kälteschützende Schlafdecke diente, kramte sich eine magere Hand hervor und schlug abwehrend in die Luft. Dabei verzog sich die Decke und ein Kopf kam zum Vorschein. Ein würdiger Greisenkopf. Das Gesicht war braun wie die Sackleinwand. Der Bart und die spärlichen Zopfhaare weiss wie frischgefallener Schnee. Die Augen waren zum Schlaf geschlossen. Da surrte eine Fliege heran, die, in irgend einem warmen Unterschlupf aufgestöbert, im Zickzackflug durch die Luft taumelte, sich auf dem Greisengesicht niederliess, und ihren schwarzglänzenden Leib an der von warmem Blut durchströmten Wange des Schlafenden wärmte. Der Greis lag offenbar im Halbschlaf; er erhob die Hände und klatschte nach der Fliege; unbeirrt kam sie immer wieder. Und plötzlich ging ein Aufleuchten durch die düstere Gasse; es flammte auf und verschwand wie ein Streichholz, das man in einem dunstigen, düstern Keller anzündet. Und dann leuchtete es wieder auf, das würdige Greisengesicht mit Helle überstrahlend und den schwarzen Leib der vorwitzigen Fliege mit grünschillernden Ringen umgürtend. Es war die Sonne, die, die graue Wolkenwand zerschneidend, ihre Strahlen in der „Gasse der unwandelbaren Gerechtigkeit“ spielen liess. Noch merkte der schlafende Greis das Wirken der Lichtspenderin nicht, obwohl die Fliege eindringlich zum Erwachen mahnte. Als aber die Sonne mit all ihrer Leuchtkraft in die muffige Gasse fuhr, da zwinkerte es um die verwitterten Augenwinkel des Greises, und langsam, langsam öffneten sie sich und blickten so hell und freudig in die Sonne, wie die frohen Augen eines kleinen Kindes, das beim Erwachen seine Mutter erblickt. Und dann schlossen sich die Augen wieder, und um den Mund des Bettlers zog sich ein stilles Lächeln.
Seit diesen kleinem Erlebnis sind für mich ein durch die Wolken dringender Sonnenstrahl und das Lächeln des Bettlergreises in der „Gasse der unwandelbaren Gerechtigkeit“ zwei unzertrennbare Begriffe.
Seite 42, Deko