Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf. Ihm dünkte, er vernähme lauteStimmen und Streit. Er richtete sich empor, und es blieb ihm über das Gezänk und den Wortwechsel kein Zweifel übrig. Auch die Töne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob er nicht träume. Er näherte sich der Thüre und entdeckte eine Spalte, durch welche er in den vordern Raum schauen konnte. Wie erstaunte er, als er Pietro Abano gewahr wurde, den er für gestorben halten mußte, der mit zornigen Augen und rothem Antlitz laut sprach und sich in heftigen Geberden bewegte. Ihm gegenüber stand die Fratze des kleinen Beresynth. Also Euren Verfolger, rief dieser mit krächzender Stimme, der Euch unglücklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt Ihr hier in Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die Grube gefallen? Und Ihr zögert noch, ihn abzuschlachten? — Schweig, rief die große Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern berathen, sie wollen nicht einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in keiner Sünde befangen. — So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure Geister, mit Euren eigenen huldreichen Händen todt, so wird ihm seine Tugend und Sündenlosigkeit nicht viel helfen, und ich müßte ein elender Diener seyn, wenn ich Euch in so löblicher That nicht beistehen sollte. — So laß uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich führe das Beil, jetzt schläft er fest. — Sie näherten sich der Thür, doch Antonio riß diese auf, um den Bösewichtern muthig entgegen zu treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine Bildsäule, mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche Einsiedler auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete murmelten. Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirth, der sich mühsam vom Boden erhob. Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert? fragte der gebückte,schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio zog sich zurück mit der Entschuldigung, daß ihn ein böser Traum erschreckt und geängstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so verstört waren seine Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths krähende Stimme, und Pietro sagte mit vollem klaren Tone: laß ab, denn Du siehst, er ist bewaffnet und gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht von neuem überlassen. — Wir müssen ihn überwältigen! schrie der Kleine, da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja auf alle Weise verloren! Der Knecht giebt uns morgen der Inquisition an, und das Volk ist auch dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand.
Durch die zerrissene Thür erkannte er die beiden Zauberer. Er stürzte wieder mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte, im Gebete flehend, am Boden liegen. Erbittert über die Truggestalten ergriff er sie in seine Arme, und rang kräftig mit ihnen, sie wehrten sich verzweifelnd, bald war es Pietro, bald der Eremit, bald das Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis. Unter Geschrei, Toben, Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus der Zelle zu werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hörte er draußen Gewinsel, Bitten und Aechzen, dazwischen ein Flüstern von vielen Stimmen, Gesang und Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein fernes Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getöse. Betäubt schlief endlich Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Crucifixe ruhend ein, und als ihn der kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der höchsten Spitze einer schmalen Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und glaubte, hinter sich ein Hohngelächter zu vernehmen. Nur mit Lebensgefahr gelang es ihm, von der schroffen Höhe hinab zu klimmen, indem er die Kleider zerriß undAntlitz und Hand und Fuß verwundete. Mühselig mußte er durch die Wälder irren, kein Mensch war zu errufen, keine Hütte, so oft er auch die Anhöhe bestieg, weit umher zu entdecken. Erst in der Nacht traf er, von Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung aufgelöst, auf einen alten Köhler, der ihn in seiner kleinen Hütte erquickte. Er erfuhr, daß er von jener Einsiedelei, die er gestern getroffen hatte, wohl zwölf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spät am folgenden Tage konnte er, etwas gestärkt und ermuntert, seine Reise nach Florenz wieder fortsetzen.
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Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden, welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in dem großen väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den wohlbekannten Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht lebhaft zu vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in sein Verhängniß verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Hätte er nur irgend eine Hoffnung fassen können, so wäre es ihm möglich gewesen, sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Endlich ging ihm der Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der Gläubigen Theil zu nehmen, die berühmten Kirchen und Heiligthümer zu besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge der unzähligen Fremden, die aus allen Theilender Erde dorthin zogen, zuzerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermuthete auch, den alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem Bekümmerten wohl auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit in Rom an.
Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre Macht, ihre Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, daß er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro’s, von der Wiederbelebung Crescentia’s und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger, entstellt, mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegentheil ausgebildet. Die Eltern hörten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio’s Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter, ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwünschte, von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, daß er den Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft, herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen Frevel erwecken zu können.
Ueberlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel;was geschah und stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere, die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu entziehen. Durch meine Beschützer hier werde ich es möglich machen, meine Besitzungen Klöstern oder frommen Stiftungen zu übertragen, und mein Lebensüberdruß bewegt mich vielleicht, selbst als Mönch oder Klausner mein Leben zu enden.
Wie aber, wandte die Mutter mit Thränen ein, wenn es doch noch möglich wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht genannt hat, die Aehnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam überein, daß wir die Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu früh, nicht übereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen.
Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als der Tod, und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom Himmel erflehen.
Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige nicht mit Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet haben?
Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren kranken Einbildungenangesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des Lebens geraubt habt.
