Huitungs Erlebnisse und Meinungen.Huitungs Erlebnisse und Meinungen
Huitungs Erlebnisse und Meinungen
I
Ich, Hui tung, traf am achtzehnten Tag des zweiten Monats, dem „Fest des Reinen Glanzes“, in Schanghai ein. Ein deutscher Freund, den ich schon seit Jahren kenne und mit dem ich auf langen Ueberlandreisen in der Provinz Schantung Reis und Lager geteilt hatte, forderte mich auf, zu kommen. In Gedanken weilte ich oft bei ihm, wenn ich, niedergedrückt von der politischen Lage unsers Landes, nach Süden schaute, und ich wünschte oft, das durch die Lüfte sausende Geisterpferd zu sein, um bei meinem Freunde Tröstung zu suchen. Der Himmel hätte es nicht besser einrichten können, als dass er meinem Freunde eingab, mich nach Schanghai einzuladen. Schanghai hat bei uns keinen guten Klang, wie Alles, was im Süden liegt und von dort kommt. Ein Schantunger Sprichwort sagt: „Schao bu dsou nan“ (Wer jung ist, gehe nicht nach Süden.) Da ich das Jugendalter bereits beträchtlich überschritten habe und mein einst pechschwarzes Haar schon Fäden weisser Himmelsseide aufweist, glaubte ich mich gegen die Gefahren des Südens genügend gewappnet. Schon der erste Eindruck, den ich von Schanghai erhielt, war kein guter. Der Wagenzieher, der mich vom Hafen nach der Herberge Tschi tschang tschan brachte, verlangte mir so viel Fahrgeld ab, dass ich dafür in Schantung mindestens fünf Dutzend mit Fleisch und Kohl gefüllte Klösse und mehrere Schälchen Wein hätte kaufen können. In der Herberge wurde mir für teuern Preis ein kleines Zimmer angewiesen, das so düster war, dass ich selbst während des Tages ein Licht anzünden musste. Die Kinder des Wirtes lärmten Tag und Nacht, und aus Eimern, die nicht weit vom Eingang meiner Tür aufgestellt waren, drang ein widerlicher Geruch, den man in dem gesitteten Tsingtau, wo ich mehrere Monate lebte, vergebens suchen würde. Dort herrscht Ordnung, und die Bevölkerung fügt sich willigdem höhern Gebot. Die Obrigkeit in Schanghai übt wenig Respekt aus; sonst könnten meine Landsleute die gesundheitlichen Gebote nicht umgehen und den ankommenden Fremdling die übelriechende Luft aus den Eimern einatmen lassen. Zu meinem Erstaunen habe ich dieser Tage von einem Landsmann, der aus der Huang hsiener Gegend stammt, gehört, dass Schanghai, das sich so oft brüstet, die fortschrittlichste Stadt in China zu sein noch nicht einmal Verrichtungen hat, um übelriechende Abflusswässer ablaufen zu lassen. Die Schanghaier sollten einmal nach Tsingtau gehen und sehen, was die Deutschen dort für die Bewohner getan haben. In den ersten Tagen meines Aufenthaltes überkam mich ein Gefühl der Verlassenheit. Von meinem deutschen Freunde abgesehen, hatte ich Niemand, mit dem ich mich in meiner Heimatssprache unterhalten konnte. Der Wirt kam zweimal auf mein Zimmer und knüpfte ein Gespräch an; es wurde auch eine kurze Weile geführt, indem wir gegenseitig Frage und Antwort auf ein Stück Papier schrieben; das langweilte ihn auf die Dauer, und er ging höflich hinaus. Dann sass ich allein auf meinem Zimmer und nahm mir einen Roman vor, den ich laut las, um wenigstens den Klang meiner Heimatssprache zu hören. Von der Strasse drang das unverständliche Sprachgeplärr der Südbarbaren so unartikuliert wie das Schreien des „Küo she“ Vogels herein. Ich setzte manchmal mit dem Lesen ab und lauschte. Wie ich so unbeweglich dasass, glich ich einer geschnitzten Holzfigur.
Teil der Nanking-Road in Schanghai.❏GRÖSSERES BILD
Teil der Nanking-Road in Schanghai.
❏GRÖSSERES BILD
Offene Läden in der Nanking-Road.
Offene Läden in der Nanking-Road.
Foochow-Road mit Restaurants und Teehäusern.
Foochow-Road mit Restaurants und Teehäusern.
