Vierte Abtheilung.Ueber dasTreiben im englischen und amerikanischen Handel.
Auf diese Weise hatte ich nun in New-York keine andere Geschäfte, als mich mit den New-Yorkern zu amüsiren. Wohin also zuerst? fragte ich mich selbst. Nach Wall-Street, war die Antwort. Diese Straße war ganz mit großen Granit-Blöcken und Marmor-Säulen angefüllt, so daß man dieselbe kaum mit Bequemlichkeit passiren konnte. Auf meine Frage, was mit den vielen Steinen von so ungeheuerm Umfange gemacht werden solle, hörte ich, daß sie zu Bank-Gebäuden bestimmt wären. Es dürfte vielleicht einige Leser geben, die hierbei die Frage aufwerfen, warum die Herren Rothschild in London, Hope in Amsterdam, Heyne in Hamburg, Bethmann in Frankfurt a. M., Schickler in Berlin u. A. in kleinen unansehnlichen Zimmern ihre sehr bedeutenden Geschäfte betreiben, und warum diese nicht wie die New-Yorker, auf Marmor- und Granitsäulen ruhende Bankenerrichten. Die Frage ist nicht schwer zu beantworten: Die New-Yorker bedürfen zur Ausführung der Bauten nichts, was wie Geld aussieht, während jene Banquiers nicht ohne Geld würden bauen können.
An demselben Tage wurde das Dampfschiff Great-Western von London erwartet. Alle warteten mit der größten Ungeduld auf die Ankunft dieses Schiffes, oder vielmehr auf die Nachrichten, die es mitbringen sollte, denn man hoffte durch Hülfe der Engländer sich bald vom Uebel erlöst zu sehen. Von England also Hülfe! dachte ich. Hülfe von einem Volk, welches sich selbst nicht zu helfen weiß. England ist in seinen Finanzen stets überschätzt (overrated) worden. Wehe! und abermals wehe! einem Jeden, welcher überschätzt wird, mag es eine Regierung oder ein Privatmann sein. Die natürlichsten unmittelbarsten Folgen solcher Ueberschätzungen sind Uebervortheilungen. Der Verfasser gehört zu den Wenigen, welche gegen die Englands Reichthum gesungenen und gesprochenen Loblieder stets protestirt haben, obgleich er demselben in technischer Hinsicht alle Gerechtigkeit widerfahren ließ; er ist oft scharf darüber getadelt worden, worum er sich aber wenig kümmerte. Schon im Jahre 1830, als die Reformbill John Russell’s im Hause der Gemeinen durchging und GrafGreyPremier-Minister ward, sprach der Verfasser in einem mit dem Buchstaben R. unterzeichneten, im Leeds Intelligencer eingerückten Aufsatz: „the corn-laws, as the present policy of the country“ („die Korngesetze, die gegenwärtige Politik des Landes“) sich dahin aus, daß England den frühern Gedanken, für alle Bewohner des Erdballs zu fabriziren schwinden lassen, und einen großen Theil der Fabrik-Arbeiter zur Erzeugung des ersten und nothwendigsten Bedürfnisses, Getraide, verwenden müsse, wenn es fortbestehen wolle. Der Verfasser rieth in jenem Aufsatze zur Anlegung vieler Eisenbahnen, damit so viele Ländereien, welche zum Anbaudes Pferdefutters jetzt dienen, zur Erzeugung von Lebensmitteln für die Bevölkerung angewendet werden könnten. Der Verfasser führt die Hauptpunkte seines damaligen Aufsatzes zum Beweis der Behauptung an, daß er Englands Lage schon vor 10 Jahren richtig beurtheilt hat, wobei er jedoch hier nur das Wichtigste hervorheben kann. Auch behauptete er, daß der von Preußen für die deutschen Fabrikanten angeordnete Schutzzoll nie eine Abänderung zu Gunsten der englischen Fabriken erfahren werde, und sollten diese, durch Anschaffung wohlfeileren Brodes, wohlfeiler als die deutschen Fabrikanten produziren, so werde, seines Erachtens, der Schutzzoll um eben so viel von Seiten Preußens erhöht werden. Wer würde wohl gern 3 L. St. hingeben, um 1 L. St. dafür wieder zu erhalten? Deshalb wird sich Preußen stets gegen die Einfuhr von englischen Fabrikwaaren sträuben, indem England, bei einem Getraide-Mangel sich doch unbedingt nach Deutschland wenden muß.
Englands Getraide-Noth (wie diese im vorigen Jahre sich zeigte), ist lediglich der Vernachlässigung des Ackerbaues zuzuschreiben; es giebt zu viel unkultivirtes Land in den vereinigten drei Königreichen. Hätte die Regierung die Taxen vom kultivirten Lande vermindert und das unkultivirte Land dagegen mit hohen Taxen belegt, so würde das Land, auch bei einer schlechten Aerndte, nie in Verlegenheit kommen. Der Mensch, welcher sein erworbenes Vermögen zu konserviren weiß, gehört zu den Künstlern ersten Ranges. Von allen englischen Fabrikanten gelangte keiner zur Meisterschaft in dieser Kunst; sie sind arm, weil ihr Vermögen in Fabrik-Gebäuden und Maschinen steckt; diese aber haben, da man jetzt dergleichen von der Seine bis zur Wolga in jedem Dörfchen antrifft und in Bewegung sieht, nur ein Drittel des ursprünglichen Werthes.
Der Verfasser ist seit Kurzem von mehreren seiner Bekannten, unter denen sich sogar ein Engländer befand, gefragt worden: „Wodurch wohl ist Englands Reichthum sobald gesunken?“ Die Meisten hielten in der That England stets für übermäßig reich, und dies hat, wenn man die Sache genauer betrachtet, folgende Gründe.
1.) Alle Mächte contrahiren enorme Anleihen bei dem Hause Rothschild in London. Nun glaubte man die Engländer sind es, die diese viele Millionen hergeben, allein sie sind größtentheils aus Rußland, Deutschland und Holland dem Hause R. überwiesen worden.
