Schillers Familie in Rudolstadt

Schillers Familie in Rudolstadt

Nach Schillers Verheiratung löste sich bald der Hausstand in der Neuen Gasse auf. Frau von Lengefeld hatte schon 1789 ihr Amt als Erzieherin der Schwestern Ludwig Friedrichs angetreten und bezog eine Wohnung auf der Heidecksburg. Karoline von Beulwitz trennte sich von ihrem Gemahl, verließ Rudolstadt und ging 1794 eine neue Ehe mit Wilhelm von Wolzogen ein.

Über den Verkehr Schillers und der Seinen enthalten die Hoffurierbücher trockene, aber genaue Auskunft, da jede Mahlzeit und jedes Nachtquartier eingetragen ist.

»Herr Schiller und Frau Hofrätin sind vom 2. bis 12. September 1799 mittags an Erbprinzen Tafel und abends bei fürstlicher Tafel gewesen.«

Bis 1803 wohnt »Frau Hofrätin Schiller« wiederholt bei ihrer Mutter, dann tritt eine Pause ein bis 1810. Als zwölfjähriger Knabe besingt Ernst von Schiller romantisch schwärmerisch die Kapelle im Mörlagraben und dichtet eine Ballade: Der Ritter und die Saalnixe. Bald erscheint »Herr von Schiller«, der siebzehnjährige Sohn Karl, als Gast an der fürstlichen Tafel. Am 23. Februar 1811 nimmt Ernst an einem Maskenfest auf dem Schlosse teil als MarquisPosa und fällt auf, wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem Vater, die kleine Karoline gesellt sich zu den fürstlichen Kindern. Karl verkehrt als »Herr Leutnant von Schiller« bis 1815 an der Familientafel, Ernst »der Herr Kammerassessor« bis 1818, dann führt der Beruf sie beide in die Ferne. Von 1819–1823 feiert »Frau Hofrat von Schiller mit zwei Fräulein« regelmäßig den Geburtstag der Mutter am Hofe, Emilie hat Beziehungen zu Familien in der Stadt, Karoline findet sich am 28. November 1822 als »bleibender Gast« auf dem Schlosse ein.

Am 11. Dezember 1823 verschied dieChère mère, und die Fürstin Karoline Luise wurde den drei vereinsamten Frauen aufrichtige Freundin und treue Beraterin.

Das Schillerhaus in Volkstedt

Das Schillerhaus in Volkstedt

Drei Jahre später, am 9. Juli 1826, starb Charlotte in Bonn. Sie hatte den Augenarzt von Walther daselbst aufgesucht, um ihr Starleiden heilen zu lassen. Die Operation gelang, aber Schwindelanfälle und Atemnot traten ein. Ernst von Schiller zeigt der Fürstin Karoline Luise den Tod der Mutter an: »Ich fand sie phantasierend, doch mit helleren Momenten, in deren einem sie meine Anwesenheit erkannte und einige, doch schwache Teilnahme zeigte. Die Bilder ihrer Phantasie waren mild, es war der Regen, der die Blumen erquicken würde. Ich holte Walther, der mir gleich sagte, daß sie rettungslos verloren sei, es sei ein Nervenschlag, der durchaus unerwartet gekommen wäre. Um halb 5 Uhr hörte sie auf zu sprechen. Ohne irgendein Zeichen ihres Bewußtseins zu geben, hauchte die Vortreffliche morgens gegen 6 Uhr ihr edles Leben aus. Emilieund ich waren zugegen. Euer Durchlaucht kennen den Schmerz und werden den unsrigen begreifen.«

Die Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt

Die Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt

Emilie war ein hochstrebendes Wesen und fühlte schwer den Kampf zwischen ihren Idealen und der Wirklichkeit. An ihren Bruder Ernst schloß sie sich eng an. Seelsorgerin in allen Gewissensangelegenheiten blieb ihr die Fürstin in Rudolstadt, bis Adalbert von Gleichen sie 1828 als Gattin heimführte.

Über Karolines Verkehr und ihren Aufenthalt in Rudolstadt ist die zuverlässigste Kunde erhalten geblieben. Schon als Kind hatte sie gern mit jüngeren Kindern verkehrt. Noch bei Lebzeiten der Mutter war sie in das Katharinenstift zu Stuttgart eingetreten, um Erziehung und Unterricht gründlich kennenzulernen. Krankheit und Tod der Mutter bestimmten sie, sich eine eigene Stellung im Leben zu suchen. Bei allen Entscheidungen war auch ihr die »Fürstin Mutter« in Rudolstadt eine treue und nimmermüde, vielerfahrene Freundin. In die Familie des württembergischen Herzogs Eugen zu Karlsruhe in Schlesien trat sie ein, um diesem eine achtjährige Tochter zu erziehen. Als die Tätigkeit dort zu Ende war, legten die alten Beziehungen der Eltern zu Hof und Stadt sowie die neuen Verbindungen der Schwester Emilie zu der Familie von Gleichen den Gedanken nahe, nach Rudolstadt zurückzukehren. Vor Not blieb sie bewahrt, da sich der geistige Nachlaß des Vaters in Barbesitz der Erben verwandelte. Nun trat eine arbeitshungrige dreißigjährige Dame in das Leben der kleinen Residenz ein. Studium und Lektürebefriedigten sie nicht. Die philosophischen und dichterischen Werke des Vaters beherrschte sie vollkommen, und anderen davon mitzuteilen durch Vortrag oder Einübung von Rollen bereitete ihr Genuß und Freude. Eine Entscheidung im Gemütsleben hatte sie standhaft überwunden und »durch herrliche, edle Menschen Trost und Erquickung in der Freundschaft empfangen.« Nunmehr folgt sie dem Zuge des Herzens, »um das Ideal ihres Lebens ins Werk zu setzen«.

