Chapter 5

Als der Gefangene Miene machte, den Wagen zu öffnen, ergriffen ihn die Unbekannten gewaltig, und der eine rief drohend: keine Umstände! Finden Sie sich nichtgutwillig, so haben wir das Recht, Sie zu binden und zu knebeln; das geschieht auch bei dem ersten Versuche zu entfliehen, oder wenn Sie jemand Fremdes anreden wollten. Auch kann es Ihnen nichts nutzen; denn wir haben die gemessenste Ordre, die wir vorzeigen können, und auf welche uns in jeder Stadt Beistand geleistet werden muß.

So fügte sich denn der Entführte und sann stillschweigend nach, für welche Begebenheit seines frühern Lebens ihn etwa dieses Unheil treffen möchte. So in seinen Busen und dessen Geheimnisse eingehend, fand er mehr auf der Rechnung stehen, als er in seinen heitern und zerstreuten Stunden vermuthet hatte. Je länger er in der stillen Nacht fuhr, je größer wuchs in seiner Erinnerung sein Sündenregister an, und er zitterte vor der Entwicklung seines Schicksals; denn Vestung, lebenslängliche Einkerkerung, ja selbst das Aergste standen vor seiner erregten Phantasie. Er wandte sich von diesen Bildern des Schreckens ab, und suchte sich wieder zu überreden, Alles, was man ihm vorwerfen könne, sei doch nur Jugendthorheit und Leichtsinn. Mit Wehmuth mußte er an die hochmüthigen Reden gedenken, die er vor Kurzem noch gegen den Arzt geführt, und alle seine Zweifel kamen wenigstens darin überein, daß jene Handlungen, mit denen er als eben so viel Tugenden und Kraftäußerungen geprahlt hatte, doch wohl Sünden, oder gelindestens Verirrungen zu nennen wären. So blätterte er in dem dunkeln Buche seines Gewissens hin und her, und nahm sich vor, wenn ihn ein günstigeres Schicksal aus dieser Bedrängniß erlösen sollte, seinen Lebenslauf mit viel mehr Anstand und etwas mehr Weisheit zu führen.

Man fuhr die ganze Nacht und auch den folgendenTag. Der Gefangene hatte sich fast schon an seinen Zustand gewöhnt, und die Furcht, daß seine Lage noch viel schlimmer werden könnte, machte, daß er die gegenwärtige mit Geduld ertrug. Hätte er sich ganz frei und ohne Schuld gewußt, so würde er in seinem Bewußtsein Waffen gefunden haben, sich dieser Gewalt zu widersetzen; aber der Zagende bettelte jetzt von jeder Stunde seines Daseins noch eine dürftige Erquickung, im Aufschub und in der Verzögerung fand er eine Art von Glück, und vergaß sogar in manchen Augenblicken, daß sich sein Schicksal doch endlich, und wohl bald, entwickeln würde.

Am Abende, als es schon wieder finster ward, kam man an. Durch ein Thor, das sogleich wieder verschlossen wurde, fuhr der Wagen. Man brachte Licht. Ein Schreiben ward von einem der Begleiter hinaus gereicht. „Immer neue Gäste, immer mehr Geschäfte!“ murrte eine dumpfe, verdrießliche Stimme draußen. Man fuhr in den Hof. Indem man ausstieg, ging einer der Männer jenem nach, der erst geschmollt hatte, und sagte: Ja, werther Herr Direktor, endlich haben wir ihn Gott Lob! erwischt; fünf Tage hatten wir ihm vergeblich aufgepaßt. — War er ruhig? fragte jener. — „Ja, er hat sich so leidlich vernünftig aufgeführt. Ein paar Mal wollte er närrisch thun. Je nun, wir sind ja alle Menschen!“

Das Letzte hörte der Entführte nur noch aus der Ferne. Er befand sich schon auf einer großen Treppe, zu welcher ihm zwei Menschen hinauf leuchteten. Ist Numero 18. aufgeschlossen? fragte der eine. Ja! scholl es von oben herab, und zugleich ward der Fremde in ein kleines, behagliches Zimmer hinein geschoben, in welchem Stühle, Tische, ein Bett und Sopha sich befanden. Lichter wurden hingestellt, und ein freundlicher Mann trug eineAbendmahlzeit auf. „Herr Friedrich, sagte der eine Diener, Sie haben doch nichts vergessen?“ — Gewiß nicht, antwortete der kleine Mann; Alles ist schon mit dem Direktor abgemacht.

Man ließ den Fremden allein. Da er hungrig war, aß er mit großem Behagen; nur vermißte er ungern den Wein, doch ließ ihn der Durst das Wasser schmackhafter finden, als er es unter andern Umständen für möglich gehalten hätte. Er öffnete das Fenster. Eisenstäbe verwahrten es; doch blickte er im Mondlicht über eine reiche und mannigfaltige Landschaft hin. Die Thür fand er verschlossen.

Als man den Tisch wieder abgeräumt hatte, legte er sich nieder, und schlief auf die Anstrengung des Körpers und Geistes ruhig und lange. Nach dem Frühstück wurde die Thür mit einigen Ceremonien geöffnet, und ein starker, untersetzter Mann mit finsterer Miene und braunem Gesicht trat herein, dessen grollende Stimme er sogleich für diejenige erkannte, die er schon gestern Abend gehört hatte.

Der finstere Mann warf einen durchdringenden, festen Blick auf ihn, und der Baron, der sich am Morgen eine lange, wohlgesetzte Rede ausgesonnen hatte, um seine Unschuld und das Mißverständniß, das über ihm schweben müsse, aus einander zu setzen, wurde so verwirrt und beängstigt, daß er jedes Wort vergaß und nur wünschte, diesen Besuch erst wieder los zu seyn.

Haben Sie gut geschlafen? fragte der verdrießliche Mann.

„Besser, als ich denken konnte, da ich so plötzlich“ —

„„Lassen wir das! Haben Sie mit Appetit gefrühstückt?““

„O ja — nur wünschte ich das Mißverständniß, den Irrthum schnell aufzuklären; da man mich gewiß für einen andern hält.“

„„Wir kennen Sie, junger Herr, besser, als Sie vielleicht glauben.““

„Besser? sagte der junge Mann, und wurde roth und von Neuem verwirrt. Man hat mich um meinen Namen hier noch nicht gefragt!“

„„Ist auch gar nicht nöthig. Wir wollen keine Rollen mit einander spielen.““

„Rollen? Wie meinen Sie das?“

„„Wie man so was meint. Sie sollen sich nicht verstellen, Sie sollen nicht hoffen, daß Sie mich hintergehen können.““

„Wenn ich Ihnen aber so ganz bekannt bin — so sagen Sie mir wenigstens, — wo befinde ich mich? Ich bin vielleicht zwanzig Meilen gereist, ohne zu wissen wohin.“

„„Lassen wir das noch jetzt, dergleichen muß Ihnen fürs Erste noch ganz gleichgültig seyn.““

„Die Forderung ist mehr als sonderbar.“

„„Bester junger Mann, sagte der Alte, um alle diese äußerlichen Zufälligkeiten müssen Sie sich jetzt gar nicht ängstigen. Es wird eine Zeit kommen, in der Ihnen Alles klar aufgeht.““

„Und welch Schicksal erwartet mich?“

„„Das wird ganz von Ihrem Betragen abhängen! Sind Sie sanft und ruhig, so wird Ihnen kein Mensch etwas in den Weg legen; können Sie es über sich gewinnen, vernünftig zu seyn, wenn es Ihnen auch im Anfangeetwas schwer ankommen sollte, so wird man Ihnen alle Achtung bezeigen, die Sie erwarten können, und es liegt in Ihrer Hand, wie früh oder spät Sie Ihre Freiheit wieder erhalten werden.““

„In meiner Hand? fragte der Gefangene, indem er seine Hände betrachtete.“

„„Dummheit und kein Ende! fuhr der Alte ungeduldig heraus, ich dachte es wohl, daß der Diskurs nicht lange auf der geraden Straße bleiben würde. Figürlich gesprochen, junger Herr! Wie Sie sich benehmen, so wird man sich wieder gegen Sie benehmen; vielleicht sind Sie in Jahr und Tag wieder auf freien Füßen: das heißt, Jüngling, (damit Sie nicht wieder querfeldein fragen) wenn Ihre Beine wieder frei sind, wird hoffentlich das übrige Zubehör, sogar der Kopf wieder mitlaufen dürfen.““

„Und was befiehlt man, fragte der Baron, das ich vorstellen soll? Wie soll mein Name heißen? Denn es scheint, daß hier ein strenges Regiment obwaltet, dem man sich fügen muß.“

„„Nur keine Quängeleien! rief der alte Mann; machen Sie nicht, daß ich härter seyn muß, als ich von Natur bin; denn das ist mein Elend, daß der Teufel mir so ein breiweiches Herz eingesetzt hat, daß ich eigentlich ein altes Weib hätte werden müssen. Nun, lieber Herr Graf, wir werden uns schon noch verstehen lernen.““

„Graf? rief der Baron; also doch wenigstens eine Standeserhöhung.“ — Er war nach diesem Worte plötzlich viel heitrer geworden; die Beklemmung, die ihn drückte, schien ziemlich verschwunden.

„„Ja, Graf, nicht anders, fuhr der Alte fort; ja,mein junger Herr, man weiß hier mehr von Ihnen, als Sie begreifen können.““

„Nur noch eine Frage, dann will ich schweigen, sagte der Baron. — Bin ich etwa hier, wegen des Verhältnisses, das vor zwei Jahren die Baronesse“ —

„„Still! rief zornig der Alte; das ist es ja eben; an Liebe müssen Sie hier gar nicht denken, so wie Sie auf diese Passion gerathen, müssen gleich Anstalten getroffen werden; weder Baronesse, noch Gräfin, noch Fräulein, selbst das Wort Frauenzimmer muß nicht von Ihren Lippen gehört werden! Nun geben Sie mir die Hand, daß ich Sie noch einmal bewillkomme. Ich hoffe also, Sie werden uns keine Schande machen.““

Er hielt die Hand des Barons lange in der seinigen eingeschlossen, drückte sie, schob seine Finger hinauf, fast als wenn er den Puls fühlen wollte, sah dem jungen Mann noch einmal scharf in die Augen, und entfernte sich dann schnell nach dieser sonderbaren Begrüßung.

Nach einiger Zeit erschien der kleine freundliche Mann, den man den Herrn Friedrich nannte. Nun, sagte dieser, es ist ja gut abgelaufen; unser melancholischer Gebieter ist ja mit Ihnen zufrieden, er meint, es würde schon werden.

Aber, wo bin ich nur? fragte der Baron.

Der Kleine legte mit einer sehr listigen Miene den Finger auf den Mund, kräuselte die Lippen, zog die schmalen Schultern bis zu den Ohren, und sagte dann ganz leise: so lange Sie noch bloß auf Ihr Zimmer eingeschränkt sind, darf ich nichts Bestimmtes mit Ihnen sprechen; aber wenn Sie erst einmal herunter gekommen sind, dann wird Ihnen nichts mehr Geheimniß bleiben.

Wer sind Sie, fragte der Baron eifrig, und wer ist der Mann, der mich heute besuchte?

Nichts! nichts! rief der Kleine; sehn Sie, Verehrter, wir sind Alle ohne Ausnahme nur das, was unser gestrenger Herr uns befiehlt zu seyn. Hat er doch nun die Macht einmal; woher er sie hat, das weiß der Himmel wohl am besten, der sie ihm verlieh. Sehn Sie, er ist sehr hypochondrisch, und fast niemals vergnügt, und darum verlangt er, Alles im Hause solle auch ehrbar und fromm zugehn. Eine unbillige Forderung. Ich gelte aber doch viel bei ihm, und er meint, ich hätte Gaben. Nun haben Sie gleich beim Eintritt durch Ihr feines vornehmes Wesen mein ganzes Herz gewonnen, — Sie sehn einem großen Feldherrn so ähnlich, den ich einmal gekannt habe; aber ich bin doch zu schwach, Ihnen zu helfen.

Wie so, zu schwach?

Betrachten Sie nur selbst meine Schultern, wie schmal, flüsterte der kleine Mann. Ja, wenn ich mehr heben und arbeiten könnte; wenn ich mich nicht immer so schonen müßte; wenn ich mir mehr bieten dürfte, so wäre mein Schicksal wohl ein ganz anderes, als hier im Hause herum zu kriechen.

Er entfernte sich, um dem Fremden das Mittagsessen zu holen, verschloß aber sorgfältig indessen die Thür.

———

Der Rath Walther hatte den Arzt wieder aufgesucht, um über den Plan ihrer gemeinschaftlichen Reise zu sprechen. Der Doctor hatte von seinem entlaufenen Zögling noch keine Nachrichten; er war jetzt neugierig, was sein Freund, dem er sich immer enger anschloß, ihm würde zu eröffnen haben.

Vielleicht, fing dieser an, sehe ich schon in einigen Tagen einen Jüngling wieder, dem ich seit vielen Jahren schon, seit ich ihn als Knaben kennen lernte und aufwachsen sah, meine Freundschaft, ja mein ganzes Herz schenken mußte. Alle unsere Bücher sind voll von Schilderungen der sogenannten Liebe; genau sind alle ihre Kennzeichen beschrieben, die Steigerungen, so wie die Verirrungen dieser Leidenschaft nachgewiesen, und von derFreundschaft, die eben so wundersam, zuweilen noch seltsamer erscheinen kann, wird kaum gesprochen, oder man setzt sie voraus, und meint, sie zu schildern, sei ohne Interesse. Wenn Alle zuliebenglauben, ist es vielleicht nur Wenigen gegeben, im wahren SinneFreundzu seyn. Ich habe mich früh und ohne Leidenschaft verheirathet, und bin glücklich in meiner Familie. Aber von frühster Jugend habe ich das Talent in mir ausgebildet, Freund seyn zu können, mich dem geliebten Gegenstande hinzugeben, seine Eigenheiten, Schwächen und Vortrefflichkeiten zu erkennen, mich zu überzeugen, wie bei den verdienstvollen Menschen die einen nicht ohne die andern seyn können, und alle Liebe ohne gegenseitiges Ertragen nicht möglich ist. Doch, um nicht zu weitläuftig zu werden, sage ich nur, daß es mir gelang, viele und sehr verschiedene Freunde zu erwerben; doch hatte ich noch nie das seltsame Gefühl kennen lernen, das mich zu einem Knaben hinzog, der in unsrer Familie aufwuchs und ein entfernter Verwandter von mir war. Er hatte nichts mit andern Kindern seines Alters gemein; er nahm an ihren Spielen nicht Theil; er sonderte sich ab, und lebte, seine Lehrstunden abgerechnet, ganz einer träumenden Einsamkeit hingegeben. Da der junge Mensch schon früh seine Aeltern verloren hatte, so war sein Vormund, ein liebevoller Oheim, sehrum ihn besorgt. Fragte man Raimund, so hieß der Knabe, was ihm fehle, so antwortete er immer, ihm sei in der Einsamkeit unendlich wohl; ihn störe das Geräusch der Welt, er sinne sich und seinen Empfindungen nach. Hauptsächlich schien ihn eine Wehmuth über das Elend der Welt, über ihre Armuth und Krankheit zu durchdringen, vorzüglich über die Feindschaft und den Haß, den er so oft wahrnehmen mußte. Der Vormund wünschte, ihn zum Geschäftsmann heranzubilden, oder ihm doch die Fähigkeit zu verschaffen, das große Vermögen, das er für ihn bewahrte, künftig selbst verwalten zu können. Die Bemühungen aber, den Weichgestimmten mit den Verhältnissen der Welt bekannt zu machen, schienen immer vergeblich; denn so leichte Fassungsgabe sein feiner Geist sonst verrieth; wie er in Poesie, Musik und Natur Alles begriff, und sich das Schwierigste aneignen konnte; so schien ihm doch der Sinn für gesetzliche Verhältnisse, für alles das, was Besitz und Eigenthum sichert, für juristische Verwickelungen, Berechnungen und dergleichen, gänzlich verschlossen. Begriff er doch gar nicht einmal, wie es möglich sei, daß seine Capitalien Zinsen trügen. Er hielt dies, als er selbst schon erwachsen war, für ein Ergebniß, welches nur auf Betrug gegründet seyn könne. Als Jüngling war er die lieblichste Erscheinung. Wir verhärten uns gewöhnlich, und wohl mit Recht, gegen die Sentimentalität; weil dasjenige, was die Menge so nennt und schwache Gemüther interessirt, nur eine Mischung von Heuchelei und falscher Süßigkeit ist, eine egoistische Zartheit, die gerade da verletzt und roh tyrannisirt, wo sie Liebe und Weichheit zeigen sollte. Aber in Raimund offenbarte sich etwas Himmlisches verkörpert, und die naivste Wahrheit, die edelste Treue und Einfaltbildeten sein Wesen. Ich konnte oft in Gedanken beklagen, daß er späterhin doch zum Manne reifen und diese Wunderblume sich in Frucht verwandeln müsse. Er blieb immer menschenscheu; am meisten aber ängsteten ihn die schwatzenden und lachenden Mädchengesellschaften. Die meisten Menschen verspotteten ihn; ich allein verstand sein liebendes Gemüth; doch zitterte ich auch für ihn, wenn ich voraus dachte, wie ihm wohl einmal ein gleich gestimmtes weibliches Wesen begegnen könne. Dies geschah, und die Folgen waren erschreckender, als ich vermuthen konnte. Die schöngebildete Tochter eines reichen Hauses, schwärmerisch und scheu, lernte ihn kennen. Als wären die beiden Wesen nur für einander geschaffen, so schnell verstanden und vereinigten sie sich. Was ihr Glück störte, war der Oheim, obgleich er seinen Neffen so innig liebte. Er schien der Ueberzeugung, daß diese Leidenschaft nur zu Beider Unglück ausschlagen könne; er verweigerte durchaus seine Einwilligung zu ihrer Verbindung, bis Raimund großjährig geworden sei. Dieser härmte sich und sann und träumte nur Unglück. Blanka weinte; ihr Gram zog ihr ein Nervenfieber zu. Nun schien auch Raimund verloren. Er irrte in den Nächten im Felde umher, er verschmähte fast alle Nahrung, er wollte nur seinem Schmerze leben und sterben. Als sie die gefährliche Krise überstanden hatte, erlaubte sich ein Bedienter den grausamen Scherz, um ihn desto freudiger zu überraschen, ihm zu sagen, Blanka sei gestorben. Der Widerruf kam zu spät; sein ganzes Leben schien aus allen Fugen gerissen. Es währte nicht lange, so war er verschwunden; jede Nachfrage, jede Nachforschung umsonst. Sein Oheim, der Freiherr Eberhard ist außer sich; nun erst zeigt er, wie sehr er seinen Neffen geliebt; er machtsich die bittersten Vorwürfe, daß er jene Verbindung gehindert; er zögert noch immer, als der nächste Erbe, das Vermögen des Unglücklichen als das seinige zu betrachten; er hofft noch immer auf seine Rückkehr, und beweint ihn doch schon als einen Verlornen. Blanka war seitdem in einem fürchterlichen Zustande, ich habe sie nicht wieder gesehn; ihre Aeltern verließen die Stadt, und ein ungewisses Gerücht wollte sagen, sie habe den Verstand verloren. Denken Sie nun die Freude, die mir der Brief machen mußte, der mir eine wahrscheinliche Spur meines jungen Freundes entdeckt. Wie werde ich den Oheim überraschen, wenn ich ihm etwas Gewisses melden kann!

Der Arzt war nachdenkend. Eberhard, — sagte er sinnend, — ein Mann bei Jahren, zwei ungleiche Augenbraunen, und eben so ein braunes und ein blaues Auge? Auch schwebt mir dunkel vor, als habe ich aus seinem Munde selbst die Geschichte, die Sie mir jetzt mittheilen, gehört; nur erzählte er die Umstände anders.

Ihre Beschreibung paßt auf ihn, sagte der Rath; er ist von der Natur so sonderbar gezeichnet, daß man ihn nicht leicht verkennen kann.