Wie meint Ihr das? fragte Antonio.
Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und Wald, wo Ihr mir jenes Mährchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen Nacht begegnet seyn sollte —
Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkührlich auf sein Schwert.
Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer Lüge bezüchtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmuth, wie Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne meine Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut heimzuführen gedachtet, Eure Sinne in Unordnung gerathen sind, Eure Vernunft geschwächt ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen, daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren unglücklichen Vater, an Eure früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Hütte? Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getödteten Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter, an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht erkannt habt, daß jenes fast lächerliche Gaukelspiel mit Euch vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzählt habt? Nein, junger Freund, Gram und Schmerzhaben Euren gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind.
Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften erschüttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu deutlich bewußt, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er fühlte einen neuen Trieb zur Thätigkeit, er wünschte wenigstens darthun zu können, daß die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, daß jene zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu können. In dieser Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die Stadt, allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von den Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden, als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas öffnete, jene häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen Mädchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre Nähe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein entgegenströmender Zug von Pilgern ihn wieder völlig von jener Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmöglich machte. Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des Tempels des heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu können, fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich zu finden hoffte?
Wie meinst Du das? fragte Antonio.
Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener, hier vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort.
Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß, seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie, der Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals gehaßt, weil er der Ueberzeugung gewesen, sie könnten nur durch verdammliche Mittel und Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar höheren und verklärteren Lichte.
Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst? Dir leuchtet nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es geringfügige Künste sind, die nur Scherz und Gelächter veranlassen können; alles Höhere aber, welches nicht auf leere Täuschung hinausgeht, allerdings nur durch böse und verdammliche Kräfte aufzuregen ist?
Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schönste Vertrauen entgegen.
Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein.
Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie einüberirdisches Wesen auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewußtsein, als ein Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erkünsteltem Glanz die gewöhnlichen Söhne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes, er ließ sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen ihm und uns noch fühlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen mußten? Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich stellt) will nicht groß und erhaben erscheinen, er belächelt dies Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewähr, daß etwas Unächtes, Gebrechliches verhüllt werden solle, denn ein klares Bewußtsein wolle nur gelten als das, was es sich fühlt, und der größte der Sterblichen müsse sich ja doch gestehn, daß er eben so, wie der blödsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei.
Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und weiß mir zu sagen, wie glücklich oder unglücklich noch meine Verhängnisse seyn werden? Ob gewisse, geheimnißvolle Wünsche sich erfüllen können? Kann er denn errathen und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte undeutlich ist?
Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, daß er durch Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles erfährt, wozu jene Unglückseligen Beschwörungen, Formeln, Heulen, Geschrei und Todesangst anwenden müssen. Darum findest Du auch jenen widerwärtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und keine fratzenhaften Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich sagte ihm von Dir, und er fand in seinerRechnung, daß ich Dich heut, in dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewiß antreffen würde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn.
Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten und gingen gegen Abend zur Stadt zurück. Die Straßen waren etwas mehr beruhigt, sie konnten ungestörter ihren Weg fortsetzen. In der Dämmerung kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus zogen. Sie schritten durch ein Gärtchen: ein freundliches Licht schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie zogen die Glocke, die Thür öffnete sich, und mit den sonderbarsten und gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal.
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Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht großen jungen Mann vor sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel über dreißig Jahre alt seyn konnte. Mit einfacher Geberde begrüßte er den eintretenden Jüngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen, sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so viel Gutes von Euch gesagt, daß ich mich schon längst auf Euren Umgang gefreut habe. Nur müßt Ihr freilich nicht wähnen, daß Ihr zu einem Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor welchem die Hölle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden könnt, so wie jeder, den die ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetümmel nicht abschrecken.
Antonio fühlte sich wohl und behaglich, so sehr er auchüberrascht war, er musterte die Stube, die, außer einigen Büchern und einer Laute, nichts Ungewöhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Gepränge, den Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte: freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit, die mir mein Freund gerühmt und in welcher Ihr untrüglich seyn sollt.
Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht untrüglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um, dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein Bett; hier ist weder Raum noch Möglichkeit, trügerische Anstalten zu verbergen, oder künstliche Maschinen in Thätigkeit zu setzen. Alle jene Kreise, Gläser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwörer zu ihren Künsten nöthig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden werden auch nur vom Geist der Lüge hintergangen, weil sie die Kräfte ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen seiner Seele, von Demuth und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er vergebens durch künstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hölle erzwingen will. „Werdet wie die Kinder!“ In diesem Aufruf liegt das ganze Geheimniß verborgen. Ist unser Gemüth ungefälscht, können wir, wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen, welches unsre ersten Eltern mit frevlem Muthwillen an sich zogen, so wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Kräften tritt wie damals, im bräutlichen Jugendalter der Welt, dem verklärten Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, daß körperliche Schranken, verwirrender Raumund Zeit, ihn nicht hemmen sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflügelt, über alle Sternenräume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene Erdengewalt, die sich in der Sünde erst auf ihn geworfen, und ihn zu ihrem Knechte gemacht hat. Diese können und sollen wir aber wieder bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch Erkennen unsrer großen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit für seine überschwengliche Liebe, und dann sehn und hören wir, was sich uns durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt heran, und schüttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die himmlischen Kräfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem ächten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rührung seines Herzens, indem er ihre Liebe fühlt, mehr und wünschenswerther, als alle Schätze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle Enthüllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen.
Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, daß ihm hier im Gewande einfacher Demuth mehr entgegen komme, als ihn aus Apone’s Munde, zur Zeit seiner größten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals angesprochen hatte. Faßte er doch jetzt die Ueberzeugung, daß die Weisheit, welche man die übernatürliche nennt, sich wohl mit Frömmigkeit und der völligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse.
Wißt Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jüngling bewegt; könnt Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen?
Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde EurerGeburt weiß, antwortete Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures Antlitzes und die Züge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon offenbaren zu können.
Antonio übergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jünglingen Wein ein, indem er selber ein wenig von diesem genoß, schlug einige Bücher auf und setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gespräche mit den Jünglingen völlig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge heitre Mann ein ganz gewöhnliches Geschäft vornehme, das bei weitem nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und fröhlichen Gesprächen eine Stunde verflossen seyn, als Castalio aufstand und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich weiß nicht, fing er an, wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen wollt. Er betrachtete hierauf Antonio’s Gesicht, so wie seine Hände sehr aufmerksam, und erzählte ihm dann zusammenhängend die Geschichte und das Unglück seiner Eltern, den frühen gewaltsamen Tod der Mutter, die verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio’s eigne Begebenheiten, wie er den Mörder gesucht und verfolgt, und selbst von einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also, beschloß er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jüngling, der jüngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise entdeckt hat, der den Schändlichen seiner Strafe überlieferte, obgleich er selbst nur um so unglücklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal auf entsetzliche Weise verlieren mußte.
Antonio bestätigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches Zutrauen zu ihm gewonnen, daß es ihm war, als wenn er nur mit sich selber spräche. Er erzählte ihm hierauf noch von den Abentheuern jener Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie er glauben müsse, heute von neuem erschienen sei. Könnt Ihr mir nun, fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zuführen werde?
Castalio war nachdenklicher als zuvor. Wenn jener abentheuerliche Beresynth, die Fratze, welche den Zauberer begleitete, sich nicht als Weib verstellt hat, um den Nachforschungen zu entgehn, so getraue ich mir dieses Weib aufzufinden. Geduldet Euch nur bis morgen und ich sage Euch Bescheid. Uebrigens sind die Begebenheiten jener Nacht keine Phantasien Eures Innern, sondern Wirklichkeit gewesen, damit mögt Ihr fürs Erste Euch und Euren ältern Freund beruhigen.
Nachdenkend verließen die jungen Leute den wunderbaren Mann, und Antonio dankte dem Spanier herzlich, daß er ihm diese Bekanntschaft verschafft hatte.
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Antonio hatte sich aber nicht getäuscht. Es war wirklich die Alte, die er im Gedränge wahrgenommen hatte. Sie wohnte in einer kleinen Hütte, hinter verfallenen Häusern, unweit des Laterans. Verfolgt, dürftig, von aller Welt verlassen, gehaßt und gefürchtet, war sie hier, im Aufenthalte des Elendes, der Verzweiflung nahe. Sie wagte es nur selten, sich zu zeigen, und war auch nur an diesem Tage gezwungen worden, auszugehn, um ihre Crescentia, die ihr entlaufen war, wieder zu finden. Da jedermann ihr scheu aus dem Wege ging, da es ihr selbst schwer wurde, nur hie und da ein Almosen zu erhalten, und ihre ehemaligenKünste keine Liebhaber fanden, so war sie nicht wenig erstaunt, als sie am Abend an ihre Thür klopfen hörte, indem draußen Geschrei und Lärmen tobte. Sie nahm ihre Lampe und machte auf, und sah draußen ein Rudel Gassenjungen und Pöbel, die eine kleine bucklige Figur, die in rothem Sammet mit Gold phantastisch gekleidet war, verfolgten. Wohnt hier nicht die würdige Frau Pankrazia? schrie der mißgestalte Zwerg. — So ist es, sagte die Alte, indem sie mit Gewalt die Thür zuschlug und das Volk draußen mit Schimpfreden zu vertreiben suchte. — Wer seid Ihr? würdiger Herr, was sucht Ihr bei einer alten verlassenen Frau?
Setzt Euch nieder, sagte der Kleine, und zündet etwas mehr Licht an, damit wir uns schauen und betrachten können, und weil Ihr Euch arm nennt, so nehmt diese Goldstücke, und wir wollen auf bessere Bekanntschaft ein Gläschen Wein mit einander leeren.
