Chapter 7

Eine Unterredung des Herrn G. mit dessen Diener.Herr G. Machen Sie die Verkaufsrechnungen für die Herren B. und L.Diener. Es ist bereits geschehen, Abrechnungen für Beide sind fertig.Herr G. Wie ist die für B?Diener. Es bleiben 25 Procent reiner Gewinn.Herr G. (Mit Erstaunen) 25 Procent? Aendern Sie dieselbe; 25 Procent ist zu viel, der Mann kann sich mit 8 Procent begnügen; — und des Ls. Rechnung?Diener. Der arme Teufel verliert 11 Procent.Herr G. Aendern Sie auch diese; lassen Sie ihn 18 Procent verlieren, denn 7 Procent mehr oder weniger kann für den Mann keinen wesentlichen Unterschied machen.

Eine Unterredung des Herrn G. mit dessen Diener.

Herr G. Machen Sie die Verkaufsrechnungen für die Herren B. und L.

Diener. Es ist bereits geschehen, Abrechnungen für Beide sind fertig.

Herr G. Wie ist die für B?

Diener. Es bleiben 25 Procent reiner Gewinn.

Herr G. (Mit Erstaunen) 25 Procent? Aendern Sie dieselbe; 25 Procent ist zu viel, der Mann kann sich mit 8 Procent begnügen; — und des Ls. Rechnung?

Diener. Der arme Teufel verliert 11 Procent.

Herr G. Aendern Sie auch diese; lassen Sie ihn 18 Procent verlieren, denn 7 Procent mehr oder weniger kann für den Mann keinen wesentlichen Unterschied machen.

Mein Commissionair M... macht es indessen keinesweges wie Herr G.; er steht im Ruf eines reichen, daher großen Mannes, der dergleichen Abrechnungen nichtselbstmacht, es vielmehr seinen Commis überläßt; sein Hauptgeschäft ist das mit — Fleisch! Die Leser würden ihn jedoch unrichtig beurtheilen, wenn sie ihn für einen Shylok halten wollten. Keinesweges! Mit Kleinigkeiten giebt sich derselbe nicht ab; er erhält von Montevideo Ladungen des benannten Artikels, den er centnerweise abzusetzen versteht. Genug! Er ist Einer von den Commissionairen, von denen man sagen könnte: Man kann sein Fleisch durch ihn los werden! er ist ein vortrefflicher Mann, der nicht, wie Shylok selbst tranchirt, sondern tranchiren läßt. Er ist von seinen Abnehmern geschätzt, weil er nicht wie die meisten, die das animalische Geschäft treiben, es mit den Käufern verdirbt. Waaren, welche verkauft sind, werden, wenn sogar der Verkauf schriftlich abgeschlossen wäre, als unverkauft angesehen, wenn es dem Käufer einfällt, einen Abzug zu fordern. Besteht der Europäer auf Erfüllung des schriftlichen Contracts, so erwiedert der Herr Fleisch-Inhaber: Hier ist der Contract, prozessiren Sie mit dem Käufer, ich tranchire, wie Sie wissen, nie selbst etc. Ergo! ich wiederhole, für Europäer können überseeische Geschäfte nie vortheilhaft ausfallen, weil die Commissionaire im glücklichsten Fall 12½ Procent haben müssen, und bei der starken Concurrenz nicht zu erwarten ist, daß zwei Procent verdient werden können. In früheren Zeiten, als es nur wenige Häuser hier gab, welche hin und wieder eine Consignation erhielten, traf es sich zuweilen, daß an einem Artikel 25 Procent verdient wurden, wovon der Commissionair großmüthigerweise seinem europäischen Freund den ⅛ Theil zufließen ließ. Aber solche Fälle können jetzt nicht wieder vorkommen. Die Waarensendungen müssen wenigstens um die Hälfte vermindert werden. Die europäischen Kaufleute würden sehr wohl daran thun, ihre Waaren, wenn sie auf diese zu sehen überdrüssig sind, in einen abgelegenen Raum eine Zeitlang zu verschließen. Besser diese in Europa unter eigenem Schloß und Riegel, als in Havana, oder sonst wo in den Räumen der Bremer zu haben, wodurch der ganze Belauf aufgerieben wird. Der Denkwürdigkeit wegen will ich aufzählen, was ich selbst von europäischen Waaren für den Betrag von98 Piaster einem Mercader habe verkaufen und überliefern sehen; es waren folgende: 6½ Dutzend Toiletten und Arbeitskästchen für Damen; 300 Dutzend Mund-Harmonika’s mit Elfenbein-Fourniren; 200 Dutzend Blumen-Guirlanden, für Negerinnen berechnet; viele Dutzend Rosen, Windsor-Seife und Seifenpuder, nebst mehreren Dutzend von wohlriechenden Oelen und Wassern in geschliffenen Gläsern.

Auf die letztern Artikel setzte der Käufer gar keinen Werth, und schenkte Mehrern der Anwesenden 1 Dutzend Seifen, und mehrere Flaschen von den wohlriechenden Oelen und Wassern, auch ich wurde auf diese Weise beschenkt, und dürfte vielleicht ein größeres Capital erlangt haben, als der Eigenthümer obiger Waaren, nach Abzug der Steuer-Provision, Del credere etc. erhalten wird.

So lange der Sclavenhandel in Westindien mit so gutem Erfolg, wie bisher wird betrieben werden, darf sich Niemand von allen Spekulanten ein besseres Schicksal versprechen, als derjenige hatte, dessen Waaren, wie vorhergehend gezeigt, für 98 Piaster verkauft worden sind. Wer denkt wohl daran, sein baares Geld auszuthun, um Waaren, welche der Mode und Conjunctur unterworfen sind, anzukaufen, wenn er sein Capital, im Handel mit Menschen ausgethan, in einem Jahr doubliren kann? In diesem Artikel giebt es zu viele Spekulanten. Ich sah 720 Sclaven im Total-Werth von 275,400 Piaster in einem Zeitraum von 2 Stunden verkaufen, und einen großen Theil davon wiederum en Detail mit einem Gewinne von 8–10 Unzen absetzen. Dem Rindvieh gleich, werden diese Unglücklichen alsdann vom Marktplatz nach der Käufer-Wohnung gebracht. So lange also der Handel mit Menschen solchen bedeutenden Gewinn abwirft, wird der hohe Zinsfuß stattfinden, und das Fabrikwaaren-Geschäft kein Gedeihen finden, weil stündlich zum Discontiren solcher Wechsel, welche aus den Geschäften mit Menschen entsprungen sind, bedeutende Summen gesucht werden.wofür sehr hohe Zinsen gestattet werden können, da 8–10 Unzen Gold pro Kopf gewonnen werden. Die meisten Sclaven werden jetzt zur Anlegung von Zucker-Plantagen benutzt, indem diese gegen jede Executions-Gewalt geschützt und unantastbar sind. Man hat Beispiele, daß Caffee-Plantagen in dem Augenblick, als sie subhastirt werden sollten, in Zucker-Plantagen umgeschaffen wurden und ihrem Umsturz entgingen. Epidemische Krankheiten machen, wie es damals bei der Cholera war, die reichsten Sclavenbesitzer zu Bettlern.

Der Getraidebau ist von der Regierung untersagt. Alles für Cuba erforderliche Mehl wird von den V. S. in Fässern von 165 Pfund Gewicht jedes Faß eingeführt. Der Einfuhrzoll war stets 9½ Piaster pro Fäßchen, seit dem Kriege in Spanien ist er 10½, der aber erst 6–8 Monate nach Empfang des Mehls erlegt wird. Für den Belauf des Zolles sind die Empfänger verbunden, Pagarées (Wechsel) auszustellen. Man kann mit Gewißheit sagen, daß im Durchschnitt an jedem Faß Mehl zwei Piaster verloren werden. Indeß verstehen es die Verkäufer, sich, da das Mehl pro Cassa verkauft wird, beim Placiren dieser Gelder durch hohe Zinsen und durch Schmuggelei für jenen erlittenen Verlust zu erholen! indem sie 2–3 Procent Zinsen pro Monat nehmen, welches, wenn die Hälfte des Mehls geschmuggelt ist, und dies ist gewöhnlich der Fall, einen guten Gewinn erzeugt.