Auf abendlichen Spaziergängen durch die Strassen habe ich Vieles gesehen, was mich mit hoher Freude und mit tiefem Schmerz erfüllt hat. Aeusserlich wird man von dem Reichtum, der besonders in den Abendstunden entfaltet wird, geblendet. Die in zahllose Drähte gebannte elektrische Luft, die aus Glasglocken in ungewöhnlicher Helle erstrahlt, verleiht dem Strassenbild ein Aussehen, wie es im übrigen Reich nicht zu finden ist. Der Menschenschwarm „webt“ sich in den Strassen; denn alle Volksklassen: Gelehrte, Bauern, Kaufleute, Händler, Arbeiter, mischen sich ohne Standesunterschied durcheinander, und ihre Reihen verschlingen sich wie die Kreuz- und Querfäden eines Gewebes. Am zahlreichsten ist merkwürdigerweise die Frauenwelt vertreten. Es sind viele unehrliche Gestalten darunter, so zahlreich, wie die Schäferwölkchen am bestirnten Himmel. Ihre Haar- und Kleidertracht, ihr Elfengang bestrickt Jeden. Wieungezwungen sie sich bewegen! Sie bleiben ab und zu stehen, zupfen einen jungen Mann am Aermel und sprechen vertraulich mit ihm, als seien sie alte Bekannte. Auch mich fasste eines Abends ein solches Mädchen an; ich riss mich los und schimpfte derb in meiner Heimatssprache, worauf sie mir ihre Kürbiskernzähne zeigte und mich einen nordchinesischen Kulturlosen nannte. Ich dachte aber im Stillen an unser Sprichwort: „Wer jung ist, gehe nicht nach dem Süden!“ und schritt weiter. Dass sich eine gewisse Gruppen von Damen so frei gibt, hat mich eigentlich nicht überrascht. Wohl aber befinden sich in dem Gedränge viele Damen, die besseren Familien angehören. Ihre Kleidung und ihr Auftreten unterscheiden sich nur wenig von dem der anderen Damen. Auch sie bleiben stehen, wenn sie wirkliche Bekannte treffen, schütteln sich auf westländische Art die Hände, die sie vorher unmerklich mit einem seidenen Tüchlein abwischen, und plaudern. Ihre Eltern, Brüder oder Geschwister können die Damen nicht mahnen, das zu unterlassen, weil es gegen unsere überlieferten Sitten verstosse; denn sie würden sagen: „Das ist aber Schanghaier Sitte.“ Ein Glück, dass wir im Norden noch davon verschont sind. Dort ist der Kern des Volkes gesund; in Schanghai ist er zernagt. Mir fällt da eine kleine Geschichte ein, die ich vor Kurzem gelesen habe. Der sie geschrieben hat, hat sie lautern Herzens und Sinnes geschrieben. In der Geschichte wird von einem Tonfigurenhändler erzählt, der es meisterhaft versteht, kleine Figuren zu kneten, die bei jedem Beschauer ein Entzücken wachrufen. Denn die Farbe und die Züge des Gesichts, die bunten Kleider sind von seltener Naturtreue; meist stellen die Figuren berühmte Männer aus unserer Heldenzeit dar. Die Geschicklichkeit des Handwerkers ist weithin berühmt. Täglich steht ein Haufen Neugieriger vor seiner Werkstatt und bewundert den Meister bei der Arbeit. Ein gewisser Tou kaufte eine der entzückenden Figuren. Ich glaube, es war ein Abbild des trefflichen Staatsbeamten und Gelehrten Wang Schi tschi, der unter der Tsin Dynastie unserm Volk grosse Dienste geleistet hat. Der Käufer barg die Figur behutsam unter dem Arm und eilte frohen Herzens über den schönen Einkauf nach Haus. Wenn man solch ein kostbares Stück auf dem Arme trägt, soll man vorsichtig sein. Tou war es nicht und liess die Figur fallen. Sie zerschellte krachend auf dem harten Pflaster. In Schantung wäre sie vielleicht unverletzt geblieben; denn dort hätte sie sichin den weichen Strassenstaub vergraben können. Der Käufer stand nun vor seinem zerschellten Prachtstück und sah mit Entsetzen, dass von dem entzückenden Aeussern, von dem er beim Einkauf so geblendet wurde, nur Schmutz, Unrat und zerhackte Strohhalme auf der Stelle lagen, wo die Figur zerbrochen war. Darüber war er aufs Höchste erstaunt; er lief eilig zurück und stellte den Handwerker wegen seines Betrugs zur Rede. Der gab ihm aber eine so rechtfertigende und treffende Antwort, die mich lebhaft an Tung Fang tschen aus der Han Dynastie erinnerte, der ein nie übertroffener Dichter von sinnigen Parabeln war. Mit Recht betonte der Handwerker, dass Alles auf der Welt eitel Falschheit und Lüge sei, dass sich Alles äusserlich den Schein gebe, sich mächtig und prunkend zu zeigen, aber nur um innere Hohlheit und Mangelhaftigkeit zu verbergen; das Alles verkörpere die äusserlich blendende und innerlich hohle Lehmfigur. Wenn ich jetzt über das chinesische Schanghai nachdenke, so wird mir bewusst, dass die Stadt und ihre Bewohner nichts Anderes sind, als die entzückende Figur des zerschellten Staatsbeamten Wang Schi tschi. Im Leben meiner Landsleute gilt heute der Schein mehr als das Sein. Wohin man geht, kann man diese Beobachtung machen. In den Strassen, Restaurants, Theatern und Vergnügungsgärten herrscht ein China, dem ich als Nordmann fremd gegenüberstehe. Was herrscht, ist die betörte Jugend, die vom Ausland das Beste (weil es äusserlich blendet) zu nehmen glaubt und gerade das Schlechteste nimmt. Aus Gesprächen mit meinem deutschen Freunde weiss ich, dass das Ausland Tieferes und Edleres zu geben hat. Oft durchwandere ich die Läden in der Bücherstrasse und spreche mit den „Laobans“, die gebildet genug sind, meine Heimatsprache zu verstehen, über Bücher. Einige Händler klagen, dass die Werke unserer Klassiker dem Staub und Moder verfallen, weil sie Niemand mehr kaufe; andere reiben sich geschäftszufrieden die Hände und deuten auf lange Bücherregale. Man braucht nur den Titel und die Kapitelüberschriften zu lesen, und man weiss was der Inhalt ist. Einmal kaufte ich mir ein solches Buch, um es bald mit Entrüstung zur Seite zu legen. Schon der verlotterte Stil, in dem es geschrieben war, verletzte mein Sprachgefühl. In der Vorrede wurde gesagt, dass das Buch die Uebersetzung eines weltberühmten französischen Romans sei; der Verfasser heisse Ah mi loh Tso la. Der Himmel möge verhüten, dass der Geist, der dieses Buch durchzieht, auch in unser Volk dringt.Mit Schmerzen habe ich in Schanghai gesehen, dass dieser Geist schon hier am Werke ist. Schüler und Schülerinnen lesen schon solche Bücher, und wenn die Eltern fragen, was darin stehe, so sagen sie: „die neue Zeit.“