Am 26. Mai 1832 veröffentlicht sie ihr »Anerbieten. Wenn es einigen Eltern erwünscht sein könnte, ihre Töchter unter weiblicher Aufsicht unterrichten zu lassen, so erbiete ich mich gern, sie vom siebenten Jahre an täglich 5–6 Stunden bei mir aufzunehmen.«

Am 25. Juni beginnt der Unterricht, außer ihr selbst ist ein Kandidat und eine Handarbeitslehrerin an der Klasse beschäftigt. Vom Jahre 1834 an erteilt der Theologe und Mathematiker Augustin Regensburger den wissenschaftlichen Unterricht, und mit ihm tritt ein Geistesverwandter in die Gefolgschaft der Stifterin ein.

Unter den Schülerinnen des Jahres 1835 wird Franziska Junot genannt, ihr Vater war der Bergrat Junot in Katzhütte. Vornehme, heitere Ruhe wird ihm nachgesagt. Aus erster Ehe Witwer geworden, mag er sich nach einer mütterlichen Versorgerin für seine sechs Kinder umgesehen und dabei das feinsinnige Erziehertalent Karolines erkannt haben. Am 26. Juli 1836 fand die Trauung statt in der Kirche von Volkstedt, auf der 48 Jahre vorher dasAuge des Vaters täglich geruht hatte. Am 1. April 1839 gab Karoline einem Söhnchen das Leben. Es erhielt die Namen Felix Karl, trug das goldleuchtende, wallende Schillerhaar und wies vielversprechende Anlagen auf; aber eine jäheintretende Krankheit setzte seinem Dasein ein frühes Ende. Er starb am 27. April 1844 in Rudolstadt. Sein Grab liegt auf dem alten Friedhof links, gegenüber der Friedhofshalle.

Als Junot in das Kammerkollegium nach Rudolstadt berufen wurde, bezog die Familie im Hause Augustenstraße 10 eine Wohnung. Ihre Nachbarn erinnerten sich noch lange gern des stattlichen, würdevollen Paares, das seine abendlichen Erholungsgänge auf und ab in der Straße unternahm. Durch Freude und Sorge des täglichen Lebens klingt aus den Briefen Karolines ein tiefbegründetes ideales Streben, das in religiösem Trost über die Wirklichkeit erhob.

Bald sollte ihr neue Prüfung auferlegt werden, die Kirchennachrichten melden am 4. Januar 1846 »Gestorben: der Fürstliche Bergrat, Herr Franz Karl Emanuel Junot, 60 Jahre, 8 Monate und 12 Tage alt.« Karolines Privatanzeige schließt: »Wir werden die vielfachen Beweise der Liebe und Achtung gegen den Geschiedenen stets in dankbarem Herzen bewahren.«

Auf einer Reise zum Besuch der Schwester auf Greifenstein bei Bonnland in Unterfranken erkrankte Karoline, und der Tod erfüllte ihr Sehnen am 19. Dezember 1850 in Würzburg.

In Rudolstadt, so hatte sie gewünscht, sollte ihr Herz beigesetzt werden, und es fand seine Ruhe an der Stelle, wo Sohn und Gatte bestattet lagen.

Das BildSeite 13ist die Wiedergabe einer Bleistiftzeichnung, die die Unterschrift trägt: »Frl. Lottchen von Lengefeld. 1788.« Sie fand sich, bisher unbeachtet, im Schloßmuseum unter Hunderten von Blättern aus der zeichenfreudigen Zeit Ludwig Friedrichs. Das Profil ist mit sicherer Hand, vielleicht unter Benutzung eines Schattenrisses, festgehalten worden, während Haare und Gewand nicht die gleiche Bestimmtheit erkennen lassen. Das H als Busennadel könnte Bezug haben auf die Neckerei mit dem englischen Hauptmann Heron. Die Schriftzüge können die Ludwig Friedrichs oder seines Lehrers, des Hofmalers Franz Cotta, sein.

Das BildSeite 76gibt eine Bleistiftzeichnung wieder, die unterschrieben ist: »Rudolstadt d. 31. Decbr. 1839. Mathilde, Pr. zu Schaumburg-Lippe.« Von der Hand der Fürstin Elisabeth zur Lippe stammt der spätere Zusatz: »Caroline Junot, geb. von Schiller.« Ein anderes Blatt vom 28. Dezember zeigt die Dargestellte mit einer Strickarbeit beschäftigt und die Unterschrift dazu von der Fürstin Karoline Luise.


Back to IndexNext