Die Alte schmunzelte, zündete einige Wachskerzen an, die sie in einer Schieblade verwahrte und sagte: ich habe noch ein Fläschchen guten Florentiner, ehrwürdiger Herr, der uns schmecken soll. Sie öffnete einen kleinen Schrank und setzte die rothe Labung auf den Tisch, dem Unbekannten zuerst einschenkend.
Warum nennt Ihr mich ehrwürdig? fragte dieser.
Sagen es die Goldstücke nicht aus, antwortete sie, Euer Wamms, die Tressen darauf, die Feder auf dem Hut? Seid Ihr kein Prinz, kein Magnat?
Nein, schrie der Kleine: ei poz tausend, Muhme, kennt Ihr mich denn gar nicht? hat man mir doch schon in der Jugend damit schmeicheln wollen, daß wir uns einigermaßen ähnlich sehen, und wahrlich, wenn ich so Eure Statur, Physiognomie, den Ausdruck, das Lächeln und das Blinzeln der Augen unpartheiisch betrachte und erwäge, so sind die MuhmePankrazia, aus dem Hause Posaterrena aus Florenz, und der kleine Beresynth, aus der Familie Fuocoterrestro aus Mailand, so in Verwandtschaftszügen, wie Muhme und Vetter, sich ähnlich genug.
Jemine! schrie die Alte erfreut, so seid Ihr der Beresynth aus Mailand, von dem ich in meiner Kindheit wohl habe reden hören? Ei! ei! so muß ich so spät, im hohen Alter, noch einen so liebwerthen Vetter von Angesicht zu Angesicht kennen lernen!
Ja, sagte der Kleine, recht von Nase zu Nase, denn die aufgeworfene hohe Schanze ist doch das größte Knochenstück in unsrem Gesicht. Curiosität halber, liebe Muhme, probiren wir einmal, ob wir uns wohl einen vetterlichen Kuß geben können. — Nein, pur unmöglich, die weit ausgestreckten Vorgebirge rasseln gleich aneinander, und schließen unsre demüthigen Lippen von jeder sanften Begrüßung aus. Man müßte mit beiden Fäusten die edlen Römernasen seitwärts zwängen. So. Laßt nicht abschnappen, Frau Muhme, ich möchte eine Ohrfeige kriegen, daß mir die letzten Zähne ausfielen.
Unter herzlichem Lachen rief die Alte: Ei! so fröhlich bin ich lange nicht gewesen. Was wollte man denn von Euch da draußen, Vetter?
Was? schrie der Kleine: mich ansehn, sich über mich freuen, weiter nichts. Ist der Mensch nicht, werthgeschätzte Frau Muhme, eine ganz dumme Figur? Hier in Rom sind nun seit Monaten Hunderttausende versammelt, ihrem Erlöser zu Ehren, so wie sie vorgeben, und ihre Sünden abzubüßen, und, so wie ich nur aus dem Fenster kucke (ich bin erst seit vorgestern hier), sei es auch nur in der Schlafmütze, oder gar mit ganzer Figur und in meinem besten Anzuge auf den Markt hinaus trete, so müßte man doch schwören,daß das ganze Gezeug bloß meinetwegen von allen Ecken Europa’s ausgezogen sei, so kucken, äugeln, forschen, fragen sie, lachen und freuen sich. Reich, so scheint es, könnte ich werden, wenn ich mich die Zeit hier für Geld wollte sehen lassen, und wenn ich ihnen nun einmal umsonst die Freude mache, so schreit und lärmt das dumme Volk hinter mir drein. Eine Meerkatze, Affen oder Seehunde zu beschauen, müßten sie sich in Unkosten setzen, und statt meine Großmuth ruhig und wie gesetzte Leute zu genießen, tobt und schimpft der Pöbel um mich her, und sucht alle Ekelnamen aus der Naturgeschichte zusammen, um seine krasse Ignoranz an den Tag zu geben.
Ja wohl, ja wohl, seufzte die Alte: es geht mir nicht besser. Sind die Thiere wohl so dumm? Da mag einer Nase, Augen und Kinn nach Gutdünken haben, und es geht ihm ruhig hin.
Seht nur die sonst einfältigen Fische an, fuhr Beresynth fort, welche philosophische Toleranz! Und unter denen sind manche Kerle doch ganz Schnauze, und halten den Forschern der Tiefe eine Physiognomie entgegen, ernst, kalt, ruhig im Bewußtsein ihrer Originalität, und umher krümmelt und wimmelt es von andren seltsamen Angesichtern, Kiefern, Zähnen, vorgequollnen Augen und von frappantem Ausdruck aller Art, aber ruhig und still wandelt jedes Ungeheuer dort seinen Gang, ungeschoren und unmolestirt. Nur der Mensch ist so thöricht, daß er über das Nebengeschöpf lacht und spottet.