Wie seltsam, fuhr der Arzt fort; wenn es dieser seyn sollte! — Er spielte in meiner Vaterstadt eine wunderliche Rolle, und bewarb sich noch ganz kürzlich um eine Schauspielerin, die nicht den besten Ruf hatte.

Dann ist es dieser doch nicht, sagte der Rath; er lebt einsam, eingezogen, ja neigt eher zu einer übertriebenen Frömmigkeit hin.

Man kam dahin überein, am folgenden Tage abzureisen; denn im Dorfe eines einsamen Gebirges sollte derJüngling, von dem der Rath Nachricht erhalten hatte, im Hause eines Predigers leben.

———

Es war einige Zeit verflossen, in der sich der junge Wolfsberg an seinen Aufenthalt und seine Lage gewöhnt hatte, und da er sich immer ruhig betragen, so trat eines Tages sein Freund, der kleine Friedrich, in sein Gemach, that einen kurzen Sprung, zuckte die Schultern, verzog sein blasses Gesicht zum Grinsen und sagte: jetzt werden Sie einer von den unsern; der Alte schickt mich, Sie möchten in den Gesellschaftssaal hinunter kommen.

Sind viele Leute dort? fragte der Baron.

Je nun, eine hübsche Gesellschaft; bald mehr, bald weniger; mancher reiset dann auch wieder ab, und so habe ich vorige Woche einen meiner besten Freunde auf der Welt verloren.

Sie traten in den untern großen Saal, und Wolfsberg, der so lange in der Einsamkeit und im kleinen Zimmer gelebt hatte, war so vom Licht, von der Gesellschaft und dem weiten Blicke über die Ebne und das Waldgebirge hin geblendet, daß er sich nur schwer fassen konnte, und einige Zeit brauchte, um sich mit allen diesen Gegenständen, vorzüglich aber mit den Menschen in dem großen Gemache bekannt zu machen. Der Direktor ging mit großen Schritten auf und nieder, noch finstrer, als er gewöhnlich war; er schien nur seinen Gedanken nachzuhängen, und sich um die Gesellschaft nicht zu kümmern. Er bemerkte auch den Eintretenden nicht, und erwiederte nichts auf dessen Gruß. Zwei Männer spielten mit großer Anstrengung und gespannten Mienen Schach; in einer Ecke las ein Andrer in einem Buche, lächelte zuweilen,oder schüttelte den Kopf, machte auch zuweilen Geberden der Billigung, so daß er völlig mit seinem Autor beschäftigt schien. Auf einem Lehnstuhle war ein Mann eingeschlafen, der durch sein rothes Kleid auffiel; noch mehr dadurch, daß sein Kopf von einem großen dreieckigen Hute bedeckt war. Starr nach dem Himmel und dessen Wolken war der Blick eines Andern gerichtet, der einen Maaßstab in der Hand hielt, dessen Zolle er dann immer wieder von Neuem überzählte. Drei seltsame Gesichter standen abseits, und stritten lebhaft. Der eine von diesen Männern war sehr beleibt; sein Kopf aufgedunsen, die Augen waren fast verschwollen, er krächzte mehr, als er sprach, und stach um so mehr gegen seinen schmalen langen Nachbar ab, dessen Gesicht so dürr und bleich erschien, daß man kaum noch Lippen darauf wahrnahm, indem die großen blauen Augen aber desto auffallender hervor leuchteten. Der dritte Redner lachte beständig mit seinem großen, aufgeworfenen Munde, und zerrte die wundersamsten Linien in seine kupfrigen Wangen hinein. Wolfsberg sah sich um, von seinem getreuen Friedrich Einiges über diese sonderbare Versammlung zu erfahren; dieser aber war verschwunden, und er mußte also selbst Bekanntschaft zu machen suchen. Er näherte sich den Schachspielern, und sah beim ersten Blick, daß beide Könige im Schach standen, ohne daß es die Streitenden trotz ihrer angestrengten Aufmerksamkeit bemerkten; aber seine Verwunderung stieg noch mehr, als man den weißen Thurm nahm, ihn schräg über das Brett zog, mit ihm einen Läufer schlug, und ihn darauf neben den König stellte. Der braune König retirirte nun behende als Springer, und ein weißer Springer nahm mit einem Satz im Zickzack drei Bauern zugleich weg. Wie, meine Herren, rief Wolfsberg aus, Siespielen ja ganz gegen die ersten Regeln! Was? rief der eine tiefsinnig vom Brett aufsehend; sehn Sie einmal, durchlauchtiger Kriegsgefährte, der Neuling will uns wohl Schach spielen lehren? — Nehmen Sie es dem Grünling nicht übel, erhabener Mann, antwortete die andere Figur: er ist augenscheinlich nicht in die Geheimnisse des Cosroes und die alte orientalische Spielweise eingeweiht; er weiß es ja nicht, daß Sie einer der Urindianer sind, großer Geist, und will nun seine Fibelweisheit hier scheinen lassen. Wissen Sie, junger Abendländer, Vandal, oder Gothe, vielleicht Slave, — man spielt hier nicht mit Brett und Schritt und Sprung, wie in den Westländern; unser freier Geist erkennt weder die conventionelle Würde des Königs, noch den niedern Rang der Bauern, sondern wir spielen nach Sympathie, in jenem Geist, der alle Welten nach unsichtbaren Gesetzen zusammenhält! In jeder Nacht hat mein Freund eine neue Inspiration, am folgenden Tage binichinspirirt; dann erräth der andre durch hochgetriebenen Instinkt, welch neues System sein Mitspieler ersonnen hat und geht in seine Mysterien ein. Das ist gar eine andre Vielseitigkeit, als das moderne Hin- und Herrutschen der Figuren.

Das ist freilich eine andre Sache, sagte Wolfsberg, indem er sich zurück zog. Er näherte sich dem Lesenden, sah aber zu seinem Erstaunen, daß dieser das Buch verkehrt hielt, und rückwärts die Blätter umschlug. Wie, mein Herr, sagte er höflich, sind Sie so zerstreut, daß Sie nicht bemerken, wie man auf diese Art nicht lesen kann? Oder sind Sie der Kunst etwa gar nicht mächtig? — Der Lesende stand schnell auf, machte ihm eine sehr tiefe Verbeugung, sah ihn an, beugte sich noch tiefer, und sprach dann mit einer lispelnden Stimme und mit überhöflichemTone: „geruhen dieselben gütigst zu bemerken, mein verehrter Herr Unbekannter, daß es denenselben gefällt, sich wie ein wahrer Einfaltspinsel auszudrücken. Nicht etwa, daß ich in Ihre eben so tiefen, als ausdrücklichen Einsichten einen Zweifel setzen wollte (fern sei von mir ein solcher Frevel!), so scheint es mir doch einleuchtend (möchte ich Sie auch übrigens anbeten), daß Sie mit der crassesten Ignoranz über eine Wissenschaft sich äußern, die freilich Ihrem elenden, kurzen, stümperhaften Horizonte weit entwachsen ist. Was? Weil ich etwa nicht von vorn lese, oder das Buch verkehrt halte, darum könnte ich nicht lesen? Ja, und wenn ich nun selber keinen Buchstaben wüßte, armer Hergelaufener, und ich nähme das Buch nur mit Glauben und Andacht in die Hand, könnte es nicht auch in mich übergehen? Habt Ihr denn wohl schon oft lesend gelesen, und verstehend verstanden? Ja, Druckerschwärze und die krausen Figuren sind Euch in die Augen, Geruch von Leim und Papier in die Nase gekräuselt, und dazu habt Ihr eine Physiognomie geschnitten, wie Schafe beim Gewitter, und meint alsdann, Ihr habt Weisheit in Euch geschlürft, oder seid Eurem berühmten Autor gar noch über den Kopf gewachsen! Bester Nichtdenker, verehrter Strohkopf, ich war seit Jahren Recensent, thätig und einsichtsvoll, gewöhnte mich ans Blättern und hatte immer um so mehr Urtheil, um so weniger ich las; ich brachte es zu der Höhe, daß ich kaum den Titel anzusehn brauchte, nur, wo verlegt, so hatt’ ich das ganze Buch weg. Ist das etwa keine Kunst? Seit ich mich in diese Einsamkeit zurück gezogen, habe ich, weil ich ein demüthiger Charakter bin, wieder zu lesen angefangen; aber warum denn von vorn? DasEndeist mein Anfang, und da ich mich längst geübt habe, die Schrift umgekehrtzu erkennen, so wäre es mir nun gar nicht mehr möglich, auf Eure dumme, hirnlose, völlig altfränkische Art die Sache zu treiben. Und wo ist denn der Anfang, der anfinge, Ihr Gimpel? Setzt nicht das erste Verslein im Mose schon einen andern Anfang voraus? Und wenn wir den fänden, wiese er dann nicht wieder auf ein Voriges? O Ihr Bettelmann der Gegenwart und Dürftigkeit! ein Ende giebt es; ja in Eurem Verstande; mit dem seid Ihr längst zu Ende! — Er verbeugte sich hierauf wieder sehr tief und beschloß: Verzeihung, Verehrtester und Einsichtsvollster aller Trefflichen, wenn ich, so tief ich auch unter Ihnen stehe, nur durch ein geringes Scherflein habe andeuten wollen, wie sehr ich mich bestrebe, Ihre Meinung zu fassen, und gewiß nicht wagen werde, Ihnen irgend in Hauptansichten zu widersprechen, sondern nur submissest einige kleine Zweifel, welche die Bitte um Belehrung enthalten, entgegen zu schütten, und dadurch nur Veranlassung gebe, noch tiefer Ihr tiefes Ingenium und noch klarer Ihren klaren Geist, noch glänzender die Glanz-Atmosphäre Ihres Wissens, Denkens, zu entwickeln, — undenfin, excellenter Mann, ich verstumme.“

Heiliger Himmel! rief Wolfsberg mit Entsetzen aus, denn er erkannte nun erst, indem er noch einen hastigen Blick auf alle Gruppen warf, wo er sich befinde, — ich bin in einemNarrenhaus! Wer hat die Unverschämtheit gehabt, mich hieher zu versetzen?

