Der 7. September 1788
Eine schon längst gehegte Hoffnung Schillers sollte in Rudolstadt erfüllt werden, seine Begegnung mit Goethe. Im Mai war dieser aus Italien zurückgekehrt. Wenn man vermutet hatte, daß er seinen freundschaftlichen Verkehr mit Frau von Stein nun nicht wieder aufnehmen würde, so widerlegten die Tatsachen sehr bald diese Annahme. Goethe besuchte Großkochberg und kam von da nach Rudolstadt. Charlotte von Lengefeld war seit mehreren Tagen bereits zur Hilfe bei Frau von Stein gewesen. Sie hatte mit ihrer Schwester alles gut vorbereitet und geschickt etwas die Vorsehung gespielt, um ihren Sommergast demeinflußreichsten Manne von Weimar nahe zu bringen. Über ihren Erfolg berichtet Karoline:
»Während dieses Sommers sah Schiller Goethen zuerst in unserem Hause. Wie alle rein fühlenden Herzen, hatten uns dieses Dichters Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt. Alle unsere erhöhteren, echt menschlichen Empfindungen fanden durch ihn ihre eigentümliche Sprache; Goethe und Rousseau waren unsere Hausgötter. Auch floß des ersteren so liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unserer Freundin, Frau von Stein, kennengelernt, mit dem Dichter in unserem Gemüt in eins zusammen, und wir liebten ihn wie einen guten Genius, von dem man nur Heil erwartet. – Höchst gespannt waren wir bei dieser Zusammenkunft und wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die nicht erfolgte. Von Goethen hatten wir, bei seinem entschiedenen Ruhme und seiner äußeren Stellung, Entgegenkommen erwartet, und von unserem Freunde auch mehr Wärme in seinen Äußerungen. Zu unserem Trost schien Goethe von schmerzlicher Sehnsucht nach Italien befangen. – Es freute uns sehr, daß Goethe das Heft des Merkurs, welches die Götter Griechenlands enthielt, und das von ungefähr auf unserem Tisch lag, nachdem er einige Minuten hineingesehen, einsteckte und bat, es mitnehmen zu dürfen.«
Schon seit Monaten hatte Körner versucht, Schiller von seinem abwartenden Verhalten loszubringen und zu einem Entschluß zu bewegen: »Wirst Du nicht bald nach Weimar gehen, um Goethe zu sehen? Ich kann Eure Zusammenkunftkaum erwarten.« Aber die Rudolstädter Gemütserlebnisse ließen das nicht zu: »Nach Weimar werde ich doch wohl nicht sobald kommen. Es ist eine kleine Tagereise hin, und es sind der Orte, nach denen ich meinen hiesigen Leuten habe versprechen müssen, Partie mit ihnen zu machen, so viele, daß mir keine Zeit für so große Exkursionen übrigbleibt. Ich bin sehr neugierig auf ihn, auf Goethe, im Grunde bin ich ihm gut, und es sind wenige, deren Geist ich so verehre. Vielleicht kommt er auch hierher, wenigstens nach Kochberg, eine kleine Meile von hier, wo Frau von Stein ein Gut hat.«
Wie eine Entschuldigung nimmt es sich aus, wenn er immer wieder darauf zurückkommt: »Goethe habe ich noch nicht gesehen, aber Grüße sind unter uns gewechselt worden. Er hätte mich besucht, wenn er gewußt hätte, daß ich ihm so nahe am Wege wohnte, wie er nach Weimar reiste. Wir waren einander auf eine Stunde nahe. – Goethe bleibt in Weimar. Ich bin ungeduldig, ihn zusehen.«
Wenige Tage nun nach der Erfüllung dieser Wünsche erhält Körner ausführliche Mitteilung darüber: »Endlich kann ich dir von Goethe erzählen. – Ich habe vergangenen Sonntag beinahe ganz in seiner Gesellschaft zugebracht, wo er uns mit der Herder, Frau von Stein und der Frau Schardt besuchte. Sein erster Anblick stimmte die hohe Meinung ziemlich tief herunter, die man mir von dieser anziehenden und schönen Figur beigebracht hatte. Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so; sein Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr ausdrucksvoll,lebhaft, und man hängt mit Vergnügen an seinem Blicke. Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel Wohlwollendes und Gutes. Er ist brünett und schien nur älter auszusehen, als er meiner Berechnung nach wirklich sein kann. Seine Stimme ist überaus angenehm, seine Erzählung fließend, geistvoll und belebt; man hört ihn mit überaus viel Vergnügen; und wenn er bei gutem Humor ist, welches diesmal so ziemlich der Fall war, spricht er gern und mit Interesse. Unsere Bekanntschaft war bald gemacht und ohne den mindesten Zwang; freilich war die Gesellschaft zu groß und alles auf seinen Umgang zu eifersüchtig, als daß ich viel allein mit ihm hätte sein oder etwas anderes als allgemeine Dinge mit ihm sprechen können. Er spricht gern und mit leidenschaftlichen Erinnerungen von Italien. Im ganzen genommen ist meine in der Tat große Idee von ihm nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden, aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt; er ist mir soweit voraus, daß wir unterwegs nie mehr zusammenkommen werden; – seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden. Indessen schließt sichs aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das Weitere lehren.«