Ja, die neue Zeit, die tritt Einem hier überall entgegen. Manchmal überkommt mich das Gefühl, ihr entfliehen zu müssen; der Wunsch, irgend ein ruhiges Plätzchen aufzusuchen, wohin sie ihre Wellen noch nicht schlägt. Das Plätzchen finde ich draussen auf den Feldern, die ich mitunter mit meinem deutschen Freunde in erbauendem Gespräch durchwandere. Ein Spaziergang, den ich an einem heissen Sonntag mit ihm unternahm, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Die Landschaft hat mit der meiner Heimat nur wenig gemein; nur die spitzkegeligen Grabhügel und in Ferne verschwommene Dorfschaften könnten den Augen ein Stückchen Heimat vortäuschen. Das Landvolk war fleissig bei der Arbeit. Frauen und Mädchen mit rotbraunen, von der Sonne gefärbten Gesichtern und mit hellblauen Kopftüchern lockerten mit Harken den Lehmboden, und das Mannsvolk stand tief im Schlamm, um die zarten Reispflänzchen in Reihen zu setzen. Vom nahen Bambusgebüsch klang ein heimatlicher Laut; es war der Mahnruf eines Vogels, der die Bauern zur Arbeit ermuntert. Ganz deutlich ruft er: Kuan hou-erh to chou. (Ihr Müssigen, arbeitet!) Es war ein heisser Tag. Da ich sehr beleibt bin und zu Fuss den Feldweg entlang schritt, strömte mir der Schweiss aus allen Poren. Auch hier bewahrheitete sich das Wort, dass je mehr man geht, desto müder man wird; je müder man wird, desto mehr man schwitzt; je mehr man schwitzt desto durstiger man wird. In zwei Dörfern fragte ich vergebens nach Tee oder heissem Wasser, um meinen Durst zu stillen. Die ich anredete, waren entweder Kinder oder Greise; denn alle Rüstigen waren auf den Feldern beschäftigt. Da leuchtete eine rote Wand im Hintergrund; ich hielt sie für die Seitenwand eines Tempels. Fast eine Stunde dauerte es, bis ich dort mit meinem deutschen Freunde anlangte. Der Weg führte über Kanäle und wand sich in scharfen Krümmungen durch die Felder wie die Hörner eines Widders. Als ich endlich den Tempel, dessen Vorhof mit hohem Gras überwuchert war, betreten konnte, fing das kleine Kind des Wärters an zu heulen, und ein Hund bellte. Auf das Geschrei trat ein Mann aus dem Seitengebäude. Sein Gesicht sah düster aus wie das eines Opium rauchenden Räubers. Ich bat ihn umeinen Schluck Tee. Er verstand mich erst, als ich mit der Hand die Gebärde des Trinkens nachahmte, und er sagte dann: „Nu yao tse tso?“ Ich nickte. Bei uns in Schantung sagt man: „Ni yao ha cha mo“, wenn man jemand fragt, ob er Tee trinken will. Der Mann kam bald mit einer Tasse Tee zurück, die ich gierig austrank. Es war der schlechteste Tee, den ich je getrunken habe, und doch dünkte mich, als hätte ich „Lung tsing tsüeh shih“ Tee getrunken, das ist der beste, den es in China gibt. Mir fiel das Wort von Meng tse ein: „Ko chih kan yin“ (Dem Durstigen schmeckt jeder Trank). Neugestärkt konnte ich mich auf den Rückweg begeben. Als ich mich auf der Fähre ins Schanghaier Stadtgebiet übersetzen liess, da warf ich noch einen Blick auf die in der Dämmerung versinkende Landschaft. Ueberall hoben sich die Gestalten der arbeitenden Menschen auf den Feldern ab. Die Stimmung, die ich von jenem Spätnachmittag mit nach Haus nahm, klingt heute noch in meiner Seele nach. Im Westen senkte sich gerade das tiefrote Sonnenrad und warf über die Landschaft einen farbigen Schimmer, der sich auch in dem kleinen Flüsschen widerspiegelte. Mit wenigen Ruderschlägen glitt die Fähre zum andern Ufer, das von dickstämmigen, weitästigen Bäumen besäumt war. Ein kräftiger Geruch schlug mir entgegen; er schien „ausgehaucht von Wasserkastanien und Seerosen“, wie es in einem Gedicht heisst. Den Fluss abwärts huschten geräuschlos verspätete Boote; auf einem führte ein Greis das Steuer; ein kleiner Junge, der wohl sein Enkel war, übte sich auf einer Fiedel, der er krächzende Töne entlockte. Und doch dünkte mich inmitten der Abendstimmung, als hörte ich die wunderbaren Weisen des Melodienkönigs Yüan Tschen aus der Tangdynastie. Ein Glück, dass Jedem, der seines reichen und prunkenden Lebens müde ist, noch der beschauliche Beruf eines Fischers oder Sampanführers übrig bleibt; ich würde nie zögern, wenn ich meines jetzigen Lebens überdrüssig wäre, die Jacke des Literaten mit der des Fischers zu vertauschen. Ich glaube sogar, dass dies das beste Mittel ist, ein Volk ewig jung zu halten, wenn die durch Reichtum verweichlichten oder durch geistige Genussucht verkrüppelten Stände zwei Generationen hindurch ein Leben schlichter Einfachheit als Fischer, Bauer und dergleichen führen; daraus würde eine neue, geläuterte Generation hervorgehen und in allen Ständen des Volks ein immer frischer