Bei diesem lauten Ausruf und dem Worte „Narrenhaus“ wurden plötzlich alle Thoren aus ihren stillen Gesprächen und Speculationen aufgeschreckt. Der Beobachter ließ seinen Maaßstab fallen und rannte herbei; der Aufgedunsene, der Bleiche, so wie der Kupferfarbene liefen schreiend herzu; die Schachspieler sprangen auf; der Lesendemachte ein grimmiges Gesicht, und der schlafende Rothrock erwachte, indem er zugleich eine kleine Peitsche aus dem Busen zog. Was? Wie? schrieen Alle und tobten durch einander — ein Narrenhaus? Herr! Wissen Sie, was Sie sprechen? Er wird auch nicht für die Langeweile hier seyn, sagte der große kräftige Mann im rothen Rock, und er darf mir nicht viel gute Worte geben, so lasse ich ihn hier, so wie meine Pygmäen, tanzen, bis die bösen Geister aus ihm gefahren sind.

Und wo sollten Sie denn sonst seyn, lieber Mann, schrie der Direktor zornig, der den verwirrten Haufen theilte und jeden zur Ruhe verwies; wenn Sie sich aber so aufführen und sich in Gesellschaft nicht zu nehmen wissen, so werden wir Sie wieder auf Ihr kleines Stübchen einquartiren müssen. Dies Wort zu nennen, was Sie gebrauchen, schickt sich in diesem Hause gar nicht, und schon aus Achtung vor mir müssen Sie es vermeiden! Und wer Sie hieher gesandt hat? Männer, denen Sie nicht verweigern werden, Gehorsam und Ehrfurcht zu bezeigen!

Wolfsberg war still und nachdenkend geworden, und der Rothgekleidete rief: hab’ ichs nicht gesagt? indem er zugleich die kleine Peitsche nahm und eifrig gegen alle Wände des Saales schlug, bis er außer Athem und ganz kraftlos war. Der Director wandte sich unwillig ab, und als der Ermüdete sich wieder in seinen Sessel geworfen hatte, trat Wolfsberg zu diesem und fragte: was machten Sie eben, und was hat diese Anstrengung zu bedeuten?

Was? rief Herr Kranich aus (denn so nannten ihn die Uebrigen), Herr, wenn ich nicht wäre und die Augen immer offen hätte, so wären Sie und alle Uebrigen hierverloren; ja, ich möchte wohl wissen, was von der Welt sonderlich übrig bleiben würde. Sie sehn es nicht, wie diese verdammten Pygmäen, kleine böse Geister, mich allenthalben verfolgen, Gesichter schneiden, und alles Uebel auf Erden anrichten. Von diesen rührt auch Ihre Verstockung her, daß Sie nicht einsehn wollen, was an Ihnen ist; von diesen kleinen Creaturen entspringt alles Unglück, und ich muß sie unaufhörlich bewachen, um nur zu verhüten, daß sie nicht das Aergste ausüben.

So war Alles wieder beruhigt, als man einen Landedelmann mit seiner Familie anmeldete, die sich das Haus betrachten wollten. Ein ältlicher Mann trat lächelnd herein und sah sich selbstgenügsam um; ihm folgte eine erwachsene Tochter, blöde und einfältig, und ein ebenfalls erwachsener Sohn, der sich gleich das Ansehn gab, als wenn er hier zu Hause gehöre. Der Director fuhr sogleich barsch auf sie zu, und fragte heftig, was zu ihrem Befehle sei. Gott bewahre! stammelte der Edelmann, indem er scheu zurück trat; ist denn hier kein andrer ruhiger Mann, der uns herumführen, und die Merkwürdigkeiten zeigen kann? Der Director sammelte sich wieder und sagte in sanftem Tone, daß er selbst der Vorsteher dieser Anstalt sei, und daß er sich ihm und dem kleinen Friedrich, der sich unterdessen wieder herbei gemacht hatte, getrost anvertrauen könne. Sie gingen hierauf friedlich durch den Saal, ergötzten sich an der Aussicht und betrachteten die Gesellschaft aus der Ferne, als sich der Kupferfarbene herbei machte und um die Erlaubniß bat, etwas vorzutragen.

Meine beiden trefflichen Schüler, fing er an, möchten heute einen poetischen Wettstreit halten, wie er bei den alten Griechen wohl üblich war, und es trifft sich gut,daß einige Fremde, als ganz unbefangene Zuhörer zugegen seyn können, um über die Verdienste meiner begeisterten Scholaren nach reifer Prüfung ein Urtheil zu fällen.

Er winkte, und der lange Blasse, so wie der Beleibte mit dem verschwollenen Gesichte näherten sich. Die Uebrigen schlossen einen Kreis; der Lesende drängte sich am nächsten, und der Pygmäenbekämpfer sah kritisch umher, ob auch keine bösen Geister die poetische Unterhaltung stören möchten.

Der Mann mit der Kupfernase wandte sich hierauf an den Edelmann, den er freundlich bei der Hand nahm und ihm die Tressen seines grünen Kleides streichelte. Englischer Mann, sagte er zärtlich, verstehen Sie wohl Galimathias zu sprechen?

Nein, sagte jener; was ist das für eine Sprache?

Schade, fuhr jener fort; da werden Sie es nur halb genießen können, denn etwas wenigstens sollten sich wohl alle Menschen damit befassen. Es ist zu verwundern, wie wenig wir immer noch auf unsre eigentliche Ausbildung wenden. Tretet zuerst vor, mein theurer Freund und Schüler, würdiger Troubadour und Meistersänger!

Der Aufgeschwollene räusperte sich, athmete tief auf und sprach dann schnell, aber mit einer krähenden Stimme: „Sind wir nicht alle innigst von dem Gefühle durchdrungen, daß, wenn eine Krebsmoral erst an der tiefsten Wurzel der Menschenschicksale nagt, kein einziges Schaalthier mehr auf den Höhen der Gebirge wird gefunden werden? Gewiß, meine Theuersten, schlägt jeder mit erneuertem Mannsgefühl auf seine Brust, wenn er bedenkt, daß bei dem siderischen Einfluß, den jede Theemaschine auf die Verflechtung innerer Organe und Inspirationen unbedenklich ausströmt, die alten Germanen nimmermehrihren Wodansdienst ohne Hülfsleistung abnormer Zustände und tief empfundener mikroskopischer Ansichten würden haben durchsetzen können. Denn hier kommt es ja nicht auf ein oberflächliches, leichtgewagtes Entdecken vulkanischer Revolutionen an; sondern die Menschheit selbst ruft das in uns auf, was schon im Anbeginn der Zeiten reif und heterodox, aber im galvanischen Mittelpunkt unendlicher Verschlossenheit, tief und geheimnißvoll gebrütet hat. War es denn nicht auch damals dieselbe große Schicksalskatastrophe und Weltumschwungsaxiomatische Wunderbegebenheit, als dasjenige, was man bis dahin nur für orkanische Centripetalkraft abgewogen hatte, sich plötzlich als das ungeheure Ixionsrad schwärmerischer Antidiluvianer manifestirte? So merken wir, ist unsre Seele anders nicht völlig aphoristisch gebildet, und im Mausoleum hyrkanischer Waldgötter anticipirt worden, daß umgekehrte Verhältnisse sich immer wieder zu Kegelausschnitten gestalten, wenn die Galaxie der Planeten sich in ekliptische Rodomantaden verwandeln möchte. Aber festhalten müssen wir einen Gedanken, daß die Hieroglyphen immer nur wieder Apostrophen ausgebären können, wenn wir nicht mit den conglomerirten Gnostikern annehmen wollen, daß die Hypotenuse der Polarvölker immer wieder in die materiellste Abstraction der eleusinischen Pyrrichien verfallen müßte, an welchem Irrthum auch schon der berühmte Johann Ballhorn in seinem großen granitgebundenen Werke vom Phlogiston der Polypenkrater verstorben ist, da er ein Apostem der großen alchemistischen Tinktur mit den rauschenden Katarakten der Amathontischen Apodiktik mehr als ihm billig zugegeben werden konnte, verwechselt hat. So hoffe ich denn bewiesen zu haben, daß immer und ewig das große Geheimniß derpeloponnesischen Antithese klar und verständlich ist ausgesprochen worden.“

Gewiß! sagte der Edelmann.

Sublim! rief der Leser aus.

Ein Beifallsmurmeln ertönte aus der dichtgedrängten Umgebung.

Nun, Görge, was meinst du? fragte der Edelmann, indem er sich an seinen Sohn wandte, der mit starren Augen und offnem Munde zugehört hatte.

Ich wollte nur, antwortete Görge, unser Herr Pastor wäre hier, der den Mann vielleicht widerlegen könnte; denn seine Reden klingen fast eben so.

Nun höre man aber auch, rief der Kupferne, meinen zweiten Zögling, den edeln, sanften Musenliebling.