Nach dem bisher Erzählten und Dargestellten, wird sich der geneigte Leser nicht wundern, wenn ich mein Vorhaben, mehrere westindische Inseln zu besuchen, um Geschäfte und Gewerbe daselbst zu prüfen, wieder aufgab. Mit großen Erwartungen war ich hierher gereist und wiederholt war ich zum Reisen aufgefordert worden, „um den Geschmack des Landes kennen zu lernen.“ Doch worin besteht hier der Geschmack? In nichts Anderem, als die Waaren für die Hälfte des Fabrikpreises zu bekommen: wird doch von den Negerinnen nur buntes Zeug verbraucht; die Damen aber sitzen stets in weißen und knieen in schwarzen Kleidern. Die Mercaders sind, wie schon angeführt, ganz einig und bieten für die allerneuesten Gegenstände nie mehr, als die Hälfte des Fabrikpreises, in der Ueberzeugung, daß sie, wenn nicht jetzt, doch später den Artikel erhalten. Ob derselbe alt oder neu ist, darum kümmern sie sich nicht sehr, denn dem Publikum erscheint jeder Artikel in ihren Läden neu; wenn er auch wirklich ganz veraltet ist. Europäische Spekulanten irren daher bedeutend, wenn sie ihre in Commission geschickten Waaren als veraltet betrachten und für die Hälfte des Werthes verkaufen lassen; sie würden besser daran thun, dieselbe nach Europa zurückgehen zu lassen, wie es in der letzten Zeit auch Mehrere wirklich gethan haben; sie würden hierdurch den kenntnißlosen Commissionair des Urtheils überheben; „diese Waaren sind über den doppelten Werth facturirt gewesen!“ denn dies glaubt derselbe, wenn der Europäer, aus Furcht, daß seine Waare veraltet und werthlos sei, die Ordre giebt, sie mit Verlust des halben Werthes zu verkaufen.

Meine Verhältnisse hierselbst waren von der Art, daß ich mir wenig Erfreuliches versprechen durfte; ich beabsichtigte ja, mein Eigenthum zu vertheidigen, d. h., die Commissionaire, mit denen ich nun einmal in Verbindung war und bleiben mußte, zu kontrolliren. Daß diese meine Absicht nicht lange verborgen bleiben konnte, ist leicht zu erachten und daß sie die Laune derselben verderben und sie gegen mich aufbringen mußte, ist eben so einleuchtend. Herren und Diener, Neger und Trabanten, Alle, ausgenommen die Spanier, welche meistens brav sind, wurden meine Feinde und begegneten mir mit einer Gleichgültigkeit, die mir freilich auch sehr gleichgültig war. Einer meiner Commissionaire, der Sohn eines sehr reichen Mannes, welchen sein Vater in der Absicht inHavana etablirt hatte, um aus anderer Leute Leder Riemen zu schneiden, ohne Zweifel aber besser gethan hätte, ihn zu Hause zu behalten, um ihn zum Riemenschneider für sich und seine ledernen Geldsäcke auszubilden, war mein größter Feind, weil ich ihm in einem Schreiben erklärte, daß ich nicht mit 25,000 Cigarren für eine mir schuldige Summe von 2000 Rthlr. zufrieden sei und daß ich, trotz seiner schriftlichen Anzeige, über diesen Gegenstand nicht mehr correspondiren zu wollen, — „weil sonst seine Geduld ausrisse“ — mich der Correspondenz durch die Behörde nicht enthalten würde.

Ein sehr achtungswerther Spanier, dem ich meine Lage im Verhältniß zu den hiesigen Deutschen mittheilte, schlug mir vor, mich einem einflußreichen Advokaten, Namens A.s zu empfehlen, was ich mit Freuden annahm. Der Advokat bezeigte viel Theilnahme, erklärte sich bereit, mir zu dienen und fand das Benehmen des Commissionairs „abscheulich.“

Hierbei ist zu bemerken, daß die Advokaten hierselbst nichts thun als instruiren; die Geschäfte in den Gerichtshöfen besorgen die Prokuratoren, die sich deshalb in den Morgenstunden bei den einflußreichen Advokaten einfinden und um Beschäftigung nachsuchen. Dieser Umstand trägt sehr dazu bei, die Prozesse in die Länge zu ziehen, denn die Prokuratoren verständigen sich oft sehr bald mit den Beklagten, wovon der beste gerechteste Advokat nichts wissen kann. Aus demselben Grunde und weil jedes Blatt Papier in Prozeß-Angelegenheiten gestempelt sein muß, werden die Prozeßkosten sehr hoch; es giebt Prozesse, zu welchen für 10,000 Piaster Papier verbraucht wird.

Die Vollmacht, welche ich mir zunächst von einem Notar mußte anfertigen lassen, kostete mir 17 Piaster, das Uebersetzen der Briefe u. s. w. ins Spanische 1 Unze;Herr A.s übernahm sie mit Freuden und meinte, in Zeit von 4 Wochen sollte ich meinem Ziel recht nahe sein.

Meine Prozedur wurde bald stadtkundig und der Haß der Deutschen nahm so zu, daß Wenige nur noch mit mir zu sprechen wagten. Obgleich ich mir hieraus wenig machte, so konnte ich doch nicht umhin, meine Lage unangenehm zu finden. Da stand ich ganz allein in einem fremden Lande, der Sprache unkundig, mit einer Parthie Waaren, die ich verkaufen wollte und keiner von allen Commissionairen wollte etwas mit denselben zu thun haben. Ich suchte Käufer und fand solche, jedoch wiederholt zerschlugen sich die Verkäufe, wenn die Waaren abgeliefert werden sollten. Welcher böse Dämon hierbei sein Wesen trieb, war mir zu ermitteln stets unmöglich. Einst hatte ich einen Handel mit einem Mexikaner und zwar mit einem sehr fühlbaren Verlust abgeschlossen. Als er mit mir nach dem Depot zum Empfang gekommen war und die Kattune in den Kisten, die geöffnet werden mußten, von gewöhnlicher Breite erblickte, trat er vom Handel zurück, weil er (vorgeblich) dieselbe Waare von doppelter Breite für 14 Sgr. pro Staab gekauft hätte.

Jetzt suchte ich einen Sclavenhändler auf, welche gewöhnlich viel Waare kaufen und offerirte ihm Artikel, indem ich ihm die Proben vorwies, aber er bot so wenig darauf, daß ich die Hoffnung aufgab, mit ihm einen Handel abschließen zu können; Ein spanischer Don-Mäkler M...m, der, wie Viele, dies Metier unerlaubter Weise treibt, weil er die Summe von 2000 Piastern, die hierfür zu bezahlen sind, nicht anschaffen kann, hatte mir auf den Dienst gepaßt. Er meldet sich bei mir, fordert Proben — und versichert mir, daß ein großer Theil meines Vorraths bald durch ihn abgesetzt sein solle. Proben aus den im Depot befindlichen Kisten zu nehmen, ist eine schwere Aufgabe, indessen es war mir daran gelegen, die Kosten dieser Prozedur kennen zu lernen und siehe da!ich mache dasselbe für etwa 15 Sgr., wofür die braven Commissionaire 6 Piaster in Rechnung zu stellen sich nicht schämten. Dieser Vorfall bringt mich zum Entschluß, eine Parthie Cigarren selbst zu verschiffen und was ergiebt sich? Daß ich diese Verschiffung mit einem Kosten-Aufwand von 2 Piastern besorge, während daß der Fleisch-Inhaber M... dafür 24 Piaster und 4 Realen berechnet hatte. Zwei große Geister wurden hierbei durch meinen Heroismus in Erstaunen gesetzt: 1stens der Don-Mäkler, weil ich mich nach dem Depot auf meinen eigenen und nicht auf Esels- oder Maulthier-Füßen hinschaffte und die Proben unterm Arm tragend mitbrachte — was in Havana, wie der Mäkler meint, noch nicht vorgekommen ist. Der Fleisch-Inhaber war wegen der in Rechnung gestellten 24 Piaster mit sich selbst in Uneinigkeit und meinte, da er nicht selbst tranchire, daß ich mich mit diesem kleinen Anliegen an seinen Commis wenden müsse. Dies geschah und ein vom Fleisch-Inhaber wohlgenährter korpulenter Commis ertheilte mir die Antwort, daß jener, in Berücksichtigung meiner Gegenwart, die mit vielen Strapazen verbunden sei, die Hälfte der 24 Piaster erlassen wolle — als besondere Gnadenbezeugung, wobei keine Umänderung der Rechnung stattfinden könne.

Unterdessen hatte der Don-Mäkler, ungeachtet meines Verbots, die Proben dem Sclavenhändler gezeigt und mit ihm einen Handel abgeschlossen, ohne mir den Namen des Käufers zu nennen. Ich erfuhr ihn erst, als ich von ihm in einem Schreiben die Baarzahlung ausdrücklich bemerkt zu wissen wünschte. Da erfuhr ich denn, daß ich für den Werth von 2000 Piastern auf verschiedenen Sclaven-Schiffen Actien an Zahlungsstatt annehmen müsse; ich sollte also Sclavenhändler werden. Ich hatte ungemein vielen Verdruß, sowohl mit dem Käufer als dem Mäkler, willigte indeß zuletzt ein, nachdem ich jene Actien miteinem Verlust von 10 Procent verkauft hatte; — unmittelbar nachdem ich das Geld empfangen hatte, nahm ein englisches Kriegsschiff Besitz von einem der Schiffe, woran ich eine Actie hatte.

