Im Tor der Hoffnung.

Im Tor der Hoffnung.Im Tor der Hoffnung

Im Tor der Hoffnung

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Schanghai ist eine verderbte Stadt, das Sodom und Gomorrha in China. Der Westländer bezeichnet es als das „Paris des Osten“. Ein chinesisches Blatt hat diese Tatsache vor Jahresfrist einmal ausdrücklich festgestellt. „Bei Denen, die nach Schanghai gekommen sind“, schrieb das Blatt, „gilt Schanghai für einen hochkultivierten Platz. Indessen gilt auch hier das alte Wort: Aussen rein, innen Schmutz. Und was in Schanghai geschieht, das ist auf das ganze Reich von Einfluss. Der Luxus nimmt bei Männern und Frauen überhand. Es gibt in der Kleidung noch kaum einen Unterschied zwischen ehrlichen und unehrlichen Frauen, und zu Letzteren gehören neunzig vom Hundert aller hier lebenden chinesischen Frauen. Was anfänglich nur die auffällige Tracht der öffentlichen Dirnen war, ist jetzt fast von allen Anderen angenommen worden. Die alten Sitten sind weggefegt. Die Väter kümmern sich kaum mehr um die Erziehung ihrer Kinder, und die Lehrer nicht mehr um die Sitten. Das übt mit der Zeit einen üblen Einfluss auf das ganze Reich aus.“ Diese Moralpredigt der schulmeisternden „Dschendschoujihpao“ ist wirkungslos verpufft; sie hat sich auch nicht als eindruckvoll genug erwiesen, die als Nachklang der Revolution immer üppiger werdenden Ausschweifungen der chinesischen Lebewelt einzudämmen. Die Revolution hat Arme zu Reichen und Reiche zu Armen gemacht, und wer heute in den Vergnügungsvierteln herrscht, ist der über Nacht reich gewordene Pöbel. Nicht mit Unrecht höhnen die chinesischen Blätter in ihren Witzspalten, dass der Handel mit „Ameisen“ (jungen Mädchen) und die einträgliche Ausübung von Gesang und tändelndem Saitenspiel das beste wirtschaftliche Ergebnis der Revolution seien. Die angenehmsten Freudespender sind dem chinesischen Lebemann die kleinen Mädchen; sie gehörensozusagen zum Menü eines jeden auf Reichhaltigkeit Anspruch machenden Essens; sie singen, und Manche sind nach dem Mahl bereit, mit ihren zarten Fingern die braune Opiummasse zu Kügelchen zu kneten, während der mit Haifischflossen und Schwalbennestern angemästete Lebemann sich behaglich auf die rot bepolsterte Bank ausstreckt und im Vorgefühl auf den kommenden Opiumgenuss erheitert scherzt.

Schanghai, Teil der Nanking Road.❏GRÖSSERES BILD

Schanghai, Teil der Nanking Road.

❏GRÖSSERES BILD

Die Nanking Road.

Die Nanking Road.

Geschäftshäuser in der Nanking Road.

Geschäftshäuser in der Nanking Road.

Jene Mädchen stammen meistens aus der Sutschouer und Hangtschouer Gegend; man findet unter ihnen reizende Gestalten. Von der Hangtschouerin hat schon der Italiener Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert geschwärmt. Er sagt von ihr, dass sie „in den Künsten der Verlockung und Betörung vollkommen sei.“ Auf ihre Schönheit trifft auch der Lobgesang zu, der im „Schih-king“ auf die Fürstin Tschuang-Giang gedichtet ist:

Die Hand wie Lilienknospen weich,Die Haut geronnenem Balsam gleich,Der Hals wie weisser Holzwurm bleich,Die Zähn ein Kürbiskernbereich,Zikadenstirne seidenbraun,Ein Lächeln lieblich zum BestrickenUnd schönster Augen glänzend Blicken!

Die Hand wie Lilienknospen weich,Die Haut geronnenem Balsam gleich,Der Hals wie weisser Holzwurm bleich,Die Zähn ein Kürbiskernbereich,Zikadenstirne seidenbraun,Ein Lächeln lieblich zum BestrickenUnd schönster Augen glänzend Blicken!