2.) Man erinnert sich der ungeheuern Summen, welche England in der Napoleonischen Zeit den verbündeten Mächten als Subsidien gezahlt hat und denkt: welches Volk in der Welt würde dies wohl leisten können? Wollten die guten Leute doch nur erwägen, daß diese Subsidien-Gelder nur ein sehr geringer Theil derjenigen Summen waren, welche von Preußen, Oestreich und Rußland für Fabrikwaaren stets nach England gingen. England konnte doch nicht immerfort nehmen wollen, weil ja sonst Nichts übrig geblieben wäre. Jene Länder besaßen zu jener Zeit gar keine Fabriken, erhielten vielmehr ihren ganzen Bedarf von England und welchen Preis bezahlten sie dafür! 14–16 Thlr. für ein einziges Stück von Baumwollen-Waaren, in welchem etwa fünf Pfund von der Prima-Materie verbraucht worden waren. Von dem durch solche Preise entstandenen enormen Gewinn zahlte England etwa1⁄10als Subsidien zurück, damit die guten Deutschen wie Wahnsinnige auf die französischen Kanonen losgehen möchten, um ja nicht an Fabrikation zu denken. Da trat nun Napoleon den Engländern mit seinem Continental-System in den Weg; er lenkte die Aufmerksamkeit der Deutschen auf Fabrikation. Man fing an einzusehen, daß dies Geschäft keine Zauberei sei, daß es nur der Geduld und Ausdauer mit Zuziehung guter Augenund tüchtiger Hände bedürfe. Hierdurch wurde das englische Fabrikwesen verwundet; da indeß diese Wunde anfangs den Engländern noch nicht fühlbar sein konnte, so bekümmerte sich Niemand von allen Fabrikanten darum; sie erweiterten ihre Geschäfte, statt dieselben vorsichtig einzuschränken. Jeder war durch den in den letzten Jahren gehabten Profit wonnetrunken und in der Ueberzeugung, bei einer um das Doppelte erweiterten Production den doppelten Gewinn zu erzeugen, wurde der ganze Gewinn der letzten Jahre und noch mehr zur Anschaffung größerer Gebäude und Maschinen verwendet.
Für die Bauherren, welche, wie überall so auch hier, bei ihren Anschlägen gewöhnlich irren, zeigten sich jetzt bald Verlegenheiten: es fehlte an Geld, indem der Bau weit mehr kostete, als veranschlagt war. Um diese Noth abzuhelfen, mußte Geld gemacht werden und wie geschah dieses? Es wurden Banking-Compagnieen, Joint-Stock-Banks u. s. w. auf Aktien errichtet. Jeder der Fabrik-Eigenthümer zeichnet auf eine Anzahl dieser Aktien, jede derselben zu 100 L. St., auf welche er jedoch nur 5 L. St. baar erlegt, obgleich er an dem Gewinne von 100 L. St. Theil hat; für die übrigen 95 L. St. verfertigen jene Surrogat-Banken ihre eigene Bank-Noten, jede Note zu 5 L. St. Um aber jedem Geldempfänger auf sein Verlangen mit Geld oder auch Noten von der Bank of England begegnen können, war eine Hülfe von Seiten dieser Bank wichtig, ja höchst nothwendig. Deshalb wurde also eine Convention zwischen den beiderseitigen Banken abgeschlossen, daß alle von jenen Banken gerirten Wechsel durch die Bank of England für das übliche Disconto von 3½ Procent pro anno discontirt und sowohl Geld, als Noten dafür erlegt werden sollten.
Der momentane Nutzen, der durch diese Maßregel für die englischen Fabrikanten entstand, war sehr groß und vielfältig; der Fabrikant konnte sich bei Erweiterungseiner Fabriken nie in Geldverlegenheit befinden. Er durfte sich auf Zeitverkäufe einlassen weil die Wechsel die ihm bei diesen Verkäufen von den Käufern an Zahlungsstatt wurden, sofort in den Banken, in welchen er als Aktionair interessirt war, discontirt wurden, wodurch Er eigentlich der Gewinnende ward, weil die Bank nur einen geringen Theil solcher Wechsel und zwar nur für 3½ Procent pro Anno bei der Bank von England discontirte, wogegen die Banken 5 Procent mehr und größtentheils mit ihren eigenen Bank-Noten, welche zinsenfrei waren, ausbezahlten. Hierdurch ward für den Fabrikanten als Aktionair eine Dividende von 12½–15 Procent jährlich erreicht.
Dies war Englands glänzendste Periode. Geschäfte wurden ins Unendliche gemacht, da es nie an Geld fehlen konnte. Der Verfasser kennt deutsche Häuser, die sich fünf dieser Banken bedienten. Genug! wer einen ganzen Rock auf dem Leibe trug und die Wechsel zu acceptiren verstand, der hatte bald ein Waarenlager. Es entstanden Commissions-Geschäfte, weil nichts mehr dazu gehörte, als ein Local (warehouse); alle fünf Schritte stieß man auf einen Commissionair. Zu den Commissionairen und Bank-Gesellschaften gesellten sich auch bald Dampfschifffahrts-Gesellschaften, aber wie es im menschlichen Leben oft geschieht, daß Menschen durch häufiges Besuchen großer Gesellschaften ihre physischen und moralischen Kräfte zerstören, so geschah es jetzt mit dem englischen Waarenhandel nach Deutschland durch jene Gesellschaften.
Die Fabrikation nämlich nahm ungeheuer zu und dies führte den Handel herbei, um welchen England so oft beneidet wird, aber eher bedauert zu werden verdient —den Welthandel. England war nun gezwungen, sich um Plätze zu bekümmern, woselbst die übermäßigen Produkte der Fabriken untergebracht werden könnten. Amerika und Indien schienen am geeignetsten hierfür zu sein; allein wie sollte in jenen Welttheilen, wo es noch mehr, wie in England, an Geld fehlt, ein der englischen Fabrikation angemessener Absatz erreicht werden, wodurch die Engländer einigermaßen auf baare Fonds sollten rechnen können? Das war eine schwere Frage, die jedoch bald gelöst wurde.
Es zeigten sich nämlich sehr bald in London drei Handlungshäuser (mit dem Anfangsbuchstaben W..) zur Hülfe bereit für alle englische Fabrikanten und amerikanische Handelslustige und Manufacturisten. Diese drei Häuser rüsteten für eine Provision von fünf Procent (keine Kleinigkeit!) einen Jeden mit Accreditiven an die Joint Stock-Banks und Banking, Compagnieen aus, damit diese, die von den Amerikanern auf jene Londoner Häuser gezogenen Wechsel, (welche die letztern zu honoriren versprachen,) auszahlen möchten. Der Absatz wurde natürlicher Weise höchst beträchtlich, allein dieser in England beförderte Absatz bewirkte keinen Absatz in Amerika, wenigstens war derselbe nicht zureichend für die angeschafften Vorräthe, und dieses um so weniger, weil die englischen Fabrikanten jetzt neuerdings zur Erweiterung ihrer Fabriken schritten. Die in England von den Amerikanern auf Zeit gekaufte Waaren mußten mithin wiederum so geschwind als möglich abgesetzt werden, allein für baares Geld abzusetzen, lag im Reiche der Unmöglichkeit. Was thun? die Verlegenheit wurde in Amerika eben so schnell, wie in England durch Einrichtung von Banken beseitigt; die Zeitverkäufe konnten jetzt statt finden und die Geldverlegenheiten der Importeurs waren hierdurch aufgehoben.
