Der Herbst 1789

Der Herbst 1789

Schillers Geschichtswerk über den Abfall der Niederlande war im Rudolstädter Sommer abgeschlossen worden und zur Michaelismesse 1788 in den Buchhandel gekommen. Daraufhin konnte sich Goethe für Charlottes Freund und Frau von Steins Schützling verwenden, als die Professur für Geschichte in Jena ganz unerwartet erledigt war. Der Dichter sollte nun Mann der Wissenschaft sein und ein Lehramt mit drückenden Verpflichtungen übernehmen. Das kam ihn hart an, aber die Aussicht auf eine feste Staatsstellung verlieh ihm ein Recht, auf Charlottes Hand zu hoffen. In Lauchstedt bei Halle erhielt er ihr Jawort. Vor der besorgten Mutter mußte das vorläufig noch ein Geheimnis bleiben.

Das junge Glück beseelt ihn mit neuem Mut, und zwischen dem Ernst der Tagesarbeit ließt der Scherz in seine Worte: »Die Mohammedaner kehren, wenn sie beten, ihr Gesicht nach Mekka, ich werde mir einen Katheder hier anschaffen, wo ich das meinige gegen Rudolstadt wenden kann, denn dort ist meine Religion und mein Prophet.«

Als der Semesterschluß winkt, nehmen die Pläne für den Ferienaufenthalt bestimmte Form an: »Ich machemir meine Ferien so gut zunutze, als ich kann. Es sind die ersten, die ich erlebe, und es kommt mir wunderlich vor, daß mir eine Zeit vorgeschrieben ist, wo ich frei über mich disponieren kann. Kommenden Winter lese ich die Woche fünf Stunden Universalgeschichte, von der fränkischen Monarchie an bis auf Friedrich II., und eine Stunde Geschichte der Römer.«

Zwischen den Gedanken an die Arbeit belebt ihn die Freude auf die Nähe der Braut:

»Jena, Dienstag, den 1. September.

Wie wird es mit unsern Abenden gehen, wenn ich in Volkstedt wohne? Ich will es so einrichten, daß ich gegen drei gewöhnlich in Rudolstadt bin, und zuweilen bleiben, bis dieChère Mèrewieder geht. Zuweilen komme ich auch den Vormittag. Bei schlechtem Wetter kann ich zur Not im Wirtshaus oder sonst ein Absteigequartier finden. Den Tag, wann ich komme, weiß ich noch nicht bestimmt. Ich vermute, daß ich morgen über 14 Tage mein letztes Kollegium lese.«

Etwas bange stimmt ihn der Gedanke, daß sie die Sorgen der Mutter nicht steigern durch eine vorzeitige Kunde von ihrem Verlöbnis: »DieChère Mèremüßt Ihr bei ihrer Zurückkunft und, wenn ich da bin, eher fleißiger als nachlässiger besuchen, sonst gewöhnt Ihr sie, mich und eine unangenehme Erfahrung in ihrem Gemüt zusammen zu denken.«

Er muß zweierlei Briefe schreiben, solche die geheimbleiben, und »ostensible«, die von Hand zu Hand gehen dürfen, und erwirbt sich Anerkennung dafür:

»Du bist recht artig, daß Du sogleich den Brief geschrieben hast, und so schön, so fein angelegt, daß es aussieht, als überträfst Du uns noch in List. Nun im Ernst, mein Lieber, glaube nicht, daß es meine Mutter so sehr beunruhigen kann, wenn Du uns nahe bist. Sie soll nicht mißmutig sein, wenn wir uns freuen. Aber ich kann mir doch auch nicht denken, daß es sie zu sehr betrüben könnte. Sie hat Dich doch auch lieb, findet, daß man Deinen Umgang schätzen muß, dazu hat sie doch zu viel Verstand, um es nicht zu finden, und fühlt doch auch, daß wir so einsam sind, und uns Deine Gesellschaft wohltun wird. Sie soll morgen den Brief sehen.

Daß wir Dich nachmittags von drei Uhr bis gegen sechs oder sieben immer sehen wollen, haben wir auch schon ausgedacht, und wir gehen immer abends um acht Uhr nach dem Essen bei Hof. Da können wir immer zwei Stunden bleiben. Alle Tage kommt meine Mutter nicht zu uns, also werden wir uns oft ungestört sehn können. Lieber, wie freut sich mein Herz dieser Aussicht!«

Am 18. September trifft der sehnlichst Erwartete ein, und fünf Wochen, reich an Arbeit, hell durch Freude, getrübt von mancherlei Sorgen, vereinigen den Rudolstädter Kreis in der Neuen Gasse.