Und worauf, sagte die Alte, läuft denn nun der mächtige Unterschied hinaus? Ich habe doch noch keine Nase gesehn, die nur eine einzige Elle lang wäre, ein Zoll, höchstens zwei, kaum drei ist der Unterschied zwischen der sogenannten Mißgeburt und dem, was sie Schönheit nennen. Und auf den Höcker zu kommen. Wenn er im Bett nicht manchmalunbequem wäre, nicht wahr, so ist er eigentlich viel angenehmer, als so ein dummer, gerader Rücken, wo sich bei manchem großgewachsenen Schlingel die langweilige gerade Linie, ohne Verzierung und Schnörkel, bis ins Unermeßliche hinauf erstreckt.
Recht habt Ihr, Frau Muhme, rief der schon trunkne Beresynth der Trunknen entgegen. Was macht denn die Natur, wenn sie solche gerade Katze, solche sogenannte Schönheit von der Töpferscheibe laufen läßt? Das ist ja kaum der Mühe werth, die Arbeit nur anzufangen. Aber solche Kabinetstücke, wie wir, da kann die schaffende Kraft, oder das Naturprinzip, oder Weltgeist, oder wie man das Ding nennen will, doch mit einer gewissen Beruhigung und Befriedigung seine Produktion anschauen. Das rundet sich doch, das bricht in merkwürdige Ecken aus, das zackt sich wie Korallen, springt hervor in Kristallen, formirt sich wie Basalt, und rennt und springt und hüpfelt in allen Linien um unsern Körper. Wir, Base, sind die verzognen, verhätschelten Kinder der Formation, und darum ist der Pöbel der Natur auch so boshaft und neidisch auf uns. Das schlanke miserable Wesen gränzt an den kläglichen Aal, da ist keine Auferbauung. Von der dummen Figur zur Seespinne ist schon sehr weit, und wie fern dann Meerkalb, wie übertreffen wir dieses, so wie den Seestern, Krebs und Hummer, getreuste Cousine, mit unsern Abnormitäten, die sich in keine Rechnung bringen lassen. — Wo habt Ihr nur die herrlichen beiden Zähne her? Diese unvergleichlichen Mordanten figuriren so recht schwarz und düster in der tiefsinnigen Fugirung Eures unergründlichen Mundes.
O Schäker, o Schmeichler, lachte die Alte, aber Euer liebes Kinn, das sich so huldreich und dienstfertig hervordrängt und tischartig umbeugt. Könntet Ihr nicht einen ziemlichen Teller bequem darauf setzen, und von ihm ungestört mit denLippen herunter naschen, indessen Eure Hände anderswo Arbeit suchten? Das nenne ich ökonomische Einrichtung.
Wir wollen uns nicht durch Lobeserhebungen verderben, sagte der Zwerg, sind wir ja doch schon auf unsre Vorzüge eitel genug, die wir uns nicht selbst gegeben haben.
Ihr habt Recht, sagte sie, aber, was treibt Ihr, Vetter? Wo lebt Ihr?
Kurios genug, antwortete Beresynth, bald hier, bald dort, wie ein Vagabund; jetzt aber will ich mich zur Ruhe setzen, und da ich hörte, daß noch eine nahe Verwandte von mir lebte, so wollte ich die aufsuchen, und sie bitten, mit mir zu ziehn. So komm ich zu Euch. In meiner Jugend war ich Apotheker in Calabrien, da jagten sie mich fort, weil sie meinten, ich fabrizire Liebespulver. Du liebe Zeit! als wenn es deren noch bedürfte. Dann war ich einmal Schneider, es hieß, ich stöhle zu arg; als Pastetenbäcker wieder die Beschuldigung, daß ich Katzen und Hunden nachstellte. Ich wollte Mönch werden, aber kein Kloster wollte mich einlassen. Als Doctor sollt’ ich verbrannt werden, denn sie sprachen gar von Hexerei. Ich wurde gelehrt; schrieb, dichtete, das Volk meinte, ich lästre Gott und die Christenheit. Nach vielen Jahren kam ich zum weltberühmten Pietro Apone, und wurde dessen Famulus, nachher Eremit, und was nicht Alles; am besten, daß ich in jedem Stande Geld gemacht und zurückgelegt habe, so daß ich meine alten Tage ohne Noth und Sorge beschließen kann. — Und Ihr, Muhme, Eure Geschichte?
Wie die Eurige, antwortete die Base: man wird immer unschuldig verfolgt. Ich habe etlichemal am Pranger stehn müssen, aus einigen Ländern bin ich verwiesen, sie wollten mich unter andern auch verbrennen: es hieß, ich hexte, ich stöhle Kinder, ich verzauberte die Leute, ich kochte Gift.
Nicht wahr, sagte Beresynth treuherzig, es war auchetwas an diesem Gerede? Ich muß es wenigstens von mir bekennen, und vielleicht liegt es in der Familie, daß ich manche dem ähnliche Künste getrieben habe. Zarte Freundin, wer einmal vom lieben Hexen ein Bischen weg hat, der kann es nachher Zeitlebens nicht wieder lassen. Das Ding ist wie mit dem Weintrinken. Einmal den Geschmack gewonnen, und Zunge, Kehle, Gaumen, ja Lung und Leber lassen von dem Dinge nicht wieder los.