Dem Präsidenten General Jakson schien bei seiner Einsicht in die Bank-Geschäfte dies Treiben sehr gefährlich fürs Land; er sah klar, daß das Land mit englischen Manufactur-Waaren bald überschwemmt werden müßte,wenn diesem Uebel nicht gesteuert würde; er hemmte das Discontiren aller dergleichen Wechsel in den Banken, welche unter der Aufsicht seiner Regierung standen. Diese Maßregel erregte die Aufmerksamkeit der Bank of England, die Direktoren warfen die Blicke auf ihre Schubladen, in welchen die von den verschiedenen Banken discontirte Wechsel lagen und, o weh! darunter befanden sich so viele von den mit W. bezeichneten drei Häusern, daß die Nachwehen unausbleiblich schienen. Die Bank of England ergriff jetzt ernsthafte und ähnliche Maßregeln, wie die des amerikanischen Präsidenten und dreimal o Weh! Jene Häuser und eine sehr bedeutende Bank in Leeds, nämlich die Northern-central Bank wurde (um das Fallen der Actionaire zu verhindern) von der Bank of England gestützt und hörte von dieser Zeit an auf, Bank zu sein.
Um dem Leser ein anschauliches Bild von diesen englischen Bank-Geschäften zu geben, will ich das Beispiel von einem Tagelöhner in Leeds anführen, welches ich selbst erlebt habe. Der Verfasser wurde nämlich eines Tages von diesem Tagelöhner ersucht, ihn, da er sich als Kaufmann etabliren wolle, mit einem Vorschuß von 10 L. St. zur Anschaffung der erforderlichen Handels-Utensilien und einen kleinen Unterricht im Waarenfache zu unterstützen. Dieser Mann erhob sich sehr bald als Kaufmann, und stand auch eben so bald in der Londoner Gazette als Fallit mit einer sehr bedeutenden Summe von vielen 1000 L. St. Er hatte vermittelst Hülfe der Banken Theil am englischen Welthandel genommen und man fand unter den in der Northern-central Bank unbezahlt gebliebenen Wechseln auch mehrere der seinigen im Belaufe von einigen Tausend L. St. Er war Grund-Nichteigenthümer geworden, um Actionair des letztgenannten Bank-Instituts werden zu können. Dies ist ein sprechendes Bild des gepriesenen englischen Welthandels!
Englands Banken hatten auch einen bedeutenden Einfluß auf den deutschen Wollmarkt — ein Gegenstand der genau genommen zwar nicht hierher gehört, der jedoch zu interessant ist, um ihm nicht en passant einige Aufmerksamkeit zu schenken. Die Wollproduction in Deutschland, behaupte ich, mußte durch Englands viele Banken zunehmen, aber eine förmliche Umwälzung ist auch hierin unausbleiblich. Die Sache nämlich verhält sich also: Spekulationen jeder Art, wurden durch den Beistand jener Banken unternommen. Dieser Beistand bestand darin, daß die Spekulanten mit Accreditiven auf London versehen wurden, von dort mit solchen auf Hamburg und von da endlich mit denselben Mitteln auf Berlin, Breslau, Stettin u. s. w. als Woll-Einkäufer ausgerüstet wurden. Kein Wunder daher, daß es deren jetzt in Hülle und Fülle gab, und daß es auf allen Märkten davon wimmelte. Jeder derselben wollte, oder mußte kaufen; die Preise erreichten hierdurch eine enorme Höhe ohne eigentliche Ursache, d. h. ohne daß ein wirklicher Bedarf in dem Maße, wie Viele und besonders die Produzenten glaubten, vorhanden gewesen wäre. Die niederländischen Fabrikanten fürchteten, die besseren Sorten von den Engländern aufgekauft zu sehen, und griffen also rasch zu; was blieb denn da den Engländern anders übrig, als auch rasch zuzugreifen? Die Produzenten griffen nun auch zu — den vollen Champagnerflaschen; lachten sich dabei ins Fäustchen, ließen beim Champagner die Einkäufer hoch leben und versicherten diesen, (ungeachtet sie ihre Wollen wie Seide bezahlt bekamen) daß sie bald zu Grunde gehen müßten, wenn die Preise sich nicht höher stellen würden. Die englischen Einkäufer hatten mithin jetzt deutsche Wollen mit deutschem Gelde gekauft, und brauchten sich bei dem Verkauf in England nicht zu übereilen; hatten sie doch durch die verschiedenartige Trassirungen Zeit genugund außerdem auch in den Banken ein Schutzmittel gegen Verlegenheiten.
In Folge dieses großartigen Wollhandels in England bildete sich jetzt auch ein solcher in Deutschland. Leute ohne Kenntnisse und aus allen Klassen wurden Wollhändler, und das Resultat war, daß es zuletzt an diesem Product fehlte, ohne daß ein Bedarf in gleichem Maße dafür existirte — für die Produzenten ein steigender Vortheil.
Daß ein Mißtrauen gegen die englischen Banken eine große Veränderung im Woll-Geschäft herbeiführen müßte, war vorauszusehen. (Der Verfasser machte sogar einen unserer ersten Wollhändler bei einem Zusammentreffen in Hamburg hierauf aufmerksam.) Durch jenes Mißtrauen mußten die Accreditive auf London und somtit auch die Anzahl der Einkäufer abnehmen; man kauft jetzt nur noch rohes Material, wenn es für Fabriken gebraucht wird, und englische Spekulanten sind deshalb in Deutschland im verjüngten Maßstabe anzutreffen; sie schreiben indeß zur Beruhigung der deutschen Wollhändler:the money-market is bad(der Geldmarkt ist schlecht) besser übersetzt: auf allen Märkten ist kein Vertrauen zu kaufen. Bald wird es eintreten und wir werden wieder spekuliren können. Sollte indeß auch der Spekulations-Geist, (wie es von Vielen erwartet wird,) durch ein zurückkehrendes Vertrauen wieder Raum gewinnen, so dürften doch die Wollpreise nicht zu ihrer vormaligen Höhe zurückkehren, weil die Production, wie es scheint, bei Weitem die Consumtion übersteigt. Obgleich über die erstere keine zuverlässige statistische Uebersicht existirt, so glaubt der Verfasser dennoch, daß dieselbe in den gesammten Vereinigten Staaten, van Diemens Land, Australien und Europa auf drei Pfund für jeden Kopf anzuschlagen ist, welches Quantum zu groß wäre, um in Einem Jahre verbraucht zu werden. Wirft man einen Blick auf die nachgebliebenen Bestände des rohen Materials und aufdie Vorräthe der daraus verfertigten Stoffe mit der Berücksichtigung, daß die neuen Wollmärkte nicht fern mehr sind, so wird man eine Umwälzung in diesem Geschäft nicht für unwahrscheinlich halten. Dies, wie bemerkt en passant und nun zur Hauptsache zurück!