Karoline, die Schwester und Freundin, weiß in allem Bescheid:

»Endlich kamen die Ferien. Schiller bewohnte wiedersein Haus in Volkstedt und brachte Morgen- und Nachmittagsstunden bei uns zu, da die Abende größtenteils der Mutter gehörten. Das Geheimnis der glücklichen Liebe zwischen ihr und uns, welches zu ihrer Ruhe nötig war, empfanden wir als eine ungewohnte Störung doppelt schmerzlich in dieser goldenen Zeit, denn immer hatte Offenheit unter uns gewaltet. Doch tröstete uns der Mutter sich stets gleich bleibende Achtung und Freundschaft für Schiller. Dieser arbeitete an seinen Vorlesungen, an der Thalia und dem Geisterseher und schweifte in den schönen Herbsttagen in der Gegend umher, in der Erinnerung und Hoffnung ihn anlächelte. Auch manche poetischen Pläne und Stimmungen entsprangen diesen Wanderungen, auf denen wir ihn oft begleiteten. Die Liebe und die sichere Aussicht auf ein glückliches häusliches Leben, welches immer der Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen war, bildeten einen lichten Grund in seinem Gemüte. Aber die Ungewißheit der Epoche, wo Lottchen mit ihm leben könnte, erzeugte oft Sorge und Unruhe.

Es graute ihm vor der Einsamkeit in Jena. Der günstige Moment, seine Bitte dem Herzog von Weimar vorzutragen, lag noch fern, und an ihrer Erfüllung konnte man doch noch zweifeln. Da alles an der Festigkeit der Existenz, die die Mutter beruhigen konnte, hing, so erging sich unsere Phantasie in tausend Plänen, die dazu führen konnten. Städte, Länder und Verhältnisse mit wohlgesinnten Menschen, die nur der Gestaltung bedurften, lagen immer bereit.«

Unter den Plänen, die erwogen wurden, beschäftigte auch der ernsthaft die Gemüter, nur auf die schriftstellerische Tätigkeit den Hausstand, und zwar in Rudolstadt, zu gründen. All diesen Überlegungen kommt Frau von Stein zuvor, indem sie den Herzog bestimmt, für Schiller ein kleines Jahresgehalt zu versprechen. Nun gilt es ihm als erste Pflicht, der Mutter seiner Braut sein Herz und seine Lage zu eröffnen:

»Jena, den 18. Dezember 1789.

Wie lange und wie oft, seit mehr als einem Jahre, gnädige Frau, habe ich mit mir selbst gestritten, ob ich es wagen soll Ihnen zu gestehen, was ich jetzt nicht mehr zurückhalten kann. Ich muß Sie bitten, verehrungswürdigste Freundin, sich jetzt alles gegenwärtig zu machen, was je in Ihrem gütigen Herzen für mich sprach. Ich selbst muß mir jedes Ihrer Worte zurückrufen, worin ich Wohlwollen für mich zu erkennen glaubte, um in diesem Augenblicke Mut und Hoffnung zu fassen. Es gab Augenblicke, unvergeßlich sind sie meinem Herzen, wo Sie mich vergessen ließen, daß ich ein Fremdling in Ihrem Hause sei, ja, wo Sie unter Ihren Kindern auch mich mit zu zählen schienen. Was Sie damals ohne Bedeutung sagten, was nur eine vorübergehende Bewegung Ihres Herzens Ihnen eingab, wie tief ergriff es mein Herz, wo lange schon kein anderer Wunsch mehr lebte, als Ihr Sohn genannt zu werden. Sie haben es in Ihrer Gewalt, jene Äußerungen in volle selige Wahrheit für mich zu verwandeln.

Ich gebe das ganze Glück meines Lebens in Ihre Hände.Ich liebe Lottchen, ach, wie oft war dieses Geständnis auf meinen Lippen, es kann Ihnen nicht entgangen sein. Seit dem ersten Tage, wo ich in Ihr Haus trat, hat mich Lottchens liebe Gestalt nicht mehr verlassen. Ihr schönes edles Herz habe ich durchschaut. In so vielen froh durchlebten Stunden hat sich ihre zarte sanfte Seele in allen Gestalten mir gezeigt. Im stillen innigen Umgang, wovon Sie selbst so oft Zeugin waren, knüpfte sich das unzerreißbarste Band meines Lebens. Mit jedem Tage wuchs die Gewißheit in mir, daß ich durch Lottchen allein glücklich werden kann. Hätte ich diesen Eindruck vielleicht bekämpfen sollen, da ich noch nicht vorhersehen konnte, ob Lottchen auch die meine werden kann? Ich hab es versucht, ich habe mir einen Zwang vorgeschrieben, der mir viele Leiden gekostet hat. Aber es ist nicht möglich, seine höchste Glückseligkeit zu fliehen, gegen die laute Stimme des Herzens zu streiten. Alles, was meine Hoffnungen niederschlagen könnte, habe ich in diesem langen Jahre, wo diese Leidenschaft in mir kämpfte, geprüft und gewogen, aber mein Herz hat es widerlegt. Kann Lottchen glücklich werden durch meine innige ewige Liebe, und kann ich Sie, Verehrungswürdigste, lebendig davon überzeugen, so ist nichts mehr, was gegen das höchste Glück meines Lebens in Anschlag kommen kann. Ich habe nichts zu fürchten, als die zärtliche Bekümmernis der Mutter um das Glück ihrer Tochter, und glücklich wird sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen kann. Und daß dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.

Wollen Sie, teuerste Mutter, o lassen Sie mich bei diesemNamen Sie nennen, der die Gefühle meines Herzens und meine Hoffnungen gegen Sie ausspricht, wollen Sie das Teuerste, was Sie haben, meiner Liebe anvertrauen? Meine Wünsche durch Ihre Billigung in Wirklichkeit verwandeln, wenn es auch die Wünsche Ihrer Tochter sind, wenn wir uns beide in dieser Bitte vereinigen? Ich werde Ihnen mehr zu danken haben, als ich einem Menschen danken kann. Sie werden glücklich sein in der Glückseligkeit Ihrer Kinder. Unsere Dankbarkeit wird geschäftig sein, Ihr Leben zu verschönern und Ihnen das Geschenk der Liebe durch Liebe zu erstatten.

Ich erlaube mir keine weitre Erklärung, bis Sie über die Wünsche meines Herzens entschieden haben werden. Steht nur in Ihrer Seele meinem Glücke nichts entgegen, so werden keine Hindernisse von außen ihm im Wege stehen. Mit welcher Unruhe und Sehnsucht erwarte ich von Ihnen den Ausspruch über mein ganzes Glück! Aber Liebe allein wird Sie leiten, und darauf gründe ich frohe Hoffnungen. Ewig der Ihrige mit der innigsten Ehrfurcht und Liebe.«

Nur ein gutes treues Mutterherz konnte eine Antwort geben, wie die, deren Inhalt ihn nun von Zweifeln erlöste:

»Rudolstadt, den 21. Dezember 1789.

Ja, ich will Ihnen das Beste und Liebste, was ich noch zu geben habe, meine gute Lottchen, geben. Die Liebe meiner Tochter zu Ihnen und Ihre edle Denkungsart bürgt mir für das Glück meines Kindes, und dieses alleinsuche ich. Verzeihen Sie aber der Sorgsamkeit und der Pflicht einer Mutter: Können Sie Lottchen neben Ihrer zärtlichen Liebe, nicht ein glänzendes Glück, sondern nur ein gutes Auskommen verschaffen? Beruhigen Sie mich über diesen Punkt, und ich nenne Sie mit Freuden Sohn. Wäre ich reich, könnte ich Ihnen mit meiner Tochter ein ansehnliches Vermögen geben, wie gern würde ich Ihnen da zeigen, daß Verdienst und ein Herz, so wie ich das Ihrige kenne, die schätzbarsten Güter der Erde für mich sind. Da mein Vermögen aber nicht groß und unser jetziges Leben diese Frage verlangt, weil ohne hinlänglichen Unterhalt kein Familienglück bestehen kann, so müssen Sie mir meine Ängstlichkeit vergeben. Die ich mich mit wahrer Ergebenheit und Freundschaft nenne

Ihre treue Freundin von Lengefeld.«

Zwei gute und treuherzige Briefe von Rudolstädtern in der Ferne trafen ein, der eine noch an Fräulein von Lengefeld in der Neuen Gasse, der andere bereits an Frau Hofrätin Schiller in Jena.

»Genf, den 27. Januar 1790.

Daß ich an der Entscheidung Ihres Schicksals, liebes Lottchen, den lebhaftesten Anteil nehme, dafür bürgt Ihnen meine Freundschaft für Sie. Mögen Sie mit dem Manne, den Sie sich gewählt haben, in allen künftigen Lagen Ihres Lebens immer so glücklich sein, als es Ihr gutes edles Herz verdient. Einer meiner sehnlichsten Wünsche wird dadurch erfüllt werden. Schiller, der mir bereits für seinen Geist die größte Achtung eingeflößt hat, soll mirauch in dem neuen Verhältnisse, in welches ich mit ihm durch Sie gesetzt werde, herzlich willkommen sein, und ich bitte Sie, ihn von meiner aufrichtigsten Freundschaft zu versichern.

Es ist freilich eben so gar artig nicht, daß Sie so mit einem Male Ihrem alten Lehrer aus der Schule laufen und mich, Ihren alten Freund, verlassen. Allein ich würde zuviel Eigennutz verraten, wenn ich mich zu sehr darüber beschweren wollte, und Knebeln muß es doch eigentlich recht wohl tun, seine Schülerin nun als hochgelehrte Professorin auf der Hohen Schule zu wissen. Ich will nun von Ihnen recht viel lernen, vorzüglich rechne ich sehr darauf, durch Ihre Vermittelung bisweilen etwas von Schillers historischen Vorlesungen zu erhalten. Seine erste im Merkur eingerückte Vorlesung habe ich kürzlich gelesen. Sie ist ganz meisterhaft und hat mir außerordentlich gefallen. Schiller behandelt die Geschichte genau so, wie ich immer gewünscht habe, sie behandelt zu sehen. Jede einzelne Geschichte wird durch seine Darstellung ein schöner Teil von einem großen harmonischen Ganzen, von der Geschichte der Menschheit.

Daß Sie uns in Rudolstadt nicht ganz vergessen, und daß Sie sich so einrichten werden, daß Sie alle Ferien bei uns mit Ihrem Freunde zubringen, darauf zähle ich sicher.

Leben Sie wohl, liebes Lottchen, und lassen Sie bald wieder etwas von sich hören.

von Beulwitz.«

»Genf, den 15. März 1790.

Bestes Schwesterchen,

wie sehr Ihr Wohl und Glück Ihrem Brüderchen am Herzen liegt, wie sehr er sich jetzt freut, Sie in derjenigen Lage zu sehen, die Sie sich selbst wünschten und wählten, können Sie sich leicht vorstellen. Nichts konnte mir mehr Vergnügen machen, als Sie mit einem so braven Mann, als Herr Schiller ist, verbunden zu sehen. Erlauben Sie mir, mich bei dieser Gelegenheit zu fernerer Freundschaft zu empfehlen. Recht oft hoffe ich Sie mit Ihrem lieben Mann in Rudolstadt zu sehen, und so manche angenehme Stunde soll uns im freundschaftlichen Zirkel verfließen. Dann singen wir Herrn Schillers Lied an die Freude! Jetzt muß unser Lieblingsdichter diese Stelle doppelt fühlen: ›Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!‹ –

Darf ich bitten, mich Herrn Schiller zu fernerer Freundschaft zu empfehlen. Bald werde ich Ihnen mündlich sagen können, wie sehr ich Sie verehre, und bin

Ihr aufrichtigerFreund und DienerLudwig Friedrich.«

Ihr aufrichtigerFreund und DienerLudwig Friedrich.«

»An einem Montag, den 22. Februar 1790, wurden wir in Wenigenjena vom Diakonus Schmidt getraut.

Schiller kam einige Tage vorher nach Erfurt, wo ich und Karoline war, uns abzuholen. Wir kamen Sonntag abends nach Jena. Den Montag früh fuhren wir drei zusammennach Kahla, wo wir meine Mutter abholten. Es war ein Frühlingstag wie heute, wo ich dieses mit Schmerzen niederschreibe. Von Kahla fuhren wir gegen 2 Uhr ab und kamen um 5 Uhr ganz in der Stille in Wenigenjena an, stiegen an der Kirche aus, niemand war bei der Trauung zugegen, als meine Mutter und Karoline. Den Abend brachten wir still und ruhig miteinander in Gesprächen zu beim Tee. So verging der Tag, der so viele Freuden in seinem Gefolge hatte und so viele Schmerzen. Jeglichen Menschen erwartet sein Tag, auch meiner wird kommen!«

Aus Charlottes Tagebuch.


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