Chapter 8

Mannheim, am Neujahr 84.Meine teuerste Schwester!Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir, meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch ich mir immerdar gleich geblieben – es ist ebensowenig Mangel an Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! – Es ist die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung, daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können. Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig! und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten Willens –Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet, und daß Medikamente vielleichtgar nichts tun – aber Du irrst Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt – denn daß eine solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben. Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich, daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken.Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie Wiederkehr in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und dauernde Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. Daß der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt mir wenig, denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und jedermann wird, so lang ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog von Württemberg nicht mehr brauche, in einer (mittelbar oder unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in Württemberg unterzukommen, vermuten.Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück Deines Bruders kann durch eine Übereilung indieser Sache einen ewigen Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von meinen Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner Entfernung. Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert – wie entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde meine Ehre durch den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft gesucht – daß meine Umstände mich meinen ehmaligen Schritt zu bereuen gezwungen, daß ich diese Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen, aufs neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, die ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen einer kindischen Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem Vaterland entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern redlichen Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht. Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut – nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du genug, um vernünftig in dieser Sache zu raten.Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott, daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem jetzigen einbringe.Ewig Dein treuer BruderFriedrich S.

Mannheim, am Neujahr 84.

Meine teuerste Schwester!

Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir, meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch ich mir immerdar gleich geblieben – es ist ebensowenig Mangel an Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! – Es ist die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung, daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können. Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig! und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten Willens –

Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet, und daß Medikamente vielleichtgar nichts tun – aber Du irrst Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt – denn daß eine solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben. Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich, daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken.

Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie Wiederkehr in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und dauernde Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. Daß der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt mir wenig, denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und jedermann wird, so lang ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog von Württemberg nicht mehr brauche, in einer (mittelbar oder unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in Württemberg unterzukommen, vermuten.

Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück Deines Bruders kann durch eine Übereilung indieser Sache einen ewigen Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von meinen Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner Entfernung. Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert – wie entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde meine Ehre durch den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft gesucht – daß meine Umstände mich meinen ehmaligen Schritt zu bereuen gezwungen, daß ich diese Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen, aufs neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, die ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen einer kindischen Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem Vaterland entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern redlichen Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht. Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut – nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du genug, um vernünftig in dieser Sache zu raten.

Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott, daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem jetzigen einbringe.

Ewig Dein treuer Bruder

Friedrich S.

Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und Mann dachte, läßt sich durch nichts so offen, kräftig und schön als durch diesen Brief darstellen, dessen Inhalt um so schätzbarer ist, da er im größten Vertrauen geschrieben wurde und sich keine Ursache finden konnte, einen Gedanken anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war nebst dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines berühmten Namens der mächtigste Sporn für ihn, um durch sein Talent das Glück der Seinigen ebenso gewiß als sein eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch eh' er den Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft der Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er die Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden Verhältnissen verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde, sich eigenmächtig zu entfernen. Auf das treueste schildert er zehn Jahre später seine damaligen Erwartungen in dem Gedicht: Die Ideale

»Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,Beglückt in seines Traumes Wahn,Von keiner Sorge noch gezügelt,Der Jüngling in des Lebens Bahn!Bis an des Äthers bleichste SterneErhob ihn der Entwürfe Flug,Nichts war so hoch und nichts so ferne,Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.Wie leicht ward er dahin getragen,Was war dem Glücklichen zu schwer!Wie tanzte vor des Lebens WagenDie luftige Begleitung her!Die Liebe mit dem süßen Lohne,Das Glück mit seinem goldnen Kranz,Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«

»Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,Beglückt in seines Traumes Wahn,Von keiner Sorge noch gezügelt,Der Jüngling in des Lebens Bahn!Bis an des Äthers bleichste SterneErhob ihn der Entwürfe Flug,Nichts war so hoch und nichts so ferne,Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.

Wie leicht ward er dahin getragen,Was war dem Glücklichen zu schwer!Wie tanzte vor des Lebens WagenDie luftige Begleitung her!Die Liebe mit dem süßen Lohne,Das Glück mit seinem goldnen Kranz,Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«

So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige der Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte, als quälende Sorgen mit ihren zackichten Krallen sich noch nicht an ihn geklammert hatten, als er noch glauben durfte, die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas Höheres als bloße Unterhaltung darbieten zu können.

Nur zu bald mußte er ausrufen:

»Doch ach! schon auf des Weges MitteVerloren die Begleiter sich,Sie wandten treulos ihre Schritte,Und einer nach dem andern wich.«

»Doch ach! schon auf des Weges MitteVerloren die Begleiter sich,Sie wandten treulos ihre Schritte,Und einer nach dem andern wich.«

Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was tausend andere in ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder zur Verzweiflung gebracht hätte, wurde von seinem mächtigen Geiste – der immer nur das höchste Ziel im Auge behielt – entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch schmerzte, nur belächelt.

Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter bestätigt werden.

Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es eingeleitet, daß Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, von welcher Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen werden solle. Außer der in Deutschland so sehr gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt in diese Gesellschaft wenigstens den Vorteil, daß sie sich des unmittelbaren kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg angefochten worden wäre, wenigstens einigen Schutz hätte erwarten dürfen. Zu seinem Eintritt schrieb er die kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende Schaubühne wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie aufs neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt und auch die Ansichten des Verfassers über die Wirkung desselben kennen zu lernen.

Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, eine Dramaturgie herauszugeben, um durch diese die Mannheimer Bühne als Muster für ganz Deutschland bilden, auch sich zugleich einen größern Wirkungskreis erwerben zu können. Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde, die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben. Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende Vorsatz scheiterte, indem diese Jahrbücher, die nur ernste, trockene Forschungen enthielten, durch Berichte über ein so flüchtiges Ding, wie das Theater zu sein scheint, profaniert geworden wären, und weil die Theaterkasse die von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung von 50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber findet sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, 124.) Endlich in der Mitte Januars 1784 wurde das republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt, dessen durch Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters auch Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die schwachen Kräfte des Theaters vermochten, angewendet worden, um das Äußerliche des Stücks mit Pracht auszustellen; ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den Dichter als für die Schauspieler bei den Zuschauern die lauteste Bewunderung. Aber für das Ganze konnte sich die Mehrheit nicht erwärmen; denn eine Verschwörung in den damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der Gang der Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete, war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie bei den Räubern erwartet hatte.

Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes, Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen in demjenigen, was sie in der nächsten Folgeliefern, ganz befriedigen, indem die Anzahl derer ganz unglaublich gering ist, die ein Kunstwerk ganz allein für sich, ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm zu würdigen verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, und wenn auch nur eine Linie über oder unter der als richtig erkannten Länge ist, es auch sogleich als untüchtig verwirft. Besonders werden die Werke der Einbildungskraft weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig sind, als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche das erste im hohen Grad ansprechen – mögen sie übrigens noch so fehlerhaft sein – werden der Menge weit mehr zusagen als solche, bei denen der Verstand, die schöne weise Verteilung, die freie Beherrschung des Stoffes, den großen Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen recht, als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte mit den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«

Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es der Dichter beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte Wirkung nicht hatte.

Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung von Luise Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen brauchte, wohl aber vieles ganz weglassen mußte. Schien ihm nun auch dieses ganze bürgerliche Trauerspiel ziemlich mangelhaft angelegt, so ließ sich doch an den Szenen, die den meisten Anteil zu erregen versprachen, nichts mehr ändern; sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder andere ganz zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar nicht die unbedeutendsten, gründen sich auf Sagen, die damals verbreitet waren, und deren Anführung viele Seiten ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier an den schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe, alles so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.

Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen aus Ehrsucht auf die Bühne.

Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen und ihm zu überlassen, welche Benennung dieses Familienstück führen solle, und dem der bezeichnende Name, den es noch heute führt, erteilt wurde. Der außerordentliche Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die Freunde Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte sich, daß ein bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck hervorgebracht hätte. Letzteres durfte jedoch meistens der Darstellung beigemessen werden, die so lebendig, der ganzen Handlung so angemessen war und in allen Teilen so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz vergaß und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, sich willig täuschen ließ.

Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen Trauerspiels unseres Dichters an die Reihe, welchem Iffland, dem es vorher übergeben wurde, die Aufschrift »Kabale und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden und seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.

Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd, erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges. Aber als nun die Handlung begann – wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick – das Spiel der unteren gegen die Oberlippe – das Zusammenziehen der Augenbrauen, wenn etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde – den Blitz der Augen, wenn auf Wirkung berechnete Stellen diese auch hervorbrachten – wer könnte dies beschreiben! – Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben wurde ein »es geht gut« gehört.

Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der Schluß desselben mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheitdargestellt, daß, nachdem der Vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer auf eine damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben und in stürmisches, einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das Publikum verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen Haltung zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan zu haben, sowie die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste anerkannt und mit Auszeichnung beehrt würden.

Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl eines bedeutenden Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen und natürlich äußert, sollte man durch eine treue Zeichnung festhalten können; dies würde einen Charakter leichter und bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu beschreiben möglich ist.

Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles war den Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als ihm selbst, indem sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, sondern auch von dem Publikum ein entschiedener Vorzug vor andern ähnlicher Art gegeben wurde, hoffen durften, daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur Ehre und Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. Der Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, daß in den verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke von ihm geliefert worden, deren Wert sich für eine lange Zukunft verbürgen ließ; und konnte er, wie es auch den Anschein hatte, so fortfahren, so war seine geringe Besoldung sehr gut angelegt.

In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung geäußerter Beifall immer zur Folge hat, konnte er jedoch die Nachricht der Schwester (S. vorstehenden Brief), daß die Mutter aus Sehnsucht nach ihm kränklich sei, nicht vergessen, und erlaubte es früher – nachdem keine seiner Erwartungen erfüllt war – sein Stolz nicht, seiner Muttersich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den überraschenden Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit wenigstens befriedigt, daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen Angehörigen vor Augen treten durfte. Er entschloß sich daher, in Bretten, einem außerhalb der württemberg'schen Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und ältesten Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach der ersten Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich zu Pferd dahin.7

Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt der Mutter, und die Wehmut, mit der sie ihren, nun aus seinem Vaterlande wie von seinen Eltern verbannten Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit, den männlichen Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu schildern, so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, die sich in dem Leben eines solchen Dichters und einer so seltenen Familie darbieten können. Es muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben, diese Szene, nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen gepreßte Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen glauben mußten, sich teilnehmend ausmalen zu können.

Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie der Mutter, dem Sohn auf das angelegentlichste empfohlen wurde, sich doch um eine sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, damit seine eigenmächtige Entfernung gerechtfertigt und sein Glück dauerhaft begründet sein möge. Allein mit allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zutun, als mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, durch neue sich auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal eine bessere Wendung zu geben. Er glaubte, daß dieses ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt auf Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und dadurch den Kreis seiner Verehrer und Freunde erweiterte.

Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus Ehrsucht wie auch Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen über die Verschiedenheit der Frankfurter gegen die Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von beiden, finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.

Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere Poesie hatten, an den Dichter drängten, der in so jungen Jahren schon so viele Beweise der Überlegenheit seines Geistes an den Tag gelegt, läßt sich sehr leicht denken. Denn die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die Gedichte und Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen beschäftigte, und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse in diesem Fache förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.

Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die des Doktor Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S. Schröders Leben) später das Theater betrat. Beide waren auch Freunde des Bibliothekars Reinwald in Meiningen und erinnerten Schiller an die – allen, deren Wirken nicht bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche – Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit hatte, seit der Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben zu haben.

Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen Fehler durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch wenigstens zu mildern, und schriebHerrn Reinwald folgenden Brief, dessen Inhalt für jeden seiner Verehrer nicht anders als höchst anziehend sein kann.