Ihr seid ein Menschenkenner, lieber Vetter, sagte die Alte mit selbstgefälligem Lächeln. So etwas Mord und Hexerei, Gift und Diebstahl läuft auch beim Unschuldigsten mit unter. Das Kuppeln hat mir nie einschlagen wollen. Und was soll man sagen, wenn man an eignen Kindern Undank und Unheil erlebt? Meine Tochter, die nun gesehn hat, wie ich Hunger und Kummer leiden muß, wie ich mir an meinem alten Munde absparte, um sie nur schön in Kleidung zu setzen, die ungerathne Dirne hat sich nie von mir erweichen lassen, auch nur einen Groschen zu verdienen. Früher konnte sie gute Heirathen treffen: Ildefons, Andrea und noch einige andere tapfere Männer, die unser ganzes Haus und sie mit erhielten; da brauchte sie den armseligen Vorwand, daß die Herren Räuber und Mörder wären, denen sie ihr Herz verschließen müsse. Die Männer waren so großmüthig, daß sie sich wirklich die Dirne wollten antrauen lassen, aber die dumme Jugend hat weder Verstand noch Tugend. Nun ruhen sie im Grabe, die vorzüglichen Männer, und sind auf eine schnöde Art umgekommen. Doch das rührt sie so wenig, wie mein Kummer und Elend, so daß sie nicht drein willigen mochte, mit einem jungen reichen vornehmen Herrn, dem Neffen eines Cardinals, zu leben, der unsre ganze Stube mit Gold überziehen konnte. Weggelaufen ist die einfältige Dirne, und man will sie mir gar nicht wieder ausliefern. So werden heut zu Tage die Eltern verachtet.
Laßt sie laufen, die Verächtliche, sagte Beresynth, wir wollen ohne sie schon glücklich miteinander leben, denn unsre Neigungen und Gemüther sind sich gleich.
Warum aber weglaufen, sagte die Alte, wie eine ungetreue, geprügelte Katze? Wir hätten uns ja wie Liebende, wie vernünftige Wesen trennen können. Es fand sich gewiß Gelegenheit, die bleichsüchtige Dirne vortheilhaft zu verkaufen, an Alt oder an Jung, und das hätte auch wohl gelingen können, wenn sie sich nicht einen einfältigen jungen Burschen ins Herz geschlossen hätte, den sie liebt, wie sie sagt.
O hört auf, schrie Beresynth, taumelnd, und schon halb im Schlaf, wenn Ihr von Liebe sprecht, Base, so verfalle ich in so konvulsivisches Lachen, daß ich mich in drei Tagen nicht wieder erhole. Liebe! das dumme Wort hat meinem berühmten Meister Pietro den Hals gebrochen. Ohne den Taranteltanz säße die große Habichtsnase noch als Professor auf seinem Katheder, und kraute die jungen Gänse mit Philosophie und Tiefsinn an ihren dummen Köpfen, die ihm die Gelbschnäbel entgegen reckten. Ja, ja, Alte, das Affenthum von Liebe und platonischer Seelentrunkenheit hätte uns beiden, Euch und mir, nur noch gefehlt, um die Wunderthat unsrer heroischen Existenz vollständig zu machen. — Nun lebt wohl, Alte, morgen in der Nacht um diese Zeit hole ich Euch ab, und dann trennen wir uns nie wieder.
Vetter, sagte Pankrazia, auf Wiedersehn. Seit Ihr zu mir eingetreten seid, bin ich ein ganz andres Wesen geworden. Wir wollen in Zukunft eine herrliche Haushaltung führen.
Haben wir unser Jubeljahr doch nun auch gefeiert, lallte Beresynth, der schon auf der Straße stand, und in dunkler Nacht nach seiner Wohnung taumelte.
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Antonio hatte indessen den alten Ambrosio und dessen Gattin schon darauf vorbereitet, daß er gewiß jene widerwärtige Alte, und so auch deren Tochter Crescentia wieder auffinden würde. Die Mutter glaubte ihm gern, aber der Vater blieb bei seinen Zweifeln. Noch vor Sonnenuntergang begab sich der Jüngling mit seinem Freunde wieder zum weisen Castalio. Dieser kam ihnen schon lächelnd entgegen und sagte: Hier, Antonio, nehmt dieses Blatt, Ihr findet auf ihm verzeichnet, in welcher Gasse, in welchem Hause Ihr jene Unholdin antreffen werdet. Wenn Ihr sie aufgefunden habt, werdet Ihr an meiner Wissenschaft nicht mehr zweifeln.
Schon jetzt bin ich überzeugt, sagte Antonio, ich war es schon gestern. Ihr seid der weiseste der Sterblichen, und werdet mich durch Eure Kunst zum glücklichsten machen. Ich gehe, die böse Alte aufzusuchen, und wenn Crescentia nicht gestorben, oder verloren ist, so führe ich sie in die Arme ihrer Eltern.