Durch jene Maßregeln der Bank of England mußte nun im Waarenverkaufe (denn Absatz kann man denselben nicht nennen, da noch Alles ungebraucht da lag) eine Stockung entstehen. Nichts desto weniger wurden in den, für den Welthandel eingerichteten Fabriken täglich Massen fertig — was auf die Preise so nachtheilig wirkte, daß sie in Kurzem eine Veränderung von 25–30 Procent erlitten; mit diesem Verlust hat der Verfasser selbst bedeutende Parthieen verkauft. Den englischen Fabrikanten kam diese Stockung unerwartet; sie waren nunmehr gezwungen, andere Märkte für ihre Erzeugnisse zu suchen, denn fort mußten sie, da mit jedem Tage neue fertig wurden. Wohin damit? Nach den westindischen Colonieen, nach Havana, nach St. Thomas, Vera-Cruz etc. In allen Fabrikstädten Englands wimmelte es damals von Reisenden der dortigen erprobten Commissionaire; diese sind bereit, den Fabrikanten die Hälfte des Werths auf die in Commission ihnen zuzuschickenden Waaren vorzuschießen, und beauftragen ihre Freunde in London, hierin, so lange es den Fabrikanten belieben sollte, gegen Empfang der Connecemente fortzufahren. Die Fabrikanten gingen darauf ein, weil sie sich von ihren Waaren befreien mußten; wie es den Einsendern bekommen sein kann, läßt sich nach meinem Handelsbericht aus Havana folgern.
Auf solche Weise erfreute sich England des sogenannten Welthandels — eines ruinirenden Handels, der durch die vielen Banken, die Krebsschäden der englischen Fabrikwelt, entstand. Daß unter diesen Umständen die Amerikanische Waarenhändler nicht auf Geld-Unterstützung von Seiten Englands rechnen dürfen, möchte aus dem Vorhergehenden so ziemlich einleuchten; noch deutlicher aber zeigt sich dies durch folgenden Umstand.
In Englands Interesse liegt es allerdings, den Amerikanischen Manufactur-Waaren-Handel nicht allein zu erhalten, nein! sogar auszudehnen, weil hierdurch Englands Grundeigenthum an Werth gewinnt, und durch letzteren wird überhaupt der Reichthum eines Landes bestimmt. Daß Englands Grundeigenthum hauptsächlich in seinen zum Theil unbeschäftigten Fabriken, und Maschinerieen besteht, hat sich in diesem letzten Jahre mehr als je gezeigt. Durch den Abfluß der coursirenden Münzen für die früher angeführten aus Deutschland, Rußland u. s. w. importirte Waaren, wozu noch, wegen der Mißärndte und des Getraidemangels in England das aus Deutschland einzuführende Getraide kam, hierdurch also wurde der fünfte Theil der englischen Baarschaft, (welche nach statistischen Berichten im Jahre 1824 sich auf etwa 24 Millionen L. St. belief,[H]) den vereinigten Königreichen entzogen. Da nun die englische Bank für ihre übermäßige Anzahl von Noten keine andere Hypothek als die coursirende Münze darbieten kann, so wurden hierdurch die Grundsäulen der englischen Bank dermaßen erschüttert, daß sie zu einer Anleihe in Frankreich ihre Zuflucht nehmen mußte.
England muß mithin durchaus den Wahn aufgeben, daß der Reichthum nur aus den Fabriken hervorwachse, sonst dürfte vielleicht noch die Zeit kommen, daß sich englische Fabrikanten zum Eintausch von Getraide mit ihren Erzeugnissen auf den deutschen Kornmärkten zeigen müssen.
Doch ich kehre von dieser Digression nach New-York, nach Wallstreet, dem Sitze der weisen Geschäfts-Welt Amerika’s, dem großen Congreß aller Bank-, Eisenbahn- und Canal-Gesellschaften zurück. Indem ich in meinem Reise- und Notizen-Buche, aus welchem vorliegende Schilderungen entstanden sind, blättere, finde ich eine Stelle aus der Johanna von Montfaucon: „Es muß blitzen, es wird blitzen, es blitzt“. Ich drückte hierdurch aufs kürzeste meine Ansicht von dem Zustande der Geschäftswelt aus, als ich nach meiner Ankunft aus Europa mich in Pearl-Ceder-street etc. um die Waarengeschäfte bekümmert hatte, gerade zu einer Zeit, wo die ganze Geschäftswelt in New-York wonnetrunken mit Aufträge-Ertheilungen nach Europa und mit dem Abfertigen von Agenten dorthin zum Einkauf für das Frühjahr beschäftigt war. „Es muß blitzen, bevor zwei Jahre verstreichen,“ sagte ich zu mehreren meiner Bekannten, und wenn Ihr in Euren Unternehmungen auf diese Weise fortfahrt, so habt Ihr jedes Jahr ein schweres Ungewitter zu bekämpfen.
Wovon ich in jener Zeit voraussagte, daß es kommen würde, das ist früher gekommen, als ich es erwartete. Philadelphia’s Banken sind nicht mehr, bald dürften die von Baltimore und andern Städten nachfolgen; aller Augen sind jetzt auf die von New-Orleans und New-York gerichtet. Jeder wünscht das Fortbestehen derselben, allein zu untersuchen wäre es doch, ob dasselbe in der Zukunft wohlthätig oder schädlich wirken wird und der Verfasser behält sich vor, später darauf zurückzukommen. Derselbe glaubt, daß die Einstellung der Baarzahlungen zu einer und derselben Zeit von allen amerikanischen Banken im Ganzen, eher vortheilhaft als nachtheilig für das dortige Waarengeschäft sein müßte. Freilich würden hierdurch momentan auch die Europäischen Fabriken leiden, allein sie würden sich nachher aus ihrem kranken Zustande erheben und geheilt werden. Kaufmännische Geschäfte können nicht durch Kunst erweitert werden, jedes solche Mittel wird unter hundert vorkommenden Fällen vielleichtEinmal glücken. Da das Uebel in den beiderseitigen Geschäften durch die vielen Banken, wie bereits gezeigt, verursacht worden ist, so wird die Heilung desselben nur durch Ausrotten mehrerer Banken möglich sein, wozu jedoch Zeit und vernünftige Maßregeln von Seiten der Regierung nöthig sind. Papiergeld muß als ein zur Bequemlichkeit dienliches Mittel, aber nicht als das für Geschäfte wahrhaft Fruchttragende angesehen werden; es kann nur in so fern wirksam für Handel und Gewerbe sein, als eine hypothekarische Sicherheit dafür vorhanden ist.
