Schanghai und China.

Schanghai und China.Schanghai und China

Schanghai und China

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Die paar tausend Westländer, die die Ufer des Huangpu und die grünen Baumränder des Stadtgürtels bevölkern, sind mitten unter den Hunderttausenden von Chinesen die Fiebererreger der Arbeit. Was wäre Schanghai ohne die Ausländer? Dschunkenhafen wie viele andere an der Küste; vielleicht etwas sittlich gesünder und nüchterner als das jetzige Schanghai, aber ohne das belebende Kapital. Das haben erst die Ausländer hereingebracht; wie aus einem goldnen Füllhorn wurde es über die Stadt ausgeschüttet. Das sumpfige, wertlose Gelände, angeschwemmt von verschlickten Flüssen, das man vor sechs Jahrzehnten für ein paar Dollar hätte kaufen können, hat heute einen Wert von Millionen. Eng aneinander gepfercht liegen die fremden Geschäftshäuser, ineinander verbissen; keins kann dem andern Raum geben. Dazwischen schieben sich überall chinesische Häuser herein, mit dumpfen, sonnenlosen Räumen. Jeder Zoll kostet Geld. Drunten von Wusung bis viele Meilen flussaufwärts reihen sich die surrenden Getriebe der Fabriken und wie Dürstende drängen sie sich an den Ufern des Suchouer Krieks, der ihnen den Verkehr auf dem Wasser ermöglicht; ihr Räderwerk steht nie still. Weissflockige Baumwolle, von zarten Mädchenhänden entkernt, wird zu glänzenden Geweben gesponnen und gefärbt; Zigarren in Form und Zigaretten in Hülsen gebracht; aus gelben Bohnen, von der Mandschurei geliefert, wird goldbraunes Oel gepresst, Getreide zu blendend weissem Mehl gemahlen; Eisen und Stahl wird geschmiedet und gegossen und aus Hopfen und Malz deutsches Gebräu hergestellt; unzählige kleingewerbliche Betriebe gewähren Tausenden Verdienst. Ein auf- und abwogendes Leben herrscht in den Strassen, wo Tausende von Läden den stillen Kampf um den Kunden führen. Kunstgewerbliche Erzeugnisse aus den achtzehn Provinzen sind in den Auslagen vertreten. RiesigeLagerschuppen erheben sich in meilenweiter Ausdehnung am Fluss, empfangen fremde Güter aus tiefem Schiffsrumpf und stossen sie von Zeit zu Zeit automatisch wieder ab. Der fremde Kaufmann im Geschäftshaus füllt täglich Seiten mit schwindelerregenden Zahlen, wirft mit Hunderttausenden um sich, die sich bei der kleinsten Kursschwankung vermehren und verringern können, ist Mehrer der vierteljährigen Zollstatistik und sieht in seinem Leben kein Stück der Waren, die ohne Fährnisse an ihren Bestimmungsort gelangen. Alles wickelt sich so sicher und taktmässig ab, wie ein gleichmässig abgestimmtes Uhrwerk. Für viele Millionen Mark Waren bringen die paar tausend Westländer jährlich herein; trotzdem sind sie nur ein Tropfen auf das unermessliche Absatzgebiet. Der Kaufmann glaubt zu herrschen; doch er wird beherrscht. Beherrscht von all den subtilen Aeusserungen auf dem riesigen Weltmarkt. Wenn heute in Kanada die Ernte missrät, der indische Monsun früher einsetzt als gewöhnlich, in Manchester die Arbeiter streiken, ein europäisches Bankhaus verkracht, ein Balkanstaat Kriegsdrohungen ausstösst, so äussert sich das mehr oder minder merklich auf dem hiesigen Markt. Weniger von diesen Einflüssen abhängig ist der chinesische Markt. Wie ein Kettenglied greift das Kapital eines Geschäftsunternehmens in das andere über; ebenso wie das kollektivistische Chinesentum dem individualistischen Westländertum, so steht hier das kapitalistische chinesische Unternehmertum dem westländischen Einzelunternehmer gegenüber. Hier Stärke, die sich auf sich selbst verlässt, und von Mächtigeren niedergerungen werden kann, dort vereinigte Schwäche, die sich schon mehr als einmal als das Stärkere erwiesen hat. Die Erfahrung lehrt aber, dass immer dann ein chinesisches Unternehmen zu Grunde ging, wenn es, beeinflusst von individualistischen westländischen Geschäftsgebahren, aus dem Rahmen seiner mächtigen Organisation, dem verkapitalisierten Chinesentum, trat. Es wurde ein Opfer des europäischen Individualismus, für den China noch nicht reif ist. Das ist in den letzten Jahren häufig in Schanghai geschehen, zum Beispiel bei den wilden Gummispekulationen, und die Folge sehen wir in dem unbeständigen chinesischen Geldmarkt, der vorübergehend seiner innern Stärke beraubt, mit Allerweltspflästerchen von Zeit zu Zeit verklebt werden muss. Schanghai ist eine Weltstadt. Das beweist auch sein vielhunderttausendköpfiger Menschenschwarm, der sich Tags über durch die Strassenschiebt und die engen Grosstadtwohnungen bevölkert. Aus allen Provinzen des Reichs stammen die Bewohner. Nach altem Brauch, der zugleich ein treffender Beweis für das starkentwickelte Heimatsgefühl des Chinesen ist, ist das Herkunftsland für jeden Chinesen stets die Provinz, in der zuletzt sein Urgrossvater ansässig gewesen ist. Wenn somit eine Familie vor drei Generationen von Schantung nach Schanghai ausgewandert ist und sich seit dem in Schanghai niedergelassen hat, so fühlen sich die hier geborenen Urenkel noch als Schantunger. Im Hinblick auf die Tatsache, dass ein grosser Teil der chinesischen Bevölkerung Schanghais aus allen achtzehn Provinzen stammt, und der grösste Zuwachs erst seit den letzten drei Jahrzehnten stattgefunden hat, wird demnach Schanghai von Leuten bewohnt, die rein äusserlich die Bevölkerung Schanghais ausmachen, sich im Herzen aber gar nicht als Schanghaier fühlen. In den Stamm der Bevölkerung Schanghais, die sich vor sechs oder sieben Jahrzehnten aus Bauern und Schiffern zusammensetzten, brachten die regsamen Chekianger, in denen heute noch zum Teil etwas von der Regsamkeit der geschäftstüchtigen Araber steckt, die in Hang tschou und Ningpo stark bevölkerte Ansiedlungen besassen, den geschäftigen Geist, und den Blick für das Grosse die Leute aus dem fernen Schansi. Die trefflich organisierten Banken der Schansier haben heute noch einen grossen Ruf innerhalb der chinesischen Welt. Die Leute aus Anhui begünstigten die Leichtlebigkeit; denn merkürdiger Weise stammen alle Pfandhausinhaber in Schanghai aus der Provinz Anhui. Und ausser aus diesen drei Provinzen haben noch Einflüsse aus den fünfzehn andern und nicht zum Geringsten aus dem Ausland mitgewirkt, um im Schanghaier einen neuen chinesischen Typ auszuprägen. Er hat, zur Masse vereinigt, eine gewaltige Assimilierungskraft, der jeder andere Chinese, dessen Wiege nicht in Schanghai gestanden hat, zum Opfer fällt. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn man ein Stück weisses Tuch in Indigo wirft, so wird es blau“. Nun, Schanghai ist der riesige Indigotopf. Und wer als Einzelner hineingerissen wird, der nimmt die Farbe der Allgemeinheit an. Und wenn er nach seiner Heimatprovinz zurückkehrt, so steht er mit seiner in Schanghai erlernten Weltanschauung fremd am eigenen Herd. Denn es ist eine ganz eigenartige, berückende Luft, die hier in Schanghai weht, eine sinnbetörende Atmosphäre die der Atem der Weltstadt verbreitet. Das gilt für dasWirtschaftsleben, dem man nüchternen Auges gegenüberstehen soll, vielleicht weniger, als für das politische und gesellschaftliche