Mannheim, den 5. Mai 84.Bester Freund!Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um mein langes Stillschweigen zu entschuldigen – kann wohl ein Vorwand in der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen? – Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte, Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen hoffte –Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht, und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren, wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles Nachdenken überging. – Und jetzt will ich auch auf immer einen Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem Gemüt, Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere Zukunft? – Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten eines armseligen Dienstes herumstreiten? – Hat auch Ihr Herz noch keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? –Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele kennen Sie noch nicht! – Auch um einen Freundmußte ich Sie betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden ihn auch niemals verlieren.Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was sich in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren, als ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist – wie wenig Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist – welche Summen nur auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! – Ungeachtet meiner vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann. Tausend kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. Hätte ich jemand, der mir diesen Teil der Unruhe abnähme, und mit warmer, herzlicher Teilnehmung sich um mich beschäftigte, ganz könnte ich wiederum Mensch und Dichter sein, ganz der Freundschaft und den Musen leben. Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fiebernicht ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall, aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen. Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe, daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, der vielleicht nie wieder kommen wird.Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und einige Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler, Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der Zuschauer gegeben.Sie hätte ich dabei gewünscht – den Fiesco verstand das Publikum nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name – in den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennenlernen – sie ist Ihre Freundin – die Madame Albrecht. Gleich in den ersten Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt, und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann. Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin! Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner solchen Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres schönen und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große Schritte tun – und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der größte theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir sie auch um eine große Aktrice bestehlen.Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen. Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der Bewunderung Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren Herzens. Könnten wir uns in einen Zirkel von mehreren Menschen dieser Art vereinigen, und in diesem engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der schönen Natur leben, welche göttliche Idee! – Auch der Doktor ist ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen erinnerte mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald hat es meine Liebe weg, was mich an Sie erinnert.Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken,zurückgezogen von der großen Welt, in philosophischer Stille mir selbst, meinen Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben, und wer weiß ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug herumwarf, mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren wird. In dem lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen des Lebens, die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume pflückte. – Meine Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach und unerschöpflich, wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr schrumpft dieser neben meiner Leidenschaft zur stillern Freude zusammen.Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Dramas oder an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen. Wollen Sie, mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber.Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und also jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel.Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wirdFried. Schiller.

Mannheim, den 5. Mai 84.

Bester Freund!

Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um mein langes Stillschweigen zu entschuldigen – kann wohl ein Vorwand in der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen? – Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte, Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen hoffte –

Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht, und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren, wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles Nachdenken überging. – Und jetzt will ich auch auf immer einen Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.

Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem Gemüt, Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere Zukunft? – Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten eines armseligen Dienstes herumstreiten? – Hat auch Ihr Herz noch keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? –

Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele kennen Sie noch nicht! – Auch um einen Freundmußte ich Sie betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden ihn auch niemals verlieren.

Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was sich in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.

Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren, als ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist – wie wenig Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist – welche Summen nur auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! – Ungeachtet meiner vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann. Tausend kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. Hätte ich jemand, der mir diesen Teil der Unruhe abnähme, und mit warmer, herzlicher Teilnehmung sich um mich beschäftigte, ganz könnte ich wiederum Mensch und Dichter sein, ganz der Freundschaft und den Musen leben. Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.

Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fiebernicht ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall, aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen. Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe, daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, der vielleicht nie wieder kommen wird.

Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und einige Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler, Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der Zuschauer gegeben.

Sie hätte ich dabei gewünscht – den Fiesco verstand das Publikum nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name – in den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.

Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennenlernen – sie ist Ihre Freundin – die Madame Albrecht. Gleich in den ersten Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt, und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann. Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin! Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner solchen Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres schönen und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große Schritte tun – und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der größte theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir sie auch um eine große Aktrice bestehlen.

Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen. Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der Bewunderung Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren Herzens. Könnten wir uns in einen Zirkel von mehreren Menschen dieser Art vereinigen, und in diesem engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der schönen Natur leben, welche göttliche Idee! – Auch der Doktor ist ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen erinnerte mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald hat es meine Liebe weg, was mich an Sie erinnert.

Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken,zurückgezogen von der großen Welt, in philosophischer Stille mir selbst, meinen Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben, und wer weiß ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug herumwarf, mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren wird. In dem lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen des Lebens, die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume pflückte. – Meine Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach und unerschöpflich, wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr schrumpft dieser neben meiner Leidenschaft zur stillern Freude zusammen.

Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Dramas oder an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen. Wollen Sie, mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber.

Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und also jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel.

Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wird

Fried. Schiller.

Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem ganzen Inhalte nach mitgeteilt worden, der möge erwägen, daß er ein sehr wichtiger Beitrag zur Kenntnis der Denkungsart und der häuslichen Verhältnisse Schillers ist, und daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. Ungerechnet die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten Freund wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch diejenigen, welche glauben, sein Aufenthalt in Mannheim wäre so angenehm gewesen, aus einem großen Irrtum.

Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein häusliches Leben – über das Unzulängliche seiner Einnahme – seine Zerstreuung und schwärmerischen Träumereien – die Sehnsucht nach Bauerbach usw. fordern hier um so mehr einige Erläuterungen, als er ein viel zu bedeutender Mensch war, um solche Umstände übergehen zu können, und weil hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder verhehlt wurde.

Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen genug besitzt, um sich eigne Bedienung halten zu können, eine beinahe unmögliche Sache, seine Kleidung, Wäsche, Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung zu halten, daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern, Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß allein mit ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen ihres Geistes folgen müssen, noch weit weniger der Fall.

Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein Wollen, seine Pläne sind, um so weniger kann es sich mit solchen Sachen befassen, die auch dem gewöhnlichen Manne schon als solche Kleinigkeiten erscheinen, daß er deren Besorgung unter seiner Würde erachtet. Wenn nun diese Abneigung auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr nach vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen besteht; um wie viel störender muß es einem Dichter oderKünstler sein, wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus seinem Nachdenken, aus seiner Begeisterung gerissen, und gewissermaßen aus einer wärmenden Behaglichkeit in eiskaltes Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee, ein Ausdruck festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den Anfang und die Folge derselben oft wieder aufs neue suchen muß, so würde die Geduld keine so harte Probe bestehen müssen.

Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über den Plan eines Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, in der Ausarbeitung eines Monologes, und stelle sich vor, wie ihm sein mußte, wenn ihm reine Wäsche übergeben und die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere erst suchen und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung beschädigt fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener Diener zu unrechter Zeit eintraf; man denke sich dieses, und glaube dann, daß er trotz seiner Gutmütigkeit oft in eine widerliche Gemütsstimmung geriet.

Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge erlösen können, die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert wohnte, sich auch seine kärgliche Mittagskost, von der noch für den Abend etwas zurückgehalten werden mußte, aus einem Gasthause holen ließ. Es würde übrigens eine sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu darzustellen; denn es würde sich hier durchaus nichts Bewegliches und selbst das nicht, was sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung bei jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine Einnahme während acht Monaten setzt er selbst auf 500 Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu wenig scheint,dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben ist, denn außer seiner Besoldung von 300 Gulden, die er vorausnehmen mußte, konnte ihm nur der Ertrag des Druckes von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen geringen Mitteln mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte anschaffen; er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, das heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, Ausflüge auf das Land mitmachen; daher er denn auch immer, nicht nur für den nächsten Monat, sondern für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen war und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.

Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch noch das kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle Martern des Tantalus mit sich führte. Denn der brennendste Durst, der heißeste Hunger durfte nicht genugsam gestillt werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten. Die Hilfe dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend, schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und wenn nichts mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat des Arztes befolgen und so viele Chinapulver, als man sonst in 24 Stunden hätte gebrauchen sollen, zwei Stunden vor dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen, was freilich oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte, daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange Jahre hinaus die übelsten Folgen zurückließ.

Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von Fiesco und Kabale und Liebe ergötzt oder in den herrlichen Szenen von Don Carlos seine Gefühle schwelgen läßt, doch nie vergessen, daß unter so drückenden, beugenden Umständen die obigen Stücke verändert und der erste Akt des letztern gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern, der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig erhielt und an der heiligen Flamme nährte, die nicht von der Erde, sondern von oben her leuchtet.

Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge dieser Lage, der Freund des Dichters, es später nie mehr über sich gewinnen konnte, eines dieser drei Stücke vorstellen zu sehen. So oft er den Versuch dazu machte, so mußte er dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon entfernen, weil ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im Freien stillen konnten.

Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen Söhne nicht rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest sie dem Zufall und gabst ihr geistiges Eigentum jedem Preis, der sie auf offener Straße darum berauben wollte. Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute der einzelnen, nicht deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es beizumessen, wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden und sich an ihrem Licht entzünden.

Wie wahrhaft sagt Schiller:

»Kein Augustisch Alter blühte,Keines Mediceers GüteLächelte der deutschen Kunst;Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,Sie entfaltete die BlumeNicht am Strahl der Fürstengunst.– – – – – – – – –– – – – – – – – – –– – – – – – – – –Rühmend darf's der Deutsche sagen,Höher darf das Herz ihm schlagen:Selbsterschuf er sich den Wert.«

»Kein Augustisch Alter blühte,Keines Mediceers GüteLächelte der deutschen Kunst;Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,Sie entfaltete die BlumeNicht am Strahl der Fürstengunst.– – – – – – – – –– – – – – – – – – –– – – – – – – – –Rühmend darf's der Deutsche sagen,Höher darf das Herz ihm schlagen:Selbsterschuf er sich den Wert.«

Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, die sich immer wieder erneuert, so oft diese trüben Tage des – jetzt so hoch gefeierten – Dichters der Erinnerung vorschweben.

Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen damaligen Umständen angemessen. Dort, in diesem stillenOrt, in Gesellschaft und unter dem Schutz einer wohlwollenden Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich um die Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, weil die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so ungestörter seinen Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit und Pflege jede Mahnung an die Kleinigkeiten des Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche Zustand war ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner Schwester noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend kleine Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne Aufhören vorschwebten, und seinen Geist, seine dichterischen Träume zerstreuten usw.« gegen Herrn Reinwald beklagte, kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die jeden Augenblick Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen durfte.

Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend und träumend für nichts und in nichts als theatralischen Dichtungen lebte, in diesen wie in seinem eigentlichen Elemente sich befand, sie immerwährend ordnend, niederschreiben zu wollen schien und dennoch bei der Menge sich ihm darbietender Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen konnte. Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin von Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron Dalberg aufgefordert, den Don Carlos dafür zu nehmen. Während er sich noch in Mannheim mit der Geschichte Spaniens recht vertraut zu machen suchte, glaubte er es leichter, einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese, bald jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte. Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, und beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon anfing, seine Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den Plan wieder auf, indem es ihm unter der Würde des Dramasund eines wahren Dichters schien, die größte Wirkung einer Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.

Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist erscheinen läßt, hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser nur als eine Nebensache angewendet worden, die weder auf die Handlung selbst noch auf deren Ausgang den mindesten Einfluß ausübe.

Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende Ausspinnen einer verwickelten Gegebenheit ermüdete ihn aber weit mehr, als wenn er die wirkliche Ausarbeitung begonnen hätte.

Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur ganz entgegen, an irgend etwas nur oberflächlich zu denken. Alles sollte erschöpft, alles zu Ende gebracht werden. Daher beschäftigten sich seine Gedanken so lange mit einem Plane, bis er entweder die Hoffnung, einen wirkungsvollen Ausgang herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte ermüdeten, und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände ging ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine immer glühende, nur mit leichter Asche bedeckte Kohle. Ein Hauch, und sie sprühte Funken.

Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen schnell entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten Schriftsteller für die Bühne werden können, aber wenn es an das Niederschreiben kam, da erlaubte sein tiefes Gefühl der Feder keine Eile. So wie er jede Sache in ihrem ganzen Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht nur auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde seiner Ausdrücke und Wendungen, welche die Gedanken ebenso wie das Gefühl aufregen und sich dem empfänglichen Gemüt einprägen.

Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen worden, sind um vieles mehr entschlossen. Kaum ist ein Gegenstand gefunden, so wird schon die Feder eingetaucht, damit die Arbeit schnell fertig werde. Schnell werden auch Vorteile damit erreicht, aber –

»der Ruhm mit seiner Sternenkrone«

»der Ruhm mit seiner Sternenkrone«

kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während Schiller noch immer unentschlossen blieb, welche Handlung er zu einem neuen Trauerspiele wählen solle, war schon das Frühjahr verflossen, und Baron Dalberg vernahm weder von ihm selbst noch von andern, daß er sich für einen Stoff entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung verschwand, in diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der Bühne zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was der magern Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. Um nun Schillern zur Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses nicht gelingen sollte, auf eine gute Art wieder loszubringen, beredete Baron Dalberg einen Bekannten desselben, seinen Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel heißen sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten Gedichte und drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen der damaligen Zeit übertrafen, und noch heute nach fünfzig Jahren auf allen deutschen Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, und dafür eine solche zu nehmen, mit welcher bloß Rezepte ausgefertigt werden könnten.

Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, trat S. zu dem Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger Freude den gemachten Vorschlag berichtete und denselben – wenn ihm auf einige Jahre Unterstützung zu teil würde – als das einzige Rettungsmittel aus seinem sich täglich mehr verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich, alsogleich an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwortdarauf erfolgen würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, das andere nur nach der eignen Weise beurteilte, doch nicht abhalten, eine Bitte zu tun, die zu seinem eignen Besten, sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt blieb.

Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, wenn derjenige, den er als seinen hohen Gönner achtete, einige hundert Gulden daran gewagt hätte, damit der Dichter wieder in einen Arzt, das heißt in einen solchen Mann umgewandelt würde, der alles, was er bisher geschaffen, vergäße – der den Boden, welcher schon so herrliche, prachtvolle Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch wären die Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so gewisser vergeblich gewesen, da er sich wohl nie zu dem ängstlichen Fleiße, zu einer in das kleinste eingehenden Teilnahme hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender Arzt gar nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise hätte er sich in das Philosophische der Medizin geworfen; vielleicht – wozu er nur zu viele Anlage hatte – hätte er ein ganz neues System der Heilkunde aufgestellt.

Allein wie lange würde dieses gedauert haben? – Jedes Geschlecht sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch dessen Untergang. Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. Hier war er Held, hier war er Herrscher; hier fühlte er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur durch diese konnte er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und dessen Grenze wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser Antrag hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen Wanken ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, alles andere vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine ganze Zeit Don Carlos zu widmen. Von diesem hatte er schon mehrere Szenen entworfen, auch den Gang des Stückes so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht ganz widerspräche, doch aber der Charakter Philipps etwas gemilderterscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten Trauerspiele, so wird man die längere Überlegung des Dichters sowie sein Zaudern, sich schnell an diese Arbeit zu wagen, sehr begreiflich finden. Im Don Carlos hatte er Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten Sphäre bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden schlugen. Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden Personen als Tyrannen, als blutdürstige Henker zu zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für ihn sehr gering gewesen. Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die verabscheuungswürdigsten Menschen mit derselben Larve, die sie im Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu darstellen, ihre folgenden Handlungen andeuten und das Ganze dennoch auf eine solche Art stellen, daß es ein höchst anziehendes Schauspiel, aber keinem Zuschauer widerlich wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit all dem Fluß und Wohllaut ausstatten, für welche er ein so äußerst empfindliches Gefühl hatte. Er glaubte daher auch, daß hierzu Jamben der Würde der Handlung sowie der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei vollen Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben hatte. Jetzt mußte er seine Ausdrücke rhythmisch ordnen; er mußte, um die Jamben fließend zu machen, versuchen, schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur erst eine Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst, daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, da es auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel mehr das Erhabene und die Schönheit der Ausdrücke veredeln mußte. Seine Freude, sein Vergnügen über den guten Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit, und er sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher erS. dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte. Dieser kannte schon früher keinen höhern Genuß als die prachtvolle, so vieles in sich fassende und dennoch so glatt dahinrollende Prosa seines Freundes. Nun aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:


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