— wenn es hin zur Fluth euch lockt, —— zum grausen Wipfel jenes Felsen,Der in die See nickt über seinen Fuß, —Der Ort an sich bringt Grillen der VerzweiflungAuch ohne weitern Grund in jedes Hirn,Der so viel Klafter niederschaut zur See,Und hört sie unten brüllen;
— wenn es hin zur Fluth euch lockt, —
— zum grausen Wipfel jenes Felsen,
Der in die See nickt über seinen Fuß, —
Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung
Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,
Der so viel Klafter niederschaut zur See,
Und hört sie unten brüllen;
sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch unsre Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch in unserm Innern Gedichte und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere, das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und kunstmäßig den unerfreulichen Raum schmücken; diese Gebilde aber können dann freilich nicht den Charakterihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um diesen selbst nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen.
Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von dieser Art?
Vielleicht, antwortete Ernst.
Doch nicht allegorisch?
Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden ihres Wesens hätte. Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Räthsel in den mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verständniß ringend auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante’s Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nurdieGeschichte ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die ermüdendste Unterhaltung.— Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat.
Anton zog einige Blätter hervor und las:
Betrübt saß ich in meiner Kammer,Dacht’ an die Noth, an all den Jammer,Der rundum drückt die weite Erde,Daß man nur schaut Trauergeberde,Daß Lust und Sang und frohe WeisenGezogen weit von uns auf Reisen,Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,So Furcht wie Angst bei jedem Feste,Daß jedermann nur frägt in Sorgen:Wie wird es mit dir heut und morgen?Dazu war ich noch schwach und krank,Mir war so Tag wie Nacht zu lang;Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,Was ich nicht trinken durft’ und essen,Wie meine Pein zu lindern wäre,Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:So saß ich still in mich gebückt,Den Kopf in meine Hand gedrückt,Als ich, so sinnend, es vernahmDaß jemand an die Thüre kam,Es klopfte, und ich rief: herein!Da öffnet schnell ein HändeleinSo weiß wie Baumesblüth, herfürTrat dann ein Knäblein in die Thür,Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,Die eben aus den Knospen losen,Wie Rosengluth die Lippen hold,Das krause Haar ein funkelnd Gold,Die Augen dunkel, violbraun,Der Leib gar lieblich anzuschaun.Er trat vor mich und thät sich neigen,Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?Der Frühling geht umher mit Pracht,Hat Laub des Waldes angefacht,Es brennt das grüne Feuer wieder,Und drein ertönen tausend Lieder,Die Erde trägt ihr Sommerkleid,Der Plan erglänzt von Blumen weit,Es spielt der Fisch in blauem See,Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,Die Lieb- und Segen-schwangre LuftDurchspielt in Wogen Kraft und Duft,Das Kindlein lacht die Blüthen anAus rothem Mund mit weißem Zahn,Der Jüngling sieht sein Herz und LiebenIn Blumenschrift mit Glanz geschrieben,Sich hebt der Jungfrau schöne BrustIn ahndungsvoller Liebeslust,Der Greis erfrischt die alten GliederUnd dünkt sich in der Kindheit wieder,Und jedermann fühlt freudenschwangerDen dunkeln Wald, den lichten Anger.Du nur willst sitzen hier gekauert,In deinen Sorgen eingemauert,Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,In Noth und Zweifeln eingeengt?Ich kenne dich nicht wieder schier;Hinaus mach’ stracks dich vor die Thür,Und thu dein menschlich AngesichtHinein in holdes Himmelslicht,Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,Das Auge, das sonst Strahlen scharf,Von seinem lichten Bogen warf,Ist tief hinein zum Haupt geschmolzenUnd schießt nur schwer’ und stumpfe Bolzen;Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,In deiner gelb verschrumpften HautDer Kummer sich im Spiegel schaut;Nicht, Creatur, mach’ Schand’ und Spott,Der dich geschaffen, deinem Gott,Schau aus, als seist nach seinem BildeFormiret edel, heiter, milde,Verbrümmelt nicht und ungelachsen,Als sein in dir zusamm gewachsenAll Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;Frisch auf, laß dich von mir regieren,Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.Er schwang in seiner Rechten zartDie Tulpenblum seltsamer Art,Wie er sie auf und nieder regteEin farbig Feuer sich bewegte,Und lichte Sterne kreisten, welcheSich schüttelten aus goldnem Kelche,Sie flogen wie die Vöglein munterMir um das Haupt, herauf, herunter,Und neckten mich mit Flammenleuchte,Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.Ich sprach halb zornig: wer bist du,Der mich gestört in meiner Ruh,Du Knäblein laut, vorwitziglich,Der du also bespöttelst mich,Und willst, weil du ein Kindlein frei,Daß alle Welt auch kindisch sei?Ich habe mehr gelernt, erfahren,Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,Daß Spiel, unnützer ZeitvertreibNicht mehr gefallen meinem Leib,Auch ist umher die ganze WeltAuf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,Daß der nur Thor jedwedem scheint,Der sich nicht höherm Zweck vereint,Du aber, Knäblein, bist inmittenDer Bildung nicht mit fortgeschritten,Meinst noch, daß man nach Blum’ und KrautUnd all den Kinderein ausschaut,Das hält man jezt für Rauch und Dunst,Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.Der Knabe lacht’, daß sich das GoldDer Locken in einander rolltUnd sprach: sonst hast mich wohl gekannt,Ich bin der Phantasus genannt,Heimathlich war ich sonst bei dir,Dein Spielgefährte für und für,Als du mich noch am Herzen hegtestUnd väterlich und freundlich pflegtest,Da war dein Sinn anders gestellt,Mit dir zufrieden und der WeltWar dir die Arbeit Lust und Scherz,Frisch und gesund dein junges Herz.Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;Du also bist dasselbe Kind,Das täglich Blumen mir gebracht,Holdseeliglich mich angelacht,Das mir verscherzt die muntern Stunden,Vielfältig Spielzeug mir erfunden?Seitdem bist du von mir entwichenUnd anderwärts umher gestrichen,Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,Und gaben mir in meine HandDer Bücher viel und mancherleiVoll tiefen Sinns, Philosophei,Ich strebte, mich aus rohem WildenZum wahren Menschen umzubilden;Drauf ich auch zur Geschichte kam,Die Noth der Welt zu Herzen nahm,Die Chronikbücher unverdrossenHab’ ich in Nächten aufgeschlossen,Die Vorzeit stieg zu mir herüberUnd immer ernster wards und trüber:Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,Dann glaubt’ ich Wahrheit zu besitzen,Dann kam die Dämmrung, faßt’ es wiederUnd taucht’ es in die Finstre nieder;Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,Das neue Licht macht’ mich noch banger,Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,Die Finstre neu draus wird geboren:So wies Histori mir nur Noth,Im Leben auch nur Grab und Tod,Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,Und spricht von seinem FelsenthronDen hohen Göttersöhnen Hohn:Natur hab’ ich ergründen wollen,Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,Verlor mich in ein steinern Reich,Ich glaubte all’s, nichts doch zugleich,Wollt’ Pflanz, Metall und Stein verstehn,Mußt’ mir doch selbst verloren gehn,Hatt’ viel Kunstworte bald erstanden,Ich selbst gekommen nur abhanden,Um endlich wieder zu gelangenNoch dummer wo ich ausgegangen:Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,Hab’ ich in Angst mich abgequält,Verstehst du wohl die alten Schriften,Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,Komm, laß uns in den schönen TagenSo spielen, wie wir sonst gepflogen,Wenn du mir etwas noch gewogen.
Betrübt saß ich in meiner Kammer,
Dacht’ an die Noth, an all den Jammer,
Der rundum drückt die weite Erde,
Daß man nur schaut Trauergeberde,
Daß Lust und Sang und frohe Weisen
Gezogen weit von uns auf Reisen,
Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,
So Furcht wie Angst bei jedem Feste,
Daß jedermann nur frägt in Sorgen:
Wie wird es mit dir heut und morgen?
Dazu war ich noch schwach und krank,
Mir war so Tag wie Nacht zu lang;
Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,
Was ich nicht trinken durft’ und essen,
Wie meine Pein zu lindern wäre,
Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:
So saß ich still in mich gebückt,
Den Kopf in meine Hand gedrückt,
Als ich, so sinnend, es vernahm
Daß jemand an die Thüre kam,
Es klopfte, und ich rief: herein!
Da öffnet schnell ein Händelein
So weiß wie Baumesblüth, herfür
Trat dann ein Knäblein in die Thür,
Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,
Die eben aus den Knospen losen,
Wie Rosengluth die Lippen hold,
Das krause Haar ein funkelnd Gold,
Die Augen dunkel, violbraun,
Der Leib gar lieblich anzuschaun.
Er trat vor mich und thät sich neigen,
Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:
Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,
Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?
Der Frühling geht umher mit Pracht,
Hat Laub des Waldes angefacht,
Es brennt das grüne Feuer wieder,
Und drein ertönen tausend Lieder,
Die Erde trägt ihr Sommerkleid,
Der Plan erglänzt von Blumen weit,
Es spielt der Fisch in blauem See,
Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,
Die Lieb- und Segen-schwangre Luft
Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,
Das Kindlein lacht die Blüthen an
Aus rothem Mund mit weißem Zahn,
Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben
In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,
Sich hebt der Jungfrau schöne Brust
In ahndungsvoller Liebeslust,
Der Greis erfrischt die alten Glieder
Und dünkt sich in der Kindheit wieder,
Und jedermann fühlt freudenschwanger
Den dunkeln Wald, den lichten Anger.
Du nur willst sitzen hier gekauert,
In deinen Sorgen eingemauert,
Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,
In Noth und Zweifeln eingeengt?
Ich kenne dich nicht wieder schier;
Hinaus mach’ stracks dich vor die Thür,
Und thu dein menschlich Angesicht
Hinein in holdes Himmelslicht,
Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,
Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,
Das Auge, das sonst Strahlen scharf,
Von seinem lichten Bogen warf,
Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen
Und schießt nur schwer’ und stumpfe Bolzen;
Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,
Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,
In deiner gelb verschrumpften Haut
Der Kummer sich im Spiegel schaut;
Nicht, Creatur, mach’ Schand’ und Spott,
Der dich geschaffen, deinem Gott,
Schau aus, als seist nach seinem Bilde
Formiret edel, heiter, milde,
Verbrümmelt nicht und ungelachsen,
Als sein in dir zusamm gewachsen
All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,
Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;
Frisch auf, laß dich von mir regieren,
Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.