Die lange, hagre Gestalt trat hervor und klagte in einem weinenden, schnell singenden Tone also: Ist nicht die Liebe und immer nur wieder die Liebe das hoch erhabne athletische Bildwerk der ächten attischen Hybla-akademischen, süßflötenden Nachtigallen-Atmosphäre? Wer möchte sich der Thränen enthalten, wenn flutende Herzenslustren im Umschwung der zartesten Cicaden-Gesinnung nicht endlich einmal zur Vollendung einer umarmenden Schicksals-Apotheose hinstreben sollen? Denn das Bildwerk liebender Gestirne ist ja doch nur ein Abglanz häuslicher und mattherzig rührender Sarkophag-Mumien-Attribute; vorausgesetzt, das fromme kindliche Gemüth hat sich schon in eine Phaläne von träumerischen Allegorieen verwandelt, und ist die ganze sublunarische Etymologie der peripatetischen, eben so großartigen, als herzergreifenden Sylbenstechereien uralter Religionsentzündungen durchgegangen. Fragt sich einzig nur: hat ein kryptogamisches Pfeifergericht von enggetriebenen Bildwerken nicht immerdarden Blumenstaub somnambulistischer Zustände auf hydraulische Weise mit Prophetenencyklopädieen vorher verkündigt? worauf die mathematische Antwort lautet: so gewiß der Umkreis der Welt einzig in den Umfang sanfter Cirkelschwingungen gebannt ist, so gewiß hat auch jede Periode und bacchische Begeisterung im Lichtscheine der erotischen Neufundländer Sitz und Stimme gefunden. Denn, was ist es denn, was das Echo unsrer Brust ewig beweint? Nicht wahr, daß noch kein Sterblicher in das Universal-Paradoxon der Himmelskräfte hat einschlüpfen können? Aber dennoch sagen uns begeisterte Seher, daß das Berlappenmehl dazu diene, den Blitz der Götter, so wie alle diagonale hochgefeierte Perioden des Immateriellen zu erschöpfen, wenn wir nicht vergessen, daß Phidias darum der Große genannt wird, weil er zuerst die petrarkische Elegie in der neuen Ausgabe der Homilien hat mit Vignetten in einen großen Salat von Vergißmeinnicht bei den Olympischen Spielen verzehren lassen, was eben die Ursache war, daß Romeo und Julia sterben mußten, so sehr sie auch vorher auf Pardon vom Könige von Abyssinien rechnen durften. Aber das ist das Große und Erschütternde eben in den edelsten Lebensverhältnissen, daß die Liebe des Herzens immer wieder auf die reine und unreine Mathematik angewendet werden soll, was doch kaum dem Platonischen John Bull möglich gewesen ist, mit Hülfe seines Freundes, des großen Eklektikers Pope, vermöge seiner Stanzen und der noch berühmtern Parlamentsreform einzuführen. Daher bleibt unserm Leben diese ewige Trauer, daß jede Sonnenblume in Oel kann verwandelt werden, wenn wir umgekehrt niemals einen Tropfen Oel in Blumen, ja kaum in Sonnen umschmelzen können; daher ist die Thräne an unsrer Wimper einzartes Herzenssiegel, welches tropfend beurkundet, daß wir alle nur Blindschleichen und arme Würmer sind. Dies herzzerreißende Gefühl mitzutheilen, habe ich mich nicht enthalten können.

Die Tochter des Edelmanns weinte und sagte: ja wohl, ist unser Leben nur ein zerbrechliches Geschirr! Der Lehrer aber sah triumphirend umher und fragte: nun, meine Freunde, welchem würden Sie den Preis zuerkennen?

Das zweite, sagte das junge Mädchen, war mehr für das Herz, das erste mehr für den Geist.

So ist es, sagte Herr Kranich; der lange Herr Melchior hat die beste Rede gehalten: wir sind Alle gerührt; dazu hat er eine Stimme wie eine Nachteule oder Unke: die Thränen laufen einem über die Nase, man weiß nicht wie.

Ja, meine theuern Freunde und Sie, verehrte fremde Zuhörer, sagte der beleibte Lehrer, ich bin stolz darauf, daß ich in diesen beiden Männern diese großen Talente habe wecken und zur Reife führen können. Diese sokratische Hebammenkunst ist es, in welche ich meinen Stolz setze, da ich selber nichts dergleichen hervor bringen kann. Aber meine Schüler werden mich unsterblich machen. Doch soll der liebende, herzliche Melchior seines Kranzes nicht entbehren.

Er heftete diesem einen Stern von Blech an die Brust, mit welchem der lange blasse Mann sich brüstend durch den Saal schritt. Der Aufgedunsene ging verdrießlich in eine Ecke und murmelte: Abgeschmackter Kerl! Er hat doch durchaus keinen Begriff vom Aechten! Ich von ihm gelernt! Ja, freilich, wenn ich solche Alfanzereien spräche, wie die aschgraue Hopfenstange!

Ruhig, großer Mann, sagte der Lesende, der ihm nachgegangen war; das Erhabene wird nie verstanden, so ist es vom Anfang der Schöpfung gewesen: der größere Sophokles wurde eben so vom süßlichen Euripides verdunkelt; Terenz mußte Seiltänzern weichen; Phidias ward verkannt; Dante aus seinem Vaterlande vertrieben. Lassen Sie den Narren mit dem alten Stückchen Blech laufen; Ihr Herz sei Ihr Elysium, und morgen werde ich Ihnen eine zinnerne Schnalle bringen; heften Sie diese an Ihre erhabene Brust und verachten Sie den Gegner.

Der Edelmann hatte sich indessen wieder mit dem Sokrates ins Gespräch eingelassen, und bewunderte am meisten, daß die beiden Proberedenden diese Fülle von Gedanken und gelehrten Materien so aus dem Stegereif hätten hersagen können. Begeistrung, rief der Sokratiker, ist Alles: sie haben ihr Gemüth gesammelt, und dann aus dem Mittelpunkt ihres Wesens den rauschenden Springquell der Suada hingeströmt.

Ich kann niemals, äußerte der Edelmann, gegen meinen Pfarrer zu Worte kommen; wären Sie nun capabel, mir auch die Zunge zu lösen, daß ich so wie ein Advokat oder Prokurator zu reden wüßte?

Der Director zupfte kopfschüttelnd den Edelmann am Rocke; dieser sah sich verdrießlich um, indem der finstre Mann zu ihm sagte: lieber Mann, Sie verweilen offenbar zu lange in dieser Gesellschaft; dieser Umgang kann Ihnen unmöglich gut bekommen.

Indem erhob sich ein lautes Getümmel am andern Ende des Saales. Lassen Sie mich ungeschoren; rief der junge Wolfsberg laut, ich müßte ja selbst unsinnig seyn, wenn ich dergleichen Unsinn bewundern, oder mir auseinandersetzenwollte, welche von den beiden abgeschmackten Reden die bessere sei.

Die erste ist aber die bessere, rief der Lesende, und wenn Sie keine Kritik mehr respectiren wollen, so ist es mit Ihrem eigenen Verstande nur schwach bestellt. Und was nennen Sie denn Unsinn, Bester? O mein verehrter Widerwärtiger, hundert Meilen wollte ich reisen, wenn ich dergleichen doch nur einmal in Wahrheit anzutreffen wüßte. Das ist ja mein Jammer, daß ich mich schon seit länger als zehn Jahren damit abquäle, einmal den Unsinn zu finden. Aber rutschen Sie durch zehn Schauspielhäuser, und wenn Sie in jedem flüchtig auch nur ein paar Secunden verweilen, so hören Sie leider allenthalben etwas leidlich Vernünftiges; ja was noch schlimmer ist, die zehn kurzen Fragmente aus dem Trauer- und Lustspiel, aus dem Familiengemälde und der Posse, aus der Oper und dem Nachspiel, werden zusammen noch einen passabeln Satz formiren, über den sich sprechen läßt. Ein Blättchen, das Sie finden, ein Wort, das Sie aus dem Fenster hören, ein Gespräch aus einer vorüberrollenden Kutsche, Alles, Alles will leider noch etwas Verständiges aussprechen. Habe ich es nicht damals, als ich diese Liebhaberei zuerst bekam, an mich gewandt, die brillantesten Romane und Schauspiele, die verrufensten Broschüren anzukaufen und zu lesen, weil ich von allen Seiten hörte, daß Unsinn darin vorkäme. Nichts da! Eine alberne dumme Vernünftigkeit fand ich allenthalben, daß die Sachen mich auch gleich anekelten, eine miserable Lust, hie und da über die Schnur zu hauen, und gleich zum alltäglichen Verstande, wie Kinder im Finstern zur Mutter zurück gelaufen. Ja, mein Herzensfreund, in allem dem Geschwätz über Liberalismus und Monarchismus, in diesenSchilderungen von Riesen, Rittern und Pferden, in den Elementargeistern und Gespenster-Katzbalgereien, in dieser frömmelnden, liebesiechen Inspirationssucht ist immer noch kein rechter Aufschwung; allenthalben die kalte Vernunft; die Philisterei der Philisterei; und so sehr ich unsern Demosthenes oder Aeschylus hier in seiner ersten Rede verehre, so möchte ich sie doch nicht so übertrieben loben, daß ich sie unsinnig zu nennen wagte, denn jeden einzelnen Satz würde ich zu beweisen unternehmen und auch zeigen können, wie innig alle unter einander zusammenhangen. Von der zweiten Rede kann gar nicht die Rede seyn, denn sie war ganz trivial.

Der verschmähte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gönnen, weil sie seinen eignen Ruf zu beeinträchtigen schien. Er ging daher auf den Usurpator zu, und suchte ihm das glänzende Zeichen zu entreißen; dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem Maaßstabe den sanften Melchior zu beschützen strebte. Der Edelmann und Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Gezänk ein Stoßen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmäen-Bekämpfer seine kleine Peitsche hervor, und schlug ohne Unterschied unter beide Parteien hinein, indem er behauptete, daß er allenthalben auf Rücken und Schultern jene bösen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete Wesen mit einander hätten leben können. Der Director fuhr ebenfalls tobend dazwischen, und durch seine drohendenund ernstlichen Worte ward der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der Edelmann, beide als unschuldige Zuhörer, manchen Streich davon getragen hatten, weil es die boshaften Pygmäen-Geister nicht unter ihrer Würde gehalten hatten, diese neutralen Leiber während des Krieges besetzt zu halten. Der Edelmann verließ die Anstalt sehr verdrießlich, und sein Sohn Görge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen können.

———

Friedrich hatte, seiner sanftmüthigen Gemüthsart nach, den letzten Krieg nur ungern entstehn sehn. Er zog sich früh zurück und beklagte aus der Ferne seinen jungen Freund, zu dem er sich tröstend gesellte, als der Friede wieder hergestellt war. Sie gingen in den beschränkten Blumengarten. Da Sie nun, Theuerster, im Grunde ein freier Mann sind, so fing der Kleine an, so will ich Ihnen heute in der Nacht etwas mittheilen, was für uns beide von dem größten Nutzen seyn kann. Wolfsberg war überzeugt, daß es nichts Geringeres, als die Mittel, sich frei zu machen, betreffen könne. Er ging zur Gesellschaft zurück und erwartete mit bangem Gefühl die Dunkelheit.