Kaum war dies Ungewitter vorübergezogen, als sich ein zweites über mir zusammenzog. Ich erhalte nämlich von M... die Anzeige, daß der Käufer, der auf die früher erwähnten Mantel-Stoffe reflektirte, jetzt gänzlich renoncire und daß überdies der Handel sehr nachtheilig für mich ausfallen würde, indem die Douane jetzt nicht wie sonst, einen Realen, sondern zwei Realen Zoll pro Vara dafür fordere. Diese Nachricht erzeugte in mir den Gedanken, daß der Fleisch-Inhaber mich tranchiren wolle; ich schnitt sofort eine Probe von einem der Stücke jenes Stoffs, ließ für den Collecter der Douane durch den Advokaten A.. eine Supplik anfertigen, in welcher vorgestellt war, wie durch ein Versehen meines vorigen Commissionairs für wollene Waaren ein Zoll von seidenen bezahlt worden sei — welcher Zoll von den letztern beinahe noch einmal so hoch ist, als der von den ersteren; — ich hoffe, der Herr Intendant werde den Befehl ertheilen, für diese Waaren, welche im Tarif aufzuführen man vergessen habe, den Zoll von Filleilas und nicht den für seidene Waaren zu erheben.

Der Collecter zeigte sich zur Abänderung geneigt und forderte, daß ich an die Intendantur, unter Beifügung dieser Probe, eine schriftliche Auseinandersetzung einreichen solle, bemerkte jedoch sofort, daß ich den Zoll für die erste Parthie, die durch den Commissionair als seidene Waaren versteuert worden seien, nicht zurück erhalten könne.

Wie aus den Wolken gefallen, stand ich beim Eintritt in das nächste Zimmer, als ich des M.. Expedienten dort fand und zwar, als sei er der Ober-Inspector, meinem Gesuche entgegentretend. „Diese Waare ist für dasjenige eingegangen, wofür Sie den Zoll bezahlen müssen und bezahlen werden; abgeändert kann hierbei nichts werden.“ Entrüstet über diese Bosheit, begab ich mich sogleich nach dem Comptoir des Herrn M.., um durch den Waaren-Aufseher, der mir versichert hatte, diese Parthie sei für Filleilas eingegangen und koste nur einen Realen Zoll, die Wahrheit zu erhärten. Aber welche Antwort erhielt ich? „Nun! wenn sie als etwas anderes als Filleilas eingegangen ist, so werden Sie sich dem unterwerfen müssen!“ — Ich ließ die Supplik dem Intendanten übergeben und nach einigen Tagen erhielt ich durch einen der Estimateurs den Bescheid: „Sie haben zwei Realen als Zoll für diese Waaren zu erlegen, indessen soll es Ihnen freistehen, dieselbe zollfrei auszuführen.“

Aufgebracht hierüber und über vieles Andere, beschloß ich, unverzüglich meine Rechnung mit Herrn M... zu schließen und sah mich zu diesem Zwecke nach einem Vermittler um. Ein Schottländer, Namens Dakin, schien mir die geeignetste Person hierzu, da er, wie ich erfahren hatte, früher mit jenem in ähnlichen Verhältnissen, wie ich, gewesen war. Allein hier kam ich aus dem Regen in die Traufe; er versprach mir — ein Zug von Redlichkeit! — das Beste für mich bei dieser Auseinandersetzung zu thun. Er that auch wirklich so viel, daß ich in FolgeseinesVielthuns über meine Kräfte viel für M... thun und viel Geld einbüßen mußte. Ich mußte ihm nämlich eine Bescheinigung ausstellen, mit seiner Abrechnung vollkommen zufrieden zu sein, ungeachtet daß ich in einer Abrechnung etwa 50 Procent für mein Capital und in den andern mehr oder weniger zurückerhielt, um meine Waaren und Gelder, welche er (M...) nicht unter andern Bedingungen ausliefern wollte, zur freien Disposition zu haben. Außerdem fand ich in seiner Rechnung Summen für Provision von 5 Procent, für Waaren, die ich selbst verkauft und wobei er gar nichtszu thun gehabt hatte, so wie auch Summen für Negerlohn, die mir eine volle Ladung Neger hätten zugesichert. Allein — ich mußte mich fügen. Einen Prozeß in Havana, dachte ich, magst du der Erfahrung wegen haben, Einer ist aber auch genug.

Die Bescheinigung wurde also, wie M... verlangte, ausgefertigt und ich hatte einen funkelnagelneuen Commissionair, der, wie ich mich bald überzeugte, in den Mysterien des Commissions-Geschäfts aufs genaueste eingeweiht war. Wie ist dies möglich in so kurzer Zeit? werden die geehrten Leser fragen. Ein gewisser, für Westindien unentbehrlicher Herr K.. verfertigte in der Art des sogenannten faulen Rechenknechts ein Hülfsbüchlein für Commissionaire, so wie auch Preis-Courante für Europäer; dieser höchst brauch- und unbrauchbare Mann sorgt also dafür, daß selbst die jüngsten und in Geschäften unerfahrensten nicht dermaßen zu Grunde gehen, wie er wiederholt zu Grunde gegangen ist.

Mit meinem Dakin hatte ich es mithin jetzt zu thun. Zunächst erhielt er von M... die schriftliche Ordre, die Waaren, welche für meine Rechnung im Packhofe lagerten, in Empfang zu nehmen. Bald bemerkte ich jetzt, daß die Mantelstoffe zum Theil als Filleilas zum Theil als Ginghams einpassirt waren, benachrichtigte Dakin hiervon und sagte: „nun dürfen Sie nur einen Realen als Zoll bezahlen;“ er indeß hatte die Sache anders geleitet. Am folgenden Morgen begegnete er mir und sprach: ich muß Ihnen eine gute Nachricht mittheilen, der Douanier hat Ihre Mantelstoffe für das passiren lassen, was sie sind, nämlich für Filleilas à einen Realen Zoll; ich habe demselben jedoch 102 Piaster (6 Unzen) versprochen, weil er sie der falschen Declaration des M... wegen hätte confisciren können. — Geben Sie, erwiederte ich, dem Douanier für Ihre Rechnung so viele Unzen, wie Sie wollen, aber nichts für die meinige, denn die Waaren sind fürFilleilas eingegangen und müssen auch dafür passiren. — Ich werde ihm geben, so viel ich versprach, sagte er im Fortgehen, weil ich den Mann in meinem Geschäfte brauchen muß, und somit fand ich auch wirklich in der Rechnung: Allowance to guard for reduction of duty and excuse of fines 102 Piaster (d. h. Geschenk dem Zollbeamten für Nachlaß auf Steuer und Niederschlagung der Strafe.) In Europa würde sich wohl schwerlich Jemand diese Frechheit erlauben.

Glücklicherweise sah ich mich bald in Stand gesetzt, mich des Dakins zu debarrassiren. Zufällig traf ich nämlich den Mercader, der auf die Mantelzeuge reflektirte. Wie erstaunte ich, als er mir erzählte, daß er stets darauf reflektirt hätte, von M... aber nie etwas bestimmtes habe erfahren können. Ich verkaufte die Parthie und befreite mich von Dakins. Die Rechnung, die ich jetzt von diesem Dilettanten in der commissionärischen Kunst erhielt, wich um kein Haar breit von denjenigen der frühern Commissionaire ab; sogar drei Piaster für Volanten-Lohn seiner Diener fanden sich darin. Als ich denselben wegen aller Prellereien zur Rede stellte, da ergriff er ein Federmesser und drohte, mich damit zu durchbohren.

Nachdem ich mehrere von meinen unverkauft gebliebenen Waaren nach New-York expedirt hatte, — worauf ich später zurückkommen werde, hätte ich unterdessen von Havana abreisen können, wäre nicht — mein Prozeß gewesen. Schon waren drei volle Monate verstrichen und noch immer kam es mir so vor, als sei gar nichts geschehen, obgleich der Herr Advokat mich immer so vertröstete, als ob ich innerhalb acht Tagen am Ziele sein würde. Endlich entschloß ich mich, einen andern Weg einzuschlagen, auf welchem der geübte Forscher nicht ganz unbefriedigt abzieht und siehe da! es gelang mir; ich erfuhr, daß in der Sache noch gar nichts geschehen, daß noch nicht einmal mein und meines GegnersName genannt worden sei. Im Zorn lief ich sogleich, als ich dies gewiß wußte, zu Herrn A.., überhäufte ihn mit Vorwürfen und er überzeugte sich sehr bald, daß sein Herr Procurator mit dem meines Gegners in gutem Einverständnisse sein müsse.