Kreislauf gesunden Lebens stattfinden. Wenn ich aber auf Schanghai blickeso sehe ich wie gewisse Kreise meiner Landsleute in ein immer raffinierter werdendes, verfeinertes Leben hineingetrieben werden, von dem es kein Zurück in den erfrischen Odem der Atmosphäre der ruhigen Leute gibt; mein heisser Wunsch, den ich als echter Chinese, dem sein Volkstum über Allem steht, stets auf den Lippen trage, ist der, dass alle meine Brüder im weiten Reich gegen die von Schanghai ausgehende Ansteckung, die namenlos und doch nennbar gleich dem Tao ist, bewahrt bleiben mögen. Die Grossstadtluft lähmt nicht allein die Willens- und Schaffenskraft unseres männlichen Geschlechts, sondern sucht auch die weiblichen Reihen der Bevölkerung heim. Mit mitleidigem Bedauern sah ich an jenem Abend, wo ich von meiner Feldwanderung in die Stadt zurückkehrte, lange Reihen wandernder und auf Schiebkarren fahrender Mädchen. In ihrem Alter mochten sie zwischen zwölf und zwanzig Jahren gewesen sein. Die Aelteren sahen blass und freudlos aus; die Jüngeren strotzten von blühender Jugendfrische und schauten mit ihren glanzvollen Augen munter umher. Die Mädchen waren nicht unsauber gekleidet. Ich dachte einige Zeit nach, was wohl ihre Beschäftigung sein möge, bis ich schliesslich auf den Kleidern verräterische Baumwollflöckchen entdeckte; zugleich bemerkte ich im Hintergrund ein düsteres, vielfenstriges hohes Gebäude mit einem riesigen Schornstein. Daraus schloss ich, dass die Mädchen in einer Spinnerei arbeiteten und ich traf wohl mit dieser Vermutung das Richtige. Ich habe nichts dagegen, wenn Kinder ihren Eltern bei Feldarbeiten behülflich sind und sich so gegen ihre Ernährer dankbar zeigen; denn die Arbeit auf freiem Feld ist der Gesundheit nur förderlich. Wenn ich aber Gesetzesgewalt hätte, würde ich von heute an allen jungen Mädchen die Arbeit in Fabriken verbieten. Den Aelteren könnte es freigestellt werden weiter zu arbeiten, aber die Jüngeren, die zwölf- bis fünfzehnjährigen, müssten von der Sklavenarbeit befreit werden. Mir sagte ein alter Arzt, dass in den rohen Baumwollknäueln winzige Härchen enthalten seien, die, wenn sie sich in die Atmungsorgane eines Menschen setzen, den Keim zu einer stillen Krankheit legen. Da gerade die Jüngsten damit beschäftigt werden, die Kapseln zu zerpflücken, so ist die Krankheitsgefahr gross. Wenn man weiter bedenkt, dass diese Mädchen einst Mütter werden sollen, so muss man um den Nachwuchs besorgt sein. Mein deutscher Freund sagte mir, dass in Deutschland Gesetze beständen, die die Kinderarbeit in den Fabriken verbieten. Werein solches Gesetz in Schanghai einführt, würde sich den Ruf eines grossen Wohltäters erwerben und die Achtung, die ihm seine Mitbürger entgegenbrächten, würde nicht gering sein.
Auf dem Nachhauseweg prägte sich noch ein anderes Bild fest in meiner Seele ein. Auf einem hohen, zweirädrigen Wagen, der von einem Pferd gezogen wurde, das zweimal so gross wie unsere gewöhnlichen Ponies war, sass eine westländische Dame. Wie der Nordsturm sauste das Gefährt durch die Strasse. Das Pferd schnaubte mit den Nüstern und warf die Vorderbeine, weit ausholend, in stetem Rhythmus auf das Pflaster, das Haupt in eherner Ruhe nach vorwärts gerichtet. Die straffen Zügel ruhten in festen Händen. Die Haltung der Dame war noch edler wie die des Pferdes. Sie sass mit straffem Oberkörper und erhobenem Haupt, dessen Profil aus edlem Gestein ziseliert erschien, auf dem Sitz und lenkte mit unerschütterlicher Ruhe und Sicherheit das Gefährt durch das Gedränge. Ich dachte mir, so müsste die tapfere Mu Lan ausgeschaut haben, die an Stelle ihres gebrechlichen Vaters in den Krieg gezogen war, oder die kampfeslustige Liang Hung yü aus der Sungdynastie, die auf wildem Pony, mit aufgelösten Haaren und zum Schuss gespannten Bogen gegen die tatarischen Feindesscharen ritt. Solche Gestalten wird man in der Jetztzeit vergebens suchen. Wie kläglich war doch das Unterfangen gewisser weiblicher Kreise in Schanghai während der vergangenen Revolution, ein Korps von Kriegerinnen zu bilden, das gegen die Kaiserlichen kämpfen sollte. Im überreizten Hochschwung der Gefühle wollten jene Kriegerinnen das Beispiel der Mu Lan und Liang Hung yü nachahmen und auf ihren Lotusfüsschen in die Schlacht ziehen. Unsere Zeitungen brachten spaltenlange Berichte über die dem Tod geweihten Jungfrauen und den Heldenmut ihrer Führerinnen; wenn man die Artikel las, so gewann man fast den Eindruck, als seien sie bei tränenbenetztem Antlitz des Schreibers entstanden. Und einige Tage darauf brachten die Zeitungen sogar ein grosses Gruppenbild der kampfbereiten Streiter; sie waren in eine gleichartige, militärische Uniform gekleidet und schauten trotzig drein. Dabei blieb es aber auch. In den Kampf sind die Damen nie gezogen. Schanghai war aber um eine Berühmtheit reicher, mit der es alle übrigen chinesischen Städte geschlagen hatte. Und darauf lief Jenes heldenhafte Epigonentum wohl nur hinaus. Das Geschehnis zeigt aber, welch ein verderblicher Geist dieFrauenwelt Schanghais beseelt; sie will nichts mehr und nichts weniger als es auf allen Gebieten den Männern gleichtun. Soviel ich weiss, machen noch nicht einmal westländische Frauen Anspruch darauf. Sie folgen willig des Himmels Bestimmung und bleiben ihren Gatten treue Lebensgefährtinnen und ihren Kindern sorgende Mütter.
Bei Rückkehr in die Herberge Tschi tschang tschan bereicherte ich meine Kenntnis des grossstädtischen Lebens in Schanghai um einen neuen Punkt. Bisher war das meinem Zimmer benachbart liegende Gemach frei gewesen; als ich die nicht fest gefügte Holztreppe hinaufschritt bemerkte ich, dass es besetzt war. Ich sah eine männliche und eine weibliche Person, die Beide recht vornehm gekleidet waren, im scherzenden Gespräch an einem Tisch sitzen, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen standen. An der weiblichen Person bemerkte ich, dass sie die neue „Wen ming Haartracht“ und kleine aus Leder verfertigte Schuhe trug. Als mein Kommen bemerkbar wurde, stand die Mannsperson auf und schloss die Tür. Während ich in meinem Zimmer auf Tee wartete, überlegte ich, wer die Beiden wohl sein könnten; ich dachte zunächst, dass es eine junge Beamtenfamilie sei. Der Diener, der mir bald darauf den Tee brachte und den ich um nähere Auskunft bat, gab mir den gewünschten Aufschluss, der aber die Annahme hinfällig machte, dass es sich um ein Ehepaar handelte. Er sagte mir, dass Beide aus Hang tschou kämen und von reichen Eltern stammten. Der Herr sei ein Student auf einer Hang tschouer Schule und die Dame besuche eine höhere Schule in Schanghai. Früher in Hang tschou hatten sie sich sehr lieb. Der Vater des Mädchens machte aber der Liebschaft ein Ende und schickte seine Tochter auf eine Schanghaier Schule. Der Student konnte die Trennung nicht ertragen und reiste eines Tages nach Schanghai, wo er in der Herberge Tschi tschang tschan Wohnung nahm. Jetzt treffen sich hier die beiden Liebenden um die in Hang tschou gepflegte Freundschaft zu erneuern. Ich konnte nicht umhin, über diese Erklärung den Kopf zu schütteln. Während ich meinen Tee schlürfte, hörte ich aus dem andern Gemach eine im Flüsterton geführte Unterhaltung, wahrscheinlich wollten die Beiden nicht, dass etwas davon auch an mein Ohr schlug. Die Hang tschouer „Eisenköpfe“ hätten aber ruhig laut reden können, denn ich hätte ihren Dialekt so wie so nicht verstanden. Ihre Unterhaltung dauerte etwa eineStunde. Dann begleitete der Student seine Freundin bis zur Treppe. Er wollte sich gerade in sein Zimmer zurückbegeben, als ich zu meiner Tür hinaustrat und ihn beinahe umgerannt hätte. Dies veranlasste mich zu einer Entschuldigung, und wir tauschten einige Minuten höfliche Worte aus. Der Student hatte ein zartes, edles Gesicht, und er war von schlankem Wuchs. Was wird er wohl gedacht haben, als er mein rotbraunes kauliangfarbenes Gesicht sah? Ich gestehe selbst, dass, wenn ich ein rotes Tuch um meinen Kopf geschlungen hätte, ich einem jener indischen Teufel, die in den Schanghaier Strassen als Schutzleute stehen, aufs Haar geglichen hätte.