Gegen Mitternacht ward sein Zimmer eröffnet, der Kleine trat mit einer Laterne herein, und winkte seinem Freunde mit stummer Geberde. Wolfsberg folgte schnell, und schweigend stiegen sie die große Treppe hinunter. Das Hausthor war verschlossen, und als Wolfsberg die Klinke ergriff, schüttelte der Kleine sehr unwillig mit dem Kopfe und zeigte heftig nach einem Winkel hin. Derjunge Mann folgte seinem Führer; sie stiegen eine andre Treppe hinab, und befanden sich jetzt in einem weitläuftigen Gewölbe. Nun fand der ängstliche Freund endlich seine Sprache wieder. Hier sind wir sicher, nicht behorcht zu werden, sagte er flüsternd: dies sind die Kellergewölbe des großen Hauses. — Ich dachte, Sie wollten mir den Weg zur Freiheit zeigen, sagte der Baron. — „Nicht daran zu denken, bester einziger Freund; das Thor ist doppelt verschlossen, dann müßten wir noch über den Hof und die äußere große Thür aufmachen, die der fatale Portier bewacht, mein größter Feind in der Welt, der niemals Vernunft annimmt, und sich von allen Menschen für den Klügsten hält.“ — „„Was machen wir aber hier?““ — „Wenn es uns gelingt, liegt hier mehr, als Ihre Freiheit.“ — „„Wie meinen Sie das?““ — „Nur still, unten sollen Sie Alles erfahren!“

Sie stiegen noch tiefer hinab. Im fernsten Winkel setzte sich nun Friedrich nieder, stellte die Laterne neben sich, und Wolfsberg sah zu seinem Erstaunen Hacke und Spaten auf dem Boden liegen. Die Erde war dort schon aufgewühlt, und als der Baron seinen Führer fragend und erstaunt betrachtete, lächelte dieser mit dem Ausdrucke der größten Verschmitztheit, zog den Andern neben sich nieder, und nachdem er ihn feurig umarmt hatte, sagte er endlich: liebster Baron, Ihnen vor allen Menschen gönne ich das Glück, dessen Sie hier theilhaftig werden können; hieher folgt uns kein Neid und keine Beobachtung, diese Gegend der Gewölbe wird niemals besucht; hier können wir mit geringer Anstrengung und in kurzer Zeit einen Schatz entdecken, der uns über alle Sorgen der Zukunft hebt, ja uns zu den angesehensten Männern der ganzen Provinz macht. Ich habe niemand da oben etwas vondieser Entdeckung sagen mögen; denn alle jene Menschen sind mehr oder minder gemeine Naturen, wozu noch kommt, daß sie alle einen Stich von Narrheit haben, der sie mir höchst widerwärtig macht. Dem Director mag ich von meinem Funde gar nichts mittheilen; er würde in seiner hochfahrenden Superklugheit thun, als wenn er mir nicht glaubte, und hernach stillschweigend für sich arbeiten lassen: denn er ist ein sehr mißgünstiger Mann und beim Lichte besehn ohne Verstand; er stellt sich viel klüger an, als er wirklich ist, und da er das Regiment im Hause hat, so darf ihm Keiner viel widersprechen. Nun, lieber, hochgeehrter Freund, hier nehmen Sie den Spaten und arbeiten Sie!

Aber, sagte Wolfsberg, wie kommen Sie nur zu dem Glauben, oder der Einbildung — —

Still! still! rief der Kleine im größten Eifer, nur ums Himmels willen keine Zweifel in dieser feierlichen Stunde ausgesprochen, sonst ist Alles verloren. Kennen Sie die Wünschelruthe und ihre Wirkungen?

Nein, sagte Wolfsberg verwirrt und schüchtern.

Haben Sie wohl Wirkungen des Magnetismus gesehen, und glauben Sie an die Wunder dieser Wissenschaft?

Ich habe mich nur wenig um dergleichen Gegenstände bekümmert, antwortete jener, und kann also auch nicht einmal sagen, ob ich an die Seltsamkeiten, die man davon erzählt, glaube oder nicht.

O Sie unverständiger Mann, rief der Kleine im größten Eifer aus, so muß ich ja also dem Blinden von der Farbe predigen! Indessen, was thuts? Glaube und Ueberzeugung werden Ihnen schon, wie zahme Hündchen, in die Hände laufen. Sehn Sie, ich bin schon eine Anzahlvon Jahren Unteraufseher in diesem Hause. Ich sage nicht etwa deßwegen Unteraufseher, weil wir jetzt hier im untern Theile des Hauses eine gewisse Aufsicht führen; sondern Sie verstehn mich schon: ich meine, ich bin so fast nach dem Director der wichtigste Mann hier, wie Sie auch wohl werden bemerkt haben; nur der verdammte Thürhüter will keinen Respect vor mir haben. Nach einer Nervenkrankheit, wie es die trivialen Aerzte nennen, fand ich mich schon vor vielen Jahren als einen verwandelten Menschen wieder. Freund, da war mir ganz so zu Muthe, als wenn einer meinem inwendigen Geiste Hosen und Weste aus-, ja noch die Haut dazu abgezogen hätte, so daß er nun niemals mehr zerstreut, oder dumm, oder langweilig war. Sie werden mich nicht ganz verstehn, thut aber auch nichts zur Sache. Es ist nämlich so: ich konnte von dem Augenblicke an überirdische Dinge begreifen und fassen, nicht mit meiner alltäglichen Vernunft; sondern in meinem inwendigsten Geiste hatte sich noch ein eignes kleines und feines Verständchen angesetzt, das dergleichen begriff, und da der Geist nun nicht mehr bekleidet war, und auch keine dumme Haut mehr über sich hatte, so konnte Ich, der Lebendige, der hier draußen steht und mit Ihnen spricht, so frischweg in jene meine unsichtbare Creatur hinein sehn und Alles capiren. Capiren Sie mich?

So halb und halb, sagte Wolfsberg, Sie drücken sich etwas figürlich aus!

Außerdem aber, fuhr Friedrich fort, wurde ich gewahr, daß ich in fremde Leute hinein sehn konnte. Schaut’s! jetzt laufen Ihnen die Gedanken wie Ameisen durch Ihren Kopf, und einige schleppen sich dummerweise mit kleinen Steinen, Holz, albernen Zweifeln. Da rennt ebeneine großmäulige Ideenassociation in der inwendigen Gegend des Ohres, und schreit, daß Alles, was ich Ihnen vortrage, aberwitziges Zeug sei; und nun fliegt eine kluge Gedankentaube mit dem Oelzweig hintennach und meint, man könne es denn doch noch nicht wissen. Husch! rennen die übrigen Gedanken in den Winkel und sitzen gluckend wie die brütenden Hühner da. Ja, ja, Herr Baron, ich weiß wohl, wer Sie sind.

So? fragte Wolfsberg in der größten Spannung.

Ja wohl, sagte der Kleine ganz ruhig, kein Graf, wie unser mürrischer Director meint, — he he he! Sie sind auch kein Baron, Sie Vocativus, Sie!

Ich dächte doch, sagte Wolfsberg verwirrt.

Mir können Sie nichts weißmachen, fuhr der Wahrsagende fort, denn ich weiß ja Alles: ja, ja, alle Ihre Streiche und Kniffe könnte ich Ihnen an den Fingern hersagen; aber still! wir sind ja alle Menschen, und Sie bleiben bei allem dem immer ein großer Mann. Ein sehr großer Mann, und ein berühmter Mann sind Sie, einer von denen, die die Nachwelt noch nennen wird! Haben Sie erst, was Sie brauchen, so werden Sie auch weiser werden, und das kann ich Ihnen schaffen, und vertraue dabei Ihrer Großmuth, daß Sie nicht allzu ungleich mit mir theilen werden.

Also zur Sache, rief Wolfsberg entschlossen, worauf kommt es an?

Wie ich in Menschen und Seelen hinein sehn kann, fuhr der Kleine fort, so kann ich es auch zu Zeiten in leblose Gegenstände. Lange schon habe ich gesehn, daß gerade hier, etwa vier Klaftern tief, ein ungeheurer Schatz liegt, fast ganz in Golde, nur wenige Edelsteine darunter. Es sind zwei große eiserne Kasten, auf dem einenist eine Inschrift, aber so verrostet, daß ich die Buchstaben nicht recht zusammenbringen kann. Aber im zweiten Kasten befindet sich ein geschriebenes Blatt, welches Alles erklärt.

Wie sind aber diese Schätze hieher gekommen? fragte Wolfsberg; und weßwegen hier verscharrt?

Schwer zu sagen ist es, sagte Friedrich, denn Sie begreifen doch so viel, daß ich in die Vergangenheit, in ein Nichts, das weder Körper noch Geist hat, nicht so hinein sehn kann, wie in einen Menschen, oder in ein Kellergewölbe. Doch, Spaß apart, wollen Sie mir helfen oder nicht? Glauben Sie mir, oder nicht? Wenn Sie nicht dran wollen, suche ich einen andern Gehülfen, oder verschweige die Sache noch Jahre lang, wie ich denn bisher ein Geheimniß daraus gemacht habe.

Und was soll ich also thun, wenn ich Ihnen glaube?

O Fragen und kein Ende, rief Friedrich in der größten Ungeduld, ich habe Ihnen ja schon neulich meine Schultern gezeigt, wie schwach, meine Arme, wie dünn sie sind. Ich habe es schon oft versucht; aber ich kann nicht graben, ich bekomme auch gleich den Husten, wenn ich stark arbeite. Hier, ungläubiger Thomas, ist das Grabscheit! Machen Sie sich dran und grübeln Sie nicht weiter; in acht Tagen sind wir die reichsten Männer im Lande, und dann können wir den Director und alle Narren da oben auslachen.

Wolfsberg bequemte sich und arbeitete mit der größten Anstrengung einige Stunden. Als er es kaum mehr vermochte, rief Friedrich: für heute genug! Schlafen Sie nun gesund, denn man muß uns nicht vermissen. In der nächsten Nacht werde ich Sie wieder zur Arbeit abrufen.

Müde und ermattet, wie am ganzen Leibe zerschlagen ging der junge Mann, der an dergleichen Anstrengungen nicht gewöhnt war, auf sein Zimmer, und legte sich nieder.

———

Der Rath Walther hatte sich indessen mit dem Arzte auf die Reise begeben. Ihr Weg führte sie durch anmuthige Gegenden, und Walther wurde nicht müde, seinen Begleiter von der Trefflichkeit des jungen Raimund zu unterhalten. Der Arzt war sehr darauf gespannt, einer so wunderbaren Erscheinung im Leben zu begegnen; nur fürchtete er, ihre feine Harmonie jetzt durch Schmerz und Wahnsinn zerrissen zu finden. Manchmal stieß mir wohl ein Zweifel auf, ob die Schilderungen des Rathes, der in allen andern Dingen, außer dieser Verherrlichung seines jungen Freundes, ein ruhiger und kalter Mann war, nicht übertrieben poetisch seyn möchten. Sie näherten sich jetzt dem Dorfe, in welchem der junge Mensch leben sollte. In den engen Wegen des Gebirges fiel der Wagen um, und der Arzt ward am Fuße beschädigt; zwar nicht bedeutend, aber doch so, daß er einen Ruhepunkt zu erreichen wünschen mußte. Dies verdroß ihn um so mehr, da er in einer Waldschenke einen Mann gesprochen hatte, der ihm eine so seltsame Schilderung von einem jungen Wildfang gemacht hatte, welcher sich seit einiger Zeit in den dortigen Gegenden aufhalten sollte, daß er kaum daran zweifeln durfte, es sei der junge, ihm entsprungene Graf Birken. Der Rath erbot sich, den kurzen Umweg zu machen, indessen ihn der Arzt bei jenem Landprediger erwarten sollte, bei welchem man den jungen Raimund anzutreffen hoffte.

Der Arzt ließ sich bei dem Pfarrer melden, den er in einer Laube seines Gartens antraf. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen leitete der Fremde die Unterredung auf den jungen Mann, welcher der Obhut des Geistlichen anvertraut sei; der Pfarrer schien aber kein großes Interesse an diesem Gespräche zu nehmen und sagte endlich: ja, seit einem Jahre etwa hält sich ein etwas confuser Mann bei mir auf, desseningeniumundmensnicht zum Besten bestellt sind, und um den ich mich auch wenig kümmere, außer daß er uns bei Tische oft seinejocivormacht. Ich erhalte von dessen alten Domestiken eine anständige Pension, und so lasse ich ihn gewähren; denn es ist nicht meines Thuns, mich viel mit Narren einzulassen, oder sie gar curiren zu wollen. Der alteservusführt eigentlich ganz die Aufsicht über den Verwirrten, und mit wem sich dieser am meisten einläßt, ist unser gnädiger Junker, der freilich auch mit aller Macht zurdementiainclinirt. Diese beiden Thoren, wenn sie einmal bei Sonntagslaune sind, machen mir zuweilen mein kleines Haus zu enge.

Wissen Sie aber nichts Näheres von den Schicksalen des jungen Mannes? fragte der Arzt.

Urtheilen Sie selbst, verehrter Herr, erwiederte der Geistliche, ob eine solche Creatur, der es am Besten gebricht, wohl absonderliche Schicksale haben könne. Diese Personen sind ja recht eigentlichfruges consumere nati. Wir nennen ihn nur kurzweg immer den Werther.

Werther? fragte der Arzt sehr lebhaft.

Ja, mein Herr, fuhr jener fort, dieses ist ein Spitzname, der aus einem gewissen Buche entlehnt seyn soll, welches unsre junge Baronesse einmal gelesen hat. Derselbe trieb sich auch immer, wie man mir sagte, in Waldund Flur herum, statt in vernünftiger Societät ein Wort mitzusprechen, eine Pfeife zu rauchen und etwa zu hören, was es in der politischen Welt Neues giebt.

Sie scheinen kein Freund der Natur zu seyn, warf der Reisende ein, und bewohnen doch selbst eine der reizendsten Gegenden unsers Vaterlandes.

Natur! rief der Pfarrer aus; das Wort ist etwa seit 40 Jahren in die Mode gekommen, und so weit ich habe das Verständniß davon erreichen können, meint man darunter einen etwanigen Bach oder Fluß, sammt Berg und Steingeschichten, oder die Waldsachen und dergleichen. Hat mich nie sonderlich interessirt, weil ich mich immer bestrebt habe, ein denkendes Wesen vorzustellen. Und unser Werther, wie ihn die jungen Leute heißen, oder Theophilus, wie sein eigentlicher Taufname lautet, weiß auch weder, ob Frühling oder Herbst ist, ob die Bäume blühen oder dürr sind, ob die Bergwand aus Granit oder Marmor besteht, sondern er läuft nur, wie ein Uhrwerk, so hin und her.

Der Alte war mit allerhand Papieren und Briefschaften beschäftigt, die er in einem Tischkasten zu ordnen suchte, und der Arzt sagte indessen zu sich: Der Aermste! Also auch diese Empfindung ist in ihm untergegangen, die sonst dem Unglücklichen so oft einen heiligen Trost gewährt! Denn der Natur gegenüber verklärt sich jeder Schmerz, der uns unter Menschen, in den Mauern der Städte oft zu vernichten droht, und verwandelt sich in ein himmlisches Wesen, in eine Erscheinung von oben herab. Wie eine Himmelsharfe tönt die Natur Freude und Leid mit, und setzt unsre stummen Seufzer, die Worte der Klage in überirdische Musik um.

In diesen Phantasieen, die wohl so schnell in ihmantönten, weil er so lange mit dem fast schwärmerischen Rathe gereiset war, wurde er wieder vom Pfarrer unterbrochen. Verzeihen Sie mir, sagte dieser, daß ich Sie so schlecht unterhalte, jeder macht so seine Studia. Dieselben haben sich wohl niemals mit der Astrologia eingelassen?

Nein, antwortete der Arzt.

Sehr Schade, fuhr jener fort, daß diese Wissenschaft seit neueren Zeiten so ist vernachlässiget worden. Ich habe sie immer bewährt gefunden. Und so sehe ich hier wieder das Horoskop an, welches ich meiner Tochter bei ihrer Geburt stellte. Ich prognosticirte damals, daß sie sich in einen hohen Stand erheben würde, und sie ist nun auch wirklich glückliche Braut eines vornehmen Mannes. Das hat mir auch den Geist so eingenommen, daß ich fast nicht capabel bin, eine recht fortgesetzte Conversation zu führen. Doch da kommt ja unser Theophilus mit seinem alten Gesellschafter. Der junge Mann ist eine Zeit lang in einer andern Familie sehr gemißhandelt worden; man darf ihn nicht auf diesen Gegenstand bringen: denn er wird zuweilen bitterböse, wenn er sich jener Tage erinnert.

Der Arzt stand auf und sah zu seinem Erstaunen einen langen, nicht mehr jungen Mann eintreten, der sich gebückt trug, und aus dessen regelmäßiger Physiognomie die höchste Beschränktheit und Einfalt hervor leuchtete, aber auch zugleich eine so heitre Jovialität, daß er von Neuem an dem Rathe und dessen übertriebener Schilderung irre ward. Der Einfältige gab dem Pfarrer die Hand, sah den Fremden mit scheuem Blick von der Seite an, ging dann auf ihn zu und fragte hastig: sind Sie ein Edelmann?

Verzeihung, rief der Pfarrer dazwischen; ich habe noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, mich nach Ihrem werthen Namen zu erkundigen.

Doctor Anselm, sagte der Arzt.

Ich dachte, Sie wären mein Vetter, rief der Einfältige, weil Sie eine solche ästhetische superfeine Nase haben. Zugleich sprang er in die Höhe, und schlug wie ein muthwilliges Füllen mit den Beinen hinten aus.

Der Arzt, der sich auf eine ganz andere Stimmung vorbereitet hatte, mußte laut lachen, indem der Pfarrer mißbilligend das Haupt schüttelte, und sehr ernste Runzeln in sein Gesicht zog.

Sehn Sie nur, sagte Theophil, indem er den Arzt etwas bei Seite führte, das Perlmutter-Gesicht von meinem alten Prediger; so debattirt er immer mit sich, als ob er an einem Obscuranten-Almanach arbeitete.

Sie drücken sich seltsam aus, sagte der Arzt, aber vergnüglich.

Er weiß nie, was er spricht, unser junger Freund, rief der Prediger; weder kennt er die Bedeutung der Worte, die er braucht, noch will er überhaupt etwas damit ausdrücken. Es ist wie Wiederhall von Felsen, oder Waldesbrausen. Mein ehrwürdiges Alter ist einmal immer das Stichblatt seines falschen Witzbestrebens.

Der Herr Prediger, sagte der Simple, hat eine rechte Hosiannah-Stimme und sitzt so mächtig auf seiner Bank da, als wenn er Habakuk und alle zwölf kleine Propheten zu künftige Pfingsten confirmiren wollte. — Pankraz! rief er dem alten Diener zu, du mußt mir wieder Taschengeld geben!

Haben Sie denn schon Alles ausgegeben? fragte dieser.

Dummer Teufel! rief Theophilus; freilich! DenkenSie nur selbst, mein fremder Herr Vetter, draußen vor dem Dorfe begegnen mir die Mädchen, die drüben in der Stadt allerhand auf dem Jahrmarkt eingekauft hatten, Tücher, Schürzen, Mieder, Hauben, Spielzeug für die kleinen Geschwister. Sie hatten noch eine volle halbe Meile, und ließen mich nun die Sachen herüber tragen. Wie ich sie ihnen wieder abgab, mußte ich ihnen doch wohl ein Trinkgeld geben, daß sie mir Alles so hübsch anvertraut hatten? Aber Pankraz ist faul; der trug nichts, und drum hat er auch sein Geld in der Tasche behalten.

Das ist ein schöner Zug von Ihnen, sagte der Arzt; sind Sie aber immer so vergnügt?

Wie’s kommt, antwortete jener lachend; nur wenn die Leute dumm sind, kann ich mich sehr ärgern, wenn sie nicht capiren. Sehn Sie, es ist sehr traurig, wenn man allein klug seyn soll. In Gesellschaft habe ich noch einmal so gern Verstand.

Sie denken trefflich, sagte Anselm.

Was sagen Sie aber vollends dazu, schwatzte jener weiter, daß wenn ich einmal so recht superklug bin, die Leute mir beweisen wollen, ich wäre dumm? Nicht wahr, die Welt liegt im Argen; wie unser Herr Pastor Kilian letzt einmal in der Kirche sagte.

Ich werde sorgen, daß Sie niemals mehr hinein gelassen werden, rief der alte Mann.

Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ, sagte Theophil mit der größten Ernsthaftigkeit und ging traurig zum Prediger hin.

Lassen Sie sich dienen, Herr Doctor, fuhr der Alte fort, daß es nicht angeht, weil er sich laut mit seinem Bedienten während des Gottesdienstes zankt. Was thut er aber neulich? Indem ich in der Predigt aufsehe, hater unsern Hund in meinen Sitz gebracht, läßt den Pudel aufrecht stehn, der nun über das Chor gucken und ein Gesangbuch zwischen den Pfoten halten muß. Heißt das nicht die Gemeine stören?

Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ! sagte der Angeklagte mit weinerlicher Stimme. Der Arzt, der eine ernsthafte Wendung des Gespräches fürchtete, fragte den Klagenden, was das neulich gewesen sei, wo er so allein klug, und die Andern dumm gewesen wären. Ja so! sagte Theophil plötzlich laut lachend; das war eine lustige Geschichte! Die Mamsell Kilian hatte mir ganz neue Schnupftücher gekauft. Nun sollte ich den andern Tag mit dem Junker auf den Fischfang gehn, da nahm ich mir vor, den Pankraz zu erinnern, daß er mich erinnern sollte, damit ich es nicht vergessen möchte. Um aber auch gewiß daran zu denken, daß ich ihn zu rechter Zeit erinnern möchte, damit er mich ja erinnern könnte, machte ich einen Knoten in mein Schnupftuch. Sie wissen ja, das ist ein altes Herkommen, wenn man etwas nicht vergessen will.

Ja wohl.

Nun gut; ich wache den Morgen auf, da finde ich den Knoten. Da besinne ich mich auch gleich, daß ich den Pankraz erinnern muß. Pankraz, du sollst mich an was erinnern! Ganz recht, gnädiger Herr, Sie wollen mit dem Junker auf den Fischfang gehn. Ich geh’ auf den Fischfang und denke nichts Böses. Den andern Tag aber ist der Knoten noch im Tuche. Das ängstete mich, denn es gab nun nichts mehr zu erinnern, und wenn ich den Knoten anfaßte, wollte ich mich immer auf etwas besinnen. Den Knoten hatte ich aber so fest gezogen, daß ich ihn gar nicht wieder aufkriegen konnte. Sonehm’ ich im Verdruß eine Scheere, und schneide bloß den Knoten, verstehn Sie, bloß den Knoten ab, und werfe ihn aus dem Fenster. Wie nun das Tuch wieder gewaschen ist, sagt die Mamsell sammt allen Menschen im Hause, ich hätte es entzwei geschnitten; es fehlte auch wirklich ein großes Stück davon. Nun sagen Sie selbst, ob ich etwas dabei versehn habe, und wer Recht hat!

Der Knoten, sagte der Arzt, war aber doch natürlich vorher ein Stück des Tuches, folglich mußte dieses nachher fehlen.

Sie begreifen nicht! sagte Theophil im großen Zorn, und faßte die Hand des Arztes heftig und stark; ich schnitt ja nicht das Tuch ab, sondern nur den Knoten, den ich erst hinein gemacht hatte, der vorher nicht drin war.

Wir wollen nicht streiten, sagte Anselm, Sie können wohl Recht haben; ich habe bisher dieses Experiment noch nicht gemacht, und Vieles begreift man gewiß erst durch die Erfahrung.

Hat man Ihnen wohl schon einmal Gesellschaft geleistet? fragte der junge Mann mit listiger Miene.

O ja, sagte der Arzt, mehr als einmal; und Sie leisten mir jetzt eben auch Gesellschaft.

Sie würden sich dafür bedanken, fuhr jener fort, wenn ichs in der Manier thun wollte, wie mein Gesellschafter Walz da drüben in der kleinen Stadt mir die Zeit vertrieb. Da sagten sie, ich müßte einen Gesellschafter haben. Da kam Herr Walz, der dazu bestellt war. Das gab ein Gesellschaftsleisten, daß mir des Abends alle Rippen weh thaten.

Wie so?

Er schlug immer um sich, und wir konnten uns gar nicht vertragen; aber ich durfte ihn niemals wieder prügeln.Ja, wie gern möcht’ ich ihm auch einmal so recht Gesellschaft geleistet haben! Wenn ich verdrießlich war, schlug er; war ich nicht aufgeräumt, ließ er mir zur Ader; ein paar Mal ließ er mir auch Zähne ausziehn, — die beiden hier: weil er sagte, ich wäre zu böse, die Zähne wären schon nichts nütz und thäten mir nur jetzt oder in Zukunft einmal weh. Den andern habe ich einmal beim Essen verloren.

Aber diesen Augenzahn hier? fragte der Arzt.

Der fehlte mir schon, antwortete jener ganz ruhig, vor meiner Zeit.

Vor Ihrer Zeit? Wie verstehn Sie das?

Lieber Himmel, Sie sind recht schwer von Begriffen! Vor meiner Zeit — ach! lassen Sie mich zufrieden und haben Sie mich nicht zum Narren! sagte er ganz böse.

Verzeihen Sie, fiel der Arzt ein, ich verstehe Sie jetzt schon; ich begreife nur langsam, wie Sie ganz richtig bemerkten.

Haben Sie die Naturwissenschaft studirt? fragte der junge Mann wieder ganz heiter.

O ja, sie ist mein Hauptstudium.

Nun, dann gratulire ich, sagte jener laut lachend. Sind Sie auch brav darin herumgewalzt worden?

Herumgewalzt?

Sie capiren schon wieder nicht! Brav abgewammst, tüchtig gedroschen! Sie verstehn nun schon, so wie es mir dabei mit meinem Gesellschafter Walz ergangen ist.

Er nahm also die Sache so ernsthaft?

Ja freilich. Er sagte, er müsse mir die Botanik beibringen. Es war aber eigentlich dieBatonik, weil er den lieben Baton so sehr dabei brauchte. Da krochen wir herum und suchten Petersilie und Wurstkraut, Rüben undKnoblauch, und das sollte ich immer alles behalten. Ein ander Mal fing er einen Maikäfer. Seht, das ist ein Maikäfer. Ja, sagt’ ich, das ist ein Maikäfer. — Zu welchem Geschlecht gehört er? — Doch wohl zum Geschlecht der Maikäfer. — Sehn Sie, da brach er gleich einen Haselzweig ab, und demonstrirte mir die Sache auf meinem Rücken. Der wurde überhaupt dazumal so magnetisirt, daß er fast so hellsehend geworden wäre, daß die Sonne durch ihn hätte hindurch scheinen können. Sagen Sie mir überhaupt nur, wenn einer im Kopfe nicht zu Hause ist, warum man dann immer auf dem Rücken, oder noch tiefer anklopft. Sollte denn der Geist da allenthalben lieber als in der höhern Etage wohnen? — Nun gut; dann gingen wir in den Wald. Da unten liegt, schrie er, der berühmte Linné, oder auch Pistillen, oder dergleichen alberne Gelehrtennamen. Wenn ichs nicht behielt, von der Buche ein Zweig gebrochen, und damit wieder Privatstunde gehalten. Ich war nur froh, wenn das Botanisiren im Freien geschah, da war doch etwa nur ein Gesträuch zur Hand.

Sie haben also, sagte Anselm, in dieser Wissenschaft auf dem Wege nichts profitiren können?

Doch, antwortete jener; aber Alles, worauf es mir auch nur abgesehn schien, mit demRücken; denn der kriegte durch vieles Repetiren der Studien eine so feste Memorie, daß ich noch jetzt bei jedem Stocke unterscheiden will, auf welchem Baume er gewachsen ist. Sie glauben nicht, wie anziehend die frischen Haselgerten sind! Weiden schmiegen sich mehr, sind aber weniger eindringlich. Die Eiche klingt mächtig, als Baum der deutschen Freiheit; es läßt sich aber nicht viel damit ausrichten; der Walz konnte auch immer nur die dürren Zweigeabbrechen, die fast gar nichts zu sagen haben. So ist es auch mit der Tanne und Fichte nicht viel. Die Buche ist körnig; die Birke, besonders im Frühjahr, empfindlich; auch wächst das Zeug, wo kein andrer Baum fortkommt, steht also fast immer zur Hand. Von allen diesen Stauden und Gewächsen brach er seine Wünschelruthen, und alle schlugen immer auf meinen Rücken an, so daß in meinem Innern große Schätze verwahrt liegen müssen. Er schonte auch die mitleidige Trauerweide, die vornehme Weihmuthskiefer nicht; ja selbst der Tulpenbaum mußte ein paar Mal das Instrument zu meiner Weihe reichen; und so kann ich gewiß, da gar kein Tergiversiren etwas fruchtete, auf eine recht pragmatische und polyhistorische Bildung Anspruch machen. — Als ich mich genug durchstudirt, und er alle Naturreiche durchgeprügelt hatte, wurde ich hieher zu dem friedfertigen Herrn Kilian gethan; und hier ruhe ich auf meinen Lorbeern aus, die ich noch manchmal in Rippen und Seiten fühle.

Es freut mich, daß Sie so fröhlich sind, sagte der Arzt; haben Sie Appetit, schlafen Sie gut?

Ich danke, sagte jener; bald so, bald so; aber ich träume oft schwer und fürchterlich, und tobe dann und lärme in der Nacht. So hatte ich auch diese Nacht einen ängstlichen Traum.

Was war das für ein Traum?

Pankraz! rief Theophil dem Diener zu: was träumte mir diese Nacht?

Der Alte trat näher und sagte verdrießlich: das kann ich nicht wissen.

Sehn Sie den eigensinnigen Menschen, rief Theophil aus, ich lasse ihn bloß deßwegen in meiner Stube schlafen, daß er alles wissen soll, was ich denke und träume;aber er ist so träge, daß er sich fast nie darum bekümmert. Wenn Du es nicht weißt, wer soll es denn wissen? Dazu sollst Du die Aufsicht über mich haben!


Back to IndexNext