Hierbei kann ich zu bemerken nicht unterlassen, daß ich unterdessen mehrere edle Spanier zu meinen Freunden gewonnen hatte, die sich meiner annahmen. Auch des englischen Consul muß ich rühmlichst erwähnen; von meiner ersten Ankunft an behandelte er mich mit der größten Aufmerksamkeit und Auszeichnung und lud mich sogar zu sich ein, obgleich ich keine weitere Empfehlung hatte, als seinen Namen von einem seiner Jugendfreunde in Hamburg auf einem Zettelchen geschrieben, zu präsentiren. Von Spaniern also wurde ich jetzt in Allem unterstützt. Ueberhaupt ist mein Rath, daß Jeder, der Geschäfte auf Havana treiben will oder muß, sich nur an Spanier wendet, man gewahrt in ihren Comptoirs zwar nicht Legionen von Commis in Pantoffeln und Negligée, allein man bemerkt bald, daß die wenigen Arbeiter viel und gut arbeiten.

Nach der Weisung eines Kaufmannes und Beisitzers im Gerichte verfuhr ich jetzt. Ich ließ mir sofort von meinem Advokaten eine Klage niederschreiben, trug sie auf die Gerichtsstube des Friedensrichters und erlegte die Sporteln. Einige Tage darauf erhielt ich die Vorladung, vor dem Friedensrichter zu erscheinen. Am bestimmten Tage fand ich mich ein; allein, da ich nicht hinreichend Spanisch verstand, so wurde mir bedeutet, daß ich meinen Anwalt zur Seite haben müsse. Ich ging zu demselben, aber er wollte sich bei der großen Hitze nicht dazu verstehen, mich zu begleiten und expedirte einige Zeilen an den Friedensrichter. Dieser indeß wollte nichts von diesen schriftlichen Vorschlägen wissen und bestand auf dessen persönlicher Erscheinung. Durch viele Vorstellungenund Bitten, mir von der süßen Insel durch seinen Beistand los zu helfen, gelang es mir endlich, ihn zum Mitgehen zu bewegen — ein hierselbst nie in der Advokatenwelt vorgekommener Fall, da diese, wie schon bemerkt, nie selbst in den Gerichtshöfen auftreten. Beim Hingehen eröffnete mir der brave Advokat, daß er sich auf die Entscheidung von guten oder Schiedsmännern nur untereinerBedingung einlassen würde und zwar der folgenden: daß die Schiedsmänner aus den Assessoren des Gerichts erwählt würden. Er änderte jedoch nach einer langen Unterredung mit dem Friedensrichter seine Ansicht, wendete sich zu mir und sagte: „ich habe genehmigt, daß hiesige Kaufleute, Einer für jede der Partheien den Streit schlichten sollen; Sie haben mithin ohne Weiteres zu bestimmen, wem Sie die Sache übertragen wollen.“ Ich wählte den englischen Consul und mein Gegner auch. Es ward sogleich ein Protokoll von dieser Verhandlung ausgefertigt und beigefügt, daß die Partheien sich gutwillig dem Ausspruche, wie er auch ausfallen möge, unterwerfen müßten und nur alsdann die Hülfe des Gerichtshofs, gegen Bezahlung von 500 Piaster an die andere Parthei, in Anspruch nehmen dürften. Mein Gegner und ich unterzeichneten dies Protokoll, welches einige Piaster kostete und es wurde zugleich festgestellt, daß die Entscheidung von Seiten des Richters in spätestens 14 Tagen erfolgen müsse.

Nach Ablauf dieser Frist wurde mir das vom Consul abgefaßte Urtheil zugeschickt. Es verrieth einen feinen kaufmännischen Takt und bewies, daß der Consul über die Sache nachgedacht hatte, was in diesem Lande, der großen Hitze wegen, etwas Seltenes ist. Das Urtheil fiel so aus, wie sie in der Regel ausfallen, d. h. die Forderung wird compensirt, da jeder Schiedsrichter in ähnliche Verhältnisse gerathen kann und gern das Vergeltungs-Recht auf keine schlimme Art für sich ausgeübt wissen mag. Mir also wurde die Hälfte meiner Forderung aus dendarin angeführten Gründen zuerkannt und ich wurde verurtheilt, eine Parthie Cigarren, woran mein Gegner ohne Zweifel tüchtig verdiente, zu nehmen, wobei mir freigestellt wurde, daß ich dieselben, wenn ich sie des hohen Preises wegen nicht sollte verkaufen können, für meinen eigenen Gebrauch verwenden dürfte — und der Consul war der Meinung, daß diese mir munden würden, weil das Theure in der Regel gut schmeckt.

Meine Gegner fragten mich zu wiederholten Malen, ob ich mit dem Urtheil zufrieden sei, wahrscheinlich auf ein verfängliches Wort lauernd. Vorsichtiger Weise aber bezeigte ich nicht allein meine Zufriedenheit mit demselben, sondern pries auch die Gerechtigkeitsliebe des Consuls. Ich wurde auf den folgenden Morgen zu meinen Gegnern beschieden, um die Sache zu ordnen. Dort versprachen sie mir denn auch, sofort die mir zuerkannte Summe zu zahlen. Als sie mir die englisch abgefaßten Quittungen zur Unterschrift vorlegten, verstand ich mich hierzu, wenn ich die auf meine Waaren für Zölle bezahlte Summen durch Quittung würde bewiesen sehen haben, — was zu fordern mir zufolge des schiedsrichterlichen Urtheils frei stand. Gleich einem Leoparden sprang der eine Chef, der übrigens eher einem Burschen als einem Kaufmann ähnlich sieht, auf mich zu und schrie: „Sie sind mit dem Urtheil nicht zufrieden?“ Im Gegentheil, erwiederte ich mit der größten Ruhe, ich bin ganz zufrieden. „Nein!“ erwiederte jener, „machen Sie, daß Sie von hier fortkommen,“ und ruft Portier, Neger und eine Menge dienstbarer Geister herbei. Allein, wie ich war, mußte ich mich schon zur Retraite entschließen. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß meine Gegner beim Gericht auf die Auszahlung der 500 Piaster von meiner Seite angetragen hätten, weil ich, wie es ihr Commis bezeugen wolle, mit dem Urtheil nicht zufrieden sei. — Indeß Herr A.. fertigte mir ein Schreiben aus, welches ich auf der Gerichtsstube abgab und der Erfolg war, daßich nach einigen Tagen die mir zuerkannte Summe durch einen braven Spanier Franzisco Guyri et Comp. ausbezahlt erhielt und daß meine Gegner die durch ihren Starrsinn entstandenen Kosten allein tragen mußten.

Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, daß es noch honette, brave Advokaten in den Welt giebt. Als ich nach Beendigung der Angelegenheit bei dem Advokaten Herrn A.. für seine Arbeit und Mühe liquidiren wollte, weigerte er sich, etwas anzunehmen. „Sie,“ sagte er, „haben genug verloren, ich darf nach meinem Gefühle Nichts nehmen. Schicken Sie mir, nachdem Sie wieder in Berlin angekommen sind, das allgemeine Landrecht und ich werde mich für die geringe Mühe belohnt wissen.“ — Auch einige Silbergeschirre, die ich ihm überreichen wollte, verweigerte er anzunehmen.