Leben. Für Letzteres aber ist Schanghai der tonangebende Platz des Reichs geworden. In engen, verkehrsdurchwogten Gassen liegen die Hauptquartiere der politischen Parteien. Eine Botschaft durch den Draht gibt den Parteimitgliedern bei der Pekinger Regierung die Weise an, nach der sie zu tanzen haben. In Schanghai wohnen die unsichtbaren Machthaber Chinas. Was sie nicht denken, spricht die ihnen nahestehende Presse aus; was sie denken, verschweigt sie. Keine andere Stadt in China hat ein äusserlich so entwickeltes Zeitungswesen wie Schanghai. Innerlich steht es auf derselben Stufe, wenn nicht auf niedrigerer, als vor einem Jahrfünft. Nachrichten wie folgende: „Eine ehrsame Witwe genas eines Fuchses“, sind zwar in Folge der „aufgeklärten Zeit“ aus den Spalten der Blätter verschwunden, früher aber häufig vorgekommen. Die Redakteure der chinesischen Blätter stehen nicht im besten Ruf. Das kommt daher, dass die Arbeitszeit von sechs Uhr Abends bis zwölf Uhr Nachts dauert und dass ein einmal „angebrochener Nachmittag“ glücklich zu Ende geführt werden muss. Die wenig sittliche Kraft der Redakteure zeigt sich auch im Inhalt der Zeitungen, an denen sie arbeiten. Es vergeht kein Tag, wo den Lesern nicht irgend eine illustrierte Geschichte aufgetischt wird, deren Heldinnen Freudenmädchen sind. Anstatt Erzieher des Volks zu sein, sind die Schanghaier Blätter Verderber des Volks. Wenn irgendwo Politik den Charakter verdirbt, so geschieht es in Schanghai. Denn eine Anzahl Blätter blasen politische Zukunftsmusik, die gar lieblich das Ohr der verständnislosen Leser umfächelt. Proletariat, Prassertum und freie Liebe ist ein gern gehörter Kehrreim. Was in den politischen Vereinigungen, deren es in Schanghai über zweihundert geben soll, über Politik gefaselt wird, lässt sich gar nicht beschreiben. Meist liest es nur eine geringe Anzahl. Manchmal dringt aber auch etwas in weitere Kreise. Eine Frau gründet einen sozialen Frauenklub. Sie selbst ist der Vorstand und hat ihren Mann zum Schatzmeister ernannt. Dieser kassiert die Mitgliedsgelder ein, sagt „Mein Name ist Schall und Rauch“ und verflüchtigt sich. Diese Vereinsgründung ist ein Beweis, dass auch unter der Schanghaier Frauenwelt politisches Leben seinen Einzug hält. Dieses Mal kommt alles Heil von Canton, das sich brüsten kann, drei Frauen in seinem Landtag zu haben,die mit süssen Stimmchen über die Geschicke Kuangtungs entscheiden helfen. Chinesische Frauenrechtlerinnen sind ein bestimmter Typ. Der weibliche Typ des „zurückgekehrten Amerikastudenten.“ Anstatt als werdende Hausfrauen eifrig Küchenchemie zu treiben, haben sie Bombenchemie getrieben, die ihnen während des Aufstands gute Dienste geleistet hat. Wie andere Beteiligte an der Revolution verlangen auch sie für ihre Dienste eine Gegenleistung, und die besteht lediglich darin, dass den paar Millionen chinesischen Frauen politisches Stimmrecht verliehen wird. Die Regierung hat abgewinkt. Nun, so versuchen die Eiferinnen in zäher Arbeit ihr Ziel zu erreichen. Mit der Gründung einer Schule für angehende Frauenrechtlerinnen ist in einem Wetterwinkel Schanghais bereits begonnen worden. In Wort und Schrift wird für den neuen Frauengedanken Propaganda gemacht. Der Anschluss an englische und amerikanische Vereinigungen, die dem gleichen Ziel zustreben, (das heisst, mitunter einmal Fenster einschlagen oder einen hohen Beamten durch Johlen zur eiligen Flucht zwingen, ist auch schon in China vorgekommen) ist bereits gelungen. Ja, Schanghai ist eine Weltstadt.

Modernes chinesisches Geschäftshaus in der Nanking Road❏GRÖSSERES BILD

❏GRÖSSERES BILD

Offene alte Läden in der Nanking Road.

Offene alte Läden in der Nanking Road.

Ansicht eines Silbergeschäfts mit reichem Schnitzwerk in der Nanking Road.

Ansicht eines Silbergeschäfts mit reichem Schnitzwerk in der Nanking Road.

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Ein Unbekannter, der einen flüchtigen Tag in Schanghai verbrachte, schrieb am 2ten April 1908 in sein von der „Neuen Rundschau“ veröffentlichtes Reisetagebuch: „Ueber den Menschen liegt die Stumpfheit der Kulturferne. Nur materielle Kultur ist da, und man fühlt recht, wie wenig sie bedeutet. Für den Chinesen ist sie eine ungünstige Folie. Er scheint, an ihr gemessen, plump und unzugänglich. Andererseits wirkt er in diesem seelenlosen Milieu selber noch nüchterner und trockener.“ Der Mann, der das schrieb, hat beim Betreten der Weltstadt Schanghai nicht nach Art der flüchtigen Weltenbummler das Protzig-Aeusserliche, durch westländische Zivilisationsmittel Geschaffene auf sich einwirken lassen, sondern hat mit einem offenbaren Sinn für das Psychologische ausgestattet, nach der Seele der Weltstadt gesucht, wie er sie wohl in jeder grossen Stadt des europäischen Festlands zu entdecken gewohnt war. In Schanghai hat er die Seele nicht gefunden, und er musste die Feststellung machen, dass es seelenlos, das heisst kulturlos, ist. Ihrer ganzen Entwicklung nach musste auch Schanghai zur steten Kulturlosigkeit verdammt werden, und alle Versuche, ihm eine Seele einzuhauchen, müssen scheitern, weil noch der Meister fehlt, dem das gelingen könnte. Schanghai ist das nackte Produkt eines krassen Materialismus, dem alle Ansätze zu einer veredelnden Weiterbildung fehlen. Handel- und Schachergeist hat die Weltstadt erbaut, von Handel- und Schachergeist wird sie beherrscht. Aufgezwungene Verträge, unter drohenden englischen Kanonenschlünden unterschrieben, schufen den Grund und Boden, auf dem sie steht. Ganze Strassen gehören satten Kapitalisten, deren Söhne von den Erträgen leben, die die fetten Häusermieten abwerfen. Es waren nicht die edelsten Vertreter des Westens und des Chinesentums, in deren Schweiss die Weltstadt entstanden ist. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war China das Land des europäischen Abenteurers, der besonders durch den Taipingaufstand angelockt, Schanghai zum Stützpunkt seiner Unternehmungen machte; die politische Konquistadorenpolitik zerschellte an dem passiven Widerstand des Chinesentums. Desto nachdrücklicher war die wirtschaftliche Konquistadorenpolitik. Englische Lebensinteressen erforderten es, dem indischen Opium ein Absatzgebiet zu schaffen. Durch den Rachen Schanghais wurde das berauschende Gift ins Land geschüttet, das seinerseits hergab, was der Acker trug. Der mit den Landesverhältnissen unkundige Kaufmann brauchte einen Vermittler, den Compradore, der, sich durch den Zwischenhandel rasch bereichernd, zu einer neuen Gesellschaftsklasse auswuchs, die allmählich zur herrschenden Klasse geworden ist. Sie ist ebenso wie die Weltstadt Schanghai durch und durch materialistisch. Schanghai speicherte immer Reichtum in seinen Mauern auf und brachte andere Handelsstädte an der Küste unter seine wirtschaftliche Vasallenschaft. Schon regte sich unter der Jugend das Bedürfnis nach westländischer Bildung. So entstanden Schulen, in denen der Junge lernte, wie man rasch Geld verdienen konnte. Der Kontordiener der Tags über mechanisch mit der Presse Briefe kopierte, liess sich Abends in die Geheimnisse der englischen Sprache einweihen, mit der sich so leicht Geschäfte machen liessen. Vielleicht bin ich in einigen Jahren ein gebietender Handelsherr, dachte er. Vielen war das Glück hold. Zwei brachten es sogar zum Minister. Es waren auch nicht die besten Vertreter des Chinesentums, die sich in den Gründerjahren in Schanghai zusammenfanden. Flüchtlinge aus dem Taipingaufstand, Verbrecher, bankrotte Kaufleute, alle möglichen verkrachten Existenzen, sammelten sich im Bereich der schützenden Niederlassungsgrenze. So wuchsSchanghai allmählich heran; ein Schreckbild und warnendes Beispiel für jeden wahren Chinesen.

Und was ist Schanghai heute? Aeusserlich ist es ins Weite gewachsen und nennt alle Mittel westländischer Zivilisation sein eigen, einschliesslich des Luftfahrzeuges, das schon über die Dächer surrte. Doch die Menschen sind dieselben geblieben. Für Jeden, der durch den Tod abberufen wurde oder mit prallem Geldbeutel in die Heimat zurückkehrt, springen drei neue ein, die in derselben Weise des Glück erjagen wollen. Beinahe genau in denselben Bahnen, wie vor fünfzig Jahren, bewegt sich das Verhältnis zwischen Westländer und Chinesen. Die, die durch gemeinsame Interessen, das heisst das Geldverdienen, miteinander verknüpft sind, leben im besten Einvernehmen; es ist ein künstlich gezwungenes Einvernehmen, das jede Partei erhalten zu sehen wünscht, weil es zum beiderseitigen Vorteil gereicht. Von irgend einem tiefern, gegenseitigen Verständnis, einem sich anbahnenden „Sich verstehen wollen“ ist keine Spur vorhanden. Unüberbrückbar ist die Kluft zwischen dem Westländertum und der breiten Bevölkerungsmasse. Pharisäischer Rassenhochmut des Westländers und verhaltener Hass der Masse gegen den erobernden Eindringling sind Extreme, die sich nie berühren, sondern die nur noch weiter auseinanderklaffen können. Vor fünfzig Jahren, als sich der Westländer wirklich auf die Macht seiner Kanonen stützen konnte und als noch die chinesische Masse ihre ganze Ohnmacht fühlte, da war die herrschende Stellung des Westländers bedroht. Fünfzig Jahre bedeuten aber für Chinesen, deren Zahlengedächtnis, wenn sie die Geschichte ihres Landes studieren wollen, die Stufenleiter abwärts bis dreitausend vor Christus zurückgehen muss, nur eine Tag- und Nachtspanne. Und wie leicht kann er sich Dessen erinnern, was erst gestern geschehen war. Noch leben achtzigjährige Greise in Schanghai, die ihren Enkeln erzählen können, wie damals die Westländer die gesegneten Fluren zertrampelt haben und wie sie jedem, der sich nicht scheu duckte, die starke Faust des Eroberers fühlen liessen. In Büchern und Schriften sind die Sünden der Westländer aufgezeichnet, und nie wird ihnen dereinst grossmütig Absolution gegeben werden. Nein, die Nachkommen müssen fühlen, was ihre Vorfahren im Unverstand getan haben. Hat Schanghai nicht oft genug elementare Ausbrüche der Volkswut erlebt? Haben die Jahre 1905, 1908 und 1910 nicht Explosionen eines Volksempfindens gebracht, dasden Westländern übel will? Die Revolution hat dieses Empfinden geschärft. Genau in dem Masse wie sich in den Kreisen der Jungchinesen ein bis zur äussersten Empfindlichkeit gesteigertes Nationalgefühl herausgebildet hat, das gegen jeden vermeintlichen Uebergriff der Westländer in chinesische Hoheitsrechte geschlossen Front macht, ist auch das Massenempfinden auf diese Abwehr eingestellt. Und dieses Empfinden ist aus den Verhältnissen der chinesischen Weltstadt geboren worden; es ist, wie die Stadt selbst, das Erzeugnis einer kalten, materialistischen Kultur, die zwar Westländer und Chinesen im wirtschaftlichen Wettbewerb nebeneinander arbeiten lässt, die aber fast jede, vom Wunsch einer gegenseitigen geistig-kulturellen Annäherung getragene Absicht bisher vereitelt hat. Das ist eben der Fluch der Kulturlosigkeit, der auf Schanghai lastet. In der fortwährenden Anhäufung materieller Werte ist die Prägung geistiger Werte unterlassen worden. Schanghai ist der missglückteste Versuch einer westländisch-chinesischen Annäherung.

Die Geschichte lehrt, dass Weltstädte infolge der Fäden, die sie mit aller möglichen Herren Länder verknüpften, vielfach als Präger neuer Kulturen auftraten. Man braucht hierbei nur an die Riesenstädte Niniveh, Babylon, Theben, Memphis zu denken, die mittelbar die Mittelmeerkultur geschaffen hatte. Ist dem kulturlosen Schanghai eine ähnliche Rolle in Zukunft für das gewaltige chinesische Festland vorbehalten? Canton, das vor der Revolution als Ausgangspunkt einer neuen chinesischen „Kultur“ in Frage kommen konnte, musste die Führung schon an Schanghai abtreten, das nach allen Teilen des Reiches enge Verbindungen unterhaltend, der günstigste Platz für ein solches Unternehmen ist. Seine Presse trägt die Schanghaier Anschauungen weit in das Land hinein und lockert den Boden im Volk. In dem Augenblick, wo ganz China dem westländischen Unternehmungsgeist geöffnet ist, gibt es kein Halten mehr. Was dann geschehen wird, ist ein Zukunftsbild, und doch glaubt man es schon im Spiegel zu erschauen, wenn man auf Schanghai blickt. Schanghai ist das Spiegelbild des künftigen China. Neue Grosstädte werden wie berückende Sumpfblumen über Nacht entstehen und sich durch dieselbe Kulturlosigkeit auszeichnen wie ihr Vorbild; kleinere Städte und Dörfer werden sich anschliessen. Alles Schöne und Edle, was die chinesische Kultur zu geben hat, wird hinweggefegt, und das Gemeine und Hässliche, was der westländischenKultur anhaftet, wird siegreich vordringen, während ihre edlen Bestandteile erdrückt werden. Chinesischer und westländischer Materialismus werden sich wieder die Hand zum fröhlichen Bunde reichen. Das wird ein Arbeiten ohne Feiern. Denn wie berückend muss doch das Gefühl sein, nicht einer einzelnen Stadt, sondern allmählich einem tausendjährigen Kulturreich den Stempel der Kulturlosigkeit aufzudrücken.

Seite 119, Deko


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