Er schwang in seiner Rechten zart
Die Tulpenblum seltsamer Art,
Wie er sie auf und nieder regte
Ein farbig Feuer sich bewegte,
Und lichte Sterne kreisten, welche
Sich schüttelten aus goldnem Kelche,
Sie flogen wie die Vöglein munter
Mir um das Haupt, herauf, herunter,
Und neckten mich mit Flammenleuchte,
Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.
Ich sprach halb zornig: wer bist du,
Der mich gestört in meiner Ruh,
Du Knäblein laut, vorwitziglich,
Der du also bespöttelst mich,
Und willst, weil du ein Kindlein frei,
Daß alle Welt auch kindisch sei?
Ich habe mehr gelernt, erfahren,
Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,
Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib
Nicht mehr gefallen meinem Leib,
Auch ist umher die ganze Welt
Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,
Daß der nur Thor jedwedem scheint,
Der sich nicht höherm Zweck vereint,
Du aber, Knäblein, bist inmitten
Der Bildung nicht mit fortgeschritten,
Meinst noch, daß man nach Blum’ und Kraut
Und all den Kinderein ausschaut,
Das hält man jezt für Rauch und Dunst,
Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.
Der Knabe lacht’, daß sich das Gold
Der Locken in einander rollt
Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt,
Ich bin der Phantasus genannt,
Heimathlich war ich sonst bei dir,
Dein Spielgefährte für und für,
Als du mich noch am Herzen hegtest
Und väterlich und freundlich pflegtest,
Da war dein Sinn anders gestellt,
Mit dir zufrieden und der Welt
War dir die Arbeit Lust und Scherz,
Frisch und gesund dein junges Herz.
Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;
Du also bist dasselbe Kind,
Das täglich Blumen mir gebracht,
Holdseeliglich mich angelacht,
Das mir verscherzt die muntern Stunden,
Vielfältig Spielzeug mir erfunden?
Seitdem bist du von mir entwichen
Und anderwärts umher gestrichen,
Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,
Und gaben mir in meine Hand
Der Bücher viel und mancherlei
Voll tiefen Sinns, Philosophei,
Ich strebte, mich aus rohem Wilden
Zum wahren Menschen umzubilden;
Drauf ich auch zur Geschichte kam,
Die Noth der Welt zu Herzen nahm,
Die Chronikbücher unverdrossen
Hab’ ich in Nächten aufgeschlossen,
Die Vorzeit stieg zu mir herüber
Und immer ernster wards und trüber:
Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,
Dann glaubt’ ich Wahrheit zu besitzen,
Dann kam die Dämmrung, faßt’ es wieder
Und taucht’ es in die Finstre nieder;
Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,
Das neue Licht macht’ mich noch banger,
Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,
Die Finstre neu draus wird geboren:
So wies Histori mir nur Noth,
Im Leben auch nur Grab und Tod,
Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,
Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,
Und spricht von seinem Felsenthron
Den hohen Göttersöhnen Hohn:
Natur hab’ ich ergründen wollen,
Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,
Verlor mich in ein steinern Reich,
Ich glaubte all’s, nichts doch zugleich,
Wollt’ Pflanz, Metall und Stein verstehn,
Mußt’ mir doch selbst verloren gehn,
Hatt’ viel Kunstworte bald erstanden,
Ich selbst gekommen nur abhanden,
Um endlich wieder zu gelangen
Noch dummer wo ich ausgegangen:
Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,
Hab’ ich in Angst mich abgequält,
Verstehst du wohl die alten Schriften,
Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?
Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,
Komm, laß uns in den schönen Tagen
So spielen, wie wir sonst gepflogen,
Wenn du mir etwas noch gewogen.
Der Kleine schmeichelt’ sich an mich,Drückt’ an mein Knie mit Lächeln sich,Wandt’ sich hieher und dorthin nun,Fast wie die jungen Kätzlein thun.Da gehn wir aus dem Haus, und warmNimmt Sommer mich in seinen Arm,Die Lerch’ in Lüften jubilirt,Hänfling und Drossel musizirt,Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,Die Blumen roth, braun, gold und blauStehn dicht gedrängt auf grüner Au,Die Bienen summen lustig, nippenDen Honigseim von Blumenlippen,Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,Von neuem tönt und schwazt der MundDer kindschen Quellen, Frühlings HandNahm von den Zungen ab das Band,Daß Winter jährlich um sie legt,Daß sich kein lautes Wörtchen regt,Die Sommergäst’ auch sind mit SchalleIns Land zurück gekommen alle.Indem wand sich der BuchenhainVom Plane ab den Weg hinein,Der Glanz mit Grün schön war gemischt,Die stille Luft vom Wind erfrischt,Die wilden Tauben hört’ ich girren,Zeisig und Fink in Nestern schwirren,Ein Duft süß aus den Bäumen floß,Ein Rieseln sänftlich sich ergoßAus Tannenbäumen, die vom WindeSanft angespielt erklangen linde,Das all war meinem kranken LebenAls Labsal und Arznei gegeben.Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,Willkommen mir ihr Waldesklänge!Ich war noch nie in den Revieren,Sprich, wohin willst du mich denn führen?Er sagte nichts, nur freundlich winktSein Aug’, das mir ins Auge blinkt.Einsamer ward der dichte Hain,Gespaltener des Lichtes Schein,Der sich in Gattern um uns legteUnd mit des Luftes Zug bewegte;Da hört’ ich Wild von ferne schrein,Da sangen fremde Vögel dreinMit wundersamen Ton, es klangenViel Bächlein, die aus Felsen sprangen,Wie Schatten zog es her und hin,Ein Schauer flog durchmeinen Sinn.Nun wars, als hört’ ich Kinder plaudern,Hin lief ich ohne länger Zaudern,Und als ich nach dem Ort gekommen,Von wo ich erst den Ton vernommen,Da that sich auf des Waldes Dunkel,Und vor mir lag ein hell Gefunkel,Roth sah ich wilde Nelken blühn,Sammt lichten Sternen von Jasmin,Und duftend Kraut Je länger lieber,Das rankte eine Grott’ hinüber,An die sich hoch der Epheu schlang,Und aus der Höhle kam Gesang.Da schaut ich in den Fels hinein,Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,Güldnes Gewand den Leib umfloß,An den sich Spang’ und Gürtel schloß,Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,Sie schien in Furcht und Zittern bangeUnd schloß sich an ein Mannsgebild,Das schaute aus den Augen wild,Doch lächelt’ er mit Freundlichkeit:Er war in schwarz Gewand gekleidt,Ein dunkles Haar hing um das Haupt,Er trug von wildem Wein umlaubtDen güldnen Stab in seiner Hand,Geflochten war um sein GewandEpheu und Tannenzweig’ in Kränzen,Wozwischen rothe Rosen glänzen;Er sprach und sang der Schönen vor,Und flüsterte ihr oft ins Ohr.Da fragt’ ich: Kind, wer sind die beide?Der Knabe sprach: im schwarzen KleideDer ist der Schreck, von Mährchen altenBeschreibt er gern die Schau’rgestalten;Das Mägdlein da im lichten KleidIst meine liebe Albernheit,Sie ängstet sich und um so gernerHört sie den andern reden ferner,Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,Läßt sich doch spielend davon necken,Sie lächelt, und vor Schauder weintIhr Lachen, das in Thränen scheint,Sie freut sich und wird voraus bleich,So spielt sie mit dem Geisterreich,Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech’ ich jezt,Was dich recht durch und durch entsetzt!Dann bittet sie: so schweige lieber, —Nein, spricht sie dann, erzähl’ es, Lieber;Nun rauscht der schwarze Tannenhain,Dann weinen Felsenbäche drein,Sie meint, sie stirbt vor Angst und SchmerzUnd drückt dem Schreck sich fest ans Herz.Da sah ich einen Kleinen gaukelnUnd sich in allen Blumen schaukeln,Ein herzigs Kind, das auf und niederIm Tanze schwang die zarten Glieder,Bald klettert’ es in EpheurankenUnd ließ sich kühn vom Winde schwanken,Bald stand oben am Fels der LoseUnd duckte sich in eine Rose.So eilig, daß der Stengel knickteWie er sich in die Röthe bückte,Dann fiel er lachend auf die AuUnd war benetzt vom Rosenthau:In Blättern, aus Jasmin gezogen,Beschifft’ er dann des Baches Wogen,Und bracht’ als Kriegsgefangne heimDie Bienen mit dem Honigseim;Dann sucht’ er Muscheln sich im SandeUnd Stein’ und Kiesel vielerhande,Und putzte drin das FelsenhausMit vielen artgen Schnörkeln aus:Auf einmal ließ er alles liegenUnd schien durch Lüfte schnell zu fliegen,Nun auf dem höchsten TannenbaumStand er und übersah den Raum,Mit Riesenstärke bog er dannDes Baumes Wipfel auf den PlanUnd ließ ihn dann zurücke schießen;Des Baches Wogen mußten fließenIn Wasserfällen laut und brausend,Der mächtge Wald dazwischen sausend,Ein furchtbar Echo, das von obenHin durch den Thalgrund sprach mit Toben,Dazu des Donners Krachen viel,Schien alles ihm nur Harfenspiel.Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,War jezt großmächtig wie ein Berg,Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,Zur Höhe des Gebirgs hinauf,Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,Die ließ er sich zum Thale wälzenMit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,Das machte ihn von Herzen lachen,Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,So ungeschlacht zur Ebne schollern,Wie sie die nackten Hauer fletschenUnd Wald und Berg im Sturz zerquetschen.Da war ich bang und furchtsam fast,Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,Der erst ein Kindlein thörigt spielte,An Bienen nur sein Müthlein kühlte,Ein Tandmann schien, doch nun erwachsenSo ungeheuer, ungelachsen,Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,Daß sie ihn sich vom Halse hält?Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,Der Groß und Klein dasselbe scheint;Oft ist er zart und lieb unschuldig,Doch wird er wild und ungeduldig,So kühlt er seinen Muth, den frechen,Und all’s muß biegen oder brechen. —Kann man nicht, fragt’ ich, Sitt’ ihm lehren? —Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,Er acht’t kein noch so klug Gebot,Und schreit nur, das thut mir nicht noth!So lassen sie ihm seinen Willen. —Da schlug urplötzlich aus dem StillenDer Sang von tausend Nachtigallen,Die ließen ihre Klage schallen,Und aus dem grünen WaldesraumErglänzt’ ein leuchtend goldner Saum,Von Purpurkleidern, die erbebenIn Gluth, wie sich die Glieder hebenVom schönsten weiblichen Gebilde,Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,Und kam aus dunkelm Wald hervorWie Sonne durch des Morgens Thor,Das goldne Haar in Wellen fließend,Das lichte Aug’ die Welt begrüßend,Das rothe Lächeln Wonne streuend,Des Leibes Glanz rings all erfreuend;So wie die Augen leuchtend gingen,Die Blumen an zu blühen fingen,Das Gras ward grüner, WonnebebenSchien Stein und Felsen zu beleben,Die Wasser jauchzten, und im InnernBewegt ein seliges ErinnernDer Erde allertiefstes Herz,Demant erwuchs und Goldes-Erz.Wer ist, fragt ich, die dort regiert,So zart und edel gliedmasirt,Die Klare, Holde, minniglich’?Nenn’ ihren Namen, Knabe, sprich!Dir ist es also nicht bewußt,Sprach, Phantasus, in deiner Brust,Was Thier’ und Pflanzen, Stein’ empfinden,Ich muß dir ihren Namen künden?Die Liebe ist sie! Und alsbaldKannt’ ich die göttliche Gestalt,Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthigKomm’ ich zu dir, o sei mir gütig,Wie du die ganze Welt beglückst,In jedes Herz die Wonne schickst,Gedenke mein, laß nicht mein LebenAls liebeleeren Traum verschweben.Gebietend hob sie auf die Hand,Da kamen aus dem grünen Land,Von Bergen, aus dem niedern Thal,Die Geister wimmelnd ohne Zahl,Aus Bächen huben sie sich schnellUnd leuchteten von Schimmern hell,Die Bäume thaten all sich auf,Es sprangen vor mit munterm Lauf,Die zarten Elfen, und aus kleinenBlümlein wollten sie auch erscheinen,Gar klein gestalt, in Farben bunt:Da sang ein tausendfacher MundDer hohen Göttin Lob und Dank,Gar wundersam war der Gesang,Sie sonnten sich in ihrem LächelnBerauscht von ihres Othems Fächeln.Da wandt’ sich Phantasus zu mir:Nun, Werther, wie gefällts dir hier?Ich wollte sprechen: seeliglichDünkt mir dies Leben sicherlich,Doch nahm der allergrößte SchreckMir plötzlich Stimm und Othem weg;Was ich für Grott’ und Berg gehalten,Für Wald und Flur und Felsgestalten,Das war ein einzigs großes Haupt,Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,Still lächelt er, daß seine Kind’In Spielen glücklich vor ihm sind,Er winkt, und ahndungsvolles BrausenWogt her in Waldes heil’gem Sausen,Da fiel ich auf die Knie nieder,Mir zitterten in Angst die Glieder,Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:Sag an, was ist das Große dort?Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,Das ist der Vater, unser Alter,Heißt Pan, von allem der Erhalter. —Ein mächt’ger Schauder faßte mich,Mit Zittern schnell erwachte ich,Und so bewegt von dem GesichtVerkünd’ ichs euch, verschweig’ es nicht.
Der Kleine schmeichelt’ sich an mich,
Drückt’ an mein Knie mit Lächeln sich,
Wandt’ sich hieher und dorthin nun,
Fast wie die jungen Kätzlein thun.
Da gehn wir aus dem Haus, und warm
Nimmt Sommer mich in seinen Arm,
Die Lerch’ in Lüften jubilirt,
Hänfling und Drossel musizirt,
Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,
Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,
Die Blumen roth, braun, gold und blau
Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,
Die Bienen summen lustig, nippen
Den Honigseim von Blumenlippen,
Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,
Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.
Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,
Von neuem tönt und schwazt der Mund
Der kindschen Quellen, Frühlings Hand
Nahm von den Zungen ab das Band,
Daß Winter jährlich um sie legt,
Daß sich kein lautes Wörtchen regt,
Die Sommergäst’ auch sind mit Schalle
Ins Land zurück gekommen alle.
Indem wand sich der Buchenhain
Vom Plane ab den Weg hinein,
Der Glanz mit Grün schön war gemischt,
Die stille Luft vom Wind erfrischt,
Die wilden Tauben hört’ ich girren,
Zeisig und Fink in Nestern schwirren,
Ein Duft süß aus den Bäumen floß,
Ein Rieseln sänftlich sich ergoß
Aus Tannenbäumen, die vom Winde
Sanft angespielt erklangen linde,
Das all war meinem kranken Leben
Als Labsal und Arznei gegeben.
Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,
Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,
Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,
Willkommen mir ihr Waldesklänge!
Ich war noch nie in den Revieren,
Sprich, wohin willst du mich denn führen?
Er sagte nichts, nur freundlich winkt
Sein Aug’, das mir ins Auge blinkt.
Einsamer ward der dichte Hain,
Gespaltener des Lichtes Schein,
Der sich in Gattern um uns legte
Und mit des Luftes Zug bewegte;
Da hört’ ich Wild von ferne schrein,
Da sangen fremde Vögel drein
Mit wundersamen Ton, es klangen
Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,
Wie Schatten zog es her und hin,
Ein Schauer flog durchmeinen Sinn.
Nun wars, als hört’ ich Kinder plaudern,
Hin lief ich ohne länger Zaudern,
Und als ich nach dem Ort gekommen,
Von wo ich erst den Ton vernommen,
Da that sich auf des Waldes Dunkel,
Und vor mir lag ein hell Gefunkel,
Roth sah ich wilde Nelken blühn,
Sammt lichten Sternen von Jasmin,
Und duftend Kraut Je länger lieber,
Das rankte eine Grott’ hinüber,
An die sich hoch der Epheu schlang,
Und aus der Höhle kam Gesang.