Die verweigerte Vorlegung der Quittung von Seiten der verurtheilten Gegner und der Vorfall mit den Mantelstoffen, mit dem Fleisch-Inhaber und dem Schottländer Dakins brachten einen Gedanken in mir zur Reife, mit welchem ich lange schwanger gegangen war, nämlich diese Herren durch eine genaue Nachsuchung in den Douanen-Büchern zu kontrolliren. Ich theilte meinen Vorsatz einem jungen Spanier mit und dieser meinte, daß ich dasselbe jetzt, da der Intendant zufolge eines Befehls von Madrid verabschiedet sei und der Gouverneur selbst dessen Geschäft vorstehe, vielleicht werde auszuführen im Stande sein, obgleich ich viele Schwierigkeiten dabei finden dürfte. „Mein Rath,“ setzte der junge Mann hinzu, „wäre dieser: daß Sie, im Falle Sie ihren Endzweck bei diesem Unternehmen erreichten und, woran ich nach dem, was sich zugetragen hat, nicht zweifle, Sie die Diebereien gegen die Krone und Sie selbst entdeckten, daß Sie alsdann für sich selbst Nutzen davon zögen, ohne das Gouvernement darauf aufmerksam zu machen. Denn sehen Sie, die Krone wird bestohlen, sie weiß dieses, weiß aber auch zugleich, daß das nicht zu ändern ist. Der Regierung ist es sehr wohl bekannt, daß diese Insel einejährliche Revenue von 100 Millionen Francs abwirft, wovon ein guter Theil für die Armee und Salaire an die Beamten verbraucht, und vielleicht 11–12 Millionen veruntreut werden. Nimmt man indeß an, daß etwa 5 Millionen Piaster in Golde von diesen jährlichen Einkünften nach dem Mutterlande ausgeschifft werden, so bleibt es für uns Alle nicht wünschenswerth, daß jene 11–12 Millionen ebenfalls dahin geschickt werden, weil wir unter diesen Umständen bald ohne Geld wären. — Wenden Sie daher den Erfolg Ihrer Nachsuchung für sich an, da ohnedies jede etwanige Publicität Sie verhaßt machen würde.“

Noch an demselben Tage nach dieser Unterredung begab ich mich des Abends um 7 Uhr zum Gouverneur, der Jedem ohne Ausnahme, mit oder ohne Fußbekleidung, Gehör giebt, um ihm eine, jene Sache betreffendes schriftliches Gesuch zu überreichen. Der Gouverneur erschien sehr bald in Civilkleidern und so anspruchslos, daß ich beim Vorbeigehen nicht den hohen Staatsbeamten in ihm erkannte, bis mir der Adjutant sagte: „c’est le Gouverneur.“ Ich näherte mich jetzt der Thür des Gemachs, in welchem er die Supplikanten sprach und mußte die Ruhe und Gelassenheit bewundern, mit welcher er wohl eine halbe Stunde einem alten geschwätzigen Weibe, die für ihren Sohn ein Gesuch anbrachte, sein Ohr lieh. Mit vieler Artigkeit bat er sie endlich, zu enden, indem er, auf uns übrige zeigend, noch mehrere hören müsse. Nachdem sie und noch eine zweite Dame abgezogen war, kam ich heran, überreichte mein bescheidenes schriftliches Gesuch mit der ergebenen Bitte, wegen dieser Behelligung mich zu entschuldigen. Der Gouverneur las das Schreiben durch, versicherte mir, daß er sich nicht im Geringsten dadurch behelligt fühle; es sei seine Schuldigkeit, einen Jeden und insbesondere Ausländer zu hören und zugleich erlaubte er mir, wann und zu welcher Zeit ich wolle, wiederzukommen. „Gehen Sie in etwa 3–4 Tagen zum General-Secretair der Intendantur; ich werde die angemessenenBefehle ertheilen, daß Sie Alles, was Sie wünschen, in der kürzesten Zeitfrist erhalten sollen.“ Hierauf verabschiedete ich mich. Welcher Contrast im Betragen dieses Cubaschen Königs und jenes von Bremen stammenden Commissionairs!

Nach vier Tagen ging ich zum Secretair R...; des Gouverneurs Befehl an den Collecter der hiesigen Douane wurde mir vorgelegt und angedeutet, daß ich in zwei Tagen in diesem Bureau um nähern Bescheid nachfragen könne. Ich ging hin, aber vergebens, und so 10 Tage lang. Ich beschwerte mich stark, lehnte aber ab, selbst zum Collecter zu gehen, weil ich es nur mit dem Gouverneur zu thun haben wollte. Endlich wurde von der Intendantur aus hingeschickt und ich erhielt den Bescheid, des Gouverneurs Befehlen in Betreff meines Gesuchs könne nicht so bald nachgekommen werden, da der zu dieser Arbeit unbedingt erforderliche Beamte sich auf dem Krankenlager befinde. Jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als den Gouverneur wiederum anzugehen. Es geschah; der Gouverneur empfing mich höchst artig. „Wie weit sind Sie mit Ihren Nachforschungen gekommen?“ — Ich befinde mich noch am Anfange; — man giebt vor, daß der Beamte, welcher Ihrem Willen gemäß die Papiere für mich ausfertigen soll, krank sei. — „Sonderbar! kommen Sie morgen Vormittag um 11 Uhr hierher.“ Als ich am andern Morgen wiederkam, sagte er zu mir: „der Secretair R. hat die bestimmteste Ordre von mir, was er thun soll; melden Sie sich bei ihm, damit er das Weitere für Sie besorgt.“ Dies that ich sofort. Sämmtliche Expedienten standen bald als sie mich kommen sahen, am Tische des ersten Secretairs R. und dieser sagte zu den übrigen: „Ich kann mir das Benehmen des Collecters gar nicht erklären und weiß fürwahr nicht, was ich thun soll. Geben Sie dem Herrn Ries,“ meinte einer der Secretaire, „einen offenen Befehl im Namen des Gouverneurs, daßihm das nachgesuchte Papier unverzüglich ausgefertigt werde.“ Ohne Zögern folgte der Secretair diesem Rathe. Ich empfing den Befehl und lief, wie eine Katze vom Taubenschlag, zum Collecter, den ich an seinem Arbeitstische sehr beschäftigt fand. Eingedenk des Gebotes: Du sollst das Alter ehren, wartete ich, bis Alle sich entfernt hatten, weil ich voraussetzte, daß ein solcher offener ernsthafter Befehl, aus der Feder eines jungen Secretairs geflossen, dem ergrauten Staatsdiener nicht erfreulich sein würde.

Ich überreichte demselben jetzt meine unversiegelte Depesche; er las sie und las sie wieder wohl zehnmal, beguckte sie von allen Seiten, obgleich auf dem winzigen Blättchen nur wenige Worte geschrieben standen. „Ich weiß nichts von Ihrer Eingabe,“ fing er endlich an. Sie ist hier, entgegnete ich, denn ich weiß, daß sie von der Intendantur schon vor 14 Tagen hierher geschickt worden ist. Der Collecter rief jetzt einem seiner, am nächsten Tische stehenden Secretaire zu: „wissen Sie etwas von des Herrn J. Ri—es (so wird mein Name im Spanischen ausgesprochen) Eingabe?“ Der Secretair mußte unsere kurze Unterredung, da er so ganz in der Nähe stand, mit angehört haben, fragte aber ganz fremd: „Ri—es? — Kommen Sie, ich will mich erkundigen.“ Er führte mich in das Nebenzimmer und nach eingezogener Erkundigung wurde mir gesagt, daß der Expedient, dem die Anfertigung übertragen worden, krank sei, indessen das Papier solle bis zum andern Vormittage um 11 Uhr in dem Bureau der Intendantur ausgeliefert sein. Ich ging jetzt nach der Intendantur zurück, um dem Secretair R. Bericht abzustatten, der mich dann auch auf den folgenden Morgen beschied und hoffte, daß der Bescheid eingehen werde. Am andern Morgen erfuhr ich nun, daß der Bescheid da sei, aber nicht der erwartete. Der Herr Collecter berichtet nämlich, daß, da die Bücher nach dem Archive geschafft wären, nur der Archivist über das Geforderte Berichterstatten könne. Meinem Verlangen gemäß, wurde mir dies auf einem Billet niedergeschrieben, mit welchem ich mich sofort zum Gouverneur begab.

„So muß ich also dem Archivisten den Befehl ertheilen, Ihnen den Auszug anzufertigen,“ sagte der gutmüthige Gouverneur; „gehen Sie morgen früh, aber nicht vor 12 Uhr zum Secretair R., Sie werden dort meinen Befehl für den Archivisten finden.“ — Ich fand denselben in der That zur festgesetzten Zeit und der Secretair R. war so gefällig, denselben durch einen Beamten aus seinem Bureau nach dem Archiv zu befördern und ich folgte nach. Der Chef des Archivs sprach sehr geläufig französisch und englisch und bemerkte lächelnd, er könne mir im Voraus sagen, daß ich mehr bezahlt haben werde, als die Commissionaire nach den im Archiv befindlichen Büchern bezahlt hätten; er, der früher einmal auch Kaufmann gewesen, wisse, wie es zugehe. Er versprach, das Papier am folgenden Morgen in Ordnung zu haben. Er forderte zugleich von mir, daß ich ihm einen genauen Auszug von den Monaten und Tagen, an welchen die Schiffe, die ich in meinem Verzeichnisse namhaft gemacht hatte, in Havana eingelaufen seien, welches er aus den Büchern nicht ersehen zu können vorgab. Obgleich ich dieses nach der Art und Weise, wie die Bücher in Havana auf der Douane geführt werden, für eine leere Entschuldigung anzusehen berechtigt war, so versprach ich ihm doch, mich der Besorgung unterziehen zu wollen. Anfänglich schien mir die Aufgabe sehr schwer, indeß fand ich bald einen sichern und leichten Weg hierzu. Ich ging nämlich nach der Lonja (Börse) und machte aus den daselbst liegenden Büchern, welche über die Ankunft aller Schiffe sprechen, einen genauen Auszug, den ich schon nach Verlauf von einer halben Stunde nach dem Archiv bringen konnte, worauf der Archivist wiederholt mir den Auszug am folgenden Morgen für ganz gewiß versprach.