Schon vor meiner Abreise nach Havana, bei meinem ersten Aufenthalt in New-York, warnte ich manchen jungen Deutschen; sagte ich doch zu dem Einen und Andern: lassen Sie sich nicht tief in die hiesigen Geschäfte ein, wenn Ihnen Ihr oder Ihres Vaters Vermögen lieb ist. Man lachte wegen meiner Furcht, man versicherte mir, Amerika sei das Land, in welchem es nichts als gediegene unternehmende Kaufleute gebe, welche rascher 12 Colly’s Waaren kaufen, als der deutsche Kaufmann eben so viele Stücke. Alle jene jungen Kaufleute, die freilich noch nicht lange aus der Schule entlassen waren, träumten von Glück, in einem Lande mit einer Bevölkerung von 13 Millionen, mit schmutzigem Papiergelde, ohne irgend eine Sicherheit zu haben, d. h. sie glaubten hier reich werden zu können, während sie es für unmöglich hielten in ihrem Vaterlande mit einer mehr als doppelten und zugleich reichen Bevölkerung Brod zu erwerben. Allein diese Leutchen sangen jetzt ein anderes Lied, als ich von Havana zurückkehrte und Mancher fragte mich: „Wie haben Sie das vor Ihrer Abreise wissen können?“ Die Antwort war: weil die erste Ihrer Banken mir für ihre eigene Bank-Noten nicht 200 Piaster in Gold, wie ich es forderte, geben konnte.
Indeß, meine damals niedergeschriebenen Notizen sind jetzt in so fern überflüssig, als jetzt bereits das geschehenist, wovon ich damals erwartete, daß es kommen würde; es ist schneller geschehen, als ich es erwartete. Meine Warnungen, welche ich an die kaufmännische Welt richten wollte, sind jetzt überflüssig, da dieselbe durch die neuern Ereignisse selbst hinreichend gewarnt ist. Dies soll mich jedoch nicht hindern, Mehreres von diesen Notizen mitzutheilen, was bei der gegenwärtigen Lage zu wissen nicht unnütz sich beweisen wird. Zunächst Einiges über die Handelsbilanz der V. S., worüber die Meisten so sehr im Irrthum sind. Sie glauben, daß der Werth des Exports weit über dem des Imports steht, allein das verhält sich auf entgegengesetzte Weise; ich werde zum Beweise eine Tabelle von den Imports und Exports, so wie von den zur Consumtion versteuerten Gütern in den Jahren 1829 bis 1839 anfügen, woraus der Leser das für ihn Nützliche ziehen mag. Wenn selbst der Export den Import im Werthe bei Weitem überstiege, so würde dies keineswegs für die Solidität Bürgschaft gewähren, indem beide hierbei wirkende Theile in ganz verschiedenen Verhältnissen sich befinden; denn der Exporteur ist der Produzent, welcher für seine produzirte und jetzt exportirte Güter den Betrag in Comptanten empfängt, die er seiner Geldkiste in Sicherheit bringt, und nur vielleicht einen sehr geringen Theil davon für Waaren, die importirt werden, verwendet; wogegen der Importeur für den Belauf des Imports aus andern Mitteln Sorge zu tragen hat. Folgendes ist die Liste hierüber, die nach den Washingtoner Berichten (return) abgefaßt ist.
Da es aber auch nicht ohne Interesse sein kann, zu wissen, aus und nach welchen Ländern bestimmte Quanta importirt und exportirt worden sind, so hat der Verfasser die Tabelle Nro. 2. beigefügt, welche über die In- und Ausfuhr in den Jahren 1837 und 1838 Rechenschaft giebt.
Nro. 1.
entweder noch im Depot, oder sie sind aus den Depots zollfrei plombirt ausgegangen und verschifft worden. Jetzt entsteht die Frage, aus welcher Quelle die 1207 Millionen Piaster zur Baarzahlung für den Import geschöpft werden? Denn der Baumwolle-, Reis- und Tabacks-Produzent consumirt doch nur etwa den zehnten Theil der importirten Waaren und schließt die übrigen9⁄10, der erhaltenen Baarzahlung in seiner Kiste ein. Sind folglichdie Amerikaner jene Summe noch in diesem Augenblick den Europäern schuldig? Den größten Theil derselben allerdings! erwiedert hierauf der Verfasser; es ist ihnen jedoch Deckung dafür geworden; indem sie Eisenbahn-, Canal- und andere Actien erhielten. Die Amerikaner haben mithin für den Ertrag der Erzeugnisse ihres Bodens im Laufe aller 11 Jahre nichts als Luxus-Artikel erhalten, welche zum Theil consumirt worden sind, zum Theil aber auch noch bei den Jobbers in Pearl, Ceder- und Chatham-Street in ihren Gewölben als veraltet und Ladenhüter aufgestapelt liegen. Wollte man, wie ich bereits oben (P. 32.) bemerkt habe, das Arbeitslohn darauf in Abrechnung bringen, so würde sich dennoch ein bedeutender Verlust zeigen.
So steht’s mithin mit der überall gepriesenen Handels-Bilanz der V. S.! welchen Werth kann man auf Grund und Boden, selbst auf alle Gebäude in den V. S. mit Sicherheit legen, wenn jener hauptsächlich zur Erzeugung von Baumwolle; diese aber zum Verkauf der mit schwerem Arbeitslohn belasteten daraus verfertigten Stoffe verwendet wird? Wodurch, wenn das Jahr verstrichen ist, sich kein anderes Resultat ergiebt, als daß die englischen Fabrikanten durch den ergiebigen Boden Amerika’s und durch den eisernen Fleiß seiner Bewohner erhalten worden sind. Und womit wollen diese wohl zuletzt die Imports bezahlen, wenn denselben nicht Einhalt gethan wird? denn wenn die Preise der Baumwolle sinken, wie es den Anschein hat, was könnte dann wohl den Amerikanern anders zu thun übrig bleiben, (da schon jetzt bei den hohen Preisen der Belauf des Exports nicht mehr hinreicht zur Deckung des Imports,) als Wall-Street nebst allem Zubehör, wenn es möglich wäre, nach Europa zu befördern. Das wäre denn gar nicht so übel, für die Broakers in jener Straße, denn sie könnten mit den vielen für Manufactur-Waaren in London deponirten Aktiendaselbst ihr Wesen treiben, wie sie es in New-York zu treiben gewohnt sind.