Da schaut ich in den Fels hinein,
Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,
Güldnes Gewand den Leib umfloß,
An den sich Spang’ und Gürtel schloß,
Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,
Sie schien in Furcht und Zittern bange
Und schloß sich an ein Mannsgebild,
Das schaute aus den Augen wild,
Doch lächelt’ er mit Freundlichkeit:
Er war in schwarz Gewand gekleidt,
Ein dunkles Haar hing um das Haupt,
Er trug von wildem Wein umlaubt
Den güldnen Stab in seiner Hand,
Geflochten war um sein Gewand
Epheu und Tannenzweig’ in Kränzen,
Wozwischen rothe Rosen glänzen;
Er sprach und sang der Schönen vor,
Und flüsterte ihr oft ins Ohr.
Da fragt’ ich: Kind, wer sind die beide?
Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide
Der ist der Schreck, von Mährchen alten
Beschreibt er gern die Schau’rgestalten;
Das Mägdlein da im lichten Kleid
Ist meine liebe Albernheit,
Sie ängstet sich und um so gerner
Hört sie den andern reden ferner,
Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,
Läßt sich doch spielend davon necken,
Sie lächelt, und vor Schauder weint
Ihr Lachen, das in Thränen scheint,
Sie freut sich und wird voraus bleich,
So spielt sie mit dem Geisterreich,
Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech’ ich jezt,
Was dich recht durch und durch entsetzt!
Dann bittet sie: so schweige lieber, —
Nein, spricht sie dann, erzähl’ es, Lieber;
Nun rauscht der schwarze Tannenhain,
Dann weinen Felsenbäche drein,
Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz
Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.
Da sah ich einen Kleinen gaukeln
Und sich in allen Blumen schaukeln,
Ein herzigs Kind, das auf und nieder
Im Tanze schwang die zarten Glieder,
Bald klettert’ es in Epheuranken
Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,
Bald stand oben am Fels der Lose
Und duckte sich in eine Rose.
So eilig, daß der Stengel knickte
Wie er sich in die Röthe bückte,
Dann fiel er lachend auf die Au
Und war benetzt vom Rosenthau:
In Blättern, aus Jasmin gezogen,
Beschifft’ er dann des Baches Wogen,
Und bracht’ als Kriegsgefangne heim
Die Bienen mit dem Honigseim;
Dann sucht’ er Muscheln sich im Sande
Und Stein’ und Kiesel vielerhande,
Und putzte drin das Felsenhaus
Mit vielen artgen Schnörkeln aus:
Auf einmal ließ er alles liegen
Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,
Nun auf dem höchsten Tannenbaum
Stand er und übersah den Raum,
Mit Riesenstärke bog er dann
Des Baumes Wipfel auf den Plan
Und ließ ihn dann zurücke schießen;
Des Baches Wogen mußten fließen
In Wasserfällen laut und brausend,
Der mächtge Wald dazwischen sausend,
Ein furchtbar Echo, das von oben
Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,
Dazu des Donners Krachen viel,
Schien alles ihm nur Harfenspiel.
Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,
War jezt großmächtig wie ein Berg,
Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,
Zur Höhe des Gebirgs hinauf,
Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,
Die ließ er sich zum Thale wälzen
Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,
Das machte ihn von Herzen lachen,
Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,
So ungeschlacht zur Ebne schollern,
Wie sie die nackten Hauer fletschen
Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.
Da war ich bang und furchtsam fast,
Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,
Der erst ein Kindlein thörigt spielte,
An Bienen nur sein Müthlein kühlte,
Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen
So ungeheuer, ungelachsen,
Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,
Daß sie ihn sich vom Halse hält?
Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,
Der Groß und Klein dasselbe scheint;
Oft ist er zart und lieb unschuldig,
Doch wird er wild und ungeduldig,
So kühlt er seinen Muth, den frechen,
Und all’s muß biegen oder brechen. —
Kann man nicht, fragt’ ich, Sitt’ ihm lehren? —
Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,
Er acht’t kein noch so klug Gebot,
Und schreit nur, das thut mir nicht noth!
So lassen sie ihm seinen Willen. —
Da schlug urplötzlich aus dem Stillen
Der Sang von tausend Nachtigallen,
Die ließen ihre Klage schallen,
Und aus dem grünen Waldesraum
Erglänzt’ ein leuchtend goldner Saum,
Von Purpurkleidern, die erbeben
In Gluth, wie sich die Glieder heben
Vom schönsten weiblichen Gebilde,
Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,
Und kam aus dunkelm Wald hervor
Wie Sonne durch des Morgens Thor,
Das goldne Haar in Wellen fließend,
Das lichte Aug’ die Welt begrüßend,
Das rothe Lächeln Wonne streuend,
Des Leibes Glanz rings all erfreuend;
So wie die Augen leuchtend gingen,
Die Blumen an zu blühen fingen,
Das Gras ward grüner, Wonnebeben
Schien Stein und Felsen zu beleben,
Die Wasser jauchzten, und im Innern
Bewegt ein seliges Erinnern
Der Erde allertiefstes Herz,
Demant erwuchs und Goldes-Erz.