Es vergingen indeß wohl 14 Tage und jeden Tag erzählte mir der Archivist etwas Anderes, warum er es nicht möglich machen könne. Als ich zuletzt sehr dringend ward und mit Beschwerdeführung beim Gouverneur drohte, sagte er mir: „Ich kann wenige von den durch M... für Sie eingeführten Waaren weder in den Büchern noch in den Manifesten finden.“ So wurde ich noch länger als acht Tage hingezogen, bis endlich der Archivist, da er meine Geduld erschöpft glaubte, mir eröffnete: „Sie finden die geforderten Papiere beim Gouverneur, ich habe sie heute dorthin befördert.“ Ich wendete mich jetzt an diesen, aber er wußte von nichts. Nach einigen Tagen nun endlich wurden sie mir in der Intendantur überreicht. Das Resultat war komisch, für mich freilich traurig, weil Herr M... beinahe Alles, was er mir für Zölle angesetzt hat, worüber dessen mir übergebene Rechnungen sprechen, nicht bezahlt hat, und ist das Original dieses Instruments beim Verfasser einzusehen.

Jedes Forschen, welches nicht aus Neugierde, sondern aus Wißbegierde entspringt, ist ein eben so mühseliges als undankbares Geschäft; es erfordert immer einige Selbst-Aufopferung, wird jedoch selten, obgleich es das Beste der menschlichen Gesellschaft zum Gegenstand hat, nach seiner löblichen Absicht gewürdigt. — Was die Leser auch von meinen Nachforschungen denken mögen, so habe ich selbst doch das ruhige Bewußtsein, daß ich die kaufmännische Gesellschaft gegen Diebereien in Westindien zu schützen beabsichtigte.

Aus dem Bericht des Ober-Tribunals, der eigenhändig vom Gouverneur unterzeichnet wurde, ergab sich also aufs bestimmteste, daß der mit dem Buchstaben M... bis jetzt von mir bezeichnete Commissionair Moyer in Havana sehr viele von meinen Waaren eingeschmuggelt hat, „indem die Collys,“ wie der Bericht lautet, „weder in den Schiffer-Manifesten, noch in den Büchern zu findenseien.“ Erwäge nur der Leser, was den höchsten Staatsbeamten Cuba’s bewog, diesen offenbaren Betrug ganz zu übersehen! Ist er vielleicht in Hinsicht der Zollbeamten mit Friedrich dem Großen einverstanden, der bei einem ähnlichen Gesuch äußerte: „ein schlechtes Pferd ist dasjenige, welches an einer mit Hafer gefüllten Krippe steht und nicht frißt!“ Wir wollen dem Leser die oben angeführten Bemerkungen des jungen Spaniers ins Gedächtniß zurückrufen, denn von den veruntreuten 11–12 Millionen Francs bleibt doch ohne Zweifel ein großer Theil an den Händen der Douaniers kleben.

Wie sollte der Gouverneur und wie durfte er handeln, wenn er nicht die ganze Maschine ins Stocken bringen wollte? Den Moyer zur Verantwortung ziehen, hieß nichts anderes als das ganze Personal des Packhofs in Anklage-Zustand versetzen, und was dann? Wo Leute hernehmen zum Betrieb des Packhofs-Geschäfts. Ich zweifle nicht, daß der Gouverneur, dem die ganze Regierung in Cuba obliegt, dem von Madrid aus die strengsten Instructionen zur Abschaffung von Mißbräuchen ertheilt worden sind, nach Lesung jenes Berichts den Nutzen für die Regierung daraus gezogen hat und gewiß sehr bald etwas thun wird. Dies darf ich wohl aus seinem Benehmen folgern. Nachdem er nämlich einen schriftlichen Aufsatz über Vereinfachung und Verbesserung der Douanen von mir verlangt und ich seinen Wunsch erfüllt hatte, fand dieser Aufsatz in seinem Hute Platz, wohin, wie mir gesagt wurde, alle schriftlichen Eingaben kommen, welche seine besondere Aufmerksamkeit rege machen.

Eilf bis zwölf Millionen, sagte der junge Spanier, werden jährlich veruntreut. Sehr viel! Unglaublich! dürfte mancher Leser denken. Wogegen ich behaupte: nicht viel! wenn man hiermit die Diebereien vergleicht, welche sich die dortigen Commissionaire gegen ihre europäischen Handelsverbündeten erlauben. Zur nähern Beleuchtungdieser Behauptung will ich die Mantelstoffe zum Thema nehmen und klar beweisen, wie viel die beiden Commissionaire Moyer und Dakin dabei geschluckt haben.

obgleich die Commissionaire gemäß der Bescheinigung des Ober-Tribunals gar nichts bezahlt hatten, und somit floß diese ganze Summe in die Tasche der Commissionaire. Dies beweist mithin meine frühere Behauptung, daß man mit Zurechnung der Spesen von Europa bei Sendungen nach Westindien stets auf 50 Procent Unkosten gefaßt sein muß.

Jetzt bleibt mir noch zu beweisen übrig, wie hoch sich die von Moyer in Rechnung gestellten Zölle belaufen und wie viel er nach der Bescheinigung des Tribunals davon für sich erbeutet hat.

Es ist jetzt noch meine Schuldigkeit, zu beweisen, daß es nicht allein in Havana, nein! daß es, wie ich behauptet habe, in ganz Westindien in dieser Hinsicht nicht besser ist. Zu diesem Endzweck und zur Einsicht für jeden nach der neuen Welt Handelslustigen will ich eine Verkaufs-Rechnung über 450 Stück Kattun nach Mexico über Vera-Cruz im Belauf von 4500 Piaster des wirklichen Verkauf-Preises liefern. Sie ist wie folgt:

¾ Vara breite Kattune.

Nach diesen klaren Aufstellungen werden es die geehrten Leser natürlich finden, daß mein Haß gegen die hiesigen Commissionaire einen guten Grund hatte und nach dieser Erfahrung noch stärker wurde, so daß ich ihnen ohne Rückhalt sagte: „ihr seid Diebe!“ Hierüber wurde ich von Mehreren zur Rede gestellt, besonders aber von einem in Bordeaux geborenen Deutschen, dem Compagnon eines angesehenen Spaniers und einem Schottländer N.. Der Erstere meinte, der Europäische Kaufmann könne nichts dagegen haben, wenn sich die hiesigen beim Zollamte Vortheile zu verschaffen wissen und Jener sei nicht berechtigt, Ansprüche auf einen Theil der ersparten Summe zu machen, weil das hiesige Haus das Risico des Verlustes habe und den Werth der Waaren nöthigenfalls dem Europäer ersetzen müßte. Meine Erwiederung war, daß der Europäer unter den jetzigen Umständen, d. h. wenn Alles glücklich geht, nie mehr als die Hälfte vom Werth seiner Güter zurückerhält, daß er aber, wenn die Waaren fortgenommen würden, ganz gewiß gar nichts erhalten würde.

Der Schottländer N.. meinte, daß ich diese Behauptung in Hinsicht der Deutschen, aber nicht der Engländer hätte aufstellen sollen, weil die Deutschen ohne Ausnahme mehr Neigung für das Metier der Schmuggelei hätten, als irgend eine andere Nation. Er drohte, auf meinen Reisepaß Beschlag zu legen, versicherte mir, daß ich in den ersten 12 Jahren nicht von der Insel fortkommen würde, er habe bereits die Unterschriften mehrerer Kaufleute gesammelt, um ein Gesuch zu diesem Endzweck einzureichen. Ich nannte ihm Mehrere, an die er sich hauptsächlich mit gutem Erfolge wenden könnte und blieb ganz ruhig dabei, da der Gouverneur meine Meinung theilte und auf meiner Seite war. Sehr bald erhielt ich denn auch meinen preußischen Cabinets-Paß aus den Händen des Gouverneurs, von ihm selbst visirt und gratis (er kostet sonst 6–8 Piaster). — Meine Bekanntschaft mit dem Gouverneur war bald stadtkundig geworden; die Deutschen zogen jetzt andere Saiten auf und fingen an, mich mit mehr Artigkeit zu behandeln, woran mir eigentlich wenig gelegen war.

