Als ich dem fremden Hofe mich vorgestellt hatte, empfing ich bald darauf den Bescheid, daß ich mit einem wichtigen Auftrage schnell in mein Vaterland zurück müsse. Am Abend war beim Bruder des regierenden Fürsten Concert, und eine fremde Sängerin wollte sichzum ersten Mal hören lassen. Ich begab mich in den Concertsaal. Nur der Sängerin Nacken, dessen blendende Weiße von einem wunderlich gekräuselten braunen Löckchen erhöht wurde, konnte ich wahrnehmen, so wie einen Theil des feingerundeten Ohres, so dicht war das Gedränge. Aber jetzt erhob das Mädchen den Ton, und ging in einen zweiten über, und strahlte den dritten aus, so mächtig, edel, rein, voll und lieblich zugleich, daß ich wie bezaubert stand, denn das war es, wie ich es mir immer gedacht, ja es war mehr, wie ich gewünscht hatte. Dieser reine, himmlische Discant war Liebe, Hoheit, zarte Kraft und Fülle der edelsten, der überirdischen Empfindung. Da hörte ich nicht den spitzen, blendenden Glaston, der noch die Harmonika überschleift, nicht die Betäubung in der letzten, schwindelnden Höhe, die wie mit Spitzen das Ohr verletzt und durchbohrt, nicht die Ohnmacht an der Grenze der Stimme, die erst ein Mitleidsgefühl in uns erregt, und von diesem dann Hülfe und Beifall bettelt: nein, es war die Sicherheit selbst, die Wahrheit, die Liebe. Nun begriff ich erst, wie Hasse hatte wagen können, zuweilen in seinen Arien durch viele Tacte den Sopran auf ein und zwei Sylben trillern, sich senken und wieder steigen zu lassen. Ich war so entzückt, daß ich mich und Alles vergaß, ich legte in diesem höchsten Augenblick meines Lebens das sonderbare Gelübde mir selber heimlich ab, daß nur dieses Wesen mit dieser Wunderstimme, oder keins, meine Gattin werden sollte. Der Rath und der Laufer des Fürsten hatten mich schon zwei-, dreimal erinnert. Ich ging zum regierenden Herrn in das Schloß hinüber. Es ward mir schwer, meine Lebensgeister zu dem sehr bedeutenden Gespräche zu sammeln. Nach der Audienz mußte ich mich in stürmischer Nacht in den Wagenwerfen. Kein Diener, am wenigsten der alte Rath, mein Begleiter, wußten mir von der Sängerin etwas zu sagen. In meinem Vaterlande angekommen, erwarteten meiner dringende Arbeiten, die mich selbst in den Nächten beschäftigten, ich konnte meinen Vater, der auf dem Krankenbette lag, nur wenig sehn. Als ich fertig war und meinem leidenden Vater jetzt meinen Trost und Dienst widmen wollte, konnte ich ihm nur noch die Augen zudrücken. Jetzt wußte ich erst, wie theuer mir der edle Mann gewesen war, doch war es mir jetzt erlaubt, meiner Neigung zu folgen; ich entzog mich den Staatsdiensten. Sobald es meine geordneten Geschäfte zuließen, reisete ich nach jener Residenz zurück, — aber — und wie ist dies zu begreifen? Kein Mensch, kein Musiker, Niemand am Hofe wollte von jener Sängerin, oder jenem Abend, den ich beschrieb, etwas wissen, als sei diese einzige, himmlische Stimme eine der gewöhnlichsten Erscheinungen, die man kaum bemerkt und dann vergißt, oder als sei ich in Wahnsinn und Bezauberung, daß ich mir Alles nur eingebildet habe.
Als jede Nachforschung vergeblich war, suchte ich auf Reisen jenes Wunder wieder anzutreffen. Darum versäumte ich kein Concert und keine Oper, suchte jede musikalische Versammlung auf, und immer vergebens. Seit zwei Jahren führe ich dies unruhige traurige Leben, und heut Abend dacht’ ich thöricht zu werden, denn in der fremden Dame glaubte ich meine Unbekannte gefunden zu haben, dieselbe Locke im Nacken, derselbe feine Contour des Ohrs; und Mund und Physiognomie schienen mir ganz wie die einer Sängerin.
Die Tochter des Hauses versicherte noch einmal, daß der Graf sich durchaus irre, und daß seine Bemerkungenüber Gesang fast eben so einseitig als fein zu nennen wären. Denken Sie denn Ihr sonderbares Gelübde zu halten? fragte hierauf der Baron.
Ich muß wohl, erwiederte der Graf, denn mögen Sie auch lächeln und es unbegreiflich finden, jener wunderbare süße Ton hat mir Liebe, wahre Liebe eingeflößt. Warum soll denn unser Auge der einzige Sinn seyn, der uns dies Gefühl, diesen enthusiastischen Taumel zuführt? Ich träume von dieser Engelsstimme, immer vernehme ich sie, Alles erinnert mich an diesen Ton: o Himmel! wenn er verschwunden, wenn sie gestorben seyn sollte! Ich mag mir die Unermeßlichkeit dieses Elends gar nicht vorstellen.
Die Uebrigen, den Laien abgerechnet, schienen diese Leidenschaft nicht begreifen zu können, oder an sie glauben zu wollen. Da es spät war, trennte man sich, und der Italiener begleitete den Grafen, in dessen Hause er wohnte.
Eccellenza, fing er in einer einsamen Straße an, thut mir die Gefälligkeit, mich übermorgen vor das Thor da in den Tannenwald zu begleiten, da will ich mir umbringen.
Narr! sagte der Graf, was fällt Euch einmal wieder ein? Habe ich nicht versprochen, für Euren Lebensunterhalt zu sorgen?
Alles recht schön, sagte jener, danke auch für die Großmuth; aber ich bin mein Leben völlig satt, so sehne ich mir nach meiner abgeschiedenen Hälfte.
Damit Ihr auch jenseit, fragte der Graf, Euer Katzenkonzert wieder fortsetzen könnt?
Nicht blos deswegen, erwiederte der Alte, bin aber mit Isabellen so gewohnt gewesen, mit Palestrina, Durante, Bach und alle große Leute, den königlichen KapellmeisterDavid mit eingerechnet, zu leben, daß ich es mit so ordinären Menschen nicht mehr aushalten kann. Wie rathen mich, Eccellenza, daß ich mir umbringen soll, hängen, schießen oder ersaufen?
Ich werde den Narren einsperren lassen, sagte der Graf.
Hat jedes etwas für sich, fuhr der Italiener fort, ohne sich stören zu lassen: Luft, Feuer, Wasser; jedes ein ganz gutes Element. Ein einziges Ding könnte mich mein Leben versüßen, so daß ich wieder in die Lebenslust einbisse.
Nun, und was?
Daß ich den Herrn Hortensio nochmal anträfe.
Und weshalb?
Daß ich ihn so recht abwamsen, durchdreschen könnte, daß er dazumal meinerCaradie Gesangmethode so verdorben hat.
Phantast! sagte der Graf, indem sie durch die Thür schritten. — Und was ist Eccellenza? murmelte der Alte, indem die Diener ihnen entgegen kamen.
———
Der Kapellmeister war in Verzweiflung. Es war ganz so gekommen, wie er gefürchtet hatte. Die erste Sängerin zeigte sich mehr als empfindlich, sie fühlte sich beleidiget, und sogleich war auf einen Wink von ihr eine recht schwere Krankheit da, die ihr es unmöglich machte, einen Ton zu singen, ja nur ihr Zimmer zu verlassen. Der Enthusiast wandelte und rannte hin und her, aber seine Vermittlung machte die Sache eher ärger als besser, denn da er treuherzig wieder erzählte, was jede der Parteien geäußert hatte, so wurde der Kapellmeister immermehr erbittert, und die Sängerin ging am Ende so weit, daß sie verlangte, statt der beiden Haupt-Arien sollten zwei ganz neue gesetzt werden, und das Duo im letzten Acte müsse in den ersten und zwar gleich in den Anfang verlegt seyn, auch forderte sie noch für sich die große Arie der zweiten Sängerin, ohne welche Bewilligungen an keinen Friedensschluß zu denken sei. Ueber diese ungeheure Forderungen gerieth der Kapellmeister so außer sich, daß er schwur, sie solle nun in seiner Oper gar nicht singen, ob er gleich noch nicht wußte, wie er seiner Verlegenheit abhelfen sollte. Wenn nur meine Cara noch lebte! rief der alte Italiener aus, der an den Berathschlagungen Theil nahm, und jetzt die Verzweiflung des Kapellmeisters sah; ach! wie brillant könnte die Selige zum Theater wieder auferstehn! Die Rolle ist ganz und gar für sie geschrieben.
Könnt Ihr sie nicht vielleicht selbst übernehmen? fragte der Kapellmeister in tragischer Bosheit.
Signor si!rief der Alte, wenn Ihr kein ander Subject findet, ich kann zum Entsetzen einen hohen Sopran durch die Fistel singen.
Es kommt wirklich fast auf eins hinaus, rief der Componist in seiner Verzweiflung, ob man so oder so parodirt wird; wenigstens würde doch kein Liebhaber bei einer unpassenden Gelegenheit klatschen, und kein Eifersüchtiger oder der Bewunderer der zweiten Dame aus Neid pochen und zischen. Unternehmt Ihr, Alter, aber auch liebenswürdig zu erscheinen?
Was der Mensch leisten kann, antwortete jener, der es für Ernst hielt: vor dreißig Jahren war ich zum Malen hübsch, und wenn ich mal auf Carneval in Weibskleidern ging, lief mir alles junge Mannsvolk nach.
Die Prima Donna hätten wir also, sagte der Enthusiast, und wenn die Oper nur Nacht und Verfinsterung des Theaters erforderte, und kein Mensch die Sache erführe, so käme es wohl auf den Versuch an, welche Wirkung der alte Freund machen würde.
Wenn ich nicht vor der Aufführung todt bin, warf der Italiener ein, so wie das andere Subject krank ist, so möchte ich wohl in das Sterben gerathen.
Ich sehe schon, beschloß der Kapellmeister, ich bin vergeblich hergereist, ich habe umsonst alle Anstalten getroffen. So lange es unmöglich bleibt, von Obrigkeits wegen einen solchen Eigensinn zu bestrafen und zu hindern, so lange das Publikum selbst nicht eine solche Frechheit und Verachtung seiner so ahndet, daß kein zweiter dieselbe Vergehung wieder wagt, so lange bleiben wir das Opfer dieser Caprice von unwissenden Menschen, die für ihr mäßiges Talent viel zu sehr belohnt und von den Directionen und allen Zuhörern verzogen werden. Ich werde wieder einpacken.
Der Enthusiast weinte vor Schmerz, der Italiener aber sagte: Ihr habt ganz recht; nicht wahr, das Leben mit all den Mühseligkeiten ist nicht die Rede werth?
Ich bin es wenigstens völlig satt, antwortete der Componist.
Nun, so kommt mit mich, leistet mir Gesellschaft, sagte der Alte sehr freundlich, indem er sich an ihn schmiegte.
Wohin?
Nach jenseit, nach dem weiten großen Raum, wo man Ellenbogen-Freiheit nach Herzenslust hat. Sagt, Mann, wollen wir uns lieber ins Wasser schmeißen,oder frisch den Kopf abschießen, wie dem Vogel von der Stange?
Geht, rief der Musiker, Ihr seid schon am frühen Morgen trunken.
Nein, sagte jener, ich habe einmal einen heiligen Schwur gethan, mir aus dieser Welt hier fortzuschaffen, wenn ich nicht etwa den lieben Signor Hortensio wieder antreffen thäte: das würde natürlich die ganze Sache verändern. Aber wenn mir die Freude nicht arrivirt, sagt nur selbst, was ist denn das für ein lumpiges Leben hier unten? Da sitzt Ihr immer, närrischer Maestro, und klimpert auf das Clavier, und schreibt Eure Eingebungen auf, und ängstigt Euch um Invention, Charakter, Melodie, Styl, Originalität, und wie man Kunstwesen alles nennt: und wer dankt es Euch? Wer merkt es nur ein bissel? Laßt uns doch mal als vernünftige Männer in Tag hinein reden: ist es denn nicht spaßhafter, sich aus dem Staub zu machen? Ja, Ruhm, Nachwelt! Wollen der lieben Nachwelt ein bissel entgegen gehn, und mal hinter den Vorhang gucken, ob es solches Gethier überhaupt nur giebt. Uebermorgen, Freundchen, seid von der Parthie, ich bring’ auch Pistol mit: Ihr müßtet denn lieber baumeln wollen; ist aber jetzt windiges und garstiges Wetter.
Laßt die Narrenspossen, sagte der Musikus sehr ernst, es wird noch dahin kommen, alter Thor, daß Ihr nach dem Tollhause wandert.
Und wohnen da nicht auch Leute? sagte der Italiener grinsend; Ihr habt Vernunft noch nicht viel gebraucht, junger Mann, da ist sie noch ein bissel frisch! wer sie aber so wie ich strapazirt hat, da ist sie mürbe und matt; mir kommt’s gar nicht so sehr auf Ambition an, daßmich Eures gleichen für vernünftig, oder Weisen aus Griechenland hält. Ich habe wohl andern Umgang gehabt, als Ihr, Ihr armer, gegenwärtiger, kurzsichtiger Mensch! und wenn Nestor, oder Phidias und Praxiteles, mit die ich so oft konversirt habe, mich so etwas gesagt hätten, so hätte ich jeden einen Schlag an die Gegend von das Ohr gegeben.
Er lief wüthend fort, und der Kapellmeister setzte sich melancholisch nieder; auch der geschwätzige Enthusiast mußte ihn verlassen, damit er seinem Kummer recht ungestört nachhängen könne.
———
Nein, sagte am Abend der Laie zum Baron Fernow, ich habe dazumal einen Schwur gethan, niemals eine Geige wieder anzurühren, und darum verschonen Sie mich. Der Vater und die Tochter wünschten nämlich, er möchte ihnen nur etwas, das kleinste Liedchen vorspielen, um zu sehen, wie er sich in der Jugend mit seinem Instrumente ausgenommen habe.
Man sollte wohl nichts verschwören, sagte der Baron, am wenigsten die Ausübung einer so edeln Kunst.
Der Kapellmeister trat herein, und erzählte eine sonderbare Anmuthung, die ihm vom Grafen geschehen sei. Dieser habe ihn nehmlich besucht und gebeten, am heutigen Abend mit ihm und dem alten Italiener in den Wald vor die Stadt zu gehn, wo sich der Sänger erschießen wolle; der Graf wünsche wenigstens einen rechtlichen Mann zum Zeugen, der es nachher bewähren könne, daß der alte Thor sich selber umgebracht habe. Der Baron war der Meinung, man müsse den alten Verrückten sogleich fest nehmen und einstecken; die Uebrigen fielen bei,nur der Laie äußerte den Zweifel, ob nicht Jedem das Recht zustehen müsse, über sein Leben zu entscheiden, wie es ihm am besten dünkte. Hierüber entspann sich ein Streit, ob es dem Staate, oder den übrigen Menschen erlaubt sei, über irgend wen eine solche beschränkende Aufsicht zu führen, welches der Baron uneingeschränkt behauptete, da ein solcher durchaus, der einen so unklugen Vorsatz fasse, als ein Wahnsinniger zu betrachten sei.
So muß man erst ermitteln, was Wahnsinn ist, warf der Laie ein; denn wir sehn es in der Geschichte, wie die Gesetze und ihre Vollstrecker nach den Umständen und herrschenden Gesinnungen bald dieses bald jenes zum todeswürdigen Verbrechen gestempelt haben, welches andere Zeitalter zu Tugenden erhoben, oder gleichgültig ansahen, ja selbst verlachten. Frei zu denken, von gewissen Meinungen abzuweichen, hat ehemals Manchen auf den Scheiterhaufen geführt; wegen Zauberei, wegen angeschuldigter Künste ist Manchem der Stab gebrochen worden, und jetzt, wo wir in diesen Punkten Freiheit gestatten, und es doch dulden müssen, wie Viele durch Uebermaaß und Ausschweifung sich vorsätzlich und sichtlich zu Grunde richten, begreife ich nicht, wie man es den Elenden und Verstörten mit Recht verwehren kann, das Leben wegzuwerfen, wenn sie diesen Entschluß wirklich ergreifen.
Sie sind paradox, rief der Baron; ich bin nicht Philosoph gnug, um Sie widerlegen zu können, allein aus den Ueberzeugungen der Religion müssen Sie es selber schon wissen, daß Sie eine böse Sache vertheidigen.
Ich habe versprochen, mit auszuwandern, sagte der Kapellmeister, denn ich kann mir nimmermehr vorstellen, daß der alte Thor Ernst machen wird. Uebrigens wäre es wahrlich nicht zu verwundern, wenn ein armer geplagterKapellmeister diese Gelegenheit benutzte, und ihm Gesellschaft leistete.
Der Graf trat wie verstört und tiefsinnig herein. Man fragte ihn, ob etwas Neues begegnet sei; er äußerte aber, die Erinnerung an jene Stimme, die ihm durch die neuliche Erzählung wieder mit frischer Lebhaftigkeit in das Gedächtniß gekommen sei, sein rastloses Suchen, die Qual dieser Spannung und die Unruhe, die es seinem ganzen Wesen mittheile, mache ihn völlig elend, und er habe beschlossen, wenn sich der Italiener erst erschossen habe, weiter zu reisen.
So halten Sie es denn für Ernst? fragte der Baron erstaunt.
Wenn er nicht wirklich dazu thut, antwortete der Graf, so nehme ich den Narren wieder auf die Reise mit.
Der Italiener trat herein und schien aufgeräumter, als man ihn noch je gesehen hatte. Alle betrachteten ihn mit einer gewissen Scheu, er aber nahm keine Notiz von diesem veränderten Betragen, und als jetzt der Enthusiast und der Sänger die Gesellschaft vermehrten, wurden Alle in heitern Gesprächen von einer vergnüglichen Laune beherrscht, den Grafen ausgenommen, der seine trübe Miene nicht veränderte. Lassen Sie uns, sagte der Kapellmeister endlich, Einiges von unsern neulichen Erzählungen aufnehmen. Wie ist es möglich, (indem er sich zum Laien wandte) daß Sie nach ihren neuerlichen komischen Bekenntnissen ein so großer Freund der Musik haben werden können? Vielleicht dadurch um so mehr, erwiederte dieser, weil das Gefühl, als es reif in mir war, durch sich selbst und stark erwachte, daß ich nichts Angelerntes, Nachgesprochenes in meine Liebhaberei hinüber nahm. Ich hatte es endlich dahin gebracht, daß ich kleine einfache Liederbegriff, die mir auch wohl im Gedächtniß hängen blieben, die trefflichen von Schulz, zum Beispiel, in denen uns, ohne daß sie uns eben poetisch aufregen, so behaglich und wohl wird, die uns so klar blauen Himmel, grüne Landschaften, leichte Figuren und anmuthige Empfindungen hinmalen, waren mir oft gegenwärtig und verständlich. Nur die größeren Compositionen, am meisten aber die dramatische Musik, waren mir zuwider, wenn ich auch in der letztern manchmal mit Wohlgefallen eine kleine Arie hörte, die sich dem Ohr einschmeichelte. Auch der Harthörigste lernt am Ende die kleinen melodischen Sachen fühlen, wenn ihm auch der Zusammenhang großer musikalischer Dichtungen unverständlich bleibt. Als das erste Mal Don Juan von Mozart gegeben wurde, ließ ich mich bereden, das Theater zu besuchen. Es war unlängst componirt, und des großen Mannes Ruhm noch in Deutschland nicht so begründet, wie bald nachher, welches ich besonders an einem hochgeachteten Musiker wahrnahm, der während und nach der Aufführung nicht gnug über den falschen Geschmack des Werkes reden konnte. Mir aber war, als fiele mir schon während der Ouvertüre eine Binde von allen Sinnen. Ich kann die Empfindung nicht beschreiben, die mich zum ersten Mal überraschte, daß ich wahre Musik hörte und verstand. Mit dem Verlauf des Werkes steigerte sich mein Entzücken, die Absichten des Componisten wurden mir klar, und der große Geist, der unendliche Wohllaut, der Zauber des Wundervollen, die Mannigfaltigkeit der widersprechendsten Töne, die sich doch zu einem schöngeordneten Ganzen verbinden, der tiefe Ausdruck des Gefühls, das Bizarre und Grauenhafte, Freche und Liebevolle, Heitere und Tragische, alles dieses, was dieses Werk zu dem einzigen seiner Art macht, ging mirdurch das Ohr in meiner Seele auf. Daß es so plötzlich geschah, vermehrte meine Begeisterung, und ich konnte nun kaum den Belmont desselben Meisters erwarten, dessen Leidenschaftlichkeit mich nicht weniger entzückte. Auch andere Componisten suchte ich zu begreifen, und Glucks großen Styl, seine edle Rhetorik, sein tiefes Gemüth rissen mich hin, ich erfreute mich an Paisiello und Martini, Cimarosa’s heller Geist leuchtete mir ein, und ich bestrebte mich, die Verschiedenheiten des musikalischen Styls, so wie verschiedenartige Dichter zu erfassen und mir anzueignen. Während meiner Universitäts-Jahre verlor ich diese Kunst wieder aus dem Gesichte, doch zurück gekehrt war mein Eifer für sie um so brennender, vorzüglich da einige vertraute Freunde mein Urtheil und Gefühl läuterten. Jetzt wurde ich mit dem wundervollen Genius des großen Sebastian Bach bekannt, in dem vielleicht schon alle Folgezeit der entwickelten Musik ruhte, der Alles kannte und Alles vermochte, und dessen Werke ich etwa nur mit den altdeutschen tiefsinnigen Münstern vergleichen möchte, wo Zier, Liebe und Ernst, das Mannigfaltige und Reizende in der höchsten Nothwendigkeit sich vereinigt, und in der Erhabenheit uns am faßlichsten das Bild ewiger und unerschöpflicher Kräfte vergegenwärtiget.
Der Componist sagte: gewiß, es könnte Schwindel erregen, wenn man überschaut, was Alles vorangehen mußte, bevor Bach seine Werke schreiben konnte; aber es gehört auch wahrlich viel dazu, einer solchen Fuge oder einem vielstimmigen Satz auf die rechte Weise zu folgen, und ihn zu verstehn, es ist gleichsam eine Allgegenwart des Geistes, die ich einem solchen Laien am wenigsten zugetraut hätte.
Nach mehreren Jahren, fing der Laie wieder an,wurde mir es so gut, in eine edle Familie eingeführt zu werden, deren Mitglieder, vorzüglich die weiblichen, auf eine entzückende Art die Musik ausübten. Die älteste Tochter sang einen Sopran, so voll und lieblich, so himmlisch klar, daß ich bei Ihrer neulichen Beschreibung des Gesangs Ihrer Unbekannten, werther Graf, an diese unvergleichliche Stimme denken mußte. Hier vernahm ich nun neben manchem Weltlichen vorzüglich die großen und ewigen Gedichte des erhabenen Palestrina, die herrlichen Compositionen eines Leo und Durante, die Zaubermelodieen des Pergolese, den ich mit den Lichtspielen des Correggio vergleichen mußte, die trefflichen Psalme Marcello’s, die großartige Heiterkeit unsers Hasse, und das dramatische Requiem Jomelli’s: Manches von Feo, die Miserere von Bai und Allegri ungerechnet. So rein, ungeziert, im großen einfachen Styl, ohne alle Manier vorgetragen wird man schwerlich je wieder die Meisterwerke hören. Diese glückliche Zeit versetzte meinen Geist in eine so erhöhte Stimmung, daß sie eine Epoche in meinem Leben macht. Nur in wenigen schwachen Gedichten habe ich versucht, meine Dankbarkeit auszusprechen. Meine Seele war so ganz in diesen göttlichen Tönen aufgegangen, daß ich dazumal nichts von weltlicher Musik wissen wollte, es schien mir eine Entadlung der Göttlichen, daß sie sich zu den menschlichen Leidenschaften erniedrigen sollte. Ich glaubte, es sei nur ihre wahre Bestimmung, sich zum Himmel aufzuschwingen, das Göttliche und den Glauben an ihn zu verkündigen.
Ein Beweis, sagte der Kapellmeister, daß Ihr ganzes Herz damals von der Glorie dieser Erscheinung durchdrungen war. Man thut auch Unrecht, dergleichen wahre Begeisterung Einseitigkeit zu schelten, denn unsre Seele, wennsie wirklich auf so große Art ergriffen und erschüttert wird, fühlt dann in diesem ihr neuen Element die ganze Kraft und Ewigkeit ihres Wesens: sie findet dann die Schönheit, von der sie früher gerührt wurde, erhöht und vollendet in der neuen Erscheinung, und sieht mit Recht auf ihre frühern Zustände als auf etwas Geringeres hinab. In wessen Herz eine solche Vision nicht steigen und es ganz ausfüllen kann, der weiß überhaupt nicht, was ächte Begeisterung ist. Und gewiß ist die Kirchenmusik, welche freilich die Neueren meist auch so tief herab gezogen haben, die erhabenste und schönste Aufgabe unsrer Kunst. Ich bin aber überzeugt, daß Sie späterhin von selbst eben aus Ihrem Enthusiasmus wieder den Weg zu Ihrem geliebten Mozart und andern gefunden haben.
Natürlich, fuhr der Laie fort, denn die Liebe kann sich ja doch niemals in Haß umwandeln. Ich habe immer die Menschen gefürchtet, die mit ihren Gefühlen in den Extremen schwärmen, und heut übertrieben verehren, was sie in einiger Zeit mit Füßen treten. Unsre Bildung kann und soll nur eine Modification einer und derselben Kraft, einer und derselben Wahrheit seyn, kein unruhiger Austausch und Wechsel, und kein hungerndes Verlangen nach Neuem und Unerhörtem, welches doch niemals befriedigend gesättiget werden kann. Als es mir nachher so gut ward, in Rom von der päbstlichen Kapelle viele derselben Sachen vortragen zu hören, so fühlte ich wohl, daß hier ein eigener traditioneller Vortrag des altenCanto fermoManches anders und noch einfacher gestalte, aber weder dort noch in den Theatern habe ich je diesen unbeschreiblichen Discant wieder vernommen, und Pergolese oder andere neuere Kirchenmusik ist mir auch niemals in dieser Vollendung wieder vorgetragen worden.
Aus Ihren Beschreibungen, fing der Sänger an, muß ich wohl abnehmen, daß Sie mit der neuen Sängermanier wohl selten zufrieden seyn mögen. Ich gestehe Ihnen aber, daß ich hierin nicht ganz Ihrer Meinung seyn kann: zu große, zu schlichte Einfalt würde mich zurück stoßen, ich will den Virtuosen vernehmen, der die Musik und seine Stimme beherrscht. Wie der Deklamator nicht blos ruhig ablesen soll, sondern durch Erhöhung und Senkung der Stimme, durch kleine Pausen, durch rollende Töne erst zum Schauspieler wird, und das zur Kunst erhöht, was der ganz gute Vorleser doch in der niedrigen Region stehen lassen muß.
Sie haben gewiß Recht, erwiederte der Laie, vorausgesetzt, daß es wirklich das sei, was ich Deklamation im Schauspiel, oder Vortrag des Gesanges nennen kann. Was uns der Graf aber neulich als falschen und schlechten Ausdruck schilderte, muß ich freilich auch als meine Meinung unterschreiben. Und ist es denn in unsern Schauspielen anders? Wie denn überhaupt wohl nie Gebrechen und Vorzüge eines Zeitalters einzeln stehn können, sondern jede Kunst wird eine Abspiegelung der andern seyn, und selbst Staat und Geschichte müssen ebenfalls alle Gesundheits- oder Krankheitsstoffe wieder in ihrem großen verschlungenen Gewebe nachweisen. Eben so wie der Sänger schreit und seufzt, und selten das Gefühl im Ganzen ausspricht, welches die Arie oder das Duo von ihm fordert, so auch der Schauspieler; dieser hilft sich auch durch einzelne übertriebene Accente, herausgehobene Worte, stark unterstrichene Stellen, und muß darüber den Sinn des Ganzen fallen lassen, wodurch die Scene wie die einzelnen Stellen für den Kenner nüchtern und trivial werden. Denn wo gibt es jetzt wohl noch Schauspieler, an deren Leidenschaftman glaubt, die uns täuschen und in ihrem hohlen abgepufften Ton nur irgend Wahrheit sprechen? Ja unser Freund Wolf, so wie seine Gattin machen hievon eine ehrenvolle Ausnahme, so sehr, daß sie fast schon einzeln in Deutschland da stehn, wenn auch hie und da ein Talent sich zeigt, das aber immer nur zu Zeiten jener Manier widersteht, die unser Theater beinah schon völlig zerstört hat. Nicht, daß sich nicht viele Schauspieler bemühten, aber es ist hier eben so wohl wie im Gesange eine falsche Schule entstanden, die Ausdruck, Empfindung durch Einzelheiten, die nicht in der Sache selbst liegen, erregen will, und darüber das Ganze verdunkelt, und wenn wir uns strenge ausdrücken wollen, die Absicht der Kunst, ja diese selber vernichtet.
Sie haben vollkommen Recht, rief der Kapellmeister: aber machen es denn meine Handwerksgenossen, die Componisten selbst, anders? Kaum ein Lied wissen sie mehr zu setzen, wo sie nicht jede Strophe neu componiren, gewaltsam accentuiren, innehalten, abbrechen und in gesuchte und fernliegende Tonarten übergehn, um nur, wo sie die Empfindung wahrnehmen, so starke Schlagschatten hinzumalen, daß man diese Stellen nun zwar nicht übersieht, aber auch gewissermaßen mehr Schwärze als Farbe gewahr wird. Als wenn es dem Sänger nicht müßte überlassen bleiben, auch im wiederkehrend Einfachen eine leise Variation anzubringen, oder als wenn das nicht eben das musikalische Gefühl in unserer Natur wäre, in diesen sich wiederholenden Klängen ohne Weiteres vermöge unsrer Liebe zu ihnen das Mannigfaltige zu empfinden.
Sehr wahr, fügte der Laie hinzu, aus demselben Unglauben fürchtet auch mancher geniale Musiker, wie der herrliche Beethoven, nicht neue Gedanken genug anbringenzu können, deshalb läßt er so selten einen zu unsrer Freude ruhig auswachsen, sondern reißt uns, ehe wir kaum den ersten vernommen, schon zum zweiten und dritten hin, und zerstört so, wie oft, selbst seine schönsten Wirkungen. Sehn wir sogar auf die Götheschen Lieder, die er gesetzt hat: welche Unruhe, welche scharfe Deklamation, welches Ueberspringen. Ich möchte diesem trefflichen Manne, so wie manchem Andern nicht gerne Unrecht thun, aber die Reichardschen Melodieen zu den meisten dieser herrlichen Gesänge haben sich mir so eingewohnt, daß ich mir diese Gedichte, vorzüglich die frühern, nicht anders denken und singen kann.
Wenn Sie so gesinnt, nahm die Tochter das Wort, und die übertriebene falsche Gelehrsamkeit verwerfen, den Ausdruck schelten, der sich vordrängt, und darüber Melodie und eigentlichen Gesang verdunkelt, so hätten Sie ja nun selbst meinen geliebten Rossini gerechtfertiget.
O divino maestro! o piu che divino Rossini!rief begeistert und mit verzerrtem Gesicht der alte Italiener.Eccolo il vero!den ausgemachten Wunderdoktor des Jahrhunderts, der uns verirrte Schaafe wieder auf die rechte Straße bringt, der alle die falsche deutsche Bestrebunge maustodt schlagt, der mit himmlische unerschöpfliche Genie Oper über Oper, Kunstwerk auf Kunstwerk häuft, und sich Pyramid oder Mausoleum erbaut, worunter nachher alle die ausdrucksvolle, gedankenreiche und seelenmäßige Klimperlinge auf ewig begraben liegen.
O wie wahr! rief der Enthusiast, ich habe mir schon oft vorgenommen, keinen andern Componisten mehr anzuhören, so entzückt hat mich jedes seiner Werke, es kam mir nur unbillig vor, da ich doch selber ein Deutscherbin, mich so feindlich meinen Landsleuten gegenüber zu stellen.
Was hat die Landsmannschaft damit zu thun? sagte der Laie: manche Italiener, die gern eine Partei formiren möchten, haben es freilich bequem, wenn sie den Mozart oder gar Gluck zu den ihrigen rechnen, und so gegen Bestrebungen zu Felde ziehn wollen, die ihnen im Wege stehn. Giebt es aber eine wahrhaft deutsche Oper, eine Musik, die wir uns als national durchaus aneignen müssen, so ist es eben die Mozartsche, und es ist sehr gleichgültig, daß der Don Juan ursprünglich für italienische Sänger geschrieben wurde. Italien hat auch deutlich gnug bewiesen, daß es diesen großen und reichen Geist nicht fassen und lieben konnte. Mozart, Gluck, Bach, Händel und Haydn sind ächte Deutsche, die wir uns niemals dürfen abdisputiren lassen, und ihre Compositionen sind, recht im Gegensatz gegen die Italienischen, wahrhaft deutsche zu nennen.
Und dann, fügte der Kapellmeister hinzu, kann man gern dem Rossini Talent und Melodie zugestehen, wenn der Lobpreisende auch uns zugiebt, daß ihm in seiner Eile alles das abgehe, was den Componisten erst zu einem dramatischen macht. Regellos, willkührlich ist er durchaus, und achtet weder Zusammenhang noch Charakter, ja ich fürchte, in diesem leichten und wilden Spiel bestehe sein Talent, so wie das mancher dramatischen Schriftsteller, und ihn zwingen wollen, consequent zu seyn, dem Charakter und Inhalt gemäß zu componiren, hieße nur, ihm das Componiren selbst untersagen.
Sein schneller Ruhm, sagte der Laie, ist wohl nur entstanden, weil eben der ächte Sinn für Musik unterzugehen droht. Denn wie kann man sich doch nur mit diesemvölligen Mangel an Styl vertragen, der allen seinen Melodieen einen so niedrigen, geringen Charakter aufdrückt? Seine Sangstücke sind großentheils sangbar, ja recht bequem für unsere jetzigen Sänger geschrieben, aber sehr häufig setzt er auch nur, so vielen Andern ähnlich, wie für Instrumente, und wenn sein Beifall noch lange währt, so wird er auch noch dazu beitragen, die Sänger völlig zu verderben, ja auch wohl den guten und edlen Vortrag der Instrumente, weil er Alles so kleinlich und geringe behandelt. Der Sinn für Musik erwachte bei uns auf eine schöne Weise, er kräftigte sich und es war uns vergönnt, Gluck zu verstehn und uns völlig anzueignen, eine so große Erscheinung, wie Mozart, entstand und vollendete sich vor unsern Augen, Haydns tiefsinniger Humor in seinen Instrumental-Compositionen ergriff alle Freunde der Kunst, des großen Händels Werke wurden wieder studirt, und selbst die Dilettanten fühlten sich von seiner Kunst entzückt, die das Mächtige, Gewaltige erstrebt, jeden kleinlichen Reiz verschmähend; wir sahen Anstalten gedeihen, die auch die alte Kirchenmusik, die herrlichen Werke der verstorbenen großen Meister wieder ertönen ließen, es schien, daß auf immer der Geschmack am Großen und Edeln gerettet sei. Nur hatte sich indessen die Menge auch mit der Musik scheinbar vertraut gemacht, und diese kann, wenn sie sich eine edle Sache aneignet, immer nur bis auf eine gewisse Weite mitgehn, dann wird sie nothwendig das Ergriffene in etwas Geringeres verwandeln, das ihr zusagt. Ehemals hatten wir nur Kenner und oberflächliche Liebhaber in Deutschland, jetzt aber entstand eine Halbkennerschaft statt der Freunde, die sich unschuldig ergötzten. Diese anmaßlichen Kenner haben mit lauter schreienden Stimmen nach und nach das Wort der wahrenMusikfreunde verdrängt, ja diese gelten den neuern Enthusiasten wohl gar für eigensinnige, oder gefühllose Kritiker, die aus Neid und Mißlaune die glänzenden Erscheinungen der neuesten Zeit nicht anerkennen wollen. Darum hat auch in meiner Vaterstadt, in Berlin, Rossini am meisten Widerspruch gefunden, weil durch des unvergeßlichen Fasch herrlichen Eifer dort die treffliche Musik-Akademie gegründet wurde, die unser Freund, der wackre Zelter, nach dessen Tode in demselben Sinne fortgeführt hat. Durch die Vergegenwärtigung der alten Meisterwerke, durch den einfachen, edlen Gesang, der dort bekannter ist, als anderswo, sind die zahlreichen Mitglieder zum Bessern verwöhnt, und können sich unmöglich dem zierlich Nüchternen hingeben.
Sie werden es mit meiner Tochter völlig verderben, sagte der Baron lachend, denn sie meint, wo nur Effect sei, da wäre es lächerlich zu fragen, ob die Wirkung auch statt finden dürfe.
Sie hat vollkommen Recht, antwortete der Laie, ich aber auch, wenn ich behaupte, die Wirkung müsse gar nicht eintreten. Um diesen Punkt dreht sich ja die Kritik in allen Künsten.
Darum ist es ein Glück zu nennen, antwortete der Baron, ja gewissermaßen eine weise Lenkung des Kunstgenius, daß ein großer Componist sich diesem kleinlichen Unwesen so mächtig gegenüber stellt, und das so ausgezeichnet besitzt, Styl nehmlich, was jenem ganz abgeht. Ich spreche von dem nicht genug zu lobenden Spontini. Es läßt sich hoffen, daß von dieser Seite durch mächtige Wirkungen der Sinn der Deutschen wird gehoben, und ihr Wohlgefallen an diesem Melodieenkitzel beseitigt werden.
Der Laie schien so in Eifer gerathen zu seyn, daßer allein das Wort führen wollte. Gewiß, sagte er lebhaft, wäre es lächerlich, wenn man diesem Manne ein ausgezeichnetes Talent absprechen wollte, und über die Verdienste seiner Vestalin läßt sich Vieles sagen und streiten. Aber daß er im Cortez und nachher noch gewaltiger ein Brausen und Lärmen der Instrumente, ein Ueberschreien der Stimmen, ein Aufkreischen, ein wildes Getümmel uns hat für Musik geben wollen, scheint mir ebenfalls ausgemacht. Man kann schwerlich im voraus bestimmen, wie viel oder wenig unser Ohr von Instrumental-Musik vertragen soll, denn Mozart hat die meisten seiner Vorgänger überboten, und es gab früherhin auch Kunstfreunde, die bei ihm über zu große Fülle klagten; und schon lange vor diesem hat der große Händel außerordentlich viele Instrumente in Anspruch genommen, um seine erhabenen Gedanken auszusprechen. Aber bei diesen war die Fülle der Töne doch Musik, ein Anschwellen, ein Heranbrausen, ein Abdämpfen und Zurücksinken in eine gewisse Stille und Ruhe, aber nicht dieses ununterbrochene, nie rastende Wüthen aller Kräfte ohne Vorbereitung, Inhalt und Bedeutung, welches nur betäuben kann, und dessen Macht und Gewaltsamkeit mehr erschreckt und ermüdet, als erhebt und erschüttert. Geht der berühmte neuere Componist hiebei nur gar zu oft auf leeren Effect und Schreckschuß aus, so wie manche Schauspieler und Schauspieldichter, wirkt er nur einzig und allein durch große Massen, so ist er zwar wohl nicht der Wandnachbar Rossini’s, aber sie reichen sich denn doch aus einer gewissen Entfernung befreundet die Hände und stehn sich nicht als feindliche Kräfte einander gegenüber. Wohl uns, daß unser hochgeehrter Maria Weber uns zu den schönsten Erwartungenberechtigt, der in dem, was er schon trefflich geleistet hat, so glänzend zeigt, wie viel er in Zukunft noch vermag.
Nun erhob sich die Tochter mit allen Tönen, und der Vater stand ihr bei, um den Laien in die Enge zu treiben, der ihre Lieblinge so keck angegriffen hatte, ohne doch vom Metier zu seyn, da er sein ehemaliges Violinspielen selber nicht in Anschlag zu bringen wage. Unter lautem Lachen wurde disputirt und behauptet, der Teufel sei ein- für allemal unmusikalisch, die Kugelgießerei und der Lärmen dabei schlimmer als was je auf dem Theater getobt, und der Musik, die ganz Deutschland wie verwirrt gemacht, fehle die Mannigfaltigkeit, ein heiteres Element, ja auch jene Ironie, wodurch Mozart erst seine ungeheure Dichtung des Don Juan zu diesem einzigen Werke gebildet habe, so daß bei diesem durch Gegensätze sich Inhalt und Behandlung rechtfertigen, was dort ganz aus der Acht gelassen sei.
Der Kapellmeister nahm sich des armen Laien, der hierauf wenig zu erwiedern wußte, oder den man vielmehr nicht zu Worte kommen ließ, freundlichst an, und meinte, eine Vergleichung auf diese Weise anzustellen, sei unbillig, weil das neue Kunstwerk gar nicht die Absicht habe, sich neben jenes ungeheure zu stellen. Ueberschreitet auch die angefochtene Scene, fuhr er fort, welche gerade die Menge herbei gelockt hat, die Gränzen der Musik, so ist doch übrigens des Vortrefflichen, des ächten Gesanges, des Neuen und Genialischen, vorzüglich aber des wahrhaft Deutschen, im besten Sinne, so viel, daß ich vollkommen in das Lob unsers unmusikalischen violinspielenden Laien einstimmen muß, der Manches wohl eben deswegen bestimmter empfindet und kecker ausspricht, weil er niemals vom Handwerk gewesen ist, und selbstnicht als Dilettant hinein gepfuscht hat, da er sich doch bescheidet, in die eigentlich grammatische Kritik einzugehn. Sollte keiner als nur Musiker mitsprechen dürfen, so würde ja auch für diese nur componirt, und das werden wir uns doch wohl, so wie alle Künstler, verbitten, nur für die Zunftgenossen zu arbeiten, um von ihnen empfunden und verstanden zu werden.
Könnte ich nur, fing der Laie wieder an, den sanften Genuß wieder haben, den mir ehemals die Lila des Martini gewährte. Diese idyllische, reine und heitere Musik wäre nach so manchem Ungethüm unsrer Theater eine wahre Erquickung. Wie würde ich mich freuen, Paisiello’s Barbier von Sevilla wieder zu vernehmen, und es kränkt mich innig, daß man eine solche Composition nicht als eine klassische verehrt, die nun einmal für allemal fertig ist, und an die sich keiner von Neuem wagen dürfte. Denn ist bei Rossini auch hier und da vielleicht ein Moment brillanter, so ist doch der dramatische Sinn des Ganzen, die Bedeutung untergegangen, und nichts gegeben, was sich dem Humor in der Rolle des Alten nur irgend vergleichen dürfte. Die Verwöhnung der gehäuften Instrumente läßt aber befürchten, daß man, wenn man auch einmal diese trefflichen alten Sachen geben möchte, Zusätze zur Begleitung macht, oder diese wenigstens verstärkt. Hier und da habe ich schon murmeln hören, daß Gluck dergleichen bedürfe. Mozarts Figaro ist schon in Violinen und andern Instrumenten doppelt so stark besetzt worden, als es der Componist vorgeschrieben hat, bei dieser heitern Musik um so unpassender, weil dadurch der Witz, das wundersam Leichte und Heitere des Gesanges gestört wird. Es ist, als wollte man treffliche Brillanten aus ihrer leichten Fassung nehmen,und sie, um sie zu ehren, in schweres Gold schmieden. Oder, als riefe man sich witzige und launige Einfälle durch ein Sprachrohr zu.
Man sang zum Beschluß noch Einiges, und die Gesellschaft trennte sich. Beim Abschiede sagte der Baron zum alten Italiener: auf Wiedersehn! Doch dieser schüttelte den Kopf, und wies mit dem Finger nach oben. Der Laie ging nach seinem Hause, weil es schon spät war, und er in der kalten Nacht an einem Abenteuer, an welches er nicht glauben mochte, nicht Theil nehmen wollte. Der Kapellmeister und der Graf wandelten aber mit dem wunderlichen Alten durch die ruhige Stadt, ließen sich das Thor öffnen, und begaben sich nun nach dem Tannenwalde, wo der Lebensüberdrüssige seine Laufbahn eigenmächtig zu vollenden drohte. Als sie unter den finstern Bäumen standen, sagte der Graf: nun, Alter, seid Ihr wieder gescheidt geworden, wollt Ihr nun nicht lieber zu Bette gehn?
In die Ewigkeit thu ich mich hinein legen, sagte der Italiener, und das liebe Vergessen, Ruhe, tiefer, tiefer Schlaf, werden wie Flaumen eines Daunenbetts um mich zusammen schlagen. Adieu, Eccellenza! lebt wohl, thörichter Kapellmeister, der Ihr die schöne Gelegenheit nicht benutzt, allen Euren Jammer, Partituren, Noten, Pausen, Tonarten, Sänger und Sängerinnen los zu werden. Nun laßt mir ein bissel noch über meinen Zustand nachdenken, und dann rufe ich Euch wieder; Kapellmeister kommandirt Eins, Zwei, Drei, und beim Worte Drei, deutlich ausgesprochen, langsam, feierlich, laut, daß liebe Echo auch etwas davon abkriegt und mitspricht, schieß ich mich die ganze Pistole in meinen dummen Kopf hinein.
Ihr werdet doch nicht, sagte der Kapellmeister, so abgeschmackt wie der Hanswurst in der Kreuzerkomödie sterben wollen?
Gerade so muß es geschehen, sagte der Alte, und legte sich in einen Sandgraben nieder. Die beiden Begleiter gingen tiefer in den Wald, die Nacht war still, kein Wind wehte, ein ganz leiser Hauch rührte zuweilen die Zweige an, so daß die Nadeln der Tannen in sanften Tönen lispelten, das Flüstern fortlief, und indem sich dann der Wald in allen Stämmen bewegte, wie ferner Orgelton verhallte. Feierlich genug ist die Stunde, sagte der Musiker. Eine wundersame Empfindung, erwiederte leise der Graf, hat den ganzen Abend in mir fort geklungen: vielleicht bin ich dem Tode näher, als jener alte Wahnsinnige, denn noch nie war mir mein Dasein so abgestanden und leer, so jedes Reizes entkleidet. Ich glaube nun auch, daß jenes himmlische Wesen, welches ich schon lange suche, gestorben ist. — Still! rief jener: hörten Sie nicht Musik? — Vielleicht die fernen Glocken.
Nein, sagte der Kapellmeister gehend: ich höre es deutlicher: und nun erinnere ich mich, hier wohnt der unkluge Alte nicht fern, in dessen Häuschen ich bei meiner Ankunft schon Morgens um fünf Uhr einen herrlichen Discant vernahm.
Der Graf war tief bewegt. Jetzt kommt! kommt! schrie der Italiener, mein Ermorden soll ein bischen seinen Anfang nehmen! Schießt Euch todt, oder hängt Euch! rief der Graf zurück, wir haben jetzt etwas Besseres zu thun, als Eure Possen anzuhören.
Sie gingen weiter, drängten sich durch Baum und Strauch, und der neugierige Italiener hatte sich zu ihnen gesellt. Jetzt tönte ihnen schon bestimmter der Gesangentgegen, und der Graf zerriß sich Hände und Gesicht, um nur aus den Gesträuchen zu kommen, in denen er sich aus Eifer immer tiefer verwickelte. Er drängte endlich hindurch und stand in der Nähe des Häuschens, dessen kleine Fenster erleuchtet waren. Der treffliche Psalm Marcello’s „Qual anhelante“ tönte ihnen voll und rein entgegen, so einfach, so edel vorgetragen, daß der Kapellmeister erstaunt und hingerissen kaum athmete. Sie ist es! sie ist es! meine Einzige! rief der Graf in der größten Erschütterung aus, und wollte sich dem Hause nähern, aber der Kapellmeister hielt ihn fest, klemmte sich an ihn, und warf sich dann zu seinen Füßen nieder, die er umarmte, und rief: o bester, glücklichster Graf! Heirathen Sie sie also, wie Sie gelobt haben; aber gönnen Sie mir vorher das einzige Glück, daß sie erst die Geliebte in meiner ruinirten Oper singt; dann will ich gern sterben, denn eine solche Stimme giebt es auf Erden nicht mehr.
Der Graf strebte zum Hause hin, und der Kapellmeister ließ endlich sein ungeduldiges Bein los. So wie er auf die Wohnung losstürzte und an die kleine Thür klopfte, verstummte der Gesang. Macht nicht so viel Umstände, sagte der Italiener, der Sing-Sang ist nicht der Mühe werth, man sieht wohl, daß ihr meine Selige nicht gekannt habt. Der Kapellmeister, der jetzt eben so außer sich war, wie der Graf selbst, klopfte mit diesem wetteifernd an die Thür, und da sich beide in den Kräften überboten und das Tempo immer schneller nahmen, so entstand dadurch ein sonderbares Concert in der ruhigen Nacht. Im Hause war Alles still, endlich aber schien man drinnen doch die Geduld verloren zu haben, denn ein Fenster öffnete sich und eine leise, heisere Stimmesagte: was giebt’s da? Seid ihr betrunken? Laßt uns ein! rief der Graf: hinein müssen wir! schrie der Kapellmeister: wo ist die Sängerin? der Graf: ich habe sie schon am Morgen neulich gehört, der Kapellmeister, als Ihr mir sagtet, es sei des Teufels Großmutter: aber hinein müssen wir! vereinigten sich nun beide. Seid ihr rasend? rief die erhöhte Stimme des Alten, und in diesem Augenblick schrie der Italiener lauter als Alle: Hortensio! Hortensio! haben wir Euch endlich erwischt? Nun bleib’ ich am Leben! Mag sich umbringen, wer Lust hat, ich halte mich an Euch, altes Fell!
Ich bin der Graf Alten, schrie der Liebhaber; ich der Kapellmeister! rief sein Begleiter, laßt uns nur hinein, daß wir die Sängerin sehn: kommt herab! rief der Italiener, daß wir beide unsre Bekanntschaft erneuern können.
Mein Himmel! ächzte der Greis, so nach tiefer Mitternacht? Meine guten Herren, wenn Sie bei mir was zu suchen haben, so kommen Sie doch morgen, wenn der Tag scheint.
Gut, sagte der Graf beruhigter, morgen früh! der Kapellmeister fand sich auch in den Vorschlag, und als sie friedlich wieder fortgingen, sagte der Italiener: ich bleibe die Nacht hier draußen und passe ihm auf. Morgen früh machen wir Alle unsern Besuch. —
Wie erstaunten, erschraken am folgenden Tage der Graf und der Musiker, als sie das Haus verlassen und öde fanden; noch vor Tage, sagte die alte Aufwärterin, seien die beiden Bewohner ausgezogen und haben in größter Eil alle Sachen fortschaffen lassen. Auch der Italiener zeigte sich nirgend.
———
Ein schöner, heiterer Herbsttag war aufgegangen, die Sonne schien in dieser späten Jahreszeit noch so warm, wie im Sommer, und dies bestimmte den Laien mit seiner Tochter in das naheliegende Bergthal zu fahren. Auf einem kleinen Miethpferde sahen sie in der Entfernung den Enthusiasten auch mit nachflatterndem Kleide auf dieselbe Gegend zusprengen. Der Himmel verhüte nur, bemerkte der Laie zu seiner Tochter, daß der Schwätzer nicht ebenfalls in jenem Thale verweilt, weil er uns sonst mit seinen heftigen Reden und Schilderungen den Tag verderben würde.
Wir müssen uns schon darauf gefaßt machen, erwiederte die Tochter, denn er sagte mir neulich, daß er diese Gegend vorzüglich liebe und sie oft besuche.
Wie sind diese Menschen doch so lästig, fuhr der Laie fort, die eben, weil sie gar nichts empfinden, über Alles in Hitze gerathen können. Aber mehr noch, als bei Kunstwerken, stören sie mich in der Natur, die am meisten ein stilles Sinnen, ein liebliches Träumen erregt, in der ein vorüber schwebender Enthusiasmus und Behaglichkeit sich ablösen, und sie unsern Geist fast immer in eine beschauliche Ruhe versenken, in welcher Passivität und schaffende Thätigkeit eines und dasselbe werden: dazu der Anhauch einer großartigen Wehmuth in der Freude, so daß ich in der schönen Landschaft gegen diese beschreibenden Schwätzer oft schon recht intolerant gewesen bin.
Sie stören fast eben so sehr, wie die unerträgliche Musik, antwortete das Mädchen, da man so oft in der Nähe der Gebäude Tänze oder kreischende Arien vernehmen muß.
Als sie angekommen waren, sprang ihnen der berührige Enthusiast schon aus dem Hause entgegen. O wieschön, rief er aus, daß Sie diesen herrlichen Tag auch benutzen, der wahrscheinlich der letzte helle dieses Jahres ist. Lassen Sie uns nur gleich an den murmelnden Bach gehn, und dann von der Höhe des Berges das Thal überschauen. Es ist eine Wonne, die Schwingungen der Hügel, den kleinen Fluß, das herrliche Grün und dann die Beleuchtung zu sehn und zu fühlen. Giebt es wohl ein Entzücken, das diesem gleich oder nur nahe kommen kann?
Ich will mit Ihnen gehen, erwiederte der Laie, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mich mit allen Schilderungen und begeisterten Redensarten verschonen. Wie können Sie überhaupt nur immer so vielen Enthusiasmus verbrauchen? Es ist nicht möglich, wie Sie auch neulich gestanden haben, daß Sie so viel empfinden.
Bei der Kunst, sagte der Enthusiast, setzt man freilich wohl hie und da, dem Künstler zu gefallen, etwas zu, aber in der himmlischen Natur — nein! da kann doch keine Zunge Worte genug finden, um nur einigermaßen das wiederzugeben, was im Herzen aufgeht. Ich habe es aber schon seit lange bemerkt, daß Sie kein großer Freund der Natur sind, denn wie konnten Sie nur sonst, wie ich schon so oft gesehen habe, daß Sie thun, beim schönsten Frühlingswetter in das dumpfe Theater kriechen, um eine Oper zu hören, oder sogar ein mittelmäßiges Schauspiel zu sehn, über welches Sie nachher selber Klage führen?
Weil es mir an solchem Tage, antwortete jener, darum zu thun ist, ein Schauspiel zu sehn, und ich dies mit dem Genusse der Natur dann nicht vereinigen kann und mag. Auch gestehe ich Ihnen, daß ich oft in der schönsten Natur bin, ohne sie mit den geschärften Jäger-Augen in mein Bewußtsein aufzunehmen, wenn mich ein heiteresGespräch beschäftigt, oder ich auf einsamem Spaziergang etwas sinne, oder ein Buch meine Aufmerksamkeit fesselt. Glauben Sie nur, unbewußt, und oft um so erfreulicher, spielt und schimmert die romantische Umgebung doch in die Seele hinein. Wenn wir uns überhaupt immer so sehr von Allem Rechenschaft geben sollen, so verwandelt sich unser Leben in ein trübseliges Abzählen, und die feinsten und geistigsten Genüsse entschwinden.
Hm! Sie mögen nicht ganz Unrecht haben, sagte der Enthusiast nachsinnend: wenn ich nur nicht einmal den Charakter der Heftigkeit angenommen hätte und bei allen meinen Bekannten als ein Eiferer gölte, so wollte ich mir das Wesen wieder abzugewöhnen suchen. Es ist aber denn doch auch fatal, wenn man, so wie Sie, für einen Phlegmatiker gilt. Da Sie also nichts von Naturbegeisterung hören wollen, so will ich Ihnen lieber erzählen, daß ich schon vorhin, ehe Sie kamen, eine sonderbare Erscheinung hier bemerkt habe. Ein junges, wunderschönes Mädchen stand dort oben auf dem Hügel, sah immerdar auf den Weg hin, der zur Stadt führt, und weinte dann heftig. Sie erregte mein lebhaftestes Mitgefühl, ich ging zu ihr, aber so sehr ich auch in sie drang, so konnte ich sie doch nicht bewegen, mir eine vernünftige Antwort zu geben, oder mir zu erzählen, was sie hier mache, wie sie hergekommen sei und wen sie hier erwarte. Und ich war doch so ganz außerordentlich neugierig, vorzüglich, weil ich dies junge, außerordentlich reizende Frauenzimmer neulich schon bei unserm Baron in der Gesellschaft gesehen habe, wo sich der verwirrte melancholische Graf viel mit ihr zu schaffen machte. — Sehn Sie, sie steigt schon wieder den Hügel hinan, um ihre Beobachtungen anzustellen.
Mit Zierlichkeit und Grazie schwebte die Gestalt die grüne Anhöhe hinauf, und ihre vollen, braunen Locken, ihr leuchtendes Auge, das einfache Gewand und die Geberde wirkten mit unbeschreiblichem Zauber in der anmuthigen Landschaft. Die Tochter fühlte sich bewegt, als sie das schöne Wesen wieder weinen sah, die Thränen stiegen ihr selbst in die Augen, als die Unbekannte jetzt im Ausdruck des höchsten Schmerzes die Hände rang, und sich jammernd auf den Rasen niedersetzte. Lassen Sie uns hinauf steigen, sagte der Laie, das arme Wesen bedarf unsers Trostes und Beistandes, meine Tochter soll sie anreden, wir aber, Herr Kellermann, wollen uns fürs erste schweigend verhalten, und die Betrübte am wenigsten mit zudringlichen Fragen ängstigen. Die Tochter ging zu ihr, und die Fremde bekannte, daß sie ihren alten Vater aus der Stadt erwarte, und nicht begreife, wie er so lange zögern könne, da er ihr diesen Ort angewiesen habe, wo sie zusammen treffen wollten, um weiter zu reisen.
Sie wollen also unsre Gegend verlassen, fragte der Laie, da Sie doch, so viel ich weiß, nur kürzlich angekommen sind?
Ach! mein Herr, antwortete die schöne Fremde klagend, mein lieber Vater leidet schon seit lange an einer schweren Melancholie, an Menschenfeindschaft und tiefem Lebensüberdruß, so zieht er seit einigen Jahren von Ort zu Ort, verarmt immer mehr, wird immer kränker, versagt sich selbst alle Hülfe, und will auch mir das Glück nicht gönnen, ihm beizustehn, da ohne diesen starren Willen meine Talente sein Leben wohl unterstützen könnten. Denn mein Gesang und die Musik überhaupt machen das Unglück meines Lebens.
Sie singen also doch? fragte der Laie sehr lebhaft.
Meine Trauer, mein tiefer Schmerz, erwiederte die schöne Klagende, sind Schuld, daß ich mein Gelübde gebrochen habe. Ich habe meinem Vater geloben müssen, niemals zu gestehen, daß ich singe, auch niemals, außer wenn er zugegen ist, und es mir erlaubt, einen Ton anzuschlagen. Wir wohnten deshalb von der Stadt entfernt, wir vermieden allen Umgang, nur neulich war ich zufällig im Hause des Baron Fernow, wo ein Fremder, ein feiner, anständiger Mann mich über die Gebühr mit Fragen und Aufforderungen zum Singen ängstigte. In der letzten Nacht, als ich, wie ich glaube, in der höchsten Einsamkeit einen Psalm Marcello’s einübe, entsteht vor dem Hause ein Getümmel, wir halten die Leute für Räuber oder Trunkene, der Graf nennt sich endlich, und will eingelassen seyn, noch einige Andere toben eben so laut, und mein Vater kann sie endlich nur beruhigen, indem er ihnen verspricht, am Morgen ihren Besuch anzunehmen. Kaum sind sie fort, so muß Alles in der größten Eile eingepackt werden, noch in der Nacht werden Fuhrleute gemiethet, unsre wenigen Sachen hieher zu fahren, am Morgen muß ich nachreisen, und er verspricht, in wenigen Stunden ebenfalls hier zu seyn, weil er in der Stadt noch unsere Reisepässe besorgen müsse. Hier erwarte ich ihn nun schon manche Stunde, gewiß ist er krank, ein Unglück ist ihm zugestoßen, und ich weiß in meiner Angst nicht Rath noch Hülfe; wo soll ich ihn wieder finden?
Der Laie suchte sie zu beruhigen. Er schlug vor, im Gasthause bis nach Tische den Alten zu erwarten, dann solle sie mit ihm und seiner Tochter zurück fahren, da nur ein Weg zur Stadt führe, so müßten sie dem Vater begegnen, wäre dies nicht der Fall, so solle dieFremde in seinem Hause absteigen, indessen er selbst Erkundigungen einzöge. Auf sein eindringliches Zureden und der Tochter schmeichelnde Liebkosungen wurde sie ruhiger und ging mit ihnen in den Gasthof. Bei Tische wurde man sogar guter Laune, nur verweigerte die Fremde auf die unbescheidene Bitte des Enthusiasten, zu singen, weil dies gegen ihr heiliges Versprechen laufe. Man sprach dann viel über die neulichen Musikstücke, die der Kapellmeister im Hause des Barons habe probiren lassen, sie lobte die Composition als großartig, tadelte aber die Manier der Sänger. Es kann seyn, beschloß sie ihre Kritik, daß ich hierüber völlig im Irrthum bin, aber nach den Grundsätzen meines Vaters, und nach der Gesangsweise, die ich nach seinem Unterricht ausüben muß, ist jene Manier eben so klein als willkührlich. Ja, dürfte ich einmal (aber dazu ist mein Vater auf keine Weise zu bewegen) eine Opern-Rolle, wie diese des Kapellmeisters singen, so schmeichle ich mir, daß ich eine große Wirkung hervor bringen würde, und vielleicht um so größer, weil diese Art jetzt ganz vergessen ist und die Neuheit um so mehr erschüttern möchte.
Wenn Sie diejenige sind, erwiederte der Laie, für welche ich Sie jetzt halten muß, so können Sie einen gewissen enthusiastischen Mann, wenn es übrigens Ihre Gesinnung erlaubte, unbeschreiblich glücklich machen.
Die Schöne wurde roth, und der Enthusiast Kellermann, so wie er das Wort enthusiastisch nennen hörte, sprang eilig herbei und rief: ja gewiß, Verehrte! wie könnte mein Herz wohl so vielfach vereinigtem Zauber widerstehn?
Gebt Euch keine unnütze Mühe, rief der Laie laut lachend, ich meine jenen sonderbaren Grafen, den wir Allekennen. Ich hoffe einen beglückenden Ausgang weissagen zu dürfen.
Die Schöne wollte sich auf keine nähern Erörterungen einlassen; lobte aber nachher im Verlauf des Gespräches den jungen Grafen als einen schönen und verständigen Mann, der sie auch in der Gesellschaft am meisten interessirt habe.
Auf der Rückfahrt unterhielt man sich mit heitern Gesprächen. Der Enthusiast sprengte wieder auf seinem kleinen Pferde voran, und war bemüht, seine Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen. Als sie in die Stadt hinein gefahren waren, sahen sie in der Hauptstraße einen großen Volksauflauf, Getümmel, Geschrei, ein Vor- und Zurückdrängen, der Wagen mußte halten, die Wache machte Platz und der Laie erstaunte, als er den alten Italiener zwischen den Soldaten bemerkte, die ihn als Gefangenen fortführten. Was giebt es? fragte er einen Vorübergehenden. — Je, der braune Schelm, antwortete dieser, hat einen alten Mann so eben todt geschlagen.
Als sich die Menge verlaufen hatte und sie weiter fahren konnten, stürzte ihnen aus einem großen Hause der Graf entgegen, er rief, daß man anhalten solle, und mit einem Ausdrucke übermenschlichen Entzückens half er Julien aussteigen. Der Laie und die Tochter folgten, um zu sehen, wie sich die Scene entwickeln würde.
———
Im Saale fand Julie den alten Mann im Lehnstuhl sitzen, blaß und erschüttert, aber wohl und unverletzt. Man erfuhr, daß er den ganzen Tag durch Hin- und Herschicken, indem er seine Pässe berichtigen und auslösen mußte, von der Polizei war aufgehalten worden. Als erendlich fertig zu seyn glaubte, und eben einen Wagen suchte, um seiner Tochter nachzureisen, begegnete er dem thörichten Italiener, der ihn sogleich auf offener Straße angriff, um ihn zu mißhandeln, als er aber um Hülfe rief, nahmen sich die Vorübergehenden des Greises an, und der Verwirrte wurde der Wache übergeben. Julie liebkosete den Alten, und suchte ihn durch ihre Zärtlichkeit zu beruhigen. Der Enthusiast, so wie der Kapellmeister waren ebenfalls Zeugen dieses Auftrittes.
Vielen Dank, sagte endlich der Alte, bin ich Ihnen, mein Herr Graf, schuldig, daß Sie sich meiner so freundlich angenommen haben, jetzt aber lassen Sie uns abreisen, damit wir recht bald den Ort unsrer neuen Bestimmung erreichen.
Er stand auf und wollte gehn, Julie blieb zaudernd, und blickte verlegen auf die Gegenwärtigen, der Graf aber trat vor den Greis hin und sagte mit zitterndem Tone: können Sie mir das Glück meines Lebens entreißen wollen, dem ich so lange nacheilte, jetzt, nachdem ich es endlich so unverhofft und so wunderbar gefunden habe?
Was meinen Sie? fragte der Alte.
Selig würde ich seyn, antwortete der Graf, wenn Ihre Tochter sich entschließen könnte, mir ihre Hand zu schenken. Ich bin reich, völlig unabhängig, lassen Sie uns in Liebe, Freundschaft und Musik verbunden ein Glück begründen und genießen, wie es nur immer auf Erden möglich ist.
Der Alte taumelte wie erschrocken zurück, er mußte sich vor Zittern wieder niedersetzen. Wie! rief er im heftigen Weinen aus: das könnte Ihr Ernst seyn, mein Herr Graf?
Ich nehme, rief dieser, alle diese Freunde zu Zeugen: doch, Julie selbst?
Nun, meine Tochter, sagte der Alte bewegt, könntest Du Deinen greisen Vater so glücklich machen? Jetzt liegt es in Deiner Hand, mir allen Gram meines Lebens zu vergüten und meine letzten Tage zu verherrlichen. Aber ist es denn kein Traum? Wie kommt dies Alles? Kannst Du Dich entschließen, mein Kind?
Die Tochter war heftig erschüttert. O Himmel! rief der Graf: nein, Gewalt sollen Sie sich nicht anthun: lieber entsage ich allen meinen Hoffnungen.
Können Sie mich so mißverstehn? antwortete Julie, kaum hörbar: hätten Sie wirklich nicht gefühlt, wie sehr ich mich zu Ihnen gezogen fühlte? Habe ich doch seitdem immer Ihr Bild vor Augen gehabt. Aber auch den allerfernsten Schimmer eines solchen Glücks wies ich als einen wahnsinnigen Traum zurück.
Der Graf kniete vor ihr nieder, der Alte legte gerührt ihre Hände in einander, dann sank sie an die Brust ihres Geliebten.
Doch jetzt, rief der Graf aufspringend, nur Einen Ton, Einen Tact, ich weiß es zwar gewiß, daß Du es bist, aber um mich völlig zu überzeugen.
Sie sah fragend ihren Vater an, doch dieser sagte lächelnd: ich löse Dich jetzt gänzlich von dem Gelübde, welches Du mir gethan hast, jetzt darfst und mußt Du Alles thun, was Dein Bräutigam von Dir fordert.
Da sang sie ohne alle Begleitung den Anfang desstabat matervon Palestrina, so stark und voll, so anschwellend die Töne, so gehalten und lieblich, daß Alle, vorzüglich aber der Graf und der Kapellmeister in ihrem Entzücken keine Worte finden konnten.
Ja, sagte der Vater, als man wieder ruhiger war, es ist mein Stolz und mein Glück, diese Stimme gebildet zu haben, ich darf es ohne väterliche Verblendung behaupten, sie ist einzig in ihrer Art, und diesen Vortrag wird man jetzt nirgends hören.
Aber wie kamen Sie nur dazu, fragte der Laie, von Ihrer Tochter sich geloben zu lassen, niemals in Gesellschaft zu singen, ja sogar dieses himmlische Talent zu verläugnen?
O, mein Herr, sagte der Alte, wenn Sie meine Geschichte kennten, mein jahrelanges Elend, wie ich verkannt und gemißhandelt wurde, so würden Sie dies und noch weit mehr begreifen. Von frühster Jugend war mein Sinn und Streben auf Musik gerichtet, aber meine Eltern waren so arm, daß sie für meine Ausbildung nur wenig thun konnten. Mit Chorsingen fristete ich mich durch, späterhin mit Stundengeben. Ich mußte mir Alles selber erringen und auf den mühseligsten Wegen. Als ich den Contrapunct gründlich studirt hatte und Alles versucht und durchgearbeitet, was zu einem musikalischen Componisten nothwendig ist, als ich nun fertig zu seyn glaubte, und schon manche Kirchenmusik geschrieben, die mir gelungen schien, fand ich nirgends Unterstützung, kein Mensch wollte von mir etwas wissen, mein Aeußeres war nicht empfehlend, ich besaß keine feine Lebensart, mir fehlten die einschmeichelnden Manieren. Nach Italien strebte mein Sinn, doch die matten Augen meiner hülflosen Eltern sahen mich so flehend an, daß ich recht im Herzen fühlte, wie es meine Pflicht sei, für sie zu sorgen. So mußte ich denn wieder für ein geringes Geld fast auf allen Instrumenten Unterricht geben, und diese Pein, mit einem ungeschickten gefühllosen Schüler die Geigezu kratzen, immer dieselben Mißtöne zu hören, ist über alle Beschreibung. Nur ein solcher Musiklehrer erfährt, welche Dummköpfe es in der Welt giebt. So bot man mir einen an, der schon sechs Jahre Violine gespielt hatte. Ei! dachte ich dazumal, das ist doch ein Trost, da kann ich einmal musikalisch zu Werke schreiten und vielleicht einen ächten Scholaren erziehn. Er hatte schon Sonaten, Quartetts, Symphonieen und die schwierigsten Sachen durchgearbeitet. Und, denken Sie, als ich ihn nun ins Examen nehme, ist dieser Virtuose nicht im Stande, seine Geige zu stimmen, er kennt keine Tonart, schabt Alles aus dem Gedächtniß daher, hat keinen Tact, und verwundert sich in seiner blanken Unschuld, daß alles das Zusammenhang habe und Wissenschaft sei. Wie das Meerwunder, das schon fast ein erwachsener Jüngling war, seinen Pleyel zusammen rasselte, alle Töne falsch, ohne Bindung und Sinn, kreischend und quitschend, Gesichter schneidend und Pausbacken machend, davon haben Sie Alle keine Vorstellung. Denken Sie, ich mußte mit ihm wieder einen Choral zu spielen anfangen, und nach sechs oder sieben Jahren, die er schon bei einem andern Lehrer verarbeitet hatte, konnte er das nicht einmal leisten.
Die Uebrigen hatten den Laien schon während dieser Erzählung lächelnd angesehn, als dieser ausrief: ist es möglich, daß ich so unvermuthet meinen verehrlichen Musiklehrer wieder finden muß? Ja, alter Herr, damals haben wir uns beide das Leben rechtschaffen sauer gemacht.
Sie sind der junge Mensch von damals? sagte der alte Mann in Verlegenheit; bitte tausendmal um Verzeihung: aber es war mir doch so merkwürdig, daß ich diesen Umstand niemals wieder vergessen habe. — Auf diese Weise ging dann meine Jugend hin. Meine Elternstarben, ich war aber indeß alt geworden. Nach und nach gab man in kleinen Orten von meinen Compositionen. Hier und da versuchte auch ein Theater meine Opern darzustellen, aber sie machten kein Glück. Als ich meine Gattin, eine herrliche Sängerin, kennen lernte, und sie ihr Schicksal mit dem meinigen vereinigte, schien mir nichts mehr zu wünschen übrig. Aber nach der Geburt meiner Tochter war ihre Stimme schwächer geworden. Ach was ist es doch für ein unermeßlicher Verlust, wenn eine wahrhaft schöne Stimme verloren geht. Es ist ja noch weit mehr, als wenn uns ein geliebter Freund abstirbt. Und doch muß sich der Mensch auch darein finden. Meine Frau wollte es aber nicht, sie sang immer schwächer, immer stärker griff sie sich an, und sang sich zu Tode. Nun war mein ganzer Himmel diese meine Tochter. Eine kleine Pension, die mir das Theater zukommen ließ, das ich eine Zeit lang dirigirt hatte, schützte mich vor der äußersten Dürftigkeit. Von jetzt vertiefte ich mich erst recht in die großen Kirchenmusiken der alten Meister. Immer armseliger erschien mir die Gegenwart. Alle die Manieren, die Liebhabereien, die überhand nahmen, waren mir verhaßt. Am abscheulichsten aber erschien mir die neue Singmethode, welche immer mehr einriß. Der rechte Ton muß wie die Sonne aufgehn, klar, majestätisch, hell und immer heller, man muß die Unendlichkeit in ihm fühlen, und der Sänger muß ja nicht verrathen, daß er die letzte Kraft ausspielt. Eine Musik, recht vorgetragen, wiegt sich wie ein Stück des Himmels, und sieht aus dem reinen Aether in unser Herz, und zieht es hinauf. Und was ich einzig und allein im Ton hören will, ist die Begeisterung. Einen tragischen oder göttlichen Enthusiasmus giebt es, der heraus klingendjeden Zuhörer von seiner menschlichen Beschränktheit erlöst. Ist die Sängerin dieser Vision fähig, so fühlt sie sich vom Sinn des Componisten, aber auch zugleich vom Sinn der ganzen Kunst durchdrungen, daß sie Schöpferin, Dichterin wird, und wehe dem armen Kapellmeister, der dann noch Tact schlagen, und das Tempo zu starr fest halten will, denn die Eingeweihte darf über die gewöhnlichen und nothwendigen Schranken hinaus steigen, und sich wie ein Engel schwebend aus dem Grabe des Zeitlichen erheben, und triumphirend in lichter Glorie dem Unsterblichen zufliegen.
Das ist es, sagte der Laie, was ich neulich habe aussprechen wollen.
Die meisten Künstler, fuhr der Alte fort, sind nur höchstens von ihrer eigenen Virtuosität trunken, selten, selten, daß einer nur wagt, den Componisten zu verstehn, geschweige über ihn hinaus zu schreiten. So wie im letzten Fall der Componist verherrlicht wird, so wird er im ersten fast immer vernichtet, doch ist diese Begeisterung nicht ganz zu verwerfen, weil alsdann, wenn auch auf eitle Weise, Seele in den Gesang kommt, in so fern nämlich der Sänger ein wirklicher ist. Mein Kind erwuchs, und ward ganz, wie ich es mir gewünscht. Sie faßte meinen Sinn, sie bekam eine Stimme, wie ich sie noch niemals gehört hatte. Ich glaubte, ein unschätzbares Kleinod in ihr zu besitzen. In dieser Ueberzeugung schrieb ich von ihr einem großen Hof, wo man sie zur Kammersängerin berief. Nun glaubte ich, in Ruhe und ohne Armuth meine Tage beschließen zu können. Die vornehme Welt ist versammelt und sie singt ein altes Musikstück, so, daß mir die Thränen in den Augen stehn; ich selbst hatte sie nie so singen hören, denn sie hat Stolz,die Umgebung befeuerte sie. Und wie sie endigt, keine Hand, kein Wort, kein Blick. Der alte Kapellmeister kommt dann zu mir und flüstert, der Fürst und die Damen hätten geäußert, und er selber müsse die Meinung unterschreiben, meine Tochter möchte noch erst Unterricht von einem guten Sänger haben, um Schule zu bekommen.
Das ist es eben, rief jetzt der Graf aus, was sie wollen, Schule, Methode, wie sie es nennen, statt des Gesanges. Ja, das war jener Abend, als ich, Julie, in Wonne aufgelöst hinter Deinem Rücken stand, und Dein Angesicht nicht sehen konnte. Methode! gerade als wenn ein Solimene oder Trevisano den Raphael bedauern wollte, daß er nicht mehr Schule in seinen Werken zeige.
Julie sagte: glauben Sie mir, mein Vater, ich kann besser singen, als ich jenen Abend sang. Ja, vor Freunden, die uns verstehn, die unserm Sinn entgegen kommen, wird die Stimme noch einmal so mächtig und die Sicherheit unendlich. Aber man fühlt es auch vorher durch geistigen Instinkt, wenn wir vor Unverständigen uns hören lassen sollen. Wird bei jenen der Gesang wie Gold in Gluth der Liebe geschmolzen, so versagt bei diesen Stimme und Muth, ja der Ton wird oft, trotz aller Anstrengung, kümmerlich. An jenem, mir fürchterlichen Abende sah ich mich geflissentlich nicht um, und doch steckten mir alle die Augen der gelangweilten Hofdamen und die verwunderten Blicke der neugierigen Cavaliere in der Kehle.
Das Unglück, dieser Unsinn, nahm der Alte wieder das Wort, verwirrten mir auch den Kopf. Ohne es nur anzuzeigen, reisete ich noch in derselben kalten Nacht mit meiner Tochter wieder ab. Sie mußte mir feierlich geloben, nie anders, als nur in meiner Gegenwart, und wenn ich es ihr erlaubte, zu singen. Kam sie unter Menschen, die jetzt fast alle gern kreischen und zwitschern,so mußte sie fest verläugnen, daß sie nur irgend was von Musik wisse. Wir lebten sehr einsam, kamen wenig oder gar nicht unter die Leute. Mein Gemüth verfinsterte sich immer mehr, und hätte mich nicht meine Tochter getröstet, so wäre ich wohl längst gestorben, oder Wahnsinn hätte mich ergriffen. Ist mir doch fast, als wäre ich in manchen Stunden diesem Elende nicht allzufern gewesen. Oefter wechselte ich den Wohnsitz und kam nun hieher, um draußen, in der Nähe finsterer Tannen recht einsam zu leben, und ungestört mit meinem Kinde Gesang und Musik zu üben, da sah mich neulich der Herr (indem er auf den Kapellmeister wies) draußen, und gestern wollten sie beide in der Nacht mein Haus bestürmen, was ich freilich ganz anders auslegte, als es sich nun zu meinem unerwarteten Glücke ausgewiesen hat.
Man setzte fest, daß noch heut Abend die Verlobung seyn sollte, zu welcher auch der Baron und seine Familie gebeten wurde.
Aber halt! rief der Kapellmeister, Ihr Gelübde, Herr Graf, welches Sie in dieser Nacht gethan haben, daß Ihre schöne Braut noch vor der Vermählung die Hauptparthie in meiner Oper singen soll!
Es sei, sagte der Graf, wenn es meiner Julie nicht unangenehm ist. Man sah es ihr aber, auch ohne ihre Versicherung wohl an, daß es ihr Freude mache, auf eine so glänzende Art ihr großes Talent zu entwickeln.
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Ehe der Graf in das Schauspiel ging, nahm er noch einmal den alten Italiener einsam vor und sagte: Ihr hättet neulich fast Unglück gestiftet, alter Thor, reiset nun, wozu ich Euch ausgestattet habe, in Eure Heimath zurück, lebt dort ruhig, und Ihr werdet richtig Eure Pension ausgezahlt erhalten, die Euer Alter froh und sorgenlos machen kann.
Eccellenza, antwortete der Verwirrte, seyn die Großmuth selbst: bitte auch auf Knieen um Pardon, daß den Schwiegervater habe prügeln wollen, den alten boshaften Hortensio, der alle Musik ruinirt. Ich hatte lange draußen gelauert, und war im Wald vor Müdigkeit und Chagrin eingeschlafen, unterdessen er auf und davon. Untersuche alle Dörfer dort, komme müde und matt zurück, da rennt er über die Straße: Herr Graf, da zog es mich so allgewaltig, ich mußte losprügeln, und wenn’s mein leiblicher Vater gewesen wäre.
Als Julie sich in der schöngesetzten Parthie zeigte, und in vollen Tönen so sicher ausstrahlte, war das Entzücken des Publikums allgemein. Die Zeichen des Mißfallens, die einige Freunde der eigensinnigen Sängerin wollten hören lassen, mußten beschämt verstummen. Als die große Arie gesungen war, entstand ein so lautes Beifallrufen, ein solches Jauchzen und Geräusch, daß Musik und Stück inne hielt. Als es ruhiger war, hörte man eine laut heisere Stimme, die vom Parterre herauf rief: taugt nix! gar nix! miserable Pfuscherei, kein Vortrag: ist nur Aberwitz und deutsche Seelenmanier des verrückten Herrn Hortensio! Es war der alte Italiener, der sich noch einmal vernehmen ließ, aber genöthigt wurde, das Theater zu verlassen.
Noch niemals hatte in dieser Stadt eine Oper so großes Glück gemacht, der Kapellmeister war beseligt, der Vater glücklich, der Graf entzückt, der Laie in frühere Jahre versetzt, und der Enthusiast, was die Uebrigen freute, ohne Worte.
Bald darauf war die Vermählung der Glücklichen. Dann zog der Graf auf seine großen Güter; alte Musik, die Compositionen Hortensio’s, Opern wurden in seinen Sälen gegeben, und die abwesenden Freunde hörten in Briefen nur von der ungetrübten Freude dieser auf so wunderliche Art Vereinigten.