Als mir der Herbergswirt am Monatsende meine Rechnung vorlegte, fand ich, dass ich auf die Dauer nicht in der teuren Herberge wohnen könnte. Ich beauftragte deshalb einen Freund, der mit den örtlichen Verhältnissen vertraut war, eine Wohnung zu suchen. Das machte grosse Schwierigkeiten und ich lernte die Schanghaier dabei von einer ganz besondern Seite kennen. Wo ein Zimmer zu vermieten war, fragte der Vermieter zuerst eingehend nach meinen persönlichen Verhältnissen; wenn die Erklärung befriedigend war, fragte man mich, ob ich verheiratet sei. In mehreren Fällen, wo ich verneinte, wurde mir kurz geantwortet, dass ich das Zimmer nicht haben könnte. Wie merkwürdig sind doch die Schanghaier! Sie wollen nur Zimmer an Ehepaare vermieten. Ich konnte schliesslich doch nicht in Schanghai heiraten, nur um ein Zimmer zu bekommen! Durch die Fürsprache meines Freundes, der wiederholt beteuern musste, dass ich ein ehrlicher Mann sei, erhielt ich schliesslich ein leerstehendes Zimmerabteil in der Pekingstrasse. Im Erdgeschoss hatte ein Tischler seine Werkstatt aufgeschlagen. Mein Raum lag im ersten Stockwerk und war von einem grössern Raume durch eine dünne Holzwand getrennt. Dieser wurde von einem vierzigjährigen Manne bewohnt, der in einer Druckerei niedrige Aufseherdienste versah und dafür monatlich etwa fünfzehn Dollar erhielt. Zum Haushalt des Mannes gehörten eine Frau und sechs Kinder, unter denen zwei erwachsene Söhne und eine verheiratete Tochter waren. Das jüngste Kind war ein Jahr alt, und ich stellte gleich am ersten Tage meines Einzugs fest, dass die Familie demnächst um einen weitern „Mund“ vermehrt wird. Das Lärmen, das täglich aus dem Nebenzimmer drang, nahm mir die Ruhe bei Nacht und das freudvolle Verweilen in müssigenStunden. Wenn der Gatte Abends nach Hause kam, schimpfte er über das karge Essen; die Frau erwiderte im scharfen Ton, und dazwischen heulte das Jüngste. Solange ich dort wohnte, habe ich das kleine Kind nie ruhig gesehen. Sein Weinen war herzzerbrechend. Ich glaube, dass das Kind stets Hunger leidet. Statt dass die Mutter, wie es die Schantunger Mütter tun, ihrem Kleinen den nahrhaften, aus Weizenmehl hergestellten Brei zu essen gibt, stopft sie ihm grobkörnigen Reis in den Mund. Ich gab der Frau Ratschläge, wie der Weizenbrei bereitet wird; sie meinte aber, dass Weizenmehl der Gesundheit schädlich sei. Mein Herz wurde täglich unruhiger über den Lärm, den ich hörte, und über die Umgebung, in der ich wohnte. Ich tröstete mich aber mit einem Ausspruch des Kungtse, der an einer Stelle sagt: Tschün tse chüeh wu chiu an (Den Edelmann soll es nicht kümmern, wo er sein Haupt niederlegt). Damit möchte ich nicht sagen, dass ich in die Klasse des Edelmanns gezählt werden möchte, sondern nur andeuten, dass ich mit der gesellschaftlichen Umgebung, in die mich des Himmels Bestimmung gestellt hat, zufrieden bin. Ich bin in kleinen, bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen und möchte aus ihnen nicht höher streben. Ja, ich wage zu sagen, dass jeder Bürger seinem Vaterland dann die besten Dienste leistet, wenn er den Kreis nicht verlässt, den ihm die Bestimmung gezogen hat. Jedes Höherstreben, hinter dem gegebene Voraussetzungen zurückbleiben, schwächt die Grundlagen des Staates. Ueber das Schicksal der mir benachbart wohnenden Familie hatte ich oft im Stillen nachgedacht. Sechs Kinder zu ordentlichen Menschen zu erziehen, muss einen grossen Teil des kargen Verdienstes des Familienvaters im Lauf der Jahre aufgezehrt haben. Und was würde geschehen, wenn der Arme nur auf kurze Zeit krank und arbeitsunfähig würde? Dann könnte man das Sprichwort anwenden: Tschu liao lu lu kan liao hsi (Wenn die Schöpfräder stille stehen, vertrocknen die Bewässerungsrinnen), das heisst: wenn der Mann nicht arbeiten kann, hat seine Familie nichts zu essen. Weshalb hat in unserm Lande gerade der Arme die meisten Kinder und weshalb bleibt bei dem Reichen, wenn er nur einen Sohn hat, der Ehrgeiz befriedigt?
Der Ausgangspunkt zu dieser kurzen Betrachtung war das für Schanghai nur in geringem Mass anwendbare Wort desKonfuzius, dass es den Edelmann nicht kümmern soll, wo er sein Haupt niederlege. In den ersten Tagen, als ich das von Lärm erfüllte Zimmer in der Pekinger Strasse bewohnte und durch den Schreihals ständig in der Beschaulichkeit meiner Gedanken gestört wurde, suchte ich mich mit jenem Spruch des Konfuzius über meine Lage zu trösten. Es kamen aber eine Reihe Umstände hinzu, die mir das Leben in dieser Umgebung auf die Dauer vergällten. Die Unruhe in meinem Herzen steigerte sich zusehends und teilte sich allmählich meinem Kopf und meinen Gliedern mit. Ich führe das zum Teil auch auf das wenig schmackhaft bereitete Essen zurück. Zuerst begab ich mich völlig in die Kost meines Wirts, des Tischlermeisters. Mein Schantunger Magen, der von jeher an derbe und kräftige Kost gewöhnt war, vermochte aber das Essen, das für Schanghaier Zungen bereitet war, nicht ertragen. Durch allerlei Zutaten, die ich mir durch einen kleinen Tischlerlehrling einkaufen liess, versuchte ich dem Essen etwas mehr Schantunger Geschmack zu verleihen. Die immer wiederkehrenden Schanghaier Gerichte, die meine Hauptnahrung bildeten, wurden immer fader, sodass ich sie schliesslich nicht mehr ohne starke Ueberwindung zu essen vermochte. Dieser Umstand trug zu einem steten Unwohlsein bei, das noch dadurch gesteigert wurde, dass ich während einer Nacht das Reissen in den Gliedern bekam. Unbeständig wie der Schanghaier Volkscharakter ist auch das hiesige Klima. Ich hatte mich an jenem Abend infolge der heissen Abendluft nicht zugedeckt. In der Nacht schlug die Witterung um und ich erwachte mit fröstelndem Körper. Als ich das Fenster schliessen wollte, um der kühlen Luft das Eindringen zu verwehren, spürte ich plötzlich einen reissenden Schmerz, der sich von meiner rechten Hüfte bis in die Wade zog. Drei Wochen lang, Tag und Nacht, litt ich starke Schmerzen, und ich schleppte mich über die Strasse wie ein in der vergangenen Revolution zum Krüppel geschossener Soldat. Wenn ich schliesslich von meiner Krankheit geheilt worden bin, so verdanke ich das der Güte und Milde eines deutschen Arztes, der mir ein gliederstärkendes Pulver verschrieb; ausserdem hatte aber auch ein chinesischer Arzt Anteil an meiner Gesundung, indem er mir empfahl, Nachts ein Hundefell über die schmerzenden Glieder zu legen. Die Krankheit und die mangelhafte Kost hatten michstark heruntergebracht. In einem solchen Zustand begegnete ich zufällig meinem besten Freunde Wang, den ich ich seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte und den ich weit in Schantung wähnte. Wir kennen uns schon zehn Jahre. Er stammt aus der Provinz Kuangsi. Sein Vater war höherer Beamter und sein Bruder Kreisrichter in einer Stadt in Schantung. Er selbst stand vor einigen Jahren im Dienst des trefflichen deutschen Postbeamten Ho Li tse (Holtzapfel), der, wie mir mein deutscher Freund vor Kurzem sagte, jetzt leider in Deutschland gestorben ist. Jener Deutsche hatte edeln Herzens seines Amts gewaltet und auch ausserhalb seines Berufskreises zeigte er sein gütiges Herz. Ihm war die Erziehung unseres Volkes ein steter Gedanke, und um einen Anfang zu machen, richtete er in einer Schantunger Stadt mit eignen Mitteln eine Schule ein und berief mich durch Vermittlung meines Freundes Wang zum Lehrer. Ich hatte Wang zum letzten Mal in Schantung gesehen. Jetzt wollte es ein gütiges Geschick, dass uns die Wellen der Grosstadt an einem Punkt zusammenwarfen. Unsere Wiedersehensfreude ist kaum zu beschreiben. Wir sahen uns stumm ins Gesicht. Wang ergriff erregt meine beiden Hände und wollte sie nicht loslassen. Wir müssen uns einige Zeit, ohne zu sprechen, gegenübergestanden haben. Denn es sammelten sich schon einige Gaffer an, um uns zu bestaunen. Schliesslich brach mein Freund das Schweigen. Betrübten Antlitzes hörte ich, dass er Anfangs hart vom Unglück verfolgt worden war. Unter seinen Kindern hatte er einige Todesfälle. Die Krankheits- und Begräbniskosten zehrten sein geringes Vermögen auf und er war gezwungen, sämtlichen Hausrat zum Pfandhaus zu bringen. Mittel- und stellenlos sass er in der Weltstadt. Ein holdes Geschick verschaffte ihm eines Tages eine hochbezahlte Sekretärstelle, in der er eine Respektsperson darstellte. Um die Freude voll zu machen gebar ihm sein Weib noch einen Sohn. Alle vier Glücksgüter (Tse tsai lou), Frau, Reichtum, Sohn und Ehrung waren plötzlich wieder vereinigt. Von der Sekretärstelle stieg er bald in einen Beamtenposten, im Frühjahr nahm er eine Stelle im Bergbauamt für Kiangnan an. Eine Krankheit zwang ihn aber, den Posten wieder aufzugeben. Und wieder drohte ihn die Weltstadt zu verschlingen. Er blieb aber tapfer und fand endlich eine Stelle bei einem Zollamt in der Provinz Tschekiang. Er wollte heute schon abreisen. So folgte der Wiedersehensfreude gleich der Trennungsschmerz.Ich bin der festen Ansicht, dass ihm die mehrjährige Arbeit bei den Deutschen eine Tatkraft für sein ganzes Leben gegeben hat. Denn nicht jeder meiner Landsleute hätte, zweimal vom Schicksal niedergeschlagen, von Neuem versucht, sich aufzuraffen; er hätte sein Schicksal als die Bestimmung des Himmels angesehen und sich willig in das harte Joch gefügt.
Seitdem ich in Schanghai bin, musste ich zum dritten Mal auf die Suche nach einer Wohnung gehen. Dabei kam mir die vor Kurzem mit einem Schantunger Landsmann Namens Wang Tien hung angeknüpfte Freundschaft zu statten. Was ich besonders an ihm schätze sind, neben seinem freundlichen Wesen, die Beherrschung des örtlichen Dialekts und die Kunst des Kochens von Schantunger Gerichten. Als ich seine Bekanntschaft machte, stand gleich bei mir fest, dass wir Beide zusammen eine Wohnung beziehen müssten. Als ich ihm diesen Vorschlag machte, willigte er sofort ein. Dieses Mal ging die Suche leicht von Statten. Einige Häuser weiter in der Pekinger Strasse fanden wir ein helles luftiges Zimmer, das durch eine dünne Holzwand in zwei Abteile geschieden ist. Ich bewohne den vordern, er den hintern Teil. Dafür bezahle ich monatlich fünf Dollar und er zweieinhalben Dollar Miete. Der Hauswirt ist ein Auktionator aus Kiangpe. Alle Vorteile, die ich in der alten Wohnung vermisste, sind in der neuen vereinigt: durch helle Fenster lugt die Sonne und auf dem Herd brodelt ein Schantunger Gericht. Am Feierabend blicke ich, aufs Fenster gelehnt, mit meinem Freund auf die Strasse und ergötze mich an dem wirren Treiben. Gar froh wird mir ums Herz, wenn in dem Strassengewühl ein Verkäufer von Holzflöten auftaucht und zur Anpreisung eine frohe Weise aufspielt. Oft sitze ich mit meinem Freund nach dem Abendreis plaudernd zusammen, und er erzählt mir von seinen weiten Wanderungen. Weit in Sibirien ist er gewesen und half den Russen beim Schienenlegen für eine neue Eisenbahn; dann weilte er einige Monate als Diener in Russland. Er kam vor zwei Jahren stellenlos nach Schanghai, und er erwirbt jetzt seinen auskömmlichen Unterhalt mit dem Verkauf von Süssigkeiten, die aus Erdnussmehl hergestellt sind.
Eines Abends besuchte ich mit ihm das Teehaus Scheng Ping im vierten Pferdeweg. Die Treppe war so dicht mit Menschen überfüllt, dass sie sich beim Auf- und Abgehen mit den Achseln anstiessen. Im ersten Stockwerk liegt ein weiter Saal,der nach der Strassenfront in eine Veranda ausläuft. An den Wänden des Saales waren hohe Spiegel angebracht, in denen sich die Strahlen zahlreicher elektrischer Lampen brachen. Es glitzerte ringsum wie aus einem Diamant. Die Tische und Stühle waren aus feinstem Holz verfertigt. Wir bestellten eine Kanne Tee. Als ich in dem Raum umherblickte, sah ich eine nordchinesisch gekleidete Gestalt, die suchend auslugte. Unsere Blicke trafen sich einige Sekunden und ich bemerkte, wie die Gestalt auf unsern Tisch zukam. Ich wendete meine Augen seitwärts, konnte aber nicht verhindern, dass sich der Mann zu uns setzte. Er hatte offenbar herausgefunden, dass wir beide aus dem Norden seien. Der Ankömmling, der etwa zwanzig Jahre zählte, machte sich in auffälliger Weise um meine Bewirtung bemerkbar und goss mir Tee ein. Dann begann er mir plötzlich sein Leid zu klagen; er sei hier seit Wochen mittellos in Schanghai und suche vergebens nach Arbeit; ob ich ihm nicht einige Zents geben wolle. Da fuhr ich ihn hart an, denn ich bemerkte sofort an seinen Zügen, dass er ein unverbesserlicher Opiumraucher war. Ich redete ihm scharf ins Gewissen. Ob er sich denn nicht schäme, in jungen Jahren zu betteln; selbst wenn ich ihm zwanzig Zents gebe, werde er doch versuchen auch bei Anderen zu betteln, nur um dem Opiumgenuss fröhnen zu können. Beschämt stand der Jüngling auf und verliess den Saal. Kaum war er fort, da setzte sich ein etwa siebzehnjähriges Mädchen auf den freigewordenen Stuhl. Selten habe ich eine so hübsche Gestalt gesehen. Ihre schwarzen Augenbrauen glichen sanft gekrümmten Mondsicheln. Die Augen leuchteten wie eine von der Frühjahrsonne umgaukelte Quelle. Das Gesicht schaute aus wie ein praller, rötlich sammetweicher Pfirsich, ihre Gestalt war schlank und biegsam wie ein Weidenstämmchen und die kleinen Finger waren zart wie die Halme des „Yu ti“ Grases. Das Mädchen war bescheiden und fragte schüchtern im Norddialekt, ob wir nicht mit ihr kommen wollten; sie möchte uns etwas musizieren. Als sie mich mit „Lao je“ (älterer Vater) anredete, machte ich sie darauf aufmerksam, dass China jetzt ein Volksreich sei, in dem solche Anreden nicht mehr statthaft seien. Sie nickte und wiederholte ihre Bitte. Mein Freund, der wohl meine Verlegenheit merkte, kam mir zu Hülfe und sagte, dass wir einen Freund erwarteten, für den der Platz, auf dem sie sässe, bestellt sei. Darauf ging das Mädchen höflich von dannen. ImAugenblick war der Platz schon von einem andern Mädchen besetzt. Sein Aeusseres machte auch einen vorteilhaften Eindruck, aber sein Benehmen war ohne Mass und Sitte. Frech sagte das Mädchen, sie wolle Tee trinken. Wir überhörten absichtlich dieses Verlangen und unterhielten uns über gleichgültige Dinge. Ich hatte mir gerade eine Zigarette angezündet und die kleine Schachtel nebst Streichhölzern auf dem Tisch liegen lassen. Mit gierigen Fingern griff sie nach meinen Zigaretten, zerrte eine heraus und zündete sie an. Während das ungezogene Ding die erste Rauchwolke in die Luft blies, sagte es, es heisse Hung yün (Rote Wolke), stamme aus Su tschen und wohne im dritten Pferdeweg. Mein Freund sah die Freche mit zornigen Augen an. Und plötzlich brauste er auf und schrie das Mädchen in unverfälschtem Schanghaidialekt an: „Sa ka se ti nu na yi?!“ (Weshalb hast du die Zigarette genommen?) Ich beruhigte den Zornigen, hielt dem Mädchen die Schachtel hin und sagte, es solle sich soviel Zigaretten nehmen, wie es wolle, sich dann aber einen Tisch weiter begeben. Als das nichts fruchtete und das Mädchen nach wie vor aufdringlich blieb, bezahlten wir und gingen nach Hause. Mein Freund ging missgestimmt, und auf die frechen Schanghaier Mädchen schimpfend, neben mir her.
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Bis hierher habe ich meine Erlebnisse und Meinungen niedergeschrieben, die mein deutscher Freund für die Deutschen übersetzt hat. Was ich erzählt habe, ist dürftig und gering. Es würde sicher etwas vollendeter in der Darstellung sein, wenn jene Frau meinem Rat gefolgt wäre und dem schreienden Jüngsten den erprobten Weizenkuchen bereitet hätte, statt ihm groben Reis zu essen zu geben. Denn durch das Schreien des Kindes wurden meine Gedanken immer verwirrt.....
Seite 95, Deko