Bewegt und voller Erwartung wollte er sich eilig entfernen, er hatte schon den Drücker der Thür in der Hand, als sich ein leises ängstliches Klopfen draußen ankündigte, von einem heisern Husten und Scharren der Füße begleitet. Wer ist da? rief Castalio, und da die Freunde öffneten, trat Beresynth herein, der sich gleich in die Mitte des Zimmers stellte, und unter vielen fratzenhaften Verbeugungen, so wie Verzerrungen des Gesichtes dem weisen Manne seine Dienste anbot.
Wer seid Ihr? rief Castalio, der sich verfärbt hatte und mit blassem Angesicht einige Schritte zurückgewichen war.
Ein Bösewicht ist der Verruchte! rief Antonio, ein Zauberer, den wir der Inquisition überliefern müssen, der verruchte Beresynth selbst ist es, dessen Namen Ihr, verehrter Mann, schon kennt, und von dem ich Euch erzählt habe.
Meint Ihr, junges Blut? sagte Beresynth mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung. Mit Euch, ihr Kinder, habeich nichts zu schaffen. Kennt Ihr mich nicht? rief er zu Castalio gewendet, und könnt auch meine Dienste nicht brauchen?
Wie sollt ich? sagte Castalio mit ungewisser Stimme, ich habe Euch nie gesehn. Entfernt Euch, ich muß Eure Dienste ablehnen. In meinem kleinen Hause bedarf ich keines fremden Wesens.
Beresynth ging mit großen Schritten auf und ab. Also, Ihr kennt mich nicht? Kann seyn; man verändert sich manchmal, denn der Mensch bleibt nicht in seiner Blüthe. Doch, mein’ ich, sollte man mich nicht so bald vergessen, oder mit andern verwechseln, wie so manchen glatten, fein gemalten, unbedeutenden Tropfen. — Und ihr, indem er sich zu den jungen Leuten wendete, kennt wohl jenen Weisheitsfinder auch nicht?
O ja, sagte Antonio, er ist unser Freund, der treffliche Castalio.
Da erhub der Kleine ein so ungeheures Lachen, daß Wände und Fenster des Zimmers erklirrten und wiederhallten. Castalio! Castalio! schrie er wie besessen; warum nicht auch Aganippe oder Hippokrene? Also, ihr habt den Brill vor den Augen, mit Kalbsblicken schaut eure Seele aus dem runden Kürbis eurer Köpfe dumm heraus? Reibt euch die Nase, und seht und erkennt doch euren verehrten Pietro von Abano, den großen Tausendkünstler aus Padua!
Derjenige, der sich Castalio nannte, war wie ohnmächtig in einen Sessel gesunken, sein Zittern war so heftig, daß alle Glieder seines Körpers flogen, die Muskeln seines Antlitzes bebten so gewaltsam, daß kein Zug in ihm wahrzunehmen war, und nachdem die jungen Leute dies einige Zeit staunend betrachtet hatten, glaubten sie mit Entsetzen wahrzunehmen, daß aus den sich verwirrenden Lineamenten die alte Bildung des bekannten greisen Apone hervorstiege. Laut schreiend erhub sich der Zauberer vom Sessel, ballte die Fäuste und schäumte mit dem Munde, er schien in seiner Wuthriesengroß. Nun ja, brüllte er im Donnerton, ich bin es, jener Pietro, und Du, Knecht, verdirbst mir jetzt mein Spiel, jene junge Brut dort auf einem neuen Wege zu vernichten. Was willst Du, Wurm, von mir, der ich, Dein Meister, Dich nicht mehr anerkenne? Zitterst Du nicht in allen Gebeinen vor meiner Rache und Strafe?
Beresynth erhub wieder jenes schallende, entsetzliche Gelächter. Strafe? Rache? wiederholte er grinsend; Dummkopf ohne Gleichen! Mußt Du denn jetzt erst merken, daß Dir diese Sprache zu mir nicht geziemt? Daß Du, Gaukler, Dich vor mir im Staube krümmen mußt? daß ein Blick meines Auges, ein Griff meines erznen Armes Dich zerschmettert, Du erdgebornes Larvenspiel elender Künste, die nur ich gelingen ließ?