Nro. 2.
Tabelle vom Betrage der in dem Jahre 1837 importirten und exportirten Waaren mit dem Verzeichnisse der verschiedenen Länder.
1837.
Tabelle vom Betrage der in dem Jahre 1838 importirten und exportirten Waaren mit dem Verzeichnisse der verschiedenen Länder.
1838.
Die Amerikaner müssen Baumwolle erzeugen, die Engländer müssen dieselbe spinnen; beide Nationen gehören und passen daher zu einander, aber dabei ist das Interesse beider zu beobachten. Betrachten wir die herrlichen Mittel, welche die Natur den Amerikanern zur Selbstständigkeit reichte; werfen wir einen Blick auf den vortrefflichen Boden, wodurch alle menschlichen Bedürfnisse direct oder indirect befriedigt werden können. Ein Land, geeignet zum Acker-, Wein- und Seiden-Bau; ein Land, welches alle zur Fabrikation erforderlichen Mittel im Ueberfluß hat, in dessen südlichen Provinzen Kaffee und Zucker etc. wächst, welches bei Nachsuchung in den Bergen edle Metalle liefern würde; ein Land, von dem man mit Recht sagen kann, daß darin Milch und Honig fleußt, ein solches Land ist unglücklich, weil es nicht mit der erforderlichen Umsicht administrirt wird. Wäre der edle große Washington zugleich mit dem Geiste eines Peters des Großen begabt gewesen: so wäre Amerika jetzt das erste und glücklichste Land auf dem Erdball; es würde sich vielleicht einer Anzahl von Ausländern, die wir Europäer nicht bedauern verloren zu haben, weniger erfreuen; allein es würde statt dieser solche besitzen, wie diejenigen waren, welche jener russische Monarch für sich zu gewinnen wußte, welche zum Heil der russischen Nation gewirkt haben.
Jedes Regenten erstes Bestreben muß auf Vertrauen gerichtet sein. Volk und Regent fühlen sich nur glücklich, wenn sie mit Vertrauen auf einander hinblicken, und gerade Vertrauen ist es, was der Regierung der V. S. abgeht und bei der jetzigen Regierungsweise auch nicht statt finden kann; denn die ungeheuern Revenüen werden vergeudet (eines gelinderen Ausdrucks kann man sich nicht bedienen). Man kann keinen andern Grund für dengroßen Geldaufwand angeben als den: die amerikanische Regierung will die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen; es soll gesagt werden: Nur die amerikanische Union besitzt, gleich den Römern die Mittel, das Unmögliche möglich zu machen, und zwar, weil sie Republik ist. Man werfe einen Blick auf die Revenüen der V. S., die wir nachstehender Tabelle übersichtlich dem Leser vorlegen, wobei wir die Einnahme für den Landverkauf, des besonderen Interesses wegen, abgesondert anführen:
Wozu nun, dürfte mancher Leser fragen, wurden diese drei hundert und sechs und funfzig Millionen Piaster verwendet? Das Verfahren hierbei ist folgendes: Beim Zusammentreten des Kongresses in Washington (welches, nebenbei gesagt, ziemlich überflüssig ist, indem jeder Staat seinen eigenen Präsidenten hat, welcher nach den Landesgesetzen den Staat regiert; auch ist es wohl wahrscheinlich, daß in dem Verlauf von einem Jahrzehend mehrere Staaten von der Union sich lossagen), also beim Zusammentreten des Kongresses befinden sich die oben angegebenen jährlichen Revenüen in Washington und die Hauptgeschäfte desselben bestehen jetzt darin, zu bestimmen, wozu sie verwendet werden sollen. Es wird nächstdem auf das Bedächtigste in Erwägung gezogen, welche Papiermühlen, bei einer etwa eintretenden Geldnoth, zur Abhülfe derselben gewählt werden sollen. Nach einer anhaltenden und langen Ueberlegung beschließt der Kongreß, den größeren Theil der Revenüen zum Bau von Eisenbahnen zu verwenden. Die Wege von New-Orleans nach New-York werden hierbei ausgeschlossen, um dem Mississippi nicht den schuldigen Tribut von Menschenleben zu entziehen. Am wichtigsten scheinen demselben die Wege, auf welchen zur Erbauung von Banken in New-York die erforderlichen Granitblöcke herbeigeschafft werden können. Höchst komisch! Banken und zu welchem Endzweck? Um den in denselben arbeitenden Commis einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen. Da viele unter den Lesern sein werden, welche die amerikanischen Banken für das halten, was sie sein sollen und für ganz ähnlich den europäischen Banken, so behält sich der Verf. vor, am Ende dieser Abtheilung hierauf zurückzukommen. — Nachdem nun dieser Beschluß, welcher die Herbeischaffung der Granitblöcke zum Gegenstand hat, glücklich zu Stande gekommen ist, schreitet man zu einem noch weit wichtiger scheinenden, nämlich ein Zollhaus zu bauen.[J]Es wird dekretirt, daß ein Klumpen Goldes nach Italien geschickt werden soll, um Marmor zu diesem Zwecke einkaufen zu lassen, welcher denn auch mit vielen Kosten in fertigen Säulen, Platten u. s. w. herbeigeschafft wird. Und welchen Ort hat man für dies Prachtgebäude gewählt? Eine Ecke von Wall-Street und eineranderen Straße, zu vergleichen mit der Ecke der Königs- und Spandauer-Straße in Berlin. Der Leser würde sich indeß sehr irren, wenn er dieses Zollgebäude als wirkliches Zollhaus ansähe. Keinesweges! Dieses herrliche Gebäude, welches etwa eine Viertel-Stunde Weges von den Bollwerken, dem Abladungs-Platze der Schiffe, entfernt liegt, soll blos zum angenehmen Aufenthalt der Officianten dienen, und die Collys sollen nach wie vor in die gemietheten public-stores kommen. Fragt man, warum nicht zugleich ein großer Packhof an der Wasserseite erbaut und mit jenem Prachtgebäude verbunden wird, so erhält man die Antwort: die Eigenthümer des Grundes von der Wasserseite seien zu theuer damit, als daß die Regierung darauf eingehen könnte. Ueber die Unbequemlichkeit, welche hieraus für die Güter-Empfänger entsteht, habe ich bereits oben gesprochen.