Die Hand wie Lilienknospen weich,

Die Haut geronnenem Balsam gleich,

Der Hals wie weisser Holzwurm bleich,

Die Zähn ein Kürbiskernbereich,

Zikadenstirne seidenbraun,

Ein Lächeln lieblich zum Bestricken

Und schönster Augen glänzend Blicken!

Das ist etwa der Typ des „vornehmen“ Mädchens in der Foochow Road und ihrer Umgebung.

Eine zweite Gruppe sind die Kantonesinnen, die nur sehr selten öffentlich als Sängerinnen auftreten. Ihr Aeusseres sticht unvorteilhaft von den Angehörigen der ersten Gruppe ab; das Gesicht ist gröber und die Gestalt plumper und gedrungener; es wird aber an ihnen gerühmt, dass sie „häuslicher“ seien.

Eine dritte Gruppe von Mädchen, die in den unteren Klassen eine grössere Rolle spielt, stammt aus jährlichen Ueberschwemmungsgebieten in den Provinzen Anhui, Kiangsi und Kiangpe.

Nach statistischen Erhebungen sind vor einem Jahrzehnt in Schanghai fünftausend öffentliche chinesische Mädchen gezählt worden; ausserdem soll eine gleiche Anzahl heimlich ihrem unsittlichen Gewerbe nachgegangen sein. Diese Zahlen dürften sich jetzt verdoppelt und verdreifacht haben. Die Häuser werden fast ausschliesslich von den Mädchenhändlern gefüllt. Der Mädchenhandel, dessen Sitz Schanghai ist, ist wie jeder andere Geschäftsbetrieb organisiert. Von Schanghai werden die Mädchen nach den südchinesischen Häfen bis hinunter nach Kanton, nach Westenbis Hankou und Szechuan und nach Norden bis Tschifu, Tientsin, Niutschuang gesandt; es ist ein immerwährender Mädchenaustauch zwischen jenen Plätzen und Schanghai im Gange, und nur in seltenen Fällen gelingt es den Behörden, den Handel vorübergehend zu stören. Die Mädchen werden in der Regel schon als Kinder aufgekauft. In schlechten Zeiten, wenn Ueberschwemmungen manchen Bauer an den Bettelstab gebracht haben, stehen die Preise am Niedrigsten. Dass diese Gelegenheit von den Händlern besonders ausgenutzt wird, beweist die volkstümliche Redensart: „Die Zeiten waren so schlecht, dass Kinder verkauft werden mussten.“ Für ein paar Dollar erwirbt der Händler ein kleines Mädchen und setzt es mit hundertfachem Gewinn ab. Dass tausend Tael dafür gezahlt werden, ist keine Seltenheit. Die Käuferin ist entweder die Besitzerin eines Freudenhauses oder eine „selbstständig arbeitende“ Sängerin. Die in vornehmere Privatfamilien, wo sie als Magd arbeiten, verkauften Mädchen, haben ein weit besseres Los. Für die beiden Ersteren ist der Kauf die denkbar beste Kapitalsanlage; am Grössten ist die Verzinsung des Kapitals an dem Tage, wo das Mädchen, nach Monate oder Jahr langer, von roher Misshandlung geförderter Erziehung, den ersten Schritt ins wirkliche Leben unternimmt, wo die Zwölf- oder Dreizehnjährige zum ersten Mal die Freuden ihres Berufs kennen lernt; dieses Ereignis ist ein beliebter chinesischer, unerhört realistisch dargestellter Novellenstoff. Nach diesem Ereignis ist das Mädchen dauernd werbendes Kapital für ihre Käuferin. Wenn die Reize der Sängerin verblühen, hat sie durch den Kauf ihres Mädchens eine Altersversorgung bis zum Tod. Und wenn das Mädchen in die Jahre des Verwelkens ihrer Reize kommt, wird es dem Beispiel seiner Käuferin folgen und auch für seine Zukunft sorgen. So besteht seit Jahrhunderten auf dem Gebiet der Prostitution in China ein ununterbrochener Kreislauf.

Gegen diese geschilderten Missstände anzukämpfen und zu retten, was zu retten, ist, ist das Ziel des von ausländischen Missionaren geleiteten „Tors der Hoffnung“. Das Institut arbeitet in engem Anschluss an die Polizei und das Gemischte Gericht, die ihm die Mädchen überweisen; mitunter klopft es auch verstohlen an der schweren Holztür, und ein von Reue über ihr unehrenvolles Leben ergriffenes Mädchen begehrt Einlass. Was kann nicht die Chronik der Rettungsanstalt von dem letzten Jahrzehnt erzählen! Von rachedurstigen Mädchen, die, unglücklichüber das geordnete Leben in der Anstalt, drei Mal versuchten, Feuer an das gebrechliche Gebäude zu legen; von geglückten und missglückten Selbstmorden; von unehrlichen Handlungen und Diebstählen; aber auch von Freude über die Errettung aus dem Schanghaier Moloch, von Dankbarkeit gegen ihre Erzieher und von glücklicher Heirat, von einem neuen Leben mit innigem Familienglück.

In der Nähe des Bahnhofs der Schanghai-Nankinger Bahn, in einem Geäder von Seitengassen, liegt das „Tor der Hoffnung“. Es fällt nicht durch eine besondere Bauart auf, sondern schmiegt sich in die gewöhnliche Häuserflucht ein. Drei ursprünglich selbständige Gebäude sind mit Durchgängen verbunden; sie genügen aber kaum, den hundertzwanzig dort untergebrachten Mädchen Unterkunft zu geben. In den engen Schlafräumen reiht sich Bett an Bett, und selbst ein kleines Stückchen mit einer Bambusmatte überdeckter Hof muss als vorläufige Nachtunterkunft dienen. Die Mädchen, die zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahre alt sind, werden zuerst in der „Reinen-Herz-Schule“ in allgemeinen Hausarbeiten ausgebildet. Ein grösserer Raum ist als Schule hergerichtet, die aus mehreren Klassen besteht; jede Klasse wird durch einen viereckigen Tisch dargestellt, um den sechs Schülerinnen sitzen und in chinesischen Elementarlehrbüchern oder im Neuen Testament lesen; mitunter wird der Unterricht durch Kindergeschrei gestört, denn einige Schülerinnen sind bald nach ihrer Aufnahme in das Heim Mutter geworden, und sie müssen während des Unterrichts ihre Kinder in Schlaf wiegen. Wenn sich die Mädchen nach einem einjährigen Aufenthalt im Heim bewährt haben, kommen sie in die Abteilung für Handarbeiten, wo die Nähmaschine ohne Unterlass surrt und die Finger geschickt die Nadel zu geschmackvollen Stickereien meistern; diese Mädchen stehen sich wirtschaftlich verhältnismässig gut, weil ihre Arbeit bezahlt wird; je nach ihrer Leistungsfähigkeit erhalten die Näherinnen und Stickerinnen eindreiviertel bis drei Dollar im Monat. Sie haben auch mehr Bewegungsfreiheit, können ausgehen und Einkäufe machen, was den anderen Mädchen verschlossen bleibt, die nur den sonntäglichen Kirchgang als Abwechslung in ihrem Leben kennen. Das grösste Glück ist aber die Heirat, die ebenso sehr von den Mädchen, wie von der ausländischen Leitung gewünscht wird, da sie der beste Ausweg ist, den überfüllten Räumen Luft zu schaffen. Im letzten Jahrzehnt sindhundertdreissig Mädchen, trotz ihres wenig geordneten Vorlebens, noch glücklich unter die Haube gekommen. Wenn man das Heiratsfieber der Mädchen in Betracht zieht, so ist auch die Aufregung unter den kichernden Mädchen wohl zu verstehen, als wir, als chinesischen Studien nachgehende Westländer, die Anstalt besichtigten. Die Mädchen hielten uns offenbar für den berühmten „Mittelsmann“, der eine neue Heirat einzuleiten hat. Nach chinesischer Sitte erscheint nämlich zuerst der „chung-jen“, der Vermittler, der im Auftrag des Bräutigam handelt, während eine Dame der ausländischen Leitung des Heims die Interessen der werdenden (wenn auch schon einmal gewesenen) Braut vertritt. Die Verhältnisse des Bräutigams werden genau geprüft, um zu verhüten, dass das in die Ehe eintretende Mädchen nicht zum zweiten Male in die Hände eines Händlers gerät. Wenn die Vorbesprechungen zur Zufriedenheit ausgefallen sind, findet ein kurze Begegnung zwischen Braut und Bräutigam statt. Nach der Begegnung erscheint der Vermittler und teilt endgiltig mit, ob der Bräutigam die ihm auserwählte Braut heimführen will. Fällt die Antwort bejahend aus, so zahlt der Bräutigam vierzig Dollar, mit der die Aussteuer gekauft wird. Die Trauung findet in dem „Tor der Hoffnung“ statt. Wenn das Mädchen als junge Frau endgiltig das Heim verlässt, so folgen ihr die Blicke einer hoffenden und harrenden Mädchenschar. Die Jungen warten voll schäumender Ungeduld auf den Bräutigam, der sie bestimmt heimführen wird. Aeltere, die auch früher einmal bestimmt gehofft hatten, sind stiller geworden, und manche Träne tropft auf den Saum des Kleides, derweil die Nähmaschine surrt: „Niemals kommt der Freiersmann.“