Ein Scheusal stand im Saal. Seine Augen sprühten Feuer, seine Arme dehnten sich wie zwei Adlerschwingen aus, das Haupt berührte die Decke; Pietro lag winselnd und heulend zu seinen Füßen. Ich war es, fuhr der Dämon fort, der Deine arme Gaukelei beförderte, der die Menschen täuschte, der den Frevel durch meine Macht erschuf. Du tratst mich mit Füßen, ich war Dein Hohn, Deine hochmüthige Weisheit triumphirte ob meinem Blödsinn. Nun bin ich Dein Herr! Jetzt folgst Du mir als mein leibeigner Knecht in mein Gebiet. — Entfernt euch, ihr Elenden! rief er den Jünglingen zu, was wir noch verhandeln, geziemt euch nicht zu schauen! Und ein ungeheurer Donnerschlag erschütterte das Haus in seinen Tiefen, geblendet, entsetzt stürzten Antonio und Alfonso hinaus, ihre Knie wankten, ihre Zähne klappten. Ohne zu wissen wie, befanden sie sich wieder auf der Straße, sie flüchteten in einen nahen Tempel, denn eine heulende Windsbraut erhob sich mit Donner und Blitzen, und die Wohnung, als sie hinter sich sahen, brannte in zerfallenen Trümmern, zwei dunkle Schatten schwebten über dem Brande, kämpfend, so schien es, und sich in Verschlingungen hin und her werfendund ringend, Geheul der Verzweiflung und lautes Lachen des Hohnes erklangen abwechselnd zwischen den Pausen des lautrasenden Sturmwinds.
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Erst nach langer Zeit konnte sich Antonio so viel sammeln, daß er stark genug war, nach der gegebenen Anweisung das Haus der Alten aufzusuchen. Er fand sie geschmückt und sie rief ihm frohlockend entgegen: ei! Florentiner! seid Ihr auch einmal wieder da?
Wo ist Eure Tochter? fragte Antonio, zitternd vor Eil.
Wenn Ihr sie jetzt haben wollt, sagte die Alte, so will ich sie Euch nicht vorenthalten. Aber bezahlen müßt Ihr rechtschaffen für sie, oder der Podesta von Padua, wenn er noch lebt, denn sie ist sein Kind, das ich ihm damals gestohlen habe, weil mir die Herren Markoni ein ansehnliches Stück Geld dafür gönnten.
Wenn Ihr es beweisen könnt, sagte der Jüngling, so fordert.
Beweise, so viel Ihr wollt, rief die Alte, Windeln mit Wappen, Kleider von damals, ein Maal auf der rechten Schulter, was ja die Mutter am besten kennen muß. Aber auch Briefe von den Markonis sollt Ihr haben, Schriften vom Podesta selbst, die ich damals in der Eile mit wegfischte. Alles, nur Geld muß da seyn.
Antonio zahlte ihr alles Gold, was er bei sich trug, und gab ihr noch die Edelsteine, die Hut und Kleidung schmückten, Perlen und eine goldne Kette. Sie strich alles lächelnd ein, indem sie sagte: wundert Euch nicht, daß ich so eilfertig und leicht zu befriedigen bin. Die Dirne ist mir weggelaufen, weil sie keinen Liebhaber wollte, und steckt im Nonnenkloster bei der Trajanssäule, die Aebtissin hat sie mir nicht herausgeben wollen, aber meldet Euch nur dort, das junge Blut wird Euch von selbst in die Arme springen, dennes träumt und denkt nur von Euch, so habt Ihr ihr thörichtes Herz bezaubert, daß sie seit jener Nacht, der Ihr Euch wohl noch erinnern werdet, kein vernünftiges Wort mehr gesprochen hat, daß sie weder Liebhaber noch Mann mehr leiden konnte. Froh bin ich, daß ich sie so los werde, ich gehe mit einem vornehmen Vetter, Herrn Beresynth, der mich eigen dazu aufgesucht hat, noch heut Nacht auf seine Güter. Lebt wohl, junger Narr, und seid mit Eurer Crescentia glücklich.
Antonio nahm alle Briefschaften, die Kleidungen des Kindes, alle Beweise ihrer Geburt. In der Thür begegnete ihm schon jener Furchtbare, der sich Beresynth nannte. Er eilte, und war so leichten Herzens, so beflügelt, daß er den Sturm hinter sich nicht vernahm, der die Gegend zu verwüsten und die Häuser aus ihren Gründungen zu heben drohte.
Bei nächtlicher Weile untersuchten die überglücklichen Eltern die Briefe, und diese, so wie die Kleider überzeugten sie, daß diese zweite Crescentia ihr Kind sei, die Zwillingsschwester jener gestorbenen, die sie in der Taufe damals Cäcilie genannt hatten. Der Vater holte am Morgen das schöne bleiche Mädchen aus dem Kloster, die sich wie im Himmel fühlte, edlen Eltern anzugehören, und einen Jüngling, der sie anbetete, wieder gefunden zu haben, dem sie in jener Nacht auf ewig ihr ganzes Herz hatte schenken müssen.
Rom sprach einige Zeit von den beiden Unglücklichen, welche das Gewitter erschlagen hatte, und Ambrosio lebte nachher mit seiner Gattin, der wieder gefundenen Tochter und seinem Eidam Antonio in der Nähe von Neapel. Der Jüngling verschmerzte im Glück der Liebe die Leiden seiner Jugend, und an Kindern und Enkeln trösteten sich die Eltern über den Verlust der schönen und innig geliebten Crescentia.