Der Kongreß zu Washington ist mithin in voller Arbeit, die Revenüen unterzubringen und vergißt hierbei die Hauptsache, nämlich für die Erhaltung des öffentlichen Kredits Sorge zu tragen; Eisenbahnen, Kanäle und Banken sind an der Tagesordnung. Sie halten es für überflüssig, an die Erhaltung des Kredits zu denken, weil sie keinen haben; sie begreifen nicht, wie die Revenüen besser zu placiren wären, als in Eisenbahnen und italiänische Waaren. — Warum, möchte der Verfasser diesen Kongreßmännern zurufen, warum verschleudert ihr euer Geld zu diesen nichtigen Dingen? verwendet eure Einkünfte zu nützlichen Zwecken, zu Prämien für einwandernde Fabrikanten, Bergwerker und Oekonomen; verschafft euern Banknoten hypothekarische Sicherheit, welche nur bei einer vernünftigen Administration gefunden werden kann. Laßt Euch, amerikanische Herren, Katherinens, der Kaiserin von Rußland Verfahren bei Einführung der ersten Banknoten (Bomaschkis) als Beispiel dienen; sie ließ zur Sicherheit der Inhaber solcher Papiere Fünf-Kopeken-Stücke aus Kupfer und Rubel von 2½ Pfund Gewicht ausprägen. Oder werft eure Blicke auf die Hamburger Bank. Bürget doch hier der Keller-Inhalt (die Baarschaft) für die Zahlfähigkeit; sieht man doch in Hamburg, obgleich die Geschäfte in dieser Stadt noch bedeutender, wie die in New-York sind, weder Geld, noch Banknoten; es genügt hier die Versicherung des Bank-Direktors, Paul habe an Peter dessen Forderung von seinen in den Kellern vorräthigen nobeln Metallen überwiesen. Laßt Euch Englands Bank hierbei zur Warnung dienen, welche in der letzten Zeit dadurch in Verlegenheit kam, daß sie nicht die hinlängliche Quantität Geld im Keller hatte, um den Banknoten damit entgegenkommen zu können.
Da indeß Niemand die Herren des Kongresses hierauf aufmerksam macht und sie selbst ihren Blick nicht so weit erheben, so geht Alles im alten Schlendrian fort; die Revenüen werden vergeudet, die Geldverlegenheiten währen fort und werden so lange fortwähren, bis von Seiten aller Banken zur Einstellung der Baarzahlungen geschritten wird. Eine homöopathische Kur muß mit der Banknoten-Krankheit vorgenommen werden: sie ist durch den Ueberfluß von Banknoten entstanden und muß durch einen noch größeren Ueberfluß geheilt werden. Alle Münzen müssen erst in den V. S. zu den höchsten Seltenheiten gehören, man muß für ein Fünf-Piaster-Stück fünf Stücke englischer Waaren kaufen können, wenn Amerika geheilt, d. h. wenn der übermäßigen Einfuhr jenes Artikels Schranken gesetzt und die Handels-Bilanz für den ausländischen erfahrenen Kaufmann beachtenswerth werden soll, denn die jetzige beweist, daß wenigstens innerhalb jeder 2 Jahre immer eine Handelskrisis eintreten muß, und befindet sie sich doch, wie die vorhergehende Tabelle zeigt, im krampfhaftesten Zustande. Lasse man doch die Jobbers und die Manufaktur-Waaren-Schwindlerihr Wesen treiben, nur benehme man ihnen die Mittel, wodurch sie das Land in noch größere Gefahr bringen. So wie man den unerfahrenen kleinen Kindern keine verwundende Instrumente in die Hand giebt, so müssen die am Waaren-Fieber Leidenden vor dem Besitz nobler Metalle bewahrt werden. Man lasse sie für ihre Banknoten, wenn sie nämlich welche haben, Amerikanische Erzeugnisse, wie Reis, Baumwolle, Taback, Pelzwaaren u. s. w. kaufen, nach Europa befördern und für den Ertrag Manufaktur-Waaren kommittiren, nur sorge man dafür, daß nicht noch mehr Metall aus den V. S. als Rimessen und zwar blos für Manufakturen wandert, indem die V. S. das Vierfache des von England für ihre Baumwolle erhaltenen Preises zurückbezahlen.
Die V. S. haben nicht solche Massen nobler Metalle, um das Arbeitslohn für ihre Baumwolle in England mit Gold aufzuwiegen, und dieses gerade ist’s, was den Hauptwerth der englischen Fabrikwaaren ausmacht. Man bemerke die Lebensweise der Arbeiter in den englischen Fabrikörtern, man sehe, wie sie 6, 8 und mehrere Stunden ununterbrochen in den Schenken zechen, und zwar von solchen Getränken zechen, wovon ⅞ des dafür bezahlten Geldwerthes zur Bezahlung der Zinsen der 850 Millionen L. St. National-Schuld verwendet wird; erwägt man diese Umstände, so wird man sehr bald zur Ueberzeugung kommen, daß die größere Hälfte jener Zinsen durch Hülfe der Manufaktur-Waaren-Arbeiter herbei geschafft wird.
Rußland scheint anders zu denken, als die V. S., und das Fabriziren zu Hause vor Allem als nöthig erachtet zu haben; deshalb die vielen Fabriken, welche unbedingt zur Erhaltung der Gold- und Silber-Erträge aus den Bergwerken am Caucasus, Nertschinsky und Ecatherinenburg erforderlich sind; denn daß die letzteren nicht zugelangt haben würden, um das Lohn für die Arbeiten anin Rußland einzuführenden Waaren zu bezahlen, leidet keinen Zweifel. Nicht minder wohl als Rußland befindet sich Deutschland beim Kontinental-System (Zollverband genannt), welches Preußen, wie oben (p. 17.) bemerkt, ohne gleich Napoleons Kanonen anzuwenden, mit Dinte, Feder und Papier, zur Freude Deutschlands, in kürzerer Zeit als möglich schien, zu Stande gebracht hat. Durch diese Maßregeln haben das Russische und Preußische Gouvernement ihr Gold und Silber dem Lande erhalten und für die coursirenden Papiergelder ein allgemeines Zutrauen herbeigeführt. Man richte in dieser Hinsicht nur einen Blick auf Preußen! Sind doch seine Kassen-Anweisungen im Lande selbst nicht anders als mit einem Agio zu haben; während dem der Werth des Goldes mit jedem Jahre in Deutschland sinkt, werden seine Kassen-Anweisungen in jedem Lande für den vollen Werth genommen.
Wenn die Regierung der V. S. diese letzten Thatsachen aufmerksam beachten und die Frage an sich selbst richten wollte, warum man in unserer Zeit auf das Papiergeld eines so herrlichen Landes wie Amerika weniger Werth setzt, als vor 300 Jahren auf die Pelzflicke des Czaars Wassiliewwitsch: so würde jene Regierung diese Frage sich eben so beantworten müssen, als jeder Leser nach dem Vorhergehenden sie mit dem Verfasser beantwortet: daß man nämlich zu einer Regierung, welche, ohne die Ausgaben für Militair-Macht und Civilliste, sich einer jährlichen Revenüe von 60–80, ja 100 Millionen Piaster erfreut und dabei in steter Geldverlegenheit ist, kein Vertrauen haben kann.
Für beide Reiche, Amerika und England, wäre in dieser Hinsicht die Anwendung der homöopathischen Heilmethode zu empfehlen. Das erstere Land müßte sich zum Fabrik-Staat erheben, das letztere um mehrere Grade in der Fabrikations-Skala heruntergehen. Fürjenes würde alsdann eine neue Sonne aufgehen und die Strahlen derselben dem letzteren minder hell leuchten, aber dennoch fruchtbarer sich für dasselbe erweisen, und was läge den Engländern hieran? da sie ja ohnehin wegen der vielen Nebel sich an ein wenig Dunkelheit gewöhnt haben.
So unausbleiblich es mir scheint, daß Amerika einst als mächtiger Fabrik-Staat in der Welt glänzt, eben so wahrscheinlich ist es, daß die Zinsenbezahlung von Seiten Englands für seine National-Schuld von 850 Millionen Pfund in einigen Jahren eingestellt wird, da diese Maßregel mit als ein Hauptmittel zur Rettung Englands betrachtet werden muß.
In dem Falle, daß Amerika ein Fabrik-Staat wird, dürften die Folgen davon für die Baumwoll-Producenten in demselben Maaße ersprießlich sein, wie es in Deutschland der bedeutende Aufschwung der Fabrikation der Wollen-Waaren (besonders Tuche) für die Producenten der Schaafswolle geworden ist. Früher waren die letzteren beim Verkauf der prima Materie, der Willkühr der englischen Fabrikanten Preis gegeben, welche damals fast allein Tuche verfertigten; in der neuesten Zeit aber werden die Preise auf den deutschen Wollmärkten hauptsächlich durch die deutschen Fabrikanten bestimmt. Und warum sollte man nicht in Amerika dasselbe in Beziehung auf die Baumwolle erwarten können?
Indem der Verfasser ähnliche Gedanken, wie die hier dargelegten, in New-York selbst äußerte, konnte es nicht ausbleiben, daß er scharfen Tadel und Widerspruch fand; den allergrößten traf er bei seinen eigenen Landsleuten, wenn er zu den Söhnen deutscher Fabrikanten, die in Amerika Millionaire werden wollten, sagte: „Sie würden wohl daran thun, Ihre Fabriken aus Deutschland hierher zu verpflanzen, weil Sie hierdurch die Erlegung des hohen Eingangs-Zolles ersparen würden.“ Haben wir nur, entgegneten Jene, erst eine National-Bank, wogegen sich die Regierung sträubt, so fehlt uns nichts! Also eine National-Bank! d. h. ein solidarischer Verein, wodurch die ganze Nation, wenn es Noth thäte, auf einmal bankerott werden könnte. Was sind denn eigentlich amerikanische Banken und welches sind ihre Zwecke? Das soll jetzt der Leser aufs bestimmteste erfahren.[K]
Wenn es Kaffeehäuser geben soll, so ist es nöthig, daß Cichorien und Kaffee wächst: soll in den V. S. Handel sein, so muß es Banken geben. Banquiers sind dort nichts als Hüter des amerikanischen Papierschatzes und haben demzufolge nur den Schein von Banquiers; jeder Handelsbeflissene in Amerika muß einen solchen Hüter haben, um seine Dokumente 1stens gegen die Feuersgefahr, 2tens gegen die Diebe zu schützen. Sie sorgen also, mit einem Worte, für feuer- und diebesfeste Gebäude und Räume. Comptanten ist eine geringe Nebensache für den amerikanischen Banquier, denn er kann dieselben vermittelst seiner Holzschnitte auf dem, mit der gewöhnlichen Geduld begabten Papier in sehr kurzer Zeit nach Belieben anfertigen.
Alle Verkäufe sind hier Zeitverkäufe; niemals sind sie auf kürzere Zeitfrist als auf 6 Monate gewesen, in dieser letzten Zeit aber wohl auf 8–10 Monate. Für den Belauf der gekauften Waaren verfertigt der Käufer promissory-notes, d. h. schriftliche Versprechungen, wobei er denkt: ich verspreche Zahlung zu leisten, wenn es mir möglich sein wird, im entgegengesetzten Fall bleibt’s beim Versprechen. Alle diese Noten werden nun in den Banken niedergelegt. Man kann sich eine Idee von den auf einmal in den Banken eingehenden Noten machen, wenn ich anführe, daß die Verkäufe nur zweimal im Jahr geschehen, die fürs Frühjahr im Februar und die für den Herbst im August. Jeder Kaufmann, der auf solche Weise mit den Banken in Verbindung steht, hat auf Accomodation, d. h. auf Unterstützung von Seiten der Bank von 20 bis 100,000 Piaster Ansprüche, welche die Bank auf Verlangen mit ihren eigenen Papieren befriedigt. Die in Baumwolle auf England Speculirenden stehen mit den Banken in eben demselben Verhältnisse; sie bringen ihre Wechsel dorthin zum Verkauf. Da nun, wie aus der obigen Ein- und Ausfuhr-Liste hervorgeht, Amerika im Auslande mehr zu bezahlen, als zu empfangen hat, so ist es natürlich, daß es stets an Wechseln auf London fehlt und daß daher dieselben mit einem Aufgelde von 10 bis 12 Procent und zuweilen noch mehr verkauft werden; weigert sich nun Jemand, so viel Aufgeld zu bezahlen und fordert vom Banquier Metall, um dieses nach Europa zu schicken, so wird dies verweigert, und zwar aus dem sehr natürlichen Grunde, weil er keins besitzt, und es heißt: die Bank hat ihre Baarzahlungen eingestellt, was sich in Folge dieser bösen Nachrede verwirklicht, da für die Noten keine andere Sicherheit als Noten vorhanden sind. Daß diese vom Anfang an jede Stunde auf solche Nachreden gefaßt sind, wird dem Leser jetzt wohl klar sein.