Kein Neid und keine Missgunst trübt das Zusammenleben der ganz Kleinen, die draussen bei Kianwan, in frischer Feldluft, sorgenfrei leben, ohne das Schicksal zu ahnen, dem sie entronnen sind. Aus der handelsfähigen Ware, als die sie der Mädchenhändler mit Kenneraugen erkannt hatte, wurden wieder Menschenkinder, die durch richterliche Entscheidung des Gemischten Gerichts dem Heim überwiesen sind. In dem Kinderheim herrscht eitel Wonne und Frohsinn. Ein munteres Völkchen wohnt dort zusammen. Da ist die achtjährige Tseli, deren Eigentümerin vor dem Gemischten Gericht mit Aufbietung ihrer ganzen Beredsamkeit für ihr „Kapital“ kämpfte, aber abgewiesen wurde; das ist die „kleine Tigerin“, wild und unbändig, die immer ihre zumBiss bereite Zahnreihe zeigt; sie wurde elternlos auf der Strasse aufgefasst und ins Heim gebracht. Da gibt es die Efu mit ihren runden Eulenaugen, und die sechsjährige Enan mit ihren beiden Grübchen in den Wangen und dem immer zum Lächeln geneigten Mund; und ausser diesen Kleinen gibt es noch hundertachtzig Andere, die all in dem Heim Unterkunft gefunden haben. Alles hübsche niedliche Dinger, die beweisen, dass die „Warenkenntnis“ der Mädchenhändler nicht gering ist. Welch ein Frohsinn herrscht, wenn die Kleinen zu den gemeinsamen Kindergartenspielen antreten; da können die kleinen Füsschen nicht flink genug sein, wenn es im raschen Lauf den Nachbar zu haschen gilt; und nicht langsam genug, wenn beim Blindekuhspiel die Füsschen behutsam über Geröll stolpern und die Händchen tastend in der Luft suchen.

Aber was bedeutet es: hundertachtzig Menschenkinder aus dem Weltstadtstrudel gerettet, wenn Zehntausende darin untergehen? Die im „Tor der Hoffnung“ getane Arbeit verflüchtigt sich wie der Dunst des Wassertropfens, der auf den heissen Stein schlägt. Solange die chinesischen Behörden nicht nachdrücklich den Kampf gegen die Mädchenhändler aufnehmen, wird eine Besserung der Verhältnisse kaum zu erwarten sein.

Seite 29, Deko


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