Früher aber hatten sich die Commis in der Restauration belle Europe zurückgezogen, wobei der Wirth natürlich sehr viel verlor, denn alle seine theuren Sächelchen, als da war: saurer Moselwein, welcher von den deutschen Commis als Schloß-Johannisberger getrunken und bezahlt wurde, seine von Frankreich eingegangenen Forellen und grünen Erbsen, welche letztere in Havana nur aufgewärmt wurden und wovon die kleinste Portion, so wie auch von den Forellen 1½ bis 2 Piaster kostete: alle diese schönen Dinge sahen jetzt nach dem Ausbleiben der Deutschen ihrem Untergang entgegen. Mit diesen Erbsen wird nicht selten Jemand angeführt, was auch mir passirte, — ein Vorfall, den ich des Scherzes halber erzählen will.

Als ich nämlich eines Tages in der genannten Restauration zum Mittagsessen kam, fand ich keinen Platzund war schon im Begriff, fortzugehen, als mich ein Commis einer meiner Commissionaire zum Bleiben aufforderte; sie rückten zusammen und ich setzte mich. Er beorderte eben grüne Erbsen als Gemüse für sich und fragte mich, ob er auch für mich dieses vortreffliche Gericht bestellen solle. Ich ersuchte ihn darum, in der Meinung, daß es eingeborene Havaneser wären, da die gewöhnlichen Gemüse hier stets auf den Märkten angetroffen werden. Wie erstaunte ich, als mir die Rechnung gereicht wurde und ich diese in Frankreich vor vielleicht vier Jahren zubereiteten Erbsen mit 1½ Piaster aufgeführt fand. Anfänglich glaubte ich, daß die jungen Leute, die sich, wie alle Deutsche, wegen meiner eingezogenen ökonomischen Lebensweise moquirten, den Aufwärter zu einem Scherz bewogen hätten. „Nein, nein!“ fiel einer der Leckermäuler ein, als ich dies äußerte, „kein Scherz! diese in Frankreich zubereitete Délices kostet so viel, und wir finden es so billig, daß wir sie jeden Abend als Souper genießen“ — wobei er einen langen Sermon über die chemische Processe beim Einkochen u. s. w. anknüpfte. Ich erwiederte ihm kurz, daß Commis, deren Herren 25,000 Cigarren für 2000 Thlr. an Zahlungsstatt geben, freilich 1½ Piaster für drei Löffel voll grüner Erbsen auszugeben im Stande seien, ein ehrlichdenkender Deutscher aber könne dies nicht. Er erwiederte, diese Behauptung sollte ich auf der Gerichtsstube verantworten; ich aber bezahlte 1½ Piaster für ein aufgewärmtes Gemüse, welches ich frisch für ein Real hätte genießen können und ging weg.

Auf solche Weise werfen die Deutschen mit dem Gelde um sich, was wir europäische Deutsche verlieren, weshalb man mit Recht sagen kann: hier ist des Deutschen Feind der Deutsche. Sie sind in keiner Hinsicht mit andern Nationen, am wenigsten aber mit den dortigen Franzosen zu vergleichen, welche ihre Landsleute ohne Ausnahme mit Herzlichkeit empfangen, bei jeder Gelegenheitihnen thätig zur Hand gehen und die bedrängten unterstützen. Man hat Beispiele, daß Franzosen, welche sich auf Waarenspekulationen nach Westindien eingelassen hatten und dadurch fast ruinirt wurden, sich durch Hülfe ihrer dort etablirten Landsleute wieder erholten, indem diese Artikel von ihnen kauften, wobei sie bedeutend verloren, um jene aus der Noth zu befreien, oder um ihnen zur Rückkehr nach dem Vaterlande behülflich zu sein. In Legionen sieht man die Franzosen in Westindien herumziehen, die Alle in der Absicht hinkommen, ihr Glück zu machen. Niemand will dort weniger als 40,000 Piaster ärndten.

Welch ein Contrast bildet dies Benehmen mit dem der Deutschen daselbst; da ist nichts von Herzlichkeit und Patriotismus zu finden; Geld! ist das Losungswort und die Parole bei ihren Manövern und bei allem ihrem Thun und Treiben. Deshalb werden denn auch alle Artikel, in welchen die deutschen Fabrikanten Meister sind, den dort umherschwärmenden englischen Reisenden zum Copiren gegeben. „Mischen Sie die Waare mit Baumwolle,“ sprechen sie, „machen Sie dieselbe schmäler, auch allenfalls von kürzerem Maaße, nur copiren Sie treu die Appretur und das Zeichen; für das Uebrige werden wir sorgen.“ Der Reisende kennt seine Pappenheimer; er weiß, daß die Commissionaire in Havana weniger Kenntnisse im Waarenfache besitzen, als die Leipziger oder Berliner Dienstmädchen, und versichert ihnen daher, wenn sein Prinzipal die bestellte Quantität doppelt schickt, diese Parthie sei das Non plus Ultra! „Sehen Sie,“ sagt er, „Alles dieses hier, was Sie in dem Zeuge sehen, ist von leinenem Garn gemacht“ und der Commissionair — was kann er auch bei seiner Unwissenheit anders thun? — schenkt ihm Glauben. Das Höchste, was er noch thut, ist, daß er seine Legion bepantoffelter Commis und cigarrenrauchender Portiers, Neger und Trabanten herbeiruft, damitsie sich von der Vortrefflichkeit der englischen Copieen überzeugen und den herrlichen Einfall ihres Herrn und Meisters bewundern. Indeß, was ist der Erfolg? Die Havaneser kaufen diese Creasse, Platillien etc., die aus einem durch Maschinen zerstampften Flachse, mit Baumwolle vermischt, verfertigt sind, natürlicher Weise zu einem viel geringern Preise, als die deutschen Waaren derselben Art verkauft werden können, und die letztern bleiben liegen. Erst im Gebrauch bemerkt der Käufer, daß er hintergangen worden ist, indem die gepriesenen wohlfeilen englischen Stoffe über alles Erwarten rasch zerrissen sind. Unterdeß haben die Commissionaire ihren Endzweck erreicht: sie haben eine doppelte Quantität Waaren in Commission erhalten, sie verdienen die doppelte Summe von Provision und können demzufolge doppelte Portionen von den in Frankreich präparirten grünen Erbsen und von den theuern Forellen u. s. w. essen.

Einst hatte ich Gelegenheit, einem Commissionair, und zwar einem sehr erprobten, zu widerlegen, da er sich wegen der Nachlässigkeit der deutschen Fabrikanten beschwerte, welche, wie er meinte, nicht mit der Zeit fortgingen und von Engländern sich vordrängen ließen; ich bewies ihm, daß alle deutschen Leinen den englischen vorzuziehen seien, weil der von der Natur im Flachs erzeugte Faden nicht zerstampft, sondern unversehrt in den Stoff eingewebt wird u. s. w.

Wenn ich den geneigten Leser mit der weitläuftigen Erzählung meiner eigenen Angelegenheiten so lange hingehalten und vielleicht ermüdet habe, so bitte ich um Verzeihung und glaube, einige Ansprüche auf dieselbe zu haben. Da Behauptungen Beweise erfordern und diese nur dann als triftig gelten können, wenn sie sich auf bestimmte Erfahrungen stützen, so mußte ich diese ausführlich mittheilen. Es wird mich nicht gereuen, dieselben auf meine Unkosten theuer erworben und bezahlt zu haben,wenn die Saat, die ich hier zum Nutzen des europäischen Handels ausstreue, auch wirklich aufgeht und Früchte trägt. Zum Beschluß will ich, ehe ich zu Gegenständen anderer Art übergehe, Einiges über Meta-Geschäfte von dort auf Europa anführen, ein Gegenstand, der besondere Berücksichtigung verdient.

