Republikanisches Neujahr.Republikanisches Neujahr
Republikanisches Neujahr
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Das chinesische Neujahrsfest 1912 hat infolge der politischen Ereignisse, die gerade kurz vor dem Fest zu einem vorläufig befriedigenden Abschluss kamen, ein besonderes Gepräge erhalten. Wer während der Festtage durch die Hauptstrassen der Niederlassung gewandert ist, dem fielen wohl zwei Dinge zuerst in die Augen. Einmal waren es die wenig Schönheitsgefühl verratenden grellfarbigen Flaggen der Republik, mit denen die Häuserfronten geschmückt waren, und ferner die vielen feld- und hechtgrauen Uniformen in dem wogenden Strassengetriebe. Diese beiden Aeusserlichkeiten waren gewissermassen der Grundton, der den vielen Einzelwesen, die in den Strassen auf- und abwogten oder sich an belebten Strassenecken als gaffende Zuschauer zu Massen stauten, eine besondere Farbe lieh.
Noch vor einem Jahr war es bei dem männlichen Geschlecht Sitte, das Neujahrsfest in einfachen, schmucklosen Feiertagsgewändern zu begehen. Doch, wer dieses Jahr näher zuschaute, der erblickte auf dem obern Gewand unscheinbaren Firlefanz, der trotzdem gross genug war, um auf einen über Nacht gezüchteten Patriotismus und auf unverstanden nachgeäffte Ausländerei des Trägers schliessen zu lassen; da gab es kleine Emailleschildchen, auf denen sich die republikanische Land- und Seeflagge kreuzten, fünffarbige in der Mitte zusammengeraffte Bändchen, die offenbar den Inhaber eines Ehrenzeichens vortäuschen sollen, und sogar richtige Orden wurden stolz zur Schau getragen. Ihre Träger waren wahrscheinlich entlassene oder Soldaten in Zivil, die den „Feldzug“ mitgemacht haben. Orden und Ehrenzeichen scheinen in China allmählich in Mode zu kommen; und damit werden dem Neid und der Eitelkeit neue Türen geöffnet. Hatten doch in Tschangscha neuangeworbene Soldaten, die während des Aufstands weder einen Feind gesehen, noch Pulver gerochenhatten, gemeutert, weil ihre Kameraden sich mit Verdienstmedaillen auf der Brust zeigen konnten und sie bei dem Ordensregen schnöde unbeachtet geblieben waren! Und sogar ein „vorläufig amtlich revolutionäres“ Finanzinstitut stellte den Zeichnern einer allgemeinen öffentlichen Anleihe, an der sich auch Westländer beteiligen konnten, Orden und Ehrenzeichen in Aussicht. Uns liegt jede Kritik fern; aber solche kleine Aeusserlichkeiten sind ein interessantes Schlaglicht auf das in der Umwandlung begriffene China.
Abgesehen von jenen halb verdeckt zur Schau getragenen neumodischen Aeusserlichkeiten, scheint das Neujahrsfest auf gewisse chinesische Kreise doch etwas ernüchternd und national sammelnd gewirkt zu haben. Denn Viele, besonders Angehörige der mittleren Volksschichten, die sich, in eitler Nachahmerei, dem Ausland zu einer Zeit in die Arme geworfen hatten, wo sinnbetörende Schlagworte durch die Luft schwirrten, mögen sich plötzlich auf das Erbe besonnen haben, das sie in einer freiheitlichen Regung verschleuderten, um dafür europäische Hosen, Kragen, Schlipse und Manschetten einzutauschen. Das höchste Fest des Jahres hat sie aber sich darauf besinnen lassen, dass sie keine halben Ausländer, sondern Chinesen sind. Und daraus erklärt sich offenbar auch die Tatsache, dass verhältnismässig wenig Chinesen in westländischer Kleidung auf der Strasse zu sehen waren. Dem Schreiber dieses erklärte ein solcher „halber Ausländer“, der sich noch vor den Festtagen in einem nicht sehr blendend weissen Kragen und auf etwas schief getretenen Absätzen gefallen hatte, auf die Frage, weshalb er heute chinesische Kleider trage: „Heute bin ich Chinese.“ Auch die chinesischen Theater, auf deren Spielplan jetzt sonst die neuen, von westländischer Bühnenkunst beeinflussten Stücke wie die „Kameliendame“ und „Napoleon“ mit an erster Stelle stehen, hatten während der Festtage ihren Spielplan auf einen nationalchinesischen Ton gestimmt und dem klassischen Schauspiel wieder vorübergehend zur Ehre verholfen. An dem Tage, wo die Neujahrsfeier zu Ende geht und man über die zahlreichen Pflichtbesuche und Schmausereien hinweg ist, besucht man gerne das Theater, wo man noch diesen oder jenen Bekannten trifft, der nachträglich beglückwünscht wird. Wer an diesem Neujahrsfest seit langen Monaten wieder einmal das Theater besucht und von stolzer Loge auf die hundertköpfige Menge im Parkettgeschaut hat, der erblickte unter sich ein ungewohntes Bild: hunderte, fein säuberlich gescheitelte, fest angeklebte, glänzende und nach Schmalz und Haaröl duftende Köpfe nickten, sich kurz verbeugend, nach rechts und links. Wie gemessen und würdevoll war das Bild noch vor wenigen Monaten, als Zopf an Zopf sich reihte.
Nun, der Zopf ist weg, vielleicht deshalb, weil ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wer nicht mit der Mode geht, gilt als arm“. Und war das Zopfabschneiden nicht vielleicht Mode? Wenn nicht, so hat es wenigstens einer andern Mode zur Geburt verholfen, nämlich dem Tragen westländischer Mützen auf chinesischer Kleidung. Wer vor den Festtagen noch keine solche Mütze sein eigen nannte, der kaufte sich eine. Die europäische Industrie wird wenig Nutzen mehr von den Massenkäufen in Mützen vor Chinesisch-Neujahr gehabt haben; denn sie wurden entweder von Japan eingeführt oder aus „Aikuopu“ (vaterländischem Tuch) in China verfertigt. Man konnte Mützen in allen Formen sehen; besonders beliebt waren aber anscheinend die aus Stoff gesteppten, hutförmigen Kopfbedeckungen, deren Rand sich nach jeder Richtung beliebig biegen lässt und die dem Träger ein etwas verwegenes und keckes Aussehen verleihen sollen. Nur ganz vereinzelt tauchte hie und da unter dem auf- und abwandernden Volk jene altchinesische, die obere Stirn scharf umrahmende, schwarz seidene, mit einem roten Bandknäuel gekrönte Form auf; nur verstohlen wagte es ein Chinese, sich mit diesem Erinnerungszeichen an die „Knechtschaft der Mandschus“ sehen zu lassen. Namentlich bei der chinesischen Damenwelt Schanghais hat in den letzten Jahren das Tragen von Mützen immer mehr Eingang gefunden. Sie bedeckt aber nur den obern Teil des Kopfes und schmiegt sich leicht an das dicke, straff ausgekämmte Haar an. Die ursprünglich westländische Mützenart ist stetig verchinesisiert worden. An den Festtagen, wo sich die Damen nach dem „dernier cri de Changhaï“ kleiden, hat man besonders Gelegenheit zum Studium. Die Farbe der Mütze wird nach Möglichkeit dem Kostüm angepasst, himmelblau scheint besonders bevorzugt zu sein; von der Mitte aus, wo bei den Jungenmützen der Knopf sitzt, gehen strahlenförmig einige kurze Schleifchen flatternd auseinander. Auch das Verzieren der Damenkleider mit losen Bändern scheint beliebt geworden zu sein; auf Brusthöhe werden rechts und links, unter einer Art Kokarde, einige flatternde Bänder befestigt, die oft einen halben Meter lang sind; bei manchenDamen waren die Bänder mit Spangen festgemacht, die das fünffarbige, republikanische Abzeichen trugen. Eine solche modisch gekleidete Schöne erinnerte gar zu sehr an ein festlich geschmücktes Pfingstöchslein. Auf den winzigen Schuhen, die allmählich vom Tuch zum Leder übergehen, werden jetzt gerne kleine Quasten getragen. Die Hosen nehmen eine bedenkliche Enge an; sie sind oft nicht weiter als der kleine Fuss, auf den sie herabfallen. Wenn die Mode die Hosenform noch weiter auf die Spitze treibt, dann weiss man wirklich nicht, was noch werden mag. Oder soll die Methode des alten Seydlitz eingeführt werden, dass künftighin die Hosen vor dem Anziehen in Wasser getaucht werden müssen, damit sie sich straff und prall an die Beine anschmiegen? Ein Teil der chinesischen Damenwelt scheint dies schon vorauszuahnen und trifft deshalb zeitig Vorsorge; darum heisst die Losung: „Zurück zum Rock“. Tatsächlich war die Zahl der rocktragenden Damen beim Neujahrsfest bedeutend. Mit dem Rock, der allmählich westländische Formen anzunehmen beginnt, wird auch wieder aller überflüssiger Firlefanz von der Kleidung verbannt. Wodurch die „Langröckigen“ aber auffallen, ist die neumodische Haartracht, die nicht mit einer Mütze verdeckt wird; auf dem vordern Teil des Hauptes werden einige geflochtene Haarsträhne mit einander verschlungen, sodass die Haartracht der Form eines Bretzels gleicht. Einen noch drastischern Vergleich möchte ich lieber unerwähnt erlassen.
Dass die neue Mode keineswegs den vollen Beifall des männlichen Geschlechts findet, zeigen die Spottverse, die in einem chinesischen Blatt auf die Frauenmode erschienen sind. Darin heisst es:
„Eine Dame mit blauer Brille gleicht dem Kopf eines Ochsen.“
„Das weisse Band um den Hals sieht aus wie ein Strick, an dem sie sich aufhängen will.“
„Die ledernen Schuhe machen Einen glauben, dass das Fräulein einer Missionsgesellschaft angehört.“
„Die goldene Kette um den Hals erinnert an die Eisenkette eines Strafgefangenen.“
„Der Aufputz der Haartracht, von hinten gesehen, gleicht dem Kopf eines Lämmleins, das auf der Weide Gras schnuppert.“
„Der „Gretchenzopf“ erinnert an einen zum Kampf bereiten Rauflustigen.“ (Wenn zwei Zopfträger in Streit geraten, dannwickeln sie gewöhnlich vorher ihre Zöpfe um den Kopf, um dem Gegner keine Gelegenheit zu geben, den Zopf zu packen.)
„Eine Dame mit einem Spazierstock gleicht einem Affen, der spazieren geht.“
Der Schreiber war offenbar derart über die Kühnheit seiner bissigen Kritik erschrocken, dass er rasch noch die letzte Glosse anflickte, um alles Vorhergesagte zu mildern:
„Im Uebrigen gleicht das Auftreten und das Gehen der Damen dem eines Kriegers, der in die Schlacht zieht.“
Mit dem Vergleich des Kriegers hat er jedenfalls eine rührsame Seite der Schanghaier Frauenwelt getroffen, wenn man sich vor Augen hält, mit welcher Begeisterung während der Revolution ein Amazonenkorps gegründet wurde, um gegen die Reichshauptstadt zu Felde zu ziehen.
Dieser Umstand ändert aber nichts an der Tatsache, dass die neue Zeit China kostspielige und putzsüchtige Frauen beschert hat. Vorläufig beschränken sich zum Glück die neuen Modeauswüchse noch auf Schanghai. Wenn auch die anderen Städte und später das flache Land von dem Modefieber ergriffen werden, so wird manche Ehe an der teuren Putzsucht der weiblichen Hälfte scheitern. Dann wird auch das Epigramm in seiner wahren Bedeutung von den chinesischen Männern gewürdigt werden, das ein vor Jahrhunderten lebender chinesischer Philosoph über die Ehe verfasst hat. Er sagte: „Die Ehe gleicht einer belagerten Stadt; die draussen sind, möchten hinein, und die drinnen sind, möchten heraus.“
Der von der weiblichen Lebewelt am Neujahrstage entfaltete Luxus war recht bedeutend. Ein abendlicher Gang durch die berühmte, in märchenhaftem Farbenspiel der Lichter erstrahlende Foochow Road führte dem beobachtenden Westländer die steigend kostspieligere und prunkhaftere Lebensführung gewisser chinesischer Kreise überzeugend vor Augen. Rickschas, Sänften und selbst die mit Gummi beräderten Glaskutschen kommen allmählich auf den Aussterbeetat und werden von dem Kraftwagen verdrängt. Trotz Gummispekulation, Krisen auf dem Finanzmarkt und trotz den schweren Geldopfern, die für die „gute Sache“ der Revolution beigesteuert werden mussten, wurde der Tag der chinesischen Jahreswende mit Prunk und tändelndem Saitenspiel gefeiert.
Wie wohltuend wirkte da eine Flucht aus dem lärmenden Neujahrsgetriebe in die ruhige, behäbige Landschaft jenseits des Suchouer Krieks. Dort ist noch echtes, gemütliches, von dem nahen Schanghai unbeeinflusstes China, und es wurde dort auch dementsprechend Neujahr gefeiert. Wenn auch die Bauern jenseits des Krieks nichts von Goethe kennen, so ist ihnen wohl der Ausspruch des dritten Bürgers im Faust aus der Seele geschrieben:
„Herr Nachbar, ja! so lass ich’s auch geschehn:Sie mögen sich die Köpfe spalten,Mag Alles durcheinandergehn;Doch nur zu Hause bleib’s beim Alten!“
„Herr Nachbar, ja! so lass ich’s auch geschehn:Sie mögen sich die Köpfe spalten,Mag Alles durcheinandergehn;Doch nur zu Hause bleib’s beim Alten!“
„Herr Nachbar, ja! so lass ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag Alles durcheinandergehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim Alten!“
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