Wer ist, fragt ich, die dort regiert,
So zart und edel gliedmasirt,
Die Klare, Holde, minniglich’?
Nenn’ ihren Namen, Knabe, sprich!
Dir ist es also nicht bewußt,
Sprach, Phantasus, in deiner Brust,
Was Thier’ und Pflanzen, Stein’ empfinden,
Ich muß dir ihren Namen künden?
Die Liebe ist sie! Und alsbald
Kannt’ ich die göttliche Gestalt,
Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig
Komm’ ich zu dir, o sei mir gütig,
Wie du die ganze Welt beglückst,
In jedes Herz die Wonne schickst,
Gedenke mein, laß nicht mein Leben
Als liebeleeren Traum verschweben.
Gebietend hob sie auf die Hand,
Da kamen aus dem grünen Land,
Von Bergen, aus dem niedern Thal,
Die Geister wimmelnd ohne Zahl,
Aus Bächen huben sie sich schnell
Und leuchteten von Schimmern hell,
Die Bäume thaten all sich auf,
Es sprangen vor mit munterm Lauf,
Die zarten Elfen, und aus kleinen
Blümlein wollten sie auch erscheinen,
Gar klein gestalt, in Farben bunt:
Da sang ein tausendfacher Mund
Der hohen Göttin Lob und Dank,
Gar wundersam war der Gesang,
Sie sonnten sich in ihrem Lächeln
Berauscht von ihres Othems Fächeln.
Da wandt’ sich Phantasus zu mir:
Nun, Werther, wie gefällts dir hier?
Ich wollte sprechen: seeliglich
Dünkt mir dies Leben sicherlich,
Doch nahm der allergrößte Schreck
Mir plötzlich Stimm und Othem weg;
Was ich für Grott’ und Berg gehalten,
Für Wald und Flur und Felsgestalten,
Das war ein einzigs großes Haupt,
Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,
Still lächelt er, daß seine Kind’
In Spielen glücklich vor ihm sind,
Er winkt, und ahndungsvolles Brausen
Wogt her in Waldes heil’gem Sausen,
Da fiel ich auf die Knie nieder,
Mir zitterten in Angst die Glieder,
Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:
Sag an, was ist das Große dort?
Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,
Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,
Das ist der Vater, unser Alter,
Heißt Pan, von allem der Erhalter. —
Ein mächt’ger Schauder faßte mich,
Mit Zittern schnell erwachte ich,
Und so bewegt von dem Gesicht
Verkünd’ ichs euch, verschweig’ es nicht.
———
Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber unartig, ja grausam finde ich es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen, und zur Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, daß Ihnen der Beginn dieser Erzählungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen.
In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle.
Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurückhaltende Melankolie.
Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war.Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem kleinen Vermögen und war von Niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.
Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimniß haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des andern zurück schreckt.
Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durchHolz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer und vertraulicher.
Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist. — Gern, sagte Walther, und man setzte sich wieder um den Kamin.
Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die vorüber flatternden Wolken. Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten, fing Bertha an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es unrecht sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein Mährchen, so sonderbar sie auch klingen mag.
Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe machte. Sonst hört’ ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschüttenund mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.
Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas thun, oder lernen sollte. Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um meine Tage in Müssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten, züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein unnützes Geschöpf sei.
Die ganze Nacht hindurch weint’ ich herzlich, ich fühlte mich so außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber, daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war der Verzweiflung nahe.
Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete,fast ohne daß ich es wußte, die Thür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln.
Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, daß ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken.
Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der mich von der großen Straße immer mehr entfernte.Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, daß es das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durch einander werfen würde. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit, oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildniß auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie, und in den Felsenthälern hallte meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde Thiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein.
Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum, keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen emporgeschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich raffte mich auf und ging unter Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete doch den Tod.
Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mühle aus der Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, als ich endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun gar nicht fürchterlich.
Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckteihren Kopf und einen großen Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock.
Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie mir, ich möchte ihr folgen.
Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde denAnblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. Meine junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.
Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von oben sah man in ein grünes Thal voller Birken hinein, und unten mitten in denBäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit freundlichen Geberden zur Alten zurück.
Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang, der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also:
Waldeinsamkeit,Die mich erfreut,So morgen wie heutIn ewger Zeit,O wie mich freutWaldeinsamkeit.
Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.
Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne durch einander spielen.
Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne daß ich auf den Befehl der Alten wartete, trat ich mit in die Hütte. Die Dämmerung war schon eingebrochen, alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher standen auf einem Wandschranke, fremdartige Gefäße auf einem Tische, in einem glänzenden Käfig hing ein Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der die Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien sich gar nicht wieder erholen zu können, bald streichelte sie den kleinen Hund, bald sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede Antwort gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen wäre. Indem ich sie so betrachtete, überlief michmancher Schauer: denn ihr Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit dem Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr eigentliches Aussehn beschaffen war.
Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte einen ganz kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jezt sah sie sich nach mir um, und hieß mir einen von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen uns. Sie faltete ihre knöchernen Hände und betete laut, indem sie ihre Gesichtsverzerrungen machte, so daß es mich beinahe wieder zum Lachen gebracht hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht zu erboßen.
Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann wies sie mir in einer niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich blieb nicht lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht wachte ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und mit dem Hunde sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den Birken, die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer entfernten Nachtigall ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch seltsamern Traum.
Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit an. Ich mußte spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich noch für den Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell in die Wirthschaft finden, und alle Gegenständeumher wurden mir bekannt; nun war mir, als müßte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung abentheuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und daß an dem Vogel etwas Außerordentliches sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste Hellblau und das brennendste Roth wechselten an seinem Halse und Leibe, und wenn er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn noch prächtiger zeigten.
Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurück, ich ging ihr dann mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward ihr endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders in der Kindheit, gewöhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich fand mich leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit eine Quelle von unendlichem Vergnügen, denn sie hatte einige alte geschriebene Bücher, die wunderbare Geschichten enthielten.
Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist mir noch bis jezt immer seltsam: von keinem menschlichen Geschöpfe besucht, nur in einem so kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und der Vogel machten denselben Eindruck auf mich, den sonst nur längst gekannte Freunde hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen des Hundes besinnen können, so oft ich ihn auch damals nannte.
Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefähr zwölf Jahr alt sein, als sie mirendlich mehr vertraute, und mir ein Geheimniß entdeckte. Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein Ei, in dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. Ich hatte schon immer bemerkt, daß sie heimlich in dem Käfige wirthschafte, mich aber nie genauer darum bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in ihrer Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen Gefäßen wohl zu verwahren. Sie ließ mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger aus, Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere. Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe, ich war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber. — Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein Leben bis ans Ende fortführen könnte.
Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war, konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz, prächtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie meine wunderliche Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte einrechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu gewinnen. — Ihr lächelt! wir sind jezt freilich alle über diese Zeit der Jugend hinüber.
Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und that alles was ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und so fühlte ich im Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung. Wenn die Alte von ihren langen Wanderungen zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, daß ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre, weit ordentlicher geführt werde, sie freute sich über mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um.
Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden Tone; wenn du so fort fährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät. — Indem sie das sagte, achtete ich eben nicht sehr darauf, denn ich war in allen meinen Bewegungen und meinem ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir wieder ein, und ich konnte nicht begreifen, was sie damit hatte sagen wollen. Ich überlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine wohl etwas Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch deutlicher. Aber was konnte siemit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen.
Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglück für den Menschen, daß er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf mich ankomme, in der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der mir immer noch im Gedächtnisse lag.
Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als jeder andre Gedanke, aber wenn ich so an meinem Rade saß, so kam er mir immer wider Willen zurück, und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon herrlich geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Uebrigens, wenn ich meine Geschäfte that, bekümmerte sich die Alte nicht weiter um mein Wesen.
An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, und sagte mir, daß sie diesmal länger als gewöhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles ordentlich Acht geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, denn es war mir, als würde ich sie nicht wieder sehn. Ich sah ihr lange nach und wußte selbst nicht, warum ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich bewußt zu sein.
Nie hab’ ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen Aemsigkeit gepflegt, sie lagen mir näher am Herzen, als sonst. Die Alte war schon einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es war mir enge und bedrängt zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben, und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war ein seltsamer Kampf in meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir. In einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so schön vor, dann entzückte mich wieder die Vorstellung einer neuen Welt, mit allen ihren wunderbaren Mannichfaltigkeiten.
Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang mich unaufhörlich an, der Sonnenschein breitete sich munter über die Felder aus, die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich griff also den kleinen Hund, band ihn in der Stube fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel unter den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über diese ungewohnte Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an, aber ich fürchtete mich, ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen, das mit Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu mir, die übrigen ließ ich stehn.
Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit ihm zur Thür hinaus trat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen, aber er mußte zurück bleiben.
Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen undging nach der entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und es rührte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen anfangen, aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl unbequem fallen.
So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer schwächer, und endlich hörte es ganz auf. Ich weinte und wäre beinahe wieder umgekehrt, aber die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts.
Schon war ich über Berge und durch einige Wälder gekommen, als es Abend ward, und ich in einem Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von der Alten träumte, die mir drohte.
Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr ängstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich dachte daran, daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse, im Walde glaubt’ ich oft die Alte würde mir plötzlich entgegen treten. So legte ich unter Thränen und Seufzern den Weg zurück; so oft ich ruhte, und den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht lebhaft des schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur vergeßlich ist, so glaubt’ ich jezt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in derselben Lage zu sein.
Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer Wanderschaft von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir wundersamzu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber bald erkannt’ ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren war. Wie ward ich überrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend seltsamer Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles war verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre, die man damals erst errichtet hatte, waren jezt verfallen, ich traf auch Brandstellen; alles war weit kleiner, gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen Jahren wieder zu sehn; ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür war noch ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie nur gestern angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, ich öffnete sie hastig, — aber ganz fremde Gesichter saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit drei Jahren mit seiner Frau gestorben. — Ich trat schnell zurück, und ging laut weinend aus dem Dorfe hinaus.
Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem Reichthume zu überraschen; durch den seltsamsten Zufall war das nun wirklich geworden, was ich in der Kindheit immer nur träumte, — und jezt war alles umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren.
In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein kleines Haus mit einem Garten, und nahm eine Aufwärterin zu mir. So wunderbar, als ich es vermuthet hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaßdie Alte und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, und so lebt’ ich im Ganzen recht zufrieden.
Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher nicht wenig, als er in einer Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit einem veränderten Liede. Er sang: