Chapter 3

Wie aber Gefühle absterben, wie der Sinn für das Schönste sich verlieren kann, muß ich täglich mehr erfahren. Rührt uns schon in Stadt und Feld die Hinweisung auf Geschichte und belebt und weiht den todten Stein und den Wald, wie viel mehr jenes Mahnen an die Wunder und die Süßigkeit unserer Religion. Und diese forttönende Poesie, dieses Erklingen der feierlichen Harfensaiten, diesen still lebenden und stumm beredten Gottesdienst in der Einsamkeit der Natur, im Gewühl des Marktes, in Felsgrotten und Wäldern, im Verherrlichen der Brücken und Ströme finde ich nur noch in den katholischen Provinzen. An Zoll und Polizei, an Argwohn und Paß, an Aufsicht und Visitation werden wir im Protestantischen genug erinnert, an die Bedeutung des Christenthums fast niemals. Ja, jene Wundersagen, jene Bildwerke, Hymnen, Klöster, Mönche, heilige Jungfrauen, Vorbitten und Schutzheilige sind Gegenstände des Spottes und Hasses. Und die besten Menschen können sich oft von diesem Aberglauben gegen den Aberglauben, von dieser Gespensterfurcht, daß der Glaube an Gespenster wieder kommen könnte, nicht frei erhalten. So konnte es mein neu erworbener Freund, Keyser, nicht begreifen, wenn ich behauptete, die Reformation sei zwar eine nothwendige gewesen, sie habe der Welt und namentlich Deutschland unendlichesHeil gebracht; aber viel Schönes, Großes und Heiliges sei mit Zerstörung des Schlechten zugleich vernichtet worden, und dies sei es, was der eifrige Protestant nie anerkennen wolle und was die Katholiken selbst nicht zu würdigen wissen. Auch ein schlechtes Bild an der Landstraße rührt mich, weil es auf jene Geheimnisse hindeutet, die wir nie vergessen sollen, wenn wir sie gleich auf dem gewöhnlichen Wege niemals begreifen können. Die Fratzen in manchen Kirchen stören mich so wenig wie die oft ungelenken Priester; denn auch im unansehnlichen Dornbusch blüht der Frühling heraus und bewegt mich, als ein Zeichen der allgemeinen Auferstehung des Lebendigen.

Dies Gefühl des Mitleidens in der höchsten Liebe, daß wir durch Selbstaufopferung das Opfer der Liebe vergüten möchten, diese schönsten Gefühle sind es gerade, die die meisten Menschen von sich abweisen oder die Härteren als unrecht verdammen. So heben sie sich für den Sonntag, für Orgel und Predigt die feierlichen Empfindungen auf, oder sie schließen einen verständigen Contrakt mit dem unbegreiflichen Wesen, welches sie Gott nennen, um gegenseitige Pflichten und Verbindlichkeiten klar im Auge zu behalten. Der Vers eines Liedes aber, Abends unter einem Crucifix still und andächtig gesungen, der Blick des betenden Greises auf einsamem Waldplatz zum leidenden Heiland hinauf, der Kuß, den das Kind auf seinen Rosenkranz drückt, die Thräne der Mutter, welche auch den Sohn verlor, vor der Mater dolorosa, sagen mehr, als alle jene kalte Weisheit verkündigen und lehren kann.

Sie kennen ja aber, theure Freundin, meine Gesinnungen über diese Gegenstände und stimmen mir bei. Ich hoffe Sie bald zu sehn; im Herbst gewiß.

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Walther war aus andrer Ursache nachdenklich von Weinsberg zurückgekommen. Er hatte an der Wand der Kapelle, auf welcher die Geschichte der treuen Weinsberger Weiber gemalt ist, mit Bleifeder frisch angeschrieben deutlich die Worte gelesen: „Romeo, in der Höhle zu Liebenstein findest Du den 24. Juli M — Julia.“ — Seine Gefährten hatten die Schrift nicht bemerkt, ihm aber flüsterte sein Genius zu, diese Hinweisung rühre von jener vielgesuchten Maschinka her, die den Mann, welchen er verfolgte, in Liebenstein erwarte. Sein Entschluß war daher gefaßt, nach Liebenstein zu gehn und gewiß am 24. Julius in dieser Höhle zu seyn, in welcher er diesen Romeo zu entdecken hoffte. Er konnte sich selber keine Rechenschaft davon geben, warum er sich die wenigen Worte so erklärte, warum er der Meinung war, sie müßten von jener entflohenen Maschinka herrühren, deren Handschrift er niemals gesehn hatte. Aber dieser blinde Trieb, dieser Instinkt schien ihm gerade ein Beweis dafür, daß er auf der richtigen Spur seyn müsse.

Am folgenden Morgen trug er, ohne seine Gründe anzugeben, darauf an, daß man noch einiges Merkwürdige in der Nähe betrachten, dann aber nach Liebenstein reisen möge. Mein theurer Freund, sagte Ferdinand, mit einiger Heftigkeit: wie kommen Sie auf diesen Entschluß? Warum nach Liebenstein? Ich hoffte, wir würden von hier aus uns mehr südlich und nach dem Schwarzwald, vielleicht sogar nach der Schweiz wenden, um einen Theil des Herbstes in den schönen Alpengegenden und an den erfrischenden Seen zuzubringen. Und nun schon, noch so zeitig im Jahre, uns wieder nach Norden wenden? das sieht schon wie Rückkehr aus, die ich in diesem wahrhaft schönen Sommer, der uns vielleicht noch lange begünstigt, weit hinausschieben möchte.

Schon umkehren? rief Wachtel aus: wie? Ich habe aufden Rhein und die schönen Weinplätze Bacharach, Rüdesheim, Nierenstein gehofft — und nun wieder in das kalte Bierland hineinreisen? Ei, welch ein böser Geist hat Ihnen, verehrter Freund, den bösen Gedanken zugeraunt?

Sie wissen, fuhr Ferdinand fort, mir ist nur in den Gegenden, wenn ich in der Fremde bin, recht wohl, wo ich die alten Münster, den katholischen Cultus, die Bilder und Feierlichkeiten, so wie Alles, was damit zusammenhängt, sehe und mein Gemüth erhebe. Haben wir doch oft genug darüber gestritten. Es ist fast, als wenn ich eine Geliebte verlassen, indem ich diesen schönen Provinzen wieder den Rücken wenden soll.

Geliebte! sehr wahr! rief Wachtel, fast schluchzend. Ich kenne das schon, um wie viel theurer und schlechter der Wein in den Gegenden dort oben ist. Nun habe ich mein Herz hier so weit hinweg spazieren geführt und es so recht gemüthlich im Sonnenschein der Andacht ausgelabt und eingesommert. Ich kann schwören, mit jeder Meile, die mich von meiner Frau um eine mehr entfernt, fühle ich meine Liebe zu der vortrefflichen Person inniger und brünstiger. Welchen schönen Liebesträumen hing ich nun nach, daß noch wenigstens hundert Meilen sich zwischen uns legen sollten, um mich so recht und voll in die erste Jugendliebe hinein reisen und rasen zu lassen. Das hätte vielleicht eine so ausbündige Verliebtheit zu Stande gebracht, wie nur jemals zwischen Abälard und Heloisa stattgefunden hat, — und nun soll ich plötzlich ernüchtert werden, denn das weiß ich im voraus, mit jeder Meile, die ich jetzt schon, um so vieles zu früh, der Theuern näher komme, wird mein Herz kälter, und Sie haben es zu verantworten, Baron, wenn ich als ein rechter Gimpel, als kalter Frosch, als miserabler Philister meiner Alten ganz herzlos und krüppelmatt an den Hals falle.

Walther sagte lachend: liebe Freunde, es kann nicht meine Absicht seyn, Sie irgend in Ihrer Reiselust hemmen oder auf falsche Wege verlocken zu wollen. Unsre Trennung, wenn sie jetzt so viel früher eintritt, wird mich schmerzen; aber wir finden uns wohl später wieder. Was mich jetzt nach Liebenstein zieht, ist ein kleines Geschäft. Sie wissen, wir Alle hatten bei unsrer Abreise von Dresden keinen festen Plan, wir wollten uns leichtsinnig dem Zufall und unsrer Laune ganz überlassen. Vergessen haben Sie aber ganz, daß wir beim Abschiede in Karlsbad unserm Freunde Carl Hardenberg fest versprachen, ihn in Liebenstein wiederzusehn. Diese Zeit ist jetzt, und versäumen wir sie, so treffen wir ihn dort nicht mehr an und er hat uns vergeblich erwartet.

Es ist wahr, sagte Ferdinand, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend; dieses Versprechen, welches fast ein feierliches war, ist mir seitdem ganz entschwunden. Und so begleite ich Sie denn, lieber Walther, theils um meiner Pflicht gegen jenen Freund zu genügen, andrerseits aber, um länger in Ihrer Gesellschaft zu seyn und mit Ihnen die Schönheiten unsrer Reise zu genießen.

Sei’s drauf gewagt, rief Wachtel, sollte ich auch mit ganz eiskaltem und erfrornem Herzen zu meiner vielgeliebten Gattin zurückkommen. Ich weiß nicht, ob es Heilige giebt, denen sich ein kalt werdender Liebhaber und Gatte empfehlen kann, oder ob Protektoren der zärtlichen Ehe angestellt sind, die die Flammen so anfachen, wie der heilige Kilian sie auslöscht; wenn Du mir, Ferdinand, keinen zu nennen weißt, so ist das eine große Lücke in Deinem vielgepriesenen, bilderreichen und wundervollen katholischen Cultus. Der Abälard, der dazu passen könnte, war außerdem schon ein Ketzer; und seine Heloisa gilt auch für eine fromme Sünderin; undso hat die Kirche die beste Gelegenheit versäumt, durch zeitgemäßes Canonisiren diesem Bedürfniß abzuhelfen.

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Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal und besuchten Neustadt an der Linde. Von einer außerordentlich großen Linde hat dieses Städtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen Gegend kamen sie durch den Harthäuser Wald. Das Thal der Jaxt ist zerrissen, die Weinberge schroff, kahl und weiß, und das Land ist hier weniger fruchtbar, als das Thal der Kocher. Eine sehr große und schöngebaute Brücke führt über den Jaxtfluß, der jetzt so klein war, daß er fast gar kein Wasser enthielt.

Aus Verehrung für Göthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen, in einer feierlichen Stimmung. Der berühmte Gottfried, oder Götz, hat hier nur in seiner Kindheit und frühen Jugend gelebt. Ein älterer Bruder, Philipp, erbte diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es scheint, ruhig und glücklich auf diesem seinem Schlosse.

Alles ist hier alterthümlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht großartig. Das Archiv ist in einem großen, runden Thurm. Die Wandschränke, viele Sessel und Stühle schienen noch aus der Ritterzeit. Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut. Fest kann, ungeachtet der Gräben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt niedrig, auf ebenem Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes.

Ein neues, anmuthiges Schloß von mäßigem Umfang, welches eine Familie Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an der Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der Gegend dort Berlinchen nennen.

Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das Kloster Schönthal. Hier ist das Erbbegräbnißder Berlichingen; Götz ist als der letzte hier begraben worden, weil nachher die Familie protestantisch war. Die Kirche ist schön, und Ferdinand hörte die Erzählung mit Ingrimm, daß man nicht nur alle goldne und silberne Gefäße, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der Aufhebung des Klosters den Juden verkauft habe.

Ein Mönch verzeichnete die Bücher der Bibliothek, weil diese abgeliefert werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken oder Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu quälen. Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im Verlauf des Gespräches jammerte der Mönch über die Aufhebung des Klosters. Ferdinand stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und Reizen der Einsamkeit, und wie schön die Einrichtung gewesen, daß vielen Geistern, die den Beruf gefühlt, Freistätten seien gestiftet worden, in welchen sie sich ganz und völlig von der Welt unabhängig, den Betrachtungen der höchsten Gegenstände hätte widmen können. Seit lange aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hört man immerdar, sollen und müssen in die vielfachen Wirbel und in die Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon dem Kinde zu, mußt Du werden, um die Geschäfte, die Aufgaben des Lebens verwalten und lösen zu können. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler, Klostermönch, abergläubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und dennoch — wenn man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den Rädern der großen Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewühle der verwirrten Masse umtreiben — wie ist ihr Gemüth abgestumpft und keiner großen Eindrücke und Entschließungen fähig. Ungewohnt, einen wahren, echten Gedanken zu fassen,eine belebende Idee zu ergreifen und sie dann anwendbar zu machen, ist ihr ganzes praktisches Treiben nur wie das des Maulthieres in der Drehmühle, thätig ohne Geschäft, im Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht die Geschichte, daß so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit ergaben, in Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu beschwichtigen, was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mächtig geworden war? Einige der edelsten Päpste nicht nur waren in der Stille des Klosters gebildet und herrschten im großen Sinne, als sie berufen wurden, auch außer so manchen Bischöfen und Aebten waren es oft einfache Mönche, die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den gerade die Einsamkeit geschärft hatte, Kräfte zu entdecken, die die verderblichste Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten.

Darum, sagte der Mönch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah, ist es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir Mordbrenner und Landesverräther wären. Und grausam ist es obenein. Denn unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir können uns auf keine andre Weise ernähren, und doch stößt man uns in die Welt ohne alle Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann kaum gerechnet werden.

Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem Manne ab. Als sie draußen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur, daß Du plötzlich so sehr verstimmt bist? — Wenn mir, rief Ferdinand aus, der ich ein Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen möchte, weil ich in einem Zeitalter geboren bin, in welchem eine ganze Welt von Herrlichkeit, Poesie und Kunst in ein großesGrab höhnend geschüttet wird, eine Welt, in welcher so Großes erwuchs und geschaffen wurde, die für Bildung, Gelehrsamkeit und echte Freiheit so viel that, die durch so viele geistliche Helden und Märtyrer verherrlicht ist, — und ich sehe einen Mönch, der diesem zerstörten Tempel angehört, um nichts als sein tägliches Brot seufzen, den nur die Küche dauert, die zugleich mit dem Wunderdom zerfällt, so möchte ich verzweifeln. Er fühlt sich nicht gekränkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefühl seines hohen Standes verletzt, nein, er wäre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast seiner Verfolger wieder Küchenjunge werden könnte. Giebt es freilich viele dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist diese große Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne äußern Anstoß und ohne die weltliche Habsucht, zusammengebrochen.

Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewöhnlicher Mönch, von frühster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewöhnt, dessen größte Tugend es seyn mußte, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus theilen oder verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du, in einer ganz anders gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese zerstörte Welt hineinschaust. Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend, hast niemals Mangel empfunden, kannst es also in Deinem übermüthigen Blute nicht wissen, wie bitter die Nahrungssorgen sind. Außerdem bist Du so erzogen und unterrichtet, daß Du im äußersten Fall zu hundert Geschäften greifen könntest, um Dich zu ernähren; hast auch, durch den Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen umzugehn und Dir Beschützer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von frühester Kindheit verschüchtert, erniedrigt und eingezwängt, wenn dem die Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er garnichts gelernt hat, als an dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu bedauern.

An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am folgenden Morgen ihren Weg fort, längs der Tauber. Die Gegend bis Bischofsheim ist nicht schön, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von Bischofsheim bis Würzburg war die Gegend auch nicht interessant und Ferdinand sagte: ich glaube fast, daß wir gestern den letzten eigentlich poetischen Tag unserer Reise genossen haben.

Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurückkehren und scheinen mir eine zu große Vorliebe für das unbestimmte Herumschwärmen zu verrathen.

So ist es, rief Wachtel aus, das war von früher Jugend an seine Passion. Er ist ein schlechter Staatsbürger und Patriot.

Das Reisen selbst, erwiederte Ferdinand, ist für Den, welcher es versteht, eine so poetische Kunst, daß ich mich in diesem Sinne gern als gebornen Vagabunden bekenne. Mich dünkt, der merkwürdige Theophrastus Paracelsus sagt schon, das Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches, in welchem man die Blätter mit den Füßen umschlage. Die Natur und jede ihrer Launen kennen zu lernen, sich ihr ganz zu eigen zu geben, Heiterkeit und Genuß wie Regen und Sturm mit Dank empfangen, dies verstehn nur wenige, und die es vermögen, sind schon Eingeweihte. Dann die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann, daß man aus allen Gesinnungen etwas Neues hört, daß man die Spur findet, wo auch in anscheinender Einfalt die Weisheit unbewußt spricht, wie die Wahrheit immer hinter allen Masken der Lüge hervorblitzt, alles Dies dient, unsern Geist zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das Staunenswürdige, das uns Kunst, Natur, das Firmament und dieElemente bieten, oft auch die unscheinbare Gesellschaft und der zufällige Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen, und ihr Alle, die ihr doch gern staunen mögt, habt es ebenfalls angeschaut, doch ohne es zu beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn Menschen, welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht, Mäusefallen und andere geringfügige Sachen, dabei bessern sie kupfernes Geschirr aus und umflechten Töpfe und Schüsseln. Sie gehen in braunen, langen und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der Regel der eine Arm, sie haben keine Schuhe und Strümpfe nach unserer Art, sondern tragen eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand ist das Bein umwickelt, so wie es vor der Erfindung der Strickerei und Weberei gebräuchlich war. Ihr Gang hat nichts von unserer Dressur, sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder nur nachahmen könnte; dabei ist in ihren Schritten aber nichts von dem festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten kann. Eben so hat ihr Auge nichts von dem kühnen Umblick jener Bergjäger, sondern es sieht ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber niemals forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem Geschäft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem langen Wege gebräunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und Bösewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verständigen gesucht und ihnen manche Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt menschlich schien. Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermünze einnehmen, und schütten es in einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten zubinden, um mit dem geringen Erwerb mühsam in ihr fernes Vaterland zurückzukehren.Der Ausdruck ihres Gesichtes ist so schwermüthig, daß man sich angezogen fühlt, und was das Merkwürdigste ist, ich habe niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lächeln sehn, sei es ein junger Mensch oder ältlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe mittheilte, die ihre Erwartung übertraf. Ein milder, dankender Blick hat mich gerührt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind diese Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind sie eine Art Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich konnte sie nicht ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die übrigen Menschen gingen gleichgültig an ihnen vorüber, und ich würde einen Otaheiten oder Chinesen nicht mehr als diese umherwandernden Kesselflicker anstaunen.

Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, daß ich diese Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe. Kommt mir einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewiß unter mein Mikroskop nehmen.

Nach Tische verließ die Gesellschaft Würzburg und begab sich nach dem Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals fürstbischöflichen Schlosses sind noch einige schöngeflochtene Berceaus, nach alter französischer Art, und Ferdinand ergoß sich in Lobpreisungen dieser jetzt verschmähten Gartenkunst, für welche er eine fast übertriebene Vorliebe zeigte. Nichts so Entzückendes, rief er aus, als ein solches dichtgeflochtenes hohes Gewölbe von glänzendem, jungem Buchenlaub. Die Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man wandelt wie in einem lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen Wölbung das glänzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Kühle spielt durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreundhier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes Gespräch zu führen, ist ein solcher Gang vorzüglich geeignet, ja er erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen, und das auffallend Künstliche dieser Bogenwölbung, so innigst mit der Baumschönheit verbunden, ist so lieblich und phantastisch, daß es wie von selbst Poesie und zarte Wunderträume erregt. Preise man nur nicht so unmäßig jene monotonen, melancholischen englischen Gärten, die weit eher ein Rückschritt zur Barbarei zu nennen sind, als daß sie die echte, höhere Gartenkunst sich rühmen, oder gar für die einzig wahre ausgeben dürften.

Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen Städtchen. Am folgenden Morgen verließen sie dieChaussee, um auf schlechten Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur klein und es waren nur wenige Trinkgäste zugegen. Eine Meile entfernt ist das Dorf und Bad Bocklet. Hier ist eine schöne grüne Natur, waldbewachsene Hügel, frische Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche Einsamkeit. Nach einem ziemlich langen Spaziergang kamen sie in den Speisesaal zur versammelten Gesellschaft. Ferdinand traf einige Damen und Fräulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen hatte. Es überraschte ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren wiederzufinden, die er sich bis dahin nur in den großen erleuchteten Salons hatte denken können.

Hören Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen, vorzüglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist übermäßig glücklich, daß er einige Dämchen getroffen hat, die doch einigermaßen, wenn auch ungern, in das Lob seiner Schönheiten einstimmen;denn es ist mehr als ungalant, man kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere abwesende in so hohen Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle diese Badeschönheiten die zierlichen Lippen aufwerfen und die Näschen rümpfen, wie sie so leicht und schonend diesen und jenen Tadel der gefeierten Grazien einschlüpfen lassen, um der zu schmetternden Trompete unsers Freundes einen kleinen Dämpfer aufzusetzen. Er ist nicht zu entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben Ursach habe, schon versprochen ist.

Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fühlte, daß die anwesenden Schönen nicht mit ihm zufrieden waren, verließ mit einem kleinen Mißmuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den Kirchhof des Ortes, um das Grab der Auguste Böhmer, der Stieftochter Wilhelm Schlegels, aufzusuchen. Nicht ohne Thränen konnte er ihrer gedenken, und sagte endlich: Wie schwach sind doch die Menschen, daß sie nur selten das Lob eines vorzüglich begabten Menschen, sei er durch Schönheit, sei er durch Geist ausgezeichnet, mit edler, wahrer Theilnahme anhören können. Gleich glauben sie, es würde ihnen etwas entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lächerlich ist, weil sie voraussetzen, man müsse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rühmliche Nachrede. Wie traurig, daß das Andenken eines so schönen Wesens, wie diese Auguste war, so schnell erlöschen muß. Diese natürliche Heiterkeit, der Frohsinn dieses Mädchens, ihr unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart mit Verstand und Geschmack, war in ihrer schönen Jugend eine zauberhafte Erscheinung. Schlegel hat ihrem Andenken einige vorzüglich schöne Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche Erscheinung gehörte ebenfallszu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der ich neulich in so starken Ausdrücken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter dieser Auguste, eine höchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings ist. Diese Frau hatte ein so feines, geübtes Ohr, daß Schlegel sie bei seinen Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß war, welche er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte. Diese Frau, so wie die Gattin Hubers und noch wenige, gehörten ohne Zweifel zu den frühesten und entschiedensten Bewunderern unsers Göthe; viele der künftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor ungefähr zehn Jahren Berlin wiedersah, war unter den vorzüglichsten der dortigen Frauen Das längst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte nicht begreifen wollten, daß Göthe unser größter Nationaldichter sei, ein Poet in wahrster und höchster Bedeutung, und daß die großen Talente, die mitunter selbst im Einzelnen etwas Größeres als er leisten möchten, sich doch mit der Großheit und Vollendung seines Wesens nicht messen dürften. Die Mutter Auguste’s reisete vor drei Jahren hieher, um die Bäder zu brauchen, und mußte ihre schöne, liebenswürdige Tochter hier begraben sehen.

Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der Berge waren hart und rauh, Alles schien nördlich und unfreundlich. Die Freunde waren zu verdrossen, um die Ruine, eine der ältesten, in der Nähe der Stadt zu besteigen.

Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen über die finstern, widerwärtigen Gestalten derBerge. Kurz vor Meiningen liegt die Ruine Henneberg zwischen schönen Tannen. In Meiningen fragten sie nach Jean Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schöne Gegenden und Thäler fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische Lage sie wieder erfreute, und fanden hier ihren Freund Carl von Hardenberg wieder, den ein jüngerer Bruder, Anton, begleitet hatte.

Die schöne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg, die kräftigen Wälder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im Freien unter schönen großen Bäumen, durch den Berg gegen Winde geschützt. Am Nachmittage fuhr ein prächtiger Postzug mit vier schönen Rappen vor, und die Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu sehen, als zu Walther’s Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren in Erlangen gekannt hatte, aus dem Wagen springt, von seinen Bedienten unterstützt. Sind Sie’s wirklich? fragte Walther, und der Fremde eilte, den lange nicht Gesehenen zu umarmen.

Nachdem man sich begrüßt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing Walther an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie müssen in glücklichen Umständen leben.

Glücklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglücklichsten Kerl auf Erden vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann. Sie wissen um den sonderbaren Zufall, daß ich damals in Nürnberg jene große Summe gewann, durch welche ich alle meine Gläubiger befriedigen konnte. Statt nach meiner Heimath zurückzukehren und eine Bestimmung zu suchen, ging ich mit den dreihundert Goldstücken, die mir noch übrig waren, nach einem großen Badeorte,Wo hoch gespielt wurde, und gewann wieder auf seltsame, unerhörte Weise. Ich war in dem Zaubernetz gefangen, daß ich nur Karten dachte und träumte. War die Nacht schon weit vorgerückt und ich übermüdet und demnach fieberhaft aufgereizt, so war es, als wenn ein Dämon meine Finger in meiner Betäubung regiere, und ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte gewinnen müsse. Wer es nicht selbst erlebt und diese quälende Lust an sich erfahren hat, hat keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie gräßlich heiter das Leben eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So ist der grüne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles, mir Frau und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn für irgend was. Wenn meine Gehülfen schon in der Nacht kaum noch die Augen aufzwingen können, fluche ich über mein verdammtes Geschäft, lege mich betäubt und krank nieder, wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht erwarten, bis das Geklirr und Rauschen des Goldes auf dem grünen Tische wieder anhebt. Ich stehe auf, um fünf- oder sechstausend reicher, und es macht mir keine Freude; ich verliere ebensoviel, und es ist mir ganz gleichgültig, und doch ist der verfluchte Gewinn der Sporn, welcher mich stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne Erinnerung aus Wald und Fels, ein edles Gefühl auf mich zu, eine Wehmuth ergreift mich über mein zerstörtes Leben, und ich entlaufe dem Gefühl im Pharo; oft schon dachte ich, ein schönes, liebes Mädchen könne an meiner Seite mit mir meines Reichthums genießen; aber plötzlich fallen mir die Fratzenbilder der Kartendamen ein, und welche mir schon große Summen gewonnen, und Leben und Schönheit erblaßt vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind gestorben und ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles verlieren sollte, so werdeich mir mit der größten Kaltblütigkeit eine Kugel durch mein zerrüttetes Hirn jagen.

Walther würde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen Freundes noch tiefer erschüttert worden seyn, wenn er nicht stets nach der großen, wunderbaren Höhle geblickt hätte, in deren Nähe sie wandelten, die jetzt verschlossen war, und die morgen, am Sonntage, magisch erleuchtet werden sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele Menschen aus der Umgegend, sowie aus Meiningen versammelten. In dieser Menschenmasse hoffte er denn morgen auch seinen Feind, den er so lange schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die schöne Maschinka, anzutreffen.

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Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht, weshalb Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von Unterhaltung vermied, schien auf etwas gespannt, das sich im nächsten Augenblicke erklären müsse.

Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist gewiß, aber jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollständig thöricht zu seyn. Der Ferdinand bereitet sich auf die Höhlenerleuchtung vor, wie auf das Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr Baron ist, wird, so bärbeißig er auch jetzt thut, die Sache nachher als Lappalie behandeln. Kürzlich soll der Pfarrer einmal in der Höhle gepredigt haben, kann seyn, daß man nächstens ein Melodram, ein Banditenstück, oder ein allegorisches, mit Erdgeistern drin spielt.

Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die große und von vielfachen Gängen durchschnitteneHöhle, welche man erst seit einigen Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das Gewölbe, versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten, erleuchteten seltsam die Gänge, die bald höher, bald niedriger, bald breiter oder enger sich durch die Räume zogen. Ferdinand war bezaubert, Walther erstaunt und Wachtel geblendet. Unglaublich viele Menschen waren in diesen unterirdischen Räumen versammelt und wogten hin und her, redend, flüsternd, lachend, allerhand Dinge erzählend, und andere wieder lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des Ganges staunende Ausrufungen ausstoßend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich hier ein Liebchen herbestellen könnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum Trotz, der hätte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen, allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Läuft nicht Alles wie Feen und Geister so zwitschernd und flüsternd durcheinander? Und bei der Geistercompagnie hört man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie unterirdische Chöre. Man sieht nicht deutlich, sondern ist nur geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der Widerschein von den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes Verständniß. Meine alte Muhme, sowie meine häusliche liebe Gattin könnten mir hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden. Stoßen Sie mich nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk; zwar in der Unterwelt vergessen sich alle Höflichkeiten.

Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte Walther, doch horch — still — was ist das? —

Wundersame Musik von Waldhörnern klang herüber. Ein Chor von blasenden Musikanten war oberhalb, ohne daß man sie sehen konnte, in einer Felsennische aufgestellt.Immer wunderbarer! rief Walther aus. Mich schwindelt! Und es war nicht unbegreiflich, da surrend, brummend, flüsternd und halb leise sprechend so viele Gestalten vorübergingen, sich begegnend, grüßend, andere geblendet und sich nicht kennend. —

Jetzt standen sie vor einem kleinen See. Ein Nachen fuhr von jenseit herüber, und Ferdinand stieg hinein. Ein anderer Fremder drängte sich hinzu, und Walther vernahm von einer weiblichen Stimme den leisen Ausruf: Romeo!

Walther machte die Bewegung, in den Kahn nachzusteigen, als dieser schon abfuhr und sich in der Dämmerung entfernte. Bei dem ungewissen Licht konnte er die Gestalten nicht mehr unterscheiden; ja, er war selber ungewiß, ob sich Ferdinand auch unter jenen Gestalten befunden, die im Dunkel schon ganz verschwunden waren. Er wendete sich rückwärts, um Wachtel wieder aufzusuchen, der sich ihm im Getümmel verloren hatte, aber er konnte, so sehr er sich bestrebte, Niemand genau erkennen, so blendeten die vielfach zerstreuten und sich kreuzenden Lichter. Sinnverwirrend war das Geflüster, und die hin und wieder fliehenden Worte und Reden der Wandernden, die sich begegneten, kreuzten, suchten und sich wieder verloren. Endlich sah er Wachteln und bat diesen, bei ihm zu bleiben. Wachtel stellte sich neben ihn, und da die Musik der Hörner jetzt wieder begann, so kehrten sie um, um die wunderbare Harmonie näher zu hören. Können Sie es begreifen, sagte Wachtel, daß unser Ferdinand die Höhle und dieses magische Schauspiel, welches doch recht eigentlich für ihn eingerichtet zu seyn scheint, schon wieder verlassen hat?

Wie? rief Walther, ich hätte schwören wollen, ich habe ihn da hinten den finstern Kahn besteigen sehn, um die stygische Flut zu überschiffen.

Nein, sagte Wachtel, er ist unlängst mir vorbeigelaufen, um, wie er sagte, zur alten Burg hinaufzusteigen, weil ihn dies Getümmel hier zu sehr betäube.

Man wird thöricht und verwirrt, erwiederte Walther, so wunderlich und romantisch das Ganze auch angeordnet ist.

Jetzt ließen sich einige polnische Reden in der Nähe vernehmen, und da Walther der Sprache kundig war, so verstand er, daß zwei Männer ein Frauenzimmer suchten, die mit einem Hauptmann in der Höhle spazieren wandle. Jetzt war Walther überzeugt, diese wären Mitwissende und könnten nur von der verlorenen Maschinka reden. Er hielt sich in der Nähe dieser Fremden und verlor darüber seinen Freund Wachtel wieder aus dem Gesichte.

Die Polen wurden immer eifriger im Suchen, endlich sagte der eine in seiner Sprache: ich fürchte nur, bei ihrer großen Reizbarkeit und Nervenschwäche wird sie nach diesem sonderbaren Tage wieder auf lange krank seyn.

Doch, antwortete der Andere, übersteht sie oft Alles besser, als man es fürchten muß, wenn sie ihre Imagination nur beschäftigen kann, und diese findet doch hier des Spieles genug. Nur ruhen muß sie nachher.

Ein lauter Ausruf entstand, indem man sich vorwärts bewegte, denn ein Kind war gefallen, welches einige Damen liebkosend und tröstend aufhoben. Indem glaubte Walther in der gedrängten Gruppe die Gestalt Ferdinands wieder wahrzunehmen. Als er sich aus dem Gedränge freigemacht hatte, waren, indem er umherblickte, die Polen seinem Auge wieder entschwunden. Er eilte verwirrt nach einer andern Richtung und jetzt glaubte er deutlich wahrzunehmen, daß Ferdinand in einiger Entfernung vor ihm hergehe und ein schön gewachsenes, reich gekleidetes Frauenzimmer am Arme führe. Er suchte in ihre Nähe zu kommen, und indem erschon seinen Arm ausstreckte, um seinen Freund zu berühren, rief die Stimme des Polen dicht hinter ihm: Maschinka! Jetzt sah er, daß Derjenige, welcher die Dame führte, nicht Ferdinand sei, aber seine Ahndung, hier Maschinka und ihren Entführer endlich zu treffen, war doch in Erfüllung gegangen. Er packte also den Fremden ziemlich unsanft am Arm und rief: Hier habe ich Sie also doch, nach vielen Mühungen, mit Ihrer Maschinka entdeckt! Indem war der Pole mit einem Ausruf der Verwunderung ebenfalls näher gekommen, und wie erstaunt und beschämt war Walther, als er in dem Festgehaltenen seinen Reisegefährten Wachtel erkannte und sich jetzt die Dame, eine hochbejahrte Frau, herumwendete. Wie? mein Herr! fragte der Pole: Sie wagen es, meine Schwester zu beleidigen?

Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und diesen meinen Freund für ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen Irrthum und die Uebereilung zu verzeihen.

Die alte Dame faßte jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich Dich verloren hatte und ziemlich ängstlich umherirrte, war dieser Herr so gütig, sich meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natürlicher, als daß man in diesem unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird.

Das Gedränge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier versammelt hatte, lösete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt verdrossen und verstimmt aus der Höhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im Freien seine Klagen vorzutragen.

Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben mitunter sonderbare Launen, die man nicht begreift.Was haben Sie mit dem Namen Maschinka, daß er Sie immer so außer sich versetzt? Sie haben mich so stark in meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen wollten, und in Ihrem Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes und Beleidigendes, daß ich vorher recht böse auf Sie hätte werden mögen.

Sie haben ja gehört, rief Walther unmuthig aus, daß ich mich geirrt, daß ich Sie für wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine Bekannte von mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine weitläufige Anverwandte, die ich gerne wiedersehen möchte, und die sich wahrscheinlich im Auslande befindet, ein wohlgebildetes Fräulein, die wohl vielleicht schon verheirathet ist, — mit einem Worte, eine Dame, die ich gerne wiedersehen möchte.

Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke für dieses herzliche Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther, dessen Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und ihm zu vergeben, daß er ihm nicht mehr sagen könne. Haben Sie die Gefälligkeit für mich, fügte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser lächerlichen Scene nichts zu erzählen. Genug, daß ich vor Ihnen und jenen Fremden beschämt und verlegen gestanden habe, und daß Sie mich so von Herzen auslachten, scheint mir Strafe genug. Versprechen Sie mir das, denn ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas zu empfindlich.

Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit nicht mehr so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft schienen. Wenn Sie auch in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so sollten Sie doch sein Gutes und seine Freundschaft für Sie anerkennen.

Daß wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwärmerei und sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber — um ganz aufrichtig zu seyn — seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg waren, in Glich, bin ich mißtrauisch gegen seinen Charakter geworden. Wenn ich seine frommen Reden bedenke, wenn ich höre, wie sentimental er von der Liebe spricht, wie verschämt er in Gesellschaft roher Menschen thut, für einen Mann fast tadelnswürdig jungfrauenhaft, und denke dann daran, wie er uns entlief und wieder zu dem schönen Mädchen nach dem einsamen Saale hinaufeilte, so halte ich ihn für einen Lüstling, der zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt. Mich wundert nur, daß jenes schöne Kind, die Tochter des Försters, ihn sogleich erhören konnte, wie es doch schien. Er erhält Briefe, die er verheimlicht, er weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwänden; hat er etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens eingestehn; sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte Liebeshändel, so ist sein Charakter nicht so beschaffen, daß ich ihn zum Freunde behalten möchte.

Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals in Glich auf unsern Freund gar nicht eifersüchtig gewesen? denn das schöne Mädchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er liebt, wie orthodox oder heterodox, sentimental oder liberal er die Sache betreibt, ob sein Herz nur Raum für einen Gegenstand hat, ob es vielen zugleich Quartier geben kann, ob die eine seine Göttin ist und andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner Melancholie, über alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen Richterspruch, wenn er mich nicht selbstin seine Geheimnisse einweiht. Aber er ist gut und edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnißkrämerei ist immer seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnißvoll gegen ihn. Mir scheint, keiner weiß vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und Laune haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhältnisse eines Jeden sind dem Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin vertraut mit seinem früheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm geworden ist, liegt für mich auch ganz im Dunkel.

Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich hoffe, im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, daß wir unsere Verhältnisse näher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum ich jetzt Ihnen so wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und Absichten etwas vertrauen kann.

Beim Badehause fanden Sie Ferdinand lesend unter den Bäumen, unter welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der Höhle, sagte er, nicht aushalten, so beängstigte mich der Schimmer und der Dunst der Lampen. Jetzt kamen die Gebrüder Hardenberg und nach und nach versammelte sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen speisete auch an der Table d’hote, und der Anblick der Landleute, die sich versammelt hatten, und neugierig oben vom Hügel zwischen den grünen Bäumen auf ihren Fürsten und die Fremden herniederschauten, alle diese fröhlichen Gesichter von Alt und Jung machten einen sehr erfreulichen Anblick.

Nach Tische ließ sich der Fürst durch Hardenberg, den er schon längst persönlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und freundlich mit ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine echte Bildung zeigte. Erwar schlank, hatte blondes, fast graues Haar, ein gealtertes Gesicht, in welchem der Ausdruck des Ernstes und der Melancholie vorherrschte, das sich aber schnell in Freundlichkeit und schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte.

Es war eine mittelmäßige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem kleinen Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern Local ein Puppenspiel mit großen Marionetten aufgeführt; die übrigen Freunde interessirten sich für diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der dergleichen Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den Genuß dieses Abends.

Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte für den ersten Platz und drängte sich in den übervollen Saal. Bauern, Bauermädchen, Bürger, Soldaten, Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, daß sich weder Hand noch Fuß regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten Platz gewinnen und bat, ihm Raum dahin zu gönnen, weil er meinte, er befände sich noch auf der letzten und wohlfeilsten Stelle. Was ihm am empfindlichsten auffiel, war, daß Tabaksdampf, der ihm verhaßt war, den ganzen Saal anfüllte, denn Alles, bis auf die Bauernknechte, rauchte aus größeren oder kleineren Pfeifenköpfen. Er hoffte, da hier Alles noch stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden Wolken zu entfernen; vor ihm war ein Mann im grünen Ueberrock, welchen er anstieß und höflich sagte: Machen Sie mir gefälligst etwas Raum, denn ich habe für den Ersten Platz bezahlt. — Ja, erwiederte der Mann, der aus einem ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir Alle, hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas näher gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Fürsten.Gewiß war er also auf dem ersten und vornehmsten Platze und genoß der Ehre, den Fürsten zu drängen und von ihm geklemmt zu werden. Von der früheren Vorstellung und dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gespräch war in dieser Atmosphäre nicht mehr die Rede, ja es wäre lächerlich gewesen, sich darauf zu beziehen, denn der Herr erschien hier ganz verwandelt. Ihn störten nicht die plumpsten und ungezogensten Späße seiner Umgebung, manche Militairs trieben die Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen Bauerdirnen über jede Grenze, und diese Armen hatten Mühe, aus dem Gedränge zu entkommen und das freie Feld wieder zu gewinnen. Als schon manche von den Honoratioren sich entfernt, der Fürst selbst nach einiger Zeit die Bude verließ, so zögerte auch Ferdinand nicht länger, im Wald und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen.

Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von Hildburghausen war unter den Tanzenden und gütig und herablassend mit Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther seinen Freund Freysing in seinem glänzenden Beruf. Die Bank, die dieser aufgelegt hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne mitzuspielen. Er fand wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in den Spielsälen stand, diese verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth und Verzweiflung ausdrückten, einige, die kalt und gleichgültig scheinen wollten, waren todtenblaß, sie zwängten den Zorn und die Angst in sich zurück. Freysing betrug sich wie ein König, nur etwas zu stolz, weil bei seinen aufgethürmten Goldhaufen ihm der Satz der Pointirenden wohl zu unbedeutend scheinen mochte.

Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele Goldstücke verloren hatte und dem der kalte Todesschweiß über das bleiche Antlitz in großen Tropfen rann. Er verließ oft ingrimmig und wie verzweifelnd den Saal, ging draußen mit sich ringend auf und ab und kam dann nach einiger Zeit zurück, nachdem er von Neuem Geld von seinem Zimmer geholt hatte, welches er dann eben so schnell, wie die vorigen Friedrichsd’or verlor. Er spielte so leidenschaftlich und wild, daß er durchaus nicht die gehörige Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte. Freysing beobachtete ihn sehr aufmerksam von seinem Sitze und schien nur ungern die Goldstücke des Armen einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte sich Walther bei einem freundlichen Manne, wer dieser tollkühne Spieler sei, und erfuhr, er sei ein Geschäftsmann aus Meiningen, der mit Frau und einigen Kindern von einem mäßigen Gehalt leben müsse. Er habe sich wohl verleiten lassen, seine Umstände verbessern zu wollen, der Verlust setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit Gewalt wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzählende, in welche die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital der Bank. Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden machen müssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er endet vielleicht in Verzweiflung.

Als Walther in den Spielsaal zurückging, kam ihm dieser Herr Anders mit verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem Hause und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig oder auch wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen.

Er kam nicht wieder, und Walther war überzeugt, er habe Alles verloren. So verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplünderte entfernten sich, doch vermehrtesich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener Anders wieder taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches Angesicht schaute den Spielenden mit gläsernen Augen über die Schultern. Er biß sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen gewinnen sah. Plötzlich machte er sich Platz und schob den einen Zuschauer mit Ungestüm zurück, indem er sich neben den erschreckten Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte und, ohne sie fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstücken. Die bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie ein Blitz über sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die Goldstücke dem Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick zuwerfend, schleuderte sie wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt sagte: Führen Sie so die Nymphen auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es war eine Todtenstille im Saale, Walther fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Hausvater, der Geschäftsmann, die unauslöschliche Beschimpfung des Aermsten, seine wahrscheinliche Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in welchem er vernichtet war, aber schnell ermannte er sich und rief mit festem Tone dem Bankier zu: Herr Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn neben mir, sehr Unrecht; ich habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der Goldstücke eingehändigt, weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moitié, und so zahle ich den Verlust. Sie werden nicht glauben, daß ein solcher Irrthum ein vorsätzlicher war, da Sie mich persönlich kennen.

Freysing erhob sich von seinem Sitze, bückte sich sehr tief und sagte, da er die Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr Baron, ich bitte Sie und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich spielen, hiemit umVergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren mögen von der Güte seyn, meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu vergessen.

Walther hatte mit einem stummen Druck den beängstigten Anders neben sich auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem eine ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs mit jeder Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstücke gewonnen waren, stand er auf und sagte höflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Güte, mir zu folgen, daß wir uns berechnen können.

Er führte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und händigte ihm hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethörter, empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe beobachten können, um ein Beträchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten Sie sich ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglücklich man werden kann.

Mein Wohlthäter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben, ist mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, für die jeder Dank zu klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein Leben, denn ich mußte mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich auch beschlossen hatte, wenn ich verlor.

Mit Thränen entfernte sich der Beglückte und Walther begleitete ihn vor das Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehört hatte, sagte für sich: Das ist bei alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther!

Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu Freysing: Ich hätte Sie für großmüthiger gehalten, warum einen solchen Elenden vernichten?

Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aergerübereilte mich. Sie haben mir aber eine hübsche Lection gegeben, an welche ich bei einem ähnlichen Falle denken werde.

———

In Gesellschaft Hardenberg’s und dessen Bruders, sowie der Verwandten, die sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nähe wohnten, ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzählte viel charakteristische Züge von den sonderbaren Launen des trefflichen Fürsten; dabei aber verkannte man nicht, was er für die gute Einrichtung dieses Bades, vorzüglich aber für die Wohlfahrt seines Ländchens gethan hatte.

An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde, wie ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten. Ich mochte das Puppentheater so wenig wie den glänzenden Ball besuchen, aber ich hatte erfahren, daß der berühmte Oberforstmeister Cramer von Meiningen hieher in das Bad, aber nur für diesen Sonntag gekommen sei. Wie Ferrara seinen Ariost und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig seinen Gottsched, Anspach seinen Utz und Weimar seinen Göthe hat, so besitzt seit lange schon Meiningen seinen Cramer. Ich sah den Mann, er ist groß, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins von denen, die das Glück und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu besitzen. Diese sogenannte Gutmüthigkeit oder Bonhommie, wie man dergleichen nennt, welche nur die trivialste Alltäglichkeit ist, lockt jeden noch so simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart eines solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu überlassen und den berüchtigtenVetter Michel für den Vorsteher der Grazien zu halten. Glücklicher Weise habe ich in früheren Jahren, weil ich ein unnützer Bengel war, die meisten Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis zum Paul Ysop, gelesen. Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und benutzte dies, um mich dem genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir setzten uns dann dorthin, vor dem Badehause, dem Geländer nahe, den Blick auf die Landstraße gerichtet. Der große Mann hatte kein Arg daraus, ob ich ihn auch für den Autor erkannte, für den ihn die Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein schmaler, schwindsüchtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich noch unseres verewigten Freundes auf der Universität, des seligen Lange, mit dem wir so manchen seligen Abend durchschwärmt haben?

Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der große Mund lächelnd durch die Nähte der Pockennarben brach: das war ein großer Mensch! Himmel, wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den Frühlingsmonaten gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der kräftigen Menschheit des Kerls zu harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wußte er ganz auswendig; wenn er sie deklamirte, zitterte er vor Entzücken, wie ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir nannten ihn nur Selmar, — und das arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren müssen!

Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weingläser niedersetzten.

Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und Laukhard, oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er indemselben Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe Wesen über diese zu weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten Schwärmers gelitten hat! Die Creatur war doch wirklich so, als wenn ein himmlischer Engel in dieses Erdenleben herabgestiegen wäre, um uns eine Darstellung der hohen Flüge eines Plato im sterblichen Abbild zu geben. Mehr als Sophronia und Clorinde des Tasso, höher als Werthers Lotte, oder die Sophie des Fielding war sie so einzig, daß die Brutalität selbst in ihrer Nähe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth noch einmal! Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie Ihr wißt, Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt hatte, so gab sie endlich den Bitten des dünnbeinigen Assessors Gehör und verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon von ihrer ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen ließ. Der Junge bekam nachher das böse Wesen und verreckte im Hospital. Die himmlische Laura ergab sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems, in den letzten Jahren nicht mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die edelsten Blüten des Lebens.

Und Alfonso, fragte der Schmächtige, jener aufgeklärte Theologe, er hieß eigentlich Wackelbein, — was ist aus dem geworden?

Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von Klinger zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent ihn zum Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine höchste genialische Zeit. Was er damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber immer besoffen. Das Schwärmen hätte ihn aber doch nicht so sehr daran gehindert, daß der große Geistwäre in eine gute Stelle gesetzt worden; — aber, wie nun sein schönstes Buch sollte gedruckt werden (eine Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich den Bambino Klingers hineingebracht hatte), kam es heraus, daß die Köchin im Hause von ihm schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz weggeraubt sei. Von beiden war er der Thäter, und er konnte es nicht leugnen; schon täglich besoffen, wurde er vom Kummer verrückt und fuhr so dahin. — So habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes werden konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel ich auch erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen ist kein leichter. Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen.

Ferdinand erzählte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht die deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, daß es noch immer viele Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton für das Herzliche und Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanität als Heuchelei und Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Büchern, in welchen der hiesige Ariost die Sitten edler und treuherziger Männer geschildert hat, bildeten sich früherhin manche Studenten auf der Universität, und aus diesen Reminiscenzen schrieben Manche wieder in späteren Jahren Bücher in demselben Ton. Diese rohe Manier verliert sich jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten.

Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, daß der Gebildete in irgend einem andern Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und Ungeschlachtheit zu leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so schlecht, daß, wer nach diesem meine Vorliebe für diese groteske Unterhaltung beurtheilenwollte, mir sehr Unrecht thäte. Es werden jetzt ungefähr zehn Jahre seyn, als ich auf einer Reise durch den Harz in Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst entdeckte. Ich kann es wohl eine Entdeckung nennen, denn es wich völlig von jenem Zeitvertreib der gebräuchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene gewöhnlichen dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete wendete sich mit Verhöhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte, waren ziemlich groß und wurden sehr geschickt durch eine künstliche Wage und Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fäden an den Fingern der Dirigirenden hingen. Am künstlichsten aber war die Figur des Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde. Nach einiger Zeit glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man zweifelte nicht mehr an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen, wie ich es nur selten im Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie die Maske, wenn ein gutes Gedicht nur übrigens gut gespielt würde, gewiß nicht die Täuschung stören oder aufheben könne. Am meisten aber überraschten und interessirten mich die wunderbaren Stücke, die gespielt wurden. Sie waren sooriginell, so großartig erfunden und so kühn durchgeführt, daß ich sie mit keinen andern bekannten vergleichen konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem ab, der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen Jahren sah ich mit Erstaunen, daß er nach dem eigentlichen Original des Spaniers Tirso de Molina umgewandelt war. Von einem andern Stücke entdeckte ich später, daß es ganz, aber so, wie dieses Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem höchst wunderbaren und religiösen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet sei. Eine „heilige Dorothea“ folgte ziemlich genau der Tragödie,welche die Engländer Massinger und Decker über diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich wollte die Directoren der hölzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre Künste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst sieben oder acht Jahre nachher den Versuch machten und großen Beifall fanden, vorzüglich bei den Freunden der ältern Poesie. Die Herren Dreher und Schütz (diese waren die Dirigenten) erzählten mir, daß alle ihre Manuscripte alt seien, daß sie noch viele besäßen, die sie aber niemals darstellten, unter andern einen König Lear, der aber mit dem weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich wollte sie überreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen wollten, diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten, daß sie sich ihre Aufführungen dadurch verderben möchten. Ich wußte, daß zu Shakspeare’s Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war erfunden worden, ziemlich große Marionetten künstlich in Bewegung zu setzen. Die Spiele dieser Puppen machten Aufsehen und fanden großen Beifall. Ben Jonson spottet selbst einmal darüber, daß dieses hölzerne Theaterspiel Mode sei und von Manchem dem der Komödien vorgezogen werde. Man gab die Schauspiele, die die populärsten waren, und gute Köpfe, die gerade nichts Besseres zu thun hatten, arbeiteten für diese Bühne und nahmen die besten Komödien berühmter Dichter, um sie für die Marionetten abzukürzen und mit mehr Spaß und Tollheit auszustatten. Die Marionetten zogen hierauf nach den Niederlanden, und in Brüssel und Antwerpen, wo damals viele spanische Komödien gespielt wurden, nahmen sie von diesen die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf. Manchen, die ich damals und später in Berlin sah, habe ichnoch nicht auf die Spur kommen können; sehr merkwürdig war die Geschichte eines Königssohnes, der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der verlorne Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener landkundige Faust, der unserm großen Dichter in seiner Jugend wohl zuerst den Anstoß zum wunderbarsten seiner Werke gab, ist im Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken und toll Poetischen nur mit einer gewissen Leidenschaft sich hingeben, eine ruhige kritische Billigung ist unpassend und dem Gegenstande nicht angemessen; und so gestehe ich gern, daß ich damals diese mir noch neuen Spiele vielleicht überschätzte, aber auch jene Menschen, die sich ganz davon abwendeten, nicht tadeln konnte. — Hier aber war von jenem Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur mehr. Die Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war ganz modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt, so daß mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Große, wunderbare Verhältnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische paßt nur für diese Volksbühne.

Die Freunde genossen noch die schöne Gegend um Liebenstein, alle diese reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch den Thüringer Wald, und reizend liegt das Jagdschloß Wilhelmsthal mitten in einem schönen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von herrlichem Wuchs.

In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes von Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch seine eigenthümlicheFreude an der Herrlichkeit der Wälder; vor diesen Ausblicken, die uns entzücken, graut dem Italiäner und die übrigen Nationen empfinden doch schwerlich jenes heilige Grauen oder jene feierlich andächtige Stimmung, die uns in Waldgebirgen oder im einsamen dunkeln Forst ergreift.

Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurück, und von Altenburg schrieb Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin:

Altenburg, den 1. August 1803.

Kann man sich so ungewiß im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen und Mädchen, Naturscenen gehn an mir vorüber, und nichts ergreift und durchdringt mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe, eine unselige Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste Hoffnung, möchte ich doch fast sagen die sichere Aussicht, daß sich in wenigen Tagen dieser Zustand ändern wird. Sie kennen mein Schicksal nicht, und können es also auch nicht fassen, in welchem seltsamen Räthsel ich mich umtreibe.

Ich müßte mich sehr irren, oder mein Reisegefährte Walther wird von einer ähnlichen Leidenschaft gequält, die er mir verheimlicht, geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur führen oder eine vertrauliche Herzensergießung veranlassen könnte. Dieser Mann, der anfangs so kalt und ruhig schien, verliert immer mehr jene sichere Haltung, die den Gleichgültigen nur sich anzueignen möglich ist.

Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte, gleichgültige Seite aufdeckt, die die Herzlosen für das wahre Antlitz, und Jugend, Empfindung und Liebe nur für eine schöne Larve erklären. Als wir in Würzburg waren,erinnerte ich mich einer Begebenheit, die mich schon vor Jahren manche Thräne gekostet hat. Ein junger Edelmann lebte hier, reich, gesund und schön, und mit dem schönsten Mädchen in der Stadt versprochen. Die Vermählung war nahe, das Glück der Liebenden beneidenswerth, als der Geliebte mit einem andern Offizier um eine unbedeutende Kleinigkeit in Streit geräth und von dem rohen jungen Mann so beschimpft und beleidigt wird, daß sich die Ehre des Gekränkten, nach unsern Begriffen, nur durch ein Duell wiederherstellen läßt.

Sie treffen sich im Walde und der Liebende hat das Unglück, seinen Gegner zu erstechen. Die Flucht ist unvermeidlich, und die Anverwandten des Erschlagenen, angesehene Familien, treiben es dahin, daß er mit gerichtlicher Strenge verfolgt wird und in sein Vaterland nicht zurückkommen darf. Er wagt es selbst nicht, unter seinem wahren Namen im Auslande zu leben, er kann nur selten und auf Umwegen schreiben und noch seltener kann er von seiner Familie oder seiner Braut etwas erfahren. So vergehn einige Jahre. Seine schlimmsten Feinde sterben indeß, die andern lassen sich versöhnen, und mit vieler Mühe wird ihm die Gnade des Fürstbischofs ausgewirkt, nachdem dieser überzeugt ist, daß er zu jenem unseligen Duell ist gezwungen worden. Er wirft sich, von frischer Jugend beseelt, in den Wagen, einige Meilen vor Würzburg besteigt er ein rasches Pferd, um noch früher in den Armen seiner Braut zu liegen. Schon sieht er die altbekannte Stadt und begrüßt jubelnd ihre Tempel und Paläste; sein Weg führt vor dem Kirchhofe vorbei, ein großer Zug, Alt und Jung, bewegt sich aus der Stadt dahin. Er fragt einen Vorübergehenden, wer die Leiche sei, und erfährt, seine Braut wird beerdigt. Der lange Gram, dann die Freude habe sie so geschwächt, daß ihr ermüdeterKörper dem Anfall eines Fiebers keine Lebenskraft mehr entgegenstellen konnte. Betäubt, entsetzt, lebensüberdrüssig kehrt er um, ohne seine Familie wiederzusehn. Er verläßt die Landstraße, irrt in Wäldern umher und begiebt sich endlich nach Erfurt, um hier im Orden der schweigsamen Karthäuser das Ordenskleid zu nehmen. Nun arbeitet er im Garten und an seinem Grabe, spricht mit Niemand und antwortet seinen Brüdern wie den Fremden nur mit dem trübseligen:Memento mori!— Wie oft war ich in Erfurt in diesem einsam liegenden Kloster, sah die wandernden Brüder an, oder in der Kirche bei ihrem stillen Gottesdienste, und gedachte dieser Geschichte. Jetzt komme ich mit meinen Reisegefährten wieder nach Erfurt. Die Klöster sind alle aufgehoben und Mönche und Nonnen von ihren Gelübden befreit. Ich finde den jungen Prinzen W. wieder, der hier als preußischer Major in Garnison steht, und er bittet uns bei sich zu Tische. Er spricht mir von diesem Mönch, den er kennt, und sagt uns, er würde unser Tischgenosse seyn. Als wir uns versammelt haben, tritt ein ältlicher Mann in bürgerlicher Kleidung herein, der stattlich aussieht, dessen Embonpoint aber schon an das Komische grenzt. Sein Gesicht ist nicht unedel, aber ganz gewöhnlich, selbst unbedeutend, und der Ausdruck seiner Physiognomie ist mehr jovial, als ernst, oder tiefsinnig. Ich konnte mich bei diesem Anblick einer gewissen Verstimmung nicht erwehren. Er erzählte viel und mit großer Redseligkeit; es schien, als wollte er für sein vieljähriges Schweigen sich nun endlich wieder an mannichfaltigen und selbst überflüssigen Worten eine Güte thun. Von seiner melancholischen Jugendgeschichte redete er nicht, das wäre auch zu unangenehm gewesen; aber wohl setzte er auseinander, wie die Diät des Klosters, selbst die strenge, bei dem Mangel an Bewegung, den Körper anschwelle. DasReiten, besonders das schnelle, wollte ihm noch nicht recht zusagen, aber dennoch sprach er mit wahrem Entzücken von den Exercitien der preußischen Cavallerie, die er zu Pferde angesehn und gewissermaßen mitgemacht habe; der Soldat, so fügte er hinzu, sei wieder mit allen Kräften in ihm aufgewacht, und wenn er nicht zu alt geworden sei, würde er sich mit Enthusiasmus diesem Stande widmen. Jetzt sei er entschlossen, die wenigen Jahre seines Lebens hier in Erfurt, mit seinen militärischen Freunden, deren er manche habe, zu verbringen und von seiner kleinen Pension zu leben. Seine Familie sei ausgestorben, Verwandte habe oder kenne er nicht, und die etwanigen Erben seines kleinen väterlichen Vermögens wolle er nicht in Verlegenheit setzen, daß sie den Argwohn faßten, er könne auf irgend etwas Ansprüche machen. —

Es ist verdrüßlich, wenn die mächtigsten Leidenschaften und wahrhaft tragische Begebenheiten nicht mehr Spur im Menschen zurücklassen. Und doch erscheine ich mir wieder in diesen Gefühlen unbillig und lieblos, weil ich nicht wissen kann, was der Arme gelitten hat, und mit welcher Scheu und Vorsicht er wohl immerdar vor dem Grabe seiner Jugend vorübergeht. Sollte er seinen Schmerz und seine Erfahrung einer gewöhnlichen frohen Tischgesellschaft mittheilen und das Edelste seines Lebens entweihen?

In Weimar war mir der Park, Göthe’s Haus, alle Umgebung, wie heilig. Im Garten, der allenthalben so lieblich und edel die dort dürftige Natur verschönert und verdeckt, muß man bei jedem Schritte unsers Dichters gedenken. Er war nicht zugegen, aber den Herzog trafen wir, als wir das Schloß besichtigten. Der edle, geistreiche Fürst sprach lange mit uns über verschiedenartige Gegenstände. Das Schloß ist von dem Baumeister Genz, dem Bruder despolitischen Schriftstellers, vortrefflich eingerichtet; Alles hier ist mit Sinn angeordnet, und der große Saal, für Feierlichkeiten bestimmt, erfreut besonders. Es war nicht leicht, aus Dem, was der große Brand von dem Gebäude hatte stehn lassen, diese zierliche und großartige Einrichtung herauszubringen. Von Friedrich Tieck sieht man schöne Basreliefs und Figuren, zwar nur in Gips, aber so gut ersonnen und ausgeführt, daß sie dem edeln Hause zum Schmuck gereichen.

Von Weimar begleitete uns ein junger Dichter, Thorbeck, dessen sich Göthe und Schiller freundlichst angenommen hatten. Er rezitirte uns im Wagen einige seiner Gedichte, in welchen ich nur zu sehr die Manier unsers Schiller wiederfand. Die Verse schienen mir für einen Anfänger fast zu gut.

In Jena führte uns Wachtel zur Fromann’schen Familie, die ich früher schon gekannt hatte. Den geistreichen Naturforscher Ritter fand ich hier, so wie Clemens Brentano. Von Beiden, die ohne Zweifel große Talente entwickeln können, muß man wünschen, daß sie sich nicht von einer falschen Genialität blenden lassen. Eine bewußtvolle Originalität ist keine; auch kann man dem jungen Dichter wohl allenthalben in seinen Versuchen, wo er recht neu undseltsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur nachgeahmt hat. —

Wann werde ich Sie wiedersehn? Unter welchen Umständen? Wo?

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Von Altenburg begaben sich die Freunde nach Chemnitz. Walther schien völlig verstimmt, und als sie im Gasthofe abgestiegen waren, verschloß er sich in seinem Zimmer undließ sich mit einer Unpäßlichkeit entschuldigen, die ihn verhindere, zum Abendessen zu kommen. Wachtel, der wohlgemuth war, ließ ihn gewähren und sagte nur zu Ferdinand: unser Moralist fängt an, etwas langweilig zu werden, und weil es ihm nicht so recht gelingen will, so wirft er sich in das verdrüßliche Fach; denn glaube mir, Freund, wer was Rechtes in der Langeweile leisten will, der muß schon früh, in der Jugend dazu thun, die Erziehung kann eigentlich nur den besten Grund dazu legen, und wenn das Genie freilich angeboren ist, so thun doch Ausbildung, Kunst, Uebung und tüchtige Vorbilder auch das Ihrige. Auf dem halben Wege stehen bleiben, wie es unserm lieben Walther begegnen kann, ist das Kläglichste. Ich habe Männer in dem Fache gekannt, die eigentlich von der Natur die herrlichste Anlage hatten, unausstehlich langweilig zu seyn; aber sie hatten das Unglück gehabt, eine Zeitlang unter die Geistreichen zu gerathen, und der Zunftgeist dieser Menschen hatte sich ihnen einigermaßen mitgetheilt, um sie zu ruiniren. Sie hatten die Gabe, Anekdoten ohne Salz und ohne Spitze breit, mit Parenthesen, sich wiederholend und sich widersprechend mit der größten Verwirrung vorzutragen, und zwar solche Geschichten, die jedes Kind schon weiß; aber demungeachtet waren ihnen, wie Fliegen in alten Spinnweben, einige gute Einfälle und Gedanken hängen geblieben, die demnach, wenn auch schlecht vorgetragen, das Kunstwerk ihres miserablen Vortrages hinderten, ein Vollendetes zu werden. Der rechte Virtuose müßte es dahin bringen können, einen heftigen, ungeduldigen und dabei verständigen Menschen geradezu umzubringen. Kann das durch Schreck geschehn, sind Menschen am Lachen oder an der Freude verschieden, so wäre es wohl der Mühe werth, einmal einen Künstler heranzubilden, den ein eifersüchtiger Fürst oder Minister nur auf diesen undjenen Verdächtigen oder Verhaßten loszulassen brauchte, um dem guten Kopf, welcher sich dem Wohl des Vaterlandes nicht fügen will, den Garaus zu machen. Was unsre löblichen Kanzelredner leisten, was Theater- oder religiöse und moralische Dichter thun, die Familiengemälde, viele Romanciers, das ist alles nur Bagatell. Bis zum Uebelwerden, selbst Erbrechen können es Gutmeinende bringen; was ist das aber gegen die Wirkung der Leidenschaften, der Elemente oder des Krieges? Wie oft hat man Gefangene, denen man übel wollte, molestirt und torquirt, Grausamkeiten mit spitzfindigem Grübeln ersonnen, — bildeten Staaten und Schulen aber mehr jene wahrhaften Langweiligen aus, von denen das Ideal meiner regen Phantasie vorschwebt, so könnte das Unerhörte geleistet werden.


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