Zirkus in der Unterwelt.
V
Vor ein paar Tagen war ich Abends in einem chinesischen Theater. Es war eines von den modernen, mit Rang und Sperrsitz, Kronleuchter, schiebbaren Kulissen und fürstlich bezahlten Schauspielern. Ich kam gegen elf Uhr. Ein wildes Durcheinander war auf der Bühne. Zwei Helden bekämpften sich. Wild flogen die Bärte, grimmig blitzten die Augen, geschmeidig dehnten sich die Körper unter den schweren Heldenkostümen. Im rhythmischen Takt der Musik schlugen die Gegner auf einander ein; der Rhythmus stockt, sechsmal hintereinander wie ferne Schüsse aus einem Schnellfeuergeschütz knallt der Trommler auf das gellende Holz, und dann war es still. In eherner Haltung, mit rollenden Augen und schnaubendem Atem standen die Kämpen an der Rampe und starrten unverwandt in die Zuschauer. Das Stück war aus; ein neues begann. Auf dem Theaterzettel stand: „Hsin Lo yang tschiao“ (Die neue Lo yang Brücke). Die alte Lo yang Brücke hatte ich früher einmal gesehen; soweit ich mich erinnerte, war es ein Stück mit vielen Göttern. Auch die Kuan yin pu sa, die Göttin der Barmherzigkeit war — Richtig, da kommt sie. In prunkendem Gewand, mit glänzendem Gefolge, das bunte Lichter und Laternen trug, wird sie auf ihrem Thron auf die Bühne getragen; sanft tönt die Musik; die Göttin singt ein Lied und wird dann wieder weiterbefördert. Der Vorhang senkt sich, hebt sich von Neuem, und man erblickt einen Mann im gewöhnlichen, chinesischen bürgerlichen Gewand, der sich mit einer Kanne Wein unterhält, des Spruchs von Li Tai po gedenkend:
Wenn tausendfach die Sorgen sindUnd drücken sie noch so schwer,Dann trink’ dreihundert Glas geschwind,Da fühlst du sie nicht mehr.
Wenn tausendfach die Sorgen sindUnd drücken sie noch so schwer,Dann trink’ dreihundert Glas geschwind,Da fühlst du sie nicht mehr.
Wenn tausendfach die Sorgen sind
Und drücken sie noch so schwer,
Dann trink’ dreihundert Glas geschwind,
Da fühlst du sie nicht mehr.
Und richtig. Der Mann trank, trank so viel, dass sich der Lung Wang, der König der Unterwelt, veranlasst sah, einen Schergen zur Warnung vor dem Alkoholgenuss an die Oberwelt zu senden. Der Trinker schlug die Warnungen des Höllenschergen lachend in den Wind. Da ereilt ihn sein Geschick. Man sieht den Trinker, wie er auf schwankem Kahn über dasWasser fahren will; es rauscht eine Welle heran, das Boot kippt um, und der Trinker, (ebenso wie der Dichter Li Tai po, der den Mond in des Wassers Mitte fassen wollte) sinkt immer tiefer und tiefer bis er den Wassergrund berührt. Der Vorhang senkt sich und hebt sich wieder, und der Trinker steht im Reich des Höllenkönigs. Mit wunderbarem Geschick hat dort der chinesische Regisseur ein Stück Unterwelt vor die Augen des Zuschauers gestellt. Man erblickt den Lung Wang mit seinem greulichen Gefolge, und im düstern Hintergrund blinken zahllose Lichter; hier erlischt ein Licht, dort facht ein neues an, dort brennt eins mit beängstigender Schnelle ab. Die Lichter sollen das Sinnbild des Menschenlebens sein, dessen Geschick in den Händen des Höllengottes liegt. „Aha,“ denkt der Zuschauer, „jetzt geht es dem Trinker an den Kragen.“ Man wartet; aber nichts ereignet sich. Der Trinker, der Höllenkönig und sein greuliches Gefolge blicken auffällig nach einer Seitenkulisse. Hat ein Schauspieler sein Stichwort überhört? Plötzlich hört man Schreie; dazwischen klingt es wie englische Laute. Ehe man sich dessen versieht, plumpen zwei Säcke auf die Bühne, die sich überschlagend drehen, vor der Rampe haltmachen und sich höflich vor dem Zuschauer verneigen. Es sind, wie man jetzt sieht, keine Säcke, sondern weissgepuderte Chinesen im Clownkostüm, Gestalten, wie sie zum eisernen Bestand jeder westländischen Zirkusvorstellung gehören. Und nun geht es los. Der neueste „Clou“ der chinesischen Bühne! Die zwei dummen „Aujuste“ in der Unterwelt! Glanznummer der biedern, verschandelten „Lo yang Brücke“! Ein Clown will sich setzen, flugs zieht der andere den Stuhl weg, und er liegt auf dem Boden. Bautz, da knallt die luftgefüllte Schweinsblase auf dem Rücken des Andern; bautz, da fliegt sie auf den harten Schädel. Und so geht es eine halbe Stunde lang. Die Zuschauer kreischen und lachen; der König der Unterwelt und sein Gefolge bemühen sich krampfhaft, ernst zu bleiben. Schallender Beifall belohnt die beiden Säcke, die sich überkugelnd vor die Rampe rollen, den spitzen Zuckerhut abnehmen und sich höflichst verbeugen. Der Vorhang senkt sich und hebt sich; verschwunden ist der Spuk. Der Trinker unterhält sich wieder mit einer Kanne Wein, des Spruchs von Li Tai po gedenkend:
„Wenn tausendfach die Sorgen sindUnd drücken sie noch so schwer,Dann trink dreihundert Glas geschwind,Da fühlst du sie nicht mehr.“
„Wenn tausendfach die Sorgen sindUnd drücken sie noch so schwer,Dann trink dreihundert Glas geschwind,Da fühlst du sie nicht mehr.“
„Wenn tausendfach die Sorgen sind
Und drücken sie noch so schwer,
Dann trink dreihundert Glas geschwind,
Da fühlst du sie nicht mehr.“
Arme, chinesische Bühne! Wie lange wirst Du dich noch der „Autoliebchen“-, „Puppchen“- und „Filmzauber“-Kultur erwehren können!
Seite 54, Deko