Meta-Geschäfte nenne ich solche, bei welchen gewöhnlich drei Unternehmer interessirt sind, nämlich: ein Schiffseigenthümer, ein hamburger, bremer etc. Kaufmann, und endlich ein havanesischer Commissionair. Diese contrahirenden Personen verbinden sich mit der Ueberzeugung, daß Einer über den Andern so viel Vortheile als möglich erringen wird. Der Schiffseigenthümer liegt in Havana und kann für sein Schiff nur Fracht à 2 L. Sterl. pro Tonne finden, und doch möchte er 3 L. Sterl. 10 Sh. bis 3 L. Sterl. 15 Sh. bedingen. Wie wäre es, spricht er jetzt, wenn ich mein Schiff mit Caffee oder Zucker für den letztern Frachtpreis belüde? Ein Commissionair findet sich hierzu bereit, wenn der Rheder den dritten Theil der Ladung für seine Rechnung auf Gewinn oder Verlust übernehmen will, was dieser annimmt. — Der Commissionair schafft die Quantität zum Beladen an und findet vielleicht unterdessen Einige, die zu dieser enorm hohen Fracht beiladen, wodurch denn natürlich schon ein Gewinn für die drei Interessenten entsteht. Für den Commissionair, der unter der Firma Spanische Regierung Europäer et Comp. dieses Geschäft entrirt, muß unbedingt ein gewisser Gewinn bei solchen Geschäften erzeugt werden, denn er hat Provision für den Einkauf, den Rabatt, welchen die mit Maulthieren zum Anfahren der Güter beschäftigten Fuhrleute ihm erlauben (indem er nämlich das Fuhrlohn ganz in Rechnung stellt); er hat ferner die Sporteln, welche er sich beim Ausgangs-Zoll zu verschaffen weiß, so wie auch die Provision und anderen Sporteln auf die Waaren, die er für die europäischen verkauften Waaren,welche durch den Antheil dieser Ladung bezahlt werden, sich zu machen verstand, und endlich die Provision auf die Waaren, welche nach dem Verkauf des Zuckers an Zahlungsstatt nach Havana befördert werden. Der Europäer hingegen entschädigt sich durch Provisionen für die eingegangenen Colonial- und ausgehenden Manufactur-Waaren. Somit muß sich Einer auf Unkosten des Andern zufriedenstellen. Gern möchte ich einmal die Abrechnung von einem solchen Geschäft sehen, um die Erfahrung zu machen, wie viel den deutschen Fabrikanten von ihrem Capital, welches sie den Bremern oder Hamburgern in Waaren gegen Vorschuß zum Versenden nach Havana übergeben haben, übrig bleibt!

Manche sind der irrigen Meinung, Waaren von Westindien seien Retouren, und deshalb müsse man daran verlieren. Wenn es jeder Europäer dem westindischen Commissionair zur Pflicht machte, keine anderen Retouren als Wechsel auf London oder Paris zu überschicken, so würden keine Colonial-Waaren zu einem so niedrigen Preise herabsinken, als man täglich erfährt. Tauschhandel findet in ganz Westindien nicht statt; es können demzufolge keine anderen Retouren als baares Geld existiren. Colonial-Waaren müssen stets für baares Geld eingekauft werden und selbst, wenn sie Jemand mit Salomonischer Weisheit einkaufte, so müßte er, glaube ich, daran verlieren: ich habe in diesem Punkte eine Erfahrung an einer Parthie Caffee gemacht, auf welche ich in Havana verdienen konnte, in Europa hingegen verlieren soll.

Die Nordamerikaner sind, meiner Ueberzeugung nach, die einzigen, welche Geschäfte von Westindien nach ihren Staaten mit Nutzen betreiben können, weil beide so nahe Nachbarn sind und jene häufig ihre Einkäufe mit einem hübschen Gewinn realisirt haben, während ähnliche, zu derselben Zeit auf Europa unternommene Spekulationennoch erst am Anfange stehen und die Schiffs-Capitaine dorthin noch kaum zur Hälfte mit dem Einladen fertig sind.

Sieht man hierselbst die Anzahl von Geschäftsleuten, insbesondere von Einkäufern aus den V. S., die tagtäglich in Massen ankommen, so muß es jedem Unbefangenen bald klar werden, daß die Preise von allen hiesigen Erzeugnissen sehr hoch sein müssen, und auf Europa nicht Rechnung geben können. Der amerikanische Einkäufer bedient sich wohlweislich der amerikanischen oder spanischen Commissionaire, mit denen er jedoch vor dem Abschluß hinsichtlich der Provision eine Uebereinkunft trifft und sehr selten mehr als 1¼ Procent accordirt. Fragt man den Deutschen, warum er nicht auch so billig arbeite, so erhält man zur Antwort: „weil wir nicht, den Creolen gleich, Hülsenfrüchte essen und Catalonische Weine trinken wollen.“ Der Verkehr mit den V. S. ist in Havana so bedeutend, daß jede Woche aus jedem Hafen derselben ein bis zwei, ein- und eben so viele von Havana auslaufen.

Für Havana allein brachten diese Schiffe im abgewichenen Jahre 125–130,000 Fässer Mehl, d. h. so viele erlegten den Zoll; man kann eine bedeutende Anzahl geschmuggelter hinzunehmen; die Einfuhr auf Matanzes und St. Jago ist mir unbekannt. Dessenungeachtet fehlte es einmal während meiner Anwesenheit in Havana wegen der widrigen Winde, welche die Schiffe am Einlaufen verhinderten, dermaßen an Mehl, daß keiner von den Bäckern mehrere Tage hindurch Brod zum Verkauf hatte und man zu den Schiffs-Zwiebacken seine Zuflucht nehmen mußte. Ein Schiff, welches in dieser bedrängten Zeit einlief, machte einen Preis von 32 Piaster pro Faß, der sich jedoch nur einige Tage behauptete, denn unmittelbar darauf kam so vieles Mehl an, daß die Preise in wenigen Tagen von 32 Piaster auf 18 herabsanken. Rindfleisch wird aufCuba nur von Montevideo, in Friedenszeiten aber auch von Buenos-Ayres eingeführt; es langen etwa 100 Ladungen an. Es wird dort gesalzen und in der Sonne getrocknet, riecht nicht angenehm und ist nicht allein für den Neger bestimmt, sondern auch für den Ausländer; ist mir selbst doch sehr oft in den Restaurationen ein daraus zubereitetes Steak gereicht worden, allein mir kam es stets ungenießbar vor.

Bei dieser Gelegenheit will ich dem geneigten Leser zur Uebersicht eine kleine Tabelle von den wichtigsten, aus den V. S. in Havana eingeführten Lebensmitteln vorlegen; merkwürdig ist hierbei die Quantität flüssiger Fettwaaren.

Diese Quantitäten sind es, die den gesetzlichen Zoll erlegt haben; außerdem kommt noch in Betracht die Quantität Butter, welche Capitaine für ihre eigene Rechnung mitbringen, womit sie den Zoll zu umgehen wissen, so wie auch die Quantität Rindsfett von den auf Cuba geschlachteten Thieren, welche den Fettwaaren angereiht zu werden verdienen.

Geht schon aus diesem kleinen Verzeichniß die Wichtigkeit Cubas für die V. S. hervor, so stellt sich dieselbe doch noch mehr heraus, wenn man auch folgende Artikel hinzurechnet, die auf Cuba, wegen Mangel an Menschen nicht verfertigt werden, nämlich: das Holz, aus welchem die 750,000 Kisten zum Verpacken des auf Cuba erzeugten Zuckers gemacht werden, wofür der Producent dieses Artikels 3½ Piaster für jede vom Käufer wieder erhält; ferner die Masse Schweinefleisch, Lichter, Aepfel-Champagner,Knoblauch und Zwiebeln, von welchen ganze Ladungen anlangen; Stühle, Bänke, Tische, kurz Alles, was in den Häusern nöthig ist. Für alles dieses fließen den Amerikanern von Cuba ungeheure Summen zu, welche jedoch sehr oft nicht zureichen, den Belauf der von den Amerikanern aus Cuba bezogenen Artikel, als: Tabacke, Cigarren, Caffee, Melasse, Branntweine, Zucker, Früchte etc. zu decken. Es giebt sehr oft in Havana so viele Wechsel auf alle Handelsplätze in den V. S., daß den Käufern oder Abnehmern freiwillig eine Prämie von 3, zuweilen gar 4½ Procent angeboten wird. Bei diesen Umständen und bei solchen Gelegenheiten könnten die deutschen Commissionaire freilich sehr zum Nutzen ihrer Freunde in Europa agiren, wenn sie nämlich statt Colonial-Waaren Wechsel auf New-York für dieselben kaufen wollten und von dort auf London Wechsel anschaffen ließen. Allein dies geschieht nie; jeder deutsche Commissionair, welchem Credit in London zu Gebote steht, schickt seinem europäischen Freunde seine von ihm selbst auf London gezogenen Wechsel als Rimessen und berechnet die in Havana statt findende Prämie, welche gewöhnlich mehrere Procente höher, wie die in New-York ist. Es ist demnach mit Gewißheit anzunehmen, daß der deutsche Commissionair in Havana neben den 2½ Procent, welche er für die Anschaffung von Rimessen dem Europäer in Rechnung stellt, durch jene Operation noch 3–4 Procent